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Irgendwie hatte Leo immer ein Gespür dafür, wenn irgendetwas nicht stimmte. So schaffte er es immer wieder, Mitten in der Nacht aufzuwachen, wenn etwas anders war.
Er war kurz orientierungslos, versuchte sich noch an den Traum zu erinnern, den er bis eben gehabt hatte, doch die Erinnerung entwich schon immer weiter aus seinem Gedächtnis. Er wollte dem nicht weiter Beachtung schenken, stattdessen lieber zu dem Mann neben ihm rutschen und an Adam gekuschelt wieder einschlafen. Entgegen seiner Erwartung lag allerdings niemand mehr neben ihm. Leo griff ins nichts. Warm war die Bettseite auch nicht mehr.
Weil Leo Adam nicht ertasten konnte, lehnte er sich als nächstes zu seinem Nachttisch und griff nach seinem Handy. Er entsperrte es und konnte sich durch die spärliche Beleuchtung etwas umsehen. Adams Bettdecke war zurückgelegt und von Adam selbst fehlte jede Spur. Leo drehte sich zur Tür - sie war geschlossen, wenn er das richtig erkannte.
Das gab es grundsätzlich nicht oft in diesem Haushalt, zumindest nicht seit Adam eingezogen war. Adam war ein sehr freiheitsliebender Mensch und vorallem jemand, der sich sehr viel wohler fühlte, wenn ihm eine geöffnete Tür zeigte, dass er jederzeit den Raum verlassen konnte. Das war das, was der alte Schürk zurück gelassen hatte. Eine Angst, die sich entwickelt hatte, weil Roland seinen Sohn damals nur allzugern immer irgendwo eingesperrt hatte, um ihm seine Macht über ihn zu demonstrieren.
Ihr Schlafzimmer war nun einmal nicht sonderlich groß und mit einer angelehnten Tür konnte man gut vorbeugen. Leo versuchte, so gut es ging auf Adams Bedürfnisse einzugehen und er wusste, dass Adam ihm da unendlich dankbar war, auch wenn Leo es doch als so selbstverständlich empfand.
Eine geschlossene Tür war aber eben auch sehr wichtig, wenn man mal Zeit für sich brauchte. Nur hatte Leo nicht das Gefühl, dass das gerade der Fall war. Zumindest wusste er nichts von irgendeinem Groll, den Adam gerade gegen ihn hegen könnte. Vielmehr vermutete er, dass Adam mal wieder nicht schlafen konnte.
Wenn dem so war, machte er sowas dann oft. Er geisterte durch die Wohnung, schaute etwas auf YouTube oder im Fernsehen, spielte Videospiele oder eines dieser zeitfressenden Mobile Games. Das alles außerhalb des Schlafzimmers, bei geschlossener Tür und so leise wie möglich, damit er Leo nicht weckte.
Nur flog er trotzdem oft genug damit auf. Leo hatte wahrscheinlich einen siebten Sinn dafür entwickelt, um Adam zu durchschauen, eine andere Erklärung hatte er hierfür nämlich nicht.
Leo raffte sich auf, angetrieben von einem plötzlichen Energieschub. Er schwang die Beine über die Bettkante und trottete zur Tür, ließ sein Handy auf der Matratze zurück. Seine Vermutung von vorhin, dass die Schlafzimmertür geschlossen wurde, bestätigte sich, also öffnete er sie langsam und spähte in den Flur. Aus dem Wohnzimmer kam flackerndes Licht, das musste der Fernseher sein. Adam saß bestimmt auf dem Sofa.
Mit wenigen Schritten durchquerte Leo den Flur und lehnte sich dann in den Türrahmen vom Wohnzimmer. Hier hatten sie die Tür schon vor einer Weile ausgehängt.
Adam saß tatsächlich auf dem Sofa.
Er hatte sich darauf ausgebreitet, hing da von der Kante, im Zwischenstadium von sitzend und liegend. In der einen Hand hielt er lose die Fernbedienung, mit der anderen fummelte er geistesabwesend an den Bändchen der Kapuze seines Hoodies herum, die ihm so halb auf dem Kopf saß. Den Hoodie musste er sich vorhin noch übergeworfen, genauso wie die Jogginghose. Es war auch noch dieser hellviolette, oversized hoodie, der von außen genauso weich war wie von innen.
Vom Film im Fernseher musste Adam relativ wenig mitbekommen. Die Lautstärke war sowieso ganz leise und Adams Blick schien auf nur einen Punkt fokussiert zu sein. Er war nicht bei der Sache, sondern in Gedanken versunken.
Wären sie noch am Anfang ihrer Beziehung gewesen, hätte Leo Adam wahrscheinlich in Ruhe gelassen. Damals hatte er aus Unerfahrenheit Adams Grenzen nicht überschreiten wollen. Mittlerweile wusste er, dass das hier auf Dauer ohnehin keinen Sinn hatte - dass Adam hier erst recht keinen Schlaf finden würde, mit der unruhigen Berstrahlung des Fernsehers und gefangen im Gedankenkarussell.
In seiner Geistesabwesendheit schien Adam Leos Anwesenheit erst jetzt registriert zu haben, zuckte kurz etwas zusammen, doch seine Lippen formten schon kurz darauf ein schwaches Lächeln. Ganz kurz bereute Leo sein Tun, weil er Adam damit ja augenscheinlich unabsichtlich erschreckt hatte, aber irgendjemand musste ihn ja vorm Vergammeln auf der Couch retten.
Adam schaltete den Film nun endgültig auf stumm und legte die Fernbedienung auf dem Wohnzimmertisch vor sich ab, während Leo sich ihm näherte.
"Tut mir leid, dass ich mich angeschlichen habe."
"Is' schon okay."
Adam legte einen Arm auf der Rückenlehne ab und zupfte am Sofakissen neben sich, als Einladung für Leo, um Platz zu nehmen. Also ließ sich Leo neben ihm nieder, lehnte sich an ihn, wodurch Adams Hand auf seinem Arm landete. Er begann sanft darüber zu streichen.
"Na."
"Na.", erwiderte auch Leo und sein Blick fiel kurz auf den Fernseher. Das war einer dieser alten Actionfilme, die nun einmal nach der Primetime liefen, von dem Leo den Titel vergessen hatte, sollte er ihn jemals gewusst haben. Kein Wunder, dass man da nicht richtig einschlafen konnte, auch wenn der Inhalt für Adam wohl eher keine große Rolle gespielt hatte.
"Konntest du nicht schlafen?"
Eigentlich eine dumme Frage, weil die Antwort ja offensichtlich war, aber Adam verurteilte ihn nicht dafür und brummte nur zustimmend.
"Alptraum oder-", Leo brach ab, weil er selber nicht so richtig wusste, worauf er hinaus wollte. Es gab verschiedene Gründe, warum ein Adam Schürk nicht schlafen konnte. Leo wusste das.
"Ne, es hat einfach nicht funktioniert...", nuschelte Adam träge, "zu viel nachgedacht.", ergänzte er und setzte einen Kuss auf Leos Kopf.
Ja, das hatte Leo zu gut erkennen können.
Früher, vor dem Tod seines Vaters, waren Alpträume, laut Adam, bei ihm häufiger vorgekommen. Danach hatte es nachgelassen, wobei es nie komplett verschwunden war. Oft immer die gleichen Szenarien und mit der Zeit gewöhnte man sich daran. So behauptete Adam das zumindest. Leo wusste nicht ganz, wie viel Glauben er dem schenken konnte.
Seitdem die Alpträume weniger wurden, gewann das gedankliche Abdriften allerdings immer mehr die Oberhand. Adams Art der Verarbeitung. Alles in sich hinein fressen und nur das Nötigste kommunizieren. Adam ließ nicht viele Leute an sich ran, was nachvollziehbar war. Pia noch, wenn es gut lief, aber manchmal musste auch Leo hartnäckig bleiben, um etwas aus ihm herauszubekommen. Leo war froh, dass wenigstens er Zugang zu Adams Inneren hatte, was das anging. Und dass Adam sich immer mehr die Mühe machte, Leo verstehen zu lassen, warum er so war, wie er war.
Plötzlich wurde Leo sich sehr bewusst darüber, wie ihn die Müdigkeit wieder einholte. Adams Fingerspitzen, die immernoch ihre Linien über Leos Arm zogen, befeuerten diese Tatsache auch irgendwie immer mehr. Leo musste aufpassen, dass er nicht gleich wegpennte und Adam, diesmal bewegungsunfähig, diesen Schrottfilm als Stummfilm zu Ende schauen ließ.
"Willst du vielleicht wieder mit rüber kommen?", fragte er leise, verharrte aber noch an Ort und Stelle. Vielleicht konnte er Adam ja mit genügend Streicheleinheiten und Küsschen dazu bringen, doch nochmal ein paar Stunden zu schlafen. Adams Schmunzeln klang erstmal nicht abgeneigt, jedoch stimmte er ihm auch nicht direkt zu. Vielleicht musste Leo andere Mittel einsetzen.
"Ich schlaf doch so schlecht ohne Bettgenossen."
Etwas überdramatisch drückte er sich noch ein Stück mehr gegen Adam. Wenigstens entlockte ihm das diesmal ein bisschen mehr als nur ein Schmunzeln. Das brachte Leo dann doch dazu, sich aufzurichten und Adam anzusehen. Er sah ihn so gern lachen.
"Gut, du hast mich überzeugt.", grinste Adam und zog Leo noch einmal sachte zu sich, um ihm einen weiteren Kuss auf den Mundwinkel zu drücken, den Leo gerne in einen kurzen, richtigen Kuss umfunktionierte.
Er war der Erste von beiden, der vom Sofa aufstand. Dann zog er Adam ebenfalls auf Augenhöhe, nachdem dieser endlich den Fernseher ausgeschalten hatte. Daraufhin ließ er sich von Leo ins Schlafzimmer zurück geleiten.
