Chapter Text
„… Maria, voll der Gnade, der Herr ist mir dir… gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. … bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen. Gegrüßet seiest du …“
Schon von weitem konnte Esther hören, wie der monotone Singsang mithilfe von Lautsprechern über die Stimmen der Gegendemonstration schallte. Als sie um die Ecke bog, sah sie über einer Masse an bunten Schildern mit Sprüchen wie My Body, My Choice und Kein Gott, Kein Staat, Kein Patriarchat die weißen Kreuze ragen.
Weiße Kreuze für die abgetriebenen Kinder. Kreuze, die für die Sünden der Menschheit standen, die Jesus auf sich geladen hatte. Sie kannte die Geschichten dahinter zu gut.
Nur wenige Meter weiter wollte sie sich mit Anne treffen.
Sie strich sich mit der Hand über ihren Nacken, fuhr sich unter den Kragen. Er fühlte sich enger an, als er war.
„… Maria, voll der Gnade…“
Maria, voll der Gnade, erbarme dich der Mörderinnen, der Huren, die gesündigt haben. Denn Huren sind sie alle, die nicht dem vorgezeichneten Weg folgen. Sündig seit Geburt, sündig bis zum Tod, das ist der Mensch, insbesondere die Frau, die Ursünderin.
Mutter Maria, erbarme dich der Mörderinnen, die es gewagt hatten, nicht abhängig von einem Mann sein zu wollen, der bei fehlendem Interesse an der Vaterschaft problemlos verschwinden konnte.
Heilige Jungfrau, erbarme dich der Mörderinnen, die es gewagt hatten, durch Gewalt schwanger geworden zu sein, die nicht noch mehr Kontrolle über ihren eigenen Körper verlieren wollten.
Erbarme dich der Mörderinnen, die keine waren.
Esther kannte Mörderinnen.
Sie hatte mehrere davon in ihrem Leben verhaftet. Sie hatten aus den unterschiedlichsten Motiven getötet. Manche davon waren banal. Manche hatten aus Verzweiflung getötet. Manchmal war die Unterscheidung zwischen Mord und Notwehr nicht gerecht.
Dass die Frauen, die hier an den Pranger gestellt wurden, als Mörderinnen bezeichnet wurden – es drehte ihr den Magen um.
„… Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus…“
Maria, durch die all das Heilige hindurchfloss, der Kanal zwischen Gott und der Welt. Deren Sohn Jesus vom allmächtigen Gott zu Tode gefoltert wurde, um die Menschheit zu retten. Und diese Leute sprachen von Gnade.
Es war pervers.
Die Riemen ihrer Umhängetaschen hinterließen Abdrücke in ihrer Handfläche, so fest war ihr Griff.
Erst, als jemand ihren Arm berührte, konnte sie ihren Blick lösen.
„Esther.“ Annes Stimme war gefasst, aber etwas in ihrem Tonfall ließ Esther aufhorchen. „Hast du gesehen? Gabriele ist da vorne.“
Esther schluckte. „Was?!“
Gabriele gehörte zum katholischen Zweig der Familie. Sie hatten als Kinder nicht viel Zeit miteinander verbracht, es gab nur wenige Unterhaltungen, an die sich Esther konkret erinnern konnte. Als religiöse Fanatikerin hätte sie Gabriele dennoch nie beschrieben. Es hatte keine Ansatzpunkte dafür gegeben. Bis heute.
Sie scannte die Menge vor sich. Von der Kundgebung sah sie nur die Kreuze und die Spitze des Transpis.
Ihre Cousine sah sie nicht.
„Ich habe gesehen, wie die Polizisten sie davon abgehalten haben, über die Absperrung zu klettern.“ Anne verschränkte die Arme schützend vor ihrer Brust.
„Ich fasse es nicht.“ Die Worte pressten sich scharf durch Esthers zusammengebissene Zähne. „Gabriele.“
Dann lief sie los. Vorbei an den Polizeiwagen, die mit Großaufgebot dort standen, mitten rein in die aufgeheizte Menge.
„Esther, warte!“ Annes Stimme war knapp hinter ihr.
Esther drehte sich nicht um, schob sich zwischen den Leuten durch, bis sie an der metallenen Absperrung stand, direkt vor einer Wand an Polizisten.
In vorderster Front bei den Abtreibungsgegnern – Gabriele.
Sie wäre in keinem Einkaufsladen oder in keiner Straße sonderlich aufgefallen. Sie trug helle Kleidung, weiche Pastelltöne, ihr lockiges Haar rahmte ihr Gesicht. Aber so, wie sie hier stand, das Megafon in der Hand, ihre hellbraunen Augen mit dieser manipulativen Betroffenheit auf die Menge vor sich gerichtet – Esther konnte ihren Blick nicht abwenden.
Die Kreuzkette auf Gabrieles Brustbein blitzte bei jeder Bewegung im Sonnenlicht. Bei jedem Beginn eines neuen Ave Maria fokussierte sie die Menge vor sich erneut. Jedes „Bitte für uns Sünder“ stach wie eine Nadelspitze unter Esthers Haut.
Gabrieles Singsang durch das Megafon stockte, als sich ihre Blicke kreuzten.
Esther sah, wie sich Gabrieles Augen weiteten. Ihr Blick sprang zwischen Esther und Anne hin und her.
Was wusste Gabriele über sie?
Dass sie beide Sünderinnen im Sinne der Anklage waren? Die Perverse und die Abtrünnige. Die verirrten Schäfchen, bitte für uns, Mutter Maria.
Die Absperrung war eine Kluft zwischen ihnen. Die beiden Familienteile auf unterschiedlichen Seiten, Gabriele auf der einen, Anne hinter Esther auf der anderen.
Stand Anne wirklich hinter ihr?
Aus dem Augenwinkel konnte Esther sehen, wie Anne neben sie trat. Ihre Arme waren immer noch schützend um ihren Oberkörper geschlungen.
Jemand von der Gegendemonstration begann, ein Statement gegen das Lebensschützerbündnis zu verlesen. Satzfetzen wie „Selbstbestimmung über den eigenen Körper“ und „Kapitalismus“ drangen zu Esther durch, aber sie hörte kaum hin. Sie beobachtete, wie Gabrieles Blick sich von ihr und Anne loslöste und wieder durch die Menge wanderte. Sie sah bekümmert aus. Wütend vielleicht auch? Schwer zu sagen.
Gabriele hob jetzt auch wieder ihr Megafon. „Gebt auch den Kindern ein Recht auf Selbstbestimmung!“
Beim nächsten My body, my choice, I raise my voice stimmte Esther mit ein. Schleuderte es vor Gabrieles Füße, vor die Füße der anderen.
Den Kindern Selbstbestimmung geben – das schafften sie nicht einmal mit ihren eigenen. Sie hatte es so oft gesehen. Die Selbstzweifel derer, die hofften, dass ihre konservativ-religiösen Eltern sie akzeptieren würden, auch wenn sie schwul oder lesbisch waren. Zu früh schwanger. Gar nicht schwanger. Oder anderweitig nicht kompatibel. Nicht, dass unbedingt immer etwas schlimmes passieren würde, aber allein die stille Hoffnung, dass es weggehen würde, dieses Anderssein.
Sie hatte es satt.
Anne neben ihr schwieg, aber sie blieb stehen, hier bei Esther.
