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Mitternachtssnack

Summary:

Simon und Nolan backen Pfannkuchen. Und lernen sich dabei ein bisschen besser kennen.

Notes:

Diese Fanfiction entstand aus 4 Gründen:

1. Ich habe mir letztens nochmal die 2. Reihe durchgelesen. Simon und Nolan verbringen diese größtenteils streitend, was ja auch normal ist. Im Epilog steht da aber plötzlich, sie fühlen sich endlich komplett wie Brüder und der ganze Beef ist weg?? Hallo?? Wann ist DAS denn passiert? Ich finde, es hätte eine Stelle geben sollen, in der sie offen und ehrlich reden.

 2. ist Nolan mein absoluter fav? Ja. Finde ich trotzdem, es hätte eine Stelle geben sollen, in der er auch mal richtig angemotzt wird? JA. Simon hat es irgendwann auch mal verdient, richtig crash out zu gehen idc der Typ hat VIEL zu viel verziehen.

3. Celeste wird im Canon nie wieder erwähnt??? Hallo??? Klar sie war jetzt nicht SOOO wichtig aber in den Stellen aus Nolans Sicht hätte ich zumindest EINE Referenz erwartet?? Weil sie für ihn ja anscheinend „wie eine zweite Mutter war“??

4. Ich hatte richtig Bock auf Pfannkuchen. So, RICHTIG viel Bock. Deswegen machen die jetzt Pfannkuchen. Mir ist beim Schreiben übrigens aufgefallen dass der Plot eigentlich keinen Sinn macht weil Simon & Nolan Amerikaner sind und amerikanische pancakes machen würden aber ich hab keine Ahnung wie man die macht und hatte auch keinen Bock das alles umzuändern. Deswegen backen sie hier ganz normale typische Pfannkuchen.

Übrigens: Spoiler für beide Animox-Reihen.

Anyway, hoffe die beiden sind nicht zuuuu OOC. Enjoy :D

Work Text:

Simon Thorn konnte nicht schlafen. Das war an sich nichts Neues. Simon konnte nie schlafen. Wenn er es aber doch tat, dann träumte er. Früher handelten seine Albträume von Darryls Tod. Dann, von Orions. Jetzt, zwei Wochen nachdem er und seine Familie wieder in New York waren, war es Wadim, der ihm keine Ruhe mehr ließ.
 
 Jedes Mal, wenn Simon seine Augen schloss, konnte er an nichts Anderes mehr denken als daran, was in dem Thronraum der Zitadelle widerfahren war. Wadims Plan, Nolans Befreiung, die Explosion des Raubsteins, Wadims eventueller Tod - das alles spielte sich so klar in Simons Kopf ab,  als wäre es erst gestern geschehen. Jedes Mal, wenn er aufwachte, wurde ihm erneut bewusst, in was für eine gefährliche Situation er da verwickelt gewesen war. Und wie nah er daran gewesen war, alles zu verlieren. 
 
Simon seufzte leise und drehte sich in Richtung der Tür, die zu dem Badezimmer führte, das er mit Nolan teilte. Auch ihm  ging es nicht gut. So viel war offensichtlich. Obwohl sein Bruder bei Weitem nicht annähernd so leichenblass und geschwächt aussah wie vor zwei Wochen, so war es doch offensichtlich, dass der Raubstein - sowie alles andere, was passiert war - ihm immer noch keine Ruhe gab. Nolan verbrachte neuerdings die meiste Zeit damit, still in seinem Zimmer zu verweilen. Wenn er nicht schlief, dann saß er grimmig irgendwo und las ein Buch. Wenn er nicht grimmig irgendwo ein Buch las, dann schlief er.  Es passte nicht zu ihm. 
 
Simons Versuche, das anzusprechen, oder allgemein mit ihm über die letzten Wochen zu reden,  wurden immer schroff abgelehnt.  Als er  jedoch wirklich mal darauf bestanden hatte, dass sie endlich eine ordentliche Konversation führten, hatte Nolan vor ein paar Tagen die sehr reife Entscheidung getroffen, ihm ein Buch ins Gesicht zu werfen.  Simon war nicht einmal wütend gewesen. Vor einer Woche hätte Nolan  dazu nicht die Kraft gehabt. 
 
Simons einzige Hoffnung blieb, dass sich das Problem irgendwie von alleine lösen würde. Vielleicht brauchte Nolan ja einfach nur noch Zeit. Vielleicht brauchten sie ja alle einfach nur noch Zeit. 
 
Apropos Zeit - wie viel Uhr war es eigentlich? Bestimmt noch mitten in der Nacht, wenn nach der Himmelsfarbe zu urteilen war. Was bedeutete, dass Simon noch zwei Optionen blieben. Entweder er versuchte wieder einzuschlafen, womit er jedoch riskierte, die nächsten paar Stunden damit zu verbringen, reglos im Bett zu liegen - ohne jeglichen Erfolg oder einem weiteren Albtraum. Oder, er stand auf und trank etwas. Oder aß etwas? Vielleicht könnte er auch eine Runde fliegen. Wenn er Glück hatte, war er dann müde genug, um leichter einschlafen zu können. Oder wenn nicht, dann hatte er zumindest etwas Anderes gemacht, als nur rumzuliegen. 
 
Die bessere Entscheidung war relativ offensichtlich. Simon warf seine Decke von sich und stand auf. Ein Glas Wasser würde ihm vielleicht den Kopf frei machen, dachte er, während er langsam und sehr behutsam den Flur durchquerte. Oder vielleicht doch sogar ein Snack? 
 
Nein. Simon war schon lange nicht mehr besonders hungrig gewesen. 
 
In der Stille der Nacht kamen ihm seine Schritte unglaublich laut vor. Simon hoffte, dass er niemanden weckte. Winter würde ihn umbringen, wenn er ihren Schönheitsschlaf ruinierte.  Er ging die Treppen hinunter in die Küche und blieb dann überrascht an der Schwelle stehen. Das Licht war an.  Er war anscheinend nicht der einzige gewesen, der heute Nacht keinen Schlaf gefunden hatte. 
 
In der Küche stand Nolan. 
 
Aber was machte er denn da? Sein Bruder stand mit dem Rücken zu ihm gekehrt und schaute nach unten, auf dem Tresen, wo sich etwas zu befinden schien. Zu Simons Überraschung stand auf der Herdplatte neben ihm eine Pfanne. Sie war jedoch nicht das einzige: bei näherer Betrachtung stellte Simon fest, dass sein Bruder neben sich auf dem Tresen auch etwas Mehl hingestellt hatte. Und das daneben, war das Zucker? 
 
„Was machst du?”, fragte Simon ohne Vorwarnung. 
 
Die Reaktion passierte schlagartig. Nolan sprang vor Schock auf und drehte sich so schnell zu ihm um, dass Simon sich kurz wunderte, ob ihm schwindlig war. Als er ihn jedoch erkannte, wandelte sich sein erschrockener Ausdruck sehr schnell in einen, den Simon sehr gut kannte: Wut. 
 
„Du - Musst du dich immer so anschleichen?”, fauchte Nolan.
 
„ Du hast mir nicht geantwortet”. Simon schaute interessiert an ihm vorbei. Das, was durch Nolans Rücken verborgen gewesen war, war nun sichtbar. Es war eine große, gläserne Schüssel - in der sich anscheinend schon etwas befand? 
 
„Gar nichts. Ich mache gar nichts.” Nolan funkelte ihn immer noch an. „Was machst du hier?.
 
„Ich konnte nicht schlafen”, antwortete Simon ehrlich. „Ich wollte mir ein Glas Wasser besorgen. Das hier”, fügte er hinzu und deutete auf die Zutaten auf dem Tresen. „sieht aber nicht nach gar nichts aus. Was ist da in der Schüssel?”
 
„Das geht dich nichts an.”, sagte Nolan schroff. Simon schwieg. Das blieb einige Sekunden lang so. Nolan starrte ihn immer noch an. Simon starrte zurück. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. 
 
Schließlich schien die Situation Nolan doch zu blöd zu werden, oder vielleicht hoffte er einfach nur, Simon so schnell wie möglich loszuwerden, denn er seufzte. 
 
„Ich - weißt du was, na schön. Na schön! Was auch immer. Wenn du es unbedingt wissen musst, mache ich gerade Pfannkuchen”. 
 
Simon blinzelte. „Du machst Pfannkuchen.”, wiederholte er langsam.  Er schaute an seinem Bruder vorbei auf die digitale Uhr, die sich an der Mikrowelle befand. 2:43 Uhr. „Und das jetzt?”.
 
„Ja, genau. Jetzt. Es gibt keine Regel dagegen.”

Das würde ihre Mutter wahrscheinlich  anders sehen. „Aber - wieso?”, fragte Simon verblüfft. 
 
„Wieso denn nicht?”, fragte Nolan betont lässig. „Ich bin ein Prinz. Ich darf tun und lassen, was ich will. Wer bist du, darüber zu urteilen? Ich will Pfannkuchen - “, er gestikulierte zu der Schüssel und dem Mehl, „ - also mache ich mir welche”. 
 
„Aber wieso nicht morgens? Dann haben wir alle was davon.” 
 
„Weil ich jetzt Hunger habe, Simon.”, sagte Nolan und verschränkte die Arme. „Denk doch mal gescheit nach. Wieso etwas auf morgen verschieben, wenn ich es jetzt erledigen kann? Hier bitte. Du kannst jetzt dein Wasser holen und  gehen.”
 
Nolans Blick war scharf und entschlossen, so wie immer. Das war jedoch nicht genug, um davon abzulenken, dass auch er unglaublich müde aussah. Simon schluckte. Anscheinend war er auch nicht der einzige, der heute eine schlechte Nacht gehabt hatte. 
 
„Aber du hast doch auch morgen früh Hunger”, fuhr er fort, hauptsächlich einfach nur um zu widersprechen, „Wieso nicht einfach - “

„Das ist doch jetzt nicht wichtig. Hol dein Wasser und geh.” 
 
Simon warf nochmal einen Blick auf die Schüssel. Das, was sich darin befand - das musste Eigelb sein. Außerdem hatte Nolan einen Messbecher direkt neben dem Mehl gestellt. Was natürlich logisch war. Einen für Mehl und einen für die Milch. Simon hatte schon lange keine Pfannkuchen mehr gemacht. Das letzte Mal war gewesen, als Darryl -
 
— als Darryl noch gelebt hatte. Das war schon lange her, aber Simon erinnerte sich an das Rezept. 
 
Zuerst kam das Eigelb. Ebenfalls benötigt wurden Mehl, Milch und eventuell auch Mineralwasser. Die Milch hatte Nolan auch schon rausgeholt - sie lag auf der anderen Seite des Tresen, direkt neben einem zweiten Messbecher. Keiner der Messbecher war schon aufgefüllt. Und, wenn sich Simon recht erinnerte, hatte Nolan anfangs auch nicht so gewirkt, als würde er gerade fleißig arbeiten. War es das, auf das Nolan anfangs so intensiv gestarrt hatte? Die Messbecher? 
 
„Du bist aber noch nicht sehr weit gekommen.”, kommentierte Simon.  Nolans Antwort war ein weiteres Funkeln. 

„Natürlich nicht. Du hast mich ja auch unterbrochen.”
 
„Du könntest ja theoretisch weiterarbeiten.“ Simon lief an seinem Bruder vorbei auf den Schrank zu und holte sich ein Glas raus. Nolan ließ ihn nicht aus den Augen. 

„Das mache ich. Sobald du weg bist”.
 
„Wenn du meinst.” Er hielt das Glas unter dem Wasserhahn. Nolan starrte schon wieder auf die Messbecher. 
 
Simon nahm einen Schluck und berücksichtigte seine Optionen. Er könnte natürlich einfach wieder ins Bett gehen und die Tatsache ignorieren, dass sein Bruder offensichtlich ein Problem hatte. Oder, er könnte sich für die gefährlichere Option entscheiden und ihm die Hilfe anbieten, die er klar  benötigte. Simon seufzte innerlich. Auch hier war die Entscheidung klar.
 
„Ich kann dir helfen.“, sagte Simon. „Wenn du magst.”
 
Nolans Augen richteten sich wieder auf ihn. Er sah so aus, als hätte Simon ihn persönlich beleidigt.
 
„Ich brauche deine Hilfe nicht", murmelte er kalt. Simon hatte diese Antwort erwartet.
 
„Ich kann sie dir trotzdem geben.”
 
„Wieso?”
 
Simon zuckte die Schultern. „Jetzt habe ich auch Hunger.“ 
 
Nolan sah so aus, als wolle er wieder protestieren, schien aber kein Argument dagegen zu finden.
 
„Na schön. Wenn es sein muss”, presste er mit erheblichem Widerwillen raus. Simon nickte, legte sein Glas weg und nahm sich einen kurzen Moment, um sich zu freuen, er bis jetzt noch nicht angemotzt wurde.  Dann ging er zu seinem Bruder hinüber, bis sie nebeneinander standen und auf die Schüssel blickten.
 
„Okay”, murmelte er. „Du hast noch nichts außer die Eier reingemacht, oder?”
 
Nolan warf ihm einen tödlichen Seitenblick zu. „Offensichtlich nicht”. 
 
Simon ließ sich von dieser Attitüde nicht beirren.“Mehl kommt zuerst rein, nicht?“
 
Nolan nickte und griff nach dem  Mehl und dem ersten Messbecher. Er zögerte. Simon wartete geduldig. 
 
„Ich…”, Nolan sah so aus, als wäre ein schreckliches Geständnis von ihm gefordert. „Ich habe es vergessen. Wie viel da rein muss."
 
Das hatte sich Simon schon gedacht. Das zuzugeben wäre aber im Grunde Selbstmord. 

„Gib her.”, sagte er einfach und nahm seinem Bruder die Sachen ab. Er legte den  Messbecher auf den Tresen,  griff nach einem Löffel und begann, mehrere Esslöffel reinzuschütten. 
 
Die letzte Person, mit der Simon das gemacht hatte war Darryl. War er dann überhaupt schon zwölf gewesen? Wie dem auch sei, Simon konnte sich noch genau daran erinnern, wie sie zusammen gearbeitet hatten. Ich bin ein einfacher Mann, hatte sein Onkel belustigt gesagt, als Simon gefragt hatte, wie er das Rezept auswendig wusste. Ich bevorzuge es, mir das Leben einfach zu machen. Drei Eier, dreihundert Gramm Mehl, dreihundert Milliliter Milch und noch etwas Wasser. Und wenn das nicht funktioniert, dann pass es einfach spontan an. 
 
Simon hatte schon lange nicht mehr an diese Begebenheit gedacht. Wieder einmal spürte er den vertrauten Stich der Abwesenheit seines Onkels. Als er fertig war, schüttelte er den Kopf, wie um die Gedanken loszuwerden, und überreichte seinem Bruder den Becher. 
 
„Dreihundert Gramm Mehl, dreihundert Milliliter Milch und auch noch etwas Wasser. Ich weiß nicht, wie viele Eier du reingemacht hast, aber es lässt sich anpassen. Wird der Teig zu dünnflüssig, kommt noch etwas Mehl dazu. Ist er zu dickflüssig - “
 
„Tatsächlich”, unterbrach Nolan schroff und schüttelte das Mehl rein, “weiß ich, wie sowas funktioniert. Du bist nicht der einzige, der schon mal Pfannkuchen gemacht hat, weißt du.”
 
Simon starrte ihn empört an. Er und Nolan hatten seit dem Krieg nicht mehr richtig gestritten (mit Ausnahme des Buch-werfens) und eigentlich hatte er gedacht - oder vielmehr gehofft - dass diese Ära ihrer Beziehung zu Ende war. Vielleicht war das aber gar nicht so. Vielleicht war Nolan nach dem Krieg einfach nur zu schwach gewesen, um wieder mit Simon zu streiten. Jetzt, zwei Wochen später, fühlte er sich aber anscheinend wieder fit genug.
 
„Ich will dir doch nur helfen.”, blaffte er, „du bist hier derjenige, der um drei Uhr nachts Pfannkuchen macht, ohne das Rezept überhaupt zu kennen, nicht ich. Wieso motzt du mich an?“
 
“Ist ja gut”, murmelte Nolan. Er hatte begonnen, den potentiellen Teig mit einem Schneebesen zu verrühren. “Du hast ja recht. Ich bin nur - “, er stockte und rührte schneller. “Ich sollte das wissen. Celeste war es, die  - Celeste hat es mir mal gezeigt.”
 
Oh. Das war überraschend.  Simon hatte seine Großmutter für vieles gehalten - eine Bäckerin gehörte nicht dazu. Er hatte etwas Mühe, diese Information in sein Bild von Celeste einzufügen. Es war einfach nur eine komische Vorstellung. Die ernste, sture Celeste, wie sie einem viel jüngeren Nolan beibrachte, wie man Pfannkuchen backt.  Andererseits hatte Simon sie nur für eine sehr kurze Zeit gekannt. 
Er schnappte sich die Milch, und begann auch diese zu messen.
 
„Das hätte ich nicht von ihr erwartet.“
 
„Du kanntest sie ja auch kaum“, schnaubte Nolan. Dann wurde sein Ausdruck plötzlich milder. „Ich weiß, dass du sie nie mochtest, aber sie war nicht immer so - so - “ 
 
Er schien nach den richtigen Worten zu suchen. Simon half nach.  
 
„ So…kalt? Moralisch fragwürdig? Unglaublich gruselig?“
 
Nolan öffnete den Mund, als wolle er protestieren, schien dann aber doch Simon Recht zu geben.
 
„…ja.“, gab er zu. „Genau das. Als ich jünger war, war mir immer langweilig. Immer. Das L.A.G.E.R. Ist ja ganz cool, aber das nicht, wenn man der einzige ist, der noch da ist, weil die anderen alle Ferien haben. Sie hat mir vieles gezeigt. Das war eine Sache davon.“ Sein Blick wurde wieder düsterer.  „Ich…sowas sollte man nicht vergessen.“ 
 
Nein, dachte Simon. Er kannte das Gefühl - die Angst, jemanden zu vergessen. Nolan hielt inne, während Simon auch die Milch in die Schüssel goss. 
 
„Wann war das denn? Das muss doch voll lange her sein”. Simon durchkreuzte die Küche und holte eine Flasche Wasser raus. Aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie Nolan wieder zu rühren begann. 
 
„Keine Ahnung. Ich war - acht Jahre alt, glaube ich? Oder sogar neun. Wer weiß. Sie war damals anders, als du sie kennengelernt hast. Nicht so streng, meine ich.”
 
„Aber das hat sich geändert.”, stellte Simon fest. Nolan antwortete ein paar Momente lang nicht. Simon dachte schon, er wäre zu weit gegangen, als Nolan doch sprach: 
 
„Natürlich hat sich das geändert. Orion wurde immer bedrohlicher. Und ich wurde immer älter. Man kann nicht seine ganze Freizeit damit verbringen, etwas so Banales zu tun wie Backen, wenn man - wenn man der Erbe des Bestienkönigs ist. Nicht, dass das jetzt noch eine Rolle spielen würde.“
 
Sein Rühren war aggressiver geworden. Es ähnelte jetzt mehr der Gestik, die man machen würde, um jemanden zu erstechen. 
 
Simon hatte nicht die geringste Ahnung, was er darauf antworten sollte. In einem Versuch, Zeit zu gewinnen, begann er das Wasser wie zuvor die Milch in den Messbecher zu gießen. Das Geräusch vom fließenden Wasser überdeckte zumindest temporär die Stille. 
 
Die Brüder sprachen nicht oft über die Vergangenheit. Eigentlich taten sie es gar nicht. Es waren Themen, die eben in einer Situation wie ihrer einfach tabu waren. Nolan erkundigte sich nicht (mehr) nach Informationen über Darryl, oder über Simons Leben, bevor er von der Existenz der Animox erfahren hatte. Umgekehrt hatte Simon  Nolan auch noch nie darüber gefragt, wie sein Bruder seine Zeit verbracht hatte, bevor Simon hier aufgetaucht war. Wie sprach man sowas überhaupt an? 
 
Es ging eben einfach nicht. Zumindest nicht, ohne dabei die Tatsache im Hinterkopf zu haben, dass ihre Mutter Nolan sein ganzes Leben lang begleitet hatte, während  Simon sie nur so zwei Mal im Jahr gesehen hatte. Und egal, wie viel Zeit  verging - diese Tatsache hinterließ noch  immer einen bitteren Nachgeschmack.  Das würde sie auch immer tun. 
 
Somit war die Vergangenheit war eben die Vergangenheit. Keiner hinterfragte die des Anderen. Es gab keinen Grund dazu. Weswegen Simon auch so überrascht war,  dass sein Bruder plötzlich über Celeste redete. Das hatte er noch nie getan. Zumindest nicht mit Simon. 
 
„Was  genau meinst du denn damit?“, erkundigte er sich leise, nachdem der  Becher voll war. „Das…”banale”, meine ich”, fügte er hinzu, als Nolan ihn fragend ansah. “Du meintest, es sei etwas Banales gewesen. Mit ihr zu backen. Das sehe ich anders. Keine Zeit, die man jemals zusammen verbringt, ist banal oder unnötig. Egal, was die Umstände sind, oder…wie alt man ist.” 
 
Nolan tat wieder so,  als wäre er sehr fokussiert auf seine Arbeit. Sich mutig fühlend, hakte Simon weiter nach. 
 
„Für dich war es bestimmt auch nicht banal. Deswegen sind wir ja hier.”
 
„Celeste ist tot”, sagte Nolan, plötzlich viel schroffer als zuvor. „Seit einem Jahr schon. Das alles -”. Er schüttelte den Kopf,  „- spielt keine Rolle mehr.“
 
„Ich denke, das tut es schon”, widersprach Simon leise. „So etwas ist nie egal. Du -”
 
„Das war vor einem Jahr.”, zischte Nolan erneut. “Es ist egal. Hast du endlich das Wasser?”
 
Simon wollte etwas erwidern, aber Nolan hatte klargemacht, dass das Gespräch hier zu Ende war. Einen weiteren Seufzer unterdrückend machte sich Simon zurück auf dem Weg zu ihm und schenkte, wie zuvor auch die Milch, das Wasser in die Schüssel ein. 
Der Teig sah in Ordnung aus, soweit Simon es beurteilen konnte. Seine Farbe war merklich heller geworden und als Nolan wieder umrührte schien die Konsistenz auch zu passen. Wobei - nein, das stimmte nicht. Etwas zu dünnflüssig war er schon. 
 
Nolan schien genau das gleiche aufzufallen, denn er verzog verärgert das Gesicht. 
 
„Wunderbar.“, vermerkte er trocken und hob den Schneebesen aus dem Teig. Er war viel zu flüssig. „Dein tolles Rezept hat es ja wirklich in sich.“
 
„Es ist nicht meins. Es ist Darryl’s.“, sagte Simon kalt. 
 
Genauso schnell wie Nolans verärgerter Gesichtsausdruck entstanden war, genauso schnell verschwand er auch. Ersetzt wurde er von einem, den Simon fast nie bei ihm sah - einem Ausdruck der Schuld? Oder des schlechten Gewissens? 
 
„Oh.“, sagte Nolan dumpf. „Oh. Ich - so meinte ich das nicht. Ich meine, woher soll ich denn wissen, dass - Weißt du was? Vielleicht habe ich ja auch nur falsch gerührt.“
 
So etwas wie falsches Rühren gab es nicht. Das wussten sie beide. Simon spürte die vertraute Frust, von der nur Nolan in der Lage war, sie zu erzeugen, wieder in ihm hochkommen. Wieso nochmal hatte er eingewilligt, hier zu sein? Diese ganze Situation war doch absurd. Dieses ganze Gespräch, was auch immer es war, war absurd. Nolan war absurd. Simon hätte jetzt im Bett liegen können. Was auch immer er sich hiermit erhofft hatte - es war doch eh aussichtslos.
 
Wortlos griff er nach dem Mehl. Nolan war schlau genug, nichts zu sagen, während Simon tentativ zwei weitere Esslöffel hinzufügte. Seinen kurzen Seitenblicken nach zu urteilen, versuchte er gerade herauszufinden, ob Simon ernsthaft wütend war. Und, ausgehend von der Neugier, die offen in seinen Augen schimmerte, ob es der richtige Zeitpunkt war, um eine Frage zu stellen. Simon zeigte bewusst keine Reaktion. 
 
„Also.“, begann Nolan wieder nach ein paar Sekunden Stille. Simon fiel auf, dass er nicht mehr wirklich etwas zum Arbeiten hatte, solange Nolan nicht noch mehr Mehl brauchte. Das war sehr ungünstig. Er beschäftigte sich damit, zuzuschauen, wie das Mehl langsam in den Teig hinein verschmolz.
 
„Darryl war also Fan von Pfannkuchen?“
 
Simon blinzelte, überrascht. „Ja. Er machte sie ständig. Als Motivation für den Tag, sagte er immer. Ähnlich wie Mom. Es war…beruhigend.” Er runzelte die Stirn. „Wieso hättest du das nicht erwartet?”
 
Nolan verlagerte sein Gewicht und wirkte nun etwas unbehaglich.. „Keine Ahnung. Er wirkte einfach nicht wie der Typ. Malcolm hat immer gesagt -” Nolan hielt kurz inne. Schaute zu Simon. Dann wieder zurück. „Malcolm hat immer gesagt,  er sei der rebellische gewesen. Von den dreien. Außerdem meinte er,  dass Darryl in der Grube unschlagbar war. Sogar von unserem Vater. Ich…keine Ahnung, er wäre nicht gerade jemand, den ich als jemanden eingeschätzt hätte, der gerne  Pfannkuchen macht. Und hast du mal Malcolm in der Küche erlebt? Der brennt alles ab, was auch  nur annähernd essbar ist. Gut, dass zumindest Darryl zum Kochen im Stande war. “
 
„Ich werde ihm sowas von sagen, dass du das gesagt hast”, grinste Simon. Dann wurde er nachdenklicher.  
„Ja, Darryl war sehr kampflustig. Die erste Lösung zu jeder Neckerei oder Stichelei war eigentlich immer ein Angriff. Das hat natürlich nie funktioniert. Er war aber nicht nur so”, ergänzte er schnell, plötzlich sehr darum bemüht, seinem Bruder auf gar keinen Fall ein falsches Bild zu vermitteln, “Er war immer sehr fürsorglich. Teilweise sogar zu fürsorglich. Früher hat er mir immer kleine Zettel geschrieben, wenn er wusste, dass ich in der Schule einen schlechten Tag haben würde. Sie sollten aufmunternd wirken, glaube ich.”
 
Als Simon aus seiner Trance heraus blinzelte, merkte er, dass Nolan ihn wieder ansah. Sein Blick war seltsam grüblerisch. 
 
„Er wirkt wie ein toller Typ.”, sagte er schließlich leise. 
 
„Das war er.” Simon musterte seinen Bruder. „Du hättest ihn gemocht, denke ich.”
 
„Ha.” Nolan schmunzelte. „ Wirklich?”
 
„Wirklich.” Simon starrte geistesabwesend auf den Tresen. Etwas Mehl hatte er daneben geschüttet. Sie würden später sauber machen müssen. „Er war sehr ehrgeizig. So wie du. Ich glaube, ihr hättet euch gut verstanden.” 
 
Nolans Bewegungen hatten sich wieder verlangsamt. Der Augenkontakt zwischen ihnen wäre unter anderen Umständen unkomfortabel gewesen. Simon war ganz genau bewusst, dass er hiermit in das Tabu-Territorium gewandert war. 
 
Nolan war das genauso klar.  Trotzdem wollte er offensichtlich  mehr wissen, schien aber gleichzeitig nach der richtigen Art zu suchen, um das auszudrücken. Seine Suche schien erfolglos zu laufen, oder vielleicht gab er es auch einfach nur auf, denn er unterbrach den Augenkontakt wieder und konzentrierte sich auf die Schüssel.
 
„Der Teig.”, sagte er. 
 
„Was?”
 
„Der Teig”. Nolan hob den Schneebesen wieder hoch. „Er ist immer noch zu flüssig. Schau. Da fehlt noch Mehl.”
 
„…geschmeidiger Themawechsel.”, sagte Simon genervt,  tat jedoch wie ihm befohlen. „Hast du eigentlich schon Salz und Zucker reingemacht?”
 
„Salz ja. Vorhin. Zucker nein.”
 
Darauf folgte Stille. Eisige Stille. Simon biss sich auf die Lippe. Hatte er irgendetwas falsch gemacht? Er spähte auf die Uhr. 3:14. Das war das erste Mal, dass sie seit zwei Wochen wieder ordentlich miteinander reden. Das war das erste Mal in zwei Jahren, dass sie überhaupt richtig redeten. Er konnte hier doch nicht einfach einen Punkt setzen!
 
Simon schnappte sich die Packung voller Zucker aus einem der Schränke. Als er jedoch wieder neben Nolan stand, zögerte er. Der Teig sah jetzt gut aus. Nicht zu dünn, nicht zu dick. Das einzige was fehlte, war der Zucker. Eine Prise davon. Eine kleine Menge mit großer Wirkung. 
 
„Er hätte dich auch gemocht, übrigens.”, sagte Simon direkt und machte sie dazu. Der Zucker zerkrümelte unter seinen Fingerspitzen. Nolan wich sichtlich zurück. 
 
„Ich - Oh.”
 
„Und das sage ich nicht nur so. Ich denke wirklich, hättet ihr - hätten wir- die Zeit gehabt, wäre alles anders verlaufen. Wir hätten mehr Zeit haben sollen.”, fuhr Simon zittrig fort. „Wir hätten - so viel Zeit haben sollen. Es war nicht fair. Orion hätte nicht - es hätte nie dazu kommen sollen.“
 
Nolan sah ihn kritisch von der Seite an. 
 „…Natürlich nicht. Fängst du jetzt wieder mit deinem Schuldgedönse an?”
 
„Es war meine Schuld. Darryl wäre nie auf dem Dach gewesen, hätte ich nicht -”, er stockte. „Und auch du. Du wärst in Anistadt nicht entführt worden, hätte ich besser aufgepasst. Wäre ich schneller gewesen.”
Simon wusste, dass dieser Gedankenvorgang zu nichts brachte. Das hatten ihm seine Freunde oft gesagt, das hatte er selbst auch oft festgestellt. Trotzdem war das Bedürfnis, es Nolan irgendwie auch zu erklären, viel stärker. 
 
„Wir - es lässt sich alles auf mich zurückführen. Von Anfang an. Ich bin der Grund, wieso - ”
 
„Hörst du dir eigentlich selbst zu?”, fragte Nolan ungläubig. Als Simon wieder zu ihm spähte, sah sein Bruder seltsam belustigt aus.
 
„Natürlich, Simon. Du bist das Problem hier. Nicht Orion, der wortwörtlich die Macht aller Königreiche übernehmen wollte. Nicht Wadim, dessen Ego so fragil war, dass er Teenager auf allen Kontinenten umbringen wollte, nur, weil sie mächtiger waren als er.”
 
„Das ist jetzt aber stark vereinfacht.”, murrte Simon, doch Nolan überging ihn einfach. 
 
„Nein, nein, du hast schon Recht.”, sagte er so spöttisch, dass Simon überrascht war, dass er ihm nicht direkt einfach ins Gesicht lachte. „Ehrlich. All diese Mörder - sie alle haben nichts auszusetzen gegen dir. Einem Vierzehnjährigen.”

Kopfschüttelnd lief er an Simon vorbei Richtung Herd und machte ihn an. „Und du sagst”, murmelte Nolan, während er nach der Pfanne griff, “ich sei der Arrogante zwischen uns beiden.Ich bitte dich.”
 
„Das bist du ja auch.”, erwiderte Simon prompt. 
 
„Ach ja? Ich bin hier nicht derjenige, der wirklich behauptet, seine bloße Existenz hätte zwei Kriege verursacht. Außerdem", fügte er hinzu, „Bin ich laut deiner Logik an genau so viel Schuld wie du.”
„Ich denke nicht - Wie meinst du?”
 
„Celeste ist tot.”, sagte Nolan, genauso schroff wie zuvor. „Und das nur weil ich damals dumm genug war, mir deine Teile zu nehmen und mit ihr mitzugehen. Vielleicht wäre ein Krieg gar nicht ausgebrochen, hätte ich das nicht getan. Vielleicht hättest du Orions Teil gefunden, bevor er die Chance gehabt hätte, irgendwie einen Krieg zu provozieren und die Sache wäre friedlich gelöst worden. Anderes Beispiel: Vielleicht hätte ich dich vor einem Monat nicht so dermaßen anpissen sollen, dass du vor mir wegläufst. Vielleicht hätten wir uns beide ja wehren können, und Wadim hätte keinen von uns entführt. Vielleicht…” Er räusperte sich. „Naja. Du verstehst, was ich meine.”

„Das ist trotzdem nicht das gleiche.”, murmelte Simon und griff nach dem Öl. 
 
„Aber natürlich nicht.” Nolan rollte die Augen. „Was, darf ich nicht auch mal gelegentlich in Selbstmitleid verweilen? Ich bin vielleicht nicht ganz so gut darin wie du, aber es ist ja angeblich nie zu spät, etwas Neues auszuprobieren. Oder ist das nur dir erlaubt? Ich wusste gar nicht -”

Er unterbrach sich selbst, als Simon das Öl mit einem Ölpinsel auf die Pfanne machte. Es begann sofort zu zischen. 
 
„Ich wusste gar nicht, dass du so viel Schuld auf dich nimmst. Allgemein, meine ich. Ich meine - ich wusste es natürlich schon, es ist nicht besonders schwer, dir das anzusehen, aber ich hatte keine Ahnung, dass das so…tief dringt.”, begann er wieder, während Simon nach dem Teig griff. Nolan hatte sogar schon eine Schöpfkelle daneben vorbereitet. 
 
„Ich mache das nicht mit Absicht.“, sagte Simon grimmig, weil Nolan das anscheinend zu glauben schien. „Ich kann einfach nicht anders. Wem soll ich denn sonst die Schuld geben?“
 
Obwohl das eine rhetorische Frage war, öffnete Nolan den Mund, um zu antworten. „Niemandem“, übertönte Simon ihn rasch. „Wie denn auch? Das wäre einfach nur grausam. Keiner von euch hat das verdient“
 
„Du aber schon?“, fragte Nolan leise. 
 
„Ja“ Simon starrte auf das zischende Öl. Sie sollten den Teig mal dazumachen. „Ich schon.“ 
 
„Warum?“
 
„Weil -“ Simon stoppte. Wie konnte er das erklären? „Weil ich eben Fehler mache. Weil ich vieles anders hätte tun können. Weil ich vieles nicht anders getan habe. Also bin ich Schuld.“  Simon drückte Nolan den Teig und die Schöpfkelle in die Arme - etwas grober, als er es hätte tun müssen.
 
„Das macht keinen Sinn.“ 
 
„Mach doch jetzt einfach.“
 
Simon rechnete mit weiterem Widerspruch, aber Nolan hielt den Mund und machte sich an die Arbeit. Der Teig floss mit lautem Zischen in die Pfanne, die Nolan dann sofort aufhielt und den Teig mit einer rotierenden Bewegung auf die ganze Pfanne verbreitete. Erneut dominierte das Schweigen. Simon hatte den Eindruck, Nolan erwartete irgendetwas. 
 
„Du hast aber Recht“, gab Simon also langsam zu. „Mir ist bewusst, dass das nicht…gesund ist.“
 
„Gar nichts an dir ist gesund.“, war Nolans optimistische Antwort. 
 
„ Es ist schwer, sich so etwas abzugewöhnen. Schon als Kind war ich - “ Simon pausierte. „Schon…schon als Kind war ich sehr…einsam, schätze ich. Ich hatte nie wirklich Freunde und, äh, viele hielten mich für…komisch. Ich wusste nie, wieso. Irgendwann habe ich einfach angenommen -“ 
 
Simon brach wieder ab, plötzlich unsicher. Nolan zeigte keine Reaktion. Wieso war das so schwer? Simon hatte schon so oft mit seinen Freunden über sein altes Leben geredet. Aber hier, durchbohrt von dem stechenden Blick seines Bruders, war es ihm irgendwie unnormal…peinlich? Was natürlich absurd war. Simon hatte in den letzten Wochen viel Schlimmeres durchgemacht als das.
 
„Ich - gib mir etwas zu tun. Ich stehe nur hier rum.“ Wortlos reichte Nolan ihm einen Spatel. Wann hatte er den denn rausgeholt? 
 
„Du hast angenommen…?“, fragte sein Bruder, während Simon mit dem Spatel sanft den Pfannkuchen zu wenden versuchte. 
 
„Ich habe angenommen, es liegt an mir.“ Zufrieden mit seiner Wendung legte Simon den Spatel wieder weg. „Dass ich der Grund bin, wieso - dass etwas falsch ist. Mit mir.“
 
„Das ist doch dumm“, sagte Nolan prompt, „es kann doch unmöglich deine Schuld sein, dass Andere Arschlöcher zu dir sind. Du kannst doch nichts dafür.“ 
 
Das sagt ja genau der richtige, dachte Simon und warf seinem Bruder einen argwöhnischen Blick zu.
„Ich glaube nicht, dass gerade du über sowas urteilen kannst.”, rutschte es ihm heraus. Im selben Moment wünschte er sich, er hätte einfach den Mund gehalten.  Nolan starrte ihn an.
 
„Was soll das denn jetzt heißen?” 
 
„Gar nichts.”, brummte Simon. „Vergiss es.”
 
„Du denkst also, ich bin ein Arschloch?” Nolan hätte das nicht ungläubiger sagen können, selbst wenn er es darauf angelegt hätte.“Wow, danke. Gut zu wissen. Weißt du was? Du bist auch nicht gerade besser.“
 
Simon blitzte ihn an.  „So war das nicht gemeint. Es ist nur - du redest nie freiwillig mit mir. Du bist ständig abweisend und wirst wegen jeder Kleinigkeit wütend, wunderst dich dann aber , wieso ich solches Verhalten irgendwann auch von dir erwarte.” 
Simon hatte nicht mit den Vorwürfen anfangen wollen. Das war nicht der Grund, wieso sie hier waren. Er wollte nicht streiten. Jetzt, wo er aber angefangen hatte, fand er es plötzlich unmöglich, wieder aufzuhören. „Du wirfst mir vor, ich würde oftmals vergessen, dass wir Brüder sind- “
 
„Dafür habe ich mich doch schon entschuldigt!”
 
„-weigerst dich dann aber, mich als irgendetwas Anderes als einen Gegner zu sehen. Selbst in China! Uns hat ein Animox-Krieg gedroht, das einzige, was dich jedoch zu dem Zeitpunkt interessierte, war , wer von uns beiden mehr Tiergestalten annehmen kann. Manchmal habe ich das Gefühl, du willst mich gar nicht hier haben. Dass du dir wünschst, ich wäre nie aufgetaucht.”
 
Nolan starrte ihn entsetzt an. „Das ist nicht wahr!”
 
„Dann gäbe es keinen Wettkampf. ”, fuhr Simon unbeirrt fort. „Nicht wahr? Dann hättest du all die Aufmerksamkeit, die du nur haben wollen würdest. Ist es nicht das, was du so verzweifelt willst?”
 
„Das einzige, was ich will, ist einen Bruder, der sich nicht andauernd wie ein Idiot verhält. Ich - was, nur weil ich anfangs, zugegebenerweise, ein bisschen gemein zu dir war, bedeutet das plötzlich, ich will dich gar nicht hier haben? Wie oft soll ich mich denn noch dafür entschuldigen?”
 
„Zumindest ein Mal! Und zwar richtig!”, fuhr Simon ihn an. 
 
„Das ist doch völliger-” Nolan hielt auf einmal inne. „Riechst du das auch?” 
 
Jetzt, wo Nolan es sagte, ja. Die Küche roch verdächtig stark nach Verbranntem. Simon erschrak. Nolan auch. 
 
Der Pfannkuchen! 

Sie reagierten gleichzeitig: Nolan schnappte sich fluchend die Pfanne, die mittlerweile sehr wütend zischte (wie hatten sie das eigentlich nicht gehört?), und bewegte sie rasch auf eine andere ausgeschlagene Herdplatte, während Simon so schnell wie möglich einen Teller aus dem Geschirrschrank holte und diesen auf einen freien Platz legte. Nolan rotierte schnell die Pfanne. Der Pfannkuchen landete mit einem dumpfen Klack. Beide Brüder starrten auf den Teller. Der Pfannkuchen war komplett schwarz. 
 
Der erste läuft immer schlecht, wollte Simon sagen. Nach dem Gespräch von vorhin hatte er jedoch nicht die geringste Lust, frühzeitig wieder ein Wort mit Nolan zu wechseln. Vermutlich erging es Nolan genauso, denn er drehte sich mit einem Seufzer wieder zur Schüssel, nahm die Pfanne und machte neuen Teig rein. Der zweite lief besser, weil keiner von ihnen abgelenkt war. Nolan würdigte Simon keines Blickes mehr, sondern konzentrierte sich auf die Pfanne. Simon selbst war zu stur, um als erster das Schweigen wieder zu brechen. Selbst, wenn das bedeutete, dass er einfach reglos daneben stehen musste. 
 
Nach dem dritten Pfannkuchen war Nolan jedoch immer noch still. Nach dem vierten auch. Als Nolan den Teig zum fünften Mal in die Pfanne goss, hatte Simon die Hoffnung, dass er überhaupt noch etwas sagen würde, komplett aufgegeben. Schließlich war die Schweigestrafe schon immer sein liebstes Mittel gewesen.
Simon wollte sich gerade für das nette Gespräch bedanken und wieder endgültig in sein Zimmer gehen, als Nolan, nachdem es kurz aussah, als würde er gerade mit sich selbst ringen, doch sprach.
„Du hast Recht.“, sagte er rundweg. „Es…tut mir leid.“  Simon glaubte, sich verhört zu haben. 
 
„Äh - was?“ 
 
„Es tut mir leid.“, sagte Nolan wieder, diesmal schroffer. Simon kniff skeptisch die Augen zusammen.
 
„Aha.” Jetzt auf einmal.  „Was tut dir denn leid?“, fragte er zögerlich.
 
„Keine Ahnung! Alles! Es tut mir leid, dass ich dir damals deine Teile gestohlen habe. Das war - das war einfach dumm, okay? Und es tut mir auch leid, dass ich anfangs gemein und blödsinnig zu dir war. Das war auch nichts gegen dich. Nicht wirklich. Ich hatte einfach nur Angst.“
 
„Angst.“, wiederholte Simon dumpf.
 
„Du bist nicht so aufgewachsen wie ich. Mein Leben hatte von Anfang an einen Plan. Und einen Sinn. Ich bin Nolan Thorn. Der Alphaprinz. Erbe des -“, er spuckte das Wort aus, als wäre es Dreck, „Bestienkönigs. Weißt du, wie alt ich war, als mir davon erzählt wurde?“
 
Simon schüttelte den Kopf. 
 
„Ich war sechs. Und seitdem hat sich mein ganzes Leben nur darum gedreht. Du - du wusstest nicht einmal, was es bedeutet, zu animagieren aber für mich war es meine ganze Welt. Und dann kamst plötzlich du und hast den einzigen Plan ruiniert, den ich kannte.Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich das einfach so akzeptiere. “
 
Simon wollte etwas dagegen einwenden, aber Nolan hielt ihm drohend den Schöpfkelle entgegen. „Nein. Hör mir einfach mal zu. Du verstehst es nicht. Du hast es noch nie verstanden. Simon, hätte ich  in einen Vogel animagiert, wäre das eine Katastrophe gewesen. Und das meine ich ernst. Mein Leben wäre vorbei gewesen. Niemand hätte mich jemals mehr ernst genommen.  Kannst du dir das vorstellen? Nolan Thorn, der Alphaprinz - der dann doch ein Vogel ist.“ Er schüttelte den Kopf. „Einfach nur lächerlich.” 
 
„Dein Wert hängt nicht von deiner Animox-Gestalt ab. Selbst, wenn du ein Vogel gewesen wärst -“
 
„Ich hätte alles verloren. Alles. Kannst du mir wirklich verwerfen, dass ich damals so schlimm zu dir war? Na schön. Ich gebe zu, ich habe es teilweise schon übertrieben. Vielleicht habe ich mich auch wirklich wie ein Arschloch verhalten. Vielleicht tue ich das ja wirklich bis heute noch. Das ändert jedoch nichts daran, dass du mein gesamtes Schicksal auf den Kopf gestellt hast!“
 
„So etwas wie Schicksal gibt es nicht.”, sagte Simon finster. “ Das impliziert, dass du nie eine Wahl hast. Wir alle formen unsere Zukunft selbst, durch die Entscheidungen, die wir treffen.” 
 
“Rede ich hier mit einer Wand? Es geht mir um den Sinn. Mein Leben - ich hatte einen Sinn! Aber jetzt bist du da, jetzt sind die Erben da und das alles - das alles bedeutet überhaupt nichts mehr!  Ich -”, was auch immer er sagen wollte, er brach es ab und nahm stattdessen einen tiefen Atemzug. 
 
 “Es tut mir leid, okay? Ich hätte nichts davon jemals auf dich schieben müssen. Das war …”, Nolan sah so aus, als hätte man ihn dazu gezwungen, eine Kakerlake zu essen. “...das war unfair. Hier. Da hast du deine blöde Entschuldigung."
 
Nicht zum ersten Mal dachte Simon, dass Nolan und Winter sich von Anfang an brillant verstanden hätten, wäre ihr erstes Treffen nicht so schlecht gelaufen. Auch sie hatte lange Zeit nicht gewusst, wie sie mit der Tatsache umgehen konnte, dass sie etwas oder jemand Anderes war, als von ihr erwartet wurde. 
 
Ihr war es auch nie um die Tiergestalt gegangen, sondern darum, akzeptiert zu werden. Darum, geliebt zu werden. Natürlich war Simon bewusst gewesen, dass seinem Bruder die Kräfte wichtig waren. Nolan hatte sich zwei Tage nachdem sie sich zum ersten Mal gesehen hatten beinahe selbst ertränkt, in dem Versuch, zu animagieren. Was Simon jedoch nicht erkannt hatte, war, wie tief diese Mentalität verwurzelt war. Simon dachte zurück an China. Auch da war sein Bruder wütend gewesen, weil Simon Teil der anderen Erben war und er selbst nicht. Auch da, begriff er, war es ihm nie konkret um die Kräfte gegangen. 
 
„Es war nie meine Absicht, dich irgendwie zu überschatten oder gar zu ersetzen.”, sagte Simon sanft. „Das meine ich ernst. Mir tut es auch leid, dass das so rüberkam. Oder dass du jemals das Gefühl hattest, du müsstest dich irgendwie beweisen. Wegen mir.  Ehrlich. Ich wusste nicht…mir war lange nicht bewusst, was genau deine Kräfte für dich bedeuten. Mir war nicht klar, wieso du dachtest, ich würde dir etwas wegnehmen. Was nur dir gehören sollte.”
 
Nolan sagte nichts, während er den Pfannkuchen, den Simon schon wieder vergessen hatte, auf den Teller zu den anderen machte. Auch sein Blick war milder geworden. „Sie sollten nicht nur mir gehören. Das meine ich nicht damit.”, murmelte er, sein Blick wieder aufmerksam auf Simon gerichtet. „Ich meine - irgendwie schon, aber - du…du hast schon so oft bewiesen, wozu du fähig bist. Und ich will auch nicht sagen, dass du sie irgendwie nicht verdienst. Oder so. Ich hätte es nur gerne…früher gewusst. Dass ich nicht der einzige bin, meine ich.”
 
Das ergab Sinn. Nach einem Moment redete Nolan weiter. Seine Stimme klang ungewöhnlich dünn.
 
„Ich will nur, dass du weißt -  egal wie sehr ich dich manchmal hasse und wie oft wir streiten, ich würde nie - nie auf dich verzichten. Oder auf die Zeit, die wir gemeinsam haben. Egal wie blöd ich mich anstelle, du sollst wissen - dass das in keinem Fall bedeutet, dass ich dich weghaben will. Niemals. Du bist zwar bei weitem die nervigste Person, die ich kenne aber du bist mir wichtig.“
 
Oh. Das war irgendwie - Simon blinzelte sehr schnell .Er spürte, wie sich ein Lächeln auf sein Gesicht schlich.  „Ich glaube”, sagte er langsam, “das ist das netteste, was du je zu mir gesagt hast. Ich hoffe, du bereust das morgen.”
 
“Ich bereue es schon jetzt.”, sagte Nolan, aber seinem Ton fehlte die übliche Schärfe. 
 
“Du bist mir auch wichtig.“, gestand Simon. „ Das sollte offensichtlich sein. Ich bin durch die  ganze Welt für dich gereist. Und ich würde es wieder tun, wenn ich müsste.“ 
 
Nolan schmunzelte erneut und wandte sich dann ab. Er sagte nichts. Das musste er auch nicht. Simon beobachtete, wie sein Bruder erneut nach der Schüssel griff.  Der Teig war fast alle.  
 
“Darf ich die Letzten machen?”, fragte Simon und streckte die Hand  aus. Nolan übergab ihm die Schüssel wortlos. 
 
Das lief die nächsten paar Minuten so: Simon machte den Teig darauf, wendete den Pfannkuchen und machte ihn dann auf den Teller drauf, wo sich auch die anderen Pfannkuchen befanden. Währenddessen holte Nolan ein Glas Nutella. 
 
Als die Schüssel wirklich leer war, legte Simon sie vorsichtig in den Waschbecken und betrachtete nochmal die Küche. Die Mikrowellenuhr zeigte 3:57. Es war kaum mehr als eine Stunde vergangen, seitdem Simon hier hergekommen war. Als Simon sich zu seinem Bruder drehte, der für sie beide zwei andere Teller geholt hatte und gerade damit beschäftigt war, die Pfannkuchen darauf zu bestreichen, merkte er, dass es sich anfühlte, als wäre er viel länger hier gewesen. Als hätten sie viel länger geredet. 
 
„Sollen wir ins Esszimmer gehen?“, fragte Simon. Zu seiner Überraschung schüttelte Nolan bloß den Kopf. „Nein. Ich hatte eigentlich nicht wirklich Hunger. Das war eine Lüge. Ich konnte einfach nur nicht schlafen.“
 
„Hast du wieder vom Raubstein geträumt?“ 
 
„Ja. Nein.“ Nolan richtete sich auf, offenbar fertig. „Keine Ahnung. Ich wollte einfach nur etwas Anderes tun als im Bett rumzuliegen.“ 
 
„Das verstehe ich.“ Simon machte sich nicht die Mühe zu erwähnen, dass er eigentlich auch keinen Hunger gehabt hatte – so viel war offensichtlich. „Wir können ja Alufolie drüber machen.“, sagte Simon und deutete auf den Teller voll Pfannkuchen. Es waren viel mehr geworden, als er erwartet hatte.  „ Dann können wir die noch frühstücken.“ 
 
Nolan nickte und gab Simon einen Teller mit bestrichenem Pfannkuchen. Er hatte sie aufgerollt. Sie waren angenehm warm. Nicht zu heiß, nicht zu kalt.
 
“Ich denke”, sagte Simon langsam, “Wir hätten dieses Gespräch schon vor langer Zeit führen sollen.”
 
„Wahrscheinlich schon.“, gab Nolan zu, sah dabei aber so aus, als hätte er etwas Saures gegessen. „Ich weiß nicht, ob du das gemerkt hast, aber ich bin nicht so gut darin, über solche Sachen zu reden. Und du auch nicht, will ich nur anmerken.“
 
Trotz seiner Müdigkeit schmunzelte Simon.
„Wir können ja besser werden. Die hier riechen gut, übrigens.“
 
„Natürlich.“ Nolan klang wieder so selbstbewusst wie immer. „Wir haben sie ja zusammen gemacht.“
 
Dagegen konnte Simon nichts einwenden.