Chapter Text
Nico wusste, dass er träumte.
Nur in seinen Träumen besuchte er immer und immer wieder diesen Ort.
Aber leider wurde der Tartarus deswegen auch nicht schöner oder der Traum leichter zu ertragen oder gar aufzuhalten.
Leise seufzend ergab er sich seinem Schicksal und wartete, welche furchtbaren Schrecken er diesmal ertragen musste.
Lange brauchte er allerdings nicht zu warten. Schon verdunkelte sich alles um ihn herum. Eine rot glühende Sonne tauchte seine Umgebung in blutrotes Licht. Die Luft wurde heiß, so heiß, dass Nico kaum noch ertragen konnte sie zu atmen. Schroffe, schwarze Felsen stachen aus dem Boden. Links von ihm brannte ein niemals verlöschendes Feuer und versengte die Erde zu einer einzigen harten und dunklen Kruste.
„Ach, wen haben wir denn da?" Hazel lachte trocken.
Oder das, was versuchte wie Hazel auszusehen.
Den Kopf konnte das Ding noch ganz gut imitieren aber spätestens ab den Schultern hatte es keine Ähnlichkeit mehr mit seiner Schwester oder mit irgendeinem anderen Menschen. Es sah eher aus wie ein glühender, verschimmelter Matschhaufen und ehrlich gesagt roch es auch so. Ein Matschhaufen mit Hazels hübschem Kopf.
Langsam kroch das Ding auf den Sohn des Hades zu. „Versuchst du wieder irgendwo dazuzugehören, du Loser? Nichts und niemand erträgt deine Gegenwart länger als nötig." Das Monster kicherte hässlich.
Nico kannte das schon. Diese Art Träume hatte er recht oft. Einfach nicht reden, die Hetzreden über sich ergehen lassen, versuchen nicht daran zu Grunde zu gehen und dann schnell aufwachen. So war der Plan.
„Klar, wenn mal per Schatten zu reisen ist oder eine Skelettarmee gebraucht wird, dann wirst du eingeladen. Da täuschen sie dir sogar Freundschaft vor. Aber eigentlich, Unglücklicher, will dich niemand um sich haben. Sohn des Hades, König der Toten." Das Hazel-Ding lachte abfällig und grausam. Dabei stieß es jede Menge eklig riechenden Dampf aus.
Nico würgte und versuchte nur durch den Mund zu atmen. „Ruhig, Nico! Bleib ganz ruhig! Das ist nur ein Traum!“, murmelte er und nahm sich fest vor, nichts von dem Gesagten ernst zu nehmen. Standhaft zu bleiben und nicht an seinen Freunden oder an sich selbst zu zweifeln.
„Sieh nur, wer noch alles zur Party kommt."
Nico schaute auf.
Zu dem Hazel-Ding gesellten sich nun auch noch Jason, Reyna und ...Will.
Will?
Der war ihm noch nie im Traum erschienen. Das bedeutete sicher nichts Gutes.
Sein Vorsatz nicht zu zweifeln, geriet ordentlich ins Wanken, einfach nur durch das Erscheinen dieses Dings.
Mist! Will war noch immer ein wunder Punkt.
Die schleimigen Haufen kamen immer dichter und kreisten ihn ein. Nico versuchte sich innerlich zu wappnen.
„Hallo Nico. Ist lange her, nicht wahr? Obwohl, für mich nicht lang genug." Das Will-Ding beugte sich näher zu Nico. „Ich war so froh, als ich zum studieren abhauen konnte! Endlich ein Grund, um von dir wegzukommen. Aber eigentlich bist du allein ja auch schon Grund genug, um einfach jeden davonzujagen." Die Matschdinger lachten. Nico ballte die Fäuste und biss fest die Zähne zusammen. „Du dachtest wohl du wärest mir wichtig? Vielleicht sogar mehr als das? Hmmm? Sag schon?"
Erwischt.
Das Monster erhält 100 Punkte für das Treffen des wundesten Punktes überhaupt.
Nico trat einen Schritt zurück weg von dem Will-Monster.
Ermutigt durch Nicos Rückzug und unter tosendem Beifall und lautem Gelächter der Anderen sprach er: „Du bist doch’n kluger Junge. Du musst doch kapieren, dass nichts davon echt war. Wer will dich denn schon in seiner Nähe? Und wer könnte für dich schon mehr empfinden als Mitleid, Hass oder bestenfalls noch Gleichgültigkeit? Also ich sicher nicht!"
Nun grinste der Schleimhaufen bösartig und reckte seine Faust in die Höhe, eine Siegerpose durch und durch. Die Matschis brüllten und gackerten aus vollem Halse. „Du, DiAngelo, bist das Letzte! Unerwünscht, gehasst! Hau bloß ab." Dieses Mal grölte das Jason-Ding am Lautesten.
„Ruhig, Nico! Bleib ganz ruhig! Das ist nur ein Traum! Ruhig, Nico! Bleib ganz ruhig! Das ist nur ein Traum!“ Er murmelte diesen Satz immer wieder vor sich hin, wie ein Mantra. Götter, wie sehr er diese Träume hasste, denn im Grunde erzählten sie ihm nur das, was er sowieso schon dachte.
Würde er nie Ruhe finden? Immer zweifeln?
„In den Tartarus mit dir, wo du hingehörst, Deathboy." Jason kam jetzt auf ihn zu. „Aber ich glaube, selbst Tartarus erträgt dich nicht oder wie erklärst du dir deine geglückte Flucht? Ich denke ja Tartarus hat dich gehen lassen und das aus gutem Grund! Selbst der wollte dich nicht! Schon mal daran gedacht, Neeks?" Reyna kreischte laut auf.
„Jason, du bist so schlau!" Wieder und wieder lachten die Matschdinger und zogen den Kreis um Nico immer enger. „Diesmal wirst du nicht wieder entkommen, Kleiner. Du bleibst damit wir mit dir Spaß haben können."
Sie waren jetzt so nah, dass Nico unweigerlich ihre Ausdünstungen roch, der Junge schluckte schwer. Das Atmen tat mittlerweile weh. Rauch und der eklige Dampf der Monster fraßen sich durch seine Lungen und entzogen ihm seine Lebensenergie. Geschwächt ließ er sich in die Hocke fallen und bedeckte seinen Kopf mit den Armen.
Ruhig, Nico! Bleib ganz ruhig! Das ist nur ein Traum!
„Na, was denn, was denn? Schon am Ende?", quengelte das Hazel-Ding. „Dabei haben wir doch erst angefangen, Nikkilein." Wieder Gejohle.
Ruhig, Nico! Bleib ganz ruhig! Das ist nur ein Traum!
Langsam bekam er es doch mit der Angst zu tun.
Atmen war kaum noch möglich, die Matschmonster saugten ihm seine letzte Energie aus und er verlor den Halt. Immer mehr driftete er in seine Verzweiflung ab und wusste schon lange nicht mehr, wie er sich selbst daraus befreien sollte.
Seit wann waren seine Träume derart real?
Er musste aufwachen, egal wie. Und er musste sich verteidigen.
Immer schön eins nach dem anderen Nico, sagte er sich.
Erst verteidigen, dann aufwachen oder wenn es geht, auch andersherum. So ist der neue Plan.
Kraft für irgendwelche untergründigen Tricks hatte er keine. Also brauchte er eine Waffe. Fahrig sah er sich um. Gab es irgendetwas, was sich als Waffe gebrauchen ließe?
Fehlanzeige, nichts.
Nur verbrannter Boden so weit das Auge reichte. Sein Mut sank, seine Hoffnung auch. Doofer Plan. Dann hörte er die Stimme.
„Nicooooooo." Was war das?
„Nicoooooo." Wieder die Stimme. „Oh Mann, Nico, komm da jetzt weg."
„Ja gerne, aber wie?", schrie Nico. Zumindest wollte er schreien aber sein Hals war wie zugeschnürt. Er hatte kaum noch Luft und konnte nur leise krächzen.
„Nicooo, jetzt los! Genug mit dem Matsch gespielt. Komm jetzt! Steh auf und beweg dich!"
Also versuchte er sich aufzurichten. Mit wenig Erfolg und natürlich wurde das sofort von den Matschis bemerkt.
„He, du mickriges kleines Häufchen Elend, was ist? Willst du schon gehen?" Will zeigte mit dem Matschfinger auf ihn. „Ich glaub wir beeilen uns mal lieber, Freunde, sonst verlieren wir ihn wieder." Plötzlich hatten die Monster Schwerter, Netze und Keulen.
Wieso finden die denn hier Waffen??
„Jetzt reicht´s mir aber! Ich hab echt keinen Bock mehr auf deine Träume, Nico." Aus dem Nichts erschien Clovis. „Wie wäre es wenn du mal beginnen könntest, etwas Nettes zu träumen? Blumen, Ferien, Essen?"
„Gerne, aber jetzt hilf mir erst mal, ja?" Nur langsam konnte Nico sich aufrappeln. Seine Brust tat höllisch weh und jeder Atemzug fühlte sich an, als wenn er Steine einatmen müsste.
„OK. Halt dich fest! Wir machen dann mal los bevor du hier noch krepierst.“
Mit einem Ruck standen die beiden Halbgötter in der Hypnos-Hütte Nr.15. Nico ließ sich mit einem lauten "Uuuufff" auf das Bett von Clovis fallen. Eine Weile sagte keiner der beiden etwas.
„Und? Wann wolltest du es mir sagen?", fragte Clovis und gähnte herzhaft.
„Wann wollte ich dir was sagen?" Nico schaute den Hüttenältesten verdutzt an.
„Na, dass du scheinbar jede meiner Übungen wie du deine Träume besser steuern kannst vergessen hast. Und dazu auch noch mich jedes Mal aus meinem Traum reißt und in deinen reinziehst, weil du so krass aggressiv träumst wie nie zuvor?“
„Ähmmm..."
„Echt gute Antwort, Nico!" Clovis ließ sich auf seinen Lieblingssessel fallen. „Aber wenn du mir schon meinen schönen Traum versaust, weil ich dich mal wieder retten musste, werden wir reden." Nico blickte verlegen zur Seite und knirschte missmutig mit den Zähnen.
„Worüber willst du reden?"
„Tzz, und das fragst du noch?" Clovis pfiff kurz durch die Zähne. „Über deine lustigen Matschfreunde, die dich nur ein bisschen töten wollten!"
„Ich weiß ja auch nicht. Sie finden vergnügen daran, mich zu quälen."
„Dann lass sie nicht!" Clovis blickte zu dem blassen Jungen auf seinem Bett hinüber. „Es sind doch deine Träume. Warum gibst du ihnen die Macht, dich so zu peinigen?"
„Ach, das verstehst du nicht!", brauste Nico auf. Schnell besann er sich jedoch eines besseren. Clovis hatte ihn gerade mal wieder gerettet. Etwas ruhiger und freundlicher fügte er hinzu: „Sie verkörpern nach wie vor meine Ängste und Zweifel."
„Hmm, das ist auch richtig und total normal. Nur so kannst du Erlebtes verarbeiten. Dein Problem ist nur, dass du dich völlig fertig machen lässt und selbst zerfleischst."
Er gähnte wieder.
„Ach Nico, wann verstehst du endlich, dass du hierher gehörst, niemand sich an dir stört und du viele gute Freunde hast, die dich sogar gerne um sich haben? Keiner will, dass du wieder verschwindest. DU bist wichtig! Akzeptiere es endlich! Dann verschwinden auch diese ätzenden Träume."
Clovis richtete sich auf und lachte leise, als er das fassungslose Gesicht seines Gegenübers sah. Er reichte Nico seine Hand und zog ihn auf seine Füße. Nicos Wangen färbten sich rot.
„Hör auf so zu tun, als wenn ich dir etwas Neues erzähle." Freundschaftlich klopfte Clovis ihm auf die Schulter. „Und jetzt mach, dass du verschwindest! Die Nacht ist noch jung und ich will noch etwas Tolles träumen." Er grinste breit und gähnte schon wieder.
