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Smalltown Boy

Summary:

Fünf male bei denen Kai merkte das ihn sein Kumpel Nick etwas verheimlichte + das eine mal als er es endlich heraus findet :)

Notes:

Hiiii, das hier ist meine erste selbstgeschriebene fanfiction jemals. Bin eigentlich jemand der lieber liest und das Schreiben anderen überlässt. Ehrlich gesagt hab ich auch nicht besonders viel mit Fußball (außerhalb der Nationalspiele und der Championsleague ) zu tun. Bin eher beim Eishockey unterwegs was den Sport angeht. Falls also mal etwas nicht ganz so passt habt bitte Nachsicht mit mir🙏 (Hab auch ein paar Dinge bewusst aus Story Gründen verändert)

Ich muss ehrlich sagen das ich zufällig durch Twitter auf die beiden gestoßen bin. War dann aber extrem enttäuscht als ich gesehen habe das es so gut wie keine fanfictions über die beiden gibt. Naja hab es deshalb mal selbst in die Hand genommen.

Zur Story noch kurz. Denkt dran das das alles aus Kais Sicht geschrieben ist und deshalb nicht immer komplett subjektiv und rational ist.

Über jegliches Feedback und Tipps würde ich
mich immens freuen :) Viel Spaß mit dem ersten Kapitel!

Chapter 1: Garden shed

Chapter Text

 

[Club, 14.06.2026, Houston, Texas, 23:30 Uhr]

Der Club roch nach diversen High-End-Parfümgerüchen, gemixt mit leichtem Schweiß und teurem Alkohol. Die Luft auf der Tanzfläche war extrem stickig gewesen, weshalb sich die meisten aus dem Team entschieden hatten, sich in eine etwas abgelegenere Sitzecke am Rande des Clubs zurückzuziehen.

Sie waren jetzt seit schon fast zwei ganzen Stunden hier. Die Stimmung unter den Jungs war äußerst ausgelassen und man erkannte, dass viele von ihnen schon leicht angetrunken waren.

Nach ihrem heutigen Spiel war das Team fest davon überzeugt gewesen, dass sie ihren Sieg in einem der vielen Clubs in Houston feiern sollten.
Es war nur das erste Spiel gewesen, „nur“ gegen Curaçao, weshalb Kai das Ganze ehrlich gesagt ein bisschen übertrieben fand. Wenn er ganz ehrlich war, war er sogar ziemlich abgeneigt gegenüber der Idee gewesen.

Ein entspannter Nachmittag im Hotel, früh ins Bett gehen und ein Videoanruf mit Frau und Sohn klangen ideal.

Kein Stress.
Keine Musik.
Keine fremden Menschen.
Keine betrunkenen fremden Menschen.

Aber nein, das Schicksal hatte mal wieder andere Pläne für ihn. Das Schicksal namens Nick Woltemade. Wer hätte das bloß gedacht. Bevor Kai sich heimlich nach dem Spiel aus dem Staub machen konnte, erschien der Lange schlagartig aus der Menge und schnellte auf ihn zu.

Kurz davor war er noch vertieft im Gespräch mit ihren Teamkollegen gewesen. So wie Kai ihn kannte, hatten sie sich bestimmt über ihren geplanten abendlichen Ausflug unterhalten.

Bevor er bis drei zählen konnte, legte Nick den Arm um seine Schulter und grinste ihn verschmitzt aus dem rechten Augenwinkel an.

„Kaiiii, Alter, auf dich können wir doch auch zählen, was? Du weißt schon, Teamgeist stärken und so.“

„Das Einzige, was verstärkt wird, ist eure Alkoholtoleranz.“

„Komm schon, sei kein alter Mann.“ Oh, was hätte er in dem Moment gegeben, um dem anderen das Grinsen vom Gesicht zu wischen.

Lange Geschichte, kurzer Sinn. Schließlich landete er in irgendeiner komplett fremden Bar in Houston, anstatt eingekuschelt in seinem Hotelbett. 

Vielen Dank für nichts an dieser Stelle, Nick. Das einzig Positive war, dass sie hier in Texas fast kein Schwein erkannte. Eigentlich so wie fast überall in den USA. Daran könnte er sich langfristig gewöhnen.

Mittlerweile hatten sich ein paar der Jungs dazu entschieden, die Tanzfläche unsicher zu machen, während der Rest hauptsächlich verteilt an der Bar stand oder hinten, in ihrer zuvor ergatterten Sitzecke, blieb.

Flo und Jamal waren bestimmt ohne Spaß jetzt seitdem sie den Club betraten dabei, höchst euphorisch das heutige Spiel auseinanderzunehmen. Kai hatte zwar zwischendurch auch ab und zu seinen Senf dazu gegeben, entschied sich aber nach einiger Zeit, die Konversation zu ghosten.

Eine kleine Pause vom Fußball brauchte auch er mal.

Während ihr Gespräch immer mehr in den Hintergrund rutschte, machten es sich vor allem die Älteren des Teams zur Aufgabe, sich gegenseitig über ihre Ehen auszutauschen.

Den Themen-Switch je nach Altersgruppe fand er dann auch ganz amüsant.
Naja, vielleicht konnte er sich ja hier mehr im Gespräch einbringen.

„Meine Frau hatte mich nach dem Spiel angerufen. Sie hatte schon wieder solche Rückenschmerzen“, begann Schlotti nun wehleidig in die Runde zu erzählen.

Mit müdem Blick nahm er einen weiteren Schluck von seinem Bier.

„Sie meinte, ihr Schlafrhythmus wird immer unregelmäßiger und die Tritte vom Baby werden auch immer stärker. Ich glaube, bald ist es so weit. Zum zweiten Mal Vater dann. Ich kann es zwar kaum abwarten, aber das Schreien und die schlaflosen Nächte kann ich jetzt schon hören. Da klappt es endlich einigermaßen mit dem ersten und zack, kommt das nächste schon.“
Trotz seines erschöpften Blickes konnte man das sanfte Lächeln des Spielers erkennen. Kai kannte das Gefühl nur allzu gut. Zwischen Arbeit und Privatleben ist es nicht immer leicht, einen Ausgleich zu finden, aber Mann, war die Geburt seines Sohnes vielleicht der schönste Moment in seinem Leben.

Alleine beim Gedanken erwischte er sich dabei, wie ein verträumtes Lächeln auf sein Gesicht huschte.

„Was lachst du da denn so? Wie läuft es bei dir, Kai? Auch schon über ein Jahr ist es jetzt her, was? Die Zeit verfliegt so schnell“, fragte jener nun.

Als er hochblickte, konnte Kai sehen, wie schnell die Augenpaare seiner Teamkollegen nun auf ihn wanderten.

„Ahh, fang gar nicht erst damit an. Der Kleine wird immer sicherer mit dem Laufen und ist gerade komplett dabei, das für sich auszunutzen. Sophia tut mir einfach nur leid. Ich wünschte, ich könnte sie öfter bei so was unterstützen. Sie weiß natürlich, dass das unmöglich ist, und würde mir das nie vorhalten, aber schlecht fühlen tu ich mich trotzdem“, seufzte er.

Was würde er nur ohne Sophia machen. Es stimmt zwar: Er ist Nationalspieler für Deutschland. Er sollte höchst fokussiert sein und mittlerweile keinen einzigen Gedanken mehr daran verlieren – so etwas bringt der Fußballtraum halt mit sich. Trotzdem, selbst kurze Gespräche mit seiner Frau oder ein paar „Papas“ im Hintergrund währenddessen lassen seine Gedanken dann doch mal öfter zu seiner Familie abschweifen.

„Mann, das hört sich wirklich schrecklich an. Bin ich froh, dass das bei mir erstmal noch kein Thema ist“, mischte sich nun auch mal Nick mit einem verschmitzten Grinsen in das Gespräch ein.

Er lehnte sich entspannt auf die Bank hinter sich zurück und verschränkte die Arme hinter seinem Kopf.

Dass sich der Blonde schon wieder ins Gespräch einmischte, wunderte ihn nur gering. Er hatte wirklich das Gefühl, er hatte immer was zu sagen. Er hatte sich schon gefragt, wann es wieder so weit ist.
Hach, wenn er nur einmal so sorglos wie Nick durch das Leben laufen könnte.

Kai wusste zwar, dass seine letzte Saison bei Newcastle nicht gerade ideal für ihn lief, musste aber zugeben, dass es so aussah, als ob Nick das Ganze gut verarbeiten konnte. Wenn es wirklich so war, freute er sich immens für ihn. Er weiß ja selbst, wie schwer so was ist.

Nick und er waren in nur kurzer Zeit echt gute Freunde geworden und ja, auch wenn er oft genervt von ihm tat, hatte er ihn echt in sein Herz geschlossen. Abgesehen davon war er einfach einer der lustigsten Menschen, die er kannte, und seine gute Laune war echt ansteckend.

„Willst du etwa keine Kinder?“, kam es nun überraschenderweise von Nene, der bis jetzt ungewöhnlich still das Gespräch von Flo und Jamal verfolgt hatte.

Normalerweise ist auch er einer der eher aktiveren Quatscher der Gruppe, scheint wohl ein bisschen müde zu sein. Nach seinem Spitzen-Spiel heute keine Überraschung.

„Ich meine, ist ja nichts Verwerfliches“, fügte er hastig hinzu. Kai konnte erkennen, wie ihm die Röte in die Wangen stieg.

„Du kamst mir einfach nur wie jemand vor, der echt gerne Kinder will, checkst du?“

„Doch, eigentlich ja schon ...“, erwiderte Nick nun etwas überrumpelt, was Kai überraschte.

Wurde er das etwa noch nie gefragt? Das kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Jener fing gerade an, wild mit seinen Händen in der Luft herumzugestikulieren, offensichtlich nach Worten suchend, als er plötzlich von hinten, mitten im Wort, unterbrochen wurde.

Toni, der gerade von seinem Toilettengang zurückkam, hatte anscheinend die letzten Sätze des Gespräches aufgeschnappt. Er sah äußerst amüsiert aus und boxte Nick in die Schulter, bevor dieser seine Erklärung beenden konnte.

„Och, lasst den Armen doch mal in Ruhe. Hallo? Er ist immerhin erst 24. Nicht wahr?“ Grob wuschelte er dem Blonden durch seine gefärbten Locken.

„In dem Alter hat man ganz andere Sorgen“, zwinkerte er.

„Du bist ein freier Mann, genieß noch deine Blütezeit, bevor du dich in die Ketten der Ehe legst. Glaub mir, das geht schneller als gedacht. Ein Wimpernschlag und zack, das nächste Kind ist schon auf dem Weg.“

„Genau so nämlich, du checkst es. Ich bin halt ein schwer beschäftigter Mann. Außerdem hört sich das alles so fest und ernst an. Viele Frauen schreckt so etwas ab“, erwiderte Nick nun deutlich entspannter als zuvor. Seine Verkrampftheit war verschwunden. Rüdigers Aussage hatte ihm wohl einiges an Erklärungen erspart.

Klar hoffend, dass das Thema endlich beendet war, nahm auch er einen Schluck von seinem Getränk, was beim genaueren Hinsehen irgendwie radioaktiv aussah. Kai musste sich echt gestehen, dass er nicht wusste, was der andere da überhaupt trank.

Für ihn sah das knallgrüne Getränk eher weniger appetitlich aus.

Naja, jedem das Seine.

„Ach, ist das so?“, warf Flo plötzlich aus der rechten Ecke ein. Seine elend lange Spielanalyse mit Jamal hatte wohl endlich ein Ende gefunden.

„Ich weiß ja nicht, Mann, deine Strategie scheint irgendwie nicht so aufzugehen, was?“, führte er mit hochgezogenen Augenbrauen und neckendem Blick fort.

„Oder übersehe ich hier die Ladys, die Schlange stehen?“ Nachahmend legte er eine Hand an die Forehead und tat so, als ob er sie im Raum suchte. Toll, jetzt fing das wieder an.

Die beiden hatten es sich irgendwie innerhalb der letzten Tage zum Ziel gemacht, sich gegenseitig auf die Palme zu bringen. „Nur aus Spaß, Bruder“, wie sie es meinten.

Doch Kai war sich sicher, dass ihr kleines Spiel für einen der beiden noch tödlich enden würde. Da hatten sich wirklich zwei Idioten gefunden.

Es war klar, dass er mit seiner Aussage eine Reaktion aus dem anderen herausbekommen wollte. Das kann ja wieder was werden. Mit einem Seufzer verschränkte nun auch Kai die Arme vor der Brust. Er wusste, was gleich kommt, und entschied sich aus eigener Sicherheit auf Rückzug zu gehen. Gleich fliegen die Fetzen.

„Was laberst du eigentlich schon wieder, kleiner Mann? Nur weil deine Freundin Wohltätigkeitsarbeit damit betreibt, dich als Freund zu nehmen, heißt das jetzt nicht direkt, dass du der Experte bist, wenn es um Beziehungen geht. Weder verlobt noch verheiratet bist du. Und ein Kind hast du erst recht nicht“, feuerte der andere schnell zurück. Er war, offensichtlich seinem Grinsen nach zu urteilen, stolz auf seine Aussage.

„Der Einzige, der mir was von Frauen erzählen kann, ist Kai. Ihr wisst doch selber, was im Internet über ihn geschrieben wird. Die Ladys lieben dich, Mann.“

Meine Güte, was schon wieder für ein Kindergarten. Und der soll nur drei Jahre jünger sein als er? Dieses Arschloch, jetzt wird er ja doch mit reingezogen.

Und ja, er wusste tatsächlich auch, was die Leute so über ihn im Netz schreiben. Er ist sich auch bewusst, dass er von vielen dort als sehr attraktiv angesehen wird. Und ja, natürlich ist das nicht unbedingt etwas Schlechtes.

Dennoch, wenn sich die Leute mal mehr auf seinen Fußball anstatt auf sein Aussehen konzentrieren würden, fände er das schon angenehmer. Immerhin ist er ja Fußballer und kein Model. Dass es mittlerweile immer mehr abflacht, findet er sehr entspannt. Wenn er an die Zeit um 2021 denkt, stellen sich seine Haare alleine beim Gedanken daran auf.

„Haltet mich bitte aus euren nervigen Spielchen raus. Ich bin glücklich verheiratet und das war's. Wenn ihr unbedingt über euren Frauengeschmack diskutieren wollt, macht das ohne mich.“

Er hatte das Gefühl, dass es doch ein bisschen harscher als gedacht herauskam. Aber meine Güte, wenn es nach ihm ginge, wäre er eigentlich gar nicht hier.
Die beiden aber zuckten nicht mal mit der Wimper und Flo machte unbeschwert weiter.

„Mann, du bist hier der Letzte, der solche Töne spucken sollte. Also nichts gegen dich, Großer, aber wir wissen alle, dass es bei dir und den Ladies nicht gerade läuft, was?“, feuerte Flo sofort selbstbewusst zurück, Kais vorherige Aussage im Raum stehen lassend.

Kai konnte aus dem Augenwinkel erkennen, wie das Grinsen von Nick minimal verrutschte und auch, dass seine Körpersprache angespannter wirkte. Für die anderen wahrscheinlich gar nicht bemerkbar.

Kai hatte innerhalb seiner Karriere durch genaues Beobachten seiner Mitmenschen immer viel gelernt und gemerkt. Irgendwann hatte es sich dann automatisch auch auf seinen Alltag ausgewirkt.

Vor allem bei Menschen, die ihm nah standen, konnte er mittlerweile ohne Worte, nur anhand ihres Gesichtsausdruckes, vieles ablesen.

Dort, wo Nick vorher schon fast mit der Sitzbank verschmolzen war, schnellte er unvermittelt kerzengerade hoch, fast seinen Drink umschmeißend. Trifft ihn wohl doch mehr als erwartet.

„Ach ja, und das weißt du jetzt woher genau?“, verkündete er nun mit breiter Brust.

„Einen Blick in meine Insta-DMs und vertraut mir, ihr lacht nicht mehr so.“ Euphorisch gestikulierte jener nun wild fuchtelnd auf sein Handy, welches er mittlerweile auf den Tisch gekracht hatte. Dass das nicht schon längst den Geist aufgegeben hatte, fragte er sich schon gar nicht mehr.

„Bah, nein danke, Bruder. Ich will gar nicht wissen, mit was für kranker Scheiße du Leute da belästigst.“ Flo verzog nun übertrieben das Gesicht und tat so, als ob er sich übergab.

Darauf musste selbst Nick lachen und Kai hoffte, dass ihre kleine Auseinandersetzung erstmal als beendet erschien. Aber naja. Einer musste ja immer gewinnen.

„Aber komm, Mann, ‚I have a lot of games‘ als Ausrede für deine Misserfolge zieht nicht so gut.“

„Ernsthaft, dieses kack Interview? Alter, woher kennst du das jetzt schon wieder?“

„Komm, Mann, das kennt doch mittlerweile wirklich jeder.“

„Welches Interview?“, mischte sich nun Kai doch wieder ein. Also bis gerade kam er ja noch mit.

„Die Leute wollen halt wissen, auf was Big Nick steht.“ Flos Grinsen wurde immer ironischer.

„Kannst du sie dafür verurteilen?“, führte er fort, Kai komplett ignorierend, zu investiert in ihr Argument.

„Welches Interview?“, versuchte er es erneut, nun etwas lauter. Er hasste es, ignoriert zu werden.

„Ja, das eine.“ Doch Ahnungslosigkeit gefiel ihm noch weniger.

„Mann, wollt ihr mich eigentlich verarschen? Von was für einem Interview labert ihr die ganze Zeit?“ Seine Nerven wurden für heute schon genug strapaziert. Wäre er doch einfach im Hotel geblieben, anstatt sich hier mit gefühlt zwei Kleinkindern rumzuschlagen.

„Als er gerade bei Newcastle anfing. Scheiße, haben die Interviewer dort vielleicht Eier. Fragen ihn einfach mitten in der Pressekonferenz, ob er schon eine bestimmte Lady kennengelernt hat“, höhnte jener.

Kai hatte seine eigenen Erfahrungen mit aufdringlichen Reportern und Klatschpressen gemacht, aber so eine direkte Frage übers Privatleben hat in einer Konferenz definitiv nichts zu suchen. Ungläubig drehte er sich zu Nick.

„Warum bekomm ich so was nie mit? Und, was hast du ihnen geantwortet?“ Wie er damit umging, interessierte ihn dann ja schon.

„Ja, was wohl? Hab ich doch schon gesagt.“

Mittlerweile war der Tonfall in seiner Stimmung deutlicher herauszuhören. Er wirkte jetzt genervt. Nicht zu auffällig, aber selbst Flo sollte spüren, dass die Stimmung seines Kollegen rapide in den Keller sank. Mann, das Interview muss wohl ein wunder Punkt sein.

„Ich hab ihnen gesagt, dass ich das aufgrund der ganzen Spiele nicht schaffen könnte, selbst wenn ich es wollte. Was ja auch stimmt.“

„Ach, und davor hat er den Reporter gefühlt ausgelacht und so getan, als ob er die Frage urkomisch findet.“

„Ist sie ja auch. Mann, ich bin da, um Fußball zu spielen, nicht um irgendwelche Frauen aufzureißen.“ Er schien sich nun echt zu verteidigen.

„Und genau deswegen bist du Single, mein Lieber, und wir nicht. Du schreckst die Damen ab. Sei doch mal offener für so was. Auch wenn ich immer sage, dass deine Visage nicht die schönste ist, wissen wir beide, dass da draußen welche alles für eine Chance mit dir geben würden. Du bist halt einer der Einzigen ohne Freundin hier. Selbst unser Jamal hat da mehr am Laufen. Da wundert man sich halt mal, auch als Presse.“

Flo schien weiterhin nicht ansatzweise zu merken, dass ihr spielerisches Necken eine kleine Wendung eingenommen hatte, und machte unbesorgt schamlos weiter.
„Und, Mann, anscheinend nicht nur da draußen“, stichelte er und zeigte viel zu auffällig rechts an Nicks Kopf vorbei.

Kai folgte dem Finger des anderen, der schräg rechts auf eine blonde Frau an der Bar zeigte. Fast noch auffälliger folgte Nick seinem Blick und traf genau auf den durchdringenden der Frau, die sich offenbar erwischt fühlte und sich schnell vom Geschehen wegdrehte.

Oh Gott, die Arme.

Es haben sie gerade ungelogen mehrere Männer gleichzeitig beim Glotzen erwischt.

„Scheiße, Mann, das ist mir ja gar nicht aufgefallen“, kam es plötzlich von Pavlo, der bis gerade zutiefst in sein Handy vertieft gewesen war. Was eine Überraschung. Kaum kommt das Thema Frau in Reichweite auf, ist einer hellwach.

„Nick, Mann, ist die hot. Das ist deine Chance, Bruder“, brach es aus ihm heraus.

„Leute, bitte, das könnt ihr doch jetzt wirklich nicht ernst meinen. Wie alt seid ihr? Wir sind hier als Team bei der scheiß WM, nicht bei irgendeinem Double-Date“, wehrte sich Nick erneut.

„Das nächste Spiel ist erst in einer Woche und keine Sorge, die Bank warmzuhalten, wird jetzt nicht so anstrengend werden“, kam es erneut von Flo. Die beiden schenkten sich auch wirklich nichts.

„Du Bastard.“ Nick gab ihm einen Hieb auf den Kopf und drehte sich zu den anderen der Gruppe um.

„Ich werde hier von einem Jüngeren fertiggemacht. Hallo?! Wieso sagt denn niemand was?“, tat er nun äußerst entsetzt. Bei so einer übertriebenen Reaktion musste er sich jetzt wirklich nicht wundern, wenn keiner ihn ernst nahm.

Die anderen schauten immer noch amüsiert zu, während Flo schon erneut den Mund aufriss. Heute hatte er wohl einen Lauf.

Kai überlegte erst, ob er was sagen sollte, um Nick zu verteidigen. Jener schien jedoch äußerst erfreut, dass die Aufmerksamkeit rund ums Thema fremde Frau wieder auf ihn und sein Spiel ging.

„Erstens bist du gerade mal ein Jahr jünger und zweitens: nicht ablenken jetzt. Mann, die da hinten starrt dich ungelogen seit einer halben Stunde an.“ Hat ja lange gedauert.

„Scheiße, ich hab schon fast Angst vor ihr.“

„Und was soll ich eurer großartigen Meinung nach machen?“

„Sprich sie an“, kam es jetzt selbst schon von Nene, der im Gegensatz zu Pavlovic zwar zuhörte, aber wirklich bis jetzt keinen weiteren Mucks von sich gegeben hatte.

„Wenn du jetzt noch fragst wie, dann denk ich wirklich, du hast noch nie mit einer Frau, die nicht deine Mutter oder Schwester ist, geredet. Du bist Single. Sie will dich. Was stoppt dich noch?“, rollte Flo die Augen.

„Okay, okay, ist ja schon gut, ich geh.“ Klar zögernd stand der Blonde unbehaglich von seinem Platz auf der Sitzbank auf. So kannte Kai ihn gar nicht. Nick war wohl einer der extrovertiertesten Menschen, die er kannte. Leute ansprechen war für ihn nie ein Problem.

Dass ihn so was so aus dem Konzept brachte.
Sollte er jetzt doch etwa was sagen und eingreifen? Er war sich sicher, dass die Jungs es nicht böse meinten, aber für ihn war es klar, dass Nick gerade nicht besonders aus eigenem Willen handelte.

Andererseits war er ein erwachsener Mann. Er wird doch selber sagen können, wenn ihn etwas wirklich stört, oder? Er ist immerhin nicht der 14-jährige Kai, der damals durch Gruppenzwang gedrängt wurde, ein Mädchen nach einem Date zu fragen, nachdem ihm zehnmal versichert wurde, dass sie seine Gefühle erwidern würde.

Spoiler: Er wurde gekorbt.

Nick war zwar nicht vierzehn und auch nicht, im Gegensatz zu ihm damals, ernsthaft an dem Mädchen interessiert, erinnerte ihn aber trotzdem ein wenig an damals.

Es konnte ja nicht schaden. Nick war vielleicht ein Idiot, aber dass er sich unwohl oder zu etwas gezwungen fühlte, nur um die Jungs zu beschwichtigen, sollte nicht passieren.

„Ey Mann, du musst das nicht machen. Lass dir von dem Idiot nichts einreden.“ Als Unterstützung legte er eine Hand auf seine Schulter.

„Ach was, ist doch nichts dabei. Vertraut mir, ich mach das nicht das erste Mal. Schaut zu und lernt, Leute!“ Und da ist der alte Nick wieder mit seinem schelmischen Grinsen. Naja, wohl umsonst Sorgen gemacht. Bevor er sich endgültig auf den Weg machte, nahm er noch einen großen Schluck von seinem Drink.

Wenigstens unauffälliger als zuvor folgte jedes Augenpaar des Tisches nun dem großen, blonden Mann, der sich mit Mühe durch die Menge zu kämpfen versuchte.

„Mann, warum hat der überhaupt so lange überlegt? Die Frau ist ein Traum und scheiße, die zieht ihn ja schon fast aus mit ihren Blicken.“ Pavlo nahm wirklich kein Blatt vor den Mund. Auch wenn Kai die Aussage schon sehr vulgär fand, musste er zugeben, dass da wohl etwas dran war.

„Also wenn der heute nicht mehr ins Hotel zurückkommt, würde mich das nicht wundern“, fantasierte Pavlo nun, die Augenbrauen hochreißend und zwinkernd.
Gerade als Kai seine Teamkollegen dazu auffordern wollte, die beiden alleine zu lassen, war Nick schon an der Bar angekommen. Bei so einer Körpergröße weichen die Leute aus Einschüchterung wohl schneller zurück.

Nick stand nun direkt vor ihr. Von ihrem Platz konnte man die beiden leider echt perfekt beobachten. Es war nicht zu übersehen, dass sie ihn von oben bis unten musterte. Ja, die ganzen 1,98 Meter.
Nick setzte gerade dazu an, seinen Mund zu öffnen, wahrscheinlich um irgendeinen lahmen Anmachspruch zu drücken, als sie ihm zuvorkam. Und zwar richtig.

Ihr Mund öffnete sich kurz und im nächsten Moment, bevor er überhaupt antworten konnte, wurde er von ihr auf die volle Tanzfläche gezogen. Also Selbstbewusstsein hatte da jemand auf jeden Fall.

Die Frau war schon viel kleiner als Nick. Sie trug ein schwarzes, knappes Kleid mit tiefem Ausschnitt, was jetzt echt nicht viel zur Vorstellung ließ. Ihr doch schon sehr attraktives Gesicht wurde von blonden Locken umgeben.

Er wusste genau, wie Frauen wie sie tickten. Er selbst begegnete ihnen für seinen Geschmack leider viel zu oft, sobald sie feiern gingen.

Andererseits konnte er sie auch nicht verurteilen, dass so viele Männer auf ihre Spielchen hereinfallen. Selbst schuld. Pavlo wäre wohl das perfekte Opfer. Er konnte sich vorstellen, dass sie wohl vielen Männern den Kopf verdrehte.

Seine Gedanken wurden plötzlich von einer schrillen Stimme neben ihm unterbrochen.

„Ach du Scheiße, da geht es aber ganz schön zur Sache. Da will wohl jemand heute nicht alleine nach Hause. Huiiuiu.“ Und tatsächlich, während er in seinen Gedanken versunken war, hatten die beiden anscheinend angefangen zu tanzen.

Doch hatte sich ihr unschuldiges Tanzen schnell in eine etwas andere Richtung entwickelt. Die Frau stand nun vor Nick, eine ihrer Hände um seinen Hals gelegt. Mit der anderen versuchte sie gerade, seine Hand an ihre Hüfte zu führen. Währenddessen fing sie schamlos an, ihren Hintern an dessen Hüfte zu reiben.

Oh Gott, das fühlte sich ja dreckig an, nur in die Richtung der beiden zu schauen.

Kai hatte nicht gedacht, dass Nick so jemand wäre. Ganz im Gegenteil, bei seiner sonstigen Art und auch seinen Aussagen vorhin dachte er, dass der andere eher ein bisschen schüchterner ist, wenn es um Frauen geht.

Vielleicht sollte er nicht so überrascht sein. Das Thema ist halt bei ihren Gesprächen einfach noch nie aufgekommen. Wieso auch?

„Mann, was macht der denn da? Hat der einen Stock im Arsch? Wieso ist der so starr?“, ertönte Flo erneut neben ihm. Was seinen Blick dann doch automatisch wieder auf das Geschehen lenkte.

Und das Wort „starr“ beschrieb es dann doch ganz gut. Am Anfang erschien ihm die Position der beiden einfach durch ihren extremen Größenunterschied als unangenehm. Beim erneuten Hingucken bemerkte er jedoch, dass alleine der Blonde die Ursache war. Scheiternd versuchte die Frau, Nick dazu zu bewegen, seine Hand an ihre Hüfte zu legen. Er sah, wie sie erfolglos den anderen zu animieren versuchte, die Geste zu erwidern.

Nach bestimmt einer Minute Einreden gab Nick wohl auf und ließ es einfach über sich ergehen. Toll, Nick hatte es geschafft, dass ihre Position nun nur noch mehr erzwungen als davor aussah.

Seine Steifheit ließ sich selbst quer bis zu ihnen durch den Club erkennen. Auch sein Blick lag nicht auf ihr, sondern flog leer im Raum herum. War der überhaupt noch anwesend?

Er wusste nicht, wie viel Nick getrunken hatte. War er etwa schon so weg? Er sah aus wie in einer Trance gefangen.
Seine Tanzpartnerin schien dies nicht zu bemerken und machte unbeschwert weiter. Kai fing an, sich Sorgen zu machen.

„Leute, wie viel hat der gesoffen? Seht ihr nicht, der ist komplett weg? Ich hole ihn da raus, bevor er noch etwas macht, was er später bereut.“

Gerade als Kai begann aufzustehen, begann die Frau, sich umzudrehen und Nick langsam näherzukommen. Ihre Hand begann hastig seinen Hals hochzuhuschen und ihr Blick fiel hoch auf seine Lippen. Ihre Intentionen waren glasklar. Doch noch bevor sie es schaffte, ihre Lippen auf seine zu legen, riss sich der Blonde plötzlich ruckartig von ihr los, offenbar aus seiner Trance erwacht. Er wirkte wie vom Blitz getroffen.

„Was ist denn jetzt los?“, kam es verwundert von den anderen.

Kai konnte sehen, wie Nick mit seinen Lippen hektisch Wörter formte und auf sein Handy zeigte, was er kurz davor aus seiner Tasche geholt hatte. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und rollte die Augen. Doch noch bevor sie ihre offensichtliche Enttäuschung aussprechen konnte, begann Nick, den Club schnurstracks, mit dem Handy am Ohr, nach draußen zu verlassen. Wie konnte er es bei der lauten Musik überhaupt klingeln hören?

„Kann nicht sein, er haut einfach ab.“ Entsetzt riss Pavlo die Arme in die Luft.
Hätte Nick nicht so auffällig unwohl ausgesehen beim Tanzen, hätte er wohl ein bisschen mehr Mitleid für sie empfunden.

„Er ist mit dem Handy weg, sieht aus, als ob ihn jemand angerufen hat. Sah wichtig aus“, verteidigte er ihn hastig, bevor die Jungs noch auf falsche Ideen kamen.

„Wichtig genug, um sie stehenzulassen?“, kam es nur von Pavlo zurück. Mann, seine Eifersucht stand ihm ausdrücklich ins Gesicht geschrieben.

„Kai, weißt du von irgendwas? Ist was vorgefallen?“, unterbrach ihn nun Schlotti, der deutlich besorgter als Pavlo aussah.

„Nicht dass ich wüsste. Sollte ich nach ihm schauen?“

„Nee, lass ihn erstmal. Wird ja anscheinend was Privates sein.“

Es vergingen 5 Minuten. Dann 10. Dann 20.

So langsam machte er sich aber Sorgen. Ist was mit seiner Familie passiert?

Plötzlich schlugen ihm zwei Hände von hinten mit voller Wucht auf die Schultern.

„Was guckt ihr denn alle so ernst? Alter, ist jemand gestorben oder was?“
Der Blonde stand plötzlich mit einem Riesenlächeln direkt hinter ihm.

„Ja, sag du uns das. Du bist ja förmlich von der Tanzfläche gestürmt. Was war? Wir haben uns schon Sorgen gemacht.“

„Ah, achso, sorry Leute … Ja, alles klar, keine Sorge, war nur mein Manager.“ Sich am Kopf kratzend fuhr er fort:

„Nichts Besonderes, ihr wisst schon. Aber Mann, ihr wisst ja: Lieber falsche Vorsicht haben als keine.“

Nachdem die Jungs dies mit einem gemeinsamen Nicken quittierten, war das Thema für Nick anscheinend abgeschlossen.

„So, gibt es jetzt noch eine Runde oder was? Geht auf mich, Jungs!“ Euphorisch schlug er die Hände zusammen und war schon mit halbem Bein wieder an der Bar.

„Was ist mit der Frau von vorhin? Du hast sie einfach stehengelassen“, brachte Pavlo sich wieder ins Gespräch ein. Er verzog seine Miene schon ganz schön stark.

Meine Güte, wenn er sie doch so toll fand, sollte er sie einfach selber ansprechen. Er glaubte ehrlich nicht, dass Nick das jucken würde.

„Huh? Ach ja, ich glaub, da hab ich es wohl verbockt. Naja, kann man nichts machen. So, was wollt ihr, Jungs?“ Jap, da hatte er die Antwort. Der Blonde könnte gar nicht glücklicher aussehen, als er sich eilig auf den Weg zur Bar machte.

Als auch der Rest der Mannschaft merkte, was Nick an der Bar zu suchen hatte, fingen auch sie an, sich wieder zu den anderen zu gesellen. Klar sind sie alle reich, aber zu kostenlosem Alkohol sagt wohl niemand Nein.

Noch bevor Nick zurückkam, war das Thema rund um die Frau wohl abgeschlossen.

Dennoch konnte Kai nicht anders, als die Interaktion immer wieder im Kopf abzuspielen. Er musste zugeben, dass das Ganze bei ihm einen bitteren Beigeschmack hinterließ.

[Club, 14.06.2026, Houston, Texas, 03:51 Uhr]

Es war bereits kurz vor 4 und die meisten der Jungs waren mittlerweile abgehauen oder warteten auf ihren Fahrer zurück zum Hotel. Kai war noch kurz auf Toilette gegangen und stieß dann zu dem wartenden Nick dazu, der es sich auf der Bordsteinkante vor dem Club gemütlich gemacht hatte. Die beiden hatten sich kurz davor abgesprochen, zusammen zurückzufahren.

Der andere starrte fast schon hypnotisiert auf sein Handy und war hektisch am Tippen. Ob das Gespräch vorhin doch ernster war, als er zugeben wollte? Er und Nick waren eng miteinander, aber eng genug, um über so was zu reden? Er wollte nicht zu stark in seine Privatsphäre einschreiten.

Er sollte wohl lieber warten, bis der Blonde sich von alleine entschied, es ihm mitzuteilen.

Als Nick ihn bemerkte, steckte er sein Handy wieder rasch in seine Tasche und drehte sich zu ihm hoch. Mittlerweile konnte man selbst bei ihm die Müdigkeit im Gesicht erkennen. Auch seine blonden Locken standen ihm in alle Richtungen ab – hoffentlich hatte er nicht zu tief ins Glas geschaut.

Kai war inzwischen auch komplett durch und entschied sich, sich neben Nick auf den Bordstein zu setzen. Etwas, was er spätestens morgen, wenn er ein klebendes Kaugummi an seiner Hose entdeckt, bereuen wird.

Die Straße um sie herum war leer.

Ab und zu kam zwar ein Auto an ihnen vorbei und die abgedämpfte Musik des Clubs war noch immer leicht im Hintergrund zu hören, sonst aber war es komplett still.

Die Temperatur hatte sich derweil runtergekühlt und nurnoch eine leichte Brise zog an ihnen vorbei.

Eigentlich wäre dies der perfekte Moment zum Runterkommen, würden Kai nicht die ganze Zeit Gedanken an vorhin plagen. Er weiß, dass er in der Theorie nichts falsch gemacht hat, hat aber auch das Gefühl, das Ganze nicht einfach so stehen lassen zu können.

„Ey Mann.“

„Mhh“, kam es nuschelnd vom Blonden, der mittlerweile sein Gesicht in seinen Knien vergraben hatte.

„Das vorhin mit der Frau – du musstest das nicht machen“, versuchte er vorsichtig das Wasser zu testen.

„Die Jungs sind halt manchmal Idioten, das weißt du doch.“

„Ach, das war doch nichts“, kam es immer noch nuschelnd zurück.

„Sie ist echt total auf mich abgefahren, hatte das schon von Anfang an gemerkt.“
Von Anfang an? Noch bevor Flo das gerafft hatte? Er hatte sie also extra ignoriert. Oh Mann, wieso fällt Kai so was dann doch wieder nicht auf.

„Ist doch klar, dass sie erwarten, dass ich voll darauf abfahre und die gleichen Vibes zurückgebe. Sie … sah doch gut aus“, fragte er gerade Kai?

„Sollte es aber nicht“, gab er mit ernster Miene zurück.

Als Kai vorsichtig näher an ihn heranrutschte, hob Nick endlich den Kopf an.

Sein Blick war schwer zu entziffern. Kai fand, er hatte eine gewisse Sanftheit, aber gleichzeitig auch etwas unglaublich Einsames an sich.

„Kai, es ist wirklich okay. Ich kann machen, was ich will. Ich bin immerhin ein erwachsener Mann. Die Jungs wollen doch nur Gutes für mich. Aber ihr müsst euch wirklich nicht darum sorgen, dass ich Single sterbe. Bei meiner Größe und dem Einkommen sind bestimmt viele bereit, sich auf meine Visage einzulassen.“

Er war sich sicher, dass Nick es als Witz gemeint hatte, fand aber die Vorstellung, dass er wirklich denken könnte, dass er nur wegen seiner Karriere geliebt werden könnte, äußerst deprimierend.

„Dass die Jungs auf einmal so großes Interesse an meinem Liebesleben haben, sollte mich weniger schocken. Sind ja nicht die Ersten, die sich erkundigen, was?“, spielte er eindeutig schon wieder auf das Interview an. Nick versuchte erneut, die Situation durch einen Witz aufzulockern. Es war Kai mittlerweile aufgefallen, dass der andere dies immer öfter tat, als er zuerst dachte.

Er wünschte sich, dass Nick sich nicht vor ihm verstellen müsste. Wenn ihn etwas bedrückte, hatte er das Recht, es mitzuteilen. All diese Loser, die meinen, Männer – vor allem im Fußball – sollten keine Schwäche zeigen, haben wirklich einen an der Klatsche.

„Ach Mann, du weißt selber, es gehört so viel mehr zum Leben als das. Lass dich davon bitte nicht definieren. Ignorier die Fragen einfach.“

Ja, Kai, das Ganze ist nur leichter gesagt als getan.

Mann, er weiß doch selber, dass er nicht gerade die besten Ratschläge gibt.

„Pfft, sagt der Richtige, was? Hast immerhin eine total perfekte Frau und einen Sohn. Sophia ist wirklich der Hammer, Mann. Bilderbuchfamilie, was? Kaum ist das Spiel vorbei, wirst du küssend auf der Tribüne empfangen. Du schwärmst doch selber immer davon.“

Hätte das jemand anderes so formuliert, wirkte es wohl ziemlich vorwurfsvoll. Kai aber wusste, dass Nick es nicht so meinte. Es schien, als ob der andere etwas aufzuarbeiten hatte.

„Ja schon, aber … ich will einfach nicht, dass du dich zu irgendwas gezwungen fühlst“, stand er nun klein bei.

Es hörte sich von außen schon ein bisschen bescheuert an, aber am heutigen Abend hatte Kai das Gefühl, dass er es gar nicht oft genug erwähnen konnte. Nicks Blick auf der Tanzfläche ging ihm einfach nicht aus dem Kopf.

Nick zeigte keine Reaktion. Distanziert in die Ferne blickend, konnte Kai erkennen, wie der andere gedanklich etwas abzuwägen schien.

Für die nächsten fünf Minuten passierte nichts.

Angespannt checkte Kai erneut, wann sie denn endlich abgeholt werden. Nick gefiel ihm heute irgendwie gar nicht. Für jemanden, der seine Gefühle sonst immer offen zeigte, wirkte der andere heute kaum wiederzuerkennen. So hatte er den anderen noch nie gesehen. Er wunderte sich, ob die anderen auch was bemerkt hatten. Ihren Reaktionen nach zu urteilen eher nicht.

Kai selbst musste sich im Stillen eingestehen, dass auch er recht spät erkannt hatte, dass nicht immer alle Grinsen von Nick seine Augen erreichten.

Völlig darauf vorbereitet, die letzten Minuten schweigend zu verbringen, erschrak Kai merkbar, als der andere wieder das Wort ergriff.

„Bist du glücklich?“

Mit was? Jetzt gerade? Mit meiner Karriere? Meiner Familie? Meinem Leben?

„Ich? Natürlich, ich liebe Sophia und den Kleinen über alles. Ich kann mir keine bessere Familie vorstellen.“ Nach ihren Gesprächsthemen vorhin war das wohl die Antwort, auf die Nick abzielte. Sein zufriedenes Lächeln bestätigte dies.

„Also da hast du es, deine Situation ist einfach perfekt. Kai, Alter, erzählst mir hier was von ‚Liebe ist nicht alles‘ und zack, im nächsten Moment beteuerst du, dass es der Mittelpunkt deines Lebens ist.“

War Nick jetzt etwa sauer oder eifersüchtig? Er verstand den anderen immer weniger.
Jetzt im Nachhinein muss er sich schon gestehen, dass die Aussage von vorhin doch ein bisschen ironisch war, von ihm kommend.

Mann, er machte heute ja wirklich alles falsch. Schweigen ist falsch, aber ihn anzusprechen auch? So langsam merkte auch er, dass er ein bisschen angepisst wurde. Der Alkohol spielte hier bestimmt auch keine kleine Rolle.

Trotzdem, darf er jetzt nicht mehr über seine Familie erzählen und Stolz zeigen, ohne dass der andere direkt eifersüchtig wurde?

Es hörte sich jetzt vielleicht harsch an, aber am Ende des Tages lag Nicks Schicksal in seiner eigenen Hand. Wenn er keine Freundin hatte, war das nicht gerade Kais Schuld. Egal, Wut bringt jetzt auch nichts. Vorsichtig versuchte er ein letztes Mal, eine nicht kryptische Antwort des anderen zu bekommen.

Er hatte das Gefühl, dass jetzt der einzige Moment dafür in einer langen Zeit sein wird.

Ganz ruhig, Kai, lass dich nicht von deinen Emotionen leiten, sei rational. Schreck ihn nicht ab.

„Ich glaube, ich versteh nicht ganz, was du von mir hören willst, Alter. Hört sich so an, als ob du auch heiraten und Kinder willst?“

„Nichts lieber als das“, kam es ihm nun mit einer Ernsthaftigkeit entgegen, die er so vom anderen gar nicht kannte.

„Warum redest du dann so, als ob das irgendwie unmöglich und nur mir vorbehalten ist, Mann? Manchmal verstehe ich dich echt nicht.“ Zweifelnd schüttelte er den Kopf.

„Dir stehen doch alle Türen genauso offen wie mir“, versuchte er es mit einem Lachen. Vorsichtig legte er seine Hand auf den Arm des anderen. Vielleicht sollte er, nachdem das alles hier vorbei ist, schauen, was er für den anderen organisieren könnte. Er schien ja wirklich äußerst versteift in das ganze Thema zu sein.

„Was, wenn nicht?“

„Hmhhh?“

„Was, wenn die Tür, die es gibt …“, vorsichtig legte Nick die Hand Kais von seinem Arm,

„Was ist, wenn sie für immer geschlossen bleiben muss?“ Nicks Blick traf nun direkt seine Augen. Durchdringend starrten seine blauen Augen ihn an. In dem Moment hatte er das Gefühl, einen Einblick in Nicks Seele zu erlangen.

Der andere atmete tief durch, offenbar kämpfend mit dem, was ihm nicht über die Lippen zu gehen schien.

„Ich muss dir was sagen. Versprich mir, dass du es niemandem jemals erzählst. Wirklich Niemand.Ich …“
„NÖÖÖÖÖÖTTT“, kam es plötzlich von der Seite.

Ruckartig zuckten die beiden auseinander. Ihr Fahrer war plötzlich vor ihnen erschienen. Sie mussten beide so angespannt gewesen sein, dass sie ihr Umfeld komplett ausgeblendet hatten.

„Scheiße, hab ich mich erschreckt. Nick, was wolltest …“

„Ach schon gut, nicht so wichtig, komm, ab nach Hause.“ Der Große war schon dabei, die Tür des Autos, nun wieder breit grinsend, zu öffnen.

Kai konnte nicht anders, als geschockt daran zu denken, wie schnell sich die Stimmung des anderen geändert hatte. Wie eine Maske, die er aufgesetzt hatte. Machte er das öfters?

Unberührt stieg Nick in das Auto ein. So, als ob er nicht gerade ein Wort davon entfernt gewesen wäre, sein komplettes Herz vor einem stinkigen Nachtclub in Texas auszuschütten.

Selbst als Kai später endlich im Bett lag, kam der Schlaf nur schlecht. Die Bilder von heutigen Tag gingen ihm einfach nicht aus dem Kopf. Nicks Grinsen. Die Frau aus dem Club. Die Kommentare der anderen. Nick, am Bürgersteig sitzend.

Er hatte das Gefühl, dass er irgendetwas Offensichtliches übersah. Mit Gedanken an verwundbare blaue Augen, die ihn anstarrten, schlief er schließlich zwei Stunden später ein.