Actions

Work Header

Offener Himmel

Summary:

Bob bricht Peter wieder einmal das Herz, und nun ist es an Justus, seinen besten Freund zu trösten. Aber er war noch nie besonders gut darin, und außerdem ist da noch das Problem mit seinem eigenen verräterischen Herz.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

Den ersten Regentropfen hatte der erdige Geruch des Petrichors schon vor zehn Minuten angekündigt. Mit einer warmen Brise war er durch das offene Fenster in Justus’ Zimmer geweht, hatte in den leichten Gardinen geflattert, und Justus hatte nur einmal von seinem Buch aufgesehen und dem grollenden Himmel und seinen eisernen Wolkenbergen einen kurzen Blick geschenkt, bevor er sich wieder seiner Siebzigerjahre Ausgabe von ‚Überredung‘ von Jane Austen zugewandt hatte.

Nun folgten ein zweiter, ein dritter Tropfen dem ersten, und binnen Sekunden prasselte der Regen in fadigen Strömen auf den Schrottplatz nieder, und dann nahm der Wind wieder Fahrt auf und fegte schleierhafte Regenmassen an seinem Fenster vorbei und brüllte in den Bäumen gerade neben dem Haus. Justus sah von seinem Buch auf und beobachtete, wie Wassertropfen sein hölzernes Fensterbrett besiedelten, wie die weit entfernten Häuser gegenüber des Geländes hinter endlosen Schlieren wütenden Regens verschwanden, wie die Luft mit den türmenden Sturmwolken verschmolz – dann las er weiter.

Der Regen würde der Natur gut tun, vorausgesetzt dass er nicht zu lange anhielt. Es war die letzten Wochen so trocken gewesen, dass der Boden wohl kaum viel Wasser aufnehmen können würde.

Ein Windstoß rauschte in sein Zimmer, ließ die Seiten seines Buches erzittern, und als er wieder hinaus schlüpfte nahm er die weißen Gardinen mit sich und sie bebten und flackerten in den Wogen des Unwetters. Ein Blitz fauchte über den Himmel, als Justus gerade eine Seite umblätterte, und als die Wolken einige Sekunden später mit einem entfernten Donner zurück knurrten hob er doch noch einmal seinen Blick.

Die Regentropfen hatten es mittlerweile bis zur Kante des Fenstersimses geschafft, und so langsam machte er sich doch Sorgen um den Bücherstapel, der in nächster Nähe zu ihm stand. Mit einem leichten Seufzen schob er ein Lesezeichen zwischen die Seiten und schloss sorgsam sein Buch, dann erhob er sich schwerfällig aus seinem dunkelgrünen Ohrensessel und durchquerte den Raum. Die Dielen knarrten unter seinen Schritten, er berührte je eine Seite des Doppelfensters mit einer Hand, besah sich für ein oder zwei Momente die Pfützen, die sich bereits unten auf dem halbverschotterten Boden des Schrottplatzes bildeten.

Kaum hatte er das Fenster geschlossen und sich auf den Weg zurück zu seinem Sessel gemacht, klingelte es unvermittelt an der Haustür. Justus stutzte. Wer könnte den jetzt noch etwas hier wollen? Der Gebrauchtwarencenter hatte bereits Mittags geschlossen, da Mathilda und Titus zu ihrem gemeinsamen Wochenende in der Nähe von Sacramento abgereist waren, und nun auch noch dieser scheußliche Regen.

Er ließ seine Hand am Geländer entlanggleiten, als er die Treppe hinab ging, und als er den Flur betrat, sah er bereits eine verwaschene, bekannte Silhouette durch die kleinen, verformten Glasscheiben in der Tür, und doch war er überrascht, seinen besten Freund zu sehen, als er eben diese Tür öffnete. Klitschnass stand der vor ihm, sein weißes T-Shirt klammerte sich halb durchsichtig an seine Haut und entblößte die Konturen seines athletischen Oberkörpers, seine gebräunte Haut glänzte nass.

Justus’ Herz machte einen fröhlichen kleinen Hüpfer. „Peter“, begrüßte er ihn erstaunt, und zwang seinen Blick dazu, nach oben zu wandern. „Ich dachte, du bist bei Bob.“ Sein Blick erreichte Peters Gesicht, und die Freude, die sich in seiner Brust hatte breit machen wollen, erstarb.

Peter sah jämmerlich aus. Augenbrauen zusammengezogen, Augen nur halb geöffnet und rötlich, Tropfen in seinen Wimpern, Spuren von Regentropfen auf seinen sommersprossigen Wangen, rotbraune Strähnen, die in nassen Kringeln an seiner Haut klebten, ein leichtes Zittern in seiner Unterlippe, seine grünen Augen dumpf von Schmerz. Ein Tropfen lief seine Wange hinunter – er hätte Regen oder eine Träne sein können.

„Komm doch erstmal herein“, forderte Justus ihn auf und trat beiseite, wandte sich ab. Er konnte sich schon denken, was passiert war. „Du bist ja ganz nass.“

Etwas, das fast nach einem halben Lächeln aussah, zupfte für einen Moment an Peters Mundwinkeln, dann schlüpfte der Mann an ihm vorbei in den Flur. Justus schloss die Tür hinter ihm, als Peter sich die durchnässten Schuhe von den Füßen trat, dann holte er ein Handtuch aus dem kleinen Bad im Erdgeschoss und händigte es seinem besten Freund.

„Geh’ schon einmal in mein Zimmer“, sagte er ihm, mit etwas Sanftheit in seiner Stimme, die er nicht ganz herausbekommen hatte. „Zieh’ dir etwas trockenes an, du weißt ja, wo alles ist. Ich komme gleich nach.“

Peter nickte stumm und verschwand in den ersten Stock. Justus sah ihm noch ein wenig nach, auch, als seine knarzenden Schritte sich bereits über ihm entfernten, und dann seufzte er leise und begab sich in die Küche. Während der Wasserkocher brummte versuchte er, sich darauf vorzubereiten, was nun kommen würde, aber sein Brustkorb zog sich mit jedem Gedanken daran zusammen, daher gab er auf und sammelte stattdessen die weichste Decke, die das Haus zu bieten hatte, aus dem Wohnzimmer auf und presste sie an sich, als er einen Beutel Zitronentee in eine große Tasse hängte und diese mit dampfendem Wasser befüllte, gefolgt von einem Teelöffel mit Honig, den er in der Tasse ließ.

Als er schließlich sein Zimmer betrat, Tasse und Decke in seinen Händen, saß Peter auf seinem Bett und starrte gedankenverloren aus dem Fenster, gegen das noch immer der heftige Regen trommelte. Er hatte die alte Nachttischlampe angemacht, und ihr warmer, dunkelgelber Schein kämpfte gegen die graue Dunkelheit des regnerischen Abends, warf ihr sanftes Licht auf den jungen Mann – er trug jetzt ein sonnengebleichtes, altes schwarzes T-Shirt, eines von denen, die Justus vor Jahren von Titus bekommen hatte, eines von denen, die sogar Peter zu groß waren und immer lose von seinen Schultern hingen, die so gerne mal zu einer Seite von seiner Schulter rutschten und dann sein Schlüsselbein und seine Sommersprossen und seine Schulter einfach so zeigten.

Dieses T-Shirt trug eine Aufschrift: ‚If my uncle can‘t fix it, no one can’. Natürlich hatte Peter sich das herausgesucht, was einen albernen Aufdruck hatte. Und Justus würde das niemals zugeben, hatte es sich ja lange nicht einmal selbst eingestehen können, aber er mochte, dass Peter seine Kleidung trug, mehr, als er das sollte.

Er schob diese Gedanken beiseite. Damit würde er sich befassen können, wenn er wieder alleine war; nun wollte er erst einmal sicher stellen, dass sein bester Freund von dieser überaus unverantwortlichen Aktion mit dem Regen keine Erkältung davon trug.

„Der Tee muss noch etwa fünf Minuten ziehen“, sagte er nur, als er ihm die Decke und die Tasse gab, dann setzte er sich etwa drei Meter entfernt in den Ohrensessel und faltete seine Hände in seinem Schoß.

Peter bedankte sich leise, stellte den Tee auf dem Nachttisch ab und legte sich die Decke über die Schultern. Seine Haare waren noch immer feucht, klebten aber nicht mehr an ihm, was jedoch kaum etwas an seinem jämmerlichen Aussehen änderte.

Justus schwieg. Er würde schweigen, bis Peter selbst ein Gespräch anfing, weil alles, was er sagen könnte, unbeholfen klingen würde, weil er sich nicht dazu bringen konnte, selbst mit diesem Thema zu beginnen. Bob hätte schon längst etwas gesagt, wüsste sicherlich genau, wie er Peter am besten trösten konnte, und wahrscheinlich hätte seine Präsenz schon ausgereicht, damit Peter sich etwas besser fühlte. Aber Justus war nicht Bob, also schwieg er und wartete.

Ein Blitz durchzuckte den Abend, kurz darauf gefolgt von einem grollenden Donner, der Peter erschaudern ließ und ihn sichtlich aus seinen Gedanken riss. „Ich, ähm, ich war bei Bob“, stimmte er ihm nun endlich zu, doch seine Stimme war brüchig. „Wir haben irgendsoeinen schlechten Film geguckt, und ich dachte-“ Er unterbrach sich, sah auf seinen Schoß und schluckte schwer. „Ich hab’ gedacht, wir würden den ganzen Abend zusammen sein, und dass ich vielleicht bei ihm übernachten kann, und wir-“ Seine Stimme zitterte, er zog die Decke enger um sich, und dann erbebte sein Körper mit einem leisen Schluchzen. „Er hat ein Date.“

in Justus’ Brust tat sich ein gähnender Abgrund auf. Warum tat das immer noch weh? Er hatte sich doch schon längst damit abgefunden, dass seine besten Freunde in ihren Herzen keinen Platz für ihn hatten. Nicht so. Warum also zog sein Brustkorb sich immer noch so zusammen?

„Er is’ mir so nah gewesen“, fuhr Peter erstickt fort, seine Stimme belegt und durchsetzt von seinen Tränen. „Den ganzen- die ganze Zeit. Ich hab’ ihn eben fast- fast geküsst, weil ich dachte, er will das auch, aber dann hat sein Handy geklingelt und er-“ Der Rest seines Satzes ging in erneutem Schluchzen unter.

Bob, du Idiot‘, dachte Justus. Er sah wortlos zu, wie Peter sich kraftlos über die Augen wischte, wie er sich weinend krümmte und die Decke noch enger um sich zog, und etwas bohrte sich in sein Herz. Er wollte ihn trösten, natürlich wollte er das, er hätte ihn am liebsten vor allem Schmerz der Welt bewahrt, doch er wusste nicht wie. Er wusste nicht, was er tun oder sagen konnte. Sein bester Freund weinte ein paar Meter von ihm entfernt und er wusste nicht was er tun sollte.

Seine Kehle schnürte sich zu. Er hasste es, so hilflos zu sein. Er hasste es, ihn nicht trösten zu können. Er hasste es, ihn so traurig zu sehen. Und er hasste, dass ein kleiner, selbstsüchtiger Teil von ihm sich wünschte, er hätte auch so eine Wirkung auf Peter.

Bob hätte gewusst, was zu tun war. Er hätte Peter schon längst in seine Arme genommen, würde ihn schon längst halten und ihm leise sanften Trost spenden, aber Justus schaffte es nicht einmal, sich neben ihn zu setzen. Er sah auf seine eigenen, gefalteten Hände. Peter hatte sich eben doch in den Richtigen verliebt, auch wenn er das selbst nicht glaubte. Bob konnte ihm beistehen, und er würde niemals tatenlos daneben sitzen, während er so litt, und er war mit ihm glücklicher, als er es mit Justus wohl jemals wäre.

Er sah von seinem Schoß auf, beobachtet mit einem Ziehen hinter seinem Brustbein, wie Peter sich wieder in die Decke schmiegte, als wäre ihm kalt, und dann fiel sein Blick auf die Decke auf dem Stuhl neben sich und er nahm diese in die Hand. Sein bester Freund hob seinen Kopf, als Justus aufstand, und schaute ihn mit einer Mischung aus unendlichem Schmerz und tiefer Sehnsucht und Flehen an. Justus konnte ihm nicht in die Augen sehen, als er ihm wortlos die Decke anbot.

Peter schüttelte seinen Kopf. „Bitte“, brachte er erstickt und flehend hervor, „ich- ich brauch’ einfach dich.“

Justus’ Herz drückte in seine Kehle. „In Ordnung“, hörte er sich selbst sagen, doch in seinem Kopf kreiste nur immer wieder dieser Satz, und seine Stimme klang in der regnerischen Stille des Zimmers seltsam fremd.

Da hatte Peter sich schon aufgerichtet und seine Arme geöffnet, und als er keine Anstalten machte, aufzustehen, trat Justus zögerlich näher an ihn heran, viel zu nah, sodass er fast zwischen seinen Beinen stand – sein Atem verfing sich in seiner engen Kehle, als sein bester Freund seine Arme um ihn schlang und sein Gesicht in seinem Oberkörper vergrub. Er erstarrte, seine Arme leicht erhoben, und sah auf ihn hinab, spürte den ungewohnten Druck von Armen um seine Taille, Peters Wange gerade unter seiner Brust, und dann legte er zögerlich seine Arme um Peters bebende Schultern.

Es fühlte sich seltsam an, so umarmt zu werden, aber entgegen einer leisen Erwartung war es… angenehm. Wirklich genießen konnte er es dank der gegebenen Umstände nicht, und auch sonst war es dafür zu nah und zu eng, aber er spürte, wie Peter sich entspannte, wenn auch nur ein wenig, wie er sich an ihn schmiegte. Er sah vor seinem inneren Auge, wie Bob Peter näher an sich zog, wie er mit einer Hand sanft in seine Haare fuhr und fast abwesend mit den Strähnen spielte, oder wie er langsam seine Schulter oder seinen Rücken streichelte, und wie Peter jedes Mal in seinen Armen schmolz.

Sollte er das auch einmal versuchen? Oder war es einfach Bob, der diesen Effekt auf Peter hatte?

„Ich will ihn so sehr“, schluchzte Peter in sein T-Shirt. „Und jedes- jedes Mal, wenn ich denke, dass er- mich vielleicht auch will, oder dass ich vielleicht eine Chance habe, macht er-“ Er führte den Satz nicht zu Ende, aber das musste er auch gar nicht. „Und es tut immer noch so weh.“

Ich weiß‘, wollte Justus sagen. ‚Dabei müsstet ihr doch einfach nur einmal ehrlich miteinander sprechen.‘ Aber er schwieg weiter, hob nur eine Hand zu Peters Kopf und versuchte es damit, mit dem Daumen leicht über seinen Hinterkopf zu streichen. Er wollte nicht mehr darüber hören, wie sehr Peter Bob liebte. Er wollte nicht daran denken, wie sehr Bob Peter liebte. Als wäre es ihm nicht viel zu bewusst. Als wäre das nicht eine allgegenwärtiger, viel zu offensichtlicher Fakt, den nur die beiden nicht sehen konnten.

Es tut so scheiße weh“, flüsterte Peter noch einmal, umarmte ihn noch etwas fester, und Justus wünschte sich, er würde es Bob einfach sagen. Auch wenn er dann dabei zusehen müsste, wie glücklich sie ohne ihn waren, wäre es besser, als sie immer so leiden zu sehen, weil sie zu blind waren, um zu sehen, was doch sowieso jeder wusste.

Aber er behielt diese Gedanken wie immer für sich, strich nur weiter mit seinem Daumen über Peters Kopf, und als die Momente verstrichen und das Gewitter immer näher rückte, als der Sturm den Regen über Rocky Beach peitschte, ebbten Peters Schluchzer langsam ab. Doch der klaffende Schlund in Justus’ Brust öffnete sich nur weiter, vergrub seine Zähne in seinen Rippen, und als sein bester Freund sich entspannte und an ihn schmiegte dachte er, diese niederträchtige, gähnende Leere würde ihn nie verlassen.

Als er sich sicher sein konnte, dass Peter sich ausgeweint hatte, als er dachte, dass er es nicht aushalten würde, ihm noch länger so nahe zu sein, nahm er vorsichtig seine Arme von den Schultern seines besten Freundes und versuchte, sich aus seiner Umarmung zu lösen. Was jedoch erfolglos blieb, da dieser ihn festhielt.

Peter hob seinen Kopf und sah zu ihm auf – seine roten, verweinten Augen schienen ihn inständig zu bitten. „Noch ein bisschen, bitte“, flehte er ihn heißer an, „du tust mir so gut.“

Justus’ Herz blieb stehen. Irgendwo ganz tief in ihm, in den hintersten, dunkelsten Ecken seines Bewusstseins, regte sich etwas. Nur ein winziger Funke, kaum mehr als ein flüchtiges, verwaschenes Bild, aber er wusste sofort, dass es binnen Millisekunden seinen gesamten Kopf einnehmen würde, wenn er es jetzt nicht wieder dorthin zurück zwängte, wo es herkam.

Sein bester Freund blinzelte, sah ihn mit diesen wunderschönen, grünen, bettelnden Augen an, und der Drang, sein hübsches Gesicht in seine Hand zu nehmen, überfiel Justus mit solcher Macht, dass er nichts dagegen halten konnte. Trotzdem zögerte er, als er seine Hand auf seine Wange, seinen Kiefer, legte, Peters Kopf noch etwas weiter in seinen Nacken kippte, und sein Herzschlag flatterte, als der Mann seine Augen schloss und in die Berührung schmolz, als wäre sie alles, was er sich je gewünscht hatte.

Als Peter nun seine Augen aufschlug und zu ihm aufsah war da etwas neues in ihnen, etwas, das Justus nicht deuten konnte. Für einen Moment hielt er den Augenkontakt, doch dann besann er sich und ließ von ihm ab. Stattdessen sah er den Regentropfen dabei zu, wie sie am Fensterglas herunter rannen, und als sein Freund sich einen Moment später wieder an ihn schmiegte legte er wortlos seine Arme um ihn und lenkte seine Gedanken auf alles außer den Ausdruck, mit dem Peter ihn gerade angesehen hatte. Er war so flehend gewesen, aber gleichzeitig hatte er etwas weiches gehabt, und doch war er zu… zu intensiv gewesen. Es ergab keinen Sinn.

Um sich zu beschäftigen zählte er die verstreichenden Sekunden, begann zaudernd auch wieder damit, gespielt abwesend über Peters Kopf zu streichen – obwohl es dieses mal eher sein Nacken war, von seinem Haaransatz an den sieben Wirbeln der Halswirbelsäule entlang und wieder zurück, und manchmal verfingen sich ein paar Haarsträhnen zwischen seinen Fingern. In seinen Armen atmete Peter so regelmäßig, dass es fast den Anschein hatte er wäre eingeschlafen; doch als Justus bei 384 Sekunden angelangt war seufzte sein bester Freund tief und löste sich schwerfällig, widerwillig von ihm; das Rascheln des Stoffes war seltsam laut.

Justus trat einen Schritt zurück, und auf einmal war sein Zimmer scheußlich kalt. Peter lächelte erschöpft zu ihm auf, immer noch mit dieser- mit dieser Sanftheit die dort so fehl am Platze war, dann blinzelte er langsam und sackte ihn sich zusammen. „Danke, Erster“, sagte er leise, und sah immer noch so zu ihm auf. „Ich weiß echt nicht, was ich ohne dich tun würde.“

Justus wandte sich ab. „Vermutlich nichts besonders sinnvolles.“ Sein Blick fiel auf die Teetasse auf dem Nachttisch, mitsamt geplatztem Teebeutel, als sein bester Freund amüsiert schnaubte. „Ich mache dir einen neuen Tee. Dieser hier dürfte mittlerweile ungenießbar sein.“ Er nahm die Tasse in die Hand, dann begab er sich nach unten – auf der Treppe sah er sich noch einmal um, und durch die halb offene Tür zu seinem Zimmer beobachtete er Peter dabei, wie er das alte schwarze T-Shirt anhob und sein Lächeln sich weitete bevor er seine Augen schloss und die untere Hälfte seines Gesichtes in dem Stoff vergrub.

In der Küche nahm er einen Schluck des mittlerweile sehr lauwarmen Tees und schauderte. Ih. Das Zeug konnte man wirklich nicht mehr trinken. Doch gerade als er sich daran machte, neues Wasser aufzusetzen, klang der leise Klingelton seines Smartphones durch den leeren Raum, und er stellte den Wasserkocher unverrichteter Dinge auf der Theke ab und fischte sein Telefon aus seiner Hosentasche. Das Display leuchtete ihn Azurblau an und verkündete singend, dass ‚Andrews, Bob‘ gerade anrief.

Natürlich. Justus hätte sich denken können, dass das früher oder später passieren würde. Er schloss kurz seine Augen, dann nahm er ab. „Bob“, begrüßte er ihn schlicht.

Hi, Erster, ist Peter bei dir?“ Er klang aufgewühlt, seine angenehme, tiefe Stimme versetzt mit Sorge. „Er war bei mir, aber dann ist er vor ungefähr einer Stunde einfach verschwunden. Ich hab’s nichtmal mitgekriegt. Aber ich erreiche ihn auch nicht, und so langsam mache ich mir echt-“

„Du musst damit aufhören“, unterbrach Justus ihn. Er wusste selbst nicht richtig, wieso. Eigentlich wollte er sich da nicht einmischen – aber vielleicht war das alles einfach zu viel gewesen.

Für ein oder zwei Sekunden herrschte Stille in der Leitung. „Was? Aufhören mit was? Ist Peter nun bei dir?“

Er sah aus dem Fenster, in die schleichende Dunkelheit des stürmischen Abends, und ignorierte dabei bewusst die geisterhafte Reflexion seines eigenen Körpers in der Glasscheibe, gelblich von der Deckenlampe erleuchtet. „Ja. Er ist hier.“

Oh Gott sei Dank. Hat er irgendetwas gesagt?“

„Sollte er das?“

Bob zögerte. „Nun ja, nein, aber ich- wir- ich glaube ich bin zu weit gegangen, ich hätte ihn fast- er war eben so nah, und er hat mich so angeguckt, aber dann- dann ist er danach einfach so abgehauen, und ich erreiche ihn ja nicht, was wenn er mich jetzt-?“

„Bob“, wiederholte Justus noch einmal, diesmal mit mehr Nachdruck, „du musst damit aufhören.“ Er warf einen prüfenden Blick auf die Tür und versicherte sich, dass Peter ihm nicht gefolgt war. „Du kannst nicht anständig mit neuen Menschen ausgehen und dich gleichzeitig so mit ihm verhalten. Hast du einmal darüber nachgedacht, wie das vielleicht für ihn sein könnte, wenn du ihn erst fast küsst und im nächsten Moment verkündest, dass du schon wieder ein Date mit einer beliebigen Person hast?“ Er schluckte die Fäule in seinem Mund herunter und drückte sein Herz so tief in das klaffende Loch hinter seinen Rippen wie er nur konnte. „Entscheide dich endlich mal, was du willst.“

Und noch bevor Bob eine Chance hatte, ihm zu antworten, hatte er aufgelegt. Er schloss seine Augen, ließ sein Smartphone in seine Tasche gleiten, und nahm einen tiefen Atemzug. Er war es leid, bei diesem ständigen, ungewissen hin und her der Mittelmann zu sein. Er war es leid, mitansehen zu müssen, wie Bob und Peter umeinander herumtanzten und sich dabei verletzten.

Und er wusste, dass, wenn seine besten Freunde sich einmal ihre romantischen Gefühle gestanden hatten, es kein zurück mehr gab, dass all die kleinen Fünkchen Hoffnung, die wider seiner besten Bemühungen eben doch manchmal aufleuchteten, endgültig verschwinden würden, und er wusste, dass er Jahre später bei ihrer Hochzeit eine Anrede halten würde, in der er auf diese Zeit zurückblicken würde, und in der er die endlose Tiefe seines Herzens nicht einmal zu Wort kommen lassen würde.

Er wusste, dass sie glücklich miteinander sein würden. Und vielleicht hatte er sich mittlerweile wirklich damit abgefunden, dass er für den Rest ihres Lebens an zweiter Stelle zu dieser Beziehung stehen würde.

Doch er ließ sich nichts davon anmerken, als er ein paar Minuten später eine neue Tasse Tee hinauf zu seinem Zimmer trug, und er erlaubte sich sogar ein leichtes Lächeln, als er Peter auf seinem Bett sah, auf seiner Seite, ein Arm um sein Kissen geschlungen. Aber so zuhause wie Peter dort auch aussah, in dem unordentlichen Bett ausgestreckt, Justus’ T-Shirt zu seinen Rippen hochgerutscht, Gesicht in dem Kissen vergraben, seine rotbraunen Haare wild auf dem hellblauen Stoff, so wusste Justus doch, dass das nicht für immer war.

Und als er ein Fenster öffnete und den abendlichen Sturm in das Zimmer ließ, als er die Tasse auf dem Nachttisch abstellte, als er zusah, wie das altgelbe Licht der Nachttischlampe Gold an Peter spann, als Peter seine tiefgrünen Augen öffnete und ihn verschlafen lächelnd anblinzelte, da wusste Justus auch, dass er sich sein ganzes Leben hiernach sehnen würde. Nach Peter Shaw, nach dieser sanften Vertrautheit, und nach einer Liebe, die nie hatte sein sollen.

Notes:

im ngl ich bin nich besonders happy damit wie das geworden is (viel zu kurz imo) aber es is wie es is nh. ich hoffe ich konnte dich trotzdem mit etwas jupeter angst bereichern!

Series this work belongs to: