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you are enough

Summary:

Pia neigt sich wieder vor, ein bisschen neugierig, und Leo ist sich sicher, bei jedem anderen hätte er sich unwohl gefühlt, aber Pias Blick durchbohrt ihn nicht.
"Hast du... wolltest du jemals? Mit irgendwem?"
Verdammt gute Frage. Wenn Leo ehrlich ist, kennt er die Antwort, ohne überhaupt nachdenken zu müssen. Aber es auszusprechen, das ist eine andere Sache.

Leo schlägt sich mal wieder mit dummen Kollegensprüchen herum und merkt, dass irgendwas anders ist. Und wenn ihm jemand helfen kann, dann ist es Pia.

Notes:

Das hier war... schwierig zu schreiben. Teilweise leicht, aber teilweise auch echt schwer - beides, weil mir das Thema so am Herzen liegt.
Hier sind sowohl Erfahrungen/Gedanken von mir und anderen eingeflossen als auch headcanons über Leo und Pia und ihre jeweiligen Perspektiven darauf.

Der Anfang ist vom Berliner Tatort "Die Kalten und die Toten" inspiriert - ich bin extrem schlecht darin, mir solche Sachen auszudenken, deswegen musste ich das klauen.

Ganz ganz großes Dankeschön an Linaja, Len und Elia für eure Hilfe 🫶

Über jegliches Feedback freu ich mich sehr <3

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

 

 

 

When we grew up, our shadows grew up too

But they're just some old ghosts that we grew attached to

The tragic flaw is that they hide the truth

That you're enough, you're enough, you're enough

I promise you're enough, you're enough, you're enough

 

("you are enough", sleeping at last)

 

 

 

 

Es ist Berger vom LKA 3, der das bunte Blatt auf ihren Besprechungstisch klatscht. Die anderen in seinem Team liegen seit Tagen mit Grippe flach und alleine darf er nicht ermitteln, also übernimmt das LKA 1. Leo ist nicht gerade begeistert – weder vom Fall noch von Berger – aber was soll man machen. Berger sitzt ihm gegenüber und erklärt die bisherigen Ermittlungen, Esther und Pia schreiben mit und Adam hängt an der Schreibtischkante, schon jetzt genervt. Leo seufzt innerlich. Geht ihm doch genauso, aber als Teamleiter hat er eben einen Ruf zu verlieren.

"Und das ist jetzt der Hauptverdächtige?", fragt er betont sachlich und deutet auf das Blatt.

"Jo." Berger schiebt es ihm rüber. "Hat sich über ne Datingseite mit dem Opfer verabredet. Das hier ist sein Profil. Guckt euch das mal an. Schmieriger Typ."

Seine Nackenhaare stellen sich auf, als Leo die Seite betrachtet. Zwei Bilder, eins davon mit knappen Shorts beim Tauchen, und daneben ein Text, bei dem er innerlich zurückzuckt.

Berger schnaubt abfällig. "Klaus vom See", liest er vor, in einer Tonlage, die Leo überhaupt nicht behagt. "Tiefenrausch." Ein glucksendes Lachen kommt aus Bergers Mund. "Aber so tief geht das doch gar nicht, in so nem schmuddeligen Süßwassersee, ne?"

Leo schluckt. Er kann nicht genau sagen, was, aber irgendetwas an der ganzen Situation stößt ihn ab. "Das ist doch nicht relevant jetzt", sagt er schnell und schiebt das Blatt zur Seite, wo er es nicht sehen muss. Adam inspiziert es mit gehobenen Brauen und wirft ihm einen Blick zu, den Leo nicht deuten kann.

Als er wieder hochschaut, hat Berger ein unheilvolles Grinsen im Gesicht. Mit dem Finger wedelt er zwischen Leo und Adam hin und her.

"Taucht ihr?"

Leos Kopf ist beunruhigend leer. Hä? Was soll das denn jetzt heißen? Er starrt einfach zurück und hofft, dass das reicht, um Berger in die Schranken zu weisen.

Neben ihm lehnt sich Adam ein Stück vor. "Und wenn?"

Berger schnaubt amüsiert, hat wieder so einen Blick drauf, der Leo nicht gefällt. "Aber nur in' Tropen, oder wie?"

Er schaut Leo direkt in die Augen. Hoffentlich sieht er nicht das Fragezeichen dahinter. Reden sie eigentlich noch über den Fall? Pia und Esther starren mittlerweile auch herüber, Adams Miene verhärtet sich, und Leo hat als Einziger das Gefühl, hier absolut im Dunkeln zu tappen.

"Halt doch die Fresse", zischt Adam und rutscht von der Tischkante, bleibt mit verschränkten Armen hinter Leo stehen.

Zu seiner Überraschung schaltet sich jetzt auch Esther ein. "Echt mal, spar dir die Sprüche."

Pia öffnet auch schon den Mund, und Leo checkt, dass er jetzt wirklich intervenieren muss.

"Leute, lasst das doch. Wir haben alle Infos, die wir brauchen." Mit einer deutlichen Kopfbewegung versucht er Berger drauf hinzuweisen, dass sich links von ihm die Tür befindet.

Der erhebt sich zwar kopfschüttelnd, dreht aber auf dem Weg nach draußen nochmal um.

"Ich sag euch was. Macht einfach 'n fake Profil und wartet, bis der Klaus drauf anspringt. Lasst das mal den Hölzer machen, der klärt das doch locker, oder?"

"Sicher", sagt Adam trocken, "Danke für deinen Beitrag", und schiebt ihn aus der Tür.

"Arschloch."

Leo nimmt einen tiefen Atemzug. Was auch immer das gerade war, er will es ganz schnell wieder vergessen. Hastig greift er nach seinem Notizbuch.

"Okay. Pia, kannst du die Adresse von diesem Klaus rausfinden?"

"Bin dabei."

"Esther, Adam, ihr guckt euch bitte nochmal in der Vergangenheit vom Opfer um. Nur sichergehen, dass Berger da nichts übersehen hat. Ich nehm mir mal diese Datingseite vor."

Die zwei verziehen sich ohne Murren an ihre Schreibtische. Aber Leo kommt nicht dazu, das richtig wertzuschätzen, weil sein Blick wieder auf das Blatt fällt und –

Oh.

Im Nachhinein fühlt er sich dumm. Ist doch klar, dass diese Datingplattform mehr auf One-Night-Stands abzielt, und ihr Hauptverdächtiger scheint sein Image als Taucher wohl als Metapher für Sex zu benutzen. Aber Bergers spitze Bemerkungen, was sollte das dann sein – denkt der jetzt, Leo würde mit Adam, oder noch schlimmer, mit anderen Leuten, anderen Männern –

Mit einem Mal ist Leo froh, dass die anderen so schnell reagiert und Berger rausgeworfen haben. Das geht den überhaupt nichts an. Aber allein der Gedanke...

Leo fährt sich übers Gesicht. Der klärt das doch locker. Ja, nee. Warum denken immer alle, er würde ständig Leute aufgabeln, mit denen er schläft? Als ob er überhaupt Zeit dafür hätte. Die verbringt er lieber im Fitnessstudio oder mit Adam.

Seufzend reibt er sich im Nacken. Irgendwie versteht er es ja, ein bisschen. Ganz am Rande zumindest. Er weiß, dass sein Körper vermutlich als attraktiv gilt, und eigentlich hat er damit kein Problem, aber das ist doch nur ein Nebeneffekt vom Training. Es gibt Menschen, die er schön findet, so ganz objektiv gesehen, und dann gibt es Menschen, die mit der Zeit immer schöner werden, je besser man sie kennenlernt. Das war schon immer so. Aber was – was davon heißt jetzt, dass er mit irgendwem schlafen sollte? Dass er irgendwas davon wollen muss?

Fuck. Egal. Das ist doch nicht das Problem.

Das Problem ist, dass sie herausfinden müssen, ob dieser Klaus einen Mord begangen hat. Und darum kümmert er sich jetzt.

 

 

○●○

 

 

"Was Berger da abgezogen hat, das ging ja mal gar nicht."

Pia rümpft die Nase über ihrer Nudelbox, die schon zur Hälfte leer ist. Leo hat seine noch kaum angerührt. Sie machen das jetzt jede Woche, soweit es geht; zusammen essen, auf dem Sofa oder wie heute im Schneidersitz am Fenster sitzen, einfach reden. Pia ist zwar nicht mehr in Therapie, soll aber über ihre Fortschritte sprechen, und damit sie das auch macht, ist Leo da. Er findet es ganz schön, wenn er ehrlich ist. Ein bisschen quatschen, über die Kollegen lästern, und dazwischen schafft es Pia immer öfter, auch andere Dinge anzusprechen. Tut ihnen beiden gut. Leo spürt das ohnehin, wenn Pia sich wieder auf eine Spirale zubewegt, und wenn er auf diese Art helfen kann, beruhigt es ihn auch.

Heute scheint Pia jedoch nichts auf dem Herzen zu liegen außer Berger, über den man sich wirklich stundenlang aufregen könnte.

"Ich weiß." Leo stochert in seinen Nudeln herum. "Ich hätte auch eher reagieren sollen."

"Brauchst du nicht", sagt Pia mit vollem Mund. "Esther hat dem vorhin nochmal ne ordentliche Standpauke gehalten, während ihr weg wart." Sie schluckt, lehnt den Kopf ans Fenster, dann schaut sie ihn an. "Hast du mit Adam drüber geredet?"

Das ist auch eine Abmachung, die sie getroffen haben. Leo soll ehrlich zu den anderen sein, gerade wenn es um Grenzen geht. Klare Kommunikation und so. Adam scheint da bessere Fortschritte zu machen als er, denkt Leo manchmal.

"Nee", gibt er zu. Diesmal hat es jedoch andere Gründe. "Nur weil... ich war mir nicht sicher, was Berger eigentlich gemeint hat, mit Adam und mir."

Pia wickelt eine Nudel um ihre Gabel. "Ach so."

Verlegen reibt Leo sich das Kinn. Warum hat er das überhaupt gesagt? "Ich check sowas nicht, das ist einfach nicht mein Gebiet", murmelt er und hofft, dass es beiläufig klingt.

"Muss es ja auch nicht." Wie einfach sie das sagt. "Mir ging's mal genauso, um ehrlich zu sein", fährt Pia fort. "Inzwischen weiß ich da ne Menge, auch wenn es mich nicht interessiert."

Leo hält inne. Sein Mund fühlt sich plötzlich trocken an.

"Gar nicht?"

Pia zuckt nur mit den Schultern. "Nee. Ich brauch das einfach nicht. Keine Ahnung. Ist schon immer so."

Ein Gefühl schleicht sich Leos Brustkorb hinauf, das er nicht benennen kann.

"Oh."

Wenn er so darüber nachdenkt, hat Pia wirklich noch nie Interesse an solchen Dingen geäußert. Natürlich ist das privat, aber irgendwie bekommen sie es doch alle mit, wenn Esther auf Französisch flirtet oder Adam was zu seinen Erlebnissen in Berlin andeutet. Bei Pia ist ihm nichts aufgefallen. Und genau das hätte ihm doch auffallen müssen.

Pia hat ihn schon immer so instinktiv verstanden, und die wenigen Male, die Leo sich Rat geholt hat, wenn es um Beziehungen ging, ist er immer zu ihr gekommen. Wahrscheinlich hat man einen besseren Blick darauf, wenn man nicht selbst beteiligt ist. Aber was genau heißt das jetzt?

Er hadert mit den Worten, mit der Gabel in seiner Hand. Pia scheint zu spüren, dass ihn etwas beschäftigt, denn plötzlich setzt sie zu einer Erklärung an.

"Das nennt man Asexualität. Ist eher ein Spektrum. Ich war da mal in einem ziemlichen Rabbithole und bin mit einigen Erkenntnissen rausgegangen."

"Oh", sagt Leo nochmal. Das klingt... das hört sich irgendwie...

Keine Ahnung.

"Und das heißt, dass man keinen Sex hat?"

"Hm, nicht ganz. Das heißt eher, dass man keine Anziehung zu anderen spürt, auf diese Art."

Keine Anziehung. Leo presst die Lippen zusammen, starrt auf sein Essen. Dann räuspert er sich. "Ich wusste nicht, dass es... dass es sowas gibt."

Ein Schmunzeln zupft an Pias Mundwinkel. "Gibt fast alles."

Leo zuckt mit den Schultern. Ja, schon. Dass er auf Männer stehen darf genauso wie auf Frauen, nach seinen eigenen Bedingungen, das ist ihm klar, aber... gar nicht? Irgendetwas daran fühlt sich falsch an. Und zugleich vertraut.

"Ich, ähm..." Sein Mund hat sich bewegt, noch bevor er überhaupt weiß, was er fragen will. Ratlos lehnt er den Kopf ans Fenster, sucht nach Halt. Seine Welt fängt auf seltsame Art zu schwanken an. Was war das für eine Gewissheit, die ihn bisher getragen hat?

Leo schluckt und fasst sich ein Herz.

"Kann ich dich was fragen?"

"Klar", sagt Pia und stellt die leere Nudelbox beiseite.

Leos Herz pocht irrational heftig. Es ist doch nur eine Frage. "Wie hast du das gewusst? Ich meine, wann war es klar für dich? Wie hast du das rausgefunden?"

"Also..." Pia seufzt, schließt kurz die Augen, und Leo will schon zurückrudern, will sie nicht drängen, aber dann lächelt Pia ein wenig, wehmütig.

"Naja, als Teenager dachte ich immer, alle anderen wären verrückt und ich die Einzige, die hier noch normal denkt." Sie schnaubt leise. "Und ich dachte, das wär ein Witz, dass die alle einfach übertreiben. War schon weird, als ich dann rausgefunden hab, dass die das echt ernst meinen. Ich hab so getan, als würde ich mich nur auf die Schule konzentrieren, dann die Ausbildung, und dann..." Sie wedelt vage mit der Hand. "Irgendwann hat es doch mal geklappt mit ner Beziehung, aber immer, wenn ich versucht hab, mir vorzustellen, mit ihr zu schlafen, war da einfach... sowas wie eine Blockade?" Sie schaut zu Leo, als würde sie fragen, ob das Sinn ergibt. Tut es, denkt er instinktiv.

"Weiß nicht, ich hatte einfach kein Verlangen danach. Hab auch nie verstanden, wie man mit wildfremden Leuten ins Bett geht, nur weil sie attraktiv sind. Ist einfach nichts für mich." Pia zuckt mit den Schultern und seufzt. "Keine Ahnung, ich hätt's wahrscheinlich machen können, ihr zuliebe, vielleicht wär's nicht mal so schlimm gewesen, aber ich brauch das einfach nicht."

So wie sie das sagt, klingt es ganz selbstverständlich.

"Das ist mir...", murmelt sie dann und grinst ein bisschen, "Das ist mir ehrlich gesagt einfach scheißegal."

Okay. Das versteht Leo. Versteht er sogar sehr gut. Was Pia da gesagt hat – irgendwas kommt ihm bekannt vor. Er kann nicht sagen, welcher Teil, aber einfach... das alles, dieses Gefühl, dass er irgendwie anders ist, nicht versteht, was alle um ihn herum ganz automatisch denken. Leise Panik regt sich in seiner Brust. Wenn Pia das so erzählt, klingt es ganz natürlich, er würde ihr nie etwas absprechen, aber das fühlt sich alles ein wenig zu vertraut an und das – das kann nicht sein. Er ist nicht... er ist doch normal. Er will doch nur alles richtig machen.

Pia streckt eine Hand aus, streicht ihm behutsam über den Arm. "Sorry, ich wollt jetzt nicht... beantwortet das deine Frage?"

Leo hat keine verdammte Ahnung. Mit einem Mal fühlt er sich unglaublich klein. Als wäre er wieder fünfzehn und im Baumhaus, versteckt vor der Welt, weil er keine Ahnung hat, wie er hineinpasst.

Er starrt auf seine Hände hinab.

"Ich weiß gar nicht, was ich gefragt hab." Sein Brustkorb zieht sich zusammen. "Ich..."

Pia drückt seinen Arm, als wollte sie ihn trösten. Das ist doch verkehrt, so funktioniert das nicht – Leo ist derjenige, der ihr hilft, es zumindest versucht, über seine eigenen Probleme quatschen sie vielleicht im Spaß, aber nicht...

Er schluckt. Und dann sagt er es doch.

"Ich dachte immer, ich wär kaputt."

Pia stockt. "Was?"

Die Worte purzeln aus Leos Mund. Jetzt, wo Pia ihm schon was erzählt hat, geht es auf einmal leichter. Er ist sicher bei ihr; das wissen sie eigentlich beide, aber irgendwie sind sie gerade auf einer ganz anderen Ebene gelandet.

"Als Kind dachte ich das. Als Teenager. Alle waren in irgendwen verliebt und ich – das war ich auch, glaub ich, aber ich hab nie solche Erfahrungen gemacht und der Gedanke war einfach..." Hilflos gestikuliert er in die Luft. Seine Schultern pressen sich gegen das Glas. "Ich versteh nicht, warum Leute da so einen Wirbel drum machen."

"Same." Pia nickte ihm zu. "Ist doch nur irgendeine Sache, die halt zum Leben dazugehört oder eben nicht."

Ein unsicheres Lachen kommt über seine Lippen. Ja, so könnte man es wohl sehen.

Pia neigt sich wieder vor, ein bisschen neugierig, und Leo ist sich sicher, bei jedem anderen hätte er sich unwohl gefühlt, aber Pias Blick durchbohrt ihn nicht.

"Hast du... wolltest du jemals? Mit irgendwem?"

Verdammt gute Frage. Wenn Leo ehrlich ist, kennt er die Antwort, ohne überhaupt nachdenken zu müssen. Aber es auszusprechen, das ist eine andere Sache.

Er studiert den Teppich zu seinen Füßen. "Ich dachte."

"Und?"

Leo öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Das ist die Sache. Die Gewissheit, an die er nicht mehr glauben kann. Irgendwas daran ist ihm immer schon falsch vorgekommen, doch er hat es von sich geschoben, gnadenlos ignoriert – er ist doch normal.

"Ich hab's eigentlich nur gemacht, weil alle das erwartet haben", sagt er dumpf. Vermutlich ist es das Ehrlichste, was seit Langem über seine Lippen gekommen ist. Kommunikationsprobleme, schon klar. "Ich weiß echt nicht, was die in mir sehen, ich... ich hab doch gar keine Ahnung davon. Wirklich nicht."

Er hat ein paar Erinnerungen, die im Nachhinein nur peinlich sind – Dinge, die er in Büchern gelesen hat, hastig gelöschte Suchverläufe, so ein Kram. Da war mal eine Phase der Neugier, worüber die anderen denn immer Witze reißen, warum keiner wirklich darüber redet, was denn so verboten daran ist. Aber das hat sich gelegt. Er hatte viel drängendere Probleme und Sachen, über die er nachdenken wollte. Den Vorlesewettbewerb, endlich Urlaub mit seiner Familie, Adams gebrochene Augen, die er wieder strahlen sehen möchte. Da sind jegliche Gedanken über komische Erwachsenendinge einfach in den Hintergrund getreten. Und später kam es ihm vor, als hätte er das jetzt verpasst und müsste alles nachholen, um irgendwie mitreden zu können. Chancen gab es ja genug. Also hat er einfach nicht Nein gesagt.

Verloren starrt er auf den Boden, fühlt Pias Hand an seinem Arm. Ein kleiner Tropfen Wärme, der ihn davon abhält, noch mehr zu zerfallen.

Das alles war nicht wirklich er. Ehrlich ist er nicht gewesen. Nur was, was zur Hölle ist er denn dann?

Pias leise Stimme holt ihn aus den Gedanken.

"Und mit Adam?"

Ratlos stößt er einen Schwall Luft durch die Nase.

"Kompliziert", sagt er dann, weil es die verdammte Wahrheit ist.

Pias Blick ist immer noch neugierig. Was soll's, denkt Leo, er hat eh schon fast alles gesagt, dieser letzte Teil macht auch nichts mehr.

"Ich dachte, mit Adam wär es anders." Er hält inne. "Ist es auch irgendwie. Aber ich hab immer noch das Gefühl, dass alle anderen irgendwas sehen, was ich nicht sehe. Die haben irgendwas, was ich einfach nicht... hab. Auch Adam. Ich dachte wirklich, er wär die Ausnahme, einfach die Ausnahme bei allem. Aber..."

Ein bebendes Knäuel aus Frust windet sich durch seinen Magen. Es wäre alles so viel einfacher, wenn er nur normal sein könnte.

"Ich... ich versuch's ja, aber – ich versteh einfach nicht-"

"Hey." Pias Stimme ist fest. "Du musst gar nichts machen, wenn du das nicht willst. Und wenn Adam da irgendwelche Einwände hat, dann knöpf ich mir den persönlich vor, klar?"

Ein hilfloses Schnauben kommt über seine Lippen. Natürlich würde sie das tun, aber das könnte auch nichts mehr reparieren, wenn Adam Dinge von ihm braucht, die er nicht geben kann. Der Gedanke schmerzt fast am meisten. Dass er einfach... einfach nicht genug ist.

Fuck.

Leo vergräbt das Gesicht in den Händen. Es ist alles nur noch schlimmer. Hätte er bloß nicht damit angefangen. Dann würde er das Unbehagen in seinem Inneren weiter beiseiteschieben, weil das doch bisher auch funktioniert hat, dann könnte er wenigstens so tun, als würde er verstehen. Aber er ist nicht so. Und jetzt, wo sich die Wahrheit in seiner Brust eingenistet hat, lässt sie sich nicht mehr leugnen.

Seine Nägel kratzen über die Kopfhaut, das Gesicht noch immer versteckt. Aufzusehen, das traut er sich nicht. Aber Pia wartet auf irgendwas, das spürt er, und so bringt er schließlich doch einen krächzenden Satz heraus.

"Ich... ich will einfach nur richtig sein."

Das Ding in seiner Brust schreit. Schreit vor Wut, Liebe, Scham. Alles, was er immer verdrängt hat. Nur was davon ist real? Leo hält die Augen fest geschlossen, will die Welt nicht sehen, nicht in der Welt existieren, die nicht gemacht ist für Leute wie ihn.

Am Ende ist es wieder Pias Hand, die ihn zurück an die Oberfläche zieht.

"Leo."

Er blinzelt verschwommen, sieht die Strähnen ihres Haars direkt vor ihm. Sie greift nach seinen Armen und er hält sie fest, klammert sich an den Halt.

"Hey. Leo." Pia sieht ihm fest in die Augen. "Du bist nicht falsch."

Als er nicht reagiert, drückt sie ihn noch fester. "Hörst du? Du bist nicht falsch. Egal wie."

Er schluckt. Versucht zu atmen. Ich bin nicht falsch. Ich bin nicht falsch.

"Aber-"

"Mann, Leo." Jetzt klingt sie beinahe verzweifelt, überfordert. "Krieg das doch mal in deinen Schädel."

Irgendwas in ihm wehrt sich, wehrt sich heftig. Der Druck gegen seine Brust ist zu viel, reißt die Worte aus ihm heraus.

"Aber ist das nicht – krank?"

Pia zuckt zurück. Als er aufblickt, sind ihre Augen riesig. Der Vorwurf darin ist nicht zu übersehen.

"Leo."

Und er – was hat er da gesagt? Leo schüttelt ihre Hände ab, fährt sich übers Gesicht. "Fuck, nein, es tut mir leid, ich wollte das nicht sagen. Ich mein nicht, dass du... es tut mir leid."

Seine Brust hebt und senkt sich stockend.

Vorsichtig rutscht Pia hin und her, schweigt für einen Moment. Dann seufzt sie. "Wer auch immer dir das eingeredet hat, hatte ne Menge Scheiße im Kopf."

Leo kann sich nicht helfen. Er schnaubt, lacht beinahe. Ja. Er hat sich wirklich einen Haufen Mist zusammengereimt. Aber wenigstens sieht er das jetzt. Wenn es für Pia okay ist, kann es das vielleicht auch für ihn sein.

"Tut mir leid", murmelt er nochmal, fängt ihren Blick auf.

Pia nickt zaghaft, setzt sich wieder neben ihn, Rücken gegen das Fenster. Sie atmen.

Leos Herzschlag beruhigt sich endlich.

Mit einem tiefen Seufzer reibt er sich über die Augen, dann rutschen seine Hände in den Nacken.

"Wie...", setzt er an, räuspert sich nochmal. "Wie kann es sein, dass ich das jetzt erst verstanden hab?" Mit fucking fünfunddreißig.

Pia zuckt nur mit den Schultern, lächelt ein bisschen. "Zu spät ist es nie. Einfach... zu überlegen, womit du dich wohlfühlst. Egal, ob du dem dann nen Namen geben willst oder nicht."

Leo hat keine Ahnung, was er darauf antworten soll, und noch während er grübelt, landet auf einmal Pias Kopf auf seiner Schulter. Ganz instinktiv lehnt er sich auch gegen sie.

Berührungen, denkt er plötzlich, waren immer so selbstverständlich. Seine Mutter streicht ihm durchs Haar, Caro stupst ihn an, er lehnt sich gegen Adam, nimmt seine Freunde in den Arm. Wenn er keine Worte findet, kann er sich trotzdem auf Berührung verlassen. Und darin steckt so viel, was er gar nicht anders ausdrücken könnte. Zuneigung, Sorge, Sicherheit. Aber kein Verlangen. Selbst wenn seine Augen oder Hände manchmal in Adams Nacken wandern, über seinen Rücken und seine Arme; es hat nichts damit zu tun. Er... er braucht das einfach. Jedes Mal fühlt er sich sicherer danach, mehr wie er selbst. Wenn Esther seinen Arm nimmt oder Adam seine Hand, wenn Pia den Kopf an seine Schulter legt. Er ist so unglaublich dankbar für sein Team, dass er gar nicht weiß, wohin damit.

Pias Gewicht ist ruhig an seiner Seite, tröstend. Eine Weile lang bleiben sie so.

Dann schmunzelt Pia. "Weißt du... Sex und das alles drumherum klingt so anstrengend. Manchmal bin ich froh, dass ich mich damit nicht auch noch rumschlagen muss."

Ein leises Lachen kommt über Leos Lippen. So könnte man es auch sehen. Er hat noch keinen Plan, wie er das je irgendwem erklären soll, vor allem Adam, aber jetzt gerade geht es ihm besser. Wie angespannt er war, fällt ihm erst auf, als die Erleichterung seine Muskeln weich werden lässt.

Du bist nicht falsch.

Nein. Sind sie beide nicht. Leo hat noch immer keine Ahnung von allem, aber das weiß er. Zumindest das.

 

 

 

 

 

 

Notes:

(Der alternative Titel wäre btw "I got 99 problems and sex ain't one.")