Chapter Text
Auch wenn Adam Leos Wohnung nie als beengend oder gar klein wahrgenommen hatte, jetzt, wo die Sonne auf die Fensterfront des Wohnzimmers scheint und bereits morgens kein Zimmer mehr weniger als 27 Grad hat, fühlt er sich, als gäb es in ihr kein Entweichen.
Gestern hatten sie ihren freien Tag mit Freunden am See verbracht, aber auch da war Adam das beklemmende Gefühl nicht losgeworden. Zu viele Leute, zu wenig Platz, um der Sonne zu entweichen, und selbst im Wasser die unfassbare Lautstärke des Treibens, die an solchen Tagen noch viel eher unter die Haut zu kriechen schien.
Adam hatte den Witz von Esther am Freitag nicht überhört. Die Woche über hatten sie sich im klimatisierten Büro zurückgezogen, aber auch bei den Temperaturen wollten sie nicht das freie Wochenende hier verbringen. Mit einem zynischen Witz, dass es bestimmt nicht bei einem freien Wochenende bleiben würde, wenn doch die Hitze die Impulskontrolle erschweren würde, hatte sie das Thema in den Raum gebracht. Und als alle nur lachten, legte sie beim Gehen den Artikel zu dem Thema, den sie am Morgen gelesen hatte, bei Leo auf den Schreibtisch.
Adam hatte ihn auch gesehen, am Morgen, als er auf Pia gewartet hat und seiner schlechten Angewohnheit, durch ihre Sachen zu gehen, nachgekommen ist. Die Hitzewelle und ihre Gefahren für Menschen, die Probleme mit ihrer Impulskontrolle hatten. So nagte in Adams Kopf neben dem Gefühl, der Hitze unbedingt entkommen zu wollen, auch das dringende Bedürfnis, Leo zu beweisen, dass er entgegen den Erwartungen der anderen überhaupt kein Problem damit hat, die Hitze auszuhalten.
Dennoch, der Tag gestern, so viel musste er sich und auch Leo zugestehen, hatte die Grenzen seiner Geduld ausgereizt, und so war da heute keine Energie für einen zweiten Tag in dem Tumult.
„Hier bleiben können wir nicht“, betont Leo, als sie im Wohnzimmer stehen. Provisorisch hatte er die Fenster mit einer Decke abgehangen, aber viel schützen wird das nicht. „Das wird hier nur noch wärmer.“
Auch die Nacht hatte keine Erleichterung verschafft. Nur bedingt zog hin und wieder ein Luftstoß durch die Wohnung, aber der half ihnen relativ wenig. Einzig die reine Erschöpfung vom Tag zuvor hatte das Wunder bewirkt, dass Adam, der sonst der erste war, der keinen Schlaf fand, ausgebreitet auf ihrem Bett vor dem Ventilator in einen tiefen schlaf gefallen war, während Leo frustriert durch die Wohnung tigerte.
„Ich find’s gemütlich.“ Mit seinen Händen in den Hosentaschen zuckt Adam mit den Schultern und sieht schmunzelnd zu Leo, der mit einem lachen gegen seine eigene Stirn tippt.
„Mhm, genau, du Spinner.“
„Endlich erfrierst du mich hier mal nicht.“
„Ja, genau“, gab Leo zurück und schmunzelt nicht einmal über den Witz darüber, dass sie den ganzen Winter immer wieder um die Temperaturen der Heizungen gestritten haben. Während Leo es nicht einsah, auf über 20 Grad zu heizen, war Adam am Frieren und verlangte ein Minimum von 24 Grad.
„Also, wir können zu meinen Eltern. Da wird es unten im Haus zwar auch nicht kalt sein, aber besser als hier.“
„Was wollen wir denn da den ganzen Tag?“
„Nicht überhitzen, keine Ahnung“, gibt Leo schulterzuckend zurück. „Die werden auch geschafft sein von dem Wetter, wahrscheinlich liegen wir einfach auf der Couch und schauen irgendwas im Fernsehen. Es geht doch nur darum, dass wir nicht hier sind. Du kannst da machen was du willst, nimm deinen Laptop oder ein Buch oder so mit.“
„Wir können doch auch zu Mama“, schlägt Adam vor, und Leos Gesicht zuckt in Irritation, bevor er sich zwingt, Adam neutraler anzusehen und seine Idee erst einmal erklärt zu bekommen. „Wir können uns im Pool abkühlen, und in dem Haus ist es ganz sicher kühl.“
„Ich weiß ja nicht.“
„Wieso denn nicht?“, plötzlich ziemlich begeistert von seiner eigenen Idee sieht Adam Leo an. „Ist doch wie gestern, nur in Ruhe.“
„Und mit Heide.“
„Die wird auch lieber im Haus sein wollen, wenn sie überhaupt zuhause ist.“
„Lass uns einfach zu meinen Eltern“, versucht Leo, ihn in seiner Planung zu stoppen.
„Wieso denn?“
„Das ist einfacher-“
„Was ist daran einfacher?“, widerspricht Adam nochmal. „Come on, zur Not können wir immer noch zu deinen Eltern, aber ich glaube wirklich nicht, dass das nötig ist. Auf der Couch liegen können wir auch bei ihr.“
„Wenn du dir da so sicher bist.“
