Chapter Text
Knisterndes Feuer erhellte den sonst dunklen Raum.
Auf dem viel zu großen Sofa saß einsam ein Mann, der sich in eine Decke gehüllt hatte.
Zwei Katzen hatten sich zu ihm gesellt.
Nachdenklich betrachtete Robert das vom Kaminfeuer erleuchtete Armband in seiner Hand. Kanzler-Era.
Dass er nicht lachte.
Er wusste nicht, was ihn geritten hatte, sich wieder auf Twitter anzumelden und dann noch dieses Video.
Ein Teil von ihm wusste, dass es der Schmerz über den Verlust seines Rudels gewesen war, der ihn getrieben hatte.
Und vielleicht hatte er ein kleines bisschen gehofft, dass sich Christian oder Olaf doch noch meldeten.
Dass alles wieder gut werden würde.
Aber offensichtlich war Christian die Schuldenbremse wichtiger als ihre Familienplanung.
Er hatte gewusst, dass es Christian schwergefallen war zu akzeptieren, dass er „nur“ ein Beta und kein Alpha war.
Aber er hätte nicht damit gerechnet, dass er wie die pheromongesteuerten Exemplare der CDU/CSU stur auf Kleinigkeiten beharren würde und sogar die Koalition aufs Spiel setzen würde.
Robert seufzte. Seine nächste Brunft ohne seinen Alpha oder seinen Beta würde die Hölle werden.
Eigentlich hatten sie geplant, sich auf Sylt zusammen eine Auszeit zu nehmen.
Denn Christian sagte immer, dies wäre der einzige Ort, an dem er seine dringend benötigte Ruhe vom Proletariat bekam.
Er würde ansonsten Ausschlag bekommen, wenn er zu oft mit Menschen interagierte, die zur Miete wohnten.
Auch wenn Robert dieses Sentiment nicht teilte, brachte ihm die Zeit am Strand oft auf andere Gedanken.
Erneut fiel sein Blick auf das Armband.
Am liebsten würde er es einfach in seinen heizungsgesetzkonformen Kaminofen schmeißen. Ob es so gut brannte wie norwegische Kirchen?
Er schüttelte den Kopf. Dies war nicht die Zeit, sich in Gedanken an die frühe norwegische Black-Metal-Szene zu verlieren.
Er hatte eine Kampagne vorzubereiten und seine Meal-Prep musste er auch noch machen. Entschlossen wand er sich aus seiner Decke und begab sich, das protestierende Miauen von Rosa Luxemburg und Friedolin ignorierend, in seine Küche.
Ein Blick in seinen Kühlschrank zeigte ihm, dass er gerade noch genug für ein einziges Avocadotoast dahatte.
Robert schaute auf seine Uhr. Der Unverpacktladen um die Ecke hatte schon längst zu und auch zum Bio-Supermarkt seines Vertrauens würde er es wohl nicht mehr rechtzeitig schaffen.
Dann würde es wohl oder übel das Avocadotoast werden.
Mit dem fertigen Toast setzte er sich an seinen Küchentisch.
Es war ungewohnt, hier allein zu sitzen. Sein innerer Omega jaulte geradezu, weil er sich so nach seinem Rudel sehnte.
Auf einmal fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wie oft beschwerten sich Wähler*innen, dass Politiker*innen unnahbar waren?
Er könnte doch einfach mit Wähler*innen zusammen in der Küche sitzen und ihnen einfach nur zuhören.
An dieser Idee gab es einfach nichts auszusetzen!
Er musste sofort Annalena anrufen.
„Robert, du rufst ja echt oft an in letzter Zeit. Was gibt es?“
„Entschuldige, Annalena, störe ich gerade?“
„Nein, nein, so war das nicht gemeint. Alice und Sarah sind eh gerade zum Russischkurs. Schieß los.“
Begeistert erzählte er ihr von seiner Idee.
Als er fertig war, schwieg sie so lange, dass er anfing, nervös zu werden.
War es etwa doch keine so gute Idee, sich mit Wähler*innen am Küchentisch zusammenzusetzen?
Gerade als er seine Idee doch zurücknehmen wollte, fing Annalena an: „Also prinzipiell finde ich die Idee gut, aber meinst du nicht, dass ein Omega in der Küche nicht gewisse Assoziationen hervorruft?“
Das hatte er so noch gar nicht bedacht. Konnte er sich gleichzeitig für Omegarechte einsetzen und sich dann am Küchentisch präsentieren?
Er überlegte und erwiderte dann: „Ja, da muss ich dir wohl zustimmen. Aber das muss ja gar nichts Schlechtes sein.
Damit erreichen wir auch eine konservativere Wählerschaft und bisher hat es doch immer gut für uns funktioniert, wenn wir unsere Werte verraten und uns dem rechten Spektrum annähern!“
Annalena machte ein zustimmendes Geräusch am anderen Ende.
„Ich werde sehen, was ich tun kann.“
Zufrieden legte Robert auf und biss in sein Avocadotoast. Noch nie zuvor hatte ihm die Kombination aus Brot und Avocado so geschmeckt.
Vielleicht lag es an dem Sauerteig, den er vor einiger Zeit gemeinsam mit seinem Rudel angesetzt hatte oder vielleicht versüßte ihm der erste Lichtblick seit einigen Tagen einfach den Geschmack.
Gerade als er begann abzuräumen, klingelte es an der Haustür.
Wer konnte das um diese Uhrzeit wohl sein? Nicht mal Telekomvertriebler machten sich so spät noch die Mühe, Leuten ihre Produkte aufzuschwatzen.
Als er die Tür öffnete, fiel ihm vor Schock die Kinnlade herunter. Vor seiner Tür stand Christian. Was machte er hier? Warum jetzt auf einmal?
Doch er bekam nicht die Gelegenheit irgendetwas zu sagen, denn Christian sprang fast schon in seine Arme und zog ihn in einen stürmischen Kuss.
Robert schaffte es noch gerade so, die Tür zu schließen, dann wurde er von Christian dagegen gedrückt und so geküsst, als wäre er die 5-Prozent-Hürde und müsste um jeden Preis überwunden werden.
Ihre Zungen tanzten um Dominanz wie Merz und Söder um die Kanzlerkandidatur.
Doch auch sie mussten irgendwann eine Pause zum Atmen einlegen. Robert ließ seine Stirn sanft gegen Christians fallen und spürte, wie sein Omega schnurrte.
Sein Beta hatte ihm so sehr gefehlt wie seiner Partei das Rückgrat in der Klimapolitik.
„Was machst du hier, Christian? Nicht, dass ich mich nicht freue, dich zu sehen, aber nach den letzten Tagen, habe ich ehrlich gesagt nicht mehr damit gerechnet.“
Christian seufzte und schaute tief in Roberts Augen.
„Können wir nicht einfach mal vergessen, was alles passiert ist und nur wir selbst sein?“, flehte er den Omega an.
Diese Worte trafen Robert direkt in sein Herz.
Natürlich würde er nichts lieber tun, schließlich vermisste er Christian genauso wie er Olaf und seinen Alphaknoten sehnlichst vermisste.
Aber er konnte nicht über die Geschehnisse der letzten Tage hinwegsehen und so tun, als hätte Christian ihn nicht zutiefst verletzt. Ihr Rudel war zerbrochen, verdammt nochmal.
Er schüttelte den Kopf.
„Nein, das kann ich nicht.“
„Ich verstehe.“, sagte Christian und ergriff trotzdem Roberts Hand.
Robert erlaubte sich diesen einen Moment der Schwäche, die Berührung tat ihm gut. Und wer wusste, wann er Christian das nächste Mal so berühren würde?
Ein leises Fauchen riss ihn aus dem Moment.
Rosa Luxemburg war anscheinend neugierig geworden und hatte nachsehen wollen, was Robert für Besuch bekam.
Dass sie Christian nicht leiden konnte, hatte sie ihn schon immer spüren lassen.
Doch nachdem Christian einmal seinen Pudel Macchiavelli mitgebracht hatte, war auch die wenige Sympathie, die sie für ihn gehabt hatte, verschwunden.
Christian lächelte verlegen.
„Das ist wohl mein Zeichen, die Biege zu machen.“
Bei diesen Worten überkam Robert die Verzweiflung.
Sie waren gerade wieder vereint und jetzt wollte Christian schon gehen?
Eben war er sich noch so sicher gewesen, dass er nicht so tun wollte, als wäre nichts gewesen. Aber er war schwach geworden und sein Omega schrie förmlich nach der Nähe des Betas.
Den Entschluss gefasst, nahm er Christian wieder bei der Hand.
„Ich glaube, ich habe da was für dich. Du hast doch noch gar nicht meinen neuen Küchentisch gesehen? Ich denke, der muss noch eingeweiht werden.“
Christian lächelte verschmitzt und folgte ihm in die Küche.
