Chapter Text
Landurlaub
'Mein alter Stuhl war bequemer'.
Captain James T. Kirk versuchte, in dem funkelnagelneuen, starren Kommandostuhl eine bessere Position zu finden. Die feuerhemmende Kunststoffpolsterung gab kein bisschen nach. Der Bezug roch ganz leicht nach einer Mischung aus Vanille und Motoröl.
Die Armlehnen waren größer als beim vorigen Modell, aber es war ratsam, sich nicht allzu fest darauf abzustützen. Man konnte sonst leicht auf mehreren Stationen des Schiffes gleichzeitig hektische Aktivität auslösen, da die Prioritätenschaltung des Kommunikationsbords des Captains jede andere Kommunikation unterbrach und seiner Leitung Vorrang gab.
Es war eine der zahlreichen Veränderungen, die die Aufrüstung der Computersysteme der Enterprise mit sich gebracht hatte. Die neue Hardware war in weniger als vier Wochen auf Sternenbasis 4 eingebaut worden. Mit der Software würden sie so schnell nicht fertig werden, das stand jetzt schon fest.
Kirk war einer derjenigen mit einem großen Lernpensum, da er sich - wie alle leitenden Offiziere - in sämtlichen Kern-Bereichen auskennen musste, von der Kommunikation über die Navigation bis zum Sensoren-Netz und den Waffensystemen.
Anders als zum Beispiel Dr. McCoy, sein Technologie-kritischer Schiffsarzt, hatte er sich von Anfang an mit Begeisterung an die Arbeit gemacht. Er wollte die Kontrollstellen auf der Brücke schnell meistern. Er kannte die Codes mittlerweile im Schlaf, die ihm ermöglichten, vom Kommandostuhl aus direkt auf vitale Bordsysteme zuzugreifen.
Spock betrat die Brücke und meldete sich bei ihm.
‚Er sieht mitgenommen aus. Kein Wunder - er hat bestimmt seit Tagen nicht geschlafen. Wie kann ich ihn dazu bringen sich zu entspannen?‘
Spock wirkte trotz seiner Erschöpfung zufrieden.
„Captain, alle Systeme arbeiten innerhalb der Parameter, die als notwendig und hinreichend für die Felderprobung festgelegt wurden. Wir können die Raumbasis verlassen.“
„Wirklich?“ fragte Kirk ungläubig. „Es hat nur zwei oder drei Fehlfunktionen gegeben, oder? Ist das nicht sehr ... ungewöhnlich?“
Kirk hatte bereits mehrere Umrüstungen eines Schiffes miterlebt und kein einziges Mal war alles glatt gegangen. Einmal hatte ein Techniker - unter dem Einfluss einer allergischen Reaktion, wie sich später herausstellte - im Vorfeld die Maße der Computergehäuse falsch berechnet. Es wurde nicht gleich bemerkt und einige Teile der neuen Hardware konnten nicht eingebaut werden.
Ein anderes Mal hatten sich die Programme bei jeder Daten-Eingabe, die über die Hilfsbrücke erfolgte, heruntergefahren. Sie hatten nur mit Mühe zurück zur Sternenbasis fliegen können. Bei einem Schwesternschiff hatten die Essens-Replikatoren unbemerkt das Derivat eines Narkosemittels in bestimmte Molekülketten eingebaut und alle fleischessenden Crewmitglieder waren in einen koma-ähnlichen Zustand gefallen. Wenn nicht ein paar Vegetarier an Bord gewesen wären ...
Diese Vorfälle hatten dazu geführt, dass kein Captain in der Flotte scharf darauf war, eine Umrüstung vornehmen zu lassen. Das bedauernswerte Schiff, das als nächstes an der Reihe war, wurde von allen anderen in den ersten paar Wochen nach dem Einbau gemieden wie die Pest, denn die Fehlfunktionen hatten einmal auch die Waffensysteme und die Feind-Erkennung der Sensoren-Relais betroffen, so dass freundliche Schwesternschiffe für Feinde gehalten und angegriffen worden waren.
Die diesmalige Umrüstung war von der Vulkanischen Wissenschaftsakademie unterstützt und begleitet worden. Es waren auch zwei Vulkanier an Bord und würden - im Zusammenarbeit mit Spock - ein paar Wochen lang die Funktionen der Software testen und optimieren. Sollte die Mitarbeit der Vulkanier wirklich zur Folge haben, dass diesmal alles FUNKTIONIERTE?
Kirk war es recht. Er kannte allerdings einen an Bord, der das nur schwer würdigen können würde. Er musste grinsen, als er an seinen Chefarzt dachte, und daran, wie es ihn ärgern würde, wenn Spock ihm unter die Nase rieb, dass die Arbeit der Vulkanier ohne Fehl und Tadel war.
Spock betrachtete gelassen seinen Captain.
„Die ‚Fehlfunktionen‘, wie Sie sie nennen, waren geplant, Captain. Sie dienten dazu, eine Abstimmung der Algorithmen der Stimmerkennung mit dem ...“
„Schon gut, Spock!“ unterbrach Kirk die Erklärung seines Wissenschaftsoffiziers.
Er zweifelte nicht daran, dass Spock Recht hatte. Nur wäre es ihm fast lieber gewesen, wenn es sich um echte Fehlfunktionen gehandelt hätte. Denn das gab es einfach nicht, dass es bei einer so umfangreichen Umrüstung keine Pannen gab. Und wenn sie jetzt noch nicht aufgetreten waren, dann würden sie kommen, wenn sie tief im Weltraum waren - und ohne die Unterstützung einer Raumbasis.
„Gute Arbeit! Wir werden in zwölf Stunden abfliegen. Das gibt Ihnen die Gelegenheit, sich etwas von den Strapazen des Einbaus zu erholen.“
‚Und vielleicht hat sich bis dahin ein Fehler offenbart. Mir wäre wohler, wenn ich wüsste, an welcher Front ich die Schwierigkeiten erwarten muss‘.
„Ich versichere Ihnen, dass das nicht nötig ist!“ antwortete Spock sofort.
„Ich bin voll funktionsfähig, und dasselbe gilt für Sepek und T’Raa.“
Dass Spock die beiden vulkanischen Computerexperten erwähnte, ließ Kirk erahnen, dass sein Wissenschaftsoffizier sich vor diesen keine Blöße geben wollte.
„Also gut. Sorgen Sie dafür, dass die Abteilungsleiter unterrichtet sind. Ich möchte von Allen grünes Licht haben. Wenn auch nur einer von ihnen Bedenken hat, verschieben wir den Abflug. Ansonsten soll Uhura mit der Sternenbasis-Koordination den Abflug für 1800 festlegen.“
‚Ich bin Arzt und kein verdammter Computertechniker‘.
Dr. McCoy, Schiffsarzt der USS Enterprise, sah missmutig zu, wie Ltd. Jennings sich auf der neuen diagnostischen Liege ausstreckte und ihn dann erfreut ansah.
„Dieses Bett ist irgendwie bequemer. Nicht so hart.“
„Dann macht es Ihnen ja sicher nichts aus, ein paar Stunden hier zu verbringen“ brummte McCoy. „Ich brauche ein Versuchskaninchen, um die Diagnostik zu kalibrieren.“
„Äh - so war das nicht gemeint!“ rief Jennings aus und setzte sich schnell auf. „Ich habe in einer halben Stunde eine Verabredung!“
„Die können Sie vergessen. Sie sind ideal für die Kalibrierung, glauben Sie mir. Durchschnittsgröße für einen menschlichen Mann, Durchschnittsgewicht, Durchschnittsintelligenz ...“
„Moment mal!“ protestierte Jennings.
„Das sollte ein Witz sein.“
McCoy machte eine Handbewegung, die den Lieutenant zum Schweigen brachte. „Entspannen Sie sich. Ich will Normwerte für die Neuronen-Geschwindigkeit in Ruhelage. Wenn Sie reden, wird das Ergebnis verfälscht.“
„Schon gut. Ich halte meinen Mund.“
Jennings schloss die Augen, dann öffnete er sie plötzlich wieder.
„Ich muss meiner Verabredung absagen!“
„Das müssen Sie nicht. In einer halben Stunde sind Sie hier wieder raus“ versicherte ihm McCoy, dem es jetzt leidtat, dass er seine schlechte Laune an dem jüngeren Mann ausgelassen hatte.
Er rief die Spezifika der neuen Liege auf sein Pad. Er hasste es, dass sich andauernd die Bedienungsparameter seiner diagnostischen Geräte änderten. Es war schwer genug, mit den medizinischen Forschungsergebnissen innerhalb der Förderation Schritt zu halten. Er brauchte keine verdammte neue Hardware. Seufzend gab er seinen Identitätscode ein und begann mit den Routine-Einstellungen des Neuro-Scans.
‚Er sieht gut aus‘.
Al Bahrain sah plötzlich von seinem Essen auf. Uhuras Herz setzte für einen Schlag aus. Als hätte der Mann sie gerade denken gehört. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Uhura fühlte sich rot werden. Sie ignorierte es – ‚Warum zum Teufel führe ich mich wie eine 13jährige auf‘? - und ging festen Schrittes auf seinen Tisch in der Nähe der Küchenzeile zu.
Auch diese war eine neue Errungenschaft an Bord. Psychologen hatten festgestellt, dass es für die menschliche Besatzung eines Sternenschiffs wichtig war, selbst kochen zu können. Bei vielen baute es Stress ab - und es schmeckte allemal besser als das rekonstruierte Essen, das der Replikator ausspuckte.
Also gab es neuerdings einen Fahrplan, der die Benutzung der Kombüse regelte. Der Andrang war groß. Man konnte sich für das Kochen eintragen, oder für die Teilnahme an dem vorher angekündigten, zubereiteten Essen. Uhura hatte bisher weder das eine noch das andere getan, aber sie wusste von Liz Palmer, dass mehrere Besatzungsmitglieder sich bereits als passable Köche erwiesen hatten.
Al Bahrain hatte heute ein afghanisches Gericht gekocht, aber leider hatte sie ihren Dienst auf der Brücke verlängern müssen. Jetzt war wahrscheinlich nichts mehr davon übrig. Wenn sie ehrlich war, bestand ihr Ziel hauptsächlich darin, mit ihm zusammen zu sein, und sein Kochen war eine willkommene Gelegenheit, das unverfänglich einzuleiten.
„Nyota!“
Er erhob sich und schob einen Stuhl für sie an den Tisch.
„Haben Sie schon gegessen? Wollen Sie noch etwas? Von den Bolanee sind noch welche da.“
Er sah sie freundlich an und sie erwiderte sein Lächeln.
„Gerne“.
Er lud duftende Teigtaschen auf einen Teller und erst da realisierte sie, wie hungrig sie war. Er ließ sie in Ruhe essen. Obwohl er sie nicht ansah, war sie befangen. Aber dann wich die für sie ungewöhnliche Schüchternheit ehrlichem Erstaunen.
„Das schmeckt phantastisch! Warum können Sie so gut kochen?“
Er musste grinsen. Sie fühlte sich erneut rot werden und verbesserte sich schnell:
„Ich meine: Wer hat Ihnen das beigebracht?“
‚Für eine Linguistin bist du verdammt unpräzise‘.
„Meine Großmutter hat in Afghanistan ein Restaurant betrieben. Es ist sozusagen ein Familienerbe.“
„Wirklich? Und hat jemand aus Ihrer Familie das Restaurant übernommen?“
„Meine beiden Schwestern mit ihren Familien führen es gemeinsam. Aber es ist inzwischen kein Restaurant mehr - das Gebäude ist vor Jahren abgebrannt - sondern ein Catering Service. Sie beliefern sogar das Königshaus.“
Uhura stutzte.
„Es gibt ein Königshaus in Afghanistan?“
Er lachte.
„Naja. Genau genommen ist es eine Schauspieler-Dynastie. Einer der Jüngeren aus dem Clan bekam den Oskar für die Rolle ... ach, egal! Jedenfalls ist es nicht WIRKLICH ein Königshaus. Aber sie sind wichtige Leute. Gut fürs Geschäft.“
„Ich verstehe.“
Sie hatte den Verdacht, dass Al Bahrain noch untertrieben hatte. Jemand hatte ihr gegenüber erwähnt, dass er aus einer extrem wohlhabenden Familie kam. Angeblich hatte er den Prototyp der neuen Steuerung selbst finanziert. Sie wusste nicht, ob sie das glauben sollte. Jedenfalls sah er unverschämt gut aus mit seiner braunen Haut, den graumelierten Haaren und den dunklen Augen. Als käme er selbst aus einem Königshaus.
„Sie haben heute lange Dienst gehabt“ bemerkte er.
Sie seufzte.
„Mein Kommunikationsbord wurde praktisch neu erfunden. Ich selbst komme inzwischen klar. Aber die Abteilungsleiter müssten schneller mit mir kommunizieren können als vor dem Umbau - das klappt noch nicht. Fast alles geht jetzt über Codes. Und da sich in JEDER Abteilung etliches geändert hat, stöhnt jeder... aber ich langweile Sie bestimmt.“
„Überhaupt nicht. Ihrer Meinung nach, Nyota - werden sich die Neuerungen bewähren?“
Sie runzelte die Stirn.
„Ich kann nicht für die anderen Betriebssysteme sprechen, aber auf meinem Gebiet sind die Neuerungen eine beträchtliche Verbesserung. Ich hätte das vorher nicht für möglich gehalten.“
„Das ist gut zu wissen. Wenn allerdings etwas auftaucht, was nicht zu Ihrer Zufriedenheit läuft, würde ich es gerne wissen.“
Sie sah ihn fragend an.
„Ich habe Ihr neues Bord mit entworfen.“
„Wirklich?“ Sie wurde verlegen. „Ich meine: Ich dachte, Sie waren für die Steuereinheit zuständig.“
„Für die Steuerelemente, für die Krankenstation, für die neuen Essens-Replikatoren ... Ich habe die letzten zwei Jahre praktisch jede freie Minute Ihrem Schiff gewidmet.“
„Oh. Das war mir nicht klar.“
„Ehrlich gesagt habe ich bei der Weiterentwicklung des Kommunikationsbords nur assistiert. Der Hauptverantwortliche dafür war Savaj von Vulkan.“
„Savaj!“
„Sie kennen ihn?“
Uhura dachte mit Schaudern an die Wochen vor etwas mehr als einem Jahr, als Savaj von Vulkan mit Ihnen auf dem Schiff gereist war. (Siehe: Sondra Marshak/Myrna Culbreath, Das Prometheus Design)
Er hatte James Kirk als Captain abgesetzt und zum Ersten Offizier degradiert. Spock hatte das Kommando als Captain übernommen - im vulkanischen Kommando-Modus. Letztendlich war alles gut ausgegangen. Nicht nur für Kirks und Spocks legendäre Freundschaft, sondern auch für die Galaxis, in der sie weiterleben konnten. Aber es war NICHT eine der Reisen, über die man hinterher lachte und den Kopf schüttelte. Dafür war es zu knapp gewesen.
„Ja, ich habe ihn kennengelernt. Ich bin erstaunt, dass ein Mann mit seinen Fähigkeiten sich für die Überarbeitung der Kommunikations-Abteilung eines Raumschiffs hat engagieren lassen.“
„Sie wissen, dass ER den ersten Lingua-Code entwickelt hat?“
„Machen Sie Witze? Das war die Basis für den Universal-Übersetzer - das Standardwerk für mein Gebiet!“
„Natürlich. Verzeihen Sie mir, Nyota. Das war eine dumme Frage. Jedenfalls hat er die neuen Algorithmen ausgearbeitet, und ich habe sie mit einem Team von Sprach-und Logistik-Wissenschaftlern umgesetzt. Es ist mir wirklich wichtig zu wissen, was Sie von den Neuerungen halten.“
Sie sah ihm in die Augen.
„Sie werden es von mir erfahren, das garantiere ich Ihnen. Vorausgesetzt, ich bekomme wieder von Ihrem Essen ab, wenn Sie das nächste Mal kochen!“
Er lachte.
„Sicher. Das wird sich einrichten lassen.“
Jim Kirk war so müde, dass er nicht einschlafen konnte. Durch seinen Kopf schwirrten Zahlenkombinationen, Passwörter und Kurzmitteilungen, die er gesehen hatte und die auf seinem Pad auf Bearbeitung warteten.
„Licht“ sagte er und stand auf.
Wie er seinen Ersten Offizier kannte, war Spock jetzt entweder auf der Zweiten Brücke oder im Wissenschaftsstützpunkt auf Deck 4. Vielleicht konnte er ihn dazu bringen, sich Entspannung zu verschaffen, indem er mit ihm joggte. Oder etwas anderes - es war ganz egal. Hauptsache Bewegung. Am besten eine Art von Bewegung, bei der man sich konzentrieren musste - und deswegen abschalten konnte. Kampfsport, zum Beispiel.
Er zog sich an und fand Spock, wie erwartet, auf der Zweiten Brücke. Sein Erster Offizier sah ihn erstaunt an. Er wusste, dass der Captain seit Stunden Freiwache hatte. Dass das auch auf ihn selbst zutraf, spielte für ihn nicht die geringste Rolle.
„Ich kann nicht schlafen“ erklärte Kirk sofort, „und dachte mir, wenn Sie noch wach sind, dann könnten wir beide uns bei etwas Sport entspannen.“
„Das sollten Sie auf jeden Fall tun, Jim. Leider kann ich Ihnen nicht Gesellschaft leisten. Ich bin gerade dabei, die neuen Phaserprotokolle anzupassen. Diese Programmierung kann nicht unterbrochen werden. Ich muss alle 90 Sekunden eine Eingabe machen.“
„Kann das nicht jemand anderes erledigen?“
Er deutete auf Sulu, der an einer anderen Konsole den Navigationscomputer zu bearbeiten schien.
„Leider nein, Captain. Lieutenant Sulus Wache endete vor 3,5 Minuten.“
„Spock, kommen Sie. Selbst Sie müssen mal Pause machen. Ich fordere Sie zum Kampf auf.“
Spock sah ihn bedauernd an.
„Spock, Sie sehen aus wie eine wandelnde Leiche. Sie können froh sein, wenn ich Sie in die Sportarena abschleppe, und nicht in die neue Krankenstation.“
Spock schüttelte den Kopf.
„Da ich weiß, dass die diagnostischen Liegen noch nicht für Vulkanier kalibriert sind, schreckt mich diese Vorstellung wenig, Jim“ sagte Spock mit unbewegtem Gesicht.
Nur seinen Augen sah man an, dass er sich amüsierte. Aber Jim sah in ihnen vor allem die Müdigkeit seines Freundes. Wenn ER sich schon k.o. fühlte, wie erschöpft musste dann erst Spock sein? Enttäuscht drehte er sich um.
Sulu näherte sich zögernd und sagte: „Ich bin mir sicher, dass auch ich nicht gleich schlafen kann. Wenn Sie möchten, dann komme ich mit Ihnen mit.“
Kirk sah Sulu prüfend an. Er schien es ernst zu meinen; das Angebot war nicht nur aus Höflichkeit gemacht worden.
„Gerne. Wie wäre es mit der Null-Grav-Kabine?“
„Klingt gut, Sir.“
„Abgemacht. In fünf Minuten auf dem Sport-Deck.“
Sulu nickte und verschwand durch die Tür.
„Ich verspreche Ihnen, dass wir das Workout nachholen, Jim“ sagte Spock, während er an der Konsole vor ihm arbeitete.
„Ich nehme Sie beim Wort, Spock“
Kirk ging auf die Tür zu, durch die Sulu gerade verschwunden war und zweifelte an der Weisheit, sich um diese Uhrzeit, und müde wie er war, mit dem jüngeren Mann zu messen. Andererseits war er nicht gerade untrainiert. Selbst im Judo, eine Sportart, in der Sulu hervorragend war, hatte er ein oder zweimal einen Kampf gewonnen. Kirk rieb sich die Augen und verließ die Zweite Brücke.
Nach der internen Zeiteinteilung des Schiffes war es tiefe Nacht. Wer jetzt Wache hatte, bewegte sich innerhalb der „Friedhofs-Schicht“. Sie war nicht unbeliebt bei denjenigen, die ungestört Labormessungen oder Programmierungen vornehmen wollten.
Daher nahm es Christine Chapel nicht schwer, dass sie die Diensthabende im Krankenrevier war. Im Gegenteil. Sie konnte auf diese Weise die Testreihe abschließen, bei der sie ein neues Medikament zum dritten und letzten Mal durch die Wirkanalyse laufen ließ.
Es hatte sich als sehr vielversprechend gegen die Down-Grippe erwiesen, mit fast keinen Nebenwirkungen. Sie hatte das Medikament selbst entwickelt - Biochemie war ihr erstes Fachgebiet. Den Abschluss als Fachpflegekraft hatte sie erst später gemacht, um Dienst auf einem Raumschiff der Sternenflotte tun zu können.
Die Arbeit mit Dr. McCoy wiederum hatte sie dazu bewogen, neben ihrer Arbeit ein Medizinstudium zu absolvieren und selbst Ärztin zu werden. Natürlich war sie auf der Enterprise nicht als Ärztin kommissioniert. Aber es erfüllte sie mit Stolz, dass ihr vor gut zwei Wochen offiziell der Doktorgrad verliehen worden war.
Wenn der Computer exakt dieselben Ergebnisse ausspuckte wie bei den beiden anderen Analysen, dann konnte sie die ganze Reihe abschließen. Zwei Monate lang - seit dem Abschluss ihrer Doktorarbeit - hatte sie in jeder freien Minute an dem Wirkstoff gearbeitet, ihn modifiziert, ihn den strengen Tests unterzogen und alles sorgfältig protokolliert. Ohne die dritte Testreihe konnte sie die Ergebnisse nicht veröffentlichen. Und es war unabdingbar, den Zeitrahmen für die Testreihe genau einzuhalten. Auch deswegen war sie dankbar für die Nachtschicht. Sie programmierte den Medizinischen Rechner und lehnte sich dann zurück. 16 Minuten Wartezeit. Das reichte, um einen Kaffee zu holen. Sie rieb sich die Augen und streckte sich.
Spock erfüllte es mit tiefer Befriedigung zu sehen, wie das Mosaik sich schloss. Der Bildschirm zeigte die Segmente der Unterprogramme, die sich zu einem Bild formten, Pixel für Pixel. War die Programmierung erfolgreich, würde ein makelloses geometrisches Muster erscheinen. Er hatte noch nie erlebt, dass das Bild nicht fehlerfrei erschienen war, nachdem er eine Arbeit abgeschlossen hatte.
Plötzlich stellten sich die Haare auf seinen Unterarmen auf. Eine hundertstel Sekunde später nahm sein Gehör einen Ton außerhalb der Reichweite menschlichen Hörvermögens wahr. Gleichzeitig versagte das Licht und machte einer Dunkelheit Platz, wie sie nur durch einen totalen Energie-Ausfall verursacht sein konnte. Er wusste sofort, dass die Arbeit der vergangenen 10 Stunden umsonst gewesen war. Er wusste auch, dass nach 0.05 Sekunden die Sekundäre Stromversorgung greifen würde und dass das nichts daran ändern konnte, dass die neue Phaser-Kontroll-Kalibrierung verloren war.
Sulu hielt sich an der vertikalen, gepolsterten Stange im Null-Gravitationsraum fest und kickte gegen Kirks rechte Hüfte. Er traf sie mit ziemlicher Wucht, aber es gelang Kirk, das Momentum für eine Drehung zu verwenden, sich am Wandbalken abzustoßen und so zu verhindern, dass er gegen die Wand gestoßen wurde und einen Strafpunkt kassierte.
Das Prinzip des Null-Grav-Kampfes war denkbar einfach: Man versuchte, seinen Gegner gegen eine der sechs Wände der recht großen Kabine zu stoßen.
Die in die Wand eingebauten Sensoren registrierten, welcher der Gegner den Strafpunkt bekam. Ein horizontal verlaufender, fußbreiter Balken war an jeder Wand die einzige Fläche, die zu berühren erlaubt war und an der man sich abstoßen konnte, um zurück in das Innere der Kabine zu gelangen.
Vertikal verliefen zwei lange, gepolsterte Stangen durch die gesamte Länge der Kabine, die dem gleichen Zweck dienten: sich abzustoßen bzw. sich festzuhalten, um vom Gegner nicht weggestoßen zu werden. Wer zuerst 15 Strafpunkte einkassiert hatte, hatte das Match verloren.
Die Kämpfer selbst trugen Kampfanzüge, die es erlaubten, den anderen zu packen und zu ziehen. Der Null-Grav-Kampf erforderte Geschicklichkeit. Man musste die Geschwindigkeit und den Kraftaufwand abschätzen können, der benötigt war, den Gegner in der Schwerelosigkeit gegen die Wand, die Decke oder den Boden zu drücken.
Beide Offiziere waren innerhalb kürzester Zeit außer Puste. Sie bewegten sich schnell und kämpften verbissen. Kirk spürte, wie gut es ihm tat, sich auszupowern. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt die Null-Grav-Kabine benutzt hatte. Der Null-Grav-Kampf gehörte nicht zu den Disziplinen, die jedes Crew-Mitglied regelmäßig trainieren musste. Etwas anderes war es mit unbewaffnetem Nahkampf oder Phasergefechten.
Sulu war gut in dieser Disziplin, aber nicht so gut, dass das Match unausgewogen gewesen wäre. Mit Spock hätte Kirk schlechtere Karten gehabt. So war er froh, dass sein Steuermann ihn gefragt hatte und konzentrierte sich auf den Angriff. Es stand 7:6 für Sulu und Kirk gedachte, dieses Match zu gewinnen.
Sulu hatte sich gerade von einer der Wände abgestoßen, als plötzlich das Licht ausfiel. Nicht nur in ihrer Kabine - auf dem gesamten Deck. Nur die Notbeleuchtung, die die gesamte Länge der Sport-Arena durchlief, gab noch ein schwaches orangenes Licht ab.
Kirk wusste, dass bei einem Total-Stromausfall die sekundäre Stromversorgung sofort griff. Bei Null-Grav plötzlich die Schwerkraft zurückzubekommen, war nicht nur unangenehm, es war lebensgefährlich. Daher waren gleich mehrere Sicherungen eingebaut, die das verhinderten.
Nur, dass die Sicherungen nicht funktionierten.
Mit einem Schlag kehrte die Schwerkraft in der Kabine zurück
Sulu hatte sowieso schon Schwung und schleuderte nach unten. Sein Unterarm streifte einen der Balken, er schrie auf und landete hart auf dem Boden. Kirk konnte ihn nicht sehen, aber er hörte den Aufprall.
Dann fühlte er sich selbst fallen und in seinen Blutkreislauf schoss Adrenalin. Die unerwartet zurückgekehrte Schwerkraft bewirkte, dass sich ihm der Magen umdrehte.
‚Ich darf nicht auf Sulu landen’ war alles, was er noch denken konnte.
Der Aufprall war hart. Ein scharfer Schmerz durchzog sofort seine ganze rechte Seite, dann wurde ihm das Zwerchfell zusammengedrückt und er konnte nicht mehr atmen. Er fühlte vor allem Ungläubigkeit, bevor er das Bewusstsein verlor.
Dass alle eingebauten Sicherungen versagten - das gab es einfach nicht! Es war undenkbar, dass die sekundäre Stromversorgung gleichzeitig mit der primären ausfiel. Die Ursache dafür konnte nur die neue Software sein. Was würde auf dem Schiff sonst noch alles versagen?
Christine Chapel brauchte volle zwei Sekunden, um die Enttäuschung zu verarbeiten, dass die gesamte Testreihe für das Medikament wiederholt werden musste. Alle drei Wirkanalysen waren umsonst gewesen. Dann tastete sie sich im schwachen Licht der Notbeleuchtung zum Schwesternstützpunkt.
Zeitgleich mit der Notbeleuchtung war ein akustisches Signal aufgetreten, das sie in all den Jahren ihres Dienstes nur in Übungsszenarien gehört hatte: Total-Ausfall der primären und der sekundären Stromversorgung. Kommunikation war in so einem Fall nur über die akkubetriebenen Hand-Kommunikatoren möglich.
In Kürze würde die Krankenstation sicherlich Arbeit bekommen. Es gab immer Crewmitglieder, die sich bei einem Total-Ausfall verletzten. Ihre erste Pflicht war, sich bei dem diensthabenden Offizier auf der Brücke zu melden. Das gesamte medizinische Personal kam bei einem schiffsweiten Alarm direkt zum Krankenrevier .
Spock war sich sicher, dass der Zusammenbruch der Energieversorgung nichts mit dem Upgrade zu tun hatte. Die Menschen an Bord würden natürlich der neuen Software die Schuld geben. Aber sie irrten. Er konnte nicht sagen, warum das für ihn feststand. Er wusste nur, dass die Software fehlerfrei gearbeitet hatte und dass die Symptome, die das Schiff zeigte, keinesfalls mit einem Absturz der neuen Programme erklärbar waren.
Damit blieb nur ein Einfluss von außen übrig. Das war weit beunruhigender, und es war genau der Grund, warum er so schnell wie möglich auf die Brücke gelangen musste.
Spock hatte, damit er in Ruhe arbeiten konnte, Uhura das Kommando gegeben. Bei ihr würden jetzt die Statusreporte der einzelnen Decks eingehen. Seine Aufgabe war herauszubekommen, WARUM sie in dieser Lage waren. Auch natürliche Phänomene kamen in Betracht. Er hoffte, dass der Captain zu demselben Schluss kommen würde wie er und keine Zeit damit vergeudete, das ‘Intelligente System’ für den Crash verantwortlich zu machen.
Es war ungünstig, aber nicht zu ändern, dass er den zeitraubenden Weg über die Leitern und Röhren nehmen musste, statt die Aufzüge benutzen zu können.
Plötzlich hörte er Kirk sagen: „Wie wäre es mit der Null-Grav-Kabine?“ und Sulus Antwort: „Klingt gut, Sir.“
Ein eisiger Schrecken erfasste ihn, den er sofort unterdrückte.
Er öffnete den Hand-Kommunikator, den er sich von einer der Aufbewahrungsboxen geholt hatte, die für diese Art von Notfall in den Wänden aller Funktionsbereiche des Schiffes eingelassen waren.
„Spock an Krankenstation.“
Es dauerte keine zwei Sekunden, bis Chapel antwortete. Auch sie hatte sich offensichtlich schnell einen Kommunikator besorgt.
„Chapel hier.“
„Alarmieren Sie Dr. McCoy. Dann begeben Sie sich mit einem Trauma-Team zum Sportdeck. Captain Kirk und Ltd. Sulu sind mit großer Wahrscheinlichkeit in der Null-Grav-Kabine gewesen, als die Energieversorgung zusammenbrach. Spock Ende.“
Er wartete nicht ab, dass sie seinen Befehl bestätigte, sondern rannte von der Zweiten Brücke in den Korridor und zum nächsten vertikalen Verbindungsschacht, der ihn zur Brücke bringen würde.
Vielleicht war nichts passiert und seine Sorge war umsonst. Aber vielleicht war sein Captain und bester Freund auch gerade einem tödlichen Unfall zum Opfer gefallen. Er beschleunigte seine Schritte und konzentrierte sich auf die Aufgabe, die vor ihm lag.
Dr. McCoy war es gewohnt, nicht durchschlafen zu können. Medizinische Notfälle und die entsprechenden Alarmsirenen gehörten zu seinem Job. Das konnte er entweder akzeptieren oder sich dagegen auflehnen. Er hatte sehr früh in seiner Karriere gelernt, es zu akzeptieren.
Was ihn an diesem Alarm beunruhigte, war, dass es die Version war, die er nur von Simulationen kannte: Totalausfall der Energieversorgung auf dem ganzen Schiff. Es setzte mehr Adrenalin bei ihm frei, als ihm lieb war. Es bedeutete, dass das Schiff in wenigen Sekunden ausgelöscht sein konnte. Jeder Feind konnte sie, wenn sie ohne Schilde waren, in die Knie zwingen.
Dann besann er sich. Sie waren doch gar nicht in einem Gefecht und was waren das überhaupt für Gedanken? Er verbrachte zu viel Zeit auf der Brücke, wenn er anfing, wie ein verdammter Waffenoffizier zu denken.
Beunruhigt suchte er nach seinem Hand-Kommunikator. So sehr er die regelmäßigen Simulationen hasste, so froh war er jetzt, dass er auf die Situation vorbereitete war. Wenn man darauf überhaupt je vorbereitet sein konnte, dass man mitten im Vakuum des Weltraums ohne Schutz herumtrieb.
Er fand den Kommunikator und zog sich bei dem schwachen Licht der Notbeleuchtung hastig seine Uniform an. Er musste sich bei Uhura melden und sich dann schnellstens zur Krankenstation begeben.
Sein Kommunikator gab ein Signal von sich. Er öffnete ihn.
„Doktor“ sagte Chapels Stimme atemlos, „wir haben eine Anforderung vom Sportdeck. Trauma-Team, vermuteter Notfall Zeta.“
Das bedeutete Verletzung infolge des Versagens von Ausrüstung.
„Es ist die Null-Grav-Kabine“ fuhr Chapel fort. „Der Captain hat sie für ein Nahkampf-Match benutzt. Chapel Ende.“
JIM!
McCoy schnappte sich den Notfallkoffer, den er in seiner Kabine aufbewahrte, und eilte hinaus in das Halbdunkel des Korridors. Orangenes Licht wies ihm den Weg. Roter Alarm pulsierte auf einer Anzeigetafel, die er aus den Augenwinkeln am Ende des Ganges sehen konnte.
McCoy und Chapel trafen gleichzeitig vor dem Sportdeck ein und beide atmeten schwer. Die Doppeltür öffnete sich nicht. Chapel griff zielstrebig nach dem hydraulischen Hebel, der nach einer Sekunde die Türen langsam öffnete.
Drinnen hockten mehrere Crewmitglieder vor der Tür zur Null-Grav-Kabine und versuchten hineinzuspähen. Sie hatten Handleuchten, aber deren Licht reichte nicht aus, um in die Kabine hineinsehen zu können. McCoy erkannte Jennings und gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er Platz machen sollte.
„Die Tür lässt sich nicht öffnen“ erklärte Jennings und versuchte, den Alarm zu übertönen.
„Normalerweise dauert der Zyklus, der die Schwerkraft zurückbringt, 60 Sekunden. Ich würde sagen, das normale Abbruch-Protokoll greift nicht. Wir haben Mr. Scott schon verständigt.“
McCoy fluchte.
„Haben Sie versucht, Rufkontakt herzustellen?“ rief er.
„Kein Erfolg, Sir. Da drinnen rührt sich nichts.“
„Wo bleibt Scotty?“
McCoy hasste es warten zu müssen. Die Verunglückten konnten in diesem Moment in kritischem Zustand sein.
„Wer ist mit dem Captain drin?“ fragte er laut. Chapel hatte es nicht erwähnt. Plötzlich hatte er Angst, dass es Spock war.
„Es ist Sulu“ sagte Chapel.
Scotty kam durch die offengebliebene Tür hereingerannt, einen Behälter mit Werkzeugen vor sich hertragend und mit einer Stirnlampe am Kopf. Hinter ihm waren Dr. M’Benga und ein Sanitäter zu sehen, die Handlampen trugen.
Scotty erfasste die Situation mit einem Blick, hockte sich vor die Seitenwand der Kabine, in der die Kontrollen zusammenliefen und begann wortlos zu arbeiten. Es gab zwanzig andere Orte, an denen er jetzt sein müsste, aber auch für ihn hatte das hier Priorität. 20 Sekunden später ließ sich die Tür der Anti-Grav-Kabine öffnen. Scott warf einen sorgenvollen Blick hinein, aber dann machte er dem Ärzteteam Platz. Er ging langsam durch die Doppeltür hindurch, zurück zu seinen anderen Pflichten. Er hatte kein Wort gesagt - der Schock über das Versagen sämtlicher Sicherheitsprotokolle gerade dieses Sportgerätes machte ihm schwer zu schaffen. Und ausgerechnet der Captain hatte es benutzen müssen.
McCoy ließ sich von Jennings die Handlampe geben, ging auf alle Viere nieder und kroch in die Kabine. Chapel hatte Dr. M’Benga Platz gemacht und beide Ärzte tasteten vorsichtig den Boden ab. Sie konnten nur wenig erkennen.
„Verdammt, wir brauchen Licht!“ fluchte McCoy. Eine Sekunde später wurde der gesamte Raum von Licht durchflutet - die Energie war zurück. Alle im Raum schlossen geblendet die Augen. McCoy zwang sich, sie gleich wieder zu öffnen und suchte den Boden der Kabine ab.
Sulu lag ohne Bewusstsein in der Mitte des Raums. Ein Arm und ein Bein waren verdreht, aber wenigstens sah McCoy keine offenen Brüche.
Kirk stützte sich an der Mittelstange ab und versuchte gerade aufzustehen.
„Bleibst du sitzen! Bist du verrückt geworden? Wie oft habe ich dir schon gepredigt, dass du dich erst checken lassen musst, Jim!“
In seiner Angst war er unfreundlicher, als er es mit einem Verletzten sein sollte.
„Ich bin in Ordnung, Bones… Aua!“
Kirk hielt sich die rechte Schulter fest und die Farbe wich aus seinem Gesicht.
„Halte still“ brummte McCoy und nahm seinen Scanner in die Hand.
M’Benga hatte sich Sulu vorgenommen. Er war schnell fertig mit seiner Diagnose:
„Er hat eine Schädel-Hirn-Verletzung und multiple Brüche.“
Der Arzt verabreichte eine Injektion in Sulus Hals, dann nickte er dem Sanitäter zu, der eine Trage hereinzog. McCoy hatte nur kurz zu dem Bewusstlosen hinübergeschaut. Er war bei M’Benga in guten Händen.
Kirk hatte auch zwei Brüche. Was ihm so wehtat, war eine komplizierte Fraktur des Oberarm-Kopfes. Das konnte in der Regeneration schnell heilen. Die Frage war, ob auch eine Kopf- oder Rückenverletzung vorlag. Er wollte sich nicht auf den Scanner verlassen. Jim musste immobilisiert und auf der großen diagnostischen Liege im Krankenrevier untersucht werden.
„Jim, du musst ruhig sitzenbleiben!“
Er bedeutete Chapel, eine zweite Trage zu ordern. Sie nickte und sprach in ihrem Kommunikator.
Kirk sagte undeutlich: „Sulu...“
„Er lebt, Jim. Wir kümmern uns um ihn.“
„Spock rufen“ murmelte er.
„Spock hat uns alarmiert“ sagte Chapel sofort.
„Er ist sicher schon auf der Brücke. Er wird sich um alles kümmern, bis Sie wieder fit sind.“
Kirk schloss die Augen.
„Was ist geschehen?“
„Ich weiß es nicht, Jim. Ich weiß nur, dass auf dem Schiff für kurze Zeit die Energie ausgefallen ist.“ sagte McCoy.
Es hatte keinen Sinn, Kirk etwas vorzumachen. Er wusste aus Erfahrung, dass bei ihm begütigende Sätze das Gegenteil bewirkten.
Der Arzt blickte zur Decke der Kabine hinauf und schüttelte unwillig den Kopf.
„Das hätte nie passieren dürfen. Warum haben sämtliche Sicherungen versagt? Dieses verdammte Upgrade!“
„Ich muss auf die Brücke!“ sagte Kirk mit zusammengebissenen Zähnen.
„Guter Witz, Jim“ antwortete er.
„Du wirst ein paar Stunden bei mir auf der Krankenstation verbringen. In der Zwischenzeit wird Spock herausfinden, was passiert ist.“
‚Und wenn es Spocks Arbeit war, die zu dem hier geführt hat, dann möchte ich nicht in seiner Haut stecken‘.
Doch dann würde sich Spock selbst die meisten Vorwürfe machen.
„Ich habe mich schon gefragt, wann Sie hier auftauchen, Spock.“
McCoy lud den Ersten Offizier mit einer Handbewegung in sein Büro ein.
„Wie geht es dem Captain?“ fragte Spock.
Er wusste, dass McCoy ihn längst benachrichtigt hätte, würde Kirk ernsthaft verletzt sein. Aber in seiner Stimme nahm McCoy trotzdem Anspannung wahr.
„Er hat großes Glück gehabt. Zwei Brüche, eine leichte Gehirnerschütterung. Er ist jetzt in der Regeneration. Das Schmerzmittel hat ihn ruhiggestellt und er schläft.“
„Und Ltd. Sulu?“
Der Gesichtsausdruck McCoys verdüsterte sich.
„Ihn hat es schlimmer erwischt. Eine intrakranielle Blutung hat seinen Hirndruck steigen lassen und er liegt in einem Koma. Ich hoffe, dass er innerhalb von 48 Stunden von alleine aufwachen wird. Der äußere Schaden ist behoben, aber wie schnell sein Gehirn sich erholt, ist schwer vorherzusagen.“
„Andere Verletzungen in der Crew?“
„Acht leichte Verletzungen. Schnittwunden, Prellungen. Spock, was hat diesen Energieausfall verursacht?“
„Meine Analyse ist noch nicht abgeschlossen, Doktor. Wann wird der Captain wieder dienstfähig sein?“
„Dienstfähig?“ McCoy verzog das Gesicht. „Wenn es nach mir ginge, in 48 Stunden. Aber Sie kennen ihn ja. Ich müsste ihn schon fesseln, um ihn von der Arbeit abzuhalten.“
Spock sah den Doktor ungeduldig an.
„Acht Stunden, Spock.“
Spock nickte.
„Gut. Bis dahin ist die Selbstanalyse durchgelaufen. Sie entschuldigen mich, ich muss zurück auf die Brücke.“
McCoy sah hinter ihm her. Dass er sich nicht zu Kirk begab, und sei es auch noch so kurz, zeigte, wie ernst Spock die Lage einschätzte.
Die Stimmung im Konferenzraum war gedrückt. Niemand hatte eine Erklärung für das, was passiert war.
„Die neue System-Software hätte nie eingebaut werden dürfen!“
Dr. McCoy war kein Ingenieur, aber das hatte ihn noch nie davon abgehalten, seine Meinung in nichtmedizinischen Angelegenheiten zu äußern. Er hatte gerade seinen Bericht an den Captain beendet: Sulu lag noch immer in einem Koma und musste intensivmedizinisch betreut werden.
Auch Chefingenieur Montgomery Scott war unglücklich mit der Situation.
„Die System-Analyse der Stufe eins hat kein befriedigendes Ergebnis gebracht, Captain. Wir haben die Ursache des Energieausfalls nicht feststellen können. Allen Untersuchungen zufolge arbeitet das System völlig einwandfrei.“
„Das ist lächerlich! Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Crash passiert“ sagte McCoy in Kirks Richtung.
Kirk hatte das Treffen einberufen, kurz nachdem die Behandlung seiner Brüche im Regenerationsgerät abgeschlossen gewesen war. Chapel hatte ihm den rechten Arm gegen den Oberkörper gebunden, damit er die Schulter noch nicht bewegte. Seine Knochen waren gerichtet, aber die Prellungen taten weh. Trotzdem hatte er nicht nach einem weiteren Schmerzmittel gefragt. Er wollte seine Sinne beieinander haben - er war beunruhigt und er brauchte Antworten.
„Spock?“
Der Erste Offizier schien als einziger von dem Crash nicht aus der Fassung gebracht worden zu sein.
„Ich muss dem Bericht von Chefingenieur Scott zustimmen. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, was den Crash verursacht hat. Alle externen Kontrollen haben zum Ergebnis, dass das System ohne Fehler arbeitet.“
McCoy schüttelte verärgert den Kopf.
Kirk sah Spock nachdenklich an.
„Die neue Software verfügt über ein sehr differenziertes Diagnose-System, das ist doch richtig?“
„Ja, Captain.“
„Dieses Diagnose-System wurde als eine der herausragenden Neuerungen vorgestellt. Angeblich ist es dem alten System um Längen voraus, was die Genauigkeit und Schnelligkeit der Fehleranalyse angeht.“
„Richtig, Captain.“
„Was sagt dann die interne Diagnose der neuen Software, Spock? Was ist das Ergebnis der Selbst-Analyse?“
Spock hatte die Frage erwartet.
„Der Crash wurde der Selbstanalyse zufolge von keinem Fehler der Software, der Hardware oder des Betriebssystems des Schiffes verursacht.“
„Natürlich nicht!“ rief McCoy dazwischen. „Als ob der Computer das zugeben würde, dass er schuld daran ist!“
Spock ignorierte den Doktor und sah in die Runde der anderen Offiziere: Scott, Chekov, Kyle, Uhura und Marlissa Reynold sahen ihn neugierig und besorgt an.
„Die Selbstanalyse diagnostiziert mit einer Wahrscheinlichkeit von 73 %, dass die Störung von einem externen Agenten verursacht worden ist.“
„Ein externer Agent?“ fragte Uhura. „Was ist damit gemeint, Sir?“
„Ungeklärt“ antwortete Spock. „Die Möglichkeiten reichen von unbekannten Strahlungen, über Veränderungen des Raumes, in dem wir uns derzeit befinden, oder Veränderungen des Subraumes, bis hin zum Agieren einer technisch hochentwickelten unbekannten Macht.“
Die Menschen fingen an, durcheinander zu reden.
Kirk beteiligte sich nicht an der aufgeregten Diskussion seiner Offiziere. Er konzentrierte sich auf das, was er von Spock wahrnahm, und das war die unerschütterliche Überzeugung, dass die neue Software nicht schuld an dem Zusammenbruch der Energieversorgung gewesen war.
Spock hatte an der Entwicklung der Software und am Einbau der Hardware maßgeblich mitgewirkt. Kirk hatte unbedingtes Vertrauen zu ihm. Und seine Intuition sagte ihm, dass hinter der ganzen Sache etwas anderes stecken musste. Aber was?
Er klopfte mit den Knöcheln seiner linken Hand auf den Tisch. Die Stimmen der diskutierenden Menschen verebbten. Kirk sah seinen Wissenschafts-Offizier fragend an.
„Ihrer Meinung nach, Mr. Spock: Was sollen wir tun? Sollen wir unsere Reise einfach fortsetzen?“
Zum ersten Mal sah er Spock zögern.
„Sepek und T’Raa sind einer Meinung mit mir, dass die Schiffssysteme in Ordnung sind. Aber sie empfehlen trotzdem, die Software nacheinander in allen lebenswichtigen Abteilungen komplett herunterzufahren und wieder hochzufahren. Die morphogenetische Blaupause des Schiffszustands ist im Moment zu 100 % identisch mit dem Zustand nach der ersten Inbetriebnahme des neuen Systems. Das Korps der Schiffs-Ingenieure der Sternenflotte würde darauf bestehen, dass ein Neustart erfolgt.“
Scotty nickte energisch.
„Wenn nach dem Neustart die Morphogenetik wieder 100 % Übereinstimmung zeigt, dann ist das der Beweis dafür, dass der Crash nichts mit dem Upgrade zu tun hatte.“
„Ich weiß nicht, ob mir das lieber ist, Spock“ murmelte Kirk.
Wenn NICHT das Upgrade schuld war, in was für Schwierigkeiten mochten sie noch geraten?
„Und was genau heißt das jetzt?“ fragte McCoy ungeduldig. „Bleiben wir mitten im leeren Raum stehen und fahren unsere Systeme herunter?“
„Im Prinzip ja“ sagte Spock, ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen.
„Nur dass es ratsam wäre, sich in die Nähe eines bewohnbaren Planeten zu begeben.“
„Aha!“ rief McCoy aus. „Sie trauen Ihrem Computer also nicht wirklich!“
„Im Gegenteil. Aber die Vorschriften besagen, dass für den Fall einer notwendig werdenden Evakuierung ein Planet der Klasse M in der Nähe sein soll, wenn ein System-Neustart initiiert wird.“
Bevor der Schiffsarzt antworten konnte, hob Kirk die Hand und sah ihn warnend an.
„Das reicht jetzt, Bones. Spock, haben Sie einen Planeten im Sinn, der für unseren Zweck passend wäre?“
„Allerdings. Kendar II, Captain. Ein Planet der Klasse M, den wir in einiger Entfernung passiert haben, als ... das Phänomen auftrat. Wir können Kendar II in 135 Minuten bei Impulskraft erreichen.“
„Gut. Hat jemand einen anderen Vorschlag zu machen?“ Kirk sah die anderen Offiziere fragend an. Alle schüttelten den Kopf.
„Dann legen Sie den Kurs nach Kendar II fest, Mr. Chekov. Berechnen Sie einen hohen Orbit. In zwei Stunden treffen sich alle Abteilungsleiter erneut, um die Informationen zum Planeten abzurufen. Uhura, Sie erstellen einen Plan für Landurlaub. Vorbehaltlich der Untersuchung des Planeten auf Tauglichkeit können alle nicht-involvierten Crew-Mitglieder ebenso gut von diesem unfreiwilligen Aufenthalt profitieren.“
Uhura nickte.
Die Crew der Enterprise hatte schon lange keinen Landurlaub mehr bekommen. In der Zeit des Einbaus der Hardware hatte das nicht-technische Personal an Bord bleiben müssen, da auf der Basis die Down-Grippe ausgebrochen war. Alle sehnten sich nach Gras unter ihren Füßen, und nach echtem Sauerstoff, der nicht erst durch mehrere Zyklen des Recyclings gegangen war.
Die Stimme des Captains brachte Uhura in die Gegenwart zurück.
„Veröffentlichen Sie den Plan erst nach Rücksprache mit mir. Sie können wegtreten.“
Die Offiziere verließen den Raum. McCoy zögerte und schien noch etwas sagen zu wollen, überlegte es sich aber anders und folgte Uhura hinaus. Nur Spock blieb zurück.
„’Ein externer Agent’, Spock“ sagte Kirk. „Was könnte sich dahinter verbergen? Eine Supermacht, die keine Spuren hinterlässt? Ich nehme an, wir können die Romulaner und die Klingonen ausschließen. Ihre Technologie ist nicht weit genug entwickelt für so etwas.“
„Eine logische Schlussfolgerung, Captain.“
Spock legte die Handinnenflächen aneinander.
„Ich gebe zu, dass ich keine Erklärung habe. Noch nicht. Allerdings haben wir noch nicht alle System-Protokolle auswerten können. Jedes Subsystem hat eine eigene Sicherungsdatei. Sie alle zu überprüfen dauert 35,8 Stunden, wenn wir alle Techniker darauf ansetzen.“
„Und selbst das führt möglicherweise zu keinem Ergebnis, das uns weiterbringt.“
„Das ist leider richtig, Captain.“ gab Spock zu.
„Spock, mir gefällt das nicht.“
Kirk kniff die Augen zusammen. „Was gibt es noch für Möglichkeiten?
„Haben wir uns ein Virus eingefangen, während wir noch an der Raumbasis angedockt waren? Könnten wir das nachträglich feststellen?“
„Sepek schließt ein Virus absolut aus, und er ist der führende Virenspezialist. Nicht nur an Bord, Jim - überhaupt. KEINER in der Förderation hat eine höhere Qualifikation als er - noch nicht einmal ich.“
Kirk musste unwillkürlich lächeln. Spock hatte das völlig sachlich gesagt. Und natürlich auch so gemeint. Es war gut, dass er seinen Ersten Offizier inzwischen kannte.
Er stand auf, um im Besprechungsraum herumzulaufen. Das half ihm immer beim Denken. Aber er setzte sich schnell wieder hin. Seine ganze rechte Seite tat weh. Er musste sich zusammennehmen, um sich vor Spock nichts anmerken zu lassen.
„Sich kein Schmerzmittel geben zu lassen, wird die Analyse unserer Situation nicht schneller zum Abschluss bringen“ sagte Spock sachlich.
‚So viel dazu, meinen Zustand vor Spock zu verbergen‘.
„Es ist unlogisch.“
Kirk grinste gequält. „Wer sagt, dass ich logisch sein möchte?“
Spock seufzte. Es gab Augenblicke, da fragte er sich, warum er eigentlich nicht auf einem rein vulkanischen Schiff Dienst tat. Es würde so viele Irritationen und Ablenkungen eliminieren.
Kirk sah ihn plötzlich verlegen an.
„Ich mache es Ihnen manchmal schwer, Spock, ich weiß. Ignorieren Sie das einfach. Ich brauche Sie, um das hier zu knacken. Und ich kann nicht gebrauchen, dass ich selbst groggy bin.“
Hatte Jim gerade seine Gedanken gelesen?
Jedenfalls wäre der Dienst auf einem vulkanischen Schiff nicht nur geordneter, er wäre auch - langweiliger.
„Wie lange werden das Herunterfahren und der Neustart dauern?“ fuhr Kirk fort.
„Sieben Tage, Captain“.
„Da wir keine Alternative haben, werden wir das Beste draus machen. Kendar II ist unbewohnt, oder?“
„Ich habe eine Analyse des Systems vornehmen können, als wir daran vorbeiflogen. Kurz vor dem Crash. Ich habe nur pflanzliches und wenig entwickeltes tierisches Leben ausmachen können. Allerdings möchte ich die Analyse wiederholen, wenn wir dem Planeten nähergekommen sind.“
„Gibt es einen bestimmten Grund dafür, Spock? Trauen Sie der Sensoranalyse nicht?“
„Nein. Aber es IST die Standardvorschrift, die Untersuchungsergebnisse vor einem Landgang zu verifizieren.“
„Natürlich.“
Kirk stand wieder auf, diesmal vorsichtiger. Aber Spock hatte noch etwas hinzuzufügen:
„Captain, da ist noch etwas, was Sie wissen sollten.“
Kirk sah ihn fragend an.
„Innerhalb der letzten 14 Monate sind zwei Schiffe der Kaufmanns-Flotte verschwunden, in einem Bereich von 30 Parsec von unserem Standort aus gesehen. Die beiden Vorfälle sind bis jetzt nicht aufgeklärt worden.“
„Sehen Sie einen Zusammenhang mit unserer Situation, Spock?“
„Nein. Aber ich halte es für meine Pflicht, alle Daten, die unseren derzeitigen Aufenthaltsort betreffen, zur Verfügung zu stellen.“
„Na gut. Erstellen Sie eine ‚Planetarische Identität’ von Kendar II für alle leitenden Offiziere und fügen Sie diese Information als Fußnote bei. Falls wir wirklich Leute auf Landurlaub runterbeamen, sollen sich alle die Identitätsdaten vorher ansehen.“
Er seufzte.
„Ich möchte regelmäßige Berichte von Ihnen, Spock. Warum sind eigentlich Sepek und T’Raa nicht zur Besprechung gekommen?“
Über Spocks Gesicht ging ein merkwürdiger Ausdruck, wie ihn Kirk noch nie an ihm gesehen hatte.
„Was ist?“
„Die beiden ... ich habe den Eindruck, sie gehen sich aus dem Weg. Sie meiden es, in der Gesellschaft des jeweils anderen zu sein.“
„Wie bitte? Wollen Sie mir sagen, die beiden sind - verfeindet? Aber sie sind Vulkanier!“
„Nicht verfeindet, Jim.“ Spock zögerte. „Das Gegenteil.“
„Ich verstehe nicht.“
„Die beiden haben offensichtlich ... Zuneigung zueinander entdeckt. Sie stehen jedoch beide jeweils mit einem anderen Partner in einem Bund.“
Kirk sah seinen Freund sprachlos an. Das hätte er nie im Leben für möglich gehalten. Schließlich merkte er, dass ihm der Mund offenstand und er schloss ihn schnell.
Er fragte sich, woher Spock das wusste. Hatten die beiden sich ihm anvertraut? Wahrscheinlicher war, dass Spock selbst es aus Beobachtungen rückgeschlossen hatte. Schließlich mussten die Wissenschaftler eigentlich eng zusammenarbeiten. Es war auffällig, wenn sie sich mieden. Vielleicht war es sogar schon den menschlichen Technikern aufgefallen, die an dem Upgrade beteiligt waren.
„Tut mir leid, Spock. Es geht mich natürlich nichts an.“
Spock sagte nichts.
„Außer, es würde die Qualität ihrer Arbeit beeinflussen. Ist das der Fall?“
Spock reagierte auf die Frage, als hätte Kirk einen schlechten Witz erzählt.
„Selbstverständlich nicht.“
Kirk wusste nicht recht, was er denken sollte.
„Also gut. Machen Sie weiter, Spock.“
„Aye, Sir.“ Spock warf ihm einen letzten prüfenden Blick zu, dann ging er hinaus.
Kirk schüttelte ungläubig den Kopf. Ein vulkanisches Liebespaar!
Uhura saß an ihrem Kommunikationsbord und rief das Crew-Manifest auf. Die Aufgabe, Landurlaub zuzuteilen, bekam auf einem Sternenschiff normalerweise der Quartiermeister zugewiesen. Captain Kirk delegierte es allerdings oft an andere Offiziere, und am liebsten an sie.
Ihr Quartiermeister hatte in den letzten 12 Monaten drei Mal gewechselt. Jedes Mal, wenn jemand sich gerade eingearbeitet hatte, war er oder sie aus diversen Gründen versetzt worden. Einer der Quartiermeister - der Beste, den sie bisher gehabt hatten - war auf einer Mission verletzt worden. Alle hofften, dass er nach seiner Genesung zurückkehren würde. Kein anderer vor ihm hatte ein so gutes Gefühl dafür gehabt, wer mit wem als Kabinenpartner zusammenpasste oder welche Gemeinschafts-Aufgaben den einzelnen Crewmitgliedern jeweils übertragen werden konnten.
Ein Quartiermeister hatte viel Einfluss und allzu oft hatten in der Vergangenheit Leute diese Machtposition dazu benutzt, persönliche Fehden auszutragen oder Crewmitglieder, die sie nicht leiden konnten, zu benachteiligen. Für das Zusammenleben an Bord bedeutete ein schlechter QM ein schlechtes Bordklima.
Bei diesem Landgang musste sie besonders sorgfältig sein. Alle Crewmitglieder, die bei einem Herunter-und wieder Hochfahren der Systeme beteiligt waren, fielen natürlich heraus aus dem Raster. Das betraf die Mannschaft des Maschinenraums und die IS-Leute.
Wer war unter Neustart-Bedingungen entbehrlich? Die medizinische Abteilung, die Schiffs-Dienste, die Phaser-Crews, die Wissenschafts-Dienste. Sie alle mussten nur durch eine Kern-Crew an Bord vertreten sein. In einem Notfall konnte man die Landgänger schnell zurückrufen, denn alle würden mit Kommunikatoren ausgestattet sein.
Sie konnte mit der Gamma- und Delta-Schicht anfangen - die würden in 130 Minuten ihr Schlaf-Kontingent erfüllt haben. Sie öffnete eine Tabelle und begann, Namen einzutragen.
‚Es ist unlogisch wegzuschieben, was Realität ist‘.
T’Raa hatte vier Bildschirme vor sich, welche die Subsysteme der Steuerungskontrolle abbildeten. Unter normalen Umständen war ihre Lesegeschwindigkeit so eingestellt, dass sie pro Schema 3,5 Sekunden Lesezeit zur Verfügung hatte. Das war mehr als ausreichend, um die Systeme auf Fehler zu kontrollieren und die Fehlerquelle zu finden.
Nur waren es schon lange keine normalen Umstände mehr.
Sie hatte gehofft, die körperliche Abwesenheit Sepeks würde es ihr leichter machen, sich zu konzentrieren. Sie machte es schwerer.
Noch nie in ihrer Existenz als Erwachsene hatte sie sich so verwirrt gefühlt. Sie konnte nicht aufhören, an ihn zu denken. Er war ein gutaussehender Mann. Aber was noch viel schwerer wiegte: Er war ein ungewöhnlich intelligenter und begabter Vulkanier. Immer wieder hatten seine mentalen Fähigkeiten sie in seinen Bann gezogen. Niemand sonst vermochte, so wie er, wissenschaftlichen Scharfsinn und Charisma miteinander zu verbinden und gleichzeitig ohne Besserwisserei und Dünkel andere Wissenschaftler in seine Arbeit einzubeziehen.
Was er in IHR sah - sie konnte es nicht sagen. Aber er fühlte sich zu ihr hingezogen. Sonst wären sie jetzt nicht in dieser schwierigen Situation.
‚Ich stehe kurz davor, meine Arbeitsunfähigkeit konstatieren zu müssen‘.
Ihre Arbeit bedeutete ihr alles. Sie hatte ihr ganzes Leben lang darauf hingearbeitet, in der Vulkanischen Legion der Wissenschaften eine Spitzenposition zu bekleiden.
Auch Sepek gehörte der Legion an. Natürlich hatte sie schon immer von seinen Veröffentlichungen Kenntnis gehabt und sie für ihre Arbeit benutzt. Sein scharfer Verstand war ihr sofort aufgefallen. Seine Intelligenz war herausragend. Aber sie waren sich nie begegnet - bis vor 4 Wochen, als sie von der Legion an die Sternenflotte „ausgeliehen“ worden waren, um das Projekt, dem jeder von ihnen 2 Arbeitsjahre gewidmet hatte, auf der Enterprise zum Abschluss zu bringen.
Jetzt bewirkte die emotionale Imbalance, dass sie als Team weniger wert waren als vorher einzeln. Das war für vulkanische Wissenschaftler eine Schande und sie war sich sicher, dass auch einige der Menschen an Bord bereits den Grund dafür deduziert hatten. Spock, der es als Erster gemerkt hatte, war taktvoll, aber von anderen konnten sie keine Diskretion erwarten. Eine Geheimhaltung der Beziehung kam auf Dauer sowieso nicht in Frage. Aber eine Scheidung musste gründlich durchdacht sein. Sie wusste, dass ihre Kinder sich von ihr lossagen würden, wenn sie sich zu Sepek bekennen würde. Das war ein außerordentlich hoher Preis für die Trennung von ihrem Bindungspartner.
Sie seufzte. Sie musste mit Sepek reden und seine Gedanken dazu kennenlernen. Der derzeitige Zustand konnte nicht fortgesetzt werden. Aber das Gespräch musste warten, bis die Analyse der Schiffssysteme abgeschlossen war.
T’Raa hatte selten ein Gefühl von Furcht. Zuletzt hatte sie es als Kind verspürt. Aber jetzt fühlte sie eine diffuse Sorge. Denn es war möglich, dass ihr unkonzentrierter Zustand einen Fehler in der Programmierung zur Folge gehabt hatte, der sie alle überhaupt erst in diese Lage gebracht hatte.
Es war - ihrer Berechnung nach - nicht wahrscheinlich. Aber es war möglich. Und genau diese Möglichkeit machte ihr Angst.
