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Knochenfeuer

Summary:

Am Abend vor der Schlacht tauschen Caranthir und sein Verbündeter Gedanken über die Bräuche ihrer Völker aus:
Knochen zu verbrennen wehrt das Böse ab.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Knochenfeuer

 

Sie sitzen nebeneinander auf einem Baumstamm am Feuer in der Mitte des Feldlagers. Über ihnen bewegen sich die rubinroten Banner mit Fëanors achtzackigem Stern träge in einer leichten Brise. Die Luft ist geschwängert mit Hunderten Gerüchen: Rauch und gebratenes Fleisch, Leder und Waffenöl, Schweiß und Pferdemist, dazwischen der Duft der Kiefernwälder des befreiten Dorthonion.

„Zur Mittsommernacht“, sagt der Mensch und er hat genau das Maß an Apfelschnaps getrunken, das ihn beinahe akzentfrei Sindarin sprechen lässt, ohne dabei seine tiefe Stimme zum Lallen zu bringen, „haben wir in meiner alten Heimat große Feuer entzündet. Die vielen Sippen meines Volkes kamen zusammen und wir ließen alte Freundschaften aufleben und schlossen neue. Oh ja, und danach tanzten wir die ganze Nacht um das Feuer!“ Er reißt mit den Zähnen das letzte Stück Fleisch von dem Knochen und lacht. Fett tropft in seinen Bart und lässt seine Finger glänzen. „Für das Festmahl hatten wir so viel Fleisch und Brot und Bier, dass wir danach noch eine ganze Woche davon zehren konnten! Und die Knochen des geschlachteten Viehs verbrannten wir auf dem Feuer. Der Qualm hält Unglück fern und besänftigt böse Geister! Aber besonderes Glück – besonderes Glück brachte es, wenn unsere Jäger große und üble Bestien erlegt hatten: Die Alten erzählen noch von dem Jahr, in dem die Knochen des Schreckensbären brannten!“

 

In der Ferne erklingt die Melodie eines Liedes. Es ist zu weit entfernt, um die Worte zu hören, doch Caranthir kennt sie innig:

Sie erzählen von Mut im Angesicht der Dunkelheit.

Von Hoffnung, wenn die Nacht am tiefsten ist.

Von Licht, das der Schwärze ungetrübt trotzt.

Das Lied pflanzt sich in die Herzen von Elben und Menschen ein wie ein Samen, der im Blut der kommenden Schlacht keimen wird. Um Mut und Hoffnung und Licht zu bringen, wenn sie zu verzagen drohen.

 

„Ein guter Brauch“, sagt Caranthir und blickt einen Weile ernst in die Flammen. Er denkt daran, wie er an einem ähnlichen Feuer mit einem anderen Menschen über die gleichen Dinge sprach. Nach ihren Maßstäben ist es lange her. Er hörte, dass sie in hohem Alter starb, doch in seiner Erinnerung ist sie so jung wie an jenem Abend. Doch davon sagt er nichts, spricht stattdessen von einer Vergangenheit, die viel länger zurückliegt:

„In meiner alten Heimat gab es keine Nacht, wie wir sie hier kennen, und lange dachten wir, das Unglück könne uns nie erreichen. Doch wir feierten den Wechsel der Jahreszeiten und viele andere Dinge aus purer Freude daran. – Es wird ein großes Fest geben, wenn der Feind besiegt ist, mein Freund, und dann soll Beleriand so werden, wie es einst in Valinor war; der Schmerz wird vergehen und ihr werdet feiern um der Freude willen. Du wirst das Licht sehen, das in den Tagen des Glücks über den Eldar schien.“

In ihm lodert eine Flamme grimmiger Entschlossenheit wie vor jeder Schlacht. Doch diesmal ist da mehr, diesmal ist da die Vorahnung, dass sie an einem Wendepunkt stehen: Es wird ihre letzte Schlacht gegen Morgoth sein und sie wird ihren Krieg zum Ende bringen.

„Doch zuerst, Elbenfürst, kommt der Mittsommertag und wenn er endet, werden unsere gefallenen Feinde brennen und jene, die es noch vermögen, werden vor unseren Feuern fliehen!“ Uldor lächelt und kleine Falten durchziehen die wettergegerbte Haut um seine Augen. Er schenkt ihnen beiden Apfelschnaps nach. „Auf den Sieg!“

„Auf den Sieg!“, erwidert Caranthir und hebt seinen Becher.

Er ertappt sich dabei, ebenfalls zu lächeln.

*

* * *

*

Sieben Tage später bohrt sich Uldors Dolch in Caranthirs Rücken.

Sein Atem entweicht mit einem erstaunten Keuchen. Als ihn einen Augenblick später der Schmerz und die bittere Erkenntnis erreichen, hat er nicht einmal genug Luft in der Lunge, um zu schreien.

Am Horizont sieht er soeben noch den gleißenden Schein von Drachenfeuer aufflammen, bevor seine Knie nachgeben.

Die Frage, ob die brennenden Knochen der Eldar Uldors Volk Glück bringen werden, dringt wie eine Klinge in seine Gedanken.

Dann kommt die Nacht.

 


 

Notes:

Crosspost von Fanfiction.de
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