Work Text:
Der Mai ist furchtbar, dabei will Adam ihn so gerne mögen.
Leo mag den Mai, Leo holt noch vor dem ersten Mai ihre Fahrräder aus dem Keller - als Adam wiedergekommen war, hatte es nicht lange gebraucht, bis er merken musste, dass er mit seinem alten Fahrrad wohl kaum hinter Leo hinterherkam, und er hatte ihm zuliebe viel zu viel Geld investiert, nur um jetzt jedes Mal vorzuspielen dass er es furchtbar findet, den ganzen Tag mit Leo unterwegs zu sein. Als fände er es furchtbar, seine Zigarette auf einer Bank am Feld zu rauchen, während Leo die weitere Strecke nachsieht. Als fänd er es unerträglich, wie sie an einer Eisdiele stoppen, obwohl sie gerade erst losgefahren sind.
Aber im Mai, da ist das alles noch wirklich furchtbar, da braucht er das gar nicht zu spielen.
Leo mag den Mai, Leo mag ihn so gerne und Adam würde ihn auch so gerne mögen. Alleine schon für Leo. Jedes Jahr nimmt er es sich vor, und dann ist er da und er sieht alles, was Leo am Mai so liebt, aber es kommt nicht weiter als die Sonnenstrahlen in seinem Gesicht. Die Freude, die Leo über den Mai spürt, sie erstickt bei Adam in seiner Brust. Sie wird eingehüllt von einer Sehnsucht, das alles genauso zu lieben wie Pia, die schon seit Wochen immer wieder andere Pflanzen hervorhebt, die blühen.
Alles wird erstickt von ihr, der Sehnsucht. Die Sehnsucht nach etwas, das er eigentlich nie hatte. Sie bahnt sich immer weiter an, und dann ist der zweite Mai. Alles Letzte an Euphorie am Abend zuvor nach dem Dienst in der Kneipe mit den anderen aufgebraucht und sie hat freie Fahrt. Die Sehnsucht, sie zehrt an den Sonnenstrahlen und sie zehrt an dem Anblick der Menschen in den Cafés. Sie schlingt alles in sich hinein, das er sieht - nicht mal Leo, der all seine Sehnsüchte mit einer Leichtigkeit ablesen kann, kann diese nicht stoppen.
Mit seinen Händen in den Hosentaschen sieht Adam auf die Tulpen auf ihrem Küchentisch. Daneben ein Gutschein und eine kleine Schachtel Pralinen. Leo hatte die Dinge nach seinem Feierabend besorgt; morgen würde er bei seiner Familie vorbeifahren. Caro mit Tobias und den Kinder würden da sein. Sein Vater würde grillen und seine Mutter würde viel zu viel Kuchen auftischen und die Kinder verwöhnen, als sei es deren und nicht ihr Tag.
“Sicher, dass du nicht mitkommen möchtest?”, hakt Leo noch einmal nach, während er die Tulpen in eine Vase stellt.
“Ne, lass mal”, bestärkt Adam seine Entscheidung.
“Fährst du zu Heide?”, erkundigt Leo sich weiter und versucht dabei möglichst kein Gewicht in die Frage zu legen, auch wenn Adam weiß, dass er schon seit Tagen mit der Frage herumdruckst.
“Denke nicht”
“Du kannst wirklich einfach mitkommen, Tobias kommt doch auch”, versucht Leo es noch einmal.
“Lass gut sein, Leo”, bittet er ihn erneut. Seine Hand platziert Adam an Leos Hüfte und Leo nickt besorgt. Adam weiß, was die Augen bedeuten. Er weiß, dass Leo sich jetzt schon Sorgen macht und dass er morgen früh noch zehn Mal versuchen wird, Adam mitzunehmen.
Adam hatte seit Jahren seiner Mutter nichts zum Muttertag vorbeigebracht. Bevor er Saarbrücken verlassen hatte, hatte er es pflichtbewusst getan. Als Kind die selbstgemalte Karte und Blumen aus dem Nachbargarten. Als sie dreizehn waren, hatten Leo und er zwei Kuchen gebacken, einer für Barbara, einer für Heide. Danach wurde das Taschengeld und später das Geld, dass er im Supermarkt dazu verdient hat, genutzt, aber nachdem er wiedergekommen war, hatte er die Versuche beiseitegelegt.
Jedes Jahr sagt er sich, er habe damit abgeschlossen. Mit dem Muttertag, mit dem Konzept des Muttertags und dann ist der Tag da und alle kaufen Blumen, alle teilen Bilder mit ihren Müttern, draußen gehen Familien spazieren und Kinder bringen ihren Eltern Frühstück ans Bett und Adam steht in dieser Wohnung und ist alleine.
Die Gedankenspirale beginnt jedes Jahr gleich. Sie beginnt mit dem Trotz die Tage vorher. Er braucht so etwas nicht, er braucht kein Geschenk, er muss sich nicht bedanken, er braucht die Liebe nicht, er hat sie nie gebraucht. Der Trotz wird über die Tage stärker. Sie hat kein Geschenk verdient, sie würde auch gar keins wollen, hoffentlich verletzt es sie dass sie nichts bekommt - bis er am Abend vorher langsam wankt und bis zum nächsten Morgen völlig in Schuld versinkt.
Wenn der Tag da ist, frisst die Sehnsucht die Wut, den Trotz und die Schuld und kotzt ihm das Gefühl von Unzugehörigkeit vor die Füße.
Da mag er den Vatertag lieber - der ist im Vergleich so wunderbar vollendet. Seine Wut, da kann er mit wo immer hin. Für seine Wut gibt es keinen Abnehmer mehr, niemanden, der die Wut aufnimmt und verarbeiten muss. Keine Schuldgefühle, die die Wut durchrinnen. Keine Sehnsucht, die ihn einknicken lässt.
Zumindest noch, denn noch war er nicht da und er steht im Wohnzimmer und liest die Nachricht von Leo, ob alles gut bei ihm ist und fühlt sich pathetisch, dass er zu den Menschen gehört, die man am Muttertag so etwas fragen muss. Das Selbstverständlichste der Welt, die Mutterliebe, so heißt es und dafür hatte es nicht gereicht.
Heide und Adam konnten hin und wieder einen Kaffee trinken gehen. Adam konnte vorbeikommen und mit dem Garten helfen. Er konnte das Haus kontrollieren, wenn sie im Urlaub war und ihr Bilder von seiner Nichte und seinem Neffen schicken. Sie konnten sich mögen, aber sie konnten sich nicht mehr lieben. Nicht so, wie man es sollte, wenn man heute auf einen Kuchen vorbeikommt. Dafür hatte es nicht gereicht.
Sowas hatte doch Gründe, hatte er Leo mal gesagt. Dass eine Mutter ihr eigenes Kind nicht liebt. In ihm muss doch inhärent etwas so böse sein, dass sie das nicht konnte. Das Natürlichste der Welt, hatte Barbara gesagt, als Caro als sie schwanger war, durch eine Phase ging, in der sie panische Angst hatte, dass sie ihr Kind nicht genug lieben könnte. Das natürlichste der Welt, das kommt von ganz allein. “Deine Mutter liebt halt anders”, hatte Leo versucht, das Ganze zu retten. “Und was erzählst du denn da von böse? Gott, Adam, das glaubst du doch nicht wirklich?” Aber Leo konnte das auch nicht verstehen. Er konnte Verständnis haben, aber er konnte es nicht verstehen.
Vielleicht liebt Heide so anders, aber wie anders liebt man ein Kind, dss man nicht schützt. Ein Kind, das man höchstens schützt, indem man selbst die Ohrfeige gibt, bevor es der Vater noch härter tut. Ein Kind, dem man heimlich Kakao ans Bett bringt, weil es hungert. Einen Hunger, den man jederzeit beenden könnte. Wie anders kann man ein Kind schon lieben, bis man es vielleicht einfach nicht genug liebt?
Die Muttertage sind schlimmer, seit Adam seine Nichte gehalten hat. Das kleine Mädchen, so eine winzige Nase, so kurze Finger, so ein kleines Lächeln, eingewickelt in eine kleine Decke in seinen Armen und Adam wusste nicht wohin mit all seiner Liebe für doch ein so kleines Wesen. Er konnte sie so bedingungslos lieben, obwohl sie nicht einmal einen Tag alt war. Es war so einfach gewesen.
Gegen Mittag geht er doch runter zu dem Floristen, kauft den letzten Blumenstrauß der noch da ist und steigt auf das beschissene Fahrrad, das Leo so gerne hat und womit sie den scheiß Sport machen können, weil Leo morgens aufsteht und den verdammten Anstand hat, Adam zu lieben und sich dann diese verfickten Sorgen um ihn macht. So wie es sich nun mal gehört. Und deshalb fährt er jetzt dahin. Weil es sich gottverdammt gehört, seine Mutter zu lieben. Weil er dankbar sein muss für den Kakao und das Versorgen der Wunden. Weil er anerkennen sollte, dass er ein Dach über dem Kopf hatte und weil er diese scheiß Sehnsucht nicht besser macht, in dem er sie nicht ganz und nicht halb liebt. Weil er sie lieben möchte und dann wieder nicht und dann wieder doch und dann war das alles gar nicht so schlimm und dann irgendwie doch und dann ist da Leos Mutter und daneben führt Adam sich doch wieder so ungeliebt.
Mit zitternden Händen und dem Trotz auf seiner Zunge, um Verletzung abzuhalten, klingelt Adam bei Heide. Und dann ein zweites und ein drittes Mal und dann ruft er bei ihr an, weil niemand öffnet und sie nimmt ab:
“Adam, was gibt's?"
“Bist du nicht zuhause?”
“Nein, quatsch, an so einem schönen Tag doch nicht. Ich bin mit der Helga am See”, erzählt sie.
“Wieso denn? Warst du in der Gegend?”
“Ich dachte, ich komme mal vorbei”, bringt Adam heraus.
“Achso, ja, nächste Woche, da bin ich da, ja?”
“Schon gut”
“Hast du da Dienst?”, erkundigt sie sich, aber Adam legt auf, schmeißt die Blumen vor die Tür und nimmt sie dann aber wieder auf.
Ohne sein Fahrrad geht er die Straßen wutentbrannt entlang, wie er sie so oft als Jugendlicher gegangen war, bis er bei den Hölzers vor der Tür steht. Seine Tränen versucht er zu unterdrücken, während er erst einmal, dann zweimal und dann schließlich Sturm klingelt und Tobias überhastet mit dem Satz: “Adam, sorry, wir sitzen im Garten, wieso kommst du denn nicht hinten herum?”, die Tür öffnet und Adam läuft ohne ein Wort an ihm vorbei in die Küche, in der eine Vase aus dem Schrank nimmt, sie mit Wasser füllt und die zerflatterten Blumen hinein knallt. Eigentlich knallt er währenddessen alles. Die Vase auf die Küchenzeile. Die Schranktüren. Die Schublade, an der er mit der Jacke hängen bleibt und er merkt natürlich, dass Leo längst in die Küche gekommen ist, aber hat keine Kraft, sich damit auseinanderzusetzten, bis er die fertige Vase mit den Worten: “Für deine Mutter”, auf dem Tisch platziert und Leo ihn ohne weitere Worte in die Arme nimmt.
Und dann wischt Leo ihm die Tränen aus dem Gesicht, zieht ihm die Jacke aus und wäscht ihm im Bad das Gesicht. Leo, der ihm ein Glas Wasser in der Küche einschenkt und ihm einen Kuss auf die Wange gibt. Leo, der ihm aus dem Kühlschrank ein Stück Mandarinen-Torte holt, weil es sein Lieblingskuchen ist, und Leo, der sich mit ihm an den Küchentisch setzt. Leo, der all das macht, nur dass er vorher alles, was das hier notwendig gemacht hat, zu verhindern versucht hat. Leo, der all das nicht machen muss und es trotzdem macht.
“Ist ja bald endlich vorbei, der scheiß Tag”, kommentiert Leo während Adam seinen Kuchen isst, obwohl Leo den Tag so gerne hat.
“Gott sei Dank”, flüstert Adam. “Zum Glück haben wir dann ja am Donnerstag den Vatertag.”
“Gott bewahre”, bringt Leo raus und sieht gestresst zu Adam auf, der ihn leicht anschmunzelt, und Leos Haltung entspannt sich wieder etwas. “Wir schaffen erstmal heute, ja?”
“Mit links”, gibt Adam mit einem vorsichtigen Lächeln zurück. “Hab doch dich”
“Solange du das auch weißt und nicht nur so sagst”, besorgt streicht Leo ihm eine Strähne hinters Ohr.
“Weiß ich.”
“Vielleicht bleibst du dann Donnerstag in meiner Nähe, mh?”
“Mach ich”, sie wissen beide, dass Adam in den nächsten Tagen ohnehin nicht von Leo weichen wird.
Dass, sobald die Enttäuschung über heute abgeklungen ist, die Angstspirale um seinen Vater wieder von Neuen beginnt. Die Angst, dass er so sein könnte wie er. Die Angst, dass Leute ihn ansehen und seinen Vater wiedererkennen.
All die Nähe, die er zu seiner Mutter haben wollte, wollte er in mindestens doppelter Distanz zu Roland.
Mindestens zweimal würde die Angst umschlagen in Überzeugung, dass er bereits so ist, dass er Abstand von Leo nehmen muss, bevor er mit Leo umgeht, wie Roland mit seiner Mutter umgegangen ist und Leo wird dickköpfig dagegen anreden und kein Stück weichen. Leo wird all die Gründe aufzählen, weshalb er niemals so sein kann, und Adam wird überzeugt sein, dass Leo einfach nicht richtig hinsieht, und dann wird Vatertag sein und Adams Sehnsucht wird sich in Ekel umwandeln.
Ein Ekel, der so tief sitzt, dass er nicht einmal neidisch ist auf die Kinder, die an dem Tag das größte Eis des Jahres bekommen. Ein Ekel, der aufkommt, wenn er auf dem Fahrrad neben Leo die Väter, die mit ihren Freunden mit einer Kiste Bier losziehen, sieht und sie finster anstarrt. Ein Ekel, der sichtbar wird, wenn er Tobias mit seiner Tochter sieht und danach Georg, Leo und Tobias beim Fußballspielen mit seinem Neffen zusieht. Ein Ekel, der ihm bei den Hölzers einfach zugesprochen werden wird.
“Darf ich mal?” wird Adam fragen und auf das Kind deuten, dass Caro im Arm hält, das vor wenigen Momenten eingeschlafen war, und Caro wird ihm das kleine Mädchen in den Arm legen und Adam wird sich auf das Sofa auf der Terrasse, etwas abseits vom Esstisch, setzten und sie ruhig halten, während sie leise atmet. Vorsichtig wird er die Strähnen aus ihrem Gesicht streichen und immer ein Auge auf dem Fußball haben, mit dem Leo für seinen Geschmack viel zu nah an ihnen spielt, und wenn sich das Kind an ihn anschmiegt, wird er sie noch enger halten und wenn Leo dazu kommt, dann wird er so blass sein, dass Leo weiß, dass die Erinnerungen, die heute hoch gekommen sind, ihre nächsten Wochen bestimmen werden. Dass er die Schranktüren wieder abbauen wird heute Abend und dass er sich morgen darum kümmern wird, dass Adam seine Bedarfsmedikamente da hat.
“Findest du das nicht unfair?”, wird Leo flüstern.
“Was?”
“Wie unterschiedlich das für uns ist.”
“Ist doch nicht unfair”, wird Adam sagen. “Schau dir dieses Kind an, wenn du nur ein bisschen so unschuldig aussahst, hätte dir doch niemand was tun können.”
“Adam-”, wird Leo ansetzten und dann einfach nicht die Worte finden, die das hier irgendwie retten können, also wird er einfach sagen: “Ja, ja, das stimmt”, und einen Arm um Adam legen, seinen Kopf auf seine Schultern legen und mit seiner freien Hand die Jacke seiner Nichte zurechtzupfen.
Im nächsten Leben, da wird er eher den Mut haben.
