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Good Morning, Heartache, What's New?

Summary:

Oh, hey, da ist er ja. Sein alter Kumpel, Schmerz. Er hat ihn also doch nicht abgehängt. Er ist genau hinter seinem Brustbein; eine gähnende Leere aus heftigem, brennenden Schmerz. Trauer.

Auch bekannt als Steves Rhapsodie aus Schmerz, Teil Zwei: Ausgabe mit emotionalem Trauma. Inhalt: der wilde Schmacht-Geruch von Sehnsucht im Zweiten Weltkrieg. Mindestens einer und nicht mehr als drei Bisexuelle. Viel Fluchen. Blut, Gewalt und Gefühle. Meistens Letzteres, aber auch viel von den ersten beiden. Das ist eine Kriegsgeschichte, also könnt ihr Krieg erwarten - und die damit verbundene Schrecklichkeit.

Notes:

Wish I'd forget you
but you're here to stay
It seems I met you
When my love went away
Now everyday I start by saying to you
Good morning, heartache, what's new?
- "Good Morning, Heartache" von Irene Higginbotham, Ervin Drake und Dan Fisher, 1944.

(See the end of the work for more notes.)

Chapter 1: Like Ships Adrift

Chapter Text

 

Auftakt

  • Symphony 5 (III. Romanza) von Ralph Vaughan Williams, 1943.


Oh, hey, da ist er ja. Sein alter Kumpel, Schmerz. Er hat ihn also doch nicht abgehängt. Er ist genau hinter seinem Brustbein; eine gähnende Leere aus heftigem, brennenden Schmerz. Trauer. Erskine war freundlich und gut und jetzt ist er tot. Der einzige Mensch, der an Steve geglaubt hat, der Steve eine Chance geben wollte. Die erste Person seit Bucky, die für ihn gekämpft hat.

Steve sieht von Erskines Leiche hoch. Er erinnert sich nicht mal mehr daran, dass er keine ein Meter sechzig mehr groß ist. Er rennt dem Spion nicht hinterher, weil er Captain America ist. Er ist noch nicht Captain America – das kommt erst später. Er rennt dem Spion hinterher, weil er Steve Rogers ist.

Nichts Wesentliches hat sich verändert.


1

Speak low when you speak, love
Our summer day withers away too soon, too soon
Speak low when you speak, love
Our moment is swift, like ships adrift , we're swept apart, too soon

  • Speak Low von Kurt Weill and Ogden Nash, 1943

 

 

 


 

Ich wollte eine Armee und alles, was ich bekommen habe, sind Sie.
Sie sind nicht genug.

 


 

Steve hat nicht wirklich gezeichnet, seit er mit dem Ausbildungslager angefangen hat, aber er tut es jetzt. Er braucht eine Weile, um wieder ein Gefühl dafür zu kriegen. Seine Hände sind genau dieselben – er hatte immer schon große Hände für seine Größe, mit langen Fingern. Aber jetzt sind die Muskeln darin stärker. Er zerbricht zuerst viele Stifte.

Er zeichnet das Ensemble – Helen und Lucille und Grace und Gladys und all die anderen Mädchen. Er füllt sein Skizzenbuch mit ihren Dehnübungen, ihrem Aufwärmprogramm. Er skizziert die komplizierten Anlagen, die die Vorhänge tragen, die Schnörkel an architektonischen Details um die Bühnen herum. Er zeichnet viele Comics. Steve-Affe hat jetzt ein Captain America Kostüm. Er versucht, die Comics nicht zu verbittert oder satirisch zu machen. Er wird so reisen können, wie er und Buck immer nur träumen konnten, früher. Er sollte dankbar sein. Er muss dran denken, dankbar zu sein.

Nicht dass er die Sehenswürdigkeiten oder so zu sehen bekommen wird. Es werden hauptsächlich Hotels und hintere Teil von Theatern, ab und zu eine schicke Feier mit Brandt sein – aber nicht bis Steve ein paar Unterrichtstunden zu Sprechtechnik hatte und gelernt hat, wie er seine Klappe in Bezug auf Dinge wie Gewerkschaften und Jim Crow hält.

Er hat jetzt auch einen echten Gehaltsscheck. Und weil er auf Kosten von Uncle Sam lebt, kann er etwas Geld zurück an Winnie schicken, genau so wie Bucky es macht. Es ist sogar etwas übrig. Er bekommt ein Bankkonto, Herrgott noch mal.

Er kauft mit dem übrigen Bargeld von seinem ersten Gehaltsscheck ein paar Wasserfarben und findet heraus, dass er immer noch kein richtiges Gefühl dafür hat, wie die Farben zusammenpassen. Er weiß, wie er die Farbe mischen muss, aber seine alten Tricks, um sich seinen Weg durch den Farbkreis zu schummeln – die funktionieren nicht mehr. Es gibt zu viele Töne und sie sehen für ihn alle seltsam aus. Wunderschön, aber anders. Er wird ganz von vorne anfangen müssen. Schon wieder.

 



Ich weiß nicht, ob ich das kann.

Ist nichts dabei. Man verkauft Anleihen,
Anleihen für Kugeln, Kugeln bringen
Nazis um. Bing Bang Boom. Schon bist du
ein amerikanischer Held.

 


 

 

Sie fangen mit einer Truppe von etwa zwanzig Mädchen plus Steve und Jimmy an, der Kerl der Hitler spielt. Sie sind die einzigen Kerle in Theaterschminke, was sie zu natürlichen Verbündeten macht. Sie werden echte Freunde, nachdem Steve ihn aus Versehen wirklich einmal schlägt. Der Hieb schlägt Jimmy bewusstlos und lässt seinen falschen Schnurrbart quer über die Bühne fliegen. Später lachen sie sich deswegen kaputt und Steve lädt ihn auf was zu Trinken ein. Wie sich herausstellt, hat Jimmy eine Frau in Queens und ein Herzleiden, das ihn von der Front fernhält. Steve kann das nachempfinden.

Steve lernt seinen Text. Es stellt sich letztendlich heraus, dass das Auswendiglernen nicht das Problem ist. Sein Gedächtnis ist besser als er's in Erinnerung hat. Er entdeckt, zu seiner Beunruhigung, dass er die Spickzettel am Ende gar nicht braucht. Nach nur einer Aufführung sind die Worte in seinem Gedächtnis als ob sie in Stein gemeißelt wären. Ihm kommt mit einem Schwung an Sorge der Gedanke, dass er sich an jedes Gespräch erinnern kann, das er geführt hat, seit er aus Starks Maschine gestiegen ist. Er kann sich an das genaue Geräusch erinnern, das der Hydra-Attentäter gemacht hat, als er zu Tode erstickt ist. Er hat früher seine Schlüssel in seiner Jackentasche verloren, aber er kann sich jetzt an alles erinnern. Mit völliger Klarheit.

Er versucht, nicht zu viel darüber nachzudenken.

Also ist Auswendiglernen nicht das Problem. Das Problem ist, dass Steve steif wie ein Stock und unbeholfen wie sonst was ist. Der Regisseur sagt, dass er mehr „wumms“ brauch, dass er „wie Gangbusters auftreten“ soll und dass es dann laufen würde wie geschmiert. Das Problem ist, dass Steve nicht weiß, wie er irgendwas davon machen soll.

Jimmy allerdings schon. Er spielt es Steve vor – das zuversichtliche Lächeln, das Stolzieren, das Zwinkern und die Betonung. Blickkontakt. Aufrecht stehen. Sieh aus, als ob du dich in deiner Haut wohlfühlst. Es ist ein bisschen komisch, ihm dabei zuzusehen, während er immer noch sein Kostüm trägt, aber es klappt. Steve findet heraus, dass er etwas nur einmal sehen muss und er es dann mit beängstigender Exaktheit imitieren kann.

Um es kurz zu sagen: Steve lernt von Hitler, wie er Captain America ist.

 



So hatte ich es mir nicht vorgestellt.

Der Senator hat viel
Einfluss im Kapitol.
Spiel hier schön mit,
dann führst du im Nu
deine eigene Kompanie an.
Nimm den Schild.

 


 

Das ursprüngliche Ensemble von etwa zwanzig steigt auf etwa vierzig und Steve lernt all ihre Namen und Gesichter ohne es auch nur zu versuchen. Er entdeckt, dass er sie in perfektem Detail skizzieren kann, sogar wenn es Wochen her ist, dass es sie zuletzt gesehen hat. Er kann sich mit absurder Genauigkeit an über vierzig Revuetänzerinnen erinnern, nachdem er ihnen nur einmal vorgestellt wurde.

Er kann immer noch nicht mit ihnen reden, ohne über seine eigenen Füße zu stolpern, aber er nimmt an, dass es einige Konstanten im Universum geben muss. Es ist fast beruhigend, wenn man all die anderen … Veränderungen bedenkt.

Niemand hat daran gedacht, ihn davor zu warnen, dass Gesundheit ihre eigenen … Komplikationen mitbringt. Er erinnert sich daran, wie er Bucky oft ausgelacht hat, als sie sechzehn waren und Bucky nicht aufhören konnte, über Mädchen zu reden, über Rummachen, über Sex. Als ob Bucky an nichts anderes denken konnte.

Na ja, Steve lacht jetzt nicht mehr.

Steve ist nicht sechzehn, aber zum ersten Mal in seinem verdammten Leben kann er sich einen runterholen, ohne sich entfernt Sorgen darüber zu machen, dass er bei sich selbst 'nen Herzinfarkt auslöst. Nicht dass ihn das je aufgehalten hätte, aber... Jetzt ist er fast den ganzen Tag von wunderschönen, halbnackten Frauen umgeben, jeden Tag. Er ist nur ein Mensch. Er löst bei sich selbst keinen Herzinfarkt aus. Er löst bei sich selbst vielleicht einen Krampf aus.



Und dann ist da Carter.

Gott, Carter.

Er träumt von ihr in ihrer Uniform. Er träumt von ihr mit diesem Gewehr. Er träumt von ihren roten Lippen und der Art wie sie Schläge austeilt und der Art wie sie ihn angesehen hat, nachdem er auf die Handgranate gesprungen ist, als ob er das Beste wäre, was sie je gesehen hat. Er träumt von der Art wie sie ihn angesehen hat, als er aus der Maschine kam. Ihre Finger, die nur seine Brust berühren. Himmel.

Er träumt von dem Tag, damals in Lehigh, als sie ihn mit blutiger Nase gefunden und gesagt hat: Wer hat Ihnen beigebracht, wie man Schläge austeilt? Und dann hat sie ihn zur Seite gezogen und ihm gezeigt, wie man jemanden überwältigt, der doppelt so groß ist wie man selbst. (Das braucht er jetzt nicht mehr, wahrscheinlich. Er hat Buckys Jab-Jab-Cross noch nicht ausprobiert – er ist sich nicht sicher, dass er das will, er könnte jemanden köpfen.) Aber als er noch ein dünner Asthmatiker war, hat Agent Carter ihn in den Trainingsraum mitgenommen und ihm gezeigt, wie er seine Schläge zu Hieben umlenkt, wie er das Gewicht eines Gegners gegen ihn einsetzt. Und dann hat sie ihren Rock hochgerafft und gezeigt, wie man sein Knie direkt in die Gedärme von jemandem rammt, fest genug um einen 200 Pfund schweren Boxer zu überwältigen. Davon träumt er: ihr Armeerock, hochgerafft, ein flüchtiger Blick auf den seidigen Unterrock und die dunklen Riemen eines Pistolenhalfters am Oberschenkel auf ihrer weichen Haut.

Aber mehr als davon, mehr als von all dem, träumt er davon, wie sie ihn aus dem Vordersitz eines Armeejeeps angrinst und aussieht, als ob sie ihn auffressen könnte. Das Gefühl der Flagge in seinen Fingern, Triumph in der Brust, wie er den Helm zurück schiebt und das Grinsen auf seinem Gesicht fühlt. Und Peggy Carter – Agent Carter, wie sie ihn ansieht, als ob der dünne kleine unbedeutende Steven Grant Rogers jemand sei, den sie für ihren persönlichen Gebraucht beschlagnahmen will.

In seinen Träumen tut sie das.



Eine Zeit lang denkt er, dass das Serum vielleicht seine verdrehten Bedürfnisse zusammen mit seinem verdrehten Rücken geregelt hat. Er weiß nicht, was er davon halten soll.

Aber dann, als er in Kansas ist, erreicht ihn einer von Buckys Briefen mit einem seltenen Blick auf das Leben an der Front; es stellt sich heraus, dass die Armee, so wie das Showbiz, viel aus Herumsitzen und Nichtstun besteht und Steve kann fast fühlen, wie Bucky neben ihm sitzt, ausgestreckt und gelangweilt, vielleicht raucht und den Kopf zurück legt. Er schwört, dass er die Lucky Strikes riechen kann und er vermisst Bucky so sehr, es ist wie ein Schlag in den Bauch.

In dieser Nacht träumt er von der letzte Nacht mit Bucky, ein berauschendes was wenn Szenario, in dem Bucky sich zu ihm lehnt und einen besoffenen Kuss auf Steves Mund und ihn gegen das Bett drückt und Steves ganzem Körper berührt, ihn festhält und sich nimmt, was er will, als ob das, was er will, Steve ist. Steves magere kleine Brust und dünnen Arme und sein dämliches ruckelndes Herz. Seine großen, warmen Hände halten Steve ruhig, sein Gewicht hält Steve fest. Steve kann sich nicht bewegen, kann nichts tun außer dort zu liegen und Bucky jeden Zentimeter von sich selbst haben zu lassen. Er weiß nicht mal, was er genau will. Er will alles , er will Bucky, er will –

– Er wacht auf. Er hechelt, hat 'nen Ständer und starrt an die Decke des Motelzimmers. Jimmy schnarcht im Bett nebenan und Steve fühlt sich schrecklich, fühlt sich wie die schlimmste Art Perverser, aber er kann nichts dagegen tun.

Er steht auf, schleicht ins Badezimmer und verriegelt die Tür hinter sich, bevor er … sich um sich selbst kümmert. Er schließt die Augen und versucht, das Gefühl wieder einzufangen, dieses Gefühl von Bucky am ganzen Körper, der Geruch von ihm … Es dauert nicht lange. Er muss auf den fleischigen Teil seiner Hand beißen, um sich vom lauten Aufschreien abzuhalten.

Er kann erst danach wirklich darüber nachdenken, als er vom Rausch daran wieder runterkommt, weniger angespannt. Er beruhigt seine Atmung und dreht den Hahn auf, um sich sauber zu machen.

Er ist erleichtert. Nicht nur … na ja. Deswegen . Aber trotz allem, trotz der Tatsache, dass er weiß, dass es falsch ist, ist er erleichtert, dass er Bucky noch immer auf diese Art will. Er fühlt sich schuldig, weil er erleichtert ist, aber er fühlt sich wegen den meisten Dingen schuldig. Es ist nicht so, als ob er auf magische Art aufgehört hat, katholisch zu sein.

Aber Gott steh ihm bei, die ganze Welt hat sich um ihn herum verändert, er hat sich verändert. Er muss heutzutage angestrengt gucken, um irgendwas von Steve Rogers im Spiegel zu sehen. Das sind immer noch seine Augen, da ist er sich ziemlich sicher. Das ist immer noch sein säuerlicher, finsterer Mund. Die kleinen Falten auf seiner Stirn, die haben sich nicht geändert. Seine schweren Augenbrauen, seine krumme Nase. Aber es ist immer noch surreal, diese vertrauten Gesichtszüge wahllos über einen breiten Kiefer und noch breitere Schultern geklatscht zu sehen. Er denkt, seine Haare sind goldener, aber er kann sich nicht sicher sein, weil seine Augen für andere Leute vielleicht gleich aussehen, aber sie sehen nicht gleich.

Bucky zu wollen ist etwas, das ein Teil von ihm gewesen ist, seit er ein Teenager war. Er ist froh, dass das Serum ihm das nicht weggenommen hat. Er ist auf heftige, trotzige Art erleichtert darüber, auch wenn das ein bisschen verdreht ist.

Es fällt ihm erst auf, als er den Hahn abdreht, dass er, wie immer, in seinem Traum klein war. Das ist er gewöhnlicherweise in seinen Träumen, das ist normal. Er war klein und Bucky hat ihn auf dem Bett festgehalten.

Bucky wäre dazu jetzt nicht in der Lage, außer wenn Steve ihn lassen würde.

Er könnte stattdessen Bucky festhalten, fällt ihm mit einem elektrischen Ruck im Bauch auf.

Steve sieht an sich runter. „Oh komm schon“, sagt er genervt.



Danach wacht er ungefähr so oft wegen schändlichen Träumen über Bucky auf wie er er wegen schändlichen Träumen über Carter wach wird. Es ist alles dasselbe, wirklich. Er denkt sich, dass es nicht zu sehr Sünde ist, wenn er nie danach handelt. Wenn überhaupt fühlt er sich fast noch schuldiger wegen der Träume über Carter, weil er sie irgendwie mehr respektieren sollte. Bucky, da ist er sich ziemlich sicher, würde die Schultern zucken und sich nicht allzu viel draus machen, wenn Steve einen Weg finden würde, um es ihm zu sagen, so dass er's verstehen würde. Bucky würde wahrscheinlich lachen und ihn sanft damit aufziehen, nur um ihm zu zeigen, dass es keine große Sache ist. Zwischen den beiden sind nicht mehr viele Grenzen übrig. Sie kennen sich schon zu lange. Bucky würde lieb damit umgehen, denkt Steve. Er würde Steve schonend abweisen.

Aber Carter – Carter fordert Respekt. Jeder Zentimeter an ihr, von ihren weit auseinander gestellten Füßen zu ihren angespannten Schultern bis hin zu ihren roten, roten Lippen – sie strahlt Selbstsicherheit aus wie die Sonne Licht ausstrahlt. Steve beneidet sie um diese Selbstsicherheit, als ob jeder Zentimeter an ihr sagen würde Wissen Sie Nicht Wer Ich Bin? mit Großbuchstaben und allem und gleichzeitig fordert sie dich auf, irgendwas zu versuchen, fordert dich heraus und …

Was soll's. Er ist Hals über Kopf verschossen in sie und er weiß es. Es ist Bewunderung und Verlangen und Anziehung und einfach der Wunsch, sie besser zu kennen, sie kennenzulernen – es ist alles unbeholfen zusammen gebündelt und in seinen Schoß gefallen wie eine sich windende Tasche voll Welpen. Es ist nicht genau dasselbe wie das, was er für Bucky fühlt; er liebt Bucky schon so lange, dass es wie eine abgetragene Spur in seiner Seele ist, ein Lied, das er immer kennen wird, ihm so vertraut wie die Straßen von Brooklyn. Aber das Flattern in seiner Brust, das enge Gefühl, das er im Bauch bekommt, wenn er über sie nachdenkt – über sie beide... Es ist genau dasselbe.

Der offensichtlichste Unterschied ist, dass seine Träume von Carter wie grelle Farbfilme sind.

 


 

Schnitt! Jungs, guckt nicht in die Kamera!

 


Jetzt bekommen die Barnes' Briefe von ihm genau wie von Bucky. Er könnte vielleicht die Erlaubnis bekommen, ihnen ein bisschen von dem zu erzählen, was passiert ist, aber er fragt nicht. Er weiß nicht, wie er ihnen sagen soll, dass er jetzt Captain America ist.

Wenn er ehrlich ist, will er ihnen davon nicht erzählen. Sie sind ein kleines Stück Normalität in seinem Leben. Er demütigt sich selbst dreimal die Woche vor Publikum, er erkennt die Person im Spiegel die halbe Zeit nicht und sogar das Deckblatt von seinem alten Skizzenbuch ist ein überwältigender Farbton, den er nie zuvor gesehen hat. Es ist grün wie die Smaragdstadt, grün wie die Blätter an den Bäumen, grün wie Neid. Das nächste, das er kauft, ist schwarz mit blauem Rücken.

Heutzutage verteilt er Lächeln als ob sie Süßigkeiten wären: große charmante und Oh-Mist-Ma'am-verlegene und sanfte, echte, aber keins davon ist seines. Das einzige Mal, das er wie er selbst lächelt, ist wenn einer der Briefe der Barnes' ihn erreicht, manchmal mit einem Brief von Bucky mit reingelegt.

Bucky weiß, dass er Arbeit für den Krieg erledigt, aber wie die Barnes' denkt er, dass es Propagandaarbeit ist. So viel stimmt auch. Sie wissen, dass es klassifiziert ist. So viel ist auch wahr. Sie nehmen an, dass er Kunst- und Gestaltungsarbeit erledigt und er erzählt ihnen nichts anderes. Wenn sie es komisch finden, dass er durch seine Arbeit überall hin reisen muss, sagen sie nichts davon.

Buckys Briefe von der Front kommen immer langsam an und darin steht fast nichts außer vielleicht mal eine seltene lustige Geschichte über die Kerle in seiner Einheit – wie irgendein Kerl namens Dugan seinen Helm verloren und angefangen hat, stattdessen eine Melone zu tragen, oder wie sie diese Katze gefunden haben, die nicht aufhören will, Bucky herum zu folgen und auf seinem Rücken schläft, während er beim Schießen wartet und sie mit ihren Pfoten den Schutz des Abzugs begrapscht, wenn er sein Gewehr sauber macht und außerhalb seines Zelts bemitleidenswert quäkt, wenn es regnet. Erinnert mich an jemanden, schreibt Bucky in einem Brief.

Es scheint tatsächlich so, als ob die Männer in Bucks Einheit echt gute Kerle sind und als ob Bucky vielleicht da drüben in Ordnung ist und Steve …

Steve ist so eifersüchtig, dass er kotzen könnte, auch wenn er sich selbst dafür hasst. Aber er kann nichts dagegen tun. Es scheint alles jetzt noch falscher. Bucky ist da drüben und Steve steckt hier fest. Bucky wollte nicht mal in den Krieg ziehen. Und jetzt hat Steve alles, was er je wollte: er ist stark und gesund und in der Armee und er kann immer noch nicht zur Front. Die Ironie bringt ihn vielleicht um.



Und dann, eines Tages, das hier:


 

Lieber Steve,

wir hoffen, dass es dir gut geht, wo auch immer du bist, und dass deine Arbeit, was auch immer es ist, gut läuft. Judith kann jetzt auf ihren eigenen Füßen stehen, obwohl sie wankt als ob sie an Buckys Fusel gewesen wäre. Wir haben keine neuen Briefe von ihm bekommen, aber er hat gesagt, dass er eine Zeit lang nicht in Kontakt sein würde. Wir machen uns keine Sorgen.

Wir sind alle fleißig wie die Bienen hier in Brooklyn. Jeanie und Susan arbeiten immer noch in der Munitionsfabrik. Beccas Arbeit hält sie auch beschäftigt, also verbringe ich sehr viele Mußestunden mit meinem kleinen Lieblingsenkel. Es scheint keine Zeit mehr für irgendwas außer Schlafen oder Essen oder Arbeiten zu geben. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, seit wir im Kino waren. Aber das ist in Ordnung. Alles, was sie im Moment zeigen, sind Captain America Filme und die kann George nicht leiden.

Es fängt hier langsam an, kalt zu werden. Ich hab ein Paar Handschuhe gefunden, die ausgesehen haben, als ob sie dir passen könnten, also schicke ich sie dir mit. Halt dich warm, Steven. Wir vermissen dich hier wie die Hölle.

Deine Ma Barnes


Steves Atem stockt in seiner Brust. Er liest den mittleren Teil des Briefs wieder und wieder. Alles, was sie zeigen, sind Captain America Filme und die kann George nicht leiden. Sie müssen die Poster gesehen haben, natürlich haben sie das. Die kann George nicht leiden. Es muss eine seiner dämlichen Kameraeinstellungen sein – diese verdammten Propagandastreifen, die sie in L.A. gefilmt haben.

Sie haben ihn nicht erkannt. Aber … natürlich haben sie das nicht. Er hat eine Maske getragen und der Rest von ihm … na ja. Natürlich haben sie ihn nicht erkannt.

Er ist sich nicht sicher, ob er erleichtert oder entsetzt sein soll. Vielleicht kann er ein bisschen von beidem sein. Er wollte nicht, dass sein Name veröffentlicht wird – so viel hat er gesagt, als sie mit all dem angefangen haben. Vielleicht kann er, wenn er ein echter Soldat sein kann, Captain Rogers sein, aber er will seinen Namen nie an diese Farce geheftet haben.

Er zieht die Handschuhe hinaus – abgenutztes braunes Leder, vorsichtig in Zeitungspapier gewickelt, innen gefüttert. Seine Hände haben dieselbe Größe wie immer: groß und mit langen Fingern. Künstlerhände, hat seine Ma gesagt. Wie die Pfoten von 'nem Welpen, hat Bucky gestichelt. Er ist endlich hinein gewachsen.

Die Handschuhe passen perfekt und das lindert ein bisschen von dem engen Schmerz hinter seinem Brustbein. Manche Dinge sind gleich. Manche Dinge sind immer noch erkennbar er.

Er trägt sie für den Rest der Tour.

 


 

Er trägt sie noch immer als er endlich zurück nach New York kommt, das Ensemble ist mittlerweile auf fast hundert Mädchen und ihn und Jimmy mit seinem falschen Schnurrbart und übertriebenen finsteren Blick angewachsen. Jetzt hebt Steve im Finale ein Motorrad über seinen Kopf und jedes Mal, wenn er's macht, bewundert er die Kraft seines neuen Körpers und wie wenig sie bringt. Kriegsanleihen verkaufen ist in Ordnung und er macht das lieber als nichts zu tun, aber … er fühlt sich ernsthaft hilflos.



„Du bist doch aus New York, oder nicht, Steve?“, sagt Bernadette-nenn'-mich-Bernie. Sie und Steve sind draußen hinterm Theater und warten. Große Teile im Showbiz sind Warten, wie Steve gelernt hat. Der Parkplatz hinterm Theater ist leer und Bernie bringt ihm bei, wie man Motorrad fährt. Bernie ist dem Ensemble in LA beigetreten und war noch nie in New York und hat sich bei einigen der Veteranen Ratschläge geholt, was sie an ihrem freien Tag machen kann.

Steve macht den Motor aus und klappt den Ständer aus. Er denkt, er hat den Dreh jetzt raus, wie man das Ding fährt. Er zuckt die Schultern und nickt. Er hat in LA Rhetorikunterricht bekommen, sein Akzent ist jetzt mehr oder weniger weg, aber zurück zuhause zu sein.... Ein paar von den neuen Mädchen haben bemerkt, wie Brooklyn rauskommt.

„Und? Was lohnt es sich zu sehen?“

Steve kratzt sich den Hinterkopf. Er denkt an Brooklyn, an Flatbush Avenue, ans Haus der Barnes' in Vinegar Hill. Er denkt an Prospect Park und davon, runter zum Fluss zu gehen, um die Brücke beim Sonnenuntergang zu zeichnen. Er denkt an Buckys Schulter, die gegen seine stößt und daran, auf der Feuertreppe zu sitzen. „Weiß nicht“, sagt er. „Freiheitsstatue?“

„Ja? Wie ist die so?“

Er lächelt und zuckt die Schultern. „Na ja...“

Sie kapiert sofort. „Moment mal. Captain America hat noch nie die Freiheitsstatue gesehen?“ Bernie sieht entsetzt aus. „Steven.“

„Ich hab sie gesehen. Aus. Der Ferne.“ Er zuckt die Schultern. „Ich hatte immer vor, hinzugehen, aber, keine Ahnung. Die war immer genau da. Dachte ich könnte ein anderes Mal gehen. Die läuft ja nicht weg, oder?“

Bernie stemmt die Hand in die Hüfte und lächelt, langsam und weiß und breit. „Na ja, was sagst du, Schätzchen? Willst du mit mir kommen?“

Steve fühlt, wie sein Gesicht warm wird. Die Mädchen scheinen sich größtenteils darauf geeinigt zu haben, ihre Finger von Steve zu lassen, immerhin gibt es ja irgendwie hundert von ihnen. (Es erinnert Steve an Orpheus, der von seinen frustrierten Bewunderern zu Stücken zerrissen wurde, aber Steve denkt nicht gerne über sich selbst als Orpheus nach. Niemals.) Trotzdem entscheidet sich manchmal eines der Mädchen, mutig zu sein und Bernie, die Motorrad fährt und Dinge raucht, die nicht immer Zigaretten sind, ist nichts wenn nicht mutig.

Steve denkt an Carter. Er denkt unlogischerweise daran, Winnie oder Jeanie oder Susan oder Becca oder George zu begegnen. Er denkt an Bucky, der irgendwo in Europa im Schützengraben liegt, im Matsch, mit Kugeln und Bomben, die um ihn herum im Dreck landen. „Kann nicht“, sagt er, was nicht gelogen ist. „Muss mich an dem Tag mit ein paar hohen Tieren in Midtown treffen“, was technisch gesehen auch stimmt, auch wenn das Treffen ihn nicht daran hindern würde, genug Zeit zu haben, um die Freiheitsstatue mit Bernadette-nenn'-mich-Bernie zu besuchen. „Tut mir leid“, sagt er, was die reine Wahrheit ist.

Sie zuckt nur mit einer Schulter. „Ach ja. War 'nen Versuch wert.“

„Guck dir Coney Island an“, schlägt Steve verschmitzt vor. „Der Cyclone macht echt Riesenspaß.“



Nach der Show sitzt er in seinem Hotelzimmer in New York und hat absurderweise Heimweh. Er ist so nah an Brooklyn und trotzdem so weit weg. Er hat sich so viel verändert, er kann nicht zurück gehen. Er denkt darüber nach, die Barnes' zu besuchen, ihnen alles zu erzählen, was ihm passiert ist.

Dann müsste er erklären, warum er stark und gesund und nicht in Europa ist und Nazis bekämpft und alles tut, was er kann, um auf Bucky aufzupassen.

Er glaubt nicht, dass er ihnen so unter die Augen treten könnte.

 


 

Er verlässt New York mit neuer Entschlossenheit, nach Europa zu gelangen. Er verkauft es Brandt und jedem, der ihm zuhört, hartnäckig. Er sollte nach Übersee, da besteht er drauf. Moral der Truppen, sagt er ihnen. Gut für alle, sagt er.



Aber dann kommt er tatsächlich dorthin und er weiß nicht, was er sich vorgestellt hat, aber … das hier war es nicht.

Er weiß verstandesmäßig davon, aber dort zu sein ist was anderes. Es zu sehen ist was anderes. Und er fühlt sich mehr denn je wie ein Trottel, nutzloser denn je. Männer sterben, hinterlassen Teile von sich im Dreck und was macht er? Was nutzt er?

All die Kraft in seinem glänzend neuen Körper und er kann immer noch nicht helfen.

Er kann sich nicht vorstellen, sich noch nutzloser zu fühlen, als er es gerade tut.



Er liegt falsch, natürlich.

 


 

Ich hab gehört, Sie sind „Amerikas Neue Hoffnung“?

Der Anleihenkauf steigt um zehn Prozent,
wenn ich in einem Staat bin.

Spricht da Senator Brandt aus Ihnen?

Wenigstens lässt er mich das hier machen.
Phillips hätte mich ins Labor gesteckt.

 


 

„Und das sind Ihre einzigen beiden Alternativen? Eine Laborratte oder ein Tanzäffchen?“

Er folgt ihrem Blick auf die offene Seite in seinem Skizzenbuch. Er sagt nichts, denn wie soll er sich erklären? Das einzige, was schlimmer ist, als sich so hilflos zu fühlen, ist sich so hilflos vor ihr zu fühlen. „Sie waren für mehr als das vorgesehen, wissen Sie?“

Ihr Gesicht ist so ehrlich. Diese großen, wunderschönen Augen, diese roten Lippen, diese dunklen Augenbrauen mit der geringsten Andeutung einer Herausforderung hochgezogen. Gott. Sie glaubt an ihn. Sie glaubt an ihn.

Sie kennt ihn allerdings nicht. Für mehr als das vorgesehen? Er war für nichts vorgesehen. Er war dafür vorgesehen, zu sterben, als er ein Kind war, als er ein Jugendlicher war, bevor er 25 wurde. Er ist für nichts vorgesehen. Er lebt zum Trotz von allem, was vorgesehen war. Ihm wurde alles gegeben, wovon er je geträumt hat und er ist immer noch der Mistkerl mit dem meisten Pech, der je geboren wurde.

Schlemiel, schlimazel, hört er in Buckys Stimme und es trifft ihn wie ein Schlag genau in der Mitte seiner Brust.

„Was?“, fragt sie, sanft herausfordernd.

Er will es ihr sagen, denkt er. Er will, dass sie versteht – er war nicht hierfür vorgesehen, er begnügt sich nur. Aber er weiß nicht, wie er es in Worte fassen soll. Die große Ironie seiner Existenz. Das Gefühl davon ist zu groß. Wenn es Bucky wäre, würde er einen Witz machen. Also sagt er: „Wissen Sie, ich hab so lange davon geträumt, nach Übersee zu kommen und an der Front zu sein. Meinem Land zu dienen. Endlich habe ich alles, was ich wollte und ich trage Strumpfhosen.“

Ein Transport hupt hinter ihnen und sie drehen sich um, um zu sehen. Es ist ein Krankenwagen und plötzlich fühlt Steve sich wie die schlimmste Art von undankbar. Schuldgefühle sind wie eine Luftangriffssirene in seinem Kopf. Hör auf, dich selbst zu bemitleiden, Rogers, was zur Hölle stimmt nicht mit dir? Er schluckt und beobachtet, wie die Tragbahren ausgeladen werden. „Die sehen aus, als ob sie durch die Hölle mussten.“

„Diese Männer mehr als die meisten anderen.“

Er sieht hoch zu ihr, fragend.

Sie seufzt, als ob sie ihm davon vielleicht nicht erzählen sollte, aber … „Schmidt hat einen Trupp nach Azzano geschickt. Zweihundert Männer haben ihn angegriffen und weniger als fünfzig sind zurück gekommen. In Ihrem Publikum hat das gesessen, was vom hundertsiebten noch übrig ist -“

Der Rest des Satzes kommt gar nicht mehr an.

Es soll nicht behauptet werden, dass Steve ein Mann ohne Prioritäten ist. Er ist ein Mann, der bis zum Rand voll ist mit Prioritäten. Sein interner Aktenschrank ist mit Prioritäten vollgestopft, alle ordentlich beschriftet und sortiert, aber …

Wenn Schuldgefühle die Luftangriffssirene in Steves Kopf sind, ist Bucky der eigentliche Luftangriff. Seine Prioritäten? Verdampft. Seine Schuldgefühle? Haben sich Schutz gesucht. Seine Loyalität, seine Pflicht, sein zweifelhafter Respekt für Befehlsketten? Nirgends zu finden.

Da ist nur Bucky.

Oder, genauer gesagt, die Explosionen, die in Steves Kopf hochgehen, wo Bucky sein sollte.

„Das hundertsiebte?“, wiederholt Steve. Er muss sich sicher sein. Er muss sich sicher sein.

Sie neigt den Kopf zur Seite, besorgt. „Was?“

 


 

Sie haben den Colonel gehört,
Ihr Freund ist höchstwahrscheinlich
tot .

Das wissen Sie nicht.

Trotzdem entwickelt er
eine Strategie. Wenn er merkt …

Bis er damit fertig ist,
k önnte es schon zu spät sein!

Steve!

Sie haben gesagt, sie denken,
d ass ich für mehr als das hier vorgesehen bin.
Haben Sie das ernst gemeint?

Jedes Wort.

 


 

Die Explosion in Steves Kopf ist immer noch in vollem Gang, als er das Lager verlässt. Was wenn er tot ist? Was wenn er verletzt ist? Was wenn –

Peg hat irgendeine Art tragbares Radio mit Kopfhörern und sie führt ein lautes Gespräch, das halb Streit, halb Verhandlung ist, wer auch immer am anderen Ende ist. Er verpasst einen guten Teil davon, hauptsächlich wegen Bucky, aber teilweise weil er ein bisschen nervös ist, sich so eigenmächtig von den Truppen zu entfernen. Er wartet noch immer darauf, dass jemand sie aufhält, aber niemand stellt einen Mann in einen Jeep in Frage, mit Militärabzeichen eines Captains und einem Teufelsweib vom SSR im Rücksitz, fluchend übers Radio mit irgendeinem …

„Vollkommenen und absoluten Scheißkerl“, murmelt Peggy als sie den Anruf beendet. Sie schaltet das tragbare Radio aus und klettert rüber in den Vordersitz. Steve muss echt hart daran arbeiten, nicht rüber auf ihre Beine zu sehen, als sie ihren Rock so hochrafft. Sie windet sich ein bisschen, bis sie sitzt und glättet ihren Rock.

„Wer?“, fragt Steve und richtet seinen Blick wieder auf die Straße.

„Unser Pilot“, sagt sie. „Auf dieser Straße bleiben, ein paar Meilen weiter ist ein Landestreifen, er trifft uns dort.“

„Sie haben einen Pilot? Ist das …“

„Wir eignen uns keine Militärressourcen an. Er ist Zivilist. Er ist nur …“ sie seufzt. „Übergeschnappt. Er wird’s tun.“

Steve wirft ihr einen Blick zu. „Gegen Bezahlung?“, rät er, vom sauren Zug um ihren Mund ausgehend.

„Zweifellos.“

„Agent Carter, ich -“

„Wenn Sie vorhaben, sich zu entschuldigen oder irgendwas ebenso Albernes zu sagen, lassen Sie mich daran erinnern, dass Sie grauenhaft darin sind, mit Frauen zu reden und besser dabei bleiben, den Mund zu halten.“

Steve macht den Mund zu. Aber einen Moment später seufzt sie. „Es tut mir leid. Das war grausam.“

„Nicht grausamer als ich, wo ich Sie in dieses Chaos ziehe.“ Die Schuldsirene fängt in seinem Kopf wieder an, zusätzlich zu allem anderen.

„Sie haben mich in nichts mit hineingezogen“, informiert sie ihn formell. „Aber es ist hinreißend, dass Sie glauben, Sie könnten das.“

„Ja, Ma'am.“ Er sieht rüber zu ihr und fängt ihren Blick ein, mit diesem Blick wie der, den sie ihm zugeworfen hat, als er die Flagge in Lehigh geholt hat. Er kann Wärme fühlen, die ihm im Nacken aufsteigt.

Sie sieht weg. Er auch. „Erzählen Sie mir von Ihrem Freund. Diesem Kerl, für den ich meine vielversprechende Karriere wegwerfe“, sagt sie, leicht und fröhlich. „Er muss ganz schön was sein.“

„Er ist …“, sagt Steve und einen Moment lang wird er vom Wortschatz gehindert. „Er ist mein bester Freund“, sagt er endlich. „Ich wäre ohne ihn nicht am Leben.“

„Er hat Ihnen das Leben gerettet?“, sagt Peggy neugierig.

„Jeden verdammten Tag, seit ich etwa zwölf war. Typen wie ich – wie ich war, mein' ich, vor all -“ er deutet mit seiner Hand runter auf sich selbst „dem. Ich war...“ Er ringt wieder um Worte. „Er war...“ Bucky war eine Einladung zum Familienessen als Steve sich Essen nicht leisten konnte. Bucky war eine Hand, die ihn vom Ärger weggezogen hat. Bucky war Sauerstoff, wenn Steve nicht atmen konnte. „Bucky war immer für mich da.“

Die Stille dehnt sich zwischen ihnen aus. „Bucky?“, sagt sie endlich, das einzelne Wort voller sanftem Unglauben.

Steve lacht laut auf. „James Buchanan“, sagt er. „In unserm Häuserblock allein waren acht Kinder namens James. Jeder hatte Spitznamen.“

„Was war Ihrer?“

Steve lacht. „Ähm. Die meisten Leute haben nicht genug mit mir geredet, um mich irgendwas nennen zu müssen. Bucky hat mich immer Stevie genannt. Oder Steve-o. Oder Sonnenschein, den hab ich gehasst.“ Warum erzählt er ihr das? Warum?

„Mein Bruder Michael hat mich immer Lady Lancelot genannt“, sagt sie. „Ich hab so getan, als ob ich es hasse.“

Steve sieht wieder zu ihr rüber und sie lächelt ihn an, ein bisschen traurig. Er will sie mehr zu ihrem Bruder fragen, aber dann holpert und quietscht der Jeep durch ein Schlagloch und er sieht zurück auf die Straße. Er ist eigentlich nicht wirklich ein Fahrer. Er hatte ein paar Unterrichtsstunden im Motorradfahren auf einem Parkplatz und ein paar Mal hat er Lastwagenfahrern geholfen, Bühnenteile zu fahren, aber einen Jeep eine dreckige Spur runter zu fahren ist was ganz anderes.

„Lady Lancelot, hm?“, sagt Steve.

„Mm. Ich hab immer so getan, als wäre ich ein Ritter in glänzender Rüstung und würde die Jungfrau in Nöten retten. Michael hat immer das Monster gespielt. Oder Merlin. Was immer ich brauchte, um der Held zu sein. Später hat er mir geholfen, Arbeit beim SOE zu bekommen. Was dazu geführt hat, dass ich beim MI5 gearbeitet hab. Was hierzu geführt hat.“ Als sie ihm einen verstohlenen Blick zuwirft, sieht sie ihn ruhig an, steinhart und aufmerksam in sein Gesicht.

Steve schluckt und baut wieder fast einen Unfall mit dem Jeep. Er sieht zurück auf die Straße. „Agent Carter-“

„Bitte. Wir entfernen uns zusammen eigenmächtig von den Truppen, du kannst mich Peggy nennen.“

„Peggy. Das ist – was du für mich machst, ich kann dir nicht genug dafür danken, aber ich hasse den Gedanken, dass du in irgendwelchen Ärger gerätst, nur weil -“

„Steven, hörst du bei dem zu, was ich dir sage“, sagt sie genervt. „Ich hätte diese Arbeit beim SOE fast abgelehnt. Manchmal frage ich mich, wenn ich es nicht getan hätte, wenn ich da früher angefangen hätte, weiter und schneller gegangen wäre und niemandem erlaubt hätte, mich aufzuhalten... Vielleicht hätte ich ihn retten können.“

Steves Atem stockt. „Peggy -“, sagt er.

Dann greift ihre kleine Hand nach seinem Unterarm, überraschend stark und fest. „Ich weiß, wie es ist, jemanden zu verlieren – Familie zu verlieren. Also sage ich es dir jetzt: Geh weiter. Geh schneller. Lass dich von niemandem aufhalten. Vor allem nicht von dir selbst.“

Er sieht wieder zu ihr rüber und denkt, dass er nichts lieber tun würde, als in die Bremsen zu steigen, sich über den Getriebekasten zu lehnen und sie genau auf ihren roten, roten Mund zu küssen. Er macht es natürlich nicht, aber er denkt darüber nach. Und sie lächelt zu ihm zurück, als ob sie ihn lebendig verspeisen könnte.

 


 

Wer sollen Sie denn sein?

Ich bin … Captain America.

… Entschuldigung, wie war das?