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Einen Latte Macchiato mit Hafermilch, bitte.

Chapter 6: Machst du mir einen Kaffee?

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

"Einen Americano bitte"

 

Fips hätte schreien können. Tat er aber natürlich nicht. Stattdessen zwang er sich zu einem gequälten Lächeln, wie es wahrscheinlich nur Menschen beherrschen, die zu lange im Kundenservice gearbeitet haben.

 

"Alles Klar, kommt sofort."

 

Der Kunde lächelte, dieses höfliche, freundliche Lächeln, das definitiv zu ehrlich war für diese Uhrzeit, und in seiner Naivität dachte Fips, dass dies eine ganz normale Bestellung wäre.

 

Okay, nicht ganz. Der Typ hatte am Ende des Tages immer noch einen Americano bestellt.

 

Das allein war schon ein Warnsignal. Americano bedeutete: Entweder übermotivierter Student oder Masochist.

 

Aber er hatte nicht mit Zeke gerechnet.

 

Zeke tauchte aus dem Hinterzimmer auf, in der einen Hand, warum auch immer, einen tropfnassen Lappen, in der anderen eine halb leere Packung Marshmallows.

 

Sein Blick fiel auf den Typen an der Theke... und blieb hängen.

 

Fips bemerkte es sofort. Es war diese eine Millisekunde zu lang, dieser Moment, in dem Zeke vergaß zu blinzeln und sein Hirn offenbar einfach... abschaltete.

 

"Du tropfst", sagte Fips trocken.

 

Zeke sah ihn an, dann auf den Lappen, dann wieder auf den Typen. "Oh. Ja. Boden. Klar."

 

Dann sah Zeke den Typen wieder an.

 

Der Kunde, dunkelblaue Jeans, schwarzes Shirt, ein Notizbuch unter dem Arm, erwiderte den Blick mit einem etwas überraschten, aber definitiv freundlichen Nicken. Und Zeke, dieser sonst so verrückte, wenn ich irgendwas falsches anfasse besteht die Möglichkeit das die Welt untergeht, flirty-chaotische Zeke, stand einfach nur da. Wortlos. Mit tropfendem Lappen und offenem Mund.

 

Fips beobachtete das Ganze mit dem Wissen, dass er gleich wohl oder übel Zeuge eines romantischen Dramas oder eines vollständigen mentalen Kollaps' werden würde.

 

"Zeke", sagte er langsam, mit der Geduld eines Kindergärtners, der seinem Zögling das fünfte Mal erklären musste, warum man es keine gute Idee ist Erdnussbutter auf die Heizung zu schmieren, "möchtest du vielleicht aufhören, den Kunden anzustarren wie ein Creep?" 

 

Zeke blinzelte. Endlich. Als hätte jemand den Reset-Knopf gedrückt.

 

"Was? Ich— Äh... ich starre nicht. Ich... betrachte nur. Intensiv. Aus Interesse. An seinem... Gesicht. Weil es symmetrisch ist. Und so."

 

Fips drehte sich wieder zur Espressomaschine. "Oh Gott. Es hat angefangen."

 

"Was hat angefangen?" fragte der Typ an der Theke, immer noch freundlich – mit dieser Stimme, die irgendwie dem Gefühl glich, wenn man einen warmen Kakao im  tiefsten Winter trinkt. 

 

Fips lächelte den Typen gequält an. "Nichts. Nichts..."

 

Er drehte sich wieder mit seinem besten Ich will das wirklich nicht mit ansehen-Blick um, um den Kaffee zu nehmen, was Zeke als Möglichkeit nutzte, um den Typen wieder anzusprechen.

 

"Ich... also... hi?", sagte er. Es klang wie eine Frage. An sich selbst. An das Universum. An den Americano-Typ. Was wusste Fips schon?

 

Der hob leicht die Augenbrauen, das Notizbuch jetzt locker in einer Hand, während er den Kaffee entgegennahm, den Fips ihm in fast schon mitleidiger Routine hinstellte.

 

"Hi", erwiderte der Typ freundlich. Dann ein leichtes, schiefes Grinsen. "Alles okay bei dir?"

 

Fips wollte gerade antworten, da kam Zeke ihm zuvor. "Alles total okay! Ich bin nur... du bist... also, ich mein, wow. Dein Gesicht." Pause. "Nicht im creepy Sinn. Also. Nur... äh... du bist hübsch. Also nicht, dass das das Wichtigste ist. Du bist bestimmt auch nett. Vielleicht. Hoffe ich. Nicht, dass—"

 

Fips klatschte mit der flachen Hand auf den Tresen. Es war weder laut noch ein Wutausbruch. Es war das resignierte Geräusch eines Mannes, der wusste, dass er verloren hatte, noch bevor das Spiel begonnen hatte. 

 

"Zeke. Atmen."

 

Zeke holte tief Luft, wie jemand, der vergessen hatte, wie Sauerstoff funktioniert.

 

Der Typ, offiziell zu charmant für die Uhrzeit, lachte. 

 

"Ich bin Julien."

 

"Zeke."

 

 

Als Fips zwei Stunden später den Müll rausbringen wollte, sah er zuerst den Rauch. Dünne, graue Schlieren, die wie besoffene Geister in der Luft herumschwirrten.

 

Dann sah er die Quelle.

 

Rhun lehnte an der Backsteinwand hinter dem Café, eine Zigarette zwischen den Fingern, als wäre sie das Einzige, was ihn noch am Leben hielt. Er sah aus wie die menschliche Version eines Montagmorgens.

 

Fips warf den Müllsack in den Container. "Brauchst du was? Kaffee? Eine Fluchtmöglichkeit? Ne Schrotflinte?"

 

Rhun blies Rauch aus. "Ja."

 

Fips nickte in Richtung Zigarette. "Ich dachte du rauchst nicht mehr?"

 

Rhun hob die Zigarette, für einen weiteren Zug. "Ich hab's nie richtig gelassen."

 

"Ich dachte, du wärst auf Kräutertee und Meditation umgestiegen."

 

"War ich", sagte Rhun und blies einen Ring in einer Perfektion, die nur jahrelange Verzweiflung erklären konnte. "Hat nicht funktioniert."

 

Fips lehnte sich neben ihm an die Wand, starrte die Zigarette an.

 

Lange.

 

Zu lange.

 

Rhun bemerkte es. "Willst du eine?"

 

Fips überlegte.

 

Kurz.

 

Zu kurz.

 

Dann: "Ja."

 

Rhun hob eine Augenbraue. "Ich dachte, du rauchst nicht mehr?"

 

"Tu ich eigentlich auch nicht", murmelte Fips und nahm trotzdem die Zigarette. Seine Finger zitterten ein bisschen, aber er hoffte, Rhun bemerkte es nicht.

 

Rhun bemerkte es sofort.

 

"Stress?"

 

Fips zündete sich die Zigarette an, inhalierte langsam und fühlte, wie sich die Anspannung in seiner Brust etwas löste: "Zeke."

 

"Fair", nickte Rhun. "Auf lange Sicht tödlicher als Nikotin."

 

Sie standen eine Weile da.

 

Schweigend.

 

Der Rauch hing zwischen ihnen wie ein altes, unangenehmes Familienmitglied, das man eigentlich nicht mehr sehen wollte, welches aber trotzdem immer wieder vorbeikam.

 

"Du weißt, dass du das nicht wieder anfangen solltest", sagte Rhun schließlich und sah Fips aus dem Augenwinkel an.

 

"Du auch nicht."

 

"Ich hab nie aufgehört."

 

"Ich weiß."

 

Wieder Stille.

 

Dann: "Zeke hat 'nen Crush."

 

Rhun stieß langsam Rauch aus, als könne er die Information anders nicht verarbeiten.

 

"Auf wen?"

 

"Julien. Stand heut früh in der Schlange. Hat nen Americano bestellt."

 

Rhun verzog das Gesicht.

 

"Oh. Das erklärt einiges."

 

"Was?"

 

"Zekes Gesichtsausdruck." Rhun blickte Fips ins Gesicht. "Und Americano? Fips... Hast du ihm keine Standards beigebracht?"

 

"Ich arbeite dran. Er ist... resistent."

 

Fips merkte, wie ihm vom Nikotin schwindelig wurde, der Druck hinter seinen Schläfen langsam nachließ und das Brennen in der Brust.

 

Es war vertraut, fast nostalgisch.

 

 Nicht gut und definitiv nicht gesund, aber es half.

 

Rhun beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Natürlich tat er das. Rhun bemerkte immer alles, vor allem das, bei dem man nicht wollte, dass er es bemerkte. 

 

Er sagte jedoch nichts. 

 

"Also... wie schlimm ist es?" fragte Rhun schließlich.

 

Fips schnaubte. "Zeke?"

 

"Mhm."

 

"Er hat beim Reden vergessen, wie Atmen geht."

 

Rhun nickte, als hätte er genau das erwartet. "Klingt nach einem Schlaganfall."

 

"Klingt nach Zeke."

 

"Dasselbe."

 

Wieder Stille.

 

Dann: "Hübsch?", fragte Rhun nicht wirklich interessiert.

 

"Was?"

 

"Julien. Ist er hübsch?"

 

Fips zuckte mit den Schultern.

 

"Keine Ahnung. Zu wach für die Uhrzeit. Hat gelächelt wie jemand, der noch Hoffnung hat."

 

Rhun verzog angeekelt das Gesicht. "Urgh. Optimisten."

 

"Ja."

 

"Widerlich."

 

"Ja."

 

Sie teilten ihre schlechte Laune mit Leidenschaft.

 

Die Zigarette fühlte sich wie eine Zeitreise an.

 

Zurück zu Abenden, an denen er dachte, Rauchen könnte die Welt verlangsamen, vielleicht sogar verbessern. 

 

Zurück zu Momenten, in denen er meinte, nicht genug zu sein.

 

Zurück zu den Momenten, in denen er sich einbildete, dass  rauchen sein einziger Ausweg war.

 

Dann sagte Rhun ruhig:

 

"Du siehst müde aus, Fips."

 

"Ich weiß."

 

"Du solltest einen Gang runterfahren."

 

"Ich weiß." Fips schnippte ein bisschen Asche ab. "Aber ich hab Zeke."

 

"Exakt."

 

Rhun zog an seiner Zigarette.

 

"Weißt du, manchmal glaube ich, Zeke existiert nur, um auszutesten, wie weit man dich schieben kann, bevor du einen Nervenzusammenbruch bekommst."

 

"Er ist sehr engagiert darin", murmelte Fips.

 

"Er macht Fortschritte."

 

"Er soll aufhören."

 

"Wird er nicht."

 

"Ich weiß."

 

"Weißt du", sagte Rhun und schob die Hand ohne Zigarette in die Jackentasche, "ich hab heute Morgen Eos gesehen."

 

Fips stöhnte. "Bitte nicht."

 

"Er hat gestrahlt."

 

"Urgh."

 

"Richtig... gelächelt."

 

"Bah."

 

"Er sah so ausgeglichen aus und halt dich fest: Er hat sich die Haare abrasiert!."

 

Fips schauderte. "Verarsch mich nicht."

 

"Mach ich nicht."

 

Fips verzog das Gesicht langsam. "War ja klar. Der Idiot verliebt sich und denkt sofort, er muss eine komplette Typ Veränderung durchleben."

 

"Mhm." Rhun nickte. "Er sieht aus wie ein bekiffter Babyvogel."

 

"Was macht er eigentlich jetzt gerade?", fragte Rhun nach einer Pause.

 

 "Eos? Keine Ahnung. Wahrscheinlich nackt kochen. Oder Iris beim Existieren anstarren. Der hat mir gestern ne Sprachnachricht geschickt, in der er fünf Minuten lang darüber redet, wie Iris atmet."

 

"Wie sie was?"

 

"Atmet."

 

Rhun starrte ihn an. "Fips... das ist beunruhigend."

 

"Jap..."

 

"Wie hat er's beschrieben?"

 

„Zitat: ‚Sie hat so ruhige Atemzüge, weißt du? So... schön.'"

 

„Und Klaus?" fragte Rhun schließlich.

 

Fips seufzte. „Der versucht wieder, Mitarbeiter zu rekrutieren. Hat heute Morgen 'nem Stammkunden gesagt: ‚Haben Sie Lust, mein Leben zu bereichern?'"

 

Rhun zog scharf Luft ein. "Das klingt wie ein sektenartiger Heiratsantrag."

 

"Der Kunde ist rückwärts rausgelaufen. Mit Kaffee in der Hand."

 

"Ich hätts vermutlich genauso gemacht."

 

"Verständlich."

 

Wieder Stille.

 

Rhun warf die Zigarette auf den Boden, trat sie aus. Fips tat es ihm gleich, auch wenn er's später bereuen würde.

 

"Sag mal", sagte Rhun nach einem Moment, „wenn du eh schon unten bist..."

 

"Hm?"

 

"Machst du mir einen Kaffee? Und bringst ihn mir raus?"

 

Fips sah ihn an. Dieses tote, müde, bitte sag mir, ich hab mich verhört-Starren.

 

"Rhun."

 

"Ja?"

 

"Du stehst zwei Meter vom Hintereingang des Cafés entfernt."

 

"Ich weiß."

 

"Du könntest selber reingehen."

 

"Könnte ich."

 

"Du bist erwachsen."

 

"Technisch."

 

"Und du willst, dass ich—"

 

"Ja."

 

Fips massierte seine Schläfen.

 

"Was für einen?"

 

Rhun grinste minimal, zu müde für etwas Größeres.

 

"Einen starken. Schwarz."

 

"Klar."

 

Fips atmete einmal tief ein. Dann sah er Richtung Hintereingang. Dann wieder zu Rhun.

Und plötzlich schoss ihm ein Gedanke so hart in den Schädel, dass er kurz die Augen schloss. Ihm wurde heiß und kalt.

 

"...Scheiße."

 

Rhun blinzelte müde. "Was?"

 

Fips sah ihn an, sein Blick voller Grauen. "Ich hab Zeke alleine gelassen."

 

Pause.

 

Rhun starrte ihn an. "Wie lange?"

 

"Zwanzig Minuten."

 

Rhun machte ein leises, gequältes Geräusch. "Fips..."

 

Fips nickte langsam. "Ich weiß."

 

Beide schwiegen ehrfürchtig, als hätten sie akzeptiert, dass in dem Gebäude hinter ihnen die Welt untergeht. 

 

"Er hat Zugang zu Maschinen, Feuer und Menschen", murmelte Fips.

 

"Dann... solltest du wohl gehen."

 

"Ja." Fips hastete durch die Hintertür, nur um wenige Sekunde später seinen Kopf nochmals durch eben diese zu stecken. "Ich bring dir deinen Kaffee gleich raus."

Notes:

Jap, diese Story lebt noch iwie 😭😭

Leutis, ich hab nur so halb nen Plan wie es weitergeht, also falls ihr ideen für spezifische situationen, die in dieser story vorkommen sollen habt, dann könnt ihr die gerne in die kommis ballern.

Jo, ansonsten bin ich so halb mit dem Kapitel zufrieden (Wie gefühlt immer 🙂‍↕️✌️)

Achso und Kinners fangt bitte nicht an zu rauchen, sollte ich es in irgendeiner Form oder Art in diesem Kapitel romantisiert haben, dann tuts mir leid.

Notes:

Also, was denken wir?

Ey ich hab einfach die halbe Nacht durchgemacht um über Kaffee zu schreiben die Ironie ✋😭