Chapter Text
Fremde
Rhun weiß nicht, was es ist, das ihn immer wieder in die dunklen Ecken blicken lässt. Vermutlich ist es nur sein Kopf, der ihm etwas vorgaukelt, der ihm vorspielt, dass da etwas ist, aber- Rhun kann den Gedanken einfach nicht abschütteln, dass da wirklich etwas ist, tief in den Schatten verborgen. Vielleicht muss er einfach nur genauer hinsehen.
Bekannte
„Wer bist du?“
Rhun ist sich nicht sicher, ob er wirklich etwas erwarten sollte. Er redet hier immerhin mit einem Schatten. Nur, dass in den Schatten irgendetwas zu sein scheint.
Es vergeht ein Moment, ein weiterer, dann beginnt sich der Schatten zu verändern. Nein, nicht der Schatten, etwas in dem Schatten kommt nach vorne. Ein Wesen, schwarz wie die Schatten, aus denen es kommt- Es ist unförmig, vage kann Ruhn darin die Gestalt eines Kindes erkennen, ähnlich wie er selbst. Vielleicht macht es ihn nach. Dort sind vage Andeutungen von Augen.
Er stellt sich vor, fragt nach dem Namen des Wesens. Es braucht etwas, die Sprache schwerfällig. Ruhn sieht keinen Mund, der sich bewegt. Dann Dark – und Rhun lächelt.
Freunde
Dark ist anders als Rhuns Brüder. Es gibt Dinge, bei denen er sich sicherer fühlt, sie mit ihm zu teilen, anstatt mit ihnen. Es ist seltsam, sonst hat er seinen Brüdern alles erzählt – na ja, fast alles – aber jetzt hat er Geheimnisse vor ihnen? Er hat ihnen nicht mal von Dark erzählt. Ruhn ist sich nicht sicher, ob sie Dark verstehen würden, vielleicht würden sie sogar verhindern wollen, dass Rhun sich weiter mit ihm trifft, aber das will Rhun nicht. Dark ist wichtig für ihn, ohne ihre Gespräche und heimlichen Treffen würde ihm etwas fehlen.
Beschützer/Schützling
Rhun spürt etwas annähernd Weiches unter sich. Da sind Stimmen, leise, gedämpft, wie um jemanden nicht zu wecken, und eine Schwere in sich selbst, fremd und dennoch bekannt.
„Rhun?“, leise, vorsichtig. Die anderen Stimmen verstummen.
Er öffnet seine Augen, ist sich nicht einmal sicher, wann er sie geschlossen hat. Fips kniet vor ihm, Unsicherheit in den Augen, zusammen mit etwas, das Rhun nicht ganz deuten kann.
„Fips?“ Seine Stimme ist kratzig, als hätte er geschrien, als hätte er … Richtig, der Keller. Er war im Keller. Die Nonnen haben etwas an ihm getestet. Er kann sich nicht erinnern, was genau es diesmal war. Es muss schlimm gewesen sein, wenn er das Bewusstsein verloren hat. Kein Wunder, dass Fips so unsicher aussieht, vermutlich ist das andere einfach Angst. Nein, irgendetwas stimmt da nicht. Er kann sich an einen … Widerstand erinnern, bevor das bisschen an Erinnerungen, was er hat, plötzlich abbricht. Irgendetwas muss passiert sein, er muss nur-
„Rhun?“ Eine zweite Stimme, Zeke. Er taucht hinter Fips auf und klettert neben ihm aufs Bett, streckt eine Hand nach Ruhn aus, doch stoppt, kurz bevor er ihn berührt. Ruhn lehnt sich ein Stück nach vorne, schließt die Lücke selbst, und ein gequältes Wimmern kämpft sich zwischen seinen Lippen hervor. Zeke rückt näher und legt seine Hände vorsichtig um Rhun. Auch Fips rutscht heran und nimmt Rhuns Hand in seine. Kurz darauf umarmt ihn Klaus von seiner anderen Seite und Eos legt eine Hand auf Rhuns Bein. So geborgen erkennt er nun auch endlich die Schwere in seinem Inneren und warum sie ihm so bekannt vorkam.
Gefangene
Ruhn drängt Dark zurück und lächelt gezwungen – nicht, dass man es hinter dem Tuch, das die untere Seite seines Gesichts verdeckt, überhaupt sehen könnte. Dark drängt dagegen, versucht sich nach vorne zu schieben, die Kontrolle zu übernehmen, doch Rhun lässt ihn nicht. Er kann sich nicht länger hinter Dark verstecken. Er ist kein schutzbedürftiges Kind mehr. Rhun versucht sich auf das Gespräch zu konzentrieren, doch das ist gar nicht mal so einfach, wenn da eine Stimme in seinem Kopf dröhnt und ihn zu verführen versucht.
Feinde
„Du wirst versagen, Rhuni, und du weißt es.“
„Oh, zittern deine Hände? Vielleicht solltest du dich ausruhen. Wer braucht schon eine kaputte Zahnfee? Dann wärst du ja noch unnützer als eh schon.“
„Du machst das gut, versteckst dich vor der Welt, lässt niemanden an dich ran. Dann kann auch keiner sehen, wie erbärmlich du bist.“
„Da strengst du dich schon so an und trotzdem wirst du von deinen Brüdern vergessen. Sieh’s ein. Sie brauchen dich nicht, haben sie nie, werden sie nie. Du warst ihnen doch immer nur eine Last, nur nützlich, wenn sie sonst nichts haben.“
Verbündete
Ruhn keucht, jeder Atemzug, jede Bewegung schmerzt. Oskar ist bereits weg, als Rhun seine Augen wieder öffnet. Er ist sich nicht sicher, ob er zwischenzeitlich das Bewusstsein verloren hat. Es wäre möglich.
Ein kleines bisschen Wärme breitet sich in seinem Inneren aus, Darks Wirken. Rhun schließt seine Augen und lässt sich fallen. Ihr Geistesraum ist nicht mehr so spürbar wie sonst, vermutlich die Schuld des Bannkreises, aber dennoch, es ist etwas, ein wenig Komfort, ein wenig Halt, ein wenig Ruhe.
Partner
Rhun taumelt zurück. Er- Dann ist da plötzlich Halt, Hände auf seinen Schultern, eine Präsenz in seinem Rücken. Er kann hören, wie ein Stuhl über den Boden schabt, dann wird er bereits darauf gedrückt. Die Präsenz steht nun vor ihm. Dark.
Dark kniet sich hin, nimmt Rhuns Hände in seine. Er sieht nicht anders aus als sonst und von dem, was er von seiner eigenen Kleidung sieht, kann Rhun sagen, dass auch er immer noch Rhun ist, nicht White. Sie haben sich nicht gespalten, aber dennoch ist Dark vor ihm. Keine Halluzination, kein Trick.
Dark sagt nichts, hält einfach nur seine Hände und ist da. Eine stille Präsenz. Sie müssen noch ein paar Tests machen, um sicher zu gehen, aber das Ritual scheint funktioniert zu haben.
Gefährten
Rhun liegt entspannt auf seinem Bett, während Dark auf seinen Beinen sitzt und seine Hände vorsichtig über Rhuns freien Oberkörper gleiten lässt. Er ertastet jede Rippe, fährt sie nach und kommt dabei immer weiter nach oben, zu Rhuns Schultern, seinem Hals und schließlich seinem Gesicht. Behutsam streicht er über Rhuns Wangen und-
„Deine Haut hier“ Er tappt gegen Rhuns linke Wange, die mit dem Kieferaufdruck. „ist kälter als auf der anderen Seite.“
„Mmh.“
Dark lässt seine Finger weiterstreichen, umfährt erst die drei Zähne unter Rhuns Auge und streicht dann über sie, fühlt über Rhuns Augenlider und dann über seine Stirn bis zum Haaransatz. Er vergräbt seine Hände in Rhuns Haaren und streicht durch sie, dreht einige Strähnen zwischen seinen Fingern.
Rhun öffnet seine Augen, als Dark die Strähnen aus seinen Fingern gleiten lässt und sich wieder aufsetzt, seine Hände zu sich nimmt. Auch Rhun setzt sich auf, zwingt Dark damit dazu ein wenig nach hinten zu rücken. Er beißt sich auf seine Unterlippe und legt dann vorsichtig seine Hände auf Darks Maske.
„Darf ich?“ Ein Hauchen, mehr nicht, geboren aus einem zaghaften Wunsch.
Dark nickt leicht und Rhun nimmt ihm vorsichtig seine Maske ab, legt sie neben sich. Dann sind Rhuns Hände auf Darks Gesicht, streichen zaghaft seine Kieferlinie entlang, dann über die Lippen, hoch zur Nase. Dark schließt seine Augen und Rhun streicht ihm über seine Augenlider. Er öffnet sie wieder, als Rhun von seinen Schläfen hoch zur Stirn streicht.
„Du bist so nah.“ Ein Flüstern – und Rhun stoppt.
„Stört es dich?“
Ein Summen, tief, melodisch. „Sollte es?“
Rhun lächelt, zaghaft. „Nein, ich denke nicht.“ Er lehnt sich weiter vor, wartet ab.
Dark kommt ihm entgegen und für einen kurzen Moment berühren sich ihre Lippen.
