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Dreamers With Empty Hands

Summary:

Steve kennt Schmerzen. Hat Schmerzen schon immer gekannt. So lang er sich erinnern kann, war Leiden ein Teil von ihm.

Auch bekannt als Steves Rhapsodie aus Schmerz, Teil eins: die chronisch kranke Ausgabe. Inhalt: ein (1) kleiner Steve Rogers mit Sehr Großen Schmerzproblemen, ein (1) winziger Bucky Barnes mit Sehr Großem Schandmaul, zwanzigtausend (20.000) Nazis im Madison Square Garden, unendliches Schmachten und exzessiver Gebrauch von Parenthesen.

Notes:

It's autumn in New York that brings the promise of new love.
Autumn in New York is often mingled with pain.
Dreamers with empty hands may sigh for exotic lands;
It's autumn in New York;
It's good to live it again.
- Autumn in New York by Vernon Duke, 1934

(Listen to the full series playlist on Spotify)

(See the end of the work for more notes.)

Chapter 1: Just Try It and I'll Start a Riot

Chapter Text

 

 


 

Auftakt

 

Steve kennt Schmerzen. Hat Schmerzen schon immer gekannt. So lang er sich erinnern kann, war Leiden ein Teil von ihm.

Als Kind hat seine Ma immer ein Glas Nägel auf dem Fensterbrett stehen, neben dem Hammer. Jedes Mal, wenn der Wind stärker wird, machen sie ein Stück Plane über dem klirrenden Glas fest, um Luftzüge draußen zu halten. Aber beide lieben Sonnenlicht zu sehr, also nehmen sie's immer wieder ab, sobald sie die Kälte wieder aushalten können. Das ist es wert – Wind in den Haaren zu haben, wenn man drinnen ist – solange man auch die Sonne ins Gesicht bekommt.

(Später, als er und Bucky zusammen in das kleine, schäbige Apartment nahe der Schwulenbar ziehen, haben sie auch immer einen Hammer und ein Glas voll Nägel auf der Fensterbank, aus genau demselben Grund. Bucky heftet immer alte Decken über das Glas, um die Kälte aus Steves Lungen zu halten, und Steve zieht die Nägel immer wieder raus, um etwas anständiges Licht zum Zeichnen zu haben. Aber die Hälfte der Zeit endet es meistens damit, dass er nur das dämliche Gurkenglas mit einem Dutzend rasselnder Nägel anstarrt: einige davon sind verbogen, einige verrostet, einige sind so verdammt scharf wie die Reißzwecken, die ständig aus der Polsterung von Buckys dreibeinigem Sessel fallen.)

(Viel später denkt er an das Glas und erinnert sich: das Stechen in seiner Brust, der enge Schmerz in seinen Lungen, das Brennen in seinem Hals, wenn er sich wund gehustet hat, die beißende Qual in seinem Bauch, die Schmerzschübe, die durch seine schiefe Wirbelsäule stoßen. Diese Schwächen sind lange vergangen, aber Schmerz ist noch immer geblieben: Verlust und Enttäuschung und Kummer. Er stellt sich noch immer den zerbrechlichen Glasbehälter voller scharfer Metallstücke vor und denkt: Ja, ich auch, Kumpel.)

 

 

1

Old Man Sunshine, listen, you
Never tell me dreams come true
Just try it, and I'll start a riot

 

Steves früheste klare Erinnerung ist seine Mutter, wie sie ihm ins Gesicht lügt.

„Du kommst wieder in Ordnung“, sagt sie mit einem sanften, wässerigen Lächeln. Ihre Haare sind ein oder zwei Töne heller als seine und er erinnert sich, wie Sonnenlicht darin aussieht. Gesponnenes Gold. Er liegt im Bett und alles tut weh: Es ist zu heiß und zu kalt und seine Haut tut weh und juckt und sein Hals ist so wund, dass er nicht schlucken kann. „Dir geht’s bald wieder besser“, versichert sie ihm. „Ich versprech's dir. Du kommst wieder in Ordnung.“

Es ist 1924 und er ist sechs Jahre alt, aber er ist nicht dumm. Er weiß, dass er Scharlachfieber hat und er weiß, was das bedeutet. Er hatte noch nie im Leben solche Angst, denn das kleine Mädchen von nebenan hatte Scharlachfieber und sie ist daran gestorben. Eines Tages war sie da, am nächsten war sie einfach weg. Ausgelöscht wie eine Kerze. Also weiß er, dass seine Mutter lügt, wenn sie sagt, dass er wieder in Ordnung kommt.

Das Fieber wird schlimmer. Steve erinnert sich nicht an alles, aber er weiß noch genug. Es wird so schlimm, dass er anfängt, sich Dinge einzubilden. Die Tage sind in einem verwirrenden Nebel miteinander vermischt. Er kann die echte Welt nicht von seinen Halluzinationen unterscheiden, kann nicht sagen, ob es Tag oder Nacht ist, kann ein kühles Tuch nicht von der beißenden, eisigen Berührung mit dem Tod trennen, der ihm nachkommt. Da ist eine riesige Spinne, die sich über sein Bett beugt, bereit ihn in einen Kokon einzuspinnen und ihn zu Suppe aufzulösen. Da ist ein Priester, der ihm das Sterbesakrament erteilt. (Er ist sich nie sicher, ob das wirklich passiert ist oder nicht, aber er erinnert sich klar daran. Er erinnert sich an das Gefühl von Frieden, das über ihn gewaschen ist, mit einem ebenso verzweifelten Gefühl.) Er erinnert sich an seine Mutter, die sich mit ihrem Rosenkranz über ihn beugt, ihr Gesicht triefnass mit Tränen.

Andererseits erinnert er sich auch daran, wie sie ihre Haare packt und ihr Gesicht abzieht wie eine Maske und die glitschigen roten Muskeln und grinsenden Zähne darunter aufdeckt.

Er kneift die Augen fest zu, zitternd. Dann kann er nur ihre Stimme hören (kaum hörbar durch das andere Geflüster, das er nicht erkennt oder versteht) und sie klingt genau wie sonst. Sie legt das kühle Tuch auf seine Stirn und spricht sanft in sein Ohr. „Du kommst wieder in Ordnung. Versprochen. Versprochen, dass es nicht ewig wehtun wird.“

Er weiß nicht, warum Erwachsene ihm so direkt ins Gesicht lügen, als ob er nicht rauskriegen würde, dass es gelogen ist. Halluzinierend und halb um den Verstand gebracht weiß er doch, dass es gelogen ist. Aber er will glauben, dass es stimmt.

Er ist immerhin erst sechs.

 

 

Am Ende bringt ihn das Scharlachfieber nicht um, was eine echte Überraschung für alle ist. Seine Mom drückt ihn so fest, dass es seinen Knochen wehtut.

Und dann, etwa einen Monat später, fangen seine Knochen an, richtig wehzutun und es fängt alles von vorne an.

Toll.

Das rheumatische Fieber ist genauso schlimm wie das Scharlachfieber, vielleicht schlimmer, weil es sich anfühlt, als würde es ihn von innen auffressen. Er weint ein bisschen, in den Nächten, wenn er denkt, dass seine Mom ihn nicht hören kann. Sie hat ihm gesagt, dass die Schmerzen weggehen würden und damit hatte sie recht. Aber sie hat nie gesagt, dass sie zurück kommen würden, dass sie immer da sein und auf ihn warten würden.

Er will nicht sterben. Er hat noch nicht mal irgendwas getan. Er hatte noch gar kein richtiges Leben und jetzt wird es schon enden.

 

 

Aber das tut es nicht.

„Du hast kein Aufgeben an dir“, sagt seine Mutter, zitternd und erstaunt, an dem Tag, als er sich aufsetzten und seine eigene Suppenschüssel festhalten kann. „Überhaupt kein Aufgeben.“ Sie streicht ihm die Haare aus der Stirn und lächelt ihn an, lächelt wie Sonnenschein. „Genau wie dein Vater“, fügt sie leise hinzu.

Er weist nicht darauf hin, dass sein Vater tot ist. Was ungefähr so viel Aufgeben ist, wie es nur geht, wenn man ihn fragt. Aber das würde er nie sagen. Nicht zu seiner Mom. Leben tut schon genug weh. Es gibt keinen Grund, es schlimmer zu machen. Wenn er einen Körper voller Schmerzen hat, ist das schlimm für ihn, aber er muss ja nicht rumlaufen und es ausbreiten, oder? Stattdessen lächelt er für sie.

Und sowieso. Sie hat recht, diesmal. Nie wurden wahrere Worte gesagt. Er hat kein Aufgeben an sich. Keinen einzigen Tropfen. Manchmal wünschte er sich, er hätte welches.

 

 

(Später fällt ihm auf, dass er, wenn er damals 1924 Aufgeben an sich gehabt hätte, Buck niemals getroffen hätte.)

 


 

Es ist Oktober 1926 und die Heizung ist kaputt. Er ist acht Jahre alt und pure Energie, ein Knallkörper, der ständig am Hochgehen ist. Zu der Zeit vor zwei Jahren hatte er noch immer rheumatisches Fieber, aber er hat sich davon nicht unterkriegen lassen. Darauf ist er schrecklich stolz. Er kommt langsam wieder zu Kräften, da ist er sich sicher.

Er spielt seit Neuestem Stickball. Er ist tatsächlich gut im Stickball. Er hat den richtigen Riecher für die Winkel, ein Gefühl dafür, wie der Ball auf die genau richtige Art auftreffen muss. Er hat ihn über alle Köpfe hinweg fliegen lassen, bis runter in die Nebengasse, wo er von der Wand abgeprallt und in einem Müllcontainer gelandet ist. Er ist so schnell über die „bases“ (je ein Hydrant, ein Kanaldeckel und eine Mülltonne) geflitzt, dass sogar das gegnerische Team davon beeindruckt war. Sie haben ihn zwar ausgebuht und geschrien, waren aber trotzdem beeindruckt. Es war der letzte Run und sein Team hat nicht gewonnen, aber dank ihm immerhin fast und das fühlt sich trotzdem gut an. Ein glanzvoller Abgang, hart in einen Kampf zu kämpfen, den er nicht gewonnen hat, aber immerhin angetreten ist.

Die Luft brennt ihm in den Lungen, als er nach drinnen läuft und seine Jacke aufhängt. Es ist drinnen fast kälter als draußen, aber ihm ist noch immer warm vom Sieg und er träumt davon, eines Tages für die Dodgers zu spielen. Er fängt an, die Treppen hoch zu laufen.

Seine Mom sagt ihm immer, dass er nicht zu viel rennen soll, eine Hand auf seiner Schulter, um ihn daran zu erinnern, dass sein Herz seit dem Scharlachfieber besonders ist und er besonders darauf aufpassen muss. Aber er weiß, dass es nicht besonders ist; es ist nur groß und dämlich. Genau wie seine Füße kann sein Herz einfach keinen stabilen Rhythmus einhalten. Manchmal hat er plötzliche, scharfe Schmerzen, die ohne Vorwarnung in seiner Brust stechen und genau so schnell wieder verschwinden. Das passiert öfter, wenn er rennt.

Aber er muss sich beeilen. Er will seiner Mom von seinem Home Run erzählen, will, dass sie weiß –

Er ist halbwegs die Treppe rauf, als ihm auffällt, dass etwas nicht stimmt. Nicht mit seinem Herz. Mit seinen Lungen. Seine Schritte stolpern und er muss anhalten. Er hustet. Fühlt sich, als ob er was in der Brust hat, im Hals. Eine Erkältung, die sich anbahnt, vielleicht, aber schneller. Zu schnell. Er kann nicht tief atmen, wie bei dem einen Mal, als einer der größeren Jungs sich auf ihn gesetzt und ihn zerquetscht hat. Es ist, als würde er durch einen Strohhalm atmen, als ob er ertrinkt, genau hier im kalten, trockenen Treppenhaus.

Er setzt sich auf den Treppenabsatz, keuchend und schnaufend – er kann das hohe Pfeifen vom Atmen in seiner Brust hören. Sein dämliches Herz ist wieder wild am Pochen, vor Panik, vor Angst. Er kann nicht einatmen, kann keine Luft kriegen. Seine Sicht wird fleckig, seine Augen tränen, seine –

Seine Mom ist da. Sie muss ihn husten gehört haben und gekommen sein, um zu sehen, ob es ihm gut geht, aber es fühlt sich an, als wäre sie einfach neben ihm aufgetaucht. Wie sie es immer tut. Sie ist immer da, um zu helfen, wenn etwas schiefgeht mit seinem blöden kaputten Körper. Sie legt eine Hand auf seinen Rücken und reibt. „Stevie? Stevie-Junge, was ist los?“

Er kann es ihr nicht sagen, kann nicht sprechen. Es tut weh. Es tut weh.

 

 

Zum Zeitpunkt, als sein nächster Geburtstag ansteht, sagen sie ihm, dass er Asthma hat. Sie erzählen seiner Ma von Behandlungen, die sie sich nicht leisten kann, und schlagen vorsichtig vor, dass er mit jemandem sprechen könnte, dass es vielleicht daran liegt, dass sein Vater tot ist. Was Steve seltsam erscheint, bis er versteht, dass sie denken, dass er nicht wirklich krank ist. Sie denken, er ist vielleicht verrückt und denkt sich das alles im Kopf aus.

Das macht er nicht, aber es tut weh, dass sie das denken. Eine andere Art von Wehtun als das Asthma oder seine schlechte Pumpe, aber trotzdem.

„Ist nicht wichtig, was die denken“, sagt seine Mom ihm.

Sie nimmt ihn mit nach draußen, um das Feuerwerk zu sehen. Während er zuguckt, überlegt er, wie es wohl ist, ein Feuerwerk zu sein. Er fragt sich, ob es wehtut, so zu explodieren. Er ist sich ziemlich sicher, dass es mehr wehtut, ein Blindgänger zu sein.

 

 

Das Asthma bringt ihn nicht sofort um, fegt nicht so über ihn hinweg wie die Fieber. Aber es verändert die Dinge. Verändert alles. Er kann nicht mehr mit den anderen Kindern mithalten, muss drinnen bleiben, wenn es zu kalt für seine Lungen ist. Er spielt stattdessen mit Spielzeugsoldaten, führt ihre Manöver an, trickst Feinde aus, die nur in seiner Vorstellung existieren.

Er fängt an, Karten zu zeichnen, Karten von den Ländern, die seine Soldaten befreien, von den Burgen, die sie verteidigen. Aber das wird schnell zu anderen Zeichnungen: Zeichnungen für seine Mom, für an die Wände, für ihn selbst. Zeichnungen von den kleinen Dingen, die er nicht vergessen will. Das mag er, sie auf Papier festzuhalten und es richtig zu machen. Und es ist etwas, was er mit seinen Händen machen kann, wenn er nicht zur Schule gehen und nicht aus dem Bett aufstehen kann.

Er zeichnet Kinder, die Stickball spielen, versucht, ihre Bewegungen einzufangen und kann das Gefühl von diesem letzten Home Run nicht ganz zurück gewinnen. Aber es ist nah dran. Es ist nah dran.

Kinder halten sich jetzt von ihm fern, weil er krank ist und nicht mitspielen kann. Erwachsene sind netter zu ihm, aber auf eine vorsichtige Art, als ob sie denken, er wüsste nicht, was das bedeutet. Aber Steve ist kein Dummkopf. Er weiß, was Tod ist. Er weiß, dass er nicht alt werden wird. Wenn er Glück hat, wird er seinen zwölften Geburtstag erleben. Er hat mitgehört, wie ein Doktor das gesagt hat, also muss es stimmen. Da kann er nichts machen. Deswegen zu weinen hat auch keinen Zweck.

Aber er würde gerne etwas Gutes tun, bevor er gehen muss. Auch wenn es nur kleine Sachen sind, wie Gramma Hubbard dabei zu helfen, ihre Einkäufe die Treppe hochzubringen. Wenn Vögel gegen das Fenster krachen und benommen auf der Feuertreppe landen, päppelt er sie mithilfe seiner Mom wieder auf. Er bringt ihr Blumen vom Gehweg mit nach Hause, wann immer er kann, weil sie das zum Lächeln bringt. Es ist nicht genug, es ist nie genug, aber es ist wenigstens etwas. Er will mehr tun – er weiß in seinen Knochen, dass er so viel mehr tun kann. Aber er muss daran glauben, dass diese kleinen Dinge auch von Bedeutung sind, weil das alles ist, was sein kaputter, verbogener Körper auf die Reihe kriegt.

 

 

(Später denkt er, dass die Freundschaft mit Bucky vielleicht eine Art Belohnung für seine Beharrlichkeit und guten Absichten war.)

 

 

(Viel später denkt er, dass ihm diese Belohnung vielleicht als Strafe für Hochmut weggenommen wurde.)

 


 

Es ist 1928, er ist zehn und er ist nicht das gleiche Kind, wie er es mit acht oder sechs war. Verdammt, er bezweifelt, dass, wenn sein fünfjähriges Ich jetzt auf ihn zukäme, er sein eigenes Gesicht erkennen würde. Steve hat neu wachsende Schmerzen zusätzlich zu all den anderen Schmerzen und er ist die ganze Zeit hungrig, sogar wenn ihm von so ziemlich allem schlecht wird. Er schießt in die Höhe und seine Mom sagt, er wird mal ganz groß werden, genau wie sein Vater, der über 1,80m groß war.

Steve fühlt sich immer so, als ob er zu dünn auseinander gezogen wird. Er fühlt sich mit jedem Tag kränker, als ob sein Körper versucht, schneller zu wachsen, als sein Herz es aushält, wie eine verzweifelt Bemühung, alles zu sein, was er sein möchte.

Steve ist sich bewusst, dass die meisten Kinder in seinem Alter nicht so über sich selbst nachdenken.

Er ist nicht wie die meisten Kinder in seinem Alter.

Sein Blut funktioniert nicht so, wie es sollte – perniziöse Anämie – und er muss Unmengen an Leber essen, bis die Apotheke diese Pillen bekommt, die er nehmen muss, damit sein dämlicher Körper nicht komplett zumacht. Seine Bauchschmerzen entpuppen sich als Magengeschwüre und es ist schwer, Gewicht zuzulegen, wenn seine Eingeweide sich immer so anfühlen, als ob sie mit heißen Messern gefüllt wären, also ist er eine echte Bohnenstange. Und je größer er wird, desto offensichtlicher wird es, dass sein Rücken auch nicht richtig ist. Rückgratverkrümmung. Er ist auch ein wenig taub auf einem Ohr. Und als ob man ihn treten wolle, wenn er schon am Boden ist: farbenblind.

Perfekt.

 

 

Er sieht das erste Poster im September, ein milder Tag, warm genug, um einen langen Spaziergang durch die Stadt zu riskieren.

MANCHE MENSCHEN SIND GEBOREN, UM ANDEREN EINE LAST ZU SEIN, steht darauf.

Er betrachtet das Poster und die Flugblätter, neben denen es aufgehängt wurde. Als er zum Kleingedruckten kommt, das ihm erzählt, dass Menschen wie Versuchskaninchen oder Vieh behandelt werden sollten, um die Rasse zu verbessern oder was auch immer, zerreißt er alles mit verächtlichem Ekel und wirft es in die nächste Mülltonne. Es ist ihm egal, ob er das tun sollte oder nicht, ob es erlaubt ist. Er kann richtig von falsch unterscheiden und diese Eugenik-Spinner? Die liegen falsch. Man hat kein Recht, anderen vorzuschreiben, ob sie eine Familie haben dürfen oder nicht.

Aber das Ding ist: Manche Leute sind eine Last für andere. Steve weiß das, denn er ist einer davon. Er ist eine Last für seine Mom, für seine Nachbarn, die ihm zuhören müssen, wie er sich die Lungen aus dem Leib hustet, für Ärzte, die ihm nicht helfen können, es aber immer weiter versuchen müssen. Er ist eine Last, war es schon immer. Er weiß das und das Wissen nistet sich in seinem Inneren ein, ein weiterer Nagel im Glas.

Das heißt nicht, dass er überhaupt nicht hätte geboren werden sollen, denn seine Mom hat seinen Dad geliebt und die beiden wollten eine Familie. Es ist nicht ihre Schuld, dass er so verdreht und zerbrochen geworden ist. Es ist auch nicht seine Schuld, aber das macht ihn nicht weniger zur Last. Das Leben ist nicht fair. Niemand hat ihm je versprochen, dass es das sein würde.

Und vielleicht ist das der Punkt, an dem er entscheidet, dass er nie heiraten wird. Was, wenn er ein Kind kriegen würde? Was, wenn das Kind so wäre wie er? Wer ist er denn, dass er irgendeinem armen Mädel einen keuchenden, buckligen und verkrüppelten Ehemann und ein Baby, das zu krank zum Großwerden ist, aufhalsen würde? Sie würden beide sterben und ihr das verdammte Herz brechen, so wie er irgendwann demnächst seiner Mom das Herz brechen wird.

Er wird sowieso wahrscheinlich nicht lange genug leben, um zu heiraten. Und er kann ganz schrecklich mit Kinder umgehen. Also ist es gut so. Er muss niemand anderem eine Last sein. Wenn er lange genug lebt, wird er einfach einen Weg finden, um alleine klarzukommen.

 

 

(Viel, viel später fällt ihm auf, dass er keine Last war und dass Bucky keine gottverdammte Belohnung war. Menschen sind keine Dinge, die man geben und wieder wegnehmen kann.)

 


 

Es ist 1929 – ein rundum schlechtes Jahr, aber Menschen brauchen trotzdem noch Krankenpflege, also ist seine Mom, anders als viele andere, wenigstens nicht arbeitslos. Trotzdem fühlt es sich an, als ob die Welt um sie herum zusammenbricht. Menschen springen aus Gebäuden, werden aus ihrem Zuhause geworfen, stehen in den Schlangen vor Suppenküchen... All das ist zu groß, als dass er es ganz in seinen Kopf kriegen könnte.

Steve ist elf; sein größtes Problem besteht darin, dass er wirklich nicht zur Schule gehen will.

„Es ist mir egal, dass es wehtut, Steven Grant, du bist ein Rogers und das bedeutet, du stehst auf und gehst trotzdem weiter“, sagt ihm seine Mom. „Du stehst immer wieder auf.“

Er ist nicht dumm, wirklich nicht, aber er verpasst viel Unterricht, weil er so viel krank ist. Und er hat keine Freunde; niemanden, der Mitschriften mit ihm teilen oder ihm die Hausaufgaben bringen könnte. Also ist er der Mickrigste und er hat die schlechtesten Noten. Das einzige, was für ihn spricht, ist seine Handschrift. Seine Schrift ist schön und er ist kein Linkshänder. Im Schuljahr über ihm gibt es ein Kind, das ständig Ärger bekommt, weil es mit der linken Hand schreibt. Aber Handschrift ist nur ein kleiner Sieg. Steve ist der Schlechteste in seiner Klasse, was Lesen und Schreiben und vor allem Mathe angeht. Also ja. Manchmal will er die Schule schwänzen, damit er sich nicht anhören muss, wie Leute ihm sagen, dass er genauso dumm wie kränklich ist.

Er schämt sich danach. Das Purple Heart seines Vaters steht auf dem Kamin und er kennt die Geschichte: sein Dad ist zurückgegangen, um andere raus zu holen, immer wieder. Hat weitergemacht, sogar als es wehgetan hat. Manchmal macht das Steve echt wütend, weil diese kleine Medaille heißt, dass er keinen Vater mehr hat. Aber er weiß, dass, weil er keinen Vater hat, ganz viele andere Kinder wohl einen haben. Und eigentlich ist das eine gute Art von Schmerz.

Also steht er auf und geht weiter. Das ist das, was ein Rogers macht. Wenn sein Körper wehtut und er nicht zur Schule gehen will, steht er trotzdem auf. Wenn seine Ma krank ist und er so viel Angst davor hat, dass er sich unter seinem Bett verstecken und nie wieder rauskommen will, steht er trotzdem auf. Wenn die Kinder, die ihn tyrannisieren, ihm sagen, dass er unten bleiben soll, steht er trotzdem auf.

Es ist wie eine Art Mantra. Er weiß, dass die Schmerzen immer da sein werden. Aber er hat kein Aufgeben an sich, also steht er immer wieder auf.

 

 

(Später fällt ihm auf, dass, obwohl scheinbar so viel Zufall beteiligt war, sein erstes Treffen mit Bucky unvermeidlich war. Steve ist, wie er ist: ein Unruhestifter, ein kleiner Dreckskerl mit einem überentwickelten Sinn für Idealismus, der einfach nicht unten bleiben will. Und Bucky ist, wer er ist; ein Beschützer, der immer der Seite der Außenseiter ist, immer auf die Kleinen aufpasst. Steve war der Kleinste in Brooklyn: Es stand immer fest, dass die beiden irgendwann zusammentreffen würden. Es stand immer fest, dass sie letztendlich Freunde werden würden. Es war kein Schicksal, es war pure Physik. Es war Schwerkraft.)

 


 

Es ist 1930. Er ist zwölf und trotz allem noch am Leben. Trotz allem, was ihm die Ärzte gesagt haben. Heute sind die Schlägertypen wieder hinter seinem Geld her, nur zu blöd für die.

Er rennt eine lange Weile vor ihnen davon, aber schließlich können seine Lungen das nicht mehr aushalten. Sein Herz schlägt wie betrunken gegen seine Rippen und fleht ihn an, anzuhalten. Er biegt in eine weitere Gasse ein, torkelt bis zur Sackgasse und beugt sich vor, Arme auf den Knien, und versucht, wieder zu Atem zu kommen, ohne viel Erfolg. Er spuckt Blut auf die Pflastersteine unter seien Füßen und wischt sich mit seinem Handrücken den Mund ab. Einer ihrer Schläge hat ihn eben getroffen, nachdem er sich geweigert hat, die sogenannte „Maut“ zu bezahlen, aber bevor er wegrennen konnte.

„Rogers! He, Rogers!“

Oh Mann, die Typen wollen einfach nicht aufgeben. Steve guckt zurück und sieht sie auf ihn zukommen: drei Kinder, älter als er und stärker, wenn auch nicht größer als er. Er ist zwar mager, aber in seiner Klasse sticht er heraus wie eine Sonnenblume zwischen Löwenzahn.

„Denkst du, du kannst vor uns abhauen?“, sagt einer von ihnen – Billy Thompson, das furcheinflößendste Kind in Brooklyn. Der stärkste und gemeinste von allen Schlägern. Sein Pa ist Vollstrecker bei der Mafia, wie man sagt. Er wird es wahrscheinlich auch mal werden, wie man sagt. Und links neben ihm ist Jack, rechts Eddie. „Du kannst nicht vor uns abhauen“, grinst Billy. „Gib einfach auf.“

Steve macht einen Schritt zurück, aber er macht sich gar nicht erst die Mühe, nach einem Ausweg zu suchen. Seine Atemzüge sind schnell und flach. Er hat das Rennen so satt. Sie hören nie auf, ihm nachzukommen. Und wenn du nicht wegläufst, gibt es nur eine Alternative. Er hebt seine Fäuste.

Jack lacht und zeigt dabei seinen fehlenden Zahn.

„Dein Ernst?“, sagt Eddie, seine Stimme sogar für Brooklyn nasal. „Ist bestimmt wie mit 'nem Mädchen zu kämpfen!“

„Ach ja?“, sagt Steve und schwingt eine Faust nach ihm. Er trifft nicht mal und er verliert sein Gleichgewicht. Jack tritt vor und schubst ihn kräftig zurück. Er fällt auf den Hintern und kann die Kratzer auf seinen Handflächen kaum registrieren, bevor sie ihn in die Rippen und gegen die Beine treten, obwohl er schon am Boden ist.

Alles, was Steve tun kann, ist sich zusammenrollen, mit den Armen sein Gesicht schützen, seinen Körper um seinen Bauch krümmen und versuchen, weiter zu atmen, bis es vorbei ist. Er knirscht mit den Zähnen, sein Atem harsch während die Hiebe weiter kommen: ein Fuß in seinen Rippen lässt ihn aufschreien und jemand stampft auf seinen Kopf. Wenn er nicht beide Arme um seinen Kopf gelegt hätte, hätte das vielleicht sein Ende sein können, aber so wie's aussieht, hat er nur blaue Flecken und Kratzer auf seinen Unterarmen.

Nach einer Ewigkeit treten sie zurück. „Hast du genug?“, hört er Billys Stimme. Darin ist jetzt ein dunkler Ton, etwas Gefährliches.

Steve krabbelt zurück so schnell er kann und kommt wieder auf die Beine, schwer wankend, bis er sein Gleichgewicht an einer rauen Wand wiederfindet. Es riecht nach nassem Backstein und gammelndem Abfall hier hinten und er kann das Blut in seinem Mund schmecken. Seine Lippe ist aufgeplatzt und er hat auf die Innenseite seiner Backe gebissen. Er starrt wütend, sagt nichts.

„Komm schon, du Schwächling, du bist der, der in unser Revier gekommen ist“, sagt Billy selbstgefällig.

„Ist 'n freies Land, oder?“, fordert Steve heraus.

„Für 'nen Idioten von der achten wie dich ist nix frei“, meldet Jack sich zu Wort.

„Ich geb' euch keinen Cent!“, ruft Steve. Er hat genau genommen gar keinen Cent, aber das wird er denen nicht sagen.

„Wir haben den ganzen Tag Zeit, um's dir abzuholen“, sagt Billy mit einer furchtbaren Unvermeidbarkeit in seiner Stimme und einem Lächeln im Gesicht. Steves Atmung ist flach und schnell. Keuchend. Sein Herz stolpert über sich selbst, stechende Schmerzen in seiner Brust. Er kann das hier machen, bis er umfällt, aber das passiert wohl eher früher als später.

Billys Gesichtsausdruck wird blitzschnell gemein und dann kommt seine Faust aus dem Nichts, trifft ihn hart und bringt seinen Kopf zum Läuten. Steve stolpert zurück, eine Hand im Gesicht, die andere ausgestreckt, um einen weiteren Hieb abzuhalten.

„Wie dämlich bist du, hm? Warum nicht einfach umfallen und unten bleiben?“, sagt Eddie hinter Billy. Er klingt nervös.

„Billy, komm schon –“, setzt Jack an.

„Halt dein verdammtes Maul“, sagt Billy, immer näher vor ihm aufragend, mit mörderischem Blick. „Komm schon, du Idiot. Gib uns das Geld oder ich steck dich in 'n East River.“

Steve richtet sich auf, mit offenem Mund und Blut, das aus den Mundwinkeln tropft. „Denkst du, ich hab Angst vor dir?“, sagt er und streckt sein Kinn raus. Er hat dem Tod zweimal ins Gesicht geguckt, hat seinem eigenen Herz dabei zugehört, wie es aufhören wollte zu schlagen. Er hat gesehen, wie seine Albträume ins Tageslicht gekrochen kamen. Diese Trottel sind ein Scheißdreck dagegen. Nicht dass er das jemals so sagen würde, seine Mama hat ihn besser erzogen als zu fluchen wie –

„He! Arschlöcher!“, brüllt eine Stimme vom Ende der Gasse. Die drei Schläger drehen sich alle. Dort steht ein Kind – klein aber stämmig, mit zerzausten dunklen Haaren und einem so finsteren Blick wie alle Donnerwolken der Welt zusammen. „Lasst ihn in Ruhe!“

„Was geht’s dich an, Barnes?“, sagt Billy. Aber da ist etwas in seiner Stimme, das Steve denken lässt, dass die Mistkerle schon mal mit dem Typen zu tun gehabt haben. Und vielleicht haben sie ein bisschen Angst vor ihm.

Steve denkt, er hat das Kind schon mal gesehen, als ob sie zusammen zur Schule gehen, aber in verschiedene Klassen. Und Steve erkennt alle Schlägertypen am Aussehen; der Kerl ist keiner davon, also kann er sich nicht vorstellen, warum Billy Angst haben sollte.

Dann macht der Typ – Barnes, anscheinend – den Mund auf und raus kommen eine Reihe so heftiger Schimpfwörter, dass Steve fühlt, wie seine Ohren rot werden. Er hat noch nie solche Wörter von irgendwem gehört, erst recht nicht aus dem Mund eines Kindes, das ungefähr so alt ist wie er. Barnes hebt die Fäuste wie ein echter Boxer und greift an, jagt durch die Gasse mit gehobenem Kopf, wie versessen.

Barnes ist wie ein kleiner Tornado, schlägt feste um sich und brüllt wie ein Sturm. Er packt Eddie am Hemd und hebt ihn hoch, wirft ihn Richtung Ende der Gasse. Steve muss zurück krabbeln, direkt zwischen die Mülltonnen. Dann dreht sich Barnes zu Jack um. Eddie landet schwer zu Steves Füßen. Er greift sich einen kaputten Ziegel und hebt ihn über seine Schulter, bereit, ihn direkt nach dem dunklen, strubbeligen Kopf von Steves Retter zu werfen. Er bemerkt Steve hinter sich gar nicht.

Steve greift sich einen Mülltonnendeckel und haut ihn Eddie über den Kopf, nutzt seine Größe als Vorteil. Eddie lässt den Ziegel fallen und stolpert weg. Jack ist schon dabei, sich aus dem Staub zu machen. Billy und Barnes kreisen umeinander. Billy schlägt nach ihm, aber Barnes duckt sich weg, schnell wie der Blitz. Dann trifft Barnes Billy mit einem überraschenden Schlag mit seiner linken Hand in den Bauch und dann läuft auch Billy weg. Alle drei laufen weg.

„Ja, richtig so!“, ruft Barnes ihnen nach. „Haut ab! Wichser!“

Dann dreht sich der Barnes Junge zu Steve um und Steve macht fast einen Schritt zurück, erwartet fast, dass dieser schreckliche finstere Blick und die schmutzigen Wörter als nächstes auf ihn gerichtet werden, aber der Junge grinst nur. Besteht nur aus Zähnen und funkelnden blauen Augen und er lacht als hätte er nicht grade erst drei größere Kerle krankenhausreif geprügelt. „Schlägertypen. Werden ihrem Ruf immer gerecht. Naja, vielleicht nicht unbedingt gerecht!“ Er lacht über seien eigenen blöden Witz. Was für ein Depp. Er ist ein paar Zentimeter kleiner als Steve, aber er hat breite Schultern, große Hände und Füße, die fast in die Erde gebohrt sind, als ob er selbst zur Mauer werden würde.

„Ich hätte die schon noch irgendwann weich gekriegt“, sagt Steve. Er ist misstrauisch. Er hat nicht nach einer Rettung gefragt; er weiß nicht, was Barnes als nächstes machen wird. Er versucht, taff auszusehen. Er ruiniert es, indem er anfängt, schwach in seine Hand zu husten.

Barnes lacht wieder, laut und frech. „Ja, vielleicht wenn sie an Altersschwäche gestorben wären.“ Er redet so laut, dass Steve seinen Kopf noch nicht mal so drehen muss, dass sein gutes Ohr in seine Richtung zeigt.

Steve sollte den Witz einfach hinnehmen, sollte irgendwas Selbstironisches und Lässiges sagen, immerhin hat der Junge ihm grade den Arsch gerettet. Aber er hat blaue Flecken und ist müde und seine Brust tut vom Laufen weh. Alles tut ein bisschen mehr weh als sonst, also starrt er stattdessen finster. Er weiß einfach nicht, wie er den Jungen einschätzen soll. Niemand kommt Steve je zu Hilfe. Niemand. Er ist sich auch nicht sicher, ob er das mag.

Barnes neigt den Kopf zurück, Kinn ausgestreckt, sein Blick einschätzend. „Hab noch nie jemand gesehen, der immer wieder so aufgestanden ist.“ Die Art, wie er es sagt, klingt fast bewundernd, als ob Steves Beharrlichkeit irgendwie inspirierend wäre oder so. Aber Barnes muss es ja ruinieren, indem er hinzufügt: „Ich glaub, du magst es, zusammengeschlagen zu werden.“

„Musst du grade sagen. War ja nicht dein Kampf“, sagt Steve stur.

„Ja, vielleicht nicht. Aber ich hab mit so 'nem Zeug schon öfter zu tun gehabt.“ Er legt den Kopf zur Seite, verzieht ironisch das Gesicht. „Du musst dich umdrehen und kämpfen. Fang an zu rennen und die werden nie anhalten lassen. Weiß ich aus Erfahrung.“

„Du?“ Schwer vorstellbar, dass irgendwer auf diesem Jungen mit blauen Augen, fiesem Faustschlag und großem Lächeln herumhacken würde. Seine Kleidung ist sauber und passt ihm gut, er ist weder zu klein noch zu groß, nicht zu viel von irgendwas. Nichts an ihm ist auffällig, außer vielleicht seinem Filmstar-Lächeln. „So Mistkerle haben's auf dich abgesehen? Warum?“, fragt Steve und schiebt seine nicht ganz passenden Hosenträger zurück auf seine mageren Schultern. Er weiß, dass es unverschämt ist, danach zu fragen, aber er ist neugierig und zu müde, um sich selbst davon abzuhalten.

Barnes zuckt mit der Schulter. „Ich hab kleine Schwestern, auf die ich aufpassen muss.“ Er hält kurz inne und dann seufzt er und fügt hinzu: „Meine Ma geht nicht zur Kirche. Leute reden. Musste denen beibringen, den Mund zu halten. Alles, was du machen musst, ist ein paar Kämpfe gewinnen, dann hören die irgendwann auf, sie herauszufordern.“

„Klingt bei dir so einfach“, sagt Steve bitter.

Barnes grinst. „Ja, naja. Hab 'nen unfairen Vorteil.“ Er zappelt mit den Finger an seiner linken Hand. „Niemand sieht 'nen linken Haken kommen.“

Und das ist der Moment, in dem Steve endlich einfällt, woher der Junge ihm bekannt vorkommt. Er kennt ihn. Er ist das Kind im Schuljahr über ihm, derjenige, der nicht aufhören will, mit der linken Hand zu schreiben. Er hat gehört, dass die Nonnen alles versucht haben, was ihnen eingefallen ist, aber er war bis zum Ende sturer als sie und sie haben aufgegeben.

„Schmutziger Trick“, sagt Steve etwas streitlustig. Wahrscheinlich kommt es gar nicht so rüber, aber Steve vertraut dem Kerl noch nicht so richtig.

„Genau, wie jemanden zu schlagen, der schon am Boden ist, oder Ziegel zu benutzen. Oder Mülltonnendeckel.“ Barnes guckt ihn vielsagend an und Steve kann fühlen, wie sein Gesicht wieder rot wird. „Danke dafür, übrigens. Wie heißt du?“

„Steve Rogers“, sagt Steve etwas widerwillig und streckt die Hand aus. Der Junge hat ihm geholfen, er hat zumindest Steves Namen und ein Händeschütteln verdient.

„James Buchanan Barnes“, sagt der Junge, schüttelt seine Hand fest und grinst Steve an. „Meine Freunde nennen mich Bucky.“

„Wie soll ich dich dann nennen?“, sagt Steve schnippisch.

„Wie du verdammt nochmal willst, Kumpel. Ich werd' nicht mit dir kämpfen, auch nicht wenn dir danach ist.“

„Blödmann!“ Steve schubst ihn an einer Schulter. Wenn er ehrlich ist, will er gar nicht wirklich mit dem Kind kämpfen, aber er will auch nicht verhätschelt werden.

Bucky schubst einfach zurück, ohne zu zögern, aber er grinst dabei. Es ist wie ein ein freundschaftliches Schubsen. Tut noch nicht mal so weh, aber trotzdem. Lässt Steve wissen, dass er nicht bemitleidet wird. „Idiot!“

Gegen seinen Willen fängt Steve an, zu lächeln. Es tut weh – er hat immerhin 'ne geplatzte Lippe – aber das ist es wert.

 

 

(Später weiß Steve, dass alles hier anfängt.)