Chapter Text
Abe erzählte. Er hatte keine Übung darin, diese Geschichte zu erzählen, obwohl er doch so oft daran dachte. Er wagte es nicht Liam anzusehen, also wandte er sich an Laura neben ihm. Sie verdiente es auch, diese Geschichte zu hören, auch wenn sie noch zu jung war, um alles zu verstehen.
»Als ich mit der Schule fertig war, bin ich von zu Hause weg. Ich war zum ersten Mal allein unterwegs. Ich war frei.
Ich hätte überall hin reisen können, aber besonders zog es mich nach Italien. Ich wollte aktiv werden, endlich Menschen helfen. In einem verschlafenen kleinen Bergdorf fand ich eine Spur des Übernatürlichen. Ich habe mein Leben lang trainiert, es zu erkennen.
Es gab ein unbewohntes Haus in dem Ort, das von den Menschen, den herum streunenden Katzen und sogar den Mücken gemieden wurde. Einige Leute erzählten von seltsamen Geräuschen, die man nachts aus dem Haus hörte.
Ich habe mich drei Nächte auf die Lauer gelegt. In der ersten Nacht hörte ich Balken knarren, aber ich dachte, es wäre der Wind. In der zweiten Nacht regnete es und man hörte nur das Prasseln auf den Dächern. In der dritten Nacht habe ich Mila zum ersten Mal gesehen, sie kam aus dem Haus in einem weißen Kleid. Sie war wunderschön. Ich hatte mich hinter einem Brunnen versteckt, aber sie sah mich direkt an. Da wusste ich, dass ich das Ziel meiner Reise erreicht hatte.
Ich ging zu ihr und sie sagte, dass sie mich beobachtet hatte die letzten beiden Nächte. Und ich habe sie gefragt, warum sie in einem verlassenen Haus wohnt. Sie meinte, es wäre nicht verlassen, weil es ihrem Bruder Liam gehöre. Liam war vor kurzem auf Reisen gegangen. Und sie war zum ersten Mal seit langem allein. Wahrscheinlich hat sie mich deshalb angesprochen. Ich wusste, dass Mila ein Vampir war. Sie hat gar nicht versucht, es zu verbergen, aber sie war nicht wie die Beschreibungen in den alten Büchern, die ich gelesen hatte. Vampire sind Menschen, das habe ich gelernt. Wir haben viel geredet über alles Mögliche. Mila war noch nicht lange ein Vampir und ich war noch kein Vampirjäger. Ich glaube, sie hat mich davor bewahrt, ein schlechter Mensch zu werden. Genau der Mensch, für den Liam mich hält. Meine Eltern haben mir lange so viele Dinge beigebracht und Mila zeigte mir, wie falsch sie waren. Obwohl wir nur ein Jahr miteinander hatten, war es wichtiger als die fast 20 Jahre davor. Wir waren also beide jung und hatten uns sehr gern. Mila ist dann bald schwanger geworden mit dir. Wir haben uns wirklich unglaublich gefreut. Aber wir hatten auch Angst. Vampire essen nicht wie normale Menschen. Aber ein Baby im Bauch der Mutter braucht Nahrung. Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Es ist wie bei einem Baum, wenn der Baum vom Boden nicht die richtigen Nährstoffe bekommt, kann er keine Früchte tragen. Und ein Vampir ist wie ein Baum, der keine Wurzeln mehr hat. Er steht da, aber es wächst nichts mehr an ihm. Es war sehr schwer für Mila. Sie hat ihr Bestes gegeben, damit du ein gesundes Baby bist. Aber sie ist trotzdem krank geworden. Man konnte es nicht verhindern. Und keines der Bücher, die ich gelesen habe, war von Nutzen. Ich konnte nicht helfen … Ich hatte große Angst um euch beide, aber ich konnte nichts machen. Und deshalb …«
Liam reichte Abe die Taschentücherbox. Laura sah die beiden mit großen Augen an.
»Es tut mir leid. Ich wusste nicht…« Auch Liam hatte Tränen in den Augen, da war keine Spur von Hass mehr.
»Es ist in Ordnung. Trauer verändert Menschen. In der Zeit nach ihrem Tod war ich auch…anders. Darum bin ich so glücklich, dass ich Laura habe. Nicht wahr, du bist meine kleine Retterin.« Abe lächelte und zog sie in eine weitere Umarmung.
»Nicht weinen, Papa. Alles ist gut. Tut es weh?« Es tat weh. Es schmerzte sich zu erinnern und sein Körper schmerzte auch. Um seine Schulter war das schwarze Shirt nass vom Blut und es rann auch seinen Arm hinab. Vermischte sich mit dem Blut anderer Wunden.
»Es geht. Geh dein Müsli essen, und ich mach mich präsentierbar. Dann bring’ ich dich in den Ferienhort.« Er stand auf und widerstand erfolgreich dem Bedürfnis, sich wieder fallen zu lassen. Liam stand plötzlich neben ihm.
»Lass mich helfen. Ich habe noch Fragen und ich fühle mich furchtbar.« Er wirkte jetzt völlig anders. Jünger, auch wenn er über 100 sein musste. Und nicht mehr bedrohlich, viel mehr wie Abe, viel verwundbarer.
Abe fühlte sich alt und müde, als er ins Badezimmer ging und den Verbandskasten –der sich noch schwerer als sonst anfühlte– aus dem Regal nahm.
Er atmete tief ein, bevor er sich so schnell wie möglich das Shirt auszog. Furchtbare Idee, er hätte es zerschneiden sollen, es hatte ohnehin Löcher.
»Fuck! Fuck! Fuck!« Im Spiegel betrachtete er seine Schulter, aber vor lauter rot, konnte man kaum erkennen, wie schlimm es war. Er beugte sich zum Wasserhahn herunter und spülte seinen Mund aus, spritzte sich Wasser ins Gesicht. Sein Kajal war vom Weinen ohnehin verschmiert.
»Shit, Mann. Es tut mir so leid. Das sieht nicht gut aus.«
Abe begann vorsichtig das Blut abzuwaschen.
»Schlimmer geht immer. Als Laura gerade laufen gelernt hat, habe ich mir beim Sturz eine Treppe runter das Bein gebrochen. Ich bin ihr nicht mehr hinterher gekommen.«
»Du jagst keine Vampire, was tust du dann?«
Abe drehte sich zu dem anderen Mann um. So konnte er sich an die kühle geflieste Wand lehnen.
»Ich habe ein Händchen für Chemie. Ich habe experimentiert –schon damals mit Mila.« Es war ungewohnt, so viel über sie zu reden, aber es fühlte sich gut an. »Ich habe herausgefunden, welche Inhalte des Bluts ein Vampir braucht. Ich kann künstliches Blut für sie herstellen. Ohne Blutdurst können sie nach und nach wieder am sozialen Leben teilnehmen. Aber es ist ein Entzugsprozess, wie bei Drogen. Manchmal sind die Patienten kompliziert.« Er blickte an sich herunter auf die Narben an seinem Oberkörper.
»Das ist erstaunlich. Ich wusste nicht, dass eine wissenschaftliche Sicht möglich ist. Von wegen Fluch und alles.«
»Magie basiert auch immer irgendwo auf Wissenschaft. Ich hatte Hilfe von zwei starken Hexen, Lauras Patentanten.« Er war stolz darauf und freute sich, davon erzählen zu können. Aber er konnte etwas nicht vergessen.
»Wenn du das nicht wusstest, wieso dann Martin?«
Liam blickte von den Verbänden, die er ausgesucht hatte, auf. »Wer ist Martin?«
Abe schüttelte langsam den Kopf.
»Nein, nein, nein, nein. Das ist nicht gut. Martin ist einer meiner Patienten und ich habe ihn heute Nacht tot aufgefunden. Das ist überhaupt der Grund, warum ich dich erwartet habe. Aber du hättest keinen Grund ihm etwas anzutun, weil du sonst ja wüsstest, dass ich keine Vampire jage.«
»Ich habe ihm nichts angetan. Wirklich. Ich hatte keine Ahnung. Und ich gehe nicht herum und ermorde leichtfertig Leute.«
Abe begann auf und ab zu gehen.
»Das glaube ich dir auch. Aber das heißt, das hier ist noch nicht vorbei. Martins Killer ist immer noch unterwegs. Laura ist immer noch in Gefahr.« Abe blieb vor ihm stehen. Neue Blut-Rinnsale bahnten sich ihren Weg seinen gebräunten Oberkörper hinab. »Ich kann nicht zulassen, dass ihr etwas geschieht.«
»Genau deswegen musst du fit sein.« Er schob Abe zu einem Hocker und begann erstaunlich professionell ihn zu verarzten. Abe ließ es zu, begann aber nervös mit dem Fuß zu wackeln.
Liam kniete gerade vor Abe und versorgte seinen Unterarm, als er wieder aufblickte und das Schweigen brach.
»Jetzt, wo ich hier bin. Jetzt wo ich Bescheid weiß, werde ich alles in meiner Macht stehende tun, um sie zu beschützen. Ich schwöre es.«
Abe legte ihm die Hand auf die Schulter. Er hatte wieder Tränen in den Augen.
»Danke.«
