Chapter Text
Hi Seelenverwandter,
Mein Name ist Park Jimin (bald 18) und ich komme aus Busan. Ich hoffe sehr, dass du Koreanisch lesen kannst! Falls nicht, dann ist Taehyungie da, um dir zu helfen, er ist die Nacht über geblieben und kann einigermaßen Japanisch. Vielleicht bekommst du auch ein bisschen Englisch aus ihm heraus, wenn du es hart genug versuchst... naja, ich nehme an, wenn du kein Koreanisch lesen kannst, dann hast du sowieso keine Ahnung, was in diesem Brief hier steht. Sorry!
Oh Mann , ich hoffe, dass das alles hier klappt... Ich will nicht, dass es irgendwelche Probleme gibt.
Mein Handy liegt auf dem Nachttisch. Der Pin-Code ist 8120. Bitte ruf mich so schnell wie möglich an! Ich kann es kaum erwarten, dich zu treffen!
(Ich hoffe, Taehyungie benimmt sich)
Viele Liebe Grüße xxx
Jimin fuhr sich über das Gesicht, seine Fingerspitzen glitten über seine Lippen, Wangen und Augenlider. Er war bereit hierfür. Er war bereit.
Sein Atemzüge kamen in gleichmäßigen Abständen, beschleunigten sich allerdings, als er in seinem Zimmer umherblickte für das, wie er sich sagte, wirklich letzte Mal.
Sein zielloses Wandern stoppte endlich, aber sein Herzschlag war immer noch hoffnungslos unregelmäßig und schlug gleichzeitig zu dem Beat des BTS Song, der auf seinem Handy spielte. Jimins Augen schnellten wie wahnsinnig in jede Ecke seines Zimmers – war es ansehnlich genug? Sauber genug? War es zu sauber?
Taehyung besetzte sein Bett, die Beine achtlos über der Decke ausgestreckt. Jimins Teddybär saß auf seinem Brustkorb und er spielte abwesend mit dessen Tatzen herum.
„Jimin, du musst dich abregen." Die tiefe Stimme seines Freundes klang fast trocken über dem Refrain von Satoori Rap.
„Du hast leicht reden!", stöhnte Jimin, „Du hast ja noch Wochen, bevor du achtzehn wirst. Ich bekomme kaum mein eigenes Leben alleine auf die Reihe und wenn ich morgen aufwache, muss ich es mit jemand anderem teilen."
„Das kannst du nicht wissen, Jiminnie. Er oder sie könnte jünger sein als du."
"Es ist eine fünfzig-fünfzig Chance, Tae!"
Der Ältere der beiden sah hilflos aus, als sein bester Freund ihm nichts als ein Schulterzucken zur Antwort gab. Er verstand es ja, er wusste, dass Taehyung müde war – er selbst doch auch. Der Stress fraß ihn von innen auf; das hatte schon heute morgen angefangen, als er mit einem prickelnden Gefühl der Wärme auf seiner Haut aufgewacht war, dass sich schnell zu einem Kribbeln ausgebreitet hatte. Wie hatte er so bitte Schlaf bekommen sollen?
Was, wenn er nie wieder schlafen könnte...? Er würde langsam wegen Schlafentzug dahin sterben, während sein Seelenverwandter sein restliches Leben ganz alleine verbringen musste. Der Gedanke daran stach ihm ins Herz und er zwang sich, sich auf das Bett zu setzen, gerade so Taehyungs Füße verfehlend.
"Ich weiß, was du denkst", sagte Taehyung, setzte sich auf und packte Jimin bei den Schultern, die Stimme fest, „und ich verspreche dir, dass du heute Nacht schlafen wirst. Mit dem ganzen Stress, den du dir selbst machst, wirst du dich in den Schlaf grübeln. Dann wird es eventuell – eventuell passieren und du wirst im Körper deines Seelenverwandten aufwachen, wer auch immer er ist, und du wirst seine Familie kennenlernen, wer auch immer sie sein wird, und dann wartest du darauf, dass er dich anrufen oder dir schreiben wird. Ich werde ihm helfen und bevor du es weißt, habt ihr euch getroffen, geküsst, seid wieder in euren eigenen Körpern und verbringt euer restliches Leben zusammen. Alles klar?"
„Warum klingt bei dir alles so einfach?", murmelte Jimin. Taehyung schenkte ihm ein Lächeln.
„Weil es so einfach ist, Idiot. Es ist die menschliche Natur. Das passiert praktisch hundert Prozent der Menschheit!"
"Shit, Taehyung, warum sagst du das, jetzt fange ich an zu denken, dass er schon tot ist oder-"
Eine Hand vergrub sich praktisch in seinem Mund und Jimin stöhnte hilflos auf.
"Das ist das genaue Gegenteil von dem, was du tun solltest."
Jimin warf verzweifelt seine Arme in die Luft, als sein Freund in wieder losließ.
„Was, total realistische Zweitgedanken haben?"
„Ja, hör auf damit. Schau dich doch mal an."
Sie starrten sich eine Weile einfach nur an, gerade so lange, dass die Musik zu Intro: The Most Beautiful Moment In Life wechselte. Jimin lehnte sich vor, um sie auszuschalten und stand dann vom Bett auf.
„Jetzt fang bloß nicht wieder an, herumzutigern, du-"
„Ich frage mich, ob ich sie abnehmen sollte", flüsterte Jimin. Er fingerte an der Ecke seines Suga-Posters und legte dabei einen Klumpen Kleber frei, der sich schon zum Teil unter seinen Nägeln verfangen hatte.
"Oh mein Gott, das ist nicht dein Ern- Jimin, er ist dein Seelenverwandter. Er wird dich trotzdem lieben. Der kümmert sich nicht um deine Min-Yoongi-Besessenheit. Das verspreche ich dir."
Normalerweise war Taehyung nicht so. Er war nicht der Sensible von den beiden. Jimin sollte eigentlich derjenige sein, der die Dinge unter Kontrolle hatte. Morgen würde er vermutlich seinen Lebenspartner treffen und sein einziger Gedanke war, ob er von seinem dummen Idol Rapper Schwarm loskam oder nicht.
Okay. Er berichtigte sich in Gedanken. Nicht dumm. Suga – Min Yoongi – war der schönste, talentierteste Mann, den er das Vergnügen des Nicht-Treffens-außerhalb-des-BTS-YouTube-Kanals hatte. Die Songs, die er produziert hatte, das Gefühl in seiner Stimme, die Ausdruckskunst seiner Musikvideos... sie machten ihn so... glücklich. Und er musste keine Literatur studiert haben, um beschreiben zu können, wie er sich fühlte.
Jimins Gestalt sank in sich zusammen, bevor er sich vorsichtig seinen Weg über Taehyungs Luftmatratze suchte, um seinen Schreibtisch zu erreichen.
Seine Finger blieben auf der Notiz, die er für seinen Seelenverwandten geschrieben hatte, ruhen, die Augen flogen über seine Schrift zum mindestens hundertsten Mal. Er wünschte sich, er wäre so zuversichtlich, wie der Brief ihn erscheinen ließ. Er hatte sogar ein paar Aufkleber um den Rand als eine Art Pseudo-Grenze geklebt und seinen Namen mit Sternchen darum darunter gesetzt.
„Ich bin zu müde dafür", seufzte er. Taehyung lachte leise.
„Das ist doch, auf was ich den ganzen Abend warte. Komm schlafen, es ist beinahe Mitternacht."
-
Jimin wusste, dass das Bett, in dem er lag, nicht seines war. Die Art, wie er heute morgen aufgewacht war, war nicht wie üblich.
Es fühlte sich an, als würde er langsam in eine Realität aus Singvögeln gezogen werden. Ausgenommen dass diese Singvögel gleichzeitig kaltes Wasser über seinen Körper schütteten. Er stieß einen erstickten Laut aus und war mit einem Mal wach. Keine Spur von Schläfrigkeit mehr.
Er zwang sich, die Augen einen Moment geschlossen zu halten, ein plötzlicher Gedanke überspielte in sanfter Stille den Anflug einer Panikattacke.
Das war der Körper seines Seelenverwandten. Sein Seelenverwandter, der älter war als er, und lebte und er war echt... wirklich echt.
Jimin konnte andere Personen im Raum atmen hören. Er erstarrte sofort, den Kiefer angespannt. Er spürte, wie sein Herz – nein, das Herz seines Seelenverwandten, anfing, schneller zu schlagen.
Das geschieht gerade wirklich. Mein Seelenverwandter hat sogar Freunde, die mir helfen können. Ich werde ihn mit dem Handy anrufen... verdammt, es wird wirklich komisch sein, meine eigene Stimme zu hören – und meine Stimme wird auch nicht meine eigene sein. Gott, wie wird mein Seelenverwandter wohl klingen? Wenn ich das jetzt ausprobieren würde, dann wecke ich diese andere Personen... vielleicht-
Er krallte seine Finger in die Decke und stieß einen langen Atemzug aus. So viele Gedanken schwirrten in seinem Kopf herum. Es war beinahe zu viel, um es zu verarbeiten.
Bevor er sich in die Panikattacke weiter hineinsteigern konnte, zwang er sich, herunterzukommen. Er musste am Anfang beginnen.
Männlich war das erste, was auf die „Dinge-über-den-einen-mit-dem-ich-den-Rest-meines-Lebens-verbringen-werde"-Liste ganz nach oben kam. Das war ziemlich eindeutig. Natürlich wusste er, wie sich ein männlicher Körper anfühlte und es war nicht wirklich eine Überraschung, dass sein Seelenverwandter und er das gleiche Geschlecht hatten, besonders seit er sich so hingezogen zu Suga fühlte.
Ah, ja richtig.
Er schluckte und wackelte mit den nackten Zehen. Der kalte Zug, der von der Tür kam, kitzelte ihn.
An Suga kann ich jetzt wirklich nicht mehr hängen.
Der Gedanke ließ ihn etwas ernüchtern, als sich die Situation um ihn langsam klärte. Es war noch so viel zu tun und er wusste, dass heute sein Geburtstag war und nicht der seines Seelenverwandten, also wird dieser ihm auch keine Nachricht mit Handy-Passwort oder E-Mail-Adresse zurückgelassen haben. Er hatte nur diese Personen, die ihm helfen könnten. Es war alles ihnen überlassen. Wer auch immer sie waren.
Endlich hatte Jimin den Mut gefasst, um aufzusitzen und sich der Situation zu stellen. Er tat es langsam, die Muskeln in seinem Körper zitterten, als sich das ungewohnte Gefühl in seinen Knochen setzte. Es war seltsam, sein Seelenverwandter war der gleiche mit Händen, Füßen, Knie und Finger, aber er wusste einfach, dass irgendwas nicht stimmte. Es war ein kaltes Gefühl in seiner Magengegend. (So neugierig er war, Jimin wollte wirklich so schnell wie möglich wieder er selbst sein.)
(Er konnte diesen ersten Kuss nicht erwarten.)
Die Decke umschlang seine Hüfte und Jimin sah im trüben Morgenlicht das einfache schwarze Tank Top und Boxershorts, in die sich sein Seelenverwandter zum Schlafen gekleidet hatte. Keine wie im Taehyung-Style, mit Entenfüßen bedruckten Shorts.
So, er blickte auf das Mobiliar im Raum, das muss ein Hotel sein. Niemand richtet sein Schlafzimmer so ein...
Da war ein Stapel mit Klamotten unter dem Tisch, ein Koffer schaute unter dem Nachbarbett hervor. Jimins Wunsch danach, zu wissen, wo er war, stieg fast so schnell wie der, zu erfahren, wer sein Seelenverwandter war. Aber er musste es langsam angehen. Das war es, was alle Gesundheitsexperten über den Tausch sagten. Bleibe so ruhig wie möglich.
„Hey", sagte eine verschlafene Stimme gegenüber von ihm, und erschreckte ihn. Jimins Puls stieg, hinter der Schwerfälligkeit in der Stimme klang sie bekannt, „warum bist du schon wach? Konntest du wieder nicht schlafen?"
Die Person wälzte sich von seinem Bett mit einem Seufzer und legte eine schlaffe, aber warme Hand auf Jimins Knie. Eine Gänsehaut breitete sich auf seinem Körper aus. Jimin hatte wirklich keine Idee, wie er darauf antworten sollte. Er saß da, die Hände unter seine Oberschenkel geklemmt, und versuchte, das Gesicht des Mannes im Halbdunkeln auszumachen.
„Bist du okay?", sagte dieser jetzt und Jimin schluckte, seinen Kopf schüttelnd. Na los, raus damit, du machst die Dinge nur schwerer für dich selbst. Sie werden schon nicht denken, dass du seltsam bist. Das ist die menschliche Natur.
„Tut mir leid", antwortete er, „ich bin nicht..." Er deutete auf sich selbst. „Ich bin nicht... ich... bin sein Seelenverwandter."
Diese Stimme auch... sie klang nicht richtig aus seinem Mund. Er konnte sofort sagen, dass sein Seelenverwandter nicht die gewohnte Tonhöhe hatte.
Der Mann zog sofort seine Hand zurück und sog scharf die Luft ein. Es war fast schon ein Pfeifen.
"Wow...", sagte er dann nach einer kurzen Pause. Jimin konnte das Weiß seiner Zähne aufblitzen sehen. „Das wären dann zwei von drei. Wir haben definitiv auf dich gewartet... Wie heißt du?"
„Park Jimin", wisperte er, das Quieken möglichst unterdrückend.
„Ah." Der Mann hielt ihm seine Hand hin, diesmal in Erwartung eines Händedrucks. „Nett dich zu kennenzulernen."
"Gleichfalls, uhm-"
"Du kannst mir trauen."
Er dachte, er könnte das Lächeln des Manns in der Dunkelheit ausmachen.
„Ich habe meinen Seelenverwandten bereits getroffen. Ich weiß, wie das ist. Es ist komisch, ich weiß, aber wir werden das Problem schon lösen."
"Uh, ich würde es nicht unbedingt Problem nen-"
"Du hast Yoongi-hyung wirklich warten lassen. Wie lange war das jetzt? Vier Jahre?"
Er drehte seinen Kopf weg.
"...Mehr?", überlegte der Mann, „Und das kurz vor unserem Comeback, ausgerechnet, von allen Tagen des Jahres, die du dir hättest aussuchen können."
Das Bett knarrte als er aufstand und Jimins Augen wurden immer größer mit jedem Schritt den er tat in Richtung Lichtschalter. Diese Stimme... er hörte sie jeden Tag. Verse auf der Busfahrt zur Schule. Geteilt in der Mittagspause mit Taehyung. Spielend im Hintergrund, wenn er lernte. Er wusste es.
Der Raum war beleuchtet und vor ihm stand, die Haare unordentlich vom Schlaf, aber nichts abzubrechen an dem freundlichen, ruhigen und mit Grübchen versehenen Lächeln, Kim Namjoon. Der Kim Namjoon. Rap Monster.
Jimins Mund stand offen. Seine Augen hatten kaum Zeit zu fokussieren, bevor sie zu der Figur glitten, die durch seine Unruhe aufgeweckt wurde. Er beobachtete stumm, wie der zweite Mann sich aufsetzte und erkannte ihn innerhalb von Sekunden als niemand anderen als f*cking J-Hope, der ihn, sich seine Augen reibend, gähnend und blinzelnd, mit einem neugierigen Ausdruck betrachtete.
Blut rauschte durch Jimins Ohren und er fühlte sich, als müsste er ersticken.
„Nicht... wahr." Er bekam kaum die beiden Wörter raus und jetzt, jetzt, hatte er tief genug gesprochen. Es war unbestreitbar.
Er stand schnell auf – zu schnell. Der ganze Scheiß über Gesundheit und Sicherheit zum Gewöhnen an den Körpers seines Seelenverwandten vergessen eilte er ins Badezimmer.
Mit der Kraft, mit der er den Lichtschalter betätigte, riss er ihn fast aus der Wand, aber das war im Moment nichts, dass ihn störte oder kümmerte.
Nein, er war zu beschäftigt, das kalte Porzellan des Waschbeckens zu umklammern, blasse Fingerknöchel wurden noch weißer, als sie schon waren.
Er wusste, was auf ihn zukommen würde, noch bevor er schaute, weswegen er einen kurzen Moment nahm, um sich zu fangen, einmal tief einzuatmen und versuchte das überkommende Gefühl von allem wegzuatmen. Alles, was er tun musste, war hochzuschauen.
Noch einmal schluckend hob Jimin langsam den Kopf. Und er schaute in die Augen von dem Min Yoongi.
