Chapter Text
Then: Sie hatten nie zuvor wirklich auf Feiertage geachtet, außer sie bedeuteten einen gemeinsamen freien Nachmittag für sie. Ohne Schule, ohne Stress. Doch dann wurden die Jungs auf Melanie aufmerksam und sie auf deren Interesse an ihr und plötzlich veränderte sich alles. Trude wollte mehr von der Aufmerksamkeit, die man ihr verwehrte. Wilma verstand die neue Welt nicht mehr, in der sie überall aneckte und keinen festen Boden zu finden schien. Sprotte fühlte sich allein und in dieser Welt gefangen, während sich Frieda von ihr verlassen. Und sie verloren bei all diesen Veränderungen beinahe das Wichtigste aus den Augen. Dass Liebe viel mehr bedeuten konnte, als ein Junge mit herzförmiger Schokolade in der Hand, der vor einem stand.
Now: Sprotte gähnte verhalten hinter ihrer Hand und starrte weiter auf die Uhr, die über der Tafel hing und deren Zeiger sich wie zum Hohn nur in Zeitlupe zu bewegen schienen. Dabei war das ihre letzte Unterrichtsstunde vor dem Wochenende, das mit langem Ausschlafen und viel freier Zeit am Wohnwagen bereits nach ihr zu rufen schien.
Verstohlen sah sie zu Frieda hinüber, die mit dem Kopf auf eine Hand gestützt dasaß und mit der anderen etwas in ihren Hefter zu kritzeln schien, das so gar nicht nach dem aussah, worüber ihr Lehrer an der Tafel gerade sprach. Sprotte fragte sich, ob Frieda wohl kleine Herzchen malte, wie sie es früher getan hatte, wenn sie an Maik und ihre gemeinsame Zeit zusammen gedacht hatte.
Und Sprotte wünschte sich plötzlich, dass sie nur für einen Augenblick Friedas Heft genauer in Augenschein nehmen könnte.Vielleicht würde sie dann endlich Ruhe vor ihren ruhelosen Gedanken und Zweifeln haben, die sie seit dem vorherigen Tag quälten.
Hatte Frieda ihr gestriges Date gefallen oder überlegte sie sich bereits, wie sie Sprotte am besten und einfachsten wieder los wurde? Wollte sie mehr Nähe oder weniger? Wünschte sie sich, dass Sprotte allen oder wenigstens ihren Freundinnen von ihrem Date erzählte?
Unbehagen nagte an Sprotte, während sie zurück auf ihr eigenes Heft schaute, deren leere Seite sie beinahe vorwurfsvoll anstarrte.Den ganzen Tag über hatte sie sich schon nicht konzentrieren können oder auch nur ein Wort von dem mitbekommen, was ihre Lehrer gesagt hatten.
Denn nach dem gestrigen Treffen, nach ihrem Date, hatte sie noch Stunden später wachgelegen und sich Gedanken gemacht.
Über Frieda und wie hübsch sie ausgesehen hatte. Wie schnell ihr Herz geschlagen hatte, als sie ihre Hand ergriffen hatte. Wie richtig sich der Kuss angefühlt hat. Und wie sehr Sprotte auf eine Wiederholung von all dem hoffte. Immer und immer wieder.
Stundenlang hatte sie zu ihrer Decke hinauf gestarrt und neue Pläne geschmiedet, wie sie Frieda zu einem erneuten Date einladen konnte und jede Idee sofort wieder verworfen. Nichts schien auch nur annähernd gut genug für ihre beste Freundin zu sein, die so viel mehr verdiente, als Sprotte ihr jemals geben könnte.
Wieder schielte Sprotte zu Frieda hinüber und wandte schnell den Blick ab, als sie bemerkte, dass diese ebenfalls zu ihr rüber schaute.
Mit fahrigen Fingern fuhr sich Sprotte durch ihre wilden Locken, bis diese ihr vor Scham brennendes Gesicht vor Frieda verbargen, während sie unruhig mit ihren Fingern auf die Tischplatte trommelte.
Wie sollte sie sich jetzt verhalten? Sollte sie nochmal zu Frieda blicken oder es lieber bleiben lassen? Sollte sie lächeln? Hatte Frieda fröhlich ausgesehen oder eher genervt?
Immer schneller drehten sich Sprottes Gedanken in ihrem Kopf und sie bekam bereits Kopfschmerzen von ihnen, als die Schulklingel sie endlich von ihren Qualen und dem eintönigen Gerede ihrer Lehrerin erlöste.
Zusammen mit ihren Klassenkameraden packte Sprotte ihre Hefte, Bücher und Federtasche in ihren Rucksack, bevor sie sich nach ihren Freundinnen umsah.
Melanie stand bereits gelangweilt an ihren Tisch gelehnt da, ihre Tasche über eine Schulter gehängt und knotete ihre Haare zu einem lockeren Knoten auf ihrem Kopf zusammen. Wilma trat neben sie, wobei sie verzweifelt versuchte, ihren Hefter mit aller Kraft in ihren übervollen Rucksack zu quetschen und diesen dabei heillos knickte, was ihre Mutter sicher nicht gerne sehen würde. Trude stand neben Steves Tisch und hatte ihre Arme um seinen Nacken geschlungen, um ihm einen langen Abschiedskuss zu geben, so als würden sie nicht am Abend nochmal miteinander telefonieren oder sich am nächsten Tag schon wieder treffen. Frieda schien denselben Gedanken zu haben, da sie leise kicherte, als sie neben Sprotte zum Stehen kam und diese leicht mit dem Ellbogen in die Seite stupste, damit sie sie ansah.
“Ich glaube, Trude hat wirklich zu viele Liebesfilme gesehen und denkt, dass der Klassenraum eine romantische Kulisse für sie darstellt.”
"Und wir sind dann wohl ihre Zuschauer. Ob wir laut klatschen sollten?", fragte Sprotte mit einem Grinsen und vergaß für einen Moment diese seltsame Situation, in der sie sich derzeit mit Frieda befand.
Sie lächelten einander einfach nur an und Sprotte verspürte den plötzlich Drang in ihren Fingern, Friedas Wange zu streicheln und sie ebenfalls zu umarmen oder sogar zu küssen wie Trude es machte.
Aber bevor sie diesem Drängen nachgeben konnte, brachte Melanie den Moment bereits zum Platzen wie eine Seifenblase.
“Ob die sich in nächster Zeit wohl voneinander lösen wollen?”, fragte Melanie mit hochgezogener Augenbraue, während sie sich einen Kaugummi in den Mund schob und den anderen Mädchen ebenfalls einen anbot.
“Na hoffentlich.”, meldete sich Fred zu Wort, bevor eines der Wilden Hühner antworten konnte und kam neben Melanie zum Stehen, die er dabei leicht zur Seite schubste.
Diese warf ihm nur einen genervten Blick zu, als er sein Haar, das er seit kurzem länger wachsen ließ, nach hinten warf und den angebotenen Kaugummi von ihr entgegennahm.
“Wir wollen schließlich noch zum Schrottplatz und das, bevor es dunkel wird.”
Sprotte warf ihm einen kurzen Blick von der Seite zu und sie war beinahe enttäuscht, dass er sie nicht ansah, sondern weiter zu Trude und Steve schaute, während er sich lässig zurücklehnte. Sie musste ihn nicht einmal fragen, was sie auf dem Schrottplatz vorhatten, da Melanie dies großzügig für sie übernahm.
“Was sucht ihr denn jetzt Schönes zwischen all dem Müll?”
Fred schien ihr antworten zu wollen, als plötzlich Willi und Torte neben ihm auftauchten und Torte ihn mit einem selbstgefälligen Grinsen unterbrach: “Das geht euch gerupften Hühnern gar nichts an.”
Seine Stimme brach mitten im Satz weg und Sprotte grinste leicht in sich hinein, als Fred nur genervt die Augen verdrehte.
“Halt die Klappe, Torte.”
Mit diesen Worten stieß sich Fred vom Tisch ab und ging dicht an Melanie vorbei zu dem knutschenden Paar hinüber und riss Steve am Kragen von Trude fort.
“Wir müssen jetzt wirklich los. Bis später, Mädels.”
Er hob die Hand und grinste ihnen zu, während er zur Tür ging und Steve hinter sich herzog. Dieser stolperte unsicher über seine Füße, während er Trude zuwinkte, die ihn aus großen Augen nachstarrte. Die anderen beiden Jungen folgten ihnen nach kurzem Zögern, aber nicht bevor sie sich von den Mädchen verabschiedet hatten. Wobei Sprotte auffiel, dass sie besonders Frieda einen langen Blick zuwarfen, als erwarteten sie eine Antwort von ihr.
Sprotte sah ihnen nachdenklich hinterher, als Trude zu ihnen trat und mit hochrotem Kopf den Pygmäen nachschaute.
“Fred sollte wirklich aufhören, so rechthaberisch zu sein. Ich unterbreche ihn ja auch nicht, wenn er eine seiner vielen Freundinnen abknutscht.”
Trude betonte das Wort Freundin, als hätte sie etwas viel Schlimmeres im Sinn, wobei sie nicht zu bemerken schien, wie die anderen Mädchen Sprotte nervös von der Seite musterten. So als würde sie im nächsten Moment in Tränen ausbrechen oder den Tisch, an dem sie lehnte, umwerfen vor Wut.
Und Sprotte fragte sich wirklich, wie lange sie wohl noch mit diesen mitleidigen Blicken leben musste, bis man ihr zutraute, dass sie auch wirklich ok war. Auch wenn Fred ihr Herz in tausend kleine Splitter gebrochen hatte.
So zuckte Sprotte nur gespielt gleichgültig mit den Schultern und ging zur Tür. Hinter sich hörte sie, wie ihr die anderen Mädchen folgten, wobei Melanie Trude unbarmherzig mit ihrer Theatralik aufzog und Wilma laut lachte.
Gemeinsam gingen sie in die Kälte des Nachmittags hinaus, wo Matilda bereits ungeduldig auf sie wartete. Auch wenn man sie hinter ihrer dicken, pinken Winterjacke und der pinken Mütze mit dem großen Bommel darauf, kaum erkennen konnte. Wilma hatte damit scheinbar keine Probleme, da sie auf zu rannte und sie grinsend umarmte, während die anderen Mädchen bereits zu ihren Fahrrädern gingen und sie aufschlossen.
Aus dem Augenwinkel beobachtete Sprotte wie verliebt Wilma und Matilda zusammen aussahen, so als lebten sie in ihrer eigenen Welt. So als würden sie sich nicht daran stören, wer sie sehen könnte. Und Sprotte fragte sich, wie die beiden es nur schafften, dass es so verdammt leicht aussah. Ihre Gefühle füreinander auszudrücken und einfach glücklich zu sein, egal wer sie sah oder was sie denken mochten. Während Sprotte selber jedes ihrer Worte und Taten immer wieder tausendfach überdachte und hinterfragte, bevor sie handeln konnte.
Sie seufzte kurz und bemerkte gar nicht, wie Frieda sie kritisch von der Seite musterte, während sie warteten, bis sich Wilma endlich von ihrer Freundin gelöst hatte. Aber nicht bevor sie ihr mehrmals versicherte, wie sehr sie sie bereits vermisste.
Endlich kam Wilma zu ihnen zurück und stieg mit einem breiten Grinsen auf ihr Fahrrad, was Melanie leise schnauben ließ.
“Ihr beide seid wirklich widerlich süß zusammen. Zum kotzen.”
Sie würgte gespielt, bis Wilma sie von der Seite anstieß, sodass sie beinahe mit ihrem Fahrrad umfiel und lachte.
“Nur kein Neid, Melli. Bestimmt findest du auch ganz bald deine große, wahre Liebe.”
Sprotte grinste nur bei diesen Worten, während sie sich aufs Fahrrad schwang und sie gemeinsam losfuhren.
Der Wind fuhr mit eisigen Fingern durch ihre Haare, sodass ihre roten Locken wie Feuer hinter ihr loderten. Sofort fühlte sich Sprotte ruhiger und so trat sie schneller in die Pedale, als könnte sie so all ihre Zweifel und Sorgen weit hinter sich lassen, wo sie sie nie wieder einholen könnten.
Nur kurz hielt sie vor dem Garten ihrer Oma an, wo sie Bella bereits schwanzwedelnd am Tor empfing. Die anderen Mädchen blieben auf der anderen Straßenseite stehen, damit Sprottes Oma sie nicht sehen oder ansprechen konnte.
Sprotte grinste leicht, als sie Frieda einen wissenden Blick über die Schulter zuwarf, bevor sie das quietschende Gartentor öffnete und Bella zur Begrüßung hinter den Ohren streichelte. Diese umrundete sie immer wieder fröhlich und lief zwischen ihren Beinen hindurch, sodass Sprotte leicht strauchelte und beinahe in ein leeres Bett gefallen wäre.
Sprotte hörte die anderen Mädchen hinter sich kichern und lief schnell durch den Garten. Sie war froh, dass ihre Oma derzeit nichts in ihren Beeten anbauen konnte, wobei sie Sprottes Hilfe benötigten würde. Je weniger Zeit sie mit den Knien auf der kalten Erde verbringen musste und dem stechenden Blick und schneidenden Worten ihrer Oma ausgeliefert war desto besser.
Kurz ließ sie ihre Fingerknöchel gegen das kalte Holz der Eingangtür trommeln, bevor sie diese vorsichtig öffnete und im Inneren nach ihrer Oma rief.
Sofort hörte sie das leise Schnarren des Radios in der Küche, wo ihre Oma vornübergebeugt saß und im Schein der Küchenlampe ein Kreuzworträtsel zu lösen schien. Nur kurz sah sie auf und brummte unzufrieden, als sie Sprotte im Flur erkannte.
“Was machst du denn hier? Hast du etwa keine Schule oder schwänzt du?”
Sprotte schluckte schwer die Worte hinunter, die sie ihrer Oma entgegenschleudern wollte, bevor sie ihre Lippen zu einem gezwungenen Lächeln verzog.
“Nein, natürlich nicht. Wir haben bereits Schluss. Ich wollte nur Bella holen und mit ihr Gassi gehen.”
Wieder brummte ihre Oma nur missmutig und Sprotte verdrehte genervt die Augen, bevor sie sich Bellas Leine schnappte, die sie erwartungsvoll musterte. Während sie sich zu der Hündin hinab beugte, um die Leine zu befestigen, hörte sie, wie ein Stuhl quietschend über das Linoleum schabte und die schlurfenden Schritte ihrer Oma, die sich durch die Küche auf sie zu bewegten. Sprotte richtete sich auf und sah, wie ihre Oma etwas aus dem Schrank neben dem Kühlschrank zog und sich zu ihr umwandte.
“Hier.”
Grob drückte sie Sprotte eine Schachtel in die Hand, so als könnte sie diese im nächsten Moment die Haut verbrennen oder beißen.
“Für dich. Und deine diebischen Freundinnen, wenn du noch mit denen Kontakt hast.”
Sprotte musste sich fest auf die Zunge beißen, um ihre Oma nicht anzufahren und lächelte stattdessen weiter gezwungen.
“Danke.”, murmelte sie und drehte sich schnell um, damit sie mit Bella an ihrer Seite das Haus verlassen konnte. Leider nicht schnell genug, da ihre Oma ihr noch hinterher rief, dass sie am Sonntag zum Essen vorbeikommen würde und ihre Mutter ja nicht vergessen sollte, sie abzuholen.
Schnell schloss Sprotte die Tür hinter sich, bevor ihre Oma noch etwas sagen konnte und verfluchte ihre Mutter im Stillen dafür, dass sie wieder mehr Kontakt zu Sprottes Oma haben wollte und sie seit Kurzem jeden Sonntag zum Essen einlud. Es waren die schrecklichsten drei Stunden ihres Lebens und das jede Woche von Neuem.
Achtlos schob Sprotte die Packung von ihrer Oma in ihre Tasche, ohne nachzusehen, was sie ihr gegeben hatte und lief zurück zu ihren Freundinnen, die bereits unruhig auf sie warteten.
“Na endlich, da bist du ja.”, murrte Melanie und rieb ihre Hände aneinander, während sie Sprotte einen bösen Blick zuwarf. "Wir sind hier schon fast festgefroren."
Sprotte ignorierte sie einfach, als sie sich auf ihr Fahrrad schwang und sofort losfuhr, während Bella freudig neben ihr herlief. Undeutlich hörte sie, wie ihr die anderen Mädchen folgten und sie seufzte verhalten. Dass ihre Oma ihr auch bei jedme Besuch die gute Laune vermiesen musste.
Nach nur wenigen Minuten waren die Mädchen endlich bei ihrem Wohnwagen angekommen, der einsam zwischen den kahlen Bäumen stand und bereits auf sie zu warten schien.
Laut plaudernd traten die Mädchen nacheinander ein und zogen ihre Jacken aus, während Sprotte Wasser für sie alle aufsetzte. Wilma trat neben sie und zog aus dem kleinen Kühlschrank einen Teller mit hübsch dekorierten Muffins, die Sprotte vor paar Tagen gebacken hatte. Mit großer Geste stellte Wilma diese auf den Tisch, was Melanie fröhlich aufjauchzen ließ.
“Haben sie euch nicht geschmeckt?”, fragte Sprotte mit einem Blick über die Schulter zu Wilma, die lächelnd den Kopf schüttelte, während sie sich neben Melanie setzte.
“Ne, wir waren nur schon voll von dem Hauptgericht.” Sie seufzte genüsslich beim Gedanken daran. "Und das war übrigens auch ausgezeichnet."
Mit ihren spitzen Ellbogen schob sie Melanie zur Seite, die bereits einen der Muffins glücklich verschlang, bevor sie Sprotte zublinzelte.
“Keine Ahnung, wie du das hinkriegst, aber alles, was du machst, ist köstlich.”
Stolz wandte sich Sprotte wieder ihrem Tee zu und zog aufs Geradewohl einen Beutel aus der Dose heraus, bevor sie die Kanne vorsichtig zum Tisch trug. Frieda trat neben sie und verteilte die Tassen, wobei sich ihre Arme kurz berührten und Sprotte vor Schreck zusammenzucken ließ.Zum Glück hatte sie die Kanne bereits abgestellt, da sie ansonsten heißes Teewasser über ihre Arme verschüttet hätte.
Schnell ließ sie sich neben Trude nieder, die Wilma gerade ihr Leid wegen ihres Valentinstages mit Steve klagte. Diese nickte nur verständnisvoll, obwohl sie mit jedem Wort mehr an Trudes Verstand zu zweifeln schien, während Melanie alles nur mit einem Augenverdrehen aufnahm und einen weiteren Muffin verschlang.
Sprotte wusste auch nicht, was sie auf Trudes hohe Ansprüche an Steve sagen sollte.Wie sollte er jemals diesen gerecht werden?
Ob Frieda wohl genau so dachte, nach ihrem gestrigen Date? Hatte sie sich mehr von Sprotte und ihrem Date erhofft? Wollte sie auch eine filmreife romantische Geste, die alles andere in den Schatten stellte?
Sprotte sah unsicher zu Frieda hinüber, die eine Kekstüte aus ihrem Rucksack zog, bevor sie sich neben Sprotte setzte, die sich augenblicklich versteifte.
Frieda wirkte ganz entspannt, so als wäre nichts zwischen ihnen gewesen. So als würde sie die Spannung nicht spüren, die Sprotte jedes Mal fühlte, wenn sie sich zufällig berührten oder auch nur ansahen. Und Sprotte wusste nicht, was das bedeuten sollte.
Waren sie nur zwei beste Freundinnen, die sich mal geküsst haben? Oder waren sie doch mehr füreinander? Wollte Frieda eine Beziehung oder interpretierte Sprotte zu viel in alles hinein?
Die Gedanken schwirrten heillos in ihrem Kopf herum, während sie starr auf die Tischplatte starrte, als suche sie im Holz von diesem nach einer Antwort auf ihre Fragen.
Nur undeutlich hörte sie, wie Wilma von ihrem eigenen Date erzählte und wie gut es gelaufen war, bevor Melanie leichthin erklärte, dass sie den Abend für sich selber genutzt hatte, was auch immer sie damit meinen mochte.
Und plötzlich waren alle Blick auf sie und Frieda gerichtet, die den Tag zusammen verbracht hatten. Sie hatten den Valentinstag zusammen verbracht. Und die anderen Mädchen wussten dies auch.
Wie sollte Sprotte da so tun, als hätte sie nicht Gefühle für Frieda und als wäre alles ganz harmlos und normal zwischen ihnen gewesen. Als wäre es ganz alltäglich, dass sie Händchen hielten und sich küssten.
Sprotte musste das manische Lachen hinunterschlucken, was ihre Kehle hinaufkroch bei diesen Gedanken und blickte auf, wo sie Friedas ruhigen Blick begegnete. Sie lächelte sie leicht an, bevor sie schulterzuckend an die restlichen Mädchen erklärte, dass sie zuerst in der Stadt und schließlich bei Frieda Zuhause waren, wo sie gemeinsam auf Luki aufgepasst hatten.
Es klang alles so harmlos und normal wie sie es sagte, sodass sich die anderen Mädchen schnell wichtigeren Dingen zuwandten. Wie dem Verzehr von Sprottes Muffins und den Keksen in Herzform mit rosa Zuckerguss, die Frieda daneben gelegt hatte.
Minutenlang war Sprotte zu angespannt, um etwas zu essen, bis sie plötzlich, unter dem Tisch und außer Sichtweite der anderen Mädchen, Friedas warme Finger auf ihrer Hand spürte, die sich wie in Zeitlupe mit ihren verschränkten.
Scharf sog sie die Luft ein und blickte auf, um direkt Melanie anzusehen, die mit Zuckerguss im Mundwinkel Wilma ernst erklärte, warum Step Up 3D viel besser war, als die Vorgänger, während diese sie nur kopfschütteln musterte.
Kurz flackerte Sprottes Blick zu Frieda neben ihr, die sie unsicher anlächelte und plötzlich konnte Sprotte wieder etwas freier atmen.
Denn Frieda schien genauso nervös und unsicher wie sie darüber zu sein, wie sich das zwischen ihnen entwickelte.
Aber zusammen würden sie es schon irgendwie herausfinden, da war sich Sprotte plötzlich ganz sicher.
Und so entspannte sie sich langsam, während sie sich einen der Kekse, die Friedas Mutter gebacken hatte und einen Schluck von dem lauwarmen Tee gönnte, bevor sie einwarf, dass sie die Girls United Filme zusammen mit ihrer Mutter gesehen hatte. Melanie sprang sofort darauf an und erklärte ihr hitzig, wie viel besser Step Up war, wobei Sprotte ängstlich hoffte, dass sie keine Präsentation oder die Filme aus ihrer Tasche hervorzaubern würde, um ihren Standpunkt zu untermalen.
Entspannt verbrachten die fünf Mädchen den Nachmittag zusammen mit viel Lachen und Versprechungen auf zukünftige Filmabende, während sich langsam die Nacht über dem Wohnwagen ausbreitete.
Und während Sprotte zusammen mit Frieda ein kleines Abendessen mit Kartoffeln und Eiern zauberte, fütterten die restlichen Wilden Hühner ihre gefiederten Schwestern im Stall und ließen Bella noch ein wenig draußen herumtollen, bis sich diese zufrieden vor dem Bett zusammenrollte.
So sahen die Mädchen auch nicht den kleinen, fast schüchternen Kuss, den Frieda der überraschten Sprotte gab, als diese sie lachend mit der Hüfte zur Seite schubste. Nur Sprottes hochrotes Gesicht bemerkte Melanie, als sie stampfend in den warmen Wohnwagen zurückkehrte und sich lautstark über Bella beschwerte, über die sie im Halbdunkeln gestolpert und der Länge nach ins Gras gefallen war. Sie fragte nicht nach, warf Sprotte nur einen fragenden Blick zu, als Wilma hinter ihr erschien und sie zur Seite drängte, damit auch Trude eintreten konnte.
Sie aßen gemeinsam, während das Radio im Hintergrund lief und zum Nachtisch stellte Sprotte die Schachtel ihrer Oma auf den Tisch, in der sich herzförmige Schokolade, so wie ein kleiner Brief von Feistkorn, dem Nachbarn ihrer Oma befand. Lachend lasen die Mädchen die sehr schmalzigen Zeilen laut und mit verstellten Stimmen vor und Sprotte fragte sich, ob Feistkorn wohl wirklich etwas von ihrer Oma wollte oder sich nur wieder beschweren wollte, sobald sie in seiner Nähe war.
Erst als der Mond bereits hoch am wolkenlosen Himmel stand, brachen die Mädchen auf und fuhren im Licht der Straßenlaternendurch die Straßen zurück nach Hause.
Wo Trude von ihrer Mutter erwartet wurde, die ihr feierlich eröffnete, dass sie ihr endlich ihren neuen Freund vorstellen wollte, auch wenn dies erst einige Wochen später wirklich passieren sollte.
Wo Melanie vom flackernden Licht des Fernsehers und dem lauten Schnarchen ihres Vaters begrüßt wurde. Mit einem erwartungsvollen Lächeln las sie den kleinen Zettel, den sie in ihrer Jackentasche gefunden hatte und schrieb bis spät in die Nacht SMS mit Fred, der ihr erzählte, was sie alles an Schätzen auf dem Schrottplatz gefunden hatten.
Wo Wilma von ihrer schlecht gelaunten Mutter empfangen wurde, die ihr befahl, sofort ihr Zimmer aufzuräumen und ihre Hausaufgaben zu machen. Was Wilma nur zu gerne tat, während sie die Bravo-CD laut mit Kopfhörern hörte, die ihr Melanie ausgeliehen hatte.
Wo Frieda gerade rechtzeitig durch die Tür kam, um ihren großen Bruder gehen zu sehen und ihrem kleinen Bruder einen Gutenachtkuss zu geben. Und wo sie träumend in ihrem Bett lag und an eine Zukunft dachte, die so viel mehr für sie versprach, als sehnsüchtige Briefe.
Wo Sprotte gerade rechtzeitig heimkam, um gemeinsam mit ihren Eltern auf der Couch liegend einen Film zu sehen, bevor sie in ihrem Zimmer verschwand und den Rest der Nacht an Frieda dachte und einen Plan entwickelte, wie sie endlich Klarheit über ihre Gefühle erlangte und Frieda näher kommen konnte. Denn eines wusste sie ganz genau. Verlieren wollte sie ihre beste Freundin auf keinen Fall.
