Chapter Text
Vom höchsten Punkt der Zuschauertribünen der Arenen konnte man am besten sehen, wie Fans Sekunden nach Einlasszeit die Halle stürmten, um sich den besten Platz an der Barricade zu sichern. Teils ging es friedlich zu, teils waren es schon fast Kriege, um sich den besten Platz ganz vorn an der Bühne und damit auch eine Chance zu sichern, den Artist fast schon hautnah zu erleben und Interaktionen mit ihm zu haben. Seit es ein zufälliges Numbering-System in den meisten Arenen überall auf dem Globus gab, gab es auch weniger Gezanke und Leute campten nicht stundenlang vor dem Konzert, aber dennoch war es für Fans ein Wettbewerb, um den besten Platz an der Bühne zu bekommen.
Von hier oben sah man zwar den Künstler nicht mehr gut, ohne dass man auf die großen Bildschirme schauen musste, die den Künstler mit Kameras bei seiner Performance für alle zeigten, aber ich fühlte mich jedes Mal, als würde mir die Welt zu Füßen liegen. Ob ich wohl in einem anderen Leben ein König sein könnte? Mal nicht der königliche Berater oder der Idol-Manager eines angesagten deutschen Idols in einer K-Pop Band?
Als mir mein bester Freund vor fast 15 Jahren erzählte, dass er nun koreanisch lernte, um ein Idol zu werden, lachte ich ihn aus. Er lernte nun Koreanisch, um eine Chance zu haben in einer K-Pop-Gruppe zu debütieren und berühmt zu werden, wenn er doch nicht mal den Englischunterricht mochte? Damals war diese Musikrichtung noch nicht einmal so berühmt in Deutschland, sodass ich mich erst einmal dazu belesen musste. Damals 2011 mit knappen 14 Jahren und noch mit Windows 7 auf meinem Laptop, durchforstete ich das Internet, um mehr über K-Pop zu lernen und meinen besten Freund zu unterstützen. Je mehr Gruppierungen ich fand, desto mehr zweifelte ich, ob diese ganzen Künstleragenturen überhaupt Leute nahmen, die kein bisschen koreanisches Blut in sich hatten und auch definitiv nicht aussahen, als würden sie zu K-Pop passen.
Nach vier Jahren machten wir zusammen unseren Abschluss, bevor sich unsere Wege für zwei Jahre lang trennten.
Er hatte eine Zusage bekommen, nachdem er in den Sommerferien vor unserem letzten Jahr nach Korea geflogen war, um bei einem Casting mitzumachen, was internationale Teilnehmer suchte. Damals wollten sie mit ihrer Talentagentur und dem dazugehörigen Plattenlabel die ersten sein, die eine K-Pop Band zusammenstellte und debütierte, die nicht nur aus koreanischen und asiatischen Idols bestand, sondern auch mindestens einen internationalen Star hatte. Sie wollten die Ersten sein, die so eine Art von K-Pop Band berühmt machen und somit eventuell einen Grundstein für weitere solcher Gruppen und Fortschritt legen würde.
Damals hatte er mir nie etwas davon erzählt, nur dass er mit seiner Mutter nach Korea in den Urlaub geflogen war, da er auch schon immer die Kultur faszinierend fand. Erst als wir unser Zeugnis in der Hand hielten und noch zu ihm nach Hause gingen, um ein wenig abzuhängen, sah ich die gepackten Koffer und die Leere des einst so mit Postern vollgeklebten Zimmers.
Die blauen Augen meines besten Freundes schauten mich mit einem fast schon entschuldigten Blick an, bevor er mir die Nachricht überbrachte, dass er an diesem Casting teilgenommen und danach als einziger Internationaler Member ausgewählt worden war und nächste Woche mit seinem Idol-Training beginnen würde.
Ich erinnerte mich nicht gern an den Moment, an dem ich mich fragte, ob ich so ein schlechter Freund war, dass er es mir nicht eher erzählen wollte, oder ob er es als besser für sich selbst empfunden hatte, wenn er es mir kurz vor Abreise erzählte.
Und dann änderte sich alles. Alles, was wir schon fast als Routine in unserer Freundschaft etabliert hatten fiel gänzlich weg oder reduzierte sich auf ein Minimum. Während er täglich einen vollen Terminkalender hatte, in dem er seinen Tanzstil und seine Fähigkeiten im Singen und Tanzen, die schon immer auffielen, verbesserte und ein erweitertes Koreanisch lernte, studierte ich das, was ich schon immer gut konnte – Management.
In dieser Zeit wurden die eigentlich fast täglichen Anrufe zu wöchentlichen, bis hin zu monatlichen Anrufen, die sich meist auf knapp eine halbe Stunde beschränkten. Sei es wegen dem Zeitunterschied, wobei es nie für uns beide richtig passte, seinen vollen Terminkalender, oder einfach, weil wir uns nicht mehr viel zu erzählen hatten.
Auch wenn es mir täglich schmerzte, musste ich mir irgendwann eingestehen, dass er mit seinen Kollegen wohl eine Freundschaft entwickelt hatte, bei der unsere einfach nicht mehr mithalten konnte.
Immer schaute ich auf YouTube und den sozialen Medien, ob Content über seine Gruppe herauskam, die lange Zeit keinen Namen besaß. Oftmals wurde ich enttäuscht, bis ich dann eine Nachricht von Kevin bekam, als es für mich 23 Uhr war und ich mal wieder in der Bibliothek über Bücher hing, deren Wörter mir langsam die letzten Nerven raubten.
Zen!th
Wie der Zenit. Der höchste Punkt im Himmel, wenn man nach oben schaut. Der Höhepunkt, der auch eine Art Wendepunkt sein kann. Die Gipfelspitze beim Erfolg.
Am 01.01.2017 debütierte er dann mit seiner Gruppe Zen!th und ich konnte nicht die Augen von ihm lassen, als sie ihren Debütsong in einer koreanischen Show zum ersten Mal performten und sich so als Gruppe der Welt präsentierten. Immer und immer wieder musste ich das YouTube-Video neustarten, was netterweise von jemandem für globale K-Pop Fans hochgeladen wurde, damit ich ihn mit jedem neuen Mal besser beobachten konnte.
Er hatte sich stark verändert. Sein Erscheinungsbild war zweifellos er, aber seine Schönheit, die er schon immer in meinen Augen besaß, wurde in diesen eineinhalb Jahren immer mehr dem Schönheitsideal der Koreaner angepasst, ohne dass er sein „deutsches“ Aussehen verlor.
Seine Tanzmoves und die Art und Weise, wie er seinen Körper dafür einsetzte, wurde flüssiger, leichter und fast schon eleganter. Die Energie, die er beim Tanzen mit sich führte, wurde zusammen mit der zunehmenden Eleganz gepaart und ergab nun ein Bild, von dem ich mich nur schlecht wegreißen konnte. Er wurde nicht umsonst Lead-Tänzer in seiner Gruppe, wenn ich seinen Stil mit dem der anderen verglich. Niemand tanzte schlecht, alle waren im Einklang miteinander und der Musik, nichts stand sonderlich negativ heraus, und dennoch faszinierte mich die Energie, die er schon immer beim Tanzen hatte und zog mich in ihren Bann.
Doch mit dem Debüt von Zen!th wurde er noch beschäftigter und unsere mittlerweile vierteljährlichen Anrufe fielen ganz weg. Erst als es sechs Monate nach Debüt an meiner Haustür klingelte und ich genervt die Tür öffnete, da ich niemanden erwartete und an einer Aufgabe für meinen Hasskurs arbeiten musste.
Erst als ich die mittlerweile blonden Strähnen sah, die aussahen, als hätten sie seit mindestens zwei Tagen keinen Kamm mehr gesehen, und mich blaue Augen ansahen, während sich der Mund zu einem schiefen Grinsen formte, verflog die Genervtheit wie aus dem Nichts. Mein bester Freund stand tatsächlich vor meiner Tür und hatte eine Berliner Zeitung in der Hand, bei der ich ihn auf dem Cover sehen konnte.
„Überraschung!“
Mittlerweile war das auch schon neun Jahre her. Und seit acht Jahren war ich ein Manager für Zen!th, nachdem ich in Rekordzeit meinen Abschluss in der Tasche hatte. Ich wusste bis heute nicht, wieso mir dieser Studiengang so einfach fiel, aber die Aufgaben hatte ich jeweils in Windeseile fertig und fragte schon nach, ob ich nicht schon eine der Aufgaben für ältere Jahrgänge bekommen konnte, ohne dass ich den Stoff schon konnte. Als mein Professor dann mir und der Universität vorgeschlagen hatte, dass ich doch schon höhere Kurse besuchen könne und er mir die restlichen Unterlagen meines eigentlichen Jahrgangs zusenden würde, konnte ich nicht anders als ja zu sagen.
Das Koreanisch lernen war brutal, aber es nahm mir niemand übel, wenn ich manche Dinge auf Englisch sagte und die ganzen internationalen Dinge händelte, die ein gewisses Maß an Englisch erforderten. Es gab aber auch lustigerweise Leute, die ließen meinen besten Freund mit seinem Englisch aussehen, als wäre er auf einem C2 Level und nicht auf einem B1 oder B2 Level. Ich wusste bis jetzt nicht, wie er es geschafft hatte, derjenige zu sein, der englische Interviews händeln musste, wenn auch er mich inmitten eines Interviews lost ansah.
Nachdem ich koreanisch lernte, entwickelte ich eine Art Vorliebe für das Sprachenlernen und konnte nun mehr als sechs Sprachen ausreichend sprechen, um die Basics und mehr draufzuhaben.
Je lauter es in der Arena in Berlin wurde und desto mehr Menschen sich in die höheren Ränge, wo ich stand, begaben, desto mehr wurde mir bewusst, dass ich wieder in den Backstage musste. Als eine der größten K-Pop Gruppen der dritten Generation waren keine Tickets mehr übrig und die Halle füllte sich mit jeder Minute mehr und mehr.
Viele wedelten schon mit ihren Lightsticks, auch wenn diese noch kein Licht ausstrahlten, bis die Bluetooth-Verbindung hergestellt wurde und alle Lightsticks zur selben Zeit im Takt und mit derselben Farbe leuchteten.
Ich fand es weiterhin schön anzusehen, wie alle Lightsticks beim ersten angestimmten Lied plötzlich aufleuchteten, die Leute schon bei den ersten Tönen des Liedes schreien und mitfiebern und wie die Stimmung dann tatsächlich ihren Höhepunkt bekommt, wenn die vier Mitglieder dann auf die Bühne treten und singen.
Ich bekam leicht genervte, aber auch verwirrte Blicke, als ich die Gegenrichtung ansteuerte um wieder zum Hauptgang zu kommen und dann in den Backstage zu gehen. Ich verstand es, denn immerhin brauchte keiner jetzt, wenn sie einfach nur ihren Platz suchen wollten, Gegenverkehr auf den eh schon engen Treppen. Und dass ich dann auch noch eine schwarze Maske trug, als ob es weiterhin Corona wäre, machte das ganze wohl nicht besser.
Das mit der Maske hatte ich schon von Anfang an angefangen, als ich nicht erkannt und in Bildern sein wollte, wenn ich mit der Band zusammen einen Flughafen betrat oder auf der Straße war. Die meisten Paparazzo hatten auf ihren Bildern wirklich nur die Gruppe drauf und wir waren entweder verschwommen im Hintergrund oder gar nicht zu sehen. Aber die Fans, die Videos machten, die diese dann auch auf social media teilten, hatten uns nicht verschwommen im Hintergrund.
Je nachdem, wie lange ein Fan schon die Gruppe kannte, desto höher waren die Chancen, dass sie mich einfach anhand der blauen Augen und der Maske erkannten und mich dann ansprachen. Ich hatte kein Problem damit, ein kurzes Gespräch mit Fans zu halten, besonders weil die, die wirklich eines mit mir wollten, sehr respektvoll mit allem umgingen und Grenzen erkannten und wahrten.
Wie immer verschwammen die ganzen Gesichter der Fans, die in die Arena stürmten, wie Wellen auf offener, unruhiger See. Einige Outfits, manche Kostüme oder besondere Merkmale merkte ich mir, aber sonst war es menschlich nicht möglich alle Gesichter zu sehen und diese dann im besten Falle wiederzuerkennen. Und doch war es schön zu sehen, wie viele Fans unterschiedlicher Herkünfte, unterschiedlicher Voraussetzungen, Interessen, Größen und Merkmalen sich bei jedem Konzert versammelten und dieses Interesse für Zen!th teilten. Unter der Maske bildete sich bei mir ein kleines Lächeln, da auch ich früher und oftmals jetzt auch noch bei Bands auf dieser Seite bin und dieses Gefühl der Vorfreude habe. Die Vorfreude als Manager ist eine andere, eine unvergleichbare mit der Vorfreude, die man als Fan bekommt, wenn man die Lieblingsband zum ersten Mal live erleben darf und die Member dann auch das erste Mal live sieht und nicht nur durch einen Bildschirm. Diese ungebändigte, starke Energie, die durch die Hallen von jedem Fan aus fließt und man diese schon fast instinktiv wahrnahm und als Fan selbst mit einstieg – das war ein unbeschreibliches Gefühl, welches man nicht nachahmen konnte.
Als ich im Parkett bei den Stehplätzen angekommen war, holte ich kurz meinen Managerausweis der Band, als Teammitglied am Schlüsselband heraus, um es der Security zu zeigen und den Pit zu betreten. Danach ließ ich ihn einfach vor meinem schwarzen T-Shirt mit dem Aufdruck „Zen!th“ hängen, da ich diesen eventuell eh noch einmal brauchen würde, um durch die Barrikade in den Backstage zu kommen. Ich bezweifelte es, da ich auch vor der Öffnung diesen Weg bei den Securities aus dem Backstage heraus genommen hatte, aber sicher war sicher.
Als ich inmitten der Fans im Pit stand, brachte mich ein Schrei aus meinem Fokus den einfachsten und schnellsten Weg durch die Barrikaden zu nehmen (so wie immer eigentlich), und ein Fan zeigte aufgeregt auf mich und meine Badge. Auch andere Fans bekamen nun mit, dass ich offiziell zum Zen!th Team gehörte und schrien den Spitznamen, den die Fans mir mal mithilfe der Member gegeben hatten – Polaris.
Eigentlich hatten wir Manager keine Namen, da unsere Namen für die Fans unwichtig waren, aber Zen!th’s Fans waren so aufgeregt, so voller Freude, dass auch sie unsere Namen schreien wollten als Support. Die beiden anderen Manager hatten die Spitznamen „Blue Moon“ und „Horizon“ bekommen, da alles mit dem Himmel zu tun hatte. Mein Spitzname wurde „Polaris“, da ich laut meinem besten Freund und den anderen drei Mitgliedern der Gruppe einfach der Nordstern der Gruppe war. Der, nachdem man sich richten konnte, derjenige, der immer den Überblick hatte. Auch die anderen beiden Manager, mit denen ich mich angefreundet hatte – eine junge Frau meines Alters und ein Mann etwas älter als ich – stimmten hinter der Kamera bei dem Livestream fast schon grölend zu.
„Oh mein Gott, ich bin so aufgeregt“, sprach die erste Stimme einer jungen Frau, die Anfang 20 sein musste (aber ich mir da auch nicht so sicher war, da ich in Korea wirklich lernen musste, dass viele mit ihrem Aussehen nicht ihrem Alter entsprechen). Ihre Hände zitterten und der Lightstick, der in ihrer linken Hand war, drohte schon fast aus ihren Fingern zu gleiten, so einen starken Tremor hatte sie vor Aufregung. Auch die anderen sprachen ähnliche Worte.
„Polaris, wie geht’s Ihnen und der Gruppe?“, fragten die respektvollen Fans und warteten auf meine Antwort. Es war ungewohnt mal wieder Deutsch zu hören, da wir die letzten Shows immer in anderen Ländern gemacht hatten und ich gefühlt jeden Akzent im Englischen nun heraushören konnte. Dies ging schon seit Jahren so. Ich wollte aber auch nicht gleich sagen, dass ich mehrere Sprachen beherrschte und noch mehr in den freien Zeiten lernte.
„Oh“, überlegte ich und tippte mit meinem rechten Zeigefinger auf meine rechte Wange, um eine Denkpose zu zeigen, was die Fans schon fast ausrasten ließ, als wäre ich der eigentliche Star hier und würde eigentlich gleich auf die Bühne gehören. Ich wusste von den Tiktoks und den Kommentaren bei Videos, auf denen ich mit drauf war. Sie nannten mich teilweise das „Phantom Zen!th’s“.
„Uns geht es gut, auch wenn das Reisen einem schon zu schaffen machen kann. Die Jungs sind in Bestform, ihr könnt euch freuen! Aber wärt ihr so nett und würdet mich mal durchlassen?“
~
„B-b-b-bastiiiiiiiii!“, begrüßte mich Kevin freudig, als er mich wieder im Backstage sah, auch wenn wir uns vor etwas mehr als einer halben Stunde erst gesehen hatten. Seine blondierten Haare harmonierten zu gut mit seinen blauen Augen und seinem ersten Stage-Outfit, was aus einer schwarzen, lockeren Jeans mit Löchern, weiß-schwarzen Sneakern und einem beigen Gucci-Shirt mit einer Jeansjacke bestand. Noch bevor ich reagieren konnte, sprang er schon fast auf mich zu und umarmte mich fest.
Seit er in dieser Gruppe war und sich mit den drei anderen Mitgliedern so gut verstand und auch Fanservice machen musste, war er offener und auch liebevoller und enger im Umgang mit ihnen sowohl auch mit mir. Das große Grinsen, was er schon immer auf seinen Lippen hatte, wenn er mich sah, ließ ihn in meinen Augen aussehen, wie ein auf die Erde gekommener Engel, auch wenn man das nicht denken könnte, wenn man ihn vor seiner Karriere gesehen hätte.
Damals, wo Ordnung für ihn auch nur ein Wort im Duden war, und wo ein gepflegtes Aussehen nicht so wichtig war, wie teure Klamotten. Heute, wo er immer rasiert war, oder einen gepflegten leichten Bart hatte (auch wenn das nicht jeder Fan mochte), sah er wirklich so aus, wie er ihn meinen Augen schon immer war. Jetzt, wo nicht nur ich die Vision sah, wo nicht nur ich ihn als Hübsch empfand, sondern auch tausende Fans in der ganzen Welt.
Damals, kurz nach Debüt, hatten deutsche Fans seine alten Tanzvideos gesehen, wo er noch Standardtänze mit einer Partnerin bei deutschen Meisterschaften getanzt hatte, und hatten dies weiterverbreitet. Viele Kommentare sagten damals noch, dass er schon immer gepflegt aussah und dass er nun in Korea nur noch ein wenig hübscher war, aber über solche Kommentare konnte ich damals, wie auch heute, nur lachen, da ich Kevin seit Kindheitstagen in seinen schlimmsten Phasen erlebt hatte. Die Fans hatten Glück, dass er nicht mit bestimmten Frisuren beim Casting aufgetaucht war.
„Ten minutes until you’re on”, sagte ich bloß noch zu den anderen, als Kevin mich am Arm in seine Garderobe führte und sein Handy rausholte, um mir wahrscheinlich ein lustiges TikTok zu zeigen oder ähnliches.
„Dich haben Leute erkannt“, grinste er und wackelte mit den Augenbrauen. „Waren die Fans süß? Jemand für dich dabei?“
Ich hatte Kevin mit 15 Jahren gesagt, dass ich wahrscheinlich bisexuell war, woraufhin er mich nur angeschaut hatte und damals ein „Jo, cool“ sagte. Ich wusste damals nicht, auf welche Reaktion ich gehofft hatte, wenn ich ihm es sagen würde, aber ich wusste, dass ich mich selbst für mehrere Tage zuvor fertig gemacht und zu viel überlegt habe, wie ich es ihm denn sagen sollte und wann. Im Endeffekt platzte es mir dann einfach während einer Runde Mariokart heraus, als er sich aufregte, dass ich „so ne blöde Bananenschale platziert habe, du Mistkerl!“
Seufzend antwortete ich ihm ehrlich, als ich meine Maske kurz abnahm und einen tiefen Atemzug nahm. Ich ging nie ohne diese Maske, wenn ich nicht bei Kevin war. Nicht mal die anderen Mitglieder oder der andere Staff wusste, wie ich ohne Maske aussah. Wie ich das geschafft hatte, wusste ich bis heute nicht.
„Du weißt, dass ich solche Beziehungen nicht möchte. Das Kennenlernen so ist nicht schön und ich weiß nicht, wie ehrlich diese Leute es meinen.“
„Oh“, kam es nur von ihm. „Ich weiß, du bist sehr altmodisch“, teaste er mich dann, bevor er sich mit einem tiefen Stöhnen auf das Sofa im Raum fallen ließ, als wäre er ein alter Mann.
„Besser altmodisch als optisch und charakteristisch ein echter alter Mann“, erwiderte ich und zeigte auf ihn, wie er sich hinlegte und seinen Rücken ein wenig beugte, als hätte er Rückenschmerzen.
„Besser optisch und charakteristisch ein alter Mann als ein deutscher Spießer“, grinste er wieder.
„Kevin… es ist echt faszinierend, wie du jede Diskussion auf ein Niveau bringen kannst, auf dem du gewinnst“, seufzte ich, genau wissend, dass er gleich laut auflachen, sich bedanken und dann erst realisieren wird, was ich da gesagt habe.
„HAHAHHAH, danke mein Bester, du bist mein größter Fan!“ – schon lachte er auf und bedankte sich. Check.
„Warte… du Pisser!“, schrie er dann, bevor er vom Sofa auf hüpfte, mich etwas gröber in den Arm nahm und mich in einen Headlock nehmen wollte, was ich auch kurz zuließ, bevor ich ihn schon fast abwarf und mitlachte.
„Du Arsch! Du sagst immer so eine scheiße, die man nur mit nem IQ von 300 gleich entziffern kann und freust dich, wenn sich Leute erst mal bedanken! Wie kommt man denn aber auch auf so was?“
Sein Zeigefinger tippte aggressiv auf meinen Brustkorb, dass es schon fast wehtat, aber ich nahm jede Berührung von ihm, die ich bekommen konnte, um mein betrügerisches Herz mit Freude zu erfüllen.
„Ich weiß es nicht“, begann ich und musste das schelmische Grinsen zurückhalten, was drohte sich auf meinem Gesicht auszubreiten. „Aber ich weiß, dass du, wenn es um irrelevante Themen geht, dein volles Potential ausschöpfst.“
Dieses Mal schaute er mich nur kurz beleidigt an, bevor er sich in meine Arme wirft, mich umarmt und laut lacht.
Wenn Kevin lacht, war er der wunderschönste Mensch der Welt, auch wenn das Lachen selber wohl nicht so ansprechend aussah. Aber die Art und Weise, wie weit er den Mund öffnete, wie sein Kopf nach hinten ging und wie er manchmal dazu in die Hände klatscht, wenn es sehr lustig war, war schon fast ein Meisterwerk unter allen Gemälden auf der Welt und verdiente in meinem Kopf eine Sonderausstellung.
„Komm Kleiner, ihr müsst langsam los, es sind noch fünf Minuten.“
Ich klopfte ihm noch einmal auf den Rücken, bevor ich mich langsam von ihm löste, auch wenn in mir alles schreit und ihn weiter umarmen wollte.
Als die Jungs sich noch einmal kurz streckten, ihre Mikrofone nahmen und auf ihren Part warteten, begab ich mich vor die Monitore, die das zeigen würden, was die Fans auf den großen Bildschirmen auch sahen. Daneben stand noch ein Monitor unseres Teams, der zeigte, was man ungefähr von der Mitte des Pits sehen würde, bloß von weiter oben. So konnten wir alles gut aufzeichnen und auch für zukünftigen Content nehmen – gerade arbeiteten wir an Tour-Tagebüchern in Videoformat. Die Leute mochten sowas, besonders, wenn Kevin wieder übermüdet die dümmste Scheiße laberte, die ich je in meinem Leben gehört habe und die ich fast schon immer herausschneiden möchte, aber mich dann doch dagegen mit unserem Team zusammen entscheide.
Als die Uhr pünktlich 20 Uhr schlug, gab ich das Handzeichen schon fast sekundengenau und unser Bühnentechniker und -designer drückte Play auf dem Laptop, auf dem die Anfangsszenen für die großen Leinwände drauf waren. Als erstes sah man das Logo der Gruppe, woraufhin man schon die Fans schreien hörte. Gleichzeitig begannen die Lightsticks zu leuchten und wechselten im zwei Sekundentakt die Farben. Es war für mich immer wieder eine lustige Situation zu sehen, wie schockiert Fans schauten, wenn die Lightsticks plötzlich funktionierten und der ganze Saal, die vollen Arenen plötzlich in den Farben der Gruppe getaucht waren. Noch mehr mochte ich das Aussehen der Crowd, wenn die meisten mit den Lightsticks wedelten und das Meer von bunten Lichtern eine schöne Kulisse auch für die Künstler abgab. Ich wusste auch, dass besonders Kevin diese Ästhetik mochte.
Nachdem das Logo gezeigt wurde, blendeten wir jeden Namen der Mitglieder einzeln mit den jeweiligen dazugehörigen Farben ein, die wir mal als Wiedererkennungsmerkmal festgelegt hatten. Oftmals waren die Fans auch in den Farben ihres Bias gekleidet. Das war wohl in diesem Fandom eine unausgesprochene Regel für Konzerte, um gleich zu erkennen, welchen Bias derjenige hatte. Natürlich kamen nicht alle in diesen Farben, aber ich sah wenige, die nicht in irgendwelchen Farben kamen, die wir auch für unsere Member hatten.
Als Kevins Stagename auftauchte, TK, was natürlich für Kevin Teller stand, änderte sich auch die Farbe auf dem Bildschirm und auf den Lightsticks zu einem dunklen Grün – seiner Lieblingsfarbe. Vorhin auf den Tribünen und mittendrin im Pit sah ich tatsächlich auch viele Fans, die grün in ihren Outfits trugen.
Kevin erzählte mir damals, dass die Agentur ihm einen anderen Künstlernamen geben wollten, aber er auf TK bestand. Als ich ihm dann gesagt habe, dass ich da immer kurz an Tiefkühlessen dachte, und es zu ihm passte, schrie er mich lachend an und gab dann zu, dass es vielleicht vielen deutschen Fans so gehen wird, aber KT zu sehr nach Katy und Katy Perry klingen würde.
Noch war das Schreien der Menge überschaubar, aber sobald ich die ersten Töne des neuen Openingsongs dieser Tour hörte, hörte ich sogleich auch schon das Geschrei, was die Musik für uns im Backstage schon fast ausblendete, so laut wie die deutschen Fans schrien.
Das Meer an den blinkenden, farbigen Lightsticks mit dem Logo innendrin, das Geschrei und der Gesang der Fans und das Gewusel im Backstage hielt mich nicht davon ab dem Bühnentechniker zuzunicken und dann aus dem Backstage heraus in den Pit vor die Barrikaden zu gehen, woraufhin Fans auf dieser Seite der Bühne noch mehr schrien und teils mich und nicht mehr ihre Lieblingsband filmten. Morgen würden wieder Videos auftauchen mit der Caption „Ob Polaris wohl hier ist um TK (Kevin) beim Performen zuzusehen?“.
So oft, wie ich schon gelesen hatte, dass Fans uns shippten, so sehr wünschte ich mir, dass diese Situationen real wären. Und doch liebte ich ihn schon jahrelang sehnsüchtig.
Schon damals als er mit 12 Jahren schon K-Pop Songs in der Küche mitsang und fast die Tiefkühlpizza im Ofen vergessen hätte, wäre ich nicht gegangen und hätte den Ofen ausgeschalten. Damals, als er diesen absolut grässlichen Topfschnitt hatte und aussah wie ein Fan der Beatles. Oder, als er sich die Haare blau färben wollte und dann sich selbst die Haare in seinem Badezimmer um 2 Uhr nachts blondiert hatte, nur um zu merken, dass seine Haare dann orange und strohig waren.
Ich liebte ihn aber eigentlich schon… immer. Anfangs nicht so, wie ich ihn jetzt und seit der Pubertät liebte, aber auch da konnte ich meinen Blick selten von ihm abwenden und konnte mir nicht vorstellen, was ich ohne ihn als besten Freund machen würde.
Über die Jahre verliebte ich mich dann richtig in ihn und wartete sehnsüchtig auf ein Zeichen – vergeblich. In all den Jahren habe ich ihn im stillen, im geheimen in einer sehnsüchtigen Art der Liebe geliebt und tue es weiterhin, auch wenn ich mir sicher bin, dass er es nie wissen wird. Aber das Risiko ging ich ein, so lange ich ihn und die Gruppe noch weiter als Manager begleiten kann und ihm als besten Freund nahestehen kann.
Als Kevins Solo-Part im Song kam, konnte ich nicht anders, als den Bewegungen seiner Lippen zu folgen, seinen Schritten auf dem Boden leicht mit meinen eigenen zu folgen, so oft wie ich die Gruppe schon beim Üben gesehen hatte, und seiner lieblichen Stimme zuzuhören und besonders tolle Stellen für immer in meinen Erinnerungen abzuspeichern.
Es war schon fast, als hätte mein Gehirn extra einen Kevin-Ordner mit hoher Priorität erstellt, da das teilweise das einzige zu sein scheint, was mir im Kopf herumschwirrt.
Erst als der Song langsam ausklang, riss ich meinen Blick von dem Platz, wo Kevin am Anfang seines Parts gestanden hatte, und schaute auf die große Leinwand, auch wenn ich die Gruppe auch so gut sah.
Kevin hatte das größte Lächeln auf den Lippen, dass ich je auf der Bühne sah. Ich lächelte kurz bei dem Gedanken, dass ich das Privileg innehatte, dieses Lächeln auch immer und immer wieder im Privaten zu sehen.
„Berliiiiiiiiiiiiiiiiiiiin, meine Heimat!“, schrie er und hypte so die Fans noch mehr auf, die noch mehr, noch höher und noch lauter schrien als zuvor. Auch die Fans hinter mir hielten sich nicht zurück und ein leichtes Fiepen machte sich in meinen Ohren breit, wenn auch nur kurz.
„Wir waren lange nicht mehr in Deutschland, aber umso mehr freue ich mich natürlich, dass wir wieder hier sind! Ich war mit meinen Jungs den besten Döner Berlins essen und glaubt mir, die werden den vermissen, wenn wir wieder gehen müssen, aber dafür lohnt es sich ja, oder nicht?“
Die Menge wurde wieder lauter, schrie in Zustimmung und manche Leute hielten ihre selbstgestalteten Plakate hoch.
„Ich möchte euch ganz kurz nur noch ein paar Dinge sagen, die unser Manager Polaris manchmal zu mir sagt, da ich weiß, dass ihr das genauso lustig finden würdet, wie wir. Und keine Sorge an die neueren Fans, Polaris und ich kennen uns schon seit Kindheitstagen. Wenn wir uns nicht gegenseitig beleidigen, dann hassen wir uns wirklich“, lachte er, bevor er einen Zettel aus der rechten Hosentasche holte.
Schon fast zu lustig, zu Comedy-mäßig hielt er den Zettel hoch und sprach nach einem süffisanten Lachen: „HA, hättet ihr nicht gedacht, dass ich so gut vorbereitet bin, oder nicht? Sogar am PC geschrieben! Aber hier sind die Sprüche, die ihr auch gern weiterbenutzen könnt, wenn ihr keine Angst vor potenziellen Konsequenzen mit anderen Menschen habt. Einmal sagte er nämlich zu mir: Ich beneide Leute, die dich noch nicht kennenlernen durften und ich würde mich gern freuen, dich wiederzusehen.“
Einen kurzen Augenblick dauerte es, bis es bei den meisten Fans angekommen ist, aber Gelächter schallt nach vorn auf die Bühne und Kevin hatte extra seine In-Ears herausgenommen, um dies zu hören. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie Kevin sich auf der Bühne in meine Richtung drehte und auch die Kamera mich nun auf dem großen Bildschirm zeigte.
Man sah wirklich alles, auch die kleinen Fältchen an meinen Augen, da ich selbst lache.
„Seht ihr? Der lacht auch, dieses selbstgefällige Schwein“, lachte er dann, bevor er weitersprach. „Irgendwann sagte er auch zu mir diese Sprüche. Würde ich dir recht geben, lägen wir beide falsch. … Bleib so einzigartig wie du bist. … Uuuuund: Es ist echt schwer dich zu unterschätzen! Aber der Hammer kommt ja noch, was er mir ungelogen vor 15 Minuten im Backstage noch gesagt hatte: Kevin… es ist echt faszinierend, wie du jede Diskussion auf ein Niveau bringen kannst, auf dem du gewinnst. Und ich weiß, dass du, wenn es um irrelevante Themen geht, dein volles Potential ausschöpfst.“
Nun musste ich auch voll und ganz lachen, sodass man auf dem großen Bildschirm das rhythmische Wackeln meines Oberkörpers sah und wie ich meine Augen zusammenkniff. Noch bevor Kevin mehr sagen konnte, winkte ich ihm und dementsprechend auch den Kameras zu und huschte schnell wieder in den Backstage zurück, wo ich wieder meine gewohnte Position einnahm und Kevin von weitem bewunderte.
Immer, wenn ein Outfitwechsel für die Songs anstanden, fand Kevin ohne zu zögern mich und ignorierte die Person, die sein Outfit in der Hand hielt und ihn eigentlich beim Wechsel helfen sollte. Es war schon faszinierend, wie er mich ohne groß zu schauen fand, auch wenn ich mich von meinem eigentlichen Spot wegbewegte. Mittlerweile hatte die Stylistin auch seufzend immer wieder mich gefunden, damit wir ihn ja pünktlich umkleiden konnten.
„Basti, machst du mir mal bitte diese Jacke hier hinten zu?“, fragte er mich auf Deutsch, als wir ihm die Jacke anzogen, die aus schwarzer Spitze mit Rosen drauf bestand und hinten wie ein Kosett zugemacht werden musste. Die Fans liebten dieses Outfit und versuchten sich regelmäßig daran dieses nachzuahmen und dann zu Konzerten anzuziehen. Die Fotokarte, wo man ihn von hinten mit dieser offenen Jacke sah, war die teuerste Fotokarte, die man von ihm kaufen konnte, wenn man diese nicht in einem Bundle bekam, sondern aktiv danach suchte. Fans nannten das Outfit liebevoll „slutty“ und auch ich musste ihnen rechtgeben, da es meine Gedanken, die sonst immer so gut sortiert waren, wie ein Wirbelwind zerstreute und mich Sachen vergessen ließ, wenn immer ich es sah. Vorne seine nackte Haut am Oberkörper, die nur von leichter Spitze bedeckt war, hinten ein halbes Korsett, was wir nie richtig schlossen, sondern immer nur so halb, dass man die tatsächlich nackte Haut sah.
Kevin wusste, er war hot in diesem Outfit.
Mit fast schon zittrigen Fingern fasste ich die beiden Bändchen an und schnürrte das Korsett im Schnelldurchlauf, wie ich es schon gefühlte tausendmale gemacht hatte, da Kevin immer nach mir verlangte. Auch wenn mein Kopf gerade einen Hitzschlag erlebte und ich mich fühlte wie eine Festplatte, die durch das Netzteil eines PCs einen zu starken Schlag bekam und dann alle Dateien verlor, so konnte ich das Outfit auch ohne kohärente Gedanken zuschnüren.
Hätte ich die Maske nicht auf, würde Kevin meine roten Wangen sehen und wie sich mein Mund leicht geöffnet hatte. Hätte ich keinen leichten Pullover an, würde er die Haare an meinen Armen sehen, die allein durch unsere Nähe abstanden und meine Gefühle schon fast verrieten.
Und dann… drehte er sich um mit einem schnellen „Danke“ und gab mir einen Kuss auf die rechte Wange, bevor er sich wieder in Richtung der Bühne umdrehte und auf diese joggte, bevor die nächsten Töne des neuen Liedes anklangen.
Und ich stand wie ein Idiot da und träumte noch diesem Wangenkuss hinterher, den ich noch nie zuvor von ihm bekommen hatte.
~
„Basti“, begann Kevin, als ich gehofft hatte, dass er schon eingeschlafen war.
Wir teilten uns das Bett in seinem Kinderzimmer bei seinen Eltern zu Hause, da wir beide einfach diese eine Nacht nicht in einem Hotel schlafen wollten, wenn wir doch so nah an unserem zu Hause waren. Eigentlich nichts neues für uns, aber ich wusste nicht mehr, wie lange ich es noch aushalten konnte, ihn leise so sehnsüchtig zu bewundern, als wäre er eine gefährdete Pflanzenart, die ihre Blüten beim kleinsten Windstoß verlieren und somit aussterben könnte.
„Hm?“, brachte ich halb krächzend heraus, sodass Kevin hoffentlich dachte, dass ich fast schon am Schlafen gewesen wäre und nicht, dass ich über ihn fantasiert hatte.
„Denkst du, wir würden uns in jedem Leben finden?“ – solche Fragen war ich von ihm gar nicht gewohnt, so oft wie er mir irgendwelche dummen Fragen stellt, um mich auf die Palme zu bringen.
„Warum fragst du?“ – ich war froh, dass er mich in der Dunkelheit nur schlecht sehen konnte. Und wenn, dann schon gar nicht meine roten Wangen. Er hatte auch über uns nachgedacht, aber wahrscheinlich nicht in dem Sinne, wie ich tagtäglich über ihn nachdachte.
„Weil ich nicht weiß, ob ich ohne dich leben könnte“, meinte er ernst und drehte seinen Körper in meine Richtung, während ich weiterhin auf dem Rücken lag.
Seine Hand, die auf der Matratze lag, fand meine und berührte meine Finger federleicht, als wäre das ganze nur eine Einbildung in einem viel zu schönen Traum, aus dem ich gar nicht mehr aufwachen wollte.
Kurz atmete er sanft ein, bevor er seine nächsten Worte fast schon flüsternd in die Stille in meine Richtung sprach und meine Finger stärker berührte. Als wäre er derjenige, der vorsichtig mit mir sein müsste.
„Stoppe mich, wenn ich falsch liege, aber… du- du… Basti, ich weiß nicht, wie ich dich interpretieren soll in der Sache, die mich schon lange beschäftigt, und ich weiß nicht, ob ich das alles falsch interpretiere, aber ich möchte auch unsere Freundschaft nicht verlieren, falls doch.“
„Ich liebte dich schon eine lange Zeit“, sagte ich dann geradeheraus. Kevin sprach nie so unsicher, nie in solch sorgfältig ausgewählten Worten, wenn es nicht etwas mit der Liebe zu tun hat. Ich musste es mit 16 Jahren live miterleben, als er einem Mädchen fast so die Liebe gestanden, sie ihm aber einen Korb gegeben hatte.
Kevins Kopf schoss hoch und seine Hand stützte sich auf meinem Oberkörper ab, als er seinen Oberkörper hochhalten wollte. Ein leichtes schmerzerfülltes Keuchen entkam mir, bevor er sich wieder auf die Matratze fallen ließ und sich panisch entschuldigte.
„Du fühlst es auch schon lange?“, fragte er dann ungläubig, als er sich wieder gefangen hatte.
„Weißt du noch, als wir uns in den Sommerferien mit 14 Jahren den abgelegensten Ort am Badesee gesucht hatten, damit wir ungestört schwimmen konnten?“, fragte ich dann und ließ bewusst die Aussage danach weg, die erklären würde, dass ich ihn von da an schon geliebt hatte.
Für einige Sekunden waren wir still. Das Einzige, was zu hören war, war unsere Atmung, die bei uns beiden nicht ganz rhythmisch von statten ging und das leichte Rascheln, als sich meine Finger in das Spannbettlaken krallten, um sich an etwas festzuhalten.
„Weißt du noch, als wir mit 17 alleine in den Ferien nach München gefahren sind, um dort den einen Minecraftkumpel zu treffen, der sich dann als totaler Idiot im real life herausgestellt hatte und wir im Hotel dann auf unseren Handys die dümmsten Spiele gespielt haben? … Wir hätten uns dort die Liebe gestehen können und wären seit mehr als 10 Jahren zusammen“, stellte er leise fest, als ob er der Zeit hinterhertrauerte, die wir als Liebende hätten haben können.
Nun drehte auch ich mich auf meine Seite, um ihn im schwachen Mondschein anschauen zu können und nahm seine Hand.
„Dann fangen wir jetzt damit an und haben noch unser ganzes restliches Leben, um uns gemeinsam zu genießen.“
