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Summary:

Warum bin ich eigentlich hier? Bob lässt seinen Kopf zurück gegen den Autositz fallen. Es wäre so viel einfacher, nach Hause zu fahren, als dort reinzugehen.
Als er sich den Termin für über einen Monat in der Zukunft eintrug, dachte er noch darüber nach, wie schwer es schon sein konnte, in den knapp einhundert Menschen samt Begleitungen unterzutauchen. Eigentlich sollte das kein Problem werden.

 

Nach Jahren kehrt Bob für ein Klassentreffen nach Rocky Beach zurück. Er beginnt den Abend bereits mit einem schlechten Gefühl, auf das, was dabei wieder hoch kommt, ist er trotzdem nicht vorbereitet.

Notes:

Ich bin mir nicht sicher, ob das alles vielleicht nicht zu verworren ist und ich hier einfach schon zu lang in meiner eigenen Suppe schwimme, aber ich glaube, es wird nicht besser, wenn ich noch mehr schreibe lol

Der Titel ist Barry Manilow (ich hätte ja auch nie gedacht, dass es mal so weit kommt)
Ich kann nicht guten Gewissens viel Spaß wünschen, aber hoffe natürlich trotzdem irgendwie, dass es euch gefällt :)

Work Text:

Warum bin ich eigentlich hier? Bob lässt seinen Kopf zurück gegen den Autositz fallen. Es wäre so viel einfacher, nach Hause zu fahren, als dort reinzugehen.

'Dort' ist die Sporthalle der High School von Rocky Beach, seiner ehemaligen Schule. Der Weg wäre allemal kürzer, als der nach Hause, weil sein Auto ja schon auf dem Parkplatz steht, nur knappe 30 Meter von der Tür entfernt.

Zum wiederholten Mal drückt er seine Schultern in den Fahrersitz und stößt die Luft aus, als würde das irgendwas daran ändern, dass er das Lenkrad nicht losgelassen hat, seit er vor einer guten Viertelstunde den Motor abgestellt hat. Er hat Bedenken, dass das Einzige ist, was ihn noch zusammen hält, also klammert er sich fest und versucht Zeit zu schinden. Bis er seine Gedanken wieder geordnet hat, bis dieses Karussell in seinem Kopf aufhört, sich wie wild zu drehen.

Ganz ehrlich, was spricht überhaupt dagegen, einfach wieder zu fahren? Ich bin sowieso zu spät. Nicht, dass er pünktlich war, bevor er hier erstarrt ist. Und es würde sicherlich sowieso nicht auffallen. Und ich hab auch gar keine Lust, bestimmt würde ich die Stimmung, wenn überhaupt, nur runterziehen. Unterm Strich überwiegen die Nachteile definitiv die Vorteile. Und das spricht eigentlich dafür, umzukehren.

Justus hätte da bestimmt einen richtig nervigen Kommentar über seine Problemlösungsstrategie zu machen. Er sagt es immer öfter, in letzter Zeit. "Wow, Bob, wirklich total effizient!" Sein Ton zeugt immer davon, dass er eigentlich etwas ganz anderes meint, aber zu nett ist, es zu sagen. Oder zu konfliktscheu.

Bob selbst ist nicht mehr konfliktscheu. 'Effizient' würde er es vielleicht auch nicht nennen, mehr… direkt. Er wägt seine Optionen ab, dann entscheidet er, dann handelt er. Eigentlich seltsam, dass ausgerechnet Justus ein Problem damit zu haben scheint.

Und trotzdem wünscht sich Bob gerade einen dieser Seitenhiebe, einfach, weil es heißen würde, dass Justus hier wäre. Er widersteht dem Verlangen, auf den Bildschirm seines Handys zu schauen. Da steht nur immer noch seine unbeantwortete Nachricht. 'Bist du schon da?'

Man sollte meinen, dass er das hier schon durchdacht hat, bevor er die Fahrt nach Rocky Beach antrat. Und irgendwie hat er das ja auch, aber da kommt eben der eine Punkt ins Spiel, der ihn noch daran hindert, abzuhauen.

Unwillkürlich seufzt er und lässt die Hände vom Lenkrad in seinen Schoß fallen. Dass es aber auch ausgerechnet Kelly sein musste.

 

Gemessen daran, wie sein Puls jedes Mal in die Höhe schnellt, wenn 'Kelly' auf seinem Handydisplay erscheint, kann er sich ziemlich glücklich schätzen, dass er immer noch nur eine Kelly kennt. Es könnte sonst ziemlich schnell gesundheitsgefährdend werden.

Kellys Nummer hat sich seit der Schule nicht mehr geändert und manchmal versetzt es Bob für den Bruchteil einer Sekunde zurück in sein sechzehnjähriges Ich, wenn sie anruft. Er sollte diesem sechzehnjährigem Ich mal erzählen, dass er seit ein paar Jahren diese Telefongespräche mit Kelly führt, fast als wären sie gute Freunde. Der würde dumm gucken.

Etwas mehr als einen Monat bevor er sich dann auf dem Parkplatz wiederfindet, klingelt sein Handy, der Name der auf dem Display lässt Bob unwillkürlich aufseufzen. Die Möglichkeit, dass es passieren könnte, hat er immer auf dem Schirm, und trotzdem ist er jedes Mal überrumpelt. Die einfachste Lösung wäre, dass er zur Abwechslung mal selber anruft, aber das kann er irgendwie nicht über sich bringen. Der Rhythmus wäre gestört. Und am Ende käme es dann doch zu enthusiastisch rüber. Ihre seltsame Beziehung zueinander existiert nur in dieser Blase, in der Bob sich unterschwellig wünscht, Kelly würde seine Nummer verlieren, und es dann doch irgendwie vermisst, wenn der Abstand zwischen ihren Anrufen länger ist, als sonst.

Er zählt bis drei, dann geht er ran. "Kelly?" Irgendwo, tief in seinem Inneren, erwartet er immer noch, dass sie ihn nur anruft, um irgendwelche furchtbaren Nachrichten zu überbringen. Schließlich ist sie, abgesehen von Justus, die einzige Verbindung, die er noch zu Rocky Beach hat.

"Bob! Ups, hab ich dich gerade schlecht erwischt?" Sie lacht ein bisschen beschämt, aber wenigstens klingt sie nicht nach schlechten Neuigkeiten.

Okay, tief durchatmen. "Nein, sorry. Ich hab… mich erschrocken. Was gibt's?"

Es beginnt, das Spiel, das sie spielen. Er tut, als hätte er nicht wirklich viel Zeit und würde gleich zur Sache kommen wollen, sie tut so, als würde es sie nicht wirklich stören, als würde sie es gar nicht erst merken.

"Ach", sagt sie also langgezogen, wie beiläufig, was eigentlich schon eine Warnung sein sollte, denn sonst trägt sie eigentlich nicht so dick auf. "Ich hab länger nichts von dir gehört und du bist einfach so verdammt offline, dass man dich immer anrufen muss, um was mitzukriegen."

Sie hat recht, aber Bob will es auch genauso. Bis auf Kelly beschwert sich nie jemand darüber. Vermutlich ist sie die letzte Person, die noch denkt, dass sein Leben aufregend genug ist, um davon etwas zu posten. "Sorry." Selbst jetzt weiß er ja nicht, was er erzählen könnte.

Kelly lacht wieder. "Gut, du lebst also noch. Was machst du zur Zeit so?"

"Ähm, arbeiten?" Er dreht sich auf dem Stuhl zurück zu seinem Schreibtisch, lässt den Blick dabei über das Chaos an Zetteln gleiten, das er dort angerichtet hat.

Bestimmt hat sie sich die Antwort ein bisschen länger vorgestellt. Aber bestimmt, hoffentlich, interessiert es sie auch nicht so genau, denn eigentlich ist der Sinn von ihrem Anruf nie, wirklich zu erfahren, was er macht, da ist er sich sicher. Sie macht es eher ein bisschen wie ein Hütehund, manchmal telefoniert sie nur herum, um zu überprüfen, ob noch alle mehr oder weniger bei der Herde sind. "Und du?", fragt Bob zurück.

Sie macht ein nachdenkliches Geräusch, beinahe so, als wäre sie nicht ganz bei der Sache, dann räuspert sie sich. "Mal dies, mal das. Sag mal, wo ich dich doch schon mal dran hab: Ich sehe gerade, dass du gar nicht auf die Einladung zum Klassentreffen geantwortet hast."

Eben ist er noch leicht befremdet, höchstens ein bisschen verunsichert, dann schnappt die Falle zu. So schnell.

Aber gut, wenigstens kann er sich so sicher sein, dass sie wirklich nicht nur angerufen hat, um ihn zu fragen, was er macht. Das dämpft die Unruhe kein bisschen, die sich bei dem Wort 'Klassentreffen' augenblicklich in ihm ausbreitet.

"Achso, ja, äh… Ich weiß noch nicht genau, ob es in der Woche passt, deswegen…" … hab ich gehofft, keine Antwort, wäre Antwort genug. Es ist so schwer, Kelly etwas abzuschlagen, schwerer noch als bei Justus. Sie redet immer noch genau so mit ihm, wie sie es damals getan hätte. Als wäre er ganz der alte.

"Wirklich?", fragt sie jetzt und es klingt fast amüsiert. "Doch so viel los?"

Nee, ich will nur nicht kommen. Das würde er wahrscheinlich zu jedem anderen sagen, einfach weil es die Wahrheit ist und damit wäre die Sache dann auch geklärt. Nur verkrümelt sich diese entwaffnende Ehrlichkeit bei Kelly immer plötzlich.

Und das scheint sie auch genau zu wissen, sonst würde sie ihm jetzt nicht, zuvorkommend wie sie ist, noch eine Chance geben, seine Antwort zu ändern. "Also, schön, dass du anscheinend so gefragt bist, aber kannst du nicht mal einen Freitagabend frei machen? Du warst schon letztes Mal nicht dabei…"

Ja, für eine Reportage im Ausland zu sein, war da wirklich die ultimative Ausrede. Da hat selbst sie nichts gegen sagen können, auch wenn es jetzt natürlich super als Druckmittel funktioniert.

Druckmittel? Bob verzieht verärgert das Gesicht. Als wäre das hier eine Straftat, nicht ein Anruf zwischen alten Bekannten. Vielleicht kann er nicht ganz verstehen, wieso Kelly so viel daran liegt, Kontakt mit ihm zu halten, aber im Endeffekt ist es doch einfach sehr zuvorkommend von ihr, nachzufragen. Auch wenn sie dabei geflissentlich ignoriert, dass er offensichtlich keine Lust hat…

"Hm", macht er also nur.

"Ach, komm schon, Bob, es wird bestimmt ein netter Abend." Das bezweifelt er. "Ich hab bis jetzt nur zwei Absagen und vorhin hab ich auch schon mit Justus geredet und der kommt auch."

Justus also… Es ist klar, dass Widerspruch zwecklos ist. Kelly hat mit einem klaren Ziel angerufen und sie wird ganz bestimmt kriegen, was sie will. Allein schon, weil sie es will.

"Wir haben uns auch so lang nicht mehr gesehen…", fügt sie jetzt noch hinzu und, verdammt, ihre Emotionale-Erpressungsnummer zieht wirklich unwahrscheinlich gut. Bob hat einen Kloß im Hals.

Er kann es nicht verstehen. Er weiß nicht, warum sie mit ihm redet, warum sie es regelmäßig tut, warum sie ihn immer noch versucht zu integrieren, obwohl es doch nur Mehraufwand für sie sein kann, warum sie ihn so unbedingt dabei haben will. Aber ist auch nicht stark genug, einfach Nein zu sagen, also verdient er die Qual wahrscheinlich, die dieses Treffen für ihn sein wird.

"Na gut", seufzt er letztendlich besiegt.

"Ja!", hört er gedämpft von der anderen Seite. "Toll, Bob, danke!" Dann fragt sie ihn, woran er gerade schreibt.

 

Als er sich den Termin für über einen Monat in der Zukunft eintrug, dachte er noch darüber nach, wie schwer es schon sein konnte, in den knapp einhundert Menschen samt Begleitungen unterzutauchen. Eigentlich sollte das kein Problem werden.

Sein Nervensystem hat die Memo auf jeden Fall nicht bekommen. Einen ganzen Tag hat er damit verschwendet, seine Unruhe zu unterdrücken, ohne Erfolg. Seine Konzentration ging schon am Morgen den Bach runter, sein Appetit hat ihn zum Mittag verlassen, über die letzte Nacht Schlaf will er gar nicht erst nachdenken.

Es gibt einen Grund, warum er es stets vermeidet, nach Rocky Beach zu kommen. Irgendwie schafft er es, dass es ihm immer scheiße geht, als würde er sich jedes Mal irgendeinen Virus einfangen, wenn er an den ersten Häusern am Ortseingang vorbeifährt.

Seine wild wirbelnden Gedanken geben ihm kaum einen Moment, sich zu beruhigen, geschweige denn, das alles zu rationalisieren. Antworte, antworte, antworte.

Er verspricht sich selbst, in diesem Moment, sich nie wieder von Kelly bequatschen zu lassen, egal, worum es geht. Sich nie wieder bequatschen zu lassen, Punkt. Eigentlich ist er doch so verdammt gut darin, nichts zu tun, was er nicht will. Warum jetzt nicht? Und warum antwortet Justus nicht?

Die Leute da drinnen, mit denen Bob noch Kontakt hat, kann er an einer Hand abzählen. An zwei Fingern eigentlich, außer Justus ist wirklich noch nicht da, dann ist es nur noch einer. Ohne Kellys Initiative wäre auch das eine Nullnummer, aber ohne ihre Initiative wäre er auch gar nicht hier.

Du bist alt genug, erinnert Bob sich. Du brauchst niemanden, der deine Hand beim Klassentreffen hält. Aber schön wäre es doch irgendwie, selbst wenn es nur bildlich ist. Ohne die Version von sich, die so 'effizient' ist, fühlt er sich nämlich reichlich orientierungslos.

Alles daran, aus dem Auto zu steigen, abzuschließen und über den knirschenden Kies zur Tür zu gehen, fühlt sich falsch an. Es ist nicht falsch. Es ist nicht falsch und nichts kann passieren. Bob wiederholte den Gedanken wie ein Mantra. Fehlalarm. Kein Grund zur Panik. Irgendwas ganz wichtiges muss heute mit ihm nicht stimmen.

Das Innere der Turnhalle ist über die Jahre ziemlich genauso geblieben, wie es zu ihrer Schulzeit war. Niemand hat die klapprigen Stühle ersetzt, die Lichtanlagen sind noch genau die gleichen, höchsten der trübe Wandanstrich ist neu. Und es ist alles so hergerichtet, wie zu einem ihrer diversen Schultänze, nur, dass niemand tanzt. Die Musik läuft trotzdem, nur ein kleines bisschen zu laut, um normal miteinander reden zu können.

Ein ungutes Gefühl macht sich in Bob breit. Den größten Beitrag dazu macht die Realisation, dass ihm erschreckend wenige Gesichter bekannt vorkommen. Das erste Mal seit langem denkt er, er ist wohl doch irgendwo ganz falsch abgebogen, als wäre es tatsächlich irgendwie wichtig, diese Leute zu kennen, als hätte er sich etwas fundamentales verbaut, indem er sich so viel Mühe gegeben hat, sie alle zu vergessen.

Wenigstens den Aufwand, ein bisschen zu recherchieren, hätte er sich doch machen können. Über Kellys Instagram Account findet man bestimmt 95 Prozent der Menschen hier. Aber so ist es nur eine Masse von Fremden, die billigen Wein trinken und sich Small Talk zurufen.

Bevor Bob seinen Plan, sich unter die Leute zu mischen und zu verschwinden, realisieren kann, wird er schon entdeckt. "Bob!"

Zum Glück ist es nur Kelly, die erkennt er. Sie streckt die Arme nach ihm aus, als sie sich an ein paar Leuten vorbei schiebt und schließt ihn eine herzliche Umarmung. Er kann sich nicht erinnern, ob sie sich zu Schulzeiten, damals, auch nur ein Mal richtig umarmt haben, jetzt tut sie das jedes Mal, selbst wenn sie sich nur zufällig über den Weg laufen.

Er lächelt erleichtert, Kelly lässt ihn los, legt ihm die Hände auf die Schultern und mustert ihn, wie eine stolze Großmutter. "Ist das schön, dich mal wiederzusehen."

Das ist das Problem mit Kelly. Mit ihm und Kelly. Denn selbst wenn sie so nett ist, so offensichtlich froh, ihn zu sehen, hat er das Gefühl, er verdient eine Ohrfeige dafür, dass er sich so sehr gegen ihre Bemühungen sträubt. Sie spielt hin und wieder mit seinen Schuldgefühlen, aber am Ende meint sie es doch immer nur gut und das muss er ihr hoch anrechnen. Er hätte jeden Loser, der so beschissen darin ist, Kontakt zu halten, wie er, schon vor Jahren abgeschrieben. Aber Aufgeben kennt sie eben nicht.

Der Knoten im Hals erlaubt ihm nur ein zaghaftes Nicken. Das hat auch ein bisschen damit zu tun, dass sie wieder wie sechzehn aussieht, wenn sie so lächelt. Unwillkürlich muss Bob an die Fotos von ihrer Hochzeit denken, die er vor ein paar Jahren irgendwie zu Gesicht bekommen hat. Wie glücklich sie aussah, wie zufrieden.

"Ich wollte dich gerade anrufen, aber da bist du ja doch noch aufgetaucht." Gleich noch eine Ohrfeige, für diese unnötige Verspätung.

Entschuldigend verzieht er das Gesicht und murmelt etwas von Stau, was sie aber über die Musik sowieso nicht hören kann. Sie drückt verständnisvoll seine Schulter, dann sieht sie sich um, als würde sie jemanden suchen.

"Peter war gerade auch noch in der Nähe, aber…" Sie schnalzt mit der Zunge, dann dreht sie sich lächelnd zurück zu ihm. "Justus hab ich allerdings auch noch nicht gesehen. Ich denke, wir besorgen dir vielleicht erst mal was zu trinken. Komm."

Um die Realität von Peters Anwesenheit sind Bobs Gedanken bis zu diesem Moment gut herumgekommen. Jetzt trifft es ihn wie eine Lawine. Weil er sich umsieht, mit der furchtbaren Ahnung, Peter könnte genau hinter ihm stehen, verliert er Kelly auf dem Weg zum Buffet fast zwischen den Menschen. Könnte sie es ihm ansehen, wenn sie sich jetzt umdrehen würde? Dass er sich plötzlich so schrecklich krank fühlt, wie schon seit Jahren nicht mehr?

"Was willst du? Wein?" Kelly machte eine ausladende Handbewegung in Richtung der Getränkeauswahl. Das Rauschen in seinen Ohren verklingt mit einem Mal und er blinzelt einmal heftig, damit der Raum um sie herum aufhört zu wanken.

"Lieber nicht. Ich muss auch wieder nach Hause fahren."

Erst nickt sie wissend, doch dann hält sie inne. "Bist du etwa allein gekommen?"

Bobs Blick gleitet einmal quer durch die Turnhalle, dann reflexartig zur Tür. "Ja." Sie meint ein Date, zweifellos, aber ihm fällt gerade ein, dass er Justus vielleicht auch mal anrufen könnte. Die Unpünktlichkeit sieht ihm doch so gar nicht ähnlich.

Obwohl Kelly ganz beschäftigt damit tut, ihm ein Getränk einzugießen und sich um einen unbeteiligten Gesichtsausdruck bemüht, entgeht Bob nicht, wie ihre Augenbrauen sich überrascht heben. "Hatte deine… Freundin keine Zeit?", fragt sie ungeschickt und drückt ihm das Glas Wasser in die Hand.

Das kühle Gefühl bringt ihn wieder ein wenig zurück in seinen Körper. "Mhm", macht er, dann nimmt er einen großen Schluck. Während man trinkt, kann man bekanntlich nicht reden und diese Konversation will er gerade sicher nicht haben, schon gar nicht mit ihr. Seine Freundin gibt es nicht, Kelly hat ihm die Plus-Eins aufgeschrieben, weil sie davon ausging, dass… ehrlich gesagt hat er keine Ahnung, was sie sich dabei gedacht hat.

Vielleicht, dass er jemand ist, den es nicht gibt. Dass er Bob ist, der sein Glück gefunden hat, genau wie sie. Oder wenigstens Bob, der für ein Klassentreffen ein Date aufgabeln kann.

Kelly kann nicht ganz verbergen, dass sie gerade auch realisiert hat, was Sache ist. Sie öffnet den Mund, doch bevor sie tiefer bohren kann und ihre nächste Frage stellt, auf die Bob keine befriedigende Antwort hat, knackt es in den Lautsprechern.

Auf der kleinen Bühne weiter vorne hantiert jemand mit dem Mikrofon. "Ach, verdammt", murmelt Kelly. "Das hab ich ganz vergessen." Da ist definitiv ein bisschen Mitleid in ihrem Blick, als sie sich zu ihm dreht und sagt: "Da muss ich mich jetzt kurz drum kümmern. Aber", sie zeigt warnend auf ihn, "ich bin gleich wieder da. Nicht weglaufen." Sie drückt noch einmal kurz seine Schulter, dann verschwindet sie in Richtung Bühne.

Seine Finger schließen sich fester um sein halbleeres Glas, als er ihr nachsieht. Die Aussicht, sich unter die Leute zu mischen, scheint tatsächlich deutlich weniger attraktiv, seitdem sie ihn erinnert hat, dass er Gefahr läuft, auf Peter zu treffen.

Er sucht sich den nächsten leeren Tisch und lässt sich auf einen der klapprigen Stühle fallen. Der Druck an seiner Schläfe wird langsam aber sicher zu richtigen Kopfschmerzen und er leert das Glas in einem Zug, wie einen Shot. Die Schmerzen haben nichts mit den aktuellen Ereignissen zu tun. Sicher nicht, sicher hat er nur den ganzen Tag nicht genug getrunken, weil er zu beschäftigt damit war, in Panik zu verfallen.

Kein Grund zur Panik. Mit schwitzigen Fingern tastete er an seinem Bein nach dem Handy in der Hosentasche und zieht es hervor. 'Ich stehe noch im Stau'. Vor sieben Minuten. "Justus…", seufzt er leise.

"Andrews?" Er schreckt hoch. Der Typ, der jetzt auf ihn zu kommt, wirkt unwahrscheinlich glücklich, ihn zu sehen. Irritiert lässt Bob sich von ihm die Hand schütteln. Immerhin ist es nicht Peter, aber er hat auch keine Ahnung, wer es sonst sein könnte. Noch so ein absolut nichtssagendes Gesicht.

Sein neuer Gesprächspartner stellt sich zu seinem Unglück auch nicht vor. Stattdessen beginnt er, munter drauflos zu plappern. Ein paar Fragen, ein paar schlechte Witze und nur drei Minuten später steckt Bob mechanisch nickend in einem Gespräch über Aktien fest, das er weder wirklich versteht, noch haben will.

Offensichtlich hat sein Gegenüber gerade nicht seinen ersten Wein in der Hand, an dem er in seinen sehr kurzen Redepausen nippt und ist dadurch einfach zu entspannt, um mitzukriegen, dass Bob nichts beizutragen hat. Oder es interessiert ihn einfach nicht.

Bob sucht nach einen Fluchtweg. Die Toilette bietet sich an, dagegen kann man nichts einwenden. Ein Blick zu den Umkleiden zerlegt diesen Plan allerdings genauso schnell wieder.

Er kann sich nicht an eine Zeit erinnern, zu der Peter nicht mindestens ein paar Zentimeter größer als die meisten seiner Mitmenschen war. Das, zusammen mit seiner auffälligen Haarfarbe, macht es recht einfach, ihn in Menschenmassen ausfindig zu machen. Auch heute wieder zu Bobs Vorteil, denn andernfalls wäre er unvorbereitet genau auf ihn zugelaufen, auf dem Weg, sich zu verstecken.

So dreht er den Kopf schnell wieder weg und duckte sich ein wenig tiefer über den Tisch.

"Gewinnwachstum ist da halt quasi nicht möglich, verstehste?" Der Typ kann nicht sehen, dass Bobs Herz wieder so heftig schlägt, dass er es in den Ohren hören kann.

"Ja, verstehe", erwidert Bob platt. "Klingt hart." Er hat ganz vergessen, wie schrecklich dieses Geplänkel ist. Und dem skeptischen Blick nach zu urteilen, den er zurück bekommt, scheint es auch recht offensichtlich zu sein, dass er den Anschluss komplett verloren hat.

Wo zur Hölle bleibt Justus? Auf Bobs innerer Uhr sind schon mindestens zwanzig Minuten vergangen, wenn nicht ein ganzes Leben. Und sowieso, wo ist denn um diese Uhrzeit Stau in der Nähe? Vielleicht ist er direkt aus Los Angeles gekommen, aber—

"Shaw!" Der unbekannte Gesprächspartner, der scheinbar die Angewohnheit hatte, alle nur mit ihrem Nachnamen anzusprechen, springt auf, während sich jeder Muskel in Bobs Körper anspannt. Vielleicht meint er doch nur Kelly. Bitte sei Kelly.

Bob dreht sich auf seinem Stuhl um. Das Klingeln in seinen Ohren schwillt dramatisch an und ist damit zu laut, um zu hören, was Peter, der wie aus dem Boden gewachsen hinter ihm steht, antwortet. Aber er grinst breit, ähnlich leuchtend wie Kelly, und klopft dem anderen Typen kumpelhaft auf die Schulter, also würde er genau wissen, mit wem er redet. Natürlich kennt er sich aus.

Das Klingeln verebbt langsam und wird durch Gänsehaut in Bobs Nacken ersetzt.

"Mit dir hab ich irgendwie gar nicht gerechnet", sagt Peter jetzt, als er sich an ihn wendet.

Kein 'Hallo', kein 'Wie geht's'. Hätte Bob nicht kommen sollen? Gibt Peter ihm zu verstehen, dass er gehen soll?

Geistesgegenwärtig nimmt Bob seine ausgestreckte Hand. Fester Händedruck, geschäftlich, irgendwie. Bobs Hand hingegen fühlt sich an, wie aus Butter. Er sehnt sich nach einem Stopknopf, den er drücken kann, nur für eine kurze Auszeit. Damit er gleich den Mund öffnen kann und tatsächlich etwas rauskommt, das mehr als ein überraschtes Geräusch ist.

"Kelly hat mich doch noch überredet", murmelt er, was zu seiner Überraschung tatsächlich ein ganzer Satz ist. Was soll er auch sonst machen? Nicken? So tun, als wäre er froh, Peter zu sehen? Ein weiteres verkrampftes Lächeln traut er sich nicht zu.

"Schon gehört." Peter steckt seine Hände wieder in die Hosentaschen. Alles an ihm ist zu gelassen. Es passt so gar nicht zu Bobs innerem Chaos, dazu, wie es sich anfühlt, als würde sein ganzes Blut in ihm überkochen. Seine Haut brennt, sein Kopf ganz besonders.

"Apropos…", sagt Peter gedehnt und dreht sich auch schon wieder halb von ihm weg. "Kelly wollte noch eine kurze Ansprache machen, ich schau lieber mal… wie das läuft."

Erleichterung wäre die richtige Emotion. Allerdings ist es nicht das, was Bob fühlt. Er will Peter zurückziehen und ihn fragen, was zur Hölle das soll. Er will eine Erklärung dafür, warum Peter ganz unbehelligt: "Vielleicht sehen wir uns später noch mal, Justus wollte ja auch noch kommen", über seine Schulter sagt, als er verschwindet, während Bob rein gar nichts sagen kann und wie angewurzelt stehen bleibt. Wie kann man ihm die Vergangenheit nicht ansehen?

Als Peter außer Sichtweite ist, bricht ihm plötzlich der kalte Schweiß aus. Seine eigenen Hände bewegen sich wie in Zeitlupe. Er greift nach seinem Glas und beginnt mit der Flucht. Sein Fuß kollidiert scheppernd mit einem Stuhl. Er beginnt, die laute Musik doch noch zu schätzen.

Die Flucht führt ihn nicht einmal hinaus, so weit schafft er es nicht, nur an den letzten Tisch im Raum. Von seinem neuen Sitzplatz aus, hat er die ganze Halle im Blick. Keine Überraschungen mehr.

Wahrscheinlich ist ein seltsames Bild, dieser erwachsene Mann, zusammengesunken an einem kleinen Tisch in der hintersten Ecke seines Klassentreffens. Aber das ist ihm egal, denn er wird sowieso nie wieder hierher kommen.

Jemand, Bob, muss einen klaren Schnitt zwischen sich und die Zeit in Rocky Beach setzen. Wenn er Kelly nicht absagen kann, dann geht er am besten gar nicht mehr ran, wenn sie anruft. Und über Justus kann er ihr zukommen lassen, dass… Na, vermutlich nur, dass er ein Idiot ist, denn so wird es aussehen. Richtig erklären kann er das eben auch nicht, ohne sich noch mehr zu blamieren.

Bob hat viel Zeit mit seinen Fehlern verbracht. Viel schmerzhafte Zeit, die er nicht wiederholen möchte. Seine sonst so direkte Kommunikation hilft da schon sehr, vor allem weil er sich nicht mehr mit Gedanken rumschlagen muss, ob er irgendwie falsch rübergekommen ist.

Aber natürlich schützt es ihn nicht davor, Fehler zu machen, wie er gerade bemerkt. Auch sein nahezu perfektes System hat eben seine Schwächen. Bob hat seine Schwächen. Denn der jüngste Fehler, den er trotz aller guten Vorsätze der absoluten Ehrlichkeit begangen hat, war, dass er mit Kelly nicht wie mit jedem anderen geredet hat. Dass es ihm da irgendwie an Stärke fehlte. Irgendwie stört ihn der Gedanke, dass sie sich die Mühe macht, ihn anzurufen und persönlich zu überreden.

Er kann sich gerade wieder viel zu gut an ihr enttäuschtes 'Ah, verstehe' erinnern, als er die Einladung zu ihrer Hochzeit mit der Begründung ablehnte, er stecke gerade in einem viel zu großem Projekt. Im Übrigen eine Lüge.

Wenn es nach Kelly gegangen wäre, wären Justus und Bob beide Trauzeugen gewesen. Noch Jahre später, jetzt, wo das ganze doch schon absolut irrelevant ist, dreht und wendet Bob diese Formulierung in seinen Gedanken.

'Wenn es nach mir ginge…' Also entschied Peter sich dagegen.

Bob weiß bis heute nicht, wie viel Kelly über ihn und Peter weiß. Lange dachte er, dass Peter ihr alles erzählt haben muss, immerhin sind sie verheiratet, aber dieser Unterton in ihrer Stimme damals, hat ihn verunsichert. Kann sie Peters Entscheidung nicht verstehen, weil sie das alles nicht versteht, oder, weil sie es einfach nicht weiß?

Aber selbst wenn sie es nicht weiß, dann muss doch der Fakt, dass sie mehr um Bobs Anwesenheit auf ihrer Hochzeit gekämpft hat, als Peter, Bobs bester… ehemaliger bester Freund, aussagekräftig genug sein.

Der ehemalige beste Freund, der auch jetzt offensichtlich nicht mit ihm allein sein will.

Bob kann es ihm nicht verübeln. Es ist eine lange Zeit, um keinen Kontakt zu haben. Früher hätte er wahrscheinlich felsenfest behauptet, dass so eine Freundschaft wie zwischen ihnen nie zerbrechen könnte. So etwas ist für immer.

Diese Annahme war ein weiterer Fehler auf seiner Liste, denn jetzt sitzt er hier, allein, nachdem Peter ihn angesehen hat, als wären sie Fremde. Die jahrelange Funkstille endlich gebrochen, aber nicht so, wie Bob es sich immer erhofft hat.

Vielleicht ist Bob auch einfach ganz anders, ein Fremder, und er weiß es nur nicht. Vielleicht ist inzwischen so viel Zeit vergangen, dass Peter ihn tatsächlich nicht richtig erkannt hat.

Bob sehnt sich nach einer absolut rationalen und dadurch seltsam beruhigenden Erklärung dieser Situation von Justus Jonas. Aber der ist leider immer noch nicht in Sicht und ob Bob überhaupt wirklich will, dass er in diesem speziellen Fall seinen Senf dazu gibt… Früher hat er sich vehement gewehrt, mit Justus auch nur annähernd darüber zu reden, mittlerweile wünscht er sich insgeheim, alles wenigstens einmal durchzusprechen, auch wenn es nichts mehr ändern kann. Aber die Zeit dafür ist wahrscheinlich auch vorbei. Irgendwie gibt es doch eine Grenze, bis wann man der gleichen Sache hinterhertrauern darf, bevor es komisch oder erbärmlich wird.

Bob hat sein angemessenes Zeitfenster mit Wut und Verzweiflung gefüllt. Genau kann er sich nicht mehr daran erinnern, es ist zu lang her. Aber es bleiben Schatten von den Tagen, die er mit viel zu vielen furchtbaren Gefühlen im Bauch verbracht hat und manchmal, wie heute kriegt er wieder eine Kostprobe des Ganzen.

Und dabei hat er es wirklich versucht. Mit Schweigen, mit Ablenkung, mit Meditation. Dann eine Weile lang mit Alkohol, irgendwann mit Therapie. Ein weiterer Fehler, wenn er beginnt daran zu denken, dann tauchen immer mehr davon wieder auf.

Stunden, die er in einem minimalistisch eingerichteten Raum verbrachte und für die er eine Unmenge an Geld blechte, damit der Therapeut ihm die Trauerphasen erklärte und, dass man diese nicht nur bei Todesfällen durchlief.

Allein bei dem Gedanken daran, will er jetzt wieder die Augen verdrehen. Dafür muss er niemanden bezahlen, dass war ihm zu dem Zeitpunkt schon selber klar. Das war ja eben der Grund, aus dem er mit dem Spaß überhaupt angefangen hat, er lebte die verdammten Trauerphasen. Aber irgendwie muss es ja einen Weg geben, dachte er, den ganzen Trauerpart hinter sich zu lassen, vor allem nach so vielen Jahren. Dafür sind solche Spezialisten doch da.

Dann biss sich der Therapeut an dem Gedanken fest, dass Bob Kelly insgeheim hasste und deswegen nicht loslassen konnte.

Wie er darauf kam, ist Bob immer noch schleierhaft. Seine Versuche, zu erklären, dass Kelly nichts damit zu tun hat, dass es zur Zeit, als sie und Peter geheiratet hatten schon zu spät war, weil Bob seit knapp sechs Jahren kein Wort mehr mit Peter gewechselt hat, blieben erfolglos. Zusätzlich warf der Mann ihm dann noch Bindungsängste vor, der Punkt an dem Bob die Behandlung beendete.

An Tagen wie heute überlegt Bob, ob er sich nicht vielleicht einen anderen Therapeuten suchen und es noch einmal probieren sollte. Es ist höchste Zeit, all das hinter sich zu lassen. Schließlich kann er nicht noch als Fünfzigjähriger herumrennen, dem jedes Mal das Gefühl in den Händen verloren geht, wenn er denkt, Peters rote Haare aus dem Augenwinkel gesehen zu haben.

 

Seine Haare sind schon ganz durcheinander, so oft ist sich Peter in den letzten zehn Minuten mit den Händen hindurch gefahren. Der Schweiß auf seiner Stirn ist wahrscheinlich nur zur Hälfte der stickigen, warmen Luft in der Zentrale geschuldet, die andere Hälfte hat mit dem Umschlag in seinem Schoß zu tun.

"Drei Stunden ist jetzt wirklich keine Weltreise", sagt Justus aufmunternd, obwohl auch er ein bisschen blass um die Nase aussieht.

Peter nickt stumm und starrt wieder auf den Brief, den er mittlerweile so oft gelesen hat, dass er ihn wahrscheinlich auswendig kann.

"Das ist doch dein Traumprogramm, oder irre ich mich, Zweiter?", hakt Justus nach.

Bob entgeht das leichte Muskelzucken an Peters Kiefer nicht. Wie er kurz die Lippen aufeinander presst.

"Ja", sagt Peter dann, seine Stimme klingt hohl. "Ja, schon, aber…" Er bricht ab.

Justus hat recht, drei Stunden Autofahrt ist wirklich nicht so dramatisch. Mit einem eigenen Auto ist das definitiv machbar. Bob wünscht sich trotzdem, tief in einem sehr egoistischen Teil seiner Seele, dass es Peter den Preis nicht wert ist. Dass er das Sportstipendium, für das er so gekämpft hat, vielleicht doch aufgibt, weil es einfach zu weit weg ist.

Aber der beste Freund in Bob bleibt vernünftig. Drei Stunden. Kein Flug, kein anderer Kontinent, nur ein Staat weiter, nur drei Stunden Autofahrt.

So ist es eben in der echten Welt. In der echten Welt verbringt man nicht jeden Tag nach der Schule mit seinen besten Freunden, verbringt nicht den ganzen Sommer wie selbstverständlich mit ihnen am Strand, ist nicht für immer beinahe Nachbarn, ist nicht unzertrennlich.

Halt, nein, unzertrennlich sind sie ja immer noch, daran können auch diese drei Stunden nichts ändern. "Drei Stunden sind wirklich ein Klacks, Peter."

Peter sieht ihn skeptisch an und es bedarf Bobs ganzer Selbstbeherrschung, nicht doch zu betteln, dass er hier bleibt, für immer.

"Hast du dir das nicht angeschaut, bevor du dich beworben hast?" Die Lehne vom Schreibtischstuhl quietscht ein wenig, als Justus sich zurücklehnt.

"Doch, nur…" Peters Finger streichen wieder über den Rand dieses wichtigen Stückes Papier. "Ich hab doch nicht erwartet, dass ich tatsächlich reinkomme. Das war eine absolute Schnapsidee." Erneutes Haareraufen. Noch nie kann jemand so elend ausgesehen haben, weil er sich einen Traum erfüllt hat, denkt Bob.

"Überleg doch mal", beginnt Justus wieder. "Die Fahrt ist doch so ein kleines Übel, wenn man bedenkt, wie gut diese Schule für dich ist." Auf Peters unsicheres Nicken, schnalzt er mit der Zunge. "Na, komm schon. Du hast ein Auto, Bob hat ein Auto, wir werden uns schon nicht vergessen."

"Und Telefone gibt es ja auch noch", bestärkt Bob den Ersten.

Und Peter entscheidet. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen… euch nicht jeden Tag zu sehen. Für so lange Zeit." Und trotzdem sagt er zu. Weil es eben so ein verdammt gutes Angebot ist, und weil er sich auch irgendwann mal etwas trauen muss. Und weil Justus und Bob sich so bemühen, ihm die Zweifel zu nehmen.

Sie versprechen sich den besten Sommer und es klappt. Die Tage am Strand gewinnen an Bedeutung, denn jetzt sind sie begrenzt. Und nach jeder Party, wenn er versucht trotz Peters Schnarchen neben sich einzuschlafen, kocht die Panik in Bob hoch.

Die Zeit rennt. Sie rinnt durch alle Ritzen, jeden Abend fragt er sich, wie schon ein ganzer Tag vergangen ist. Es sind acht Wochen, sechs Wochen. Zwei Wochen. Er kann sich nicht vorstellen, Peter nicht mehr in einem Umkreis von fünf Meilen wissen zu können. Es ist zu viel, zu schwer. Aber er darf das nicht zulassen, er darf sich die Angst nicht anmerken lassen, denn Peter ist selbst nervös genug. Zwei Tage.

 

Bobs Stirn trifft mit einem dumpfen Geräusch auf die Tischplatte auf. Eigentlich ist es viel zu lang her, er weiß, dass die Erinnerungen nicht mehr ganz richtig sein können. Aber es fühlt sich so echt an. Dieses Ziehen in seinem Brustkorb, als er da saß und Peter ansah, während er sich selbst und ihn versuchte zu überzeugen, dass die Distanz sie nicht verändern konnte. Die unterschwellige Befürchtung, die er jeden Tag dieses Sommers hatte, dass er, selbst wenn sie Freunde blieben, Peter nie wieder genau so haben würde, wie jetzt. Und nie mehr.

Wenn noch Wasser in seinem Glas übrig wäre, hätte er immer wieder kleine Schlucke nehmen können, die Zeit überbrücken können, bis Justus ihn unweigerlich vor der Vergangenheit retten kommt. So wie früher.

Bobs Hoffnung ist, dass Justus das alles vergessen hat, vor allem die eine, besonders schlimme Nacht und ihr Gespräch. Gespräch ist wahrscheinlich schon nicht richtig, den was auch immer er Justus halb vier, betrunken und schluchzend über das Telefon gesagt haben mag, wirklich Sinn kann es nicht ergeben haben. Vielleicht hat er es nie wieder erwähnt, weil er es zu der Zeit einfach nicht verstanden hat. Ihm fehlt ja auch jetzt noch die ganze Geschichte dazwischen. Zwischen Peters Brief und Bobs verrotztem Gemurmel, nachdem er seine Ängste selbst wahrmachte.

 

Falls Justus neidisch ist, dass Peter und Bob einen Tag mehr zusammen bekommen, so hat er es sich bei seinem Abschied nicht anmerken lassen. Fast vermutet Bob ja, dass der allwissende Detektiv gerochen hat, dass er sich ein paar letzte Stunden allein mit Peter gewünscht hat und, dass Justus' vorgezogener Aufbruch zu irgendeinem Vorbereitungskurs nur ein netter Vorwand war.

Die Stille ist eine Lücke, die er füllen sollte. Immerhin ist die Sonne schon beinahe untergegangen und die letzten Momente verstreichen schneller, als Bob lieb ist. Er muss doch noch alles sagen, was Peter wissen muss, bevor die Sonne wieder aufgeht und er keine Zeit mehr hat.

Peter sieht in die Flammen des kleinen Lagerfeuers, das sie in der Feuerstelle zustande gebracht haben, das warme Licht beleuchtet seine nachdenkliche Miene so schön, dass Bob fürchtet, sein Herz müsste platzen.

"Peter", murmelt er betreten und fühlt sich schlecht, als sein Freund ein bisschen zusammenzuckt.

Er sieht ihn an, als hätte er Angst, was Bob als nächstes sagt. Bob selbst hat Angst, weil er nicht weiß, was jetzt kommt. Sein Mund gibt die Kommunikation mit seinem Hirn auf und übernimmt einfach das Ruder.

"Ich weiß nicht, wie ich das alles überstehen soll, ohne dich."

Peters Mundwinkel zucken sofort nach oben. "'Das alles'?", fragt er mit einem kleinen Lächeln. "Was meinst du?"

"Alles", sagt Bob ehrlich. "Die ganzen Veränderungen. Und…" Bei dem Ausdruck in Peters Augen muss er schlucken. Irgendwie ist er immer davon ausgegangen, dass sie zu dritt ihr ganzes Leben miteinander verbringen würden.

"Ach, Bob", seufzt Peter und zieht ihn näher an seine Seite. Funken steigen in Bob auf, wie dort im Feuer, wenn Peter mit dem Stock in die Glut sticht. "Mach dir mal nicht so viele Sorgen, ja? Wenn einer Schwierigkeiten haben wird, sich umzugewöhnen, dann ja wohl ich. Du hast ja immer noch Justus und Rocky Beach einen Steinwurf entfernt. Ich bin mehr oder weniger allein. Ich muss mich wahrscheinlich echt zusammenreißen, dort mit Leuten zu reden, anstatt euch andauernd anzurufen."

Er lächelt warm, aber traurig sieht er trotzdem aus. Bob beißt sich auf die Wange. Er wusste, er hätte seine Sorgen nicht durchscheinen lassen sollen. "Beim Training wirst du bestimmt ganz schnell Anschluss finden", sagt er möglichst zuversichtlich.

Peter wiegt seinen Kopf ein wenig hin und her. "Ja, na klar. Ich bin natürlich nicht wirklich allein, aber es ist doch was sehr anderes als mit Justus und…" Er sieht wieder zu Bob. "Mit dir."

Bob weiß nicht, wie er diese Stimme in seinem Kopf abstellen soll, die ihm sagt, er soll Peter festhalten. Dass er, wenn er geht, für immer geht. Es ist idiotisch. Es wahrscheinlich pure Eifersucht. Minderwertigkeitskomplexe, dass Peter Freunde finden wird, die er besser findet, oder eine Freundin. Dass er ihn vergisst. Seine Gedanken überschlagen sich. Er ist Peter gegenüber nicht fair. Sowas würde seinem besten Freund nie in den Sinn kommen, es ist nur ein Produkt seiner eigenen Unsicherheit.

"Was ist los, hm?", fragt Peter, weil er ihm die Panik wohl doch für einen Moment angesehen haben muss.

"Ich glaube, ich werd dich einfach unheimlich vermissen", bringt Bob nur raus. Er fühlt sich ganz außer Atem, nur von dieser einfachen Lüge. Denn es ist kein Glauben, er weiß es, er vermisst ihn ja jetzt schon.

Peter tätschelt seine Schulter. "Das will ich ja wohl hoffen", sagt er und grinst. "Aber ich komm ja wieder. Drei Wochen musst du erst mal nur ohne mich auskommen."

Bob nickt langsam.

"Schaffst du", sagt Peter und als Bob ihn wieder ansieht lächelt er aufmunternd.

"Wenn du meinst."

Es ist wieder still während sie essen. Dann während sie das Zelt aufbauen. Als sie schließlich wieder sitzen und zusehen, wie die letzten Flammen immer kleiner werden, ist der Himmel schon pechschwarz.

"Das wird mir alles fehlen", sagt Peter ganz leise. Er hockt zusammengesunken neben Bob auf der schmalen Bank, die Hände rechts und links neben sich abgestützt. Von der Schulter bis zum kleinen Finger berührt sein rechter Arm Bobs linken.

Er gähnt und auch Bob ist bereits so müde, dass er die Augen kaum noch offenhalten kann. "Man kann auch außerhalb von Kalifornien campen", sagt er.

Peter schnaubt durch die Nase und schubst ihn sanft mit der Schulter an. In der Feuerstelle fällt ein verbrannter Ast in sich zusammen und für einen Moment ist es noch einmal richtig hell. Bob kann den gar nicht mehr so schläfrigen Glanz in Peters Augen sehen, bevor sie wieder in Schatten gehüllt werden. Dann ist da die Silhouette seiner Hand.

Sein Freund streicht mit seinen Fingern gerade so sacht über seine Wange, dass Bob den Kopf ein bisschen zu ihm dreht und dann küsst er ihn. Obwohl Bobs Magen im ersten Moment Achterbahn fährt, muss er feststellen, dass es sich gar nicht so viel näher anfühlt, als sie sowieso schon die ganze Zeit sind. Es ist eher so, als würde ein sanfter Kuss genau dorthin gehören, wie der Punkt am Ende eines Satzes.

Deswegen sagt er auch nichts, als Peter den Kopf wieder zurückzieht. Er schlingt die Arme um Bob, als wäre es logisch. Wie als wäre es eine Selbstverständlichkeit, schläft Bob auf der Luftmatratze mit Peters Hand in seiner an.

 

Bob ist wirklich der Meinung, dass es nichts mit Hass zu tun hat, aber sein erster Gedanke, als er damals den Umschlag öffnete und die Einladung zu Peters und Kellys Hochzeit vor ihm auf den Tisch fiel, war, dass Kelly einfach besser war, als er.

Kelly machte die wichtigste Beziehung ihres Lebens nicht grundlos kaputt, Kelly hätte sich an Bobs Stelle doch über die Mittelkonsole von Peters MG gelehnt, um ihn zum Abschied noch einmal zu küssen, anstatt den ganze Vorabend als ein Produkt von Müdigkeit abzutun, unbeholfen zu lächeln und einfach auszusteigen. Kelly hätte dem Auto nicht mit Reue hinterhersehen müssen. Kelly hatte durchgezogen.

Ja, er ist noch immer neidisch auf sie. Aber das ist er auf jeden, der Peter noch immer in seinem Leben hat. Und um ehrlich zu sein könnte er sich deutlich schlimmere Optionen für Peter vorstellen, als Kelly. Sie haben sich trotz den vielen Aufs und Abs ihrer Highschool-Beziehung schon immer gut ergänzt. Und offensichtlich machen sie einander glücklich.

Bob will das auch. Glücklich werden. Gelassen sein, diese Tage vergessen. Irgendwie will er immer noch Peter, er will die Zeit zurückdrehen und dafür sorgen, dass Peter ihn nicht das letzte Mal über den Rückspiegel sieht, bevor alles zerfällt. Er will aufhören, das zu wollen. Er will derjenige von ihnen beiden sein, den alles kalt lässt, der einfach mit seinem Leben weiter macht. Er will gehen.

Weiter vorn in der Sporthalle erklimmt Kelly vorsichtig die schmale Treppe zur Bühne und stellt das Mikrofon auf ihre Größe ein. Für eine emotionale Ansprache ist sie genau die richtige Wahl. Bob kann sich noch gut an die Rede erinnern, die sie bei ihrer Zeugnisvergabe gehalten hat. Auch er hat damals am Ende ein paar Tränen vergossen.

Das Video dieser Abschlussrede hat er dann im Wohnheim sie ersten paar Wochen zum Einschlafen auf Dauerschleife laufen lassen. Jeden Abend sah er sich, dann Justus und schließlich auch Peter dabei zu, wie sie über die Bühne liefen. Wirklich gut schlafen konnte er dann immer noch nicht, aber wenigstens war es etwas vertrautes.

Noch Jahre später fragt er sich, ob Peter damals wohl ähnliche Taktiken genutzt hat. Ob er sich manchmal Fotos von den Dreien zusammen ansah, um sich nicht so verloren zu fühlen. Ob er wohl auch andauernd darüber nachdachte, anzurufen und sogar Bobs Kontakt aufrief, nur um dann eine Ewigkeit auf die Nummer zu starren und doch nicht zu wählen.

Damals dachte Bob, dass er diesem Impuls wohl mit Absicht widerstand, damit seine Sorgen, keinen Anschluss zu finden, sich nicht bewahrheiten würden. Und er ließ ihm die Zeit, immerhin sollte Peter so viele der Einführungsveranstaltungen wie möglich nutzen, um Leute kennenzulernen.

Aber er konnte nicht aufhören, an ihn zu denken und sich einen Anruf zu wünschen. Und dann verschob Peter seine Rückkehr um eine Woche und die Zweifel begannen.

Drei Stunden Autofahrt waren eine ziemlich sichere Distanz, um jemandem aus dem Weg zu gehen, dem man einen unüberlegten Kuss nicht erklären wollte. Und vielleicht war es ja eben das, was Peter fernhielt. Die Angst, dass Bob sich mehr erhoffte, als er geben wollte. Womöglich hätte er damit nicht einmal falsch gelegen, denn Bob übte das Gespräch in seinem Kopf andauernd und fasste den Entschluss, die Angelegenheit zu klären, wenn Peter zurückkam.

Peter verschob noch eine Woche und damit zementierte sich in Bobs Kopf der Fakt, dass es an ihm lag. Irgendwie war Bob ihm peinlich oder Peter hatte einfach keine Lust, Bob zu erklären, dass es für ihn nichts bedeutete. Deswegen war er, wie durch Zufall, nicht in Rocky Beach, als Peter schließlich doch nach Hause kam. Ruf mich an, dachte er damals. Beweis mir, dass ich es mir nur einbilde.

Jetzt, nach Jahren, weiß er, dass es vermutlich einfach so war, dass einer den ersten Schritt machen musste. Peter küsste ihn und Bob schwieg und Peter wartete wahrscheinlich wochenlang auf eine Antwort, so wie Bob auf einen Anruf wartete.

Die traurige Wahrheit ist, dass Bob weiß, dass er es alles verkraftet hätte. Schwere Gespräche mit Peter, Erwartungen an einander zu klären. Selbst wenn Peter zurückgekommen wäre um ihm zu sagen, dass er an ihrem letzten Abend einen Fehler begangen hatte, wäre er darüber hinweg gekommen, denn alles war besser, als Stille. Freundschaften wie die ihre verkrafteten alles, nur eben diese Stille nicht.

Stille ist, was letztendlich dafür gesorgt hat, dass er jetzt hier sitzt, gedankenverloren durch Kelly auf der Bühne hindurch starrt und sich schließlich erschreckt, als die Leute im Raum zustimmend zu klatschen beginnen. Kelly lächelt bescheiden und dann lässt sie sich von Peter von der Bühne helfen.

Und plötzlich ist es doch so einfach: den Stuhl zurückschieben, aufstehen, sich zum Ausgang drehen. Ein, zwei, fünf, zehn, zwanzig Schritte und seine Hand liegt schon an der Tür. Er bleibt nur noch kurz stehen um sich dieses Gefühl ganz genau abzuspeichern. Damit er sich das nächste Mal, wenn Kelly anruft, diesen Moment ins Gedächtnis rufen kann und sich erinnert, warum er auch zu ihr irgendwann mal Nein sagen muss.

Er fühlt sich erschöpft und irgendwie auch zu alt für das alles. Für das Taubheitsgefühl in den Armen, für diese gestochen scharfen Erinnerungen, fürs Wegrennen. Trotzdem schiebt er die Tür einen Spalt breit auf und tut dann genau das: Wegrennen.

Die Nacht hat sich ein wenig abgekühlt. Obwohl das eigentlich gar nicht sein kann, denn er war ja kaum eine halbe Stunde da drinnen. Mit in den Nacken gelegtem Kopf nimmt er ein paar tiefe Atemzüge durch die Nase.

"Keine Raucherpause, hoffe ich?"

Bob ist auch schon zu fertig, um sich noch vor Justus' plötzlichem Auftauchen zu erschrecken. Langsam schüttelt er den Kopf und findet den Blick seines Freundes, der ihn im dämmrigen Licht schief angrinst.

"Ich bin gerade dabei zu gehen", gesteht er.

Justus regt sich nicht. Es ist eine dieser unglaublich frustrierenden Justus-Angewohnheiten: Einfach schweigen und nicht reagieren, bis Bob es nicht mehr aushält und sich erklärt. Frustrierend ist es allerdings nur, weil sie beide wissen, wie irrational Bob sich verhält.

Doch heute ist alles anders, denn Bobs Reise durch die Vergangenheit dauert schon viel zu lang. Deshalb seufzt Justus nach einer Weile erfolglosem Abwartens. "Du hast keine ganze Stunde ausgehalten, oder?"

Bob nickt schuldbewusst. "Ich fühl mich nicht gut", bietet er als Ausrede an. "Mein Kopf und… es ist irgendwie auch voller drinnen, als ich erwartet hätte."

Justus mustert ihn misstrauisch. "Ist was vorgefallen?", fragt er, ganz der analytische Detektiv, der er schon immer war.

"Nein", erwidert Bob matt. Nur mein Leben. Sie sind seit Jahren ziemlich gut darin, alles, was auch nur ansatzweise mit Peter zu tun hat, zu vermeiden, damit Bob nicht wieder unweigerlich in das klaffende Loch fällt, dass ihr Freund in seinem Leben hinterlassen hat, als er ging. Aber heute ist es besonders schwer.

"Ich—", beginnt Bob und hat sofort eine trockene Kehle. "Ich kann nicht", ist alles, was er schließlich zustande bringt.

"Okay", sagt Justus langsam. "Zehn Minuten?"

Bob schüttelt hastig den Kopf. "Du verstehst nicht, ich bin wirklich… durch."

Justus legt den Kopf schief. "Wie du meinst." Das bedeutet, dass er genau weiß, was los ist. Wie er so viel Verständnis dafür aufbringen kann, dass Bob und/oder Peter irgendwo in der Vergangenheit dafür gesorgt haben, dass er jetzt wie ein Scheidungskind zwischen ihnen hin- und herläuft, ist Bob immer noch ein Rätsel. Wahrscheinlich ist er einfach zu nett.

"Hast du getrunken?"

Kurz kneift Bob die Augen zusammen. "Nein", sagt er. "Nur Wasser. Ich bin mit dem Auto hier." Darüber, dass ihn das in der Vergangenheit auch nicht von einem oder fünf Bier abgehalten hat und Justus ihn schon oft genug irgendwo aufgabeln musste, müssen sie nicht reden. Es ist Jahre her. Justus weiß eben nur genau, dass der Tag heute wohl doch ein großes Risiko für Bob darstellt, wieder in alte Muster zu verfallen.

Justus blickt durch das Fenster in der Tür. Bob muss seinem Blick nicht folgen, um zu wissen, dass es wahrscheinlich alles ein schönes Bild abgibt. Das Licht, lachende Gesichter, Peter…

"Sorry", murmelt er und sieht auf seine Schuhe hinab. Er fühlt sich wie sechzehn. "Sag doch Kelly bitte, wenn du sie siehst, dass es mir leid tut, ja? Dass ich mich nicht verabschiedet habe."

"Soll ich sonst noch was ausrichten?", fragt Justus und der Ausdruck auf seinem Gesicht ist für einen Moment richtig schmerzhaft, bevor er sich wieder sammelt und seine Enttäuschung verbirgt. "Okay", sagt er schließlich leise. "Dann komm gut heim." Er hält Bob die Hand zum Abschied hin, ein kleines Friedensangebot. Immer ist er wieder so entgegenkommend. Immer wieder Verständnis ohne Erklärung.

Als Bob nicht reagiert, lässt er die Hand sinken und beugt sich ein wenig vor, um sein Gesicht im spärlichen Licht genauer zu sehen. "Bob?"

"Es tut mir leid", bricht es aus Bob heraus. "Was ich getan habe. Dass ich… unsere… alles kaputt gemacht habe."

Justus versteift sich ein bisschen. "Ich weiß", sagt er leise.

"Ja, ich—", stammelt Bob weiter. "Ich weiß nur nicht, ob… wie… also, ob ich je—"

Mit einem nachdrücklichen Nicken unterbricht Justus ihn. "Wir wissen beide, dass du… was tun musst. Aber ich glaube, hier und heute ist nicht die Zeit dafür. Ja?" Er hebt erneut die Hand.

Bob blinzelt heftig, um die Tränen zurück zu dem Knoten zu schicken, der noch immer in seinem Magen hängt. Er schiebt Justus' Hand beiseite und zieht ihn stattdessen in eine feste Umarmung. Es ist eine mickrige Wiedergutmachung für das Chaos, das Bob in seinem Leben angerichtet hat, für die Trümmer, die er ständig hinterlässt. Aber Justus drückt ihn zurück, als wäre alles schon lange verziehen.

"Viel Spaß dir", murmelt er, als er Justus loslässt und sich zum Gehen wendet.

Es gibt eine Stelle aus diesem bestimmten Telefongespräch, an die er sich trotz Filmriss erinnern kann. Oder vielleicht ist es eine Nachricht aus seinem Unterbewusstsein und gar keine Erinnerung. Aber es ist sehr eindeutig Justus' verschlafene Stimme. Justus, der eigentlich darauf besteht, sein Handy über Nacht abzuschalten und den Bobs Notruf doch erreicht hat, wie er: "Die Zeit läuft nur in eine Richtung, Bob", sagt. "Vorwärts."

Natürlich weiß Bob schon ungefähr, seit er denken kann, dass Justus weiser als er ist und trotzdem trifft ihn dieser simple Satz immer wieder heftig, wenn er sich daran erinnert. Eine beklemmende Aussicht, doch in Justus' Stimme so sachlich ausgedrückt und dadurch irgendwie… hoffnungsvoll.

Kraftlos schiebt er sich auf den Fahrersitz. Irgendwann muss das doch alles aufhören. Wenn seine Probleme sich schon nicht auf magische Art und Weise von selbst lösen wollen, dann müsste er sie doch wenigstens irgendwann vollständig runtergeschluckt haben. Ein paar Minuten sitzt er noch so im Auto auf dem stillen Parkplatz. Möglicherweise passierte Magie ja schon jetzt.

Doch als nichts kommt, lässt er den Motor an und lenkt den Wagen auf die Straße, weg von der Sporthalle.

Während er abbiegt, stellt er sich vor, wie Justus und Peter sich begrüßen, wie Justus Bobs Verschwinden entschuldigt. In seiner Vorstellung verzieht Kelly ein bisschen enttäuscht den Mund. Peter wirft einen abwesenden Blick zur Tür. Vielleicht hofft er insgeheim auch, dass Bob sich noch umentscheidet.

Aber in der Realität ist er wahrscheinlich einfach erleichtert, denn bestimmt dreht er nicht mehr, wie Bob, jedes Wort, jede Sekunden von damals in seinem Kopf hin und her, auf der Suche nach der Lösung.

Die Zeit läuft nur in eine Richtung und zwar vorwärts. Noch eine ganze Weile bleiben die blitzenden Lichter aus der Turnhalle sichtbar im Rückspiegel, bis er schließlich auf die Hauptstraße fährt und Rocky Beach verlässt. Vorwärts, die gleiche Richtung, in die auch Bob schauen muss.