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Alternative Teil 2 - Der Gefangene von Askaban -

Summary:

„Und der Junge?“
„Um den kümmern sich andere. Du glaubst doch nicht etwa, dass du der einzige bist, der den Weg zu mit gefunden hat. Und damit du nicht vergisst, wem du dienst: Cruccio!“

Mit einem Aufschrei fuhr Harry aus dem Schlaf hoch. Seine Narbe brannte als würde sie von flüssigem Feuer durchströmt. Der Schmerz blendete ihn und verhinderte jeden klaren Gedanken.
Ganz wage am Rande seines Bewusstsein hörte er wie eine Tür aufgerissen wurde.
Irgendwo der Nähe bellte ein Hund.

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Das zweite Schuljahr hat Harrys Leben auf den Kopf gestellt und nun hat er nicht nur einen Vormund, der sich für ihn interessiert, sondern auch ein wirkliches Zuhause.
Was das dritte Schuljahr ihm wohl an weiteren Veränderungen bringen wird?

2. Buch/ Teil meiner Alternative-Serie.

Für Teil 1: https://archiveofourown.org/works/17632364/chapters/41574524

 

Now also available in English

Notes:

Hallo ihr Lieben,
wie angekündigt folgt hiermit die Fortsetzung von Alternative .

Ich hoffe ihr habt weiterhin Spaß beim Lesen.
Schreibt mir gerne, ich freue mich immer über eure Nachrichten.

Liebe Grüße, bleibt gesund!
Waltraud

Chapter 1: Schnuffel

Chapter Text

-1- Schnuffel

 

Der Mann saß mit dem Rücken an der Wand in einer Ecke seiner Zelle.
Er beobachtete eine Spinne an der Decke.
Zoe hatte er sie getauft.
Das kleine Tier war im Dämmerlicht kaum zu sehen, doch er wusste genau wo sie sich befand. Seit Tagen schon ließ er sie nicht aus den Augen, während sie ihr kunstvolles kleines Netz spann.

„Black!“
Die tiefe, unfreundliche Stimme riss ihn unsanft aus seinen Beobachtungen.

Nur widerwillig blickte er auf.
Ein Mann mit roter Robe stand in der Tür.
Er kannte diese Roben.
Nicht viel hatte gefehlt und er selbst hätte eine solche getragen.
Doch das lag alles in einer längst vergangenen Zeit.
In einem anderen Leben.
Den Mann in der Robe kannte er nicht.
Kein vernünftiger Mensch kam freiwillig hierher. Und wer es doch einmal musste, vermied es daraufhin tunlichst, dass sich dieser Umstand wiederholte.

„Auf geht‘s Black, ein Tapetenwechsel ist angesagt.“

Na großartig, auch noch einer der meinte er hätte Humor.
Der Kerl konnte ihn mal gern haben.

Mit steifen Gliedern erhob er sich aus seiner kauernden Haltung und streckte sich ein wenig.

„Mach schon Black, ich bin heilfroh, wenn ich endlich hier raus bin.“

Er sollte sich beeilen.
Kein Problem.

Er machte einen Schritt nach vorn.
Mit dem zweiten Schritt wechselte er die Gestalt.
In den entsetzten Augen des Aurors erkannte er sein eigenes Spiegelbild: groß und zottig, die Zähne bedrohlich gefletscht.
Bereits im nächsten Augenblick hatte er ihn umgestoßen. Mit einem Krachen schlug der Kopf des Mannes auf dem Fußboden auf.
Ein Stöhnen entrang sich ihm, dann lag er still.
Der Hund zögerte nicht. Von seinen Instinkten getrieben stob er davon.

Hinaus.
Weg.
Weg von den dunklen Gestalten.
Fort von der Einsamkeit, der Verzweiflung.
Hinaus!
In die Freiheit!

 

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

 

Harry lief durch die schmalen Gassen. Er hatte es eilig. Es dämmerte bereits und Snape hatte mehr als deutlich klar gemacht, dass Harrys Privileg sich tagsüber frei draußen bewegen zu dürfen enden würde, wenn er auch nur ein einziges mal zu spät nachhause käme.
Er hatte noch eine knappe viertel Stunde Zeit, aber er wollte es nicht drauf anlegen.

Die erste Woche der Sommerferien waren vergangen und Harry hatte die letzten Tage damit verbracht die Gegend zu erkunden.
Ein paar Straßen von Spinner‘s End entfernt hatte er ein kleines, unscheinbares Jugendzentrum entdeckt.
Die Bude hieß es und war nichts Besonderes: ein kleiner Raum, ein Kicker, einige verschrammte Tische und Stühle, ein Regal mit Gesellschaftsspielen und ein junger Mann Namens Ralf, dessen Gesicht an allen möglichen und unmöglichen Stellen mit Metallringen geschmückt war, bildeten das gesamte Inventar.
Ralf arbeitete für das Jugendamt. Er sollte dafür sorgen, dass niemand sich daneben benahm.
Zunächst hatte Harry gezögert hineinzugehen, obwohl ein Schild an der Tür alle Jugendlichen zwischen zehn und achtzehn Jahren herzlich willkommen hieß, unabhängig ihrer Religion, Hautfarbe oder Herkunft.

Schließlich hatte Harry sich ein Herz gefasst und hatte sich zwischen die Muggel begeben.
Was sollte er auch befürchten?
Bis vor zwei Jahren hatte er nicht mal geahnt, dass er anders war als die Kinder dort drinnen und solange er niemandem etwas vorzauberte würde niemand etwas ahnen.

Zunächst hatte man ihn etwas schräg beäugt. Die Anwesenden schienen sich alle untereinander zu kennen und er war ein Fremder in ihrer Mitte.
Fast hätte Harry auf dem Absatz kehrt gemacht, als Ralf sich vom Kickertisch löste.
„Na, neu hier was? Ich bin Ralf und du?“
„Harry“, antwortete er etwas kleinlaut.
„Hi Harry. Ich könnte eine kleine Pause gebrauchen. Wie wär‘s wenn du für eine Weile meinen Platz hier einnimmst.“
Niemand erhob Einspruch und dankbar nahm Harry die Einladung an und übernahm Ralfs Platz am Kickertisch.
Er hatte noch nie gekickert, doch das Spielprinzip war simpel genug und seine schnellen Reflexe als Sucher machten ihn zu keinem einfachen Gegner.
Sein Mitspieler hieß Olli und war bestimmt zwei Jahre älter als er selbst. Olli trug eine zerschlissene Jeansjacke. Seine Haare waren zu einem Irokesen frisiert, die Spitzen blau gefärbt, der Ansatz neongrün.
Ihre Gegner waren Iliana und Sax. Die beiden schienen ebenfalls ein wenig älter als Harry und waren recht einfach, aber doch nach der neueren Mode gekleidet. Iliana sprach mit leichtem Akzent und rollte das R in einer interessanten Weise.

„Und Harry, woher kommst du so?“, fragte Olli.
„Spinner‘s End.“
„Hab dich da noch nie gesehen.“
„Ich wohne dort erst seit kurzem.“
„Cool. Dann herzlich willkommen. Auch wenn ich nicht verstehen kann, warum jemand freiwillig nach Cokeworth zieht.“
„Ich find‘s gar nicht so schlecht hier.“
„Na wenn du meinst, wart ab bis du hier ‘ne Weile gelebt hast. Dann merkst du schnell, wie öde es hier ist.“
Harry zuckte nur mit den Achseln.

Seitdem hatte Harry einen großen Teil seiner Freizeit mit Olli und den anderen in der Bude verbracht. Heute hatten sie vor allem da gesessen und geplaudert.
„Habt ihr die Nachrichten gestern Abend gesehen?“, hatte Iliana irgendwann gefragt.
„Welche?“
„Über diesen Mann, der gestern aus irgend so einer Einrichtung geflohen ist. Die haben gesagt, man soll unbedingt die Polizei anrufen, wenn man ihn sieht, weil er wohl dringend medizinische Hilfe braucht oder so, aber wenn ihr mich fragt, dann ist der Kerl eine Gefahr für die Gesellschaft, so wie der auf dem Bild aussah. Ganz abgemagert und mit so einem irren Blick. Ich hoffe die finden den bald wieder. So einem möchte ich nicht auf dem Heimweg begegnen.“ Sie schüttelte sich.
„Ist das denn hier in der Gegend passiert?“, fragte Harry.
„Das haben die nicht so genau gesagt, aber sie haben es in den Lokalnachrichten gebracht. Weit weg kann es also nicht gewesen sein.“
Wenn Harry in der Bude ankam, war der Rest der Truppe meist bereits versammelt. Und wenn er ging machte der Großteil von ihnen noch keinerlei Anstalten ebenfalls aufzubrechen.
Harry kam es beinahe ein wenig albern vor, dass er der einzige zu sein schien, von dem man erwartete, dass er pünktlich nachhause kam, doch gleichzeitig verschaffte es ihm ein angenehm warmes Gefühl zu wissen, dass jemand in Spinner‘s End auf ihn wartete.
Immerhin würde es jemandem auffallen, wenn er zu spät käme.
Er wollte sich nicht ausmalen, wie lange es dauern würde, bis jemand Iliana vermisste, sollte sie jemals einem Verrückten über den Weg laufen.

 

Ein Geräusch hinter ihm riss Harry aus seinen Tagträumen.
Er warf einen Blick über seine Schulter, doch da war niemand.
Er wandte sich wieder um … seine Augen weiteten sich vor Überraschung.
Direkt vor ihm saß ein riesenhafter Hund mit schwarzem, zottigem Fell.
Harry hatte mit Hunden nicht unbedingt die besten Erfahrungen gemacht. Onkel Vernons Schwester Magda züchtete Hunde und hatte einmal einen ihrer Lieblinge auf Harry gehetzt. Das Gefühl von Rippers Zähnen in seiner Wade war Harry noch all zu deutlich im Gedächtnis.
Dieser Hund jedoch, so groß er auch war, wirkte seltsamerweise überhaupt nicht bedrohlich. An einigen Stellen fehlten ihm ganze Büschel seines Fells und Harry war entsetzt, wie dünn das Tier war. Mit großen dunklen Augen blickte der Hund ihn an und klopfte mit dem Schwanz langsam auf das Pflaster.
„Na mein Großer, wo kommst du denn her?“
Vorsichtig berührte Harry den Hund am Kopf und tätschelte ihn unbeholfen, ehe er sich kraulend zu seinem Hals vorarbeitete auf der Suche nach einem Halsband. Es wunderte ihn nicht allzu sehr, dass er keines fand.
„Hmm, hast du kein Zuhause? Ich weiß nicht so recht, was ich mit dir machen soll.“
Der Hund lehnte sich gegen seine Finger und hechelte.
„Hast du Durst? Ich denke ich könnte dir etwas zu trinken besorgen, wenn du ein Stück mit mir kommst.“
Snape würde bestimmt nicht begeistert sein, wenn Harry einen streunenden Hund mit brachte, aber bestimmt würde er nichts dagegen haben, wenn Harry dem Hund eine Schale mit Wasser gab.
Es war wirklich heiß heute.
Vielleicht hatte Smila sogar einige Reste vom Kochen übrig, die Harry ihm geben konnte.
Er schob sich an dem Tier vorbei.
„Na los! Wenn ich zu spät komme, wird das nichts mit deinem Wasser, fürchte ich.“

Fast rechnete er damit, dass der Hund blieb, wo er war. Stattdessen erhob er sich und trottete brav neben ihm her, als wäre es das natürlichste der Welt, dass er an Harrys Seite ging, als gehöre er dort hin.
„Hmm, du scheinst mir gar nicht so wild, wie ich zuerst dachte. Hast du einen Namen? Ich bin Harry.“ Harry gluckste über sich selbst. „Ich rede mit einem Hund. Als ob du mich verstehen könntest. Bestimmt hast du einen Namen. Bello oder Spike oder Schnuffel.“
Der Hund stieß ein kurzes hohes Bellen aus.
„Schnuffel? Gefällt dir das?“
Der Hund wedelte mit dem Schwanz.
Harry grinste breit und tätschelte den Rücken des Hundes, der ihm fast bis zum Ellenbogen reichte. Falls der Hund morgen noch da wäre, würde er ihn Iliana zeigen. Mit so einem Tier an ihrer Seite würde kein Psychopath es wagen ihr auf dem Nachhauseweg aufzulauern.

 

Harry führte den Hund am Haus vorbei in den dahinter liegenden Garten.
Im Schuppen fand er einen kleinen Eimer.
Nachdem er ihn gründlich ausgespült hatte, füllte er ihn mit sauberem Wasser und stellte ihn vor den Hund. Das Tier trank gierig und rollte sich dann im Schatten eines Busches zusammen.
„Wenn du wartest, schau ich nach, ob ich was zu essen für dich finden kann.“
Der Hund wedelte einige Male träge mit dem Schwanz, dann schloss er die Augen.

Harry ging durch die Hintertür nach drinnen in die Küche und entledigte sich seiner Schuhe auf der Schwelle.
Smila würde ihm bestimmt nichts zu essen für den Hund geben, wenn Harry ihre saubere Küche mit seinen staubigen Schuhen beschmutzte.
„Smila?“
Keine Antwort. Vielleicht war sie einkaufen oder in ihrem Zimmer.
Dann würde er eben Snape fragen.

Bereits im Flur hörte er die Stimme, die lautstark aus Snapes Büro drang.
„Diese Vollidioten im Ministerium. Man fragt sich, was die sich dabei gedacht haben. Fast zwölf Jahre war er dort. Sie hätten einen Heiler mitbringen sollen. Jemand, der sich mit so etwas auskennt. Aber nein, stattdessen schicken sie diesen Stümper hin um ihn zu holen. Und der schafft es nicht nur sich von ihm überrumpeln zu lassen, sondern hat es auch noch versäumt zu erwähnen, worum es eigentlich geht. Und jetzt irrt er irgendwo da draußen rum, ohne dass irgendjemand sagen kann ob er in Gefahr ist oder nicht.“
Harry war sich ziemlich sicher, dass das Professor Lupins war der da sprach.
Snape antwortete ihm, wenn auch deutlich leiser, und Harry hatte Schwierigkeiten zu verstehen, was er sagte.
Vorsichtig schob er sich näher an die halb geöffnete Tür heran.
„… würde ja voraussetzen, dass er jemals bei klarem Verstand gewesen ist.“
„Severus. Kannst du nicht ein einziges Mal versuchen zu vergessen, was zwischen euch gewesen ist. Er war damals fast noch ein Kind, eine Junge mitten in der Pubertät. Er hat einfach nicht darüber nachgedacht, was er getan hat.“
„Denken war noch nie eine seiner besonderen Stärken, wenn du mich fragst. Jedem Erstklässler wäre klar gewesen, dass es keine besonders kluge Idee gewesen ist mich in einer Vollmondnacht in den Bau eines Werwolfs zu locken.“
„Ich schwöre dir: James und ich haben ihm dafür ordentlich die Hölle heiß gemacht. Die Vorstellung, was passiert wäre, wenn ich… Ich verstehe, dass du noch immer furchtbar wütend auf Sirius bist, aber hier geht es um mehr. Er kann nichts dafür, dass er damals keinen ordentlichen Prozess bekommen hat und mir nichts dir nichts nach Askaban gewandert ist.“
„Typisch Ministerium. Wobei die Sache damals schon recht offensichtlich schien. Die halbe Straße gesprengt. Die Potters tot. Pettigrews letzte Worte . All die Zeugen...“
„Und im Nachhinein stellt sich das ganze doch um einiges anders dar. Ich kann es kaum erwarten, dass sie Peter endlich den Prozess machen! Ich frage mich langsam, warum sie dafür so lange brauchen. Immerhin ist es mehrere Wochen her, dass wir ihn den Auroren übergeben haben!“
„Wahrscheinlich suchen sie nach einem Weg mit dem sie weniger dumm dastehen. Das wird ein gefundenes Fressen für Fudges Gegner. Rita Kimmkorn wird nicht mehr zu stoppen sein sobald sie Wind von der Sache bekommt.“
„Ein Wunder, dass das noch nicht geschehen ist. Ich sage dir, wenn die nicht bald zu Potte kommen, könnte es gut sein, dass jemand dem Propheten einen anonymen Tipp gibt.“
„Immerhin haben sie Black unverzüglich begnadigt.“
„Und dabei versäumt ihm das auch mitzuteilen und jetzt irrt mein Freund irgendwo da draußen herum.“

„Was machst du da?“
Beinahe hätte Harry laut aufgeschrien. Er war so darauf konzentriert gewesen dem Gespräch zu folgen, dass er nicht bemerkt hatte, dass Smila an ihn herangetreten war.
„Ich … ähm… ich.“
„Ich denke, wenn Severus gewollt hätte, dass du bei dem Gespräch anwesend bist, hätte er dich dazu eingeladen.“
Harry spürte wie er rot wurde.
„Los, komm besser, bevor er dich noch zu Schülerragout verarbeitet.“
Beschämt folgte Harry ihr in die Küche.
„Warum hast du deine Schuhe in der Hand?“
Fast hatte Harry vergessen, warum er überhaupt nach Snape gesucht hatte.
„Sag mal Smila, haben wir zufällig irgendwelche Essensreste? Mir ist da auf dem Nachhauseweg ein Hund begegnet. Riesengroß, aber wirklich zahm. Er sieht halb verhungert aus. Meinst du wir haben etwas für ihn übrig?“
Bei den Dursleys hätte er sich niemals gewagt so etwas auch nur zu denken. Aber hier in Spinner‘s End war alles anders.
„Du hast das Vieh doch hoffentlich nicht mit ins Haus gebracht, oder?“
„Nein, nein. Er ist draußen im Garten.“
„Hmm. Ich denke schon, dass ich etwas für das Tier finden könnte. Aber nur wenn du mir versprichst, dass du später mit Severus darüber redest. Verstanden?“
Harry nickte und die Elfe machte sich auf die Suche nach einigen Nahrungsmitteln, die ihr für den Hund geeignet schienen.

Chapter 2: Ein Traum?

Chapter Text

„Und was hast du jetzt mit ihm vor?“
Snape stand an den Türrahmen der offenen Hintertür gelehnt, die Arme verschränkt und blickte Harry mit hochgezogenen Augenbrauen an. Der Hund hatte sich nach seinem Festmahl unter den Büschen zusammengerollt und schien tief und fest zu schlafen.
„Ich weiß noch nicht genau. Für einen richtigen Streuner scheint er mir doch etwas zu zutraulich zu sein. Meinen Sie nicht? Vielleicht ist er irgendwo in der Nähe fortgelaufen. Ich dachte ich hänge morgen Zettel aus. Vielleicht kennt ja jemand die Besitzer.“
„Und wenn sich niemand meldet?“
„Ehrlich gesagt weiß ich nicht so ganz genau. Vielleicht könnte der Hund ja eine Weile hier im Garten leben, bis ich jemanden finde wo er bleiben kann.“
„Hmm.“
„Ich verspreche, ich werde mich um alles nötige kümmern.“
Der Professor schwieg einen Moment.
„Das Vieh kommt nicht ins Haus. Und wenn er irgendetwas zerstört, werfe ich ihn raus. Verstanden?“
„Ja, Sir. Vielen Dank.“
Snape machte eine abwinkende Geste.
„Nun gut. Nachdem das geklärt ist, würde ich sagen es ist höchste Zeit zum Abendessen. Smila scharrt hinter mir schon mit den Füßen.“

 

 

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Der Mann kniete am Boden vor einem großen Lehnsessel, einen dunklen zerschlissenen Umhang um die Schultern, das graue, dünne, verfilzte Haar hing weit bis über seine Stirn. Ehrerbietig hielt er den Kopf gesenkt, sodass von seinem Gesicht nichts zu erkennen war.
Der Boden war mit einer dicken Staubschicht bedeckt, der Raum nur unzureichend von einigen Kerzen erleuchtet, während die Fenster von schweren Vorhängen verdeckt wurden.
„Und so kehrst du schließlich doch zu mir zurück.“
Die Stimme schien aus dem Lehnsessel zu kommen, doch über die hohe Kante hinweg konnte er niemanden darin erkennen.
„Mein Lord, ihr wisst nicht, wie sehr ich versucht habe...“
„Schweig! Ich weiß genau, warum du ausgerechnet jetzt zu mir kommst, Wurmschwanz. Du hast Angst. Du bist ein Feigling. Doch du hast großes Glück, denn tatsächlich habe ich zur Zeit Verwendung für jemanden wie dich. Und solltest du dich als würdig erweisen, kannst du dir meiner ewigen Gunst gewiss sein.“
„Ihr seid wirklich zu gütig, mein Lord.“
„Spar dir dein Geschmeichel. Mach dich lieber auf die Suche. Selbst du solltest in der Lage sein mir zu beschaffen, was ich brauche.“
„Und der Junge?“
„Um den kümmern sich andere. Du glaubst doch nicht etwa, dass du der einzige bist, der den Weg zu mit gefunden hat. Und damit du nicht vergisst, wem du dienst:
Cruccio!“

 

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Mit einem Aufschrei fuhr Harry aus dem Schlaf hoch. Seine Narbe brannte als würde sie von flüssigem Feuer durchströmt. Der Schmerz blendete ihn und verhinderte jeden klaren Gedanken.
Ganz wage am Rande seines Bewusstsein hörte er wie eine Tür aufgerissen wurde.
Irgendwo der Nähe bellte ein Hund.

„Harry?!“

Lange dünne Finger berührten ihn an der Schulter.
Keuchend saß er da, die Hände an die Stirn gepresst, nicht in der Lage zu antworten.
„Harry, ich muss wissen, was dir fehlt, damit ich dir helfen kann.“
Ein Stöhnen war alles, was er zu Stande brachte.
Ein Raschel. Ein Prickeln in der Luft.
Kurz darauf hielt man ihm etwas an die Lippen.
Er dachte nicht lange darüber nach, was er tat. Reflexartig schluckte er die kühle Flüssigkeit.
Fast augenblicklich ließ der Schmerz ein wenig nach. Er verschwand nicht vollständig, doch die Spitzen wurden erst stumpf, dann flach.
Langsam kehrte seine Sicht zurück.
„Argh.“ Er rieb sich die noch immer pochende Narbe.
„Besser?“ Snape legte ihm eine Decke um die Schultern.
„Ein bisschen.“ Erst jetzt spürte er, dass sein Schlafanzug von Schweiß durchtränkt war und er am ganzen Leib zitterte.
Ihm war schlecht.
„Schmerzt deine Narbe?“
Ein Kopfnicken.
„Passiert das häufiger?“
Harry zögerte, schüttelte mit dem Kopf und zuckte schließlich mit den Schultern.
„Bisher hat sie nur dann weh getan, wenn Voldemort in der Nähe war, aber nicht so. Das war irgendwie anders. ...Ich glaube ich habe von ihm geträumt.“
Er spürte wie der Professor neben ihm sich versteifte.
„Und was genau hast du geträumt?“
Harry dachte angestrengt nach. Wie so oft, wenn er einen Albtraum hatte, verschwand die Erinnerung daran mit jeder Sekunde mehr und mehr.
„Da war ein Mann bei ihm. Voldemort hat ihm einen Auftrag gegeben … ich…ich weiß nicht mehr genau worum es ging...“
Frustriert raufte er sich die Haare.

Snape überlegte kurz.
„Harry, würdest du mir erlauben in deinen Kopf zu schauen, damit ich mir eine Bild von deinem Traum machen kann?“, fragte der Professor schließlich.

 

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„Was?!“ Harry riss den Kopf hoch und blickte ihn entsetzt an.
„Es gibt für mich eine Möglichkeit in deine Gedanken zu blicken.“
„Sie können in meinem Kopf herum wühlen, wann immer es ihnen passt?“, fragte Harry und in seiner Stimme schwangen Wut, Entrüstung und Enttäuschung.
„Ich könnte, aber ich verspreche dir, weder habe ich es bisher getan, noch werde ich es gegen deinen Willen tun.“
„Aber es war doch nur ein Traum. Ein Albtraum. Zugegeben, ein sehr realer Traum aber ...“
„Vielleicht ist es nur ein Traum gewesen, Harry, aber die Sache ist zu wichtig um es einfach dabei zu belassen. Ich denke zwischen dir und dem dunklen Lord ist damals, als er versucht hat dich zu töten irgend eine Verbindung entstanden. Und genau das ist es, was mich jetzt beunruhigt.“
„Aber ...“
„Ich verspreche dir, ich werde mir nur den Traum ansehen. Ich werde nicht tiefer in deinen Geist eindringen. Ich werde nicht nach anderen Dingen suchen.“
Der Junge zögerte, doch schließlich nickte er und rutschte ein wenig beiseite um Severus Platz zu machen.
Der Professor ließ sich auf der Kante des Bettes nieder.

„Wie funktioniert das jetzt? Muss ich irgendetwas tun?“
Severus legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Versuch dich zu entspannen. Schau mir einfach in die Augen. Es geht ganz schnell. Bereit? Legilimens .“

Severus spürte wie sein Geist sich aufteilte und in die Gedanken des Jungen eindrang.

Es war wie immer ein berauschendes und gleichzeitig verstörendes Erlebnis.
Das eigene Ich trat in den Hintergrund und mischte sich mit dem Fremden ohne jedoch vollständig zu verschwinden.
Schon vor langem hatte Severus festgestellt, dass kein Geist dem anderen glich.
In Harrys Geist herrschte eine seltsame Form geordneten Chaos. Auf den ersten Gedanken schien es keinerlei Struktur, keine Logik zu geben, wie der Junge seine Erinnerungen abgespeichert hatte.
Es fiel Severus ungewöhnlich schwer den erst so kürzlich zurückliegenden Traum ausfindig zu machen. Er hatte erwartet, dass das Ereignis noch frisch im Vordergrund zu finden sei. Doch Harrys Geist hatte keinen Vordergrund und keinen Hintergrund. Ereignisse die lange Vergangen waren lagen dicht an dicht mit solchen, die erst kürzlich geschehen waren.
Er hatte versprochen sich nur auf den Traum zu konzentrieren und blickte daher nicht zu tief in diese anderen Erinnerungen. So brauchte er eine ganze Weile, bis er das Muster erkannte: Freudiges lag neben freudigem, trauriges neben traurigem. Nachdem er das verstanden hatte war es einfacher. Zielsicher steuerte er die Gedanken an, die dem Jungen Angst machten und mit einem Mal gab es doch so etwas wie Vordergrund und Hintergrund, während er sich durch eine Mauer an Gefühlen zu den düstereren Gedanken vorarbeitete.
Ein paar mal begegneten ihm kurze Ausschnitte aus Harrys Kindheit. Der dicke Dursley und sein fetter Sohn, die dürre Petunia, einige fies drein blickende Jungen. Ein kleiner Köter mit spitzen Zähnen.
Ein enger dunkler Raum ohne Fenster.

Einsamkeit.

Er gab sich Mühe nicht zu viel davon in sich aufzunehmen, doch die Eindrücke waren so vielfältig, dass er nicht alle von ihnen abblocken konnte und schließlich suchte er ja etwas in diesem Wirrwarr.
Endlich fand er es.
Im letzten Winkel von Harrys Geist gab es einen Bereich, der noch dunkler schien als die Abschnitte davor.
Severus war bereits in vielen Köpfen herum gestreift, doch so etwas war ihm bisher noch nicht begegnet. Die Finsternis war fast greifbar und schien sich endlos verjüngend in die Peripherie auszudehnen.
Irgendwo weit fort in seinem Körper spürte er ein leichtes Brennen an seinem Unterarm, dumpf und abgestumpft durch die Entfernung und doch vertraut, als sei es erst gestern gewesen, dass man ihn zuletzt gerufen hatte.
Interessant.
Damit würde er sich definitiv weiter beschäftigen müssen.
Er griff nach der nächsten Erinnerung, die an ihm vorbei trieb.

Er spürte, dass es die richtige war noch bevor die Szene sich vollständig vor ihm entfaltete…

 

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„Es ist ein Wunder, dass die Zauberergesellschaft bis heute überlebt hat, wenn man bedenkt mit welch hochkarätigen Koryphäen wir im Ministerium bestückt sind. Diese Vollidioten! Da präsentiert man ihnen Pettigrew auf dem silbernen Tablett und in nicht einmal einem Monat hat er es geschafft ihnen wieder zu entwischen. Argh!“
Frustriert warf Severus sich in seinen Sessel vor dem Kamin.
„Bist du denn wirklich sicher, dass es Peter war? Vielleicht hat jemand...“
„Ich habe ihn gesehen Lupin! Ihn und den dunklen Lord!
Er träumt gelegentlich von ihm, sagt er. Aber ich war in seinem Kopf, Lupin. Ich weiß, wie sich ein Traum anfühlt, wenn ich einem begegne. Und das was Harry da erlebt, sind keine Träume. Vielleicht sind es Visionen, vielleicht gibt es irgendeine Verbindung zwischen den beiden, die wir nicht verstehen, aber ich bin sicher, dass das was ich gesehen habe kein Traum war1
Pettigrew ist entkommen und ist zum dunklen Lord zurückgekehrt und wenn ich das, was ich gehört habe richtig verstehe, ist Harry in großer Gefahr.“
„Wo steckt er eigentlich?“ Dem Wolf schien soeben die Erkenntnis gekommen zu sein, dass der Junge nirgends zu sehen war.
„Im Bett, wo er hingehört. Der Junge war fix und fertig, nachdem ich in seinem Kopf herum gewühlt habe. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig sein würde zu finden wonach ich gesucht habe, aber ich musste einfach sicher sein.“
Severus rieb sich selbst mit den Fingern über die pochenden Schläfen.
Harry war nicht der einzige, der nicht gerade in Bestform aus der Sache hervorgegangen war.

„Du könntest deine Elfe bitten, dass sie dir einen Kopfschmerz-Trank aus deinen Vorräten holt.“
„Erstens kann ich das sehr gut selbst, zweitens hat sie heute ihren freien Tag und drittens habe ich den letzten Harry gegeben. Und wo um alles in der Welt steckt eigentlich Dumbledore?! Wie lange kann eine solche Unterredung mit dem Minister denn schon dauern?“
Er erhob sich und fing von neuem an vor dem Kamin auf und ab zu schreiten.
So seltsam es klang, er war froh darüber, dass der Wolf so schnell gekommen war. Wahrscheinlich hätte er aus Frust, wäre er alleine gewesen bereits sein halbes Wohnzimmer in Schutt und Asche gelegt.
Seine Finger prickelten vor Magie.
„Wie schaffst du es nur so ruhig zu bleiben, Lupin?“
Der Wolf zuckte mit den Achseln und veränderte ein wenig seine Position im Sessel.
„Dass das Ministerium unfähig ist, haben sie in meinen Augen zu genüge bewiesen. Darüber zerbreche ich mir nicht mehr den Kopf. Und was Peter angeht, er wird es noch bereuen, dass er sich nicht einmal, sondern gleich zweimal für den falschen Herrn entschieden hat.“
Für eine Sekunde leuchteten seine Augen bernsteinfarben auf. Sein finsteres Lächeln zeigte Eckzähne, die ein wenig zu lang schienen.
Der Vollmond stand kurz bevor und Severus war froh, inzwischen auf einer Seite mit dem Wolf zu stehen.
Lupin blinzelte und der Wolf in ihm zog sich zurück.
„Wie wäre es mit einer Tasse Tee, während wir auf Dumbledore warten? Nein, du setzt dich. Du brauchst definitiv ein wenig Ruhe. Du siehst furchtbar aus“, fügte er hinzu, als Severus Anstalten machte zur Tür zu gehen.
Etwas widerwillig ließ er sich von dem Wolf zu seinem Sessel schieben und nahm Platz.
„Das dritte Regalbrett im rechten Schrank über dem Herd. Die Kanne findest du auf der Spüle.“
„Bin gleich wieder da. Und mach inzwischen keinen Unsinn. Verstanden?“
Severus nickte und ließ sich etwas weiter in den Sessel sinken. Er schloss die Augen gegen das Pochen in seinem Kopf.
Ein toller Tränkemeister war er, dass ihm so etwas simples wie ein Trank gegen Kopfschmerzen ausging. Natürlich hätte er jederzeit einen neuen brauen können, doch gerade jetzt fehlte ihm dazu die Muse.
Fudge würde sich besser etwas gutes einfallen lassen, wie er helfen würde Harry zu schützen. Er selbst war schließlich nur ein einziger Mann und er würde nicht immer und überall um Harry herum sein können. Vor allem nicht, wenn das Schuljahr wieder anfing.
Nein, dazu würde mehr nötig sein, als ein einzelner Zauberer. Die anderen Schüler sollten schließlich auch nicht in Gefahr geraten.
Er ließ seine Gedanken frei treiben.
Langsam gelang es ihm etwas von seiner Selbstbeherrschung wieder zu finden, die ihm schlagartig abhanden gekommen war, als er Voldemorts Präsenz in Harrys Traum wahrgenommen hatte.
Ja, er hatte danach gesucht. Fast schon damit gerechnet. Aber es war dennoch ein Schock gewesen.

 

Klirr

 

Fortsetzung folgt

Chapter 3: Der Mann im Hundepelz

Chapter Text

Dem Klirren von Porzellan folgte das Bellen eines großen Hundes.
Den verdammten Köter hatte er völlig vergessen!
Das Bellen wandelte sich zu einem hohen Winseln.
Mit einem Ächzen erhob er sich schwerfällig aus dem Sessel und machte sich äußerst widerwillig auf den Weg in die Küche.

 

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Mit Scherben hatte er gerechnet. Mit Lupin und dem Köter auch.
Womit er nicht gerechnet hatte, war Lupin, der in mitten der Scherben kauerte und den Hund eng umschlungen hielt, als hinge sein Leben von ihm ab.
Severus hielt auf der Türschwelle inne und zückte den Zauberstab.
„Reparo.“
Der Werwolf riss den Kopf zu ihm herum. Seine Augen blitzten bernsteinfarben.
„Halb Großbritannien habe ich in den letzten Tagen nach ihm durchkämmt. Und die ganze Zeit ist er hier gewesen. Direkt vor meiner Nase.“
„Wer ist hier gewesen?“ Severus hatte das ungute Gefühl, ein entscheidendes Teil zur Lösung des Bildes, das sich ihm bot, verpasst zu haben.
„Er natürlich!“ Lupin wischte sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen und kraulte den Hund spielerisch hinter dem linken Ohr.
„Die Flohschleuder?“
Der Hund knurrte. Es klang schon fast, als wäre er beleidigt.
„Ich glaube nicht, dass er gerne so genannt wird, Severus. Zugegeben, ein Bad würde ihm gewiss nicht schaden, aber wir wissen alle, dass Askaban nicht gerade für seine Hygienestandards bekannt ist.“
Severus dämmerte nun langsam worum es hier ging.
„Das ist Black?!“
Als hätte er nur auf sein Stichwort gewartet, sprang der Hund einen Schritt von Lupin zurück. Noch in der Bewegung verzerrten sich seine Konturen, wurden unscharf, streckten sich in die Höhe, bis schließlich der schmutzigste und ungepflegteste Mann in seiner Küche stand, den er je gesehen hatte.

Black stand hier in seiner Küche.

Sirius Black.
Vollkommen nackt.

Fast reflexartig hob er den Zauberstab.

Blacks Mund verzog sich zu einem grotesken Lächeln, dann machte er eine übertriebene Verbeugung. „So begegnet man sich wieder.“ Seine Stimme klang rau, als hätte er sie seit langem nicht benutzt.
„Was machst du hier?“ Severus bemühte sich nicht einmal, seine Stimme auch nur annähernd freundlich klingen zu lassen.
„Auf meinen Patensohn aufpassen, natürlich.“ Black zuckte dazu mit den Schultern, als wäre es das naheliegendste auf der Welt.
„Zugegeben, ich war überrascht als ich verstanden habe, in wessen Garten er mich da geführt hat. Aber aus irgendeinem mir unverständlichen Grund scheint Harry sich in deiner Gegenwart wohl zu fühlen. Ich habe es gerochen. Und da wurde ich neugierig.“
„Und da dachtest du in Köterform kannst du uns ganz entspannt hinterher spionieren!“
Black setzte seine beste Unschuldsmiene auf.
Wie damals!
„Spionieren ist so ein hässliches Wort. Meinst du nicht? Gerade du kennst dich doch vorzüglich damit aus, Schniefelus.“
Severus war kurz davor den Mann zu verfluchen, als er das Tapsen nackter Füße auf der Treppe vernahm.
„Accio Umhang.“
Von der Garderobe flog einer seiner Umhänge in seine Hand. Mit einer raschen Bewegung warf er ihn Black zu.
„Anziehen“, zischte er.
Black schaute verdutzt von dem Stoff in seinen Händen zu Severus und wieder zurück.
„Sofort!“
Lupin ergriff kurzer Hand den Umhang und streifte ihn Black über.
Keinen Moment zu früh. Einen Augenblick später trat Harry neben Severus über die Türschwelle.
„Ich dachte, wir könnten etwas Tee...“ Seine Worte brachen abrupt ab, als er die beiden Männer in der Küche erblickte.
„Oh, ähh… Hallo.“ Er drehte sich zu Severus um. „Ich wollte nicht stören. Ähm… ich geh dann einfach wieder nach oben...“
Severus hielt ihn an der Schulter fest, als er sich an ihm vorbei schob.
„Bleib.“

 

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Die Spannung in der Küche schien fast greifbar, als Harry über die Schwelle trat.
Snape stand mit dem Rücken zu ihm, den Zauberstab in der Hand, ihm gegenüber Professor Lupin und neben diesem ein etwas verwahrlost aussehender Mann in einem etwas zu langen schwarzen Umhang von dem Harry sich fast sicher war, dass er eigentlich Snape gehörte.

Sein Rückzugversuch wurde von Snape vereitelt.

Und nun saß er hier zwischen den drei Erwachsenen und versuchte zu begreifen, was sie ihm in der letzten Stunde erklärt hatten.
„Also wurden meine Eltern von diesem Peter verraten, aber alle haben gedacht Sie wären es gewesen und Sie haben daraufhin mehr als zehn Jahre in einem Zauberer-Gefängnis verbracht, aus dem Sie dann ausgebrochen sind obwohl man Sie eigentlich begnadigt hat?“
Der fremde Mann zuckte mit den Schultern.
„Ich muss gestehen, wenn du es so ausdrückst klingt es in der Tat ein wenig dämlich, aber zu meiner Verteidigung, ich wusste bis jetzt nichts von meiner Begnadigung. Vielleicht hätte ich es trotzdem genauso gemacht, wenn ich es gewusst hätte, nur um des Ministeriums Willen.“ Er stieß ein kaltes Lachen aus, das Harry alles andere als beruhigend fand.
Was immer in Askaban mit diesem Mann geschehen war, es schien seiner geistigen Verfassung nicht gerade zuträglich gewesen zu sein. Harry war sich zunächst nicht sicher gewesen, ob der Mann überhaupt begriffen hatte, was es bedeutete, dass man ihn begnadigt hatte. Immer wieder verlor sich sein Blick für einige Sekunden ins Leere und er schien Mühe zu haben seine Gedanken zu ordnen, wenn er sprach.
„Ich bin wirklich froh, dass ich dich so schnell gefunden habe, Harry.“
„Sie haben gezielt nach mir gesucht?“
„Selbstverständlich. Schließlich bin ich dein Pate.“
„Oh.“ Viel mehr fiel ihm dazu im Moment nicht ein und er warf Snape einen etwas unsicheren Blick zu.
„Ich denke, Black, Harry wird einige Zeit brauchen, damit er dich ein wenig besser kennen lernen kann.“
Sirius Black dachte über Snapes Worte nach. Für einen kurzen Moment meinte Harry so etwas wie Widerspruch in seinen Augen aufblitzen zu sehen, doch der Moment verging und wieder trat der etwas leere Blick an seine Stelle. Er nickte stumm.
Professor Lupin ergriff das Wort. „Vielleicht ist es für heute auch erst einmal genug. Vielleicht können wir uns morgen erneut treffen. Zum Tee?“ Der letzte Teil war an Snape gerichtet, der nach kurzem Zögern zustimmte.
Sirius Black setzte zum Protest an, doch Lupin ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Keine Widerrede Tatze, du stinkst, du brauchst dringend ein Bad und eine ordentliche Mahlzeit. Von Morgen an ist genug Zeit über alles zu reden.“
Jeder andere wäre vielleicht beleidigt gewesen, doch auf Sirius Blacks Gesicht breitete sich ein kleines Lächeln aus und zum ersten Mal meinte Harry zu erahnen, was seine Eltern dazu bewegt haben konnte den Mann als ihren Freund zu wählen.
Die beiden erhoben sich. Black schaute kritisch an sich hinab und zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe. Es schien, als nähme er sich selbst nach langer Zeit zum ersten Mal wieder wahr. „Ich glaube fast du hast recht, Moony alter Freund.“ Ohne ein weiteres Wort begannen seine Konturen vor Harrys Augen zu verschwimmen, sich zusammenzuziehen und wieder auszudehnen und wo zuvor noch ein schmutziger, abgemagerter Mann gestanden hatte, stand nun ein großer zottiger schwarzer Hund.
Hätte Harry etwas ähnliches nicht bereits einmal bei Professor McGonagall gesehen, hätte er mit Sicherheit laut aufgeschrien. So aber starrte er nur irritiert auf den Hund vor sich.
„Auf geht‘s Tatze“, sagte Professor Lupin und öffnete die Hintertür für den Hund.
Der Hund wandte sich zur Tür, drehte sich dann noch einmal zu Harry um, kroch unter dem Tisch hindurch und rieb seine feuchte Nase gegen Harrys Knie.
Etwas unsicher tätschelte Harry ihm den Kopf. Das ganze war irgendwie einfacher gewesen, als er nicht geahnt hatte, dass in dem großen Tier ein Mensch steckte.
Noch dazu sein Pate, von dem er bisher nichts geahnt hatte.
Der Hund bellte kurz auf, wedelte mit dem Schwanz und wetzte dann an Professor Lupin vorbei zur Tür hinaus.
Der Professor folgte ihm kopfschüttelnd mit einem breiten Lächeln.

Dann war es still.

Harry und Snape saßen allein am Tisch. Nur die vier Teetassen und die schwarze Robe auf dem Fußboden kündeten von ihrem ungewöhnlichen Besuch.
Neben ihm stieß der Professor ein tiefes Seufzen aus und rieb sich mit Zeigefinger und Daumen über die Nasenwurzel. Er sah mit einem Mal an die zehn Jahre älter aus.
„Professor?“, fragte Harry zaghaft.
Sofort straffte Snape die Schultern und setzte sich etwas gerader auf seinem Stuhl.
Er gab sich alle Mühe, doch er sah einfach nur erschöpft aus.
„Bestimmt hast du viele Fragen, Harry. Ich bin nicht sicher, ob ich sie dir alle beantworten kann. Ich muss gestehen, die Ereignisse des Tages haben mich ein wenig überrumpelt.“
„Vielleicht könnten wir im Wohnzimmer weiterreden, Sir.“
Snape nickte und erhob sich. Im Gehen hob er seine Robe vom Boden auf und musterte sie mit leicht angeekeltem Blick.
Harry nahm sie ihm aus der Hand.
„Ich nehme die mit. Ich muss sowieso noch kurz für kleine Jungs. Da kann ich sie auch gleich in den Wäschekorb werfen. Wir treffen uns im Wohnzimmer.“
Damit verschwand er im Flur.

Er ließ sich extra viel Zeit.

Als er später ins Wohnzimmer trat, saß Snape wie erwartet in seinem liebsten Lehnsessel.
Die Falten auf dem Gesicht des Professors hatten sich ein wenig geglättet, während er tief und fest schlief.
Harry nahm eine Decke von der Couch und legte sie ihm vorsichtig über.
So leise wie er gekommen war verließ er den Raum und ging zurück in die Küche.
Er räumte den Tisch ab, spülte die Tassen und kochte frischen Tee.

Zum Reden würden sie später noch genügend Zeit haben.

Chapter 4: Wirklichkeit

Notes:

Hallo zusammen,
hier endlich das nächste Kapitel.
Ich hoffe es gefällt euch. Schickt mir doch eine kurze Nachricht oder Kudo und lasst mich wissen, was ihr denkt.

Ich hoffe Ihr seid alle wohl auf.
Liebe Grüße und bis bald
Waltraud

Chapter Text

„Also hat dieser Pettigrew es geschafft, dass man Sirius statt seiner für den Geheimniswahrer hielt und diese Muggel getötet und das ganze Sirius in die Schuhe geschoben, während alle ihn für tot hielten?“
„So ungefähr. Ja.“
Sie saßen am Küchentisch. Zwischen sich eine große Kanne Tee.
„Aber wie hat er das gemacht?“
Es schien als würde sich Harry nicht mit einer einfachen Zusammenfassung der Geschichte zufrieden geben.
„Soweit wir es verstehen, hat er sich selbst einen Finger abgeschnitten und sich aus dem Staub gemacht. Ob er nun appariert ist oder sich in eine Ratte verwandelt hat … wer kann das schon mit Sicherheit sagen. Der einzige, der das weiß, ist Pettigrew selbst.“
„Und wie hat das Ministerium ihn geschnappt?“
Severus zögerte. Schließlich entschied er sich für die Wahrheit.
Oder zumindest einen Teil davon.
„Es war Lupin, der ihn wiedererkannt hat. Pettigrew hat wohl einige Zeit in Hogwarts verbracht. Als Ratte.“
„Warum ausgerechnet dort?“
Severus zuckte mit den Achseln. „Pettigrew war noch nie der Klügste. Er wollte wohl auf dem Laufenden bleiben. Hätte er sich bei irgendeinem alten Zauberer einquartiert, wäre er wahrscheinlich niemals aufgeflogen.“
„Aber jetzt ist er entkommen und zu Voldemort zurückgekehrt.“
„Zumindest nehmen wir das momentan an.“
Sie schwiegen eine Weile.

„Rons Ratte Krätze ist verschwunden“, sagte Harry unvermittelt.
„Ist das so?“, er bemühte sich möglichst unbeteiligt zu klingen.
„Wussten Sie, dass Krätze eine Kralle fehlte? Wirklich ein ungewöhnlicher Zufall, finden Sie nicht?“
Sein Schweigen schien Antwort genug und Harry vergrub kurz das Gesicht in den Händen.
„Oh man. Ron hat mit ihm in einem Bett geschlafen. Wenn er das jemals erfährt dreht er durch!“ Dann riss er plötzlich den Kopf hoch. „Er hat mit mir einen Schlafsaal geteilt. Warum hat er nie die Gelegenheit genutzt?“
„Du meinst, warum er dich nicht getötet hat, solange er die Gelegenheit dazu hatte?“
Harry nickte.
„Ich denke er wollte sich alle Optionen offen halten. Ich glaube nicht, dass er ein fanatischer Anhänger Voldemorts ist. Er hat nur so gehandelt, wie er für sich dachte den größten Vorteil erlangen zu können.“
„Hmm.“

„Und was passiert nun?“, fragte Harry schließlich.
„Zunächst müssen wir abwarten. Aber glaub mir, wenn ich dir sage, dass unsere Seite nicht untätig ist. Vorerst kannst du allerdings nicht mehr alleine durch die Nachbarschaft ziehen. Ich hoffe du verstehst das.“
Harry nickte und Severus hatte den Eindruck sich darauf verlassen zu können, dass er keine Dummheiten machte.
Wenn man mit dem Jungen mit offenen Karten spielte, konnte er überraschend vernünftig sein.

 

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Es verging gerade einmal eine weitere Stunde ehe es an der Tür klingelte.
Harry hatte noch nicht halb den Flur durchquert, als Snape an ihm vorbei stürmte, den Zauberstab in der Hand. An der Tür blieb er stehen und bedeutete Harry ein wenig zurückzubleiben.
Er malte ein kompliziertes Muster auf die Innenseite der Tür und vor Harrys Augen wurde die Tür durchsichtig.
Auf der anderen Seite stand Professor Dumbledore.
„Was habe ich dir geantwortet, als du mir eine Stelle als Lehrer angeboten hast?“
„Dass ich verrückt sein müsste, wenn ich glaubte, dass es dir gelingen würde ein Klassenzimmer voll pubertierender Affen in Schach zu halten.“
Snape öffnete die Tür und trat einen Schritt zurück. Draußen war es bereits finster.
Dumbledore schritt über die Schwelle.
„Guten Abend, Harry. Ich hoffe du verstehst, wenn Professor Snape und ich uns eine Zeit lang ohne dich unterhalten müssen.“
Harry warf Snape einen fragenden Blick zu. Der Professor nickte grimmig.
„Ich komme zu dir, sobald wir fertig sind.“

Harry war wirklich neugierig worum es ging, doch er fügte sich und stieg die Treppe hinauf, während die beiden Erwachsenen sich ins Wohnzimmer begaben.
Am oberen Treppenabsatz blieb er stehen. Was konnte er tun um sich die Zeit zu vertreiben?
Sein Blick fiel auf die geschlossene Bibliothekstür.
Ein neues Buch wäre gewiss eine adäquate Ablenkung.

Mit einem Buch über Animagi in der Hand machte er sich auf den Weg in sein Zimmer und setzte sich auf das Bett, das Buch auf den Knien.
Den ersten zwei Seiten konnte er noch problemlos folgen, doch schon bei der dritten Seite bemerkte er, dass er die Worte las, ohne sie wirklich zu begreifen.
Das leichte Pochen in seiner Narbe war zurück.
Vielleicht sollte er heute etwas früher zu Bett gehen. Er würde schon wach werden, wenn Snape herauf kam.
Er legte das Buch auf den Nachttisch, griff sich seinen Schlafanzug und machte sich auf den Weg ins Badezimmer.

Das Licht der Badezimmerlampen stach ihm in den Augen. Ihr greller Schein machte alles seltsam unwirklich.
Harry spürte wie sein Magen sich verkrampfte.
Obwohl er den ganzen Tag kaum etwas gegessen hatte, war ihm plötzlich schlecht.
Gänsehaut jagte ihm über den Rücken.
In seinem Mund bildete sich ein metallischer Geschmack.
Er legte seinen Schlafanzug auf den Rand des Waschbeckens und ging langsam neben der Toilette in die Knie, während er mit zitternden Händen den Klodeckel hoch klappte.
Seine Gedanken waren ungewöhnlich träge.
Er starrte in das Wasser am Grund der Toilette.
Sein Atem brachte die Oberfläche zum Wanken und er verlor den Fokus. Er schloss die Augen gegen den plötzlichen Schwindel, der ihn ergriff.
Sein Magen zog sich zusammen. Es schmerzte nicht, doch er fühlte es.
In seinem Mund sammelte sich Speichel.
Krampfhaft schluckte er die schleimige Flüssigkeit hinunter. Kaum auf halben Weg merkte er, dass das keine gute Idee gewesen war.
Mit einem feuchten Geräusch zwang sich eine große Luftblase seine Speiseröhre hinauf.
In seinem Rachen kitzelte es unangenehm.
Sein Atem ging schneller.
Ein saurer Geschmack mischte sich mit dem metallischen und ließ ihn würgen.
Seine Bauchdecke krampfte sich zusammen und drückte seinen Magen gegen sein Zwerchfell. Etwas solideres als Spucke kroch millimeterweise seine Speiseröhre hinauf.
Er würgte erneut und im nächsten Augenblick schoss der Inhalt seines Magens nach oben, stieß gegen sein Gaumensegel und platschte mit einem ekelerregenden Klatschen in das Wasser der Toilette.
Er presste die Augen fest zusammen.
Er wollte nicht sehen, was da aus ihm herauskam.
Das Geräusch reichte aus um ihn erneut würgen zu lassen, doch außer einem lauten Rülpsen, das im Bad widerhallte und etwas Magensäure kam kaum etwas herauf.
Die Magensäure brannte ihm in der Nase und Harry schüttelte sich.
Mit einem Stück Klopapier putzte er sich die Nase, ehe er die Spülung betätigte.

Er kroch ein Stück von der Toilette fort und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Badewanne. Seine Stirn pochte noch immer.
Sein Kopf fühlte sich seltsam leer an.
Sein Kiefer zuckte.
Einem Impuls folgend schob er sich ein wenig von der Badewanne fort und kroch auf allen Vieren in den Flur.
Er brauchte den Professor.
Er musste zu Snape.
Ein Muskel an seinem Hals zuckte und er konnte nicht weiter.
Arme und Beine von sich streckend ließ er sich auf den Bauch sinken und legte die Wange auf die Holzdielen…

 

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Severus stieg schwerfällig die Treppe hinauf. Dumbledore war endlich gegangen und Harry wartete bestimmt bereits ungeduldig auf ihn.
Im Augenwinkel nahm er etwas zu seiner rechten wahr. Er drehte den Kopf und plötzlich konnten seine Füße ihn gar nicht mehr schnell genug die letzten Stufen hinauftragen.
„Harry!“
Der Junge lag auf dem Boden im Flur und rührte sich nicht. Die Badezimmertür stand offen, das Licht darin brannte.
„Harry!“
Er ließ sich neben dem Jungen auf die Knie sinken und suchte ihn nach gröberen Verletzungen ab, konnte jedoch keine finden. Er rüttelte ihn an der Schulter.
„Harry!“
Ein Stöhnen. Der Junge blinzelte, hob den Kopf ein wenig, stöhnte erneut und machte Anstalten sich aufzusetzen.
Severus half ihm sich gegen das Geländer zu lehnen. Er musterte den Jungen gründlich.
„Tut dir etwas weh?“
„Ich … Autsch.“ Mit einem Finger betastete Harry seine Zunge. „Feiffe, if glaub if hab mir auf die Funge gebissen.“
„Zeig mal.“
Gehorsam streckte Harry ihm die Zunge entgegen. An der rechten Seite waren deutlich die Spuren zweier Backenzähne zu sehen, die sich in das empfindliche Fleisch gegraben hatten. Nicht allzu tief, doch tief genug, dass es noch immer leicht blutete.
„Ist denke ich nur halb so schlimm. Mit etwas Murtlap-Essenz sollten wir das wieder hinbekommen. Meinst du wir schaffen es in dein Zimmer?“
Harry zuckte wenig hilfreich mit den Achseln.
Severus packte ihn am Arm und zog ihn hoch.
Der Junge wurde unnatürlich blass und Severus sah, wie er krampfhaft schluckte.
„Ist dir schlecht?“
Harry atmete ein, zwei mal tief durch. „Ja, aber ich glaube das meiste ist eh schon raus.“

 

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Mit Snapes Hilfe hatte er es zurück in sein Bett geschafft.
Der Professor war im Bad verschwunden und kehrte kurz darauf mit Harrys Schlafanzug, einem Trank gegen Übelkeit und einem Mülleimer zurück, den er neben Harrys Bett platzierte.
Harry schluckte den Trank und schlüpfte in seinen Schlafanzug.

„Hast du heute Abend deinen Trank genommen?“
Der Professor hatte an seinem Fußende Platz genommen. Er sah nicht mehr ganz so erschöpft aus wie zuvor. Vielleicht hatte er sich aber auch nur etwas besser im Griff.
Harry nickte.
„Kurz bevor Dumbledore gekommen ist. Ich bin aber nicht sicher wie viel davon in mir drinnen geblieben ist.“
„Hast du dich sonst noch irgendwo verletzt?“
Harry schüttelte mit dem Kopf. „Nur meine Zunge. Und ein bisschen Muskelkater.“
„Und war dir bevor Dumbledore kam auch schon schlecht?“
„Eigentlich nicht. Als ich nach oben gekommen bin war alles noch in Ordnung.“
Harry versuchte sich zu erinnern. „Mein Kopf hat sich seltsam angefühlt. So, als würde ich langsamer denken. Ich glaube ich habe gemerkt, dass es gleich passieren wird.“
„Hmm. Es ist gut, wenn du es merkst. Das heißt, du kannst dich vorher in eine halbwegs sichere Position bringen. Aber noch lieber wäre es mir, wenn das gar nicht erst nötig werden würde. Ich glaube Poppy und ich müssen noch einmal an deinem Trank feilen.“
Harry nickte.

„Was hat Dumbledore gewollt?“
„Er kam eigentlich um zu berichten, dass Pettigrew tatsächlich dem Ministerium entwischt ist. Diese Stümper. Das Ministerium und Dumbledore versuchen nun Wege zu finden, wie sie dich schützen können, bis sie ihn wieder eingefangen haben.“
„Dann war mein Traum also wirklich wahr?“
„Es scheint so.“
Harry dachte darüber nach. „Professor, die meisten Zauberer haben keine prophetischen Träume, oder?“
Snape schaute ihm ernst entgegen. „Nein. Das haben die meisten nicht.“
„Hmm.“
„Ich glaube“, setzte der Professor vorsichtig an, „ es wird das Beste sein, wenn wir vorerst niemandem sonst davon erzählen.“
„Es könnte ein Vorteil für uns sein, wenn wir wissen, was Voldemort plant, oder?“
Snape sah mit einem mal ein wenig gequält aus.
„Weißt du Harry, ich denke, das ist ein zweischneidiges Schwert. Ich weiß nicht genau, was da zwischen dir und dem dunklen Lord geschieht“, noch nicht , „aber ich denke es geht hier um mehr als prophetische Träume. So lange wir nicht genau wissen, was es ist, könnten die Träume uns in einer falschen Sicherheit wiegen, denn sobald der dunkle Lord von ihnen Wind bekommt, wird er versuchen einen Weg zu finden, dich darüber zu manipulieren.“
„Hmm. Daran habe ich gar nicht gedacht.“
Es entstand eine kurze Pause.
„Geht es dir besser?“
„Geht so.“
„Wenn du willst, sage ich Lupin und Black sie sollen an einem anderen Tag wiederkommen.“
Harry schüttelte mit dem Kopf. Bis dahin wäre er bestimmt wieder fit.
„Sir“, er stellte die Frage, die ihm seit Stunden auf der Seele brannte. „Wenn Sirius Black mein Pate ist, heißt das, dass ich künftig bei ihm leben muss?“

 

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Severus hatte sich das selbe gefragt.
„Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht genau. Momentan denke ich nicht, dass Black all zu bald in der Lage sein wird sich um einen heranwachsenden Zauberer zu kümmern. Er hat fast zwölf Jahre in Askaban verbracht. Das geht nicht spurlos an einem vorbei. Wir sollten sehen, was die Zeit bringt.“
Es gelang ihm gelassener zu klingen, als er eigentlich war.
„Ich glaube nicht, dass ich hier weg will“, flüsterte Harry.
Severus berührte ihn tröstend am Bein.
„Niemand wird dich zwingen. Ich habe dir ein Zuhause versprochen und solange du hier leben möchtest, werde ich nicht zulassen, dass man dich gegen deinen Willen von hier fort holt.“
Harry blinzelte heftig im Versuch seine Tränen zurückzuhalten.
„Danke, Professor.“
Severus rückte näher an ihn heran. Etwas unbeholfen schloss er ihn in die Arme.

Chapter 5: Besucher

Notes:

Hallo ihr Lieben,
es tut mir leid, dass ich mal wieder eine so lange Pause zwischen den Kapiteln hatte.

Hier endlich der nächste Teil.

Bleibt gesund und viel Spaß beim Lesen.
Hinterlasst mir doch einen Kommentar oder ein paar Kudos, wenn es euch gefällt.

Liebe Grüße
Waltraud

Chapter Text

-5- Besucher

 

Am Nachmittag klingelte es an der Vordertür.
Snape und Harry gingen gemeinsam ihre Gäste empfangen, wobei Snape einen Ausdruck auf dem Gesicht hatte, als hätte er Magenschmerzen.
Lupin grinste ihnen breit entgegen.
„Schönen guten Tag.“
Ein Stück hinter ihm stand ein großer magerer Mann in schwarzer Lederhose und Hemd, das Haar auf Schulterlänge geschnitten und ordentlich gekämmt, den Bart gestutzt. Fast hätte Harry ihn nicht wiedererkannt.
Lupin trat an Harry und Snape vorbei in den Hausflur.
Sirius Black trat einen Schritt näher und ließ sich dann abrupt vor Harry in die Hocke sinken.
„Gestern war für mich ein wenig chaotisch, muss ich gestehen.“ Er streckte ihm die inzwischen saubere Hand entgegen. „Ich bin Sirius. Ein Freund deiner Eltern. Es freut mich dich wiederzusehen, Harry.“
Harry nahm die dargebotene Hand und schüttelte sie.
„Du siehst wirklich aus wie dein Vater. Weißt du das?“
Harry grinste. „Es könnte sein, dass man mir das das eine oder andere Mal gesagt hat.“
Sirius stieß ein Lachen aus, das an ein Bellen erinnerte und erhob sich. Dann wandte er sich an Snape. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen werde. Lupin hat versucht mich ein wenig auf den neusten Stand der Dinge zu bringen. Wenn ich das alles richtig verstehe, hast du im letzten Jahr einiges für Harry getan – dafür danke ich dir.“
Die beiden Männer standen sich recht steif gegenüber.
Harry kannte Snape inzwischen gut genug um zu sehen, dass in ihm ein innerer Kampf tobte. Seine langen Finger legten sich auf Harrys Schulter. Er nickte Sirius kurz zu und trat dann einen Schritt beiseite um den Mann hinein zulassen.
„Ich glaube, ich muss dringend mit Professor Binns reden. Er muss seinen Unterrichtsplan anpassen. Das hier war definitiv ein historischer Moment“, ließ Lupin sich vernehmen.
Die Blicke, die Snape und Sirius ihm zuwarfen waren mörderisch.
„Möchte jemand Kekse“, beeilte sich Harry zu sagen. „Smila und ich haben vorhin welche gebacken.“

Er huschte vor den drei Männern in die Küche und beeilte sich das Teegeschirr auf den Tisch zu bringen. Die Keksdose stellte er in die Mitte. Dann setzte er sich auf seinen angestammten Platz und ließ nervös die Füße baumeln.
Snape bedeutete den beiden Gästen sich zu setzen und goss den Tee ein.
Sirius warf einen neugierigen Blick in die Keksdose, nahm dann vorsichtig einen Keks heraus und beschnupperte ihn kurz, um dann einen kleinen Bissen davon zu nehmen. Ein leises Stöhnen entrang sich ihm und er schloss die Augen. „Nach zwölf Jahren, sind das definitiv die besten Kekse, die ich jemals gegessen habe.“
Genüsslich nahm er einen weiteren Bissen. Dann wandte er sich Harry zu.
„Und Harry, womit verbringen Teenager heutzutage so ihre Ferien?“
Harry erzählte ihm von dem Jugendzentrum und den Bekannten, die er dort hatte. Es fiel ihm etwas schwer Sirius das Prinzip eines Tischkickers zu erklären, irgendwann gab er es auf, holte ein Stück Pergament aus dem Arbeitszimmer und machte eine schnelle Skizze für ihn.
„Faszinierend“, meinte Sirius, als er endlich begriffen hatte.
„Ich würde dich ja mal dorthin mitnehmen, aber Erwachsene sind da nicht erlaubt.“
„Macht nichts, Harry. Ich glaube, für‘s erste bin ich sowieso nicht allzu scharf darauf mich all zu viel unter Menschen zu begeben.“ In seine Augen trat wieder der etwas leere Ausdruck.
„Wie läuft es mit den Schulaufgaben?“, fragte Professor Lupin und brachte Sirius, der ein verächtliches Schnauben ausstieß, damit in die Wirklichkeit zurück.
„Das meiste habe ich fertig.“
„Bei Merlin, wenn James euch hören würde. Mit den Schulaufgaben nach nicht einmal der Hälfte der Ferien fertig.“
Harry spürte wie seine Ohren rot wurden.
„Lilly wäre mit Sicherheit stolz auf ihn, dass man ihm nicht bis zur letzten Minute damit hinterher rennen muss“, mischte Snape sich ein.
„Hmm, kann schon sein“, sagte Sirius widerwillig. Er schien bemerkt zu haben, dass er sich auf dünnem Eis bewegte. „Argh.“ Er stieß ein Ächzen aus und rieb sich über das ausgemergelte Gesicht. „Es ist alles so … so … anders.“
Professor Lupin berührte ihn an der Schulter, doch Sirius schüttelte ihn ab. „Lass gut sein, Moony. Ich brauche einfach nur etwas Zeit um mich an alles zu gewöhnen.“
„Weißt du denn schon, was du tun wirst, jetzt wo du frei bist?“, fragte Harry.
„Noch nicht so wirklich. Früher einmal wollte ich Auror werden, aber wenn ich mir die Flachpfeifen da so ansehe, glaube ich nicht, dass ich mit denen zusammenarbeiten will. Und ich glaube auch nicht, dass sie mich im Ministerium nach all dem überhaupt anstellen würden.“
„Vielleicht würden sie dich gerade deshalb einstellen. Das würde sich gut für sie in der Öffentlichkeit machen.“
„Hmm. Ich glaube, ich brauche noch etwas Zeit um mich daran zu gewöhnen, dass ich überhaupt eine Wahl und eine Zukunft habe.“
„Und wo wohnst du?“
Sirius warf einen Blick in Professor Lupins Richtung. „Moony war so nett mich vorerst bei sich unterkommen zu lassen.“
„So lange du willst, alter Freund.“
„Aber auf Dauer werde ich etwas eigenes brauchen. Meine Eltern haben mit ein Haus in London hinterlassen. Vielleicht werde ich es herrichten und dort wohnen.“
„Das klingt doch ganz gut“, meinte Harry.
Sirius stieß ein düsteres Lachen aus. „Wart‘s ab. In dem Haus hat seit fast einer Dekade kein Mensch mehr gelebt und selbst damals war es nicht gerade in bestem Zustand. Meine Eltern hatten einen etwas ungewöhnlichen Geschmack. Wenn du willst, nehme ich dich demnächst einmal dorthin mit.“
„Natürlich, nachdem wir ausgeschlossen haben, dass deine werte Familie dort nicht die eine oder andere Überraschung für uns zurückgelassen hat“, wandte Snape ein.
Sirius drehte sich zu ihm herum, als hätte er vergessen, dass der Professor auch noch am Tisch saß.
„Vielleicht können wir Smila bitten zu helfen“, meinte Harry.
Snape schien das Für und Wider dieses Vorschlags abzuwägen. „Ihre Magie könnte tatsächlich von Nutzen sein. Ich werde sie fragen, wenn Black das möchte.“
„Wer ist Smila? Sag bloß, du hast es geschafft dir endlich eine Frau anzulachen“, meinte Sirius.
Professor Lupin versetzte ihm einen Knuff mit dem Ellenbogen, doch Snape blieb zu Harrys Erstaunen überraschend ruhig.
„In meinem ganzen Leben gab es genau eine Frau, für die ich mich interessiert habe, Black. Und die ist für mich unerreichbar. Lass deine blöden Sprüche, wenn du Hilfe möchtest. Und wenn das, was dein Bruder mir über deine Familie erzählt hat wahr ist, kannst du die wirklich gut gebrauchen, wenn du das Haus wieder in einen bewohnbaren Zustand bringen möchtest. Wir sind keine siebzehn mehr Black.“
Damit erhob sich Snape und ging ohne ein weitere Wort durch die Hintertür in den Garten.
„War das jetzt wirklich nötig, Sirius“, zischte Professor Lupin.
„Wer hätte den ahnen können, dass er so empfindlich auf einen kleinen Scherz reagiert.“

Am Tisch entstand Stille.
Nach ein paar Minuten stand Harry auf und folgte Snape nach draußen.

Der Professor saß auf der Verandatreppe und starrte ins Leere.
Harry trat näher an ihn heran. „Professor?“
Snape drehte sich zu ihm herum und lächelte ein müdes Lächeln.
Harry ließ sich neben ihm auf der Stufe nieder.
„Soll ich ihnen sagen, dass sie gehen sollen?“

„Das ist nicht nötig, danke Harry. Ich brauche nur einen Moment, damit ich Black nicht in meinen eigenen vier Wänden verfluche.“
„Ja, so etwas vermiest die Stimmung, habe ich gehört.“
Snape lachte kurz auf und legte ihm einen Arm um die Schultern.
„Danke Harry. Geh wieder rein. Ich komme gleich nach.“

 

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Harry ging zurück ins Haus.
Professor Lupin und Sirius schienen eine rege Diskussion geführt zu haben, während er fort gewesen war, doch beide verstummten kaum, dass er über die Schwelle trat. Harry ignorierte ihre schuldbewussten Blicke und ließ sich erneut auf seinem Platz nieder.
„Smila ist übrigens die Hauselfe, die hier arbeitet“, erklärte er ungefragt, als wäre das Gespräch nie unterbrochen worden.
„Snape hat eine Hauselfe? Und du backst Kekse und deckst selbst den Tisch?“
„Das ist etwas komplizierter. Klar, wenn Smila da ist macht sie solche Dinge, aber Smila ist etwas ganz besonderes, sie ist eine freie Elfe.“
„Hmm. Und das funktioniert?“
„Selbstverständlich funktioniert das“, sagte Snape, der gerade zur Tür herein kam. „Ich zahle ihr einen Lohn, sie erledigt die Hausarbeit.“
„Hmm. Seltsames Konzept, aber solange es euch gefällt. Und du meinst deine Hauselfe könnte mir mit helfen?“
„Zumindest kann ich sie fragen, Black. Wann willst du anfangen?“
Sirius zuckte mit den Achseln und lehnte sich ein wenig in seinem Stuhl zurück.
„Weiß ich noch nicht genau. Vielleicht in der kommenden Woche.“ Er gähnte ausgiebig hinter vorgehaltener Hand.

 

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„War er früher auch so?“, fragte Harry, als er mit Snape alleine beim Abendbrot saß.
„Wer?“
„Sirius.“
„Ich weiß nicht, ob ich der richtige bin um dir zu erzählen, wie Black früher gewesen ist. Wenn es jemanden gab, mit dem ich noch schlechter zurecht gekommen bin, als mit deinem Vater, dann war das Black.“
„Oh.“
„Aber insgesamt, finde ich, dass er dafür, dass er so lange in Askaban gesessen hat recht gut beieinander ist.“
„Was ist denn so schlimm an Askaban?“
Snapes schwarze Augen blitzten.
„Die Wachen.“ Seine Stimme klang seltsam hohl. „Vor vielen Jahren kam man auf die glorreiche Idee Dementoren als Wächter einzusetzen. Zugegeben, ein effektiver Zug, aber im Endeffekt verurteilt man damit jeden, der nach Askaban geschickt wird zur jahrelangen Folter.“
„Wie das? Was sind Dementoren?“
„Magische Kreaturen, die sich von dem Leid der Menschen ernähren. Für sie ist Askaban das Paradies und sie sind daher nur zu gerne bereit mit uns zusammenzuarbeiten. Sie suchen in unserer Seele nach unseren finstersten Gedanken und laben sich an unserem Elend.“
Harry bekam eine Gänsehaut.
„Kein Wunder, dass Sirius hin und wieder etwas seltsam wirkt.“
Snape nickte düster.

 

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Harry lag in seinem Bett und blickte auf die Zeiger des Weckers auf seinem Nachttisch.
Noch fünf Minuten bis Mitternacht. Noch fünf Minuten und er wäre dreizehn Jahre alt.

Noch vier Minuten.
Smila hatte ihm einen Schokoladenkuchen versprochen.
Wenn das Wetter gut wäre, könnten sie vielleicht beim Kuchenessen im Garten sitzen.
Ob Sirius wohl vorbeikommen würde?
Wusste sein Pate überhaupt noch, wann er Geburtstag hatte? Er hätte ihn wirklich einladen sollen. Vielleicht, konnte er Snape bitten ihm noch kurzfristig eine Nachricht zukommen zu lassen.

Noch zwei Minuten.
Oder der Professor, Smila und Harry würden sich eben einen schönen Tag zu dritt machen.

Ein Klackern an seinem Fenster ließ ihn hoch schrecken.
Im ersten Moment dachte er es sei Hedwig, die hinaus wollte, doch die Schneeeule saß seelenruhig auf ihrer Stange unter dem Fenster.
Harry trat zu ihr.
Draußen auf dem Fensterbrett saß ein kleiner Kauz, kaum so groß wie Harrys Hand. An seinem Bein hing ein Umschlag, der größer war als er selbst.
Rasch schob Harry das Fenster auf, holte die zierliche Eule herein und befreite sie von ihrer Last.
Wie eine Kanonenkugel schoss die Eule davon, drehte einige spektakuläre Kurven durch sein Zimmer und ließ sich schließlich auf seinem Schreibtisch nieder.
Harry grinste breit und schob ihr einen Eulenkeks zu.
Hedwig musterte den Eindringling mit einem verachtenden Blick.

Harry betrachtete den Umschlag in seiner Hand.
Für Harry , war darauf geschrieben, in einer Schrift, die Harry nicht erkannte.
Er drehten den Umschlag um.
Ein Absender fehlte, stattdessen prangte auf der Rückseite eine eindrucksvolle Hundetatze.
Harrys Grinsen wurde noch breiter.
Rasch öffnete er den Brief. Im Inneren befand sich ein gefalteter Zettel sowie ein weiterer Umschlag.

„Lieber Harry,
ich hoffe dieser Brief erreicht dich noch rechtzeitig. Ich wünsche dir alles Liebe zu deinem dreizehnten Geburtstag.
Anbei schon einmal ein kleines Geschenk (mach es bitte ohne Snape auf).

Wir sehen uns bald wieder.
Liebe Grüße
Sirius

Ps.: Moony verlangt, dass ich dir auch von ihm alles Gute zum Geburtstag überbringe (er ist glaube ich zu faul, um selbst zu schreiben).“

Vorsichtig öffnete Harry den zweiten Umschlag. Mehrere Lagen Pergament und ein kleiner Zettel kamen zum Vorschein. Harry nahm den Zettel und erkannte Sirius Schrift.

„Das hier ist unser Geschenk an dich, Harry. Dein Vater, Moony und ich (und leider wie ich zugeben muss auch Peter), haben sie hergestellt, als wir in Hogwarts waren. Sie hat uns immer gute Dienste geleistet und ich konnte Moony davon überzeugen, dass es nur angemessen ist, wenn sie von nun an dich begleitet.
Tipp mit dem Zauberstab darauf und sag: „Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tu-nicht-gut bin.“ Du wirst erkennen, wozu sie dient (keine Sorge, es ist absolut harmlos). Wenn du fertig mit deinen
Erkundigungen bist, tipp‘ erneut darauf und sag: „Unheil angerichtet.“
Viel Spaß damit.
Dein Vater würde sich freuen zu wissen, dass sie an dich weitergegeben wurde.

Noch einmal herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“

Harry überlegte kurz, dann schob er den Umschlag in sein Kräuterkundebuch und verstaute das Buch in seinem Koffer, der in der Ecke seines Zimmers stand. So neugierig er auch war, er würde warten müssen bis er wieder in Hogwarts war, bis er ausprobieren konnte, was Sirius ihm da geschenkt hatte.

Die kleine Eule hatte sich auf seinem Tisch zusammen gekuschelt.
Harry schlüpfte zurück in sein Bett und schloss glücklich die Augen.

Chapter 6: -6- Grimmauldplatz

Chapter Text

„Hey. Wo hast du Harry gelassen?“
„Bei den Weasleys. Glaubst du wirklich, ich nehme ihn mit hierher, bevor wir nicht wenigstens halbwegs sicher sind, dass das Haus uns nicht um die Ohren fliegt, sobald wir es betreten?“
„Das klingt fast vernünftig.“
Severus stieß ein Schnauben aus und wandte sich dem Haus zu, vor dem er sich materialisiert hatte.
Seine Haut prickelte.
In diesem Kasten steckte definitiv eine ganze Menge dunkler Magie.
„Smila.“
Mit einem lauten Ploppen erschien die Elfe an seiner Seite.
„Smila, das hier ist Sirius Black.“
Die Elfe verneigte sich in Blacks Richtung. Black nickte ihr höflich zu.
„Severus meinte, Sie könnten meine Hilfe gebrauchen.“
„Wenn es nicht zu viele Umstände macht.“
Die Elfe nickte und verschwand mit einem erneuten Ploppen.

Severus und Black nutzten die Zeit um sich mit allen möglichen Schutzzaubern zu versehen. Sie hatten sich dabei beide nicht allzu viel zu sagen.
Nach knapp zehn Minuten kehrte Smila zu ihnen zurück.
„Der Eingang ist mit einem einfachen Muggelabwehrzauber versehen. Nichts kompliziertes und noch immer wirksam. Sonst habe ich keine Fallen entdeckt. Das heißt nicht, dass es keine gibt, aber falls doch, müssen sie gut getarnt sein.“
„Tja, es gibt nur einen Weg das rauszufinden“, meinte Black und straffte die Schultern.
„Moment noch“, schrie Smila und hielt ihn an einem Zipfel seiner Robe zurück.
„Wäre es nicht wesentlich einfacher, wenn Ihr euren eigenen Hauselfen ruft, damit er euch den Weg freiräumt? Wenn jemand alle Flüche und Fallen kennen sollte, die es hier gibt, dann er.“
„Meinen Hauselfen?“ Black wirkte ernsthaft verdutzt.
„In dem Haus befindet sich ein alter Hauself, Mr. Black. Wenn Ihr der Erbe des Hauses seid, sollte er euch nach altem Recht gehorchen müssen.“
Black zuckte mit den Schultern. „Ein Versuch ist es Wert. Elf!“

Mit einem lauten Knacken erschien ein zweiter Elf vor ihnen.
Er sah fast so abgerissen aus wie Black noch vor einigen Tagen.
Sein Kittel bestand mehr aus Flicken als dem eigentlichen Stoff. Seine Haut war runzlig wie eine geschälte Walnuss und seine großen Augen blickten leicht irre von einem zum nächsten.
Er schien uralt.

„Wow, Kreacher. Wer hätte gedacht, dass wir uns jemals wiedersehen“, sagte Black.
„Blutsverräter!“, zischte der Elf und spuckte vor ihm aus.
Smila sprang vor und packte den Elf am Kragen, ehe einer von ihnen reagieren konnte.
„Dies ist dein Herr!“, keifte sie. „Wie kannst du es wagen!“ Selbst als freie Elfe schien sie eine klare Vorstellungen davon zu haben, wie sich ein Elf seinem Herrn gegenüber zu verhalten hatte.
Der alte Elf zischte sie an und versuchte sie zu beißen. Mit einem Fingerschnippen schloss Smila ihn in einer großen Blase ein.
Sie musterte ihn gründlich.
„Irgendetwas stimmt nicht mit ihm“, sagte sie.
„Wie meinst du das? Wahrscheinlich ist er nach all der Zeit alleine in diesem Haus schlichtweg verrückt geworden.“
„Ich kann nicht ausschließen, Mr. Black, dass es so ist. Aber ich glaube da steckt mehr dahinter. Irgendetwas hat sich in seine Magie gewoben. Ich kann es riechen.“
„So als wäre er besessen?“, fragte Severus.
„Ja, so ähnlich.“
Sie erschufen einige weitere Bindezauber um Smilas Kugel und bewegten sich vorsichtig auf das Haus zu.
Unversehrt kamen sie an der Tür an.
Sie brauchten gerade mal zwei Versuche um sie zu öffnen.
„Meine Mutter scheint im Alter auch nicht kreativer geworden zu sein“, murmelte Black, während er sich mit erhobenem Zauberstab in den Flur hinein schob.

Sie umrundeten einen geschmacklosen Schirmständer der aus einem Trollbein gefertigt zu sein schien und kamen vor einem riesigen Gemälde zum Stehen. Darin schlief eine fette, hässliche, alte Frau.
„Oh je, meine Mutter scheint in ihren letzten Jahren auch nicht schöner geworden zu sein. Das Bild kommt definitiv weg, bevor ich hier einziehe.“
„Verräter!“, keifte Kreacher und ließ sie alle zusammen zucken.
Das Gemälde der Mrs. Black schreckte aus ihrem Schlaf auf und schaute sich verwirrt um.
Dann erblickte sie die Eindringlinge in ihrem Haus. „Abschaum! Schlammblutliebhaber! Missgeburt!“, schrie sie und Speichel spritze von ihren gemalten Lippen.
Silencio! “, rief Severus. Der Mund der Frau bewegte sich weiter, doch kein Laut drang mehr zu ihnen vor.
„Danke. Auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen. Ich glaube ich hätte einfach versucht sie in Flammen aufgeh‘n zu lassen oder so.“
„Und hättest dabei wahrscheinlich den ganzen Schuppen abgefackelt. Man lernt einiges, wenn man ständig mit den nervigen Gemälden in Hogwarts konfrontiert ist, glaub mir. Aber das hier wird nur kurz anhalten. Auf Dauer wirst du sie also doch loswerden müssen.“
„Nur zu gerne. Smila, hat das Gemälde irgendetwas mit dem Zustand dieses Elfen zu tun? Was meinst du?“
Die Elfe schüttelte mit dem Kopf und brachte dabei ihre Ohren zum Schlackern. „Nein, Mr. Black. Dieses Bild selbst ist mit gewöhnlicher Magie versehen. Im Rahmen selbst scheint etwas dunkles hinein gewoben. Aber es ist eine andere Art der Magie.“
„Hmm. Dann ist die Frage, wo wir anfangen sollen mit der Suche. Dieses Haus ist verdammt groß.“
„Wir könnten Kreacher fragen“, schlug Smila vor.
„Als ob er uns einfach so sagen würde, was er hier in den letzten zehn Jahren getrieben hat und wo er sich einen Fluch eingefangen hat.“
„Wenn Sie ihn fragen, muss er antworten, Mr. Black.“
Black zog etwas skeptisch die Augenbrauen in die Höhe, zuckte dann aber mit den Achseln und wandte sich an den Elf, der ein Stück vor ihnen noch immer in der Blase schwebte. „Kreacher, wer oder was hat dich verflucht?“
Kreacher stieß ein entsetzliches Wimmern aus. Seine Hand zuckte. Er packte sie mit der anderen und biss in seinen Zeigefinger das es blutete. Er schrie auf und seine frei gewordene Hand deutete auf eine Tür etwas weiter den Flur hinunter.
„Da geht es zur Küche“, sagte Black und trat an ihnen vorbei.
Severus und Smila, mit Kreacher im Schlepptau, folgten ihm dicht auf.

Sie traten durch die Tür und fanden sich in einer riesigen Küche wieder, die Platz für bestimmt zwanzig Personen bot. Ein großer Eichentisch stand in der Mitte, doch es gab nur zwei Stühle. Wie auch im Hausflur, war alles von einer dicken Staubschicht und unzähligen Spinnenweben bedeckt.
„Und nun?“, fragte Black und wandte sich damit wieder an seinen Elf.
Der kämpfte in der Blase weiter mit sich selbst. Seine Glieder zuckten, sein Mund öffnete sich und schloss sich. Seine Augen rollten wild umher. „Schrank!“, stieß er schließlich hervor, ehe er sich auf die Zunge biss. Severus konnte es kaum mit ansehen. Zu sehr erinnerte es ihn an einen der unverzeihlichen Flüche.
„Lass ihn frei, Smila.“
Die Elfe schaute ihn mit hochgezogenen Brauen an. „Hältst du das für eine gute Idee?“
„Vertrau mir.“
Etwas widerwillig schnippte sie mit den Fingern. Die Blase zerplatzte und Kreacher landete mit einem Krachen auf dem Steinboden. Auf allen Vieren wetzte er auf einen der Küchenschränke zu. Er schien sie alle dabei völlig vergessen zu haben.
Stupor .“
Mit einem leisen Ächzen brach der Elf zusammen. Seine kleinen Finger rutschten vom Griff der Schranktür, die er soeben hatte öffnen wollen.
„Schaff ihn hier weg“, sagte Severus an Smila gewandt und die Elfe gehorchte.
Black und Severus näherten sich dem Schrank.
Mit einem Wink seines Zauberstabs öffnete Black die Schranktür.
Ein unordentliches Nest aus alten Decken und Handtüchern kam zum Vorschein.

 

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„Hmm. Hier hat er also gehaust“, meinte Sirius und eine gewisse Faszination lag in seiner Stimme.
Er warf Snape einen Seitenblick zu. Sein ehemaliger Rivale stand unnatürlich steif neben ihm. Sein sonst schon blasses Gesicht schien jegliche Farbe verloren zu haben.
„Hey Mann. Snape. Du wirst doch jetzt nicht etwa schlapp machen. Ich weiß, das riecht nicht gerade nach Veilchen, aber...“
„Wir brauchen Dumbledore.“ Es klang seltsam hohl.
„Hältst du das nicht für ein wenig übertrieben?“
„Das ist kein Scherz, Black. Das hier ist eine Nummer zu groß für uns zwei! Expecto Patronum .“
Die Hirschkuh, die aus Snapes Zauberstabspitze hervor sprang überraschte Sirius so sehr, dass er einen unsicheren Schritt nach hinten machte. Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sich unelegant auf den Hosenboden gesetzt.
Snape flüsterte der Hirschkuh eine Nachricht ins Ohr und im nächsten Augenblick war sie verschwunden.
Dann stand er da und musterte den Schrank mit zusammengekniffenen Augen.
Sirius trat wieder etwas näher an ihn heran.
„Und nun?“
„Jetzt warten wir, bis Albus da ist.“
„Aha, und was, wenn er gerade beschäftigt ist?“
Snape stieß ein bitteres Lachen aus. „Glaub mir, Black, dafür wird er sich Zeit nehmen. Weißt du was ein Horcrux ist, Black?“
Sirius schüttelte den Kopf.
„Es hätte mich auch gewundert, wenn du es wüsstest. Ich habe mehrere Monate gebraucht, um auch nur annähernd zu begreifen, um was es sich handelt. Kurz gesagt, sind es Splitter. Splitter einer Seele, eingebettet in einen Gegenstand, der die eigene körperliche Sterblichkeit überdauern soll.“
„Wer wäre denn so krank freiwillig seine Seele zu zersplittern?“
„Jemand, der dem Traum der Unsterblichkeit nachhängt und jegliche Moralvorstellung lange hinter sich gelassen hat. Wir sind im vergangenen Schuljahr über einen solchen Seelensplitter gestolpert und wenn ich es richtig verstehe, hat der dunkle Lord mehr als nur ein Horcrux erschaffen.“
„Der dunkle Lord… willst du etwa sagen, dass ein Stück von Voldemorts Seele sich in diesem Schrank befindet!?“, rief Sirius und machte erneut einen Schritt zurück.
„Ich befürchte es“, murmelte Snape und beugte sich ein wenig vor, während seine Augen das innere des Schranks musterten. „Zumindest fühlt es sich genauso an.“
Im Flur erklang das Klacken hochhackiger Stiefel.
„Das dürfte wohl Albus sein.“
Sirius eilte in den Flur um seinen alten Lehrer abzufangen.

 

Als er kurz darauf mit Dumbledore in die Küche zurückkehrte hatte Snape sich mit Hilfe eines langen Holzlöffels an dem Inhalt des Schranks zu schaffen gemacht, indem er alles was darin war auf den Boden gekehrt hatte und nun Stückchen für Stückchen zerpflückte.
Die beiden Männer traten zu ihm heran.
„Da!“, rief Sirius plötzlich und deutete mit dem Finger auf etwas silbernes, was zwischen den Falten einer alten Decke hervorlugte.
Vorsichtig fischte Snape es mit dem Löffel heraus.

An einer feingliedrigen Kette baumelte ein goldenes Medaillon. Auf seiner Vorderseite befand sich eine verschlungene Einlegearbeit aus grünem Stein.

Sirius verstand nun, was Snape gemeint hatte.
Eine dunkle Aura schien von dem Schmuckstück auszugehen und jagte ihm eine Gänsehaut über den Rücken.

Chapter 7: Wie ein Puzzle

Chapter Text

„Mein lieber Severus, ich denke du langst mit deiner Einschätzung absolut richtig.“
„Und was machen wir jetzt damit?“
„Ich denke wir sollten es zurück nach Hogwarts bringen und zusehen, dass wir es zügig zerstören.“

Severus hätte schwören können, dass das Amulett mit einem Mal um einiges schwerer geworden war. Fast, als sträube es sich.
Neben ihm streckte Black langsam eine Hand aus.
„Black!“
Der Angesprochene zuckte heftig zusammen und stolperte einen Schritt zurück.
„Raus hier!“, blaffte Severus in seine Richtung und Black ließ sich das nicht zweimal sagen.

Severus wartete, bis er den Raum verlassen hatte ehe er weiter sprach.
„Albus, ich habe gesehen, was dieses Ding mit Blacks Hauself angerichtet hat. Ich glaube nicht, dass wir es nach Hogwarts bringen sollten. Wir sollten es hier und jetzt zerstören.“
Albus dachte einen Moment nach und nickte schließlich.
Der alte Zauberer zückte seinen Zauberstab. Auf seinen Befehl hin schrumpfte der Eichentisch auf Spielzeuggröße zusammen.
Mit der Spitze des Stabes malte er Linien und Runen auf den Steinboden. Ähnlich dem Bannkreis in seinem Büro.
Es dauerte eine ganze Weile.
Severus spürte, wie das Amulett sich mehr und mehr sträubte.
Fühlte, wie jemand gegen seine mentalen Schilde drängte.
Er wusste wer.
Er hatte die Präsenz erst kürzlich gespürt, als er nach Harrys Traum gesucht hatte und viel zu oft war derjenige in der Vergangenheit in seinem Kopf herum gestreift.
Seine Stimme flüsterte von Macht, von Ruhm, von…
Mit einem geistigen Stoß schob Severus den anderen Geist von sich und versenkte sich tiefer in seinem Labyrinth aus Gedanken…

„Severus?“
Jemand berührte seine Schulter.
Das Medaillon rutschte ein Stückchen den Löffelstiel hinunter und beinahe hätte er es fallen lassen. Ein wenig verwirrt blickte er in vertrauten blauen Augen.
„Ich bin soweit“, sagte Albus.
Severus betrachtete sein Werk kurz und lies dann das Medaillon in den Kreis gleiten.
Am Rande seines Bewusstseins spürte er den Widerstand, doch seine Schilde blieben undurchdringlich. Der Druck ließ abrupt nach, kaum dass das Schmuckstück die erste Linie überschritten hatte.
Severus atmete einige Male tief durch, während er aus seiner Versenkung auftauchte.
Seine Robe war feucht von Schweiß.
Albus klatschte in die Hände und in einer rotgoldenen Stichflamme erschien Fawkes, einen schlaffen, braunen Klumpen in den scharfen Krallen. Erst als er das Bündel vor Severus auf den Boden fallen ließ erkannte er was es war: der sprechende Hut.
Skeptisch hob er eine Augenbraue in die Höhe, sagte jedoch nichts. Er arbeitete lange genug mit Albus zusammen, als dass er sich noch groß über sein Handeln wunderte.
Fawkes hatte sich auf der linken Schulter seines Herrn niedergelassen und beäugte das Medaillon mit schräg gelegtem Kopf. Der Phönix stieß ein kurzes Fauchen in Richtung des Bannkreises aus und rieb dann seinen Schopf gegen Albus. Mit einem kleinen Lächeln streichelte der alte Mann über das flammende Gefieder, dann beugte er sich vorsichtig hinab und hob den Hut auf. Mit der rechten griff er hinein und schloss die Augen. Langsam zog er die Hand wieder aus dem Hut und Stückchen für Stückchen kam ein langes glänzendes Schwert zum Vorschein bis Albus schließlich Gryffindors Waffe in der Hand hielt.
Das Amulett im Inneren des Kreises erbebte, als spürte es, die Gefahr die ihm drohte. Mit einem kaum hörbaren Klicken sprang es auf und offenbarte ein blinzelndes Auge. In dunklem Braun, war es schwer sich vorzustellen, dass dasselbe Auge irgendwann einmal scharlachrot mit schlitzförmigen Pupillen sein würde.
Das Auge blickte hektisch hin und her und blieb schließlich an Albus und dem Schwert haften.
Severus wartete, doch Albus machte keine Anstalten das Schwert zu heben. Bewegungslos stand er da und blickte auf das Amulett ohne zu blinzeln.
„Albus?“
Der alte Mann rührte sich nicht.
Severus zögerte nur kurz, ehe er das Schwert erfasste. Fast widerstandslos entwand er es den kraftlosen Fingern.
Und mit einem kräftigen Hieb ließ er die Waffe auf das Medallion hinabsausen.

Eine dunkle Wolke erhob sich aus dem Schmuckstück und stemmte sich dem Schlag entgegen. Für einen Moment fürchtete Severus zu unterliegen, doch dann senkte sich die Klinge Millimeter für Millimeter auf das Medaillon zu, drang durch die dunkle Masse und traf schließlich auf das Auge. Ein hohes Kreischen erklang und Severus musste gegen den Impuls ankämpfen das Schwert fallen zu lassen und die Hände auf die Ohren zu pressen. Mit aller Kraft drückte er die Schwertspitze nach unten.
Mit einem Knirschen zersprang das Amulett.
Die schwarze Wolke wirbelte kurz auf und formte das wutverzerrte Gesicht eines jungen Mannes, ehe sie sich auflöste.

Neben ihm zuckte Albus zusammen und drehte sich zu ihm um.
Severus sah, dass seine Lippen sich bewegte, doch durch das Klingeln in seinen Ohren konnte er nicht verstehen, was er sagte.
Das Schwert glitt aus seinen steifen Fingern und schlug mit lautem Klirren auf dem Steinboden auf. Schwarze Punkte flackerten vor seinen Augen.
Er blinzelte, holte tief Luft.

Jemand fasste ihn am Arm und half ihm sich zu setzen.
Von seiner rechten Schläfe breitete sich ein dumpfes Pochen in seinem Kopf aus.
Alles um ihn herum wurde grau.

Chapter 8: Regulus Black

Chapter Text

„Hey! Snape!“
Severus riss die Augen auf.
Er lag auf der Seite den Rücken zur Wand gelehnt in der schmutzigen Küche.
Black kniete nur wenige Zentimeter vor ihm auf dem Boden.
Severus musste einige Male blinzeln ehe seine Sicht sich ein wenig klärte.
Sein Blick fiel auf den leeren Bannkreis.
„Die Kette?“
„Dumbledore hat sie.“
Mühsam setzte Severus sich auf und drehte den Kopf.
„Und wo ist der?“
„Redet mit den Hauselfen.“
„Hm.“
Er machte Anstalten aufzustehen.
„Vielleicht solltest du sitzen bleiben.“
Severus ignorierte ihn.
Zu seiner Überraschung streckte Black ihm eine Hand entgegen. Nach kurzem Zögern griff er danach und ließ sich von Black auf die Beine ziehen. Kurz schwankte die Welt um ihn herum bedenklich, doch dann stand er aufrecht.
„Danke“, murmelte er an Black gewandt und klopfte sich Schmutz und Staub so gut es ging vom Umhang.

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Er spürte Blacks Blick in seinem Rücken, während sie die alte staubige Treppe hinauf stiegen.
Seine Beine fühlten sich noch immer seltsam schwer an und er musste sich konzentrieren um nicht zu stolpern. Es reichte vollkommen aus, dass er sich einmal vor Black die Blöße gegeben hatte. Auf ein zweites mal konnte er gut verzichten.
„Wohin?“
Sie waren auf dem Treppenabsatz angekommen.
„Bibliothek“, antwortete Black und schob sich an ihm vorbei. Severus folgte ihm mit einigen Schritten Abstand. Ein Stück weiter den Flur hinunter blieben sie vor einer großen Doppeltür stehen.
Black öffnete sie ohne zu klopfen.

Sie betraten einen großen Raum. Wie überall war auch hier der Boden mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Die Wände waren mit Bücherregalen gesäumt, die bis zur Decke reichten. Früher hatten in dem Raum gewiss mehr Möbel gestanden, doch heute waren nur einige doxiezerfressene Polstersessel und ein schäbiges Sofa übrig geblieben.
Auf dem Sofa nebeneinander, ohne sich zu berühren, saßen die beiden Hauselfen. Albus hatte sich vor den beiden in die Hocke begeben und führte ein leises Gespräch mit ihnen.
Er erhob sich als sie eintraten und drehte sich zu ihnen um. Seine blauen Augen musterten Severus.
„Und? Wissen wir, wo das Amulett hergekommen ist?“
Albus zuckte wenig sagend mit den Schultern.
„Wir wissen inzwischen, dass es mit Regulus Black zu tun hat. Aber die genauen Umstände sind mir noch nicht ganz klar. Ich werde einige weitere Recherchen betreiben müssen, aber wenn ich mich nicht täusche, könnte es sich hierbei tatsächlich um eines der Artefakte Salazar Slytherins selbst handeln. Die Chroniken von Hogwarts erwähnen ein solches. Wie Regulus und zuvor Tom Riddle in seinen Besitz gekommen sind ...“ Er zuckte erneut mit den Schultern.
„Und der Elf hat dazu nichts zu sagen?“, ließ sich Black neben ihm vernehmen.
„Kreacher scheint darüber nichts sagen zu dürfen. Smila meint es könnte sein, dass sein alter Herr ihn zu Stillschweigen verpflichtet hat und ihn dieses Versprechen noch heute bannt.“
„Mein eigener Bruder versteckt ein dunkles Artefakt für Voldemort.“ Blacks Stimme troff regelrecht vor Abscheu und Verachtung.
Albus berührte ihn mit der Hand an der Schulter. „Manchmal sind die Dinge nicht wie sie auf den ersten Blick scheinen, mein Lieber.“
Severus dachte nach.
„Smila? Was würde passieren, wenn ich in Kreachers Geist eindringe? Würde ihm das schaden?“
Die Elfe runzelte die Stirn ein wenig. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich glaube nicht. Aber es kann sein, dass das wonach du suchst vor dir verborgen bleibt.“
„Dann sollte es ein Versuch wert sein. Kreacher?“ Er kniete sich vor den Elf auf den Boden. Der Elf senkte den Blick, Tränen sammelten sich in seinen Augen.
„Kreacher. Ich weiß, dass Black dir befehlen könnte mich in deinen Geist zu lassen um zu sehen, was du uns nicht sagen darfst. Und ich weiß auch, dass ich es schaffen könnte gegen deinen Willen hineinzugelangen. Doch das ist nicht, was ich will.“
Der Elf hob den Kopf ein wenig und blickte ihm mit zusammengekniffenen Augen skeptisch entgegen.
„Die Zauberer sind alle gleich“, zischte er. „Sie sagen viel, ihre Worte klingen wie Gold, doch ihre Befehle schneiden wie Klingen.“ Dann zuckte er zusammen und zog sich kräftig mit den dünnen Fingern an den Ohren.
„Kreacher.“ Smila ergriff die Hand des anderen Elfen. Dieser zuckte kurz zusammen. Die Berührung schien ihm unangenehm, doch er zog die Hand nicht fort. Die zierliche Elfe beugte sich zu ihm hinüber, ihre Lippen berührten fast sein etwas schrumpliges fledermausartiges Ohr. Ihr Mund bewegte sich rasch, doch Severus konnte nicht das leiseste Geräusch vernehmen. Kreacher hingegen schien sie zu verstehen.
Sein Kopf neigte sich leicht zur Seite, seine Augen verengten sich ein wenig, doch schließlich nickte er zögerlich und richtete seinen Blick auf Severus.
„Smila bürgt für ihren Herrn. Kreacher wird ihm erlauben in seinen Geist zu blicken.“
Severus deutete eine leichte Verbeugung an und ließ sich ein wenig ungelenk vor dem Elf auf den Knien nieder, sodass sie sich auf einer Augenhöhe befanden.
Die großen Augen hatten einen leicht trüben Schimmer.
Der Elf musste uralt sein.
Legilimens .“
Es kam nicht oft vor, dass er in den Geist eines Nicht-Menschen eindrang und noch nie zuvor hatte er in den eines Hauselfen geblickt. Es war eine beeindruckende Erfahrung. Wo sonst bei einem Menschen in der Regel einfache Gedanken und Gefühle an der Oberfläche trieben, herrschte hier zunächst scheinbare Leere, abgesehen von einem seltsamen Summen, dass ihn umgab. Egal wohin er sich bewegte, dass Summen wurde weder lauter noch leiser. Es schien von überall zugleich zu kommen und doch keinen Ursprung zu haben. Tiefer und tiefer arbeitete er sich vor.
Es dauerte lange, bis er begriff: dieses Summen war reine Magie.
Kreacher, ich bin hier um dir zu helfen.
Das Summen wurde lauter. Er spürte wie er langsam zurückgedrängt wurde.
Denk an das was Smila dir gesagt hat Kreacher. Was immer die Elfe zu ihm gesagt hatte, es schien zu helfen. Das Summen veränderte sich erneut, wurde zu einem tiefen Brummen, dass an und abschwoll, ihn umwirbelte.
Es war als wäre er in einen Strudel geraten. Er spürte, wie er davon gezogen wurde und unterdrückte den Reflex sich dagegen zu wehren.
So schnell der Sog begonnen hatte, so schnell war er vorüber.
Severus blickte sich um. Er befand sich in einem engen Raum. Die Wände, der Fußboden, die Decke, alles war mit blauem Holz verkleidet. In einer Ecke vor ihm, auf einem gemütlichen Nest aus flauschigen Kissen und Decken saß Kreacher und schaute ihm entgegen. Der Elf war weniger runzlig, seine Augen blickten wach und klar.
Kreacher, erinnerst du dich an das Amulett?
Der Elf nickte.
Ich muss wissen, wie du an das Amulett gelangt bist. Kannst du mir helfen?
Der Elf nickte erneut. Dann hob er eine Hand und schnippte mit den Fingern.
Unter Severus Füßen verschwand der Boden und er stürzte in die Tiefe.


Er fand sich in einem Schlafzimmer mit dunklen Möbeln wieder. Vor ihm stand ein junger Mann mit kurzen schwarzen Haaren und beugte sich zu ihm hinunter. Alles schien seltsam verzerrt. Ein bisschen als male man ein Bild aus der Froschperspektive.
So also sah die Welt durch die Augen eines Hauselfen aus.
„Kreacher, das ist endlich meine große Chance, du wirst sehen. Ich bin so nah dran. Und jetzt, endlich ist es soweit. Seit langem arbeite ich hierauf hin! Und du kannst mir dabei helfen.“
Stolz durchflutete Severus.
„Was soll Kreacher tun?“
„Der dunkle Lord hat einen Auftrag für dich. Du wirst tun worum immer er dich bittet. Und wenn alles vorüber ist, wirst du mir alles berichten. Verstanden?“
„Kreacher wird dem dunklen Lord Folge leisten und dann wird er zu Master Regulus zurückkehren. Kreacher wird Master Regulus nicht enttäuschen.“
„Das weiß ich, Kreacher. Und ich würde niemand anderen damit betrauen als dich.“
Zu dem Stolz mischte sich etwas, dass an Liebe grenzte...

 

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Severus saß auf dem abgewetzten Sofa in Lupins Wohnzimmer, ihm gegenüber der Werwolf selbst, während Black irgendwo in der Küche mit den Teeutensilien herum hantierte.
Die dunklen Ringe unter Lupins Augen und die Furchen in seinem fahlen Gesicht kündeten von der Vollmondnacht, die er hinter sich hatte.
„Du siehst schrecklich aus“, sagte Lupin.
„Das selbe könnte man über dich sagen.“
„Ein Horcrux also.“
„Er strebt nach Unsterblichkeit. Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Tränke ich ihm brauen sollte, von denen er sich Wunder erhoffte.“
„Ich wusste immer, dass Lord Voldemort vollkommen verrückt sein muss, aber selbst ihm hätte ich nicht zugetraut, dass er so weit gehen würde seine Seele zu zerstückeln. Ein Horcrux!“
Severus beugte sich ein wenig zu ihm hinüber.
„Es müssen mehr als diese zwei sein.“
Lupin zog fragend eine Augenbraue in die Höhe.
„Du weißt, dass ich mich seit längerem mit seinem Wiederauftauchen befasse. Da wäre zunächst Quirrell der von Voldemort besessen war, dann dieses verfluchte beseelte Tagebuch im vergangenen Jahr und jetzt diese Halskette.“
Und vielleicht noch mehr , dachte er und sah dabei an eine düsteren Ecke im Geist eines kleinen Jungen.

Mit einem Klirren ließ Black das Teeservice vor ihnen auf dem Tisch niederschweben.
„Ich hätte nie gedacht, dass mein kleiner Bruder jemals genug Mumm in den Knochen gehabt hat sich mit Voldemort anzulegen“, verkündete er und ließ sich in einen freien Sessel plumpsen, wobei seine Beine über eine der Lehnen baumelten. „Hat wohl mehr in ihm gesteckt, als ich dachte.“
Severus schwieg und nippte an seinem Tee. Er war ganz passabel, wenn man bedachte, dass Black ihn gemacht hatte.
„Eine wirklich widerwärtige Vorstellung seine Seele nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach zu zersplittern“, meinte Lupin. „Und wenn ich das richtig verstehe, kann man ihm erst dann das Handwerk legen, wenn jedes einzelne der Fragmente zerstört ist. Wie viele werden es wohl sein?“
Black zuckte mit den Achseln.
Severus zögerte kurz, bevor er den Mund öffnete. „Der dunkle Lord ist besessen von Ritualen und Mythen. Ich denke nicht, dass er so etwas dem Zufall überlassen würde, ebenso wenig wie das woran er seine Seele bindet.“
„Hm, eine Zahl mit Bedeutung. Wir gehen davon aus, dass es mehr als drei sind. Die Sechs vielleicht. Oder die Sieben. Aber meint ihr das ist überhaupt möglich?“, fragte Lupin. „Wie viel Menschliches würde bleiben, wenn jemand seine Seele so oft aufspaltet?“
„Es könnte schwierig sein hierzu einen Vergleich in der Geschichte zu finden, aber wenn jemand skrupellos genug wäre es zu versuchen, dann wohl der dunkle Lord.“

Chapter 9: Der Fuchsbau

Chapter Text

Harry rutschte unruhig auf seinem Stuhl umher und warf zum wohl hundertsten Mal einen Blick auf die Küchenuhr, dann wieder zu Snape.
Wie langsam konnte jemand nur Frühstücken?
„Hör auf rumzuzappeln und iss dein Rührei.“
„Ich bin satt.“
„Dann trink deinen Trank und sieh zu, dass du alles gepackt hast.“
Da schien heute ja jemand besonders gute Laune zu haben.
Harry öffnete das kleine Fläschchen vor sich. Die Flüssigkeit darin war violett und schmeckte ein wenig nach Veilchen. Vor einigen Tagen war Snape mit dem veränderten Trank am Frühstückstisch erschienen. Die ersten beiden Tage hatte Snape ihn kaum aus den Augen gelassen, doch Harry hatte weder Nebenwirkungen gezeigt, noch hatte er einen erneuten Anfall gehabt und Snape war inzwischen wieder etwas entspannter geworden. Der veränderte Trank musste nur noch einmal am Tag eingenommen werden, was Harry sehr praktisch fand.
Harry brachte seinen Teller zur Spüle und lief nach oben. Er wusste genau, dass er alles was er mitnehmen wollte bereits eingepackt hatte, aber wenn Snape vorhatte grummelig zu sein, würde Harry ihm dabei nicht im Wege stehen. Bestimmt würde Hedwig sich über etwas Gesellschaft freuen, vor allem, wenn er die neuen Eulenkekse auspackte, die Smila für sie besorgt hatte.

 

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Hustend stolperte er aus dem Kamin in das Wohnzimmer des Weasleys. Lange Finger packten ihm am Kragen seines Shirts und verhinderten, dass seine Nase nähere Bekanntschaft mit dem Couchtisch der Familie machte.
„Danke.“
Der Professor nickte nur kurz. Ein kurzer Schlenker seines Zauberstabs befreite Harry von Ruß und Asche.
„Harry, schön, dass du da bist!“ Ehe er wusste wie ihm geschah, fand er sich in Mrs. Weasleys Armen wieder, die ihn fest an sich drückte.
„Mum, du erdrosselst ihn noch.“
Sie lockerte ihren Griff ein wenig und schob ihn einige Zentimeter von sich. Harry spürte wie er rot wurde, als sie ihn von oben bis unten musterte. Sie schien nichts auszusetzen zu finden, denn mit einem freundlichem Lächeln wandte sie sich Snape zu, der noch immer hinter ihm stand.
„Es freut uns wirklich sehr, dass Harry für einige Tage bei uns bleiben kann.“
„Er liegt mir damit schließlich seit Beginn der Ferien in den Ohren. Bis nächste Woche. Und versuch dich ausnahmsweise aus Schwierigkeiten rauszuhalten“, fügte er an Harry gewandt hinzu und berührte ihn kurz an der Schulter.
„Als ob ich jemals in Schwierigkeiten geraten würde. Bis dann, Professor.“
„Schick Hedwig, falls du etwas brauchst. Oder ruf nach Smila, wenn es besonders dringend ist.“
„Mach ich.“

Damit stieg Snape zurück in den Kamin und war mit einem grünen Aufflackern verschwunden.

„Komm wir bringen deine Sachen nach oben“, sagte Ron.
Harrys Tasche zwischen sich stiegen sie die Treppe hinauf. Gerade hatten sie den ersten Absatz erreicht, als rechts von ihnen eine Tür aufflog. Etwas klatschte gegen Harrys Brust, zerplatze und tränkte ihn von oben bis unten mit einer beißend riechenden Flüssigkeit. Erschrocken wich er einen Schritt zurück … und trat ins Leere.

„Harry!“
Er fiel nur zwei Stufen, dann prallte er gegen etwas weiches und wurde am Kragen gepackt.
Das Adrenalin rauschte in seinen Ohren.
Verwirrt blickte Harry nach oben. „Oh, ähm .. hi.“
Das Gesicht eines jungen Mannes war nur wenige Zentimeter weit von dem seinen entfernt. An seinem rechten Ohrläppchen baumelte etwas, dass Harry für einen Drachenzahn hielt. Sein fuchsrotes langes Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Mit der linken Hand hielt er sich am Geländer fest. Mit der rechten wuchtete er Harry auf die Füße.
„Ich muss gestehen, ich war zwar neugierig dich kennen zu lernen, Harry, aber so dringend war es mir dann doch nicht damit“, sagte der Mann freundlich und strich sich eine Strähne seines Haars hinter das Ohr. „Hi, ich bin Bill.“
Mit einem Grinsen schüttelte Harry die ihm dargebotene Hand. „Schön dich kennen zulernen. Und vielen Dank für eben.“
„Nun, das nenn‘ ich zur rechten Zeit am rechten Ort.“ Er lachte, dann zog er die Nase kraus und schnupperte. „Was zur … Fred! George!“ Mit einem einzigen Schritt überwand er die verbliebenen Stufen zum Treppenabsatz und stieß eine Tür auf. Harry hörte ein zweistimmiges Kreischen, dann war Bill wieder draußen, die Zwillinge rechts und links jeder an einem Ohr gepackt. Ron machte rasch einen Schritt zur Seite um ihnen Platz zu machen.
„Wolltet ihr ihn vielleicht umbringen?“, bellte Bill. Er deutete auf Harry und hatte mit einem mal verblüffende Ähnlichkeit mit seiner Mutter.
„Sollte nur ein Scherz sein“, keuchte Fred (oder war es George?). „Wollten sicher gehen, dass Snape ihn den Sommer über nicht in einen Vampir verwandelt hat“, quiekte der andere. Bill ließ die beiden los.
Er ließ seinen Zauberstab kurz durch die Luft peitschen. Augenblicklich verschwand der beißende Geruch nach Knoblauch aus Harrys Kleidung und Haaren.
„Und dafür schien euch die Treppe der geeignete Ort? Es hätte nicht viel gefehlt und er hätte sich wegen eures blöden Scherzes den Hals gebrochen! Los kommt mit! Ich bin sicher, Mum findet irgendwo eine sinnvolle Aufgabe für euch, damit ihr eure überschüssige Energie loswerden könnt.“
„Tut uns leid, Harry“, murmelten die Zwillinge, als ihr älterer Bruder sie vor sich die Treppe hinab trieb.

„Alles klar bei dir, Harry?“
Sie hatten es ohne weitere Zwischenfälle in Rons Zimmer geschafft und es sich auf Rons Bett gemütlich gemacht.
Harry nickte. Dann sagte er: „Bill ist wirklich cool.“
Ron lachte laut auf. „Lass ihn das bloß nicht hören. Er kann eitel sein wie Percy, wenn es drauf ankommt.“
„Was macht er hier? Hast du nicht gesagt, er würde irgendwo im Ausland arbeiten?“
„Ja, in Ägypten, für Gringotts. Mum und Dad hatten eigentlich vor ihn diesen Sommer zu besuchen. Dad hat ein Preisausschreiben gewonnen. Sieh mal!“
Ron kramte einen Moment unter seinem Bett herum, dann zog er einen etwas zerknitterten Zeitungsausschnitt hervor. Mr. Weasley war darauf zu sehen wie er einer jungen Hexe die Hand schüttelte, die ihm einen großen Beutel überreichte.
„Aber dann meinte Bill, es wäre doch viel günstiger, wenn er einfach ein paar Wochen zu uns kommen würde und langsam habe ich den Eindruck, wir werden ihn nie wieder los werden.“
Die beiden lachten.
„Und wie war dein Sommer so?“
„Och ganz gut soweit“, meinte Harry. „Hast du gehört, dass Sirius Black unschuldig ist?“
„Du meinst den Kerl, der aus Askaban geflohen ist, als man ihn freilassen wollte?“
„Genau den. War wohl ein großes Missverständnis, meint er.“ Harry grinste breit.
Ron sah ihn verdutzt an. „Woher willst du das wissen? Ich dachte er ist noch immer verschwunden.“
„Ist er nicht. Er ist ein Freund von Lupin und wohnt vorübergehend bei ihm. Aber er hat keine Lust von der Presse belagert zu werden und findet es deswegen ganz gut, dass alle weiterhin denken er sei verschollen.“
„Aha.“ Ron sah etwas skeptisch aus. „Und wie ist er so?“
Harry machte eine vage Geste mit den Händen. „Ganz okay soweit, aber ich glaube Askaban hat ihm ganz schön zugesetzt. Snape meint, dafür dass er zehn Jahre da drin war, wäre er sogar noch recht gut in Schuss. Er ist außerdem mein Pate.“
„Du verarschst mich doch, oder?“
„Überhaupt nicht. Oh, und ich hab etwas von ihm für dich.“ Harry zog seinen Rucksack auf das Bett und öffnete den Verschluss. Aus dem Hauptfach holte er einen kleinen Käfig hervor und drückte ihn Ron in die Hand.
„Er hat gehört, dass Krätze abhanden gekommen ist und er meint, die kleine Eule bräuchte dringend einen neuen Besitzer.“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Ron den kleinen Vogel an, der in dem Käfig saß.
„Los, lass ihn raus!“
Mit unsicheren Fingern öffnete Ron die Käfigtür. Wie eine flauschige Kanonenkugel schoss die Eule heraus und drehte wie schon einige Tage zuvor in Harrys Zimmer ein paar Pirouetten. Dann landete er auf Rons rotem Haarschopf und stieß ein fröhliches Gurren aus.
„Siehst du, ich glaube, er mag dich.“
Vorsichtig pflückte Ron die Eule aus seinem Haar und hielt sie behutsam zwischen den Fingern, als habe er Angst sie zu zerdrücken. Mit dem Zeigefinger strich er über das weiche Gefieder, dann hob er den Kopf und schaute Harry ernst an.
„Und ich darf sie wirklich behalten?“
„Wenn ich‘s dir doch sage.“
„Wow.“ Ron verbrachte einige weitere Sekunden damit seine kleine Eule zu bewundern.
„Danke“, flüsterte er schließlich, ohne den Blick von seinem Geschenk zu nehmen.

 

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Lieber Sirius,
Ron hat sich wirklich sehr gefreut, dass er die Eule behalten darf. Ich glaube ich habe ihn noch nie so glücklich gesehen. Ich weiß, du hast gesagt, du hattest sowieso nicht vor sie zu behalten, aber trotzdem nochmal vielen Dank dafür.
Ich habe ihm von dir erzählt. Ich glaube, zuerst hat er mir nicht so recht glauben wollen, aber inzwischen ist er ganz gespannt darauf dich kennen zu lernen.

Wie läuft es mit dem Entrümpeln?

Liebe Grüße
Harry

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Harry verbrachte einige herrliche Tage bei den Weasleys. Mrs. Weasley erlaubte ihm sogar auf dem Feld hinter dem Haus mit den anderen zusammen Quidditch zu spielen, unter der Voraussetzung, dass Bill mit dabei war.

Es war das erste mal seit Monaten, dass er auf dem Besen saß.
Das bekannte Gefühl von Freiheit, dass ihn von Anfang an beim Fliegen ergriffen hatte durchströmte ihn und erst jetzt wurde ihm wirklich bewusst, wie sehr er das Fliegen vermisst hatte. Er zog seine Kreise, drehte einige Loopings und Spiralen, rollte sich um die eigene Achse und schoss jauchzend zwischen den Weasleys hindurch.

An den Abenden forderte Ron ihn zu einigen Partien Schach heraus, die Harry alle verlor, aber das war nichts neues für ihn. Er genoss es mit seinem besten Freund zusammen zu sein und gönnte ihm den Erfolg.
Fred und George luden ihn ein ihr, wie sie es nannten, Laboratorium zu besichtigen. Sie hatten eine Ecke ihres Zimmers mit einer Werkbank ausgerüstet und verbrachten viel Zeit damit kleine Experimente durchzuführen, die häufig einen schrecklichen Gestank und gelegentlich eine kleine Explosion verursachten.
„Wir werden mal ganz groß rauskommen mit unseren Produkten, wart‘s nur ab. Der Markt für Scherzartikel boomt“, erklärten sie ihm mit Feuereifer.
Harry musste anerkennend zugestehen, dass einige der Prototypen , die sie ihm zeigten in der Tat erfolgversprechend aussahen, doch er war nicht mutig genug sich ihnen als Testperson zur Verfügung zu stellen, ebensowenig wie Ron, wobei der hin und wieder unfreiwillig als solche auserkoren wurde und so einen halben Tag mit schwarz-weißem Haar herumlief, dass an ein Stinktier erinnerte, ehe die Wirkung des Trankes nachließ, den sie ihm untergejubelt hatten.

 

„ Und? Wie läuft es so mit Snape?“, fragte Ron schließlich, als sie am Abend vor Harrys Abreise auf dem Rücken im Garten lagen und zusahen, wie ein Stern nach dem anderen über ihnen am Himmel aufleuchtete. Die Frage schien ihm seit Tagen unter den Nägeln gebrannt zu haben, doch irgendetwas hatte ihn zurückgehalten sie zu stellen. Ron war noch immer unglaublich empfindlich was dieses Thema anging.
„Gut“, antwortete Harry. „Es ist wirklich schön. Es fühlt sich noch immer etwas komisch an. Ein Zuhause zu haben meine ich. Nicht einfach nur einen Ort an dem man wohnt, sondern ein wirkliches Zuhause.“
Ron neben ihm räusperte sich. Harry vermied es zu ihm hinüber zu sehen.
Es entstand eine kurze Pause.
„Ich kann mir das ehrlich gesagt gar nicht vorstellen, wie das sein muss, kein richtiges Zuhause zu haben... Es freut mich, dass es dir dort gut geht.“
„Wenn du willst kannst du mich ja auch mal besuchen kommen.“
„Meinst du wirklich, Snape erlaubt das?“
„Fragen kostet nichts.“
„Ich in Snapes Haus zu Besuch. Kneif mich Harry, ich glaub immer noch ich träume.“

Dann heulte er auf, als Harry ihn mit dem Zeigefinger zwischen die Rippen pikste.

Chapter 10: Heimkehr

Chapter Text

„Morgen kaufen wir eure Schulsachen“, verkündete Mrs. Weasley beim Abendessen.
„Was, jetzt schon?“, entfuhr es einem der Zwillinge. „Es sind noch fast zwei Wochen, bis die Schule wieder anfängt.“
„Wir sind mit Professor Snape im tropfenden Kessel verabredet.“
Harry schien zwar der einzige am Tisch zu sein, der sich darüber ernsthaft freute, aber das war ihm egal. Harrys Zeit im Fuchsbau war wie im Fluge vergangen.
Es war schön gewesen, mit den anderen herumzutollen. Es war schön aus der Stadt herauszukommen. Hier musste er nicht ständig auf der Hut sein, was er tat oder sagte. Aber in einem kleinen Winkel seines Herzens vermisste er Spinners End. Nicht, dass er Heimweh hatte, nein, aber er freute sich darauf Snape wiederzusehen, Smila und natürlich seine neuen Freunde.

 

Am nächsten Morgen schrumpfte Mr. Weasley seine Tasche für ihn und einer nach dem anderen betraten sie den Kamin um in den Tropfenden Kessel zu reisen.
Obwohl Harry inzwischen mehrfach auf diese Weise gereist war, machte es ihn noch immer etwas nervös, wenn er daran dachte, was bei seinem ersten Versuch geschehen war.
„Winkelgasse.“ Er bemühte sich besonders deutlich zu sprechen. Die Wände des Kamins wirbelten um ihn herum. Oder vielleicht war es auch er selbst, der sich drehte? Er schloss die Augen und kämpfte gegen den Schwindel an.
Abrupt hatte er wieder festen Boden unter den Füßen, kam ins Stolpern und fiel auf die Knie.
„Man sollte kaum meinen, dass Gryffindors gefeierter Sucher sich im Alltag derweilen derart ungeschickt anstellt.“
Grinsend ließ sich Harry von Snape auf die Beine helfen.
Sie traten beiseite und warteten bis der Rest der Weasleys sich versammelt hatte.

Als sie aus dem Tropfenden Kessel in die Winkelgasse traten, wartete eine Überraschung auf sie. Von der anderen Straßenseite winkte Hermine ihnen lächelnd zu.
„Hermine!“, riefen Harry und Ron wie aus einem Munde. „Aber du hast doch geschrieben, dass du erst nächste Woche mit deinen Eltern in die Winkelgasse kommst.“
Hermine grinste breit. „Das war ja auch so gedacht. Wir sind doch gerade erst aus Frankreich zurück und die beiden mussten dringend ihre Praxis wieder aufmachen. Aber dann habe ich sie überredet mich einfach hier abzusetzen und nachdem deine Mum ihnen versprochen hat mich nachher wieder sicher nachhause zu bringen, waren sie einverstanden.“
Ron warf seiner Mutter einen Blick zu der halb Bewunderung, halb Verwirrung ausdrückte, während Mrs. Weasley Hermine verschwörerisch zuzwinkerte.
„So!“, verkündete sie dann. „Ich würde vorschlagen, wir teilen uns auf. Ginny braucht dringend eine neue Uniform. Fred, George, sollte ich euch auch nur in der Nähe der Nocturn-Gasse sehen, braucht ihr euch keine Gedanken mehr über eure Schulsachen zu machen, denn dann wird nichts von euch übrig bleiben, was nach Hogwarts zurückkehren kann. Percy, ich gehe davon aus, dass du pünktlich um drei wieder hier bist. Dasselbe gilt für dich Arthur.“ Damit wandte sie sich zum Gehen.
„Und wir?“, rief Ron ihr irritiert nach.
Sie blickte ihn über ihre Schulter hinweg an. „Ich bin sicher, der Professor wird dafür sorgen, dass ihr pünktlich zurück seid.“
Ron sah aus, als wäre er mit jedem anderen ihrer kleinen Truppe lieber unterwegs gewesen - sogar mit Percy - aber seine Mutter war bereits mit Ginny an der Hand verschwunden.
„Ähm, und nun?“, fragte Harry und blickte zu Snape hinüber.
„Jetzt habt ihr genau eine Stunde mich durch diese schrecklichen Läden zu schleifen, bevor wir uns ernstlich an die Beschaffung eurer Schulmaterialien machen.“
„Ist das sein Ernst?“, zischte Ron Harry leise zu.
„Sehe ich aus, als würde ich scherzen, Mr. Weasley?“, sagte Snape und zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Ähm...“
„Noch achtundfünfzig Minuten, Mr. Weasley. Ich würde mich beeilen, wenn ich an Ihrer Stelle wäre.“
„Wir müssen unbedingt in ein Tiergeschäft!“, platze Hermine hervor und zog die beiden Jungen kurzerhand an ihren Ärmeln voran.
„Harry hat Hedwig. Und du, du hast jetzt Pigwidgeon. Und vorher hattest du Krätze.“
Zielsicher steuerte sie auf einen Laden zu über dem in großen Lettern Magische Menagerie prangte.
Snape folgte ihnen mit einigen Schritten Abstand.

Drinnen war es ziemlich düster und es roch etwas seltsam, wie Harry fand. Jeder Zentimeter der Wände war mit Käfigen, Terrarien und Aquarien zugepflastert, die die merkwürdigsten Bewohner beherbergten.
Natürlich gab es da die vertrauten Eulen, Schlangen und Kröten und auf der Theke stand ein großer Käfig, in dem einige bunte Ratten herumhüpften, indem sie ihre Schwänze zu Sprungfedern formten.
„Angeber“, murmelte Ron und warf ihnen einen bösen Blick zu.
Die Hexe hinter der Theke schien ihn nicht gehört zu haben. Freundlich lächelte sie ihnen entgegen. „Was kann ich für euch tun, meine Lieben?“
Hermine trat näher an sie heran.
„Ich suche ein Haustier“, sagte sie. „Ich dachte an eine Eule oder ...“
„Arhg!“ Ihre Erklärung wurde von Rons panischem Aufschrei unterbrochen. Etwas riesiges, rotes war haarscharf an Ron vorbeigeschossen und auf Hermine gelandet. Etwas verdattert starrte sie auf das Fellknäul in ihren Armen.
„Krummbein! Nein!“, rief die Verkäuferin und kam hinter dem Tresen hervor. „Es tut mir wirklich leid. Er ist leider etwas schwierig.“ Sie machte Anstalten Hermine von ihrer Last zu befreien.
„So so, Krummbein heißt du also“, gurrte Hermine, während sie dem roten Kater den Nacken kraulte. Schnurrend hob dieser den Kopf und rieb seine Wange gegen Hermines Brust.
Sein Gesicht erinnerte Harry an die Figuren in Dudleys Cartoons, nachdem diese gegen eine Wand gelaufen waren.

Etwa zehn Minuten später standen sie auf der Straße vor dem Geschäft.
Glücklich drückte Hermine den Korb mit ihrem neuen Kater an sich.
„Ich kann immer noch nicht glauben, dass du das Vieh wirklich gekauft hast“, sagte Ron zum wiederholten mal.
„Und ich kann nicht glauben, dass es bisher so schwer war einen Besitzer für ihn zu finden“, sagte Hermine und warf einen liebevollen Blick durch die Gitter des Katzenkorbes.

 

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Erst am frühen Abend kehrten Harry und der Professor nach Spinners End zurück.
„Der Verkäufer bei Florish und Blotts hat mir schon ein wenig leid getan. Beißende Bücher. Wer ist denn auf die Idee gekommen?“, fragte Harry.
Snape brummte etwas unverständliches vor sich hin. Dann schickte er Harry nach oben, damit er seine Einkäufe wegräumte.
Mit einem mentalen Achselzucken kam Harry der Aufforderung nach. In knapp zwei Wochen würde er so oder so erfahren, wer das Buch auf die Liste gesetzt hatte.

 

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Der Rest der Ferien verging wie im Fluge.
Nach einigem hin und her, durfte Harry erneut zu seinen Streifzügen durch die Nachbarschaft aufbrechen, allerdings nur in Begleitung eines ungewöhnlich großen schwarzen Hundes.
Seinen Freunden stellte er ihn als Tatze vor, doch Iliana beschloss schnell, dass Schnuffel doch wesentlich besser zu ihm passen würde und taufte ihn kurzer Hand um.
Sirius schien das nicht groß zu stören.
„Ich finde deine Muggelfreunde wirklich nett“, sagte er, als Harry ihn danach fragte. „Erstaunlich, wie viel Spaß man ganz ohne Magie haben kann.“

War Sirius anfangs nur in Lupins Begleitung bei ihnen erschienen, geschah es nun ab und an, dass er auch nach Harrys Ausflügen in der Nachbarschaft noch auf einen Tee blieb.

Drei Tage vor ihrer Rückreise nach Hogwarts erwartete Smila sie mit einem leckeren Eintopf und Snape lud Sirius ein zum Abendessen zu bleiben. Sirius und Harry fachsimpelten über Quidditch. Als der Nachtisch aufgegessen war, wandte sich Snape an Harry. „Sind deine Koffer gepackt?“ Harry zögerte kurz.
Für einen Moment war er versucht zu sagen, dass alles fertig sei, doch dann besann er sich eines Besseren. Es hatte kaum einen Sinn Snape anzulügen. Vor allem nicht wegen etwas derart banalem. „Noch nicht. Ich wollte morgen...“
Snape unterbrach ihn. „Ich schlage vor, du gehst nach oben und fängst damit an. Sieh nach ob du wirklich alles hast, was du benötigst. Falls nicht, hat Smila morgen noch ausreichend Zeit, zu besorgen was fehlt.“
Harry zuckte mit den Achseln, verabschiedete sich von Sirius mit einer raschen Umarmung und flitze nach oben.
Wie er feststellte hatte Smila bereits seinen Schrankkoffer für ihn bereitgestellt. Systematisch arbeitete er sich durch seine Schränke und Regale.
Bei den Dursleys hatte er nie lange überlegen müssen, was er einpacken würde, doch jetzt war das anders. Immer wieder räumte er Dinge in den Koffer hinein und nahm andere wieder heraus. Endlich wusste er, wie es Hermine ging, wenn sie sich beklagte, sie habe nicht alle Bücher mitnehmen können, die sie mitnehmen wollte.
Nach fast einer Stunde war er sich ziemlich sicher, dass die wichtigsten Dinge verstaut waren. Nur sein neues Verwandlungsbuch hatte er nicht finden können.
Auf seinem Bett sitzend blickte er sich noch einmal um und dachte nach. Gestern hatte er es noch in der Hand gehabt. Da war er sich sicher. Er hatte in Snapes Arbeitszimmer vor dem Kamin herumgelümmelt und…
Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. Natürlich! Es lag noch unten auf dem kleinen Tischchen. Da konnte er hier oben lange suchen.

Die Tür zum Arbeitszimmer war leicht angelehnt und Harry musste sich nicht besonders anstrengen um Sirius erregte Stimme zu hören.
„Dementoren in der Schule! Ist Albus von allen guten Geistern verlassen?“
„Soviel ich weiß, hat man ihm da keine Wahl gelassen“, sagte Snape. Seine Stimme klang ruhig, doch Harry spürte seine Anspannung.
„Keine Wahl! Bei Merlins Bart! Der Minister gehört seines Amtes enthoben, wenn du mich fragst. Wie können wir diese Monster auf unsere Kinder loslassen.“
„Sie werden nicht in der Schule sein. Nur darum herum. Sie sollen patrouillieren um zu verhindern, dass sich Unbefugte Zugang zum Schulgelände verschaffen.“
„Und das ist ja auch richtig so. Aber Snape“, er klang nun fast flehentlich, „Dementoren! Glaubst du, wenn Voldemort sich wirklich in die Schule einschleichen wollte würde es ihm nicht gelingen? Ist es ihm nicht bereits mehrfach gelungen?“
„Das schon, aber soweit wir wissen ist es nicht Voldemort selbst, der sich in die Schule einschleichen soll, sondern seine Handlanger.“
„Man könnte fast meinen, er hätte Angst es erneut mit Harry aufzunehmen. Er schickt lieber andere vor um ihn aus dem Weg zu räumen.“
Vor ihm ging die Küchentür auf und Smila trat hervor.
„Hallo Harry“, grüßte sie.
Keine Sekunde später wurde die Tür zum Arbeitszimmer vollständig aufgerissen und Harry sah sich Snape und Sirius gegenüber.
„Ähm… Ich wollte nur mein Buch holen“, setzte Harry an.
„Und wie lange hast du vor der Tür gestanden, statt zu klopfen und danach zu fragen?“
„Wahrscheinlich etwas zu lange“, sagte Harry und blickte schuldbewusst zu Boden
Die beiden warfen ihm skeptische Blicke zu, die Augenbrauen leicht in die Höhe gezogen.
„Macht es dir den keine Angst, was du eben gehört hast?“, fragte Sirius.
Harry blickte auf und stieß ein freudloses Lachen hervor. „Die Bedrohung ist da, ob ich davon weiß oder nicht. Und ich weiß lieber, was mich erwartet, als plötzlich davon überrascht zu werden.“

Snape legte ihm eine Hand um die Schulter, während er ihn zum Sofa vor dem Kamin führte.

Chapter 11: Hogsmead

Notes:

Hallo ihr Lieben,
hier also das nächste Kapitel.
Ich hoffe es macht euch noch immer Freude mich auf der Reise durch die Geschichte zu begleiten.
Wenn ja, lasst mir gerne ein Kudo oder einen netten Kommentar da und lasst es mich wissen :)

Alles Liebe
Waltraud

Chapter Text

Sie hatten sich darauf geeinigt, dass es das beste wäre, wenn Harry nicht mit dem Hogwartsexpress reisen würde.
Zunächst war Harry widerwillig gewesen. Er liebte die Zugfahrt. Es erinnerte ihn an seine erste Hogwartsreise. Hier hatte er Ron getroffen. Hier hatte ihre Freundschaft begonnen.
Doch wenn er darüber nachdachte, musste er zugeben, dass es so besser für alle sein würde. Er brachte sich und seine Freunde und Schulkameraden nur unnötig in Gefahr, wenn er darauf bestand mit dem Zug zu reisen.
So kam es, dass er am Abreisetag mit einem Mal noch deutlich mehr Zeit hatte, als er erwartet hatte. Sie würden apparieren und damit mehrere Stunden einsparen.

Etwas lustlos rührte er in seinen Cornflakes herum. Ihm gegenüber faltete Snape raschelnd den Tagespropheten zusammen.
„Fühlst du dich nicht wohl? Oder hat es einen anderen Grund, warum du dein Frühstück verschmähst.“
Harry schüttelte mit dem Kopf. Seine Freunde würden Kesselkuchen essen, ihre Späße miteinander treiben. Und er würde nicht dabei sein.
Obwohl er wusste, dass es Unsinn war, fühlte er sich einsam.
„Was hältst du davon schon ein wenig früher aufzubrechen? Wir könnten eine kurze Tour durch Hogsmead machen“, schlug der Professor vor, der den Grund für seine düstere Stimmung zu erahnen schien.

Hogsmead, das kleine Zaubererdorf unterhalb des Schlosses. Harry war bisher noch nie dort gewesen. Erst ab dem dritten Schuljahr war es den Schülern erlaubt das Dorf an einigen Wochenenden im Jahr zu besuchen.
Ein entsprechendes Erlaubnisformular hatte seiner Schulbuchliste in diesem Sommer beigelegen. Bei der Erinnerung daran durchfuhr Harry ein schrecklicher Gedanke.
„Sir, was wird aus den Hogsmead-Wochenenden?“
Snape zog in seiner vertrauten Art eine Augenbraue in die Höhe.
„Was meinst du?“
„Die Wochenenden an denen wir in das Dorf dürfen! Ich kann ja schlecht nicht mit dem Zug fahren aus Sorge vor einem Angriff und dann mir nichts dir nichts mit meinen Freunden durch Hogsmead spazieren.“
Snape schwieg, während er darüber nachdachte, die Hand am Kinn, den Zeigefinger an die Wange gelegt.
„Wäre es für dich vertretbar von sagen wir mal einem Hund auf deinen Ausflügen begleitet zu werden?“
Harry hatte damit gerechnet, dass Snape ihm sagen würde, dass er sich eben gedulden müsse, bis die Gefahr vorüber war. „Im Ernst?“
„Bin ich besonders bekannt dafür, einen ausgeprägten Sinn für Humor zu haben?“
Harry grinste breit.
„Hoffentlich ist Sirius einverstanden. Ich muss ihm später direkt einen Brief schreiben!“
Hierauf warf Snape ihm einen etwas seltsamen Blick zu, den Harry nicht zu deuten vermochte, doch er beließ es dabei und widmete sich mit neuem Appetit seinem vernachlässigtem Frühstück.

 

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Die Koffer auf Brieftaschengröße geschrumpft und sicher in seinen Umhangtaschen verstaut erreichten sie am Vormittag Hogsmead.
Kurz hatten sie überlegt, ob sie sich jeweils ein anderes Gesicht geben sollten, um nicht erkannt zu werden. Doch dann hatten sie sich dagegen entschieden. Noch war seine Rolle als Harrys neuer Vormund kein Allgemeinwissen.
Die Formalitäten hierzu waren, angestoßen durch Albus und dem ausgesprochen hilfsbereiten Lucius, in aller Stille abgewickelt worden.
Auf Dauer wäre es jedoch ein großer Aufwand zu versuchen das Ganze geheim zu halten. Außerdem hatte Harry es verdient zeigen zu dürfen, dass er nicht alleine war. Dass es jemanden gab, der für ihn sorgte, ihn beschützte.
Sie würden auffallen wo auch immer sie gemeinsam erschienen.
Er, weil fast jeder ihn als Hogwarts Tränkemeister kannte – und fürchtete.
Und Harry, weil er eben Harry war. Der Junge, der überlebt hatte.
Sie machten sich die Sache um einiges einfacher, wenn sie sich an ihre neuen Rollen gewöhnten. Und mit der Zeit würde die Neugier ihrer Mitzauberer nachlassen und das Getuschel abebben. Zumindest hoffte er das.

Seite an Seite schlenderten sie die schmale Hauptstraße des verschlafenen Dörfchens entlang.
Wie auch bei ihren Besuchen in der Winkelgasse, schien Harry außer sich vor Entzücken, beim Anblick der Waren in den Schaufenstern.
Severus zeigte ihm seine Lieblingsbuchhandlung, ein kleines düsteres Antiquariat, doch sehr gut sortiert. Und später ließ er sich von dem Junge überreden mit ihm einen kurzen Abstecher in den Honigtopf zu machen.

Mit großen Augen ließ Harry seinen Blick über die Regale und Theken streifen. Er konnte sich kaum entscheiden, was er kaufen wollte. Für Granger wählte er eine fein gearbeitete Schreibfeder aus rosa und weißem Zuckerguss aus. Für Weasley eine große Schachtel Berty Botts Bohnen jeder Geschmacksrichtung. Dann stand er lange unentschlossen zwischen den verschiedenen Waren.
„Überlegst du, wie du mich dazu bekommst, dir von allem etwas zu kaufen?“, fragte Severus ihn, wobei er darauf achtete, dass sein Tonfall klar zu erkennen gab, dass es ein Scherz war.
Harry lächelte leicht und schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe überlegt, was Sie wohl am liebsten von all dem essen würden.“
Überrascht zog Severus eine Augenbraue in die Höhe.
„So?“
„Mhm. Ich tippe auf etwas mit dunkler Schokolade. Pralinen vielleicht. Oder Lakritzfledermäuse. Oder wäre das Kannibalismus?“ Beim letzten grinste der Junge ihn breit an.
Wären sie allein gewesen, Severus hätte wahrscheinlich laut aufgelacht. So begnügte er sich mit einem Lächeln und einem freundschaftlichem Klaps gegen den Haarschopf des Jungen.
„Das hat man davon, wenn man dir den Gefallen tut, dich in diesen Laden zu begleiten. Wobei ich zugeben muss, dass ich zu ein paar dunklen Pralinen nicht nein sagen würde, kämen sie unter meinen Weihnachtsbaum geflattert.“
Sie bezahlten und verließen das Geschäft.
Severus blickte auf seine Taschenuhr.
„Zeit fürs Mittagessen. Hast du Lust auf ein Butterbier?“
„Ein was?“
Kopfschüttelnd führte er Harry in Richtung der Drei Besen. Der Junge würde noch viel lernen müssen, um sich in der Welt der Zauberer wirklich zurechtzufinden.

 

Madam Rosmertas Eintopf schmeckte gut wie eh und je. Mit großer Begeisterung hatte sie gesehen, wer ihn da begleitete und ihnen sogleich einen kleinen Tisch in einer etwas ruhigeren Ecke zugewiesen. Noch war hier nicht viel los. Erst gegen Abend würde sich der Schankraum wirklich füllen.
Harry kostete sein Butterbier und strahlte über das ganze Gesicht. „Das ist wirklich großartig“, sagte er und nahm einen weiteren Schluck.
Nach dem Essen schlenderten sie noch ein wenig durch Hogsmead und Severus musste Harry davon abhalten den Quidditch-Laden zu stürmen und ein Vermögen auszugeben um sich doch noch einen Feuerblitz zu kaufen. Das neuste Rennbesenmodell auf dem Markt, welches den Jungen schon bei ihrem Besuch in der Winkelgasse in seinen Bann geschlagen hatte.
„Wie wäre es, wenn wir erst einmal sehen, ob du es in die Auswahl deiner Hausmannschaft schaffst bevor du so eine Investition tätigst“, spöttelte er und zog ihn mit sanfter Gewalt weiter.
Nach einigen Schritten blieb der Junge wie angewurzelt stehen.
„In die Hausmannschaft? Heißt das ich darf in diesem Jahr wieder an den Spielen teilnehmen?“
„Madam Pomfrey und ich sind der Meinung, es sollte ein Versuch wert sein. Allerdings unter der Bedingung, dass immer ein Erwachsener anwesend ist und ein Auge auf dich hat. … Und damit meine ich nicht Hagrid“, fügte er noch hinzu, bevor ihm die stürmische Umarmung eines Teenagers die Luft für weiteres nahm.

Zunächst stand er stocksteif da und wusste nicht was er tun sollte. Dann tätschelte er ein, zweimal etwas unbeholfen Harrys Schulter. Nach einigen Sekunden entließ der Junge ihn aus seinem Klammergriff. „Danke!“ Seine Augen schimmerten verräterisch hell und seine Stimme war fast eine Oktave höher.
Mit einem knappen Kopfnicken strich Severus seinen Umhang glatt und als wäre nichts geschehen, setzten sie ihren Weg fort.

Chapter 12: Zurück in Hogwarts

Notes:

Holla,
willkommen zurück und wie immer viel Spaß beim Lesen!
Und wie immer freue ich mich über euer Feedback/ eure Kudos :)

Bis bald,
alles Liebe
Waltraud

Chapter Text

Fast hatten sie die Tore zum Schlossgelände erreicht.
Fast.
Er spürte ihre Kälte noch bevor er sie erblickte, doch zunächst wusste er nicht, was es war.
Eben noch war er glücklich gewesen. Er würde in dieser Saison wieder auf dem Besen sitzen. Würde den Wind in seinen Haaren spüren, während er dem Schnatz hinterher jagte.
Dann vom einen auf den anderen Moment fühlte er das Glück aus sich herausströmen.
Er zitterte.
Sein zuvor noch federnder Schritt wurde schleppend.
Seine Handflächen prickelten.

Über den beiden Ebern schwebten zwei Gestalten in langen schwarzen Kutten und schienen ihn aus den schwarzen Löchern ihrer Kapuzen heraus anzublicken.
Alles um ihn herum fühlte sich seltsam dumpf an.
Er wollte etwas sagen, doch sein Kiefer gehorchte ihm nicht.
Ungeschickt zog er Snape am Ärmel um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Dann ließ er sich langsam auf die Knie sinken.
Langsam schwebten die Gestalten auf ihn und Snape zu.
Er sah, dass der Mund des Professors sich bewegte. Hören konnte er ihn nicht.

Die Welt um ihn herum verschwamm.
Er meinte einen spitzen Schrei zu hören. Die Stimme einer Frau, voller Angst.
Dann verschlang ihn die Dunkelheit und er wusste nichts mehr.

 

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Jemand rüttelte sanft an seiner Schulter. Harry versuchte die Hand fortzuschlagen, doch der andere ließ sich nicht beirren.
Mit einem genervten Stöhnen schlug Harry die Augen auf.
Sein Kopf schmerzte und er versuchte sich zu erinnern warum er auf dem Boden lag.

„Harry?“ Snapes Stimme half ihm ein wenig sich zu orientieren. Mit etwas Hilfe durch den Professors setzte er sich auf.
Langsam kehrten Harrys Erinnerungen zu ihm zurück und sein Blick schnellte zu dem Tor einige Meter vor ihnen.
Die dunklen Wesen waren fort.
Auf dem Weg trabte eine silberne Hirschkuh langsam auf und ab.
Snapes Patronus.
Harry hatte sie inzwischen des öfteren gesehen. Der Professor nutzte sie ab und an um anderen Zauberern Nachrichten zukommen zu lassen.
„Wo sind sie hin?“, fragte Harry und deutete auf die nun unbemannten Tore. Seine Hand zitterte.
„Sie mögen keine Patroni“, sagte Snape, als wäre damit alles erklärt.
„Hmm.“
Er brauchte nicht zu fragen, ob er einen Anfall gehabt hatte. Die Schmerzen in seinen Muskeln beantworteten diese Frage zu genüge.
„Meinst du, du schaffst es bis zum Schloss? Oder brauchen wir eine Trage?“
Harrys entsetzter Blick schien Antwort genug zu sein.
Mit Snapes Hilfe kam er vom Boden hoch. Sofort sprang die Hirschkuh an seine Seite. Sie strahlte ein helles, freundliches Licht aus und Harry hatte das Gefühl, als wärme es ihn von innen heraus.

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Sie schafften es gerade so bis in Snapes kleines Wohnzimmer.
Fix und fertig ließ Harry sich auf das Sofa fallen und schloss die Augen. Snape verschwand in der Küche. Harry hörte, wie er Tee kochte.
Hinter seinen Schläfen pochte ein dumpfer Schmerz. Er fröstelte und griff sich eine der Decken von der Armlehne neben sich.
So viel zum Quidditch.
Mit Sicherheit würde Snape sein Einverständnis ihn erneut auf einen Besen zu lassen sofort zurückziehen.
Gott, war er müde.
Das leise Klirren von Porzellan kündigte Snapes Rückkehr an.
„Harry, du musst erst etwas trinken, dann kannst du dich ausruhen.“
Etwas widerwillig schlug er die Augen auf und blickte in die Tasse, die Snape ihm entgegen hielt. Tee war das nicht. Er schnupperte daran.
„Heiße Schokolade?“ Er warf dem Professor einen fragenden Blick zu.
„Nimm einen Schluck, dann fühlst du dich gleich ein wenig besser.“
Vorsichtig, um sich nicht die Zunge zu verbrennen, nippte Harry an der dicken, süßen Flüssigkeit.
Bereits beim ersten Schluck strömte die Wärme in seinen Körper zurück und ihm war, als würde eine unsichtbare Last auf ihm leichter und leichter werden.
Snape ihm gegenüber leerte seine Tasse in wenigen Zügen und ließ sich dann mit einem leisen Seufzen tiefer in das Polster seines Sessels sinken.
„Black hat recht“, sagte er. „Wir sollten es wirklich nicht zulassen, dass diese Wesen unsere Schule bewachen.“
Harry setzte sich ein wenig auf. „Das waren also diese Dementoren?“
Der Professor nickte düster. „Abstoßende Kreaturen. Sie nähren sich von Emotionen. Saugen uns unsere glücklichen Momente aus und weiden sich an der Verzweiflung, die sie zurücklassen.“
„Und mit dem Patronus kann man sie vertreiben?“
Der Professor lehnte sich in seinem Sessel ein wenig nach vorn. „Um einen Patronus zu erschaffen, beschwört der betreffende Zauberer eine glückliche Erinnerung in sich herauf und webt sie in den Zauber. Je stärker die Erinnerung, desto mächtiger wird der Patronus. In ihm gibt es kein Leid. Nichts woran der Dementor sich laben könnte.“
„So eine Art Anti-Dementor.“
Snape legte den Kopf ein wenig schief und nickte dann zögerlich. „Vereinfacht gesagt, könnte man es so ausdrücken.“
„Und das hier?“ Harry deutete auf den Inhalt seiner Tasse.
„Schokolade hilft die Nebenwirkungen der Dementoren aufzuheben.“
Schokolade macht glücklich. So sagte man auch in der Muggelwelt, fiel es Harry ein.

„Ich habe meinen Trank heute Morgen pünktlich genommen“, platzte Harry schließlich heraus.
„Ich weiß“, sagte Snape.
Harry wählte seine Worte mit bedacht. Er wollte nichts sagen, was er hinterher bereute. „Ich glaube … kann es sein, dass der Dementor ...“
Snape betrachtete ihn mit neuer Aufmerksamkeit. „Möglich“, sagte er nach einer Weile. „Ich vermute Stress spielt eine große Rolle dabei. Zumindest verstehe ich es so.“
„Na super!“ Harry ließ sich in das Polster zurückfallen. „Dann bleibe ich den Rest des Schuljahrs einfach hier im Kerker, wo es keine Dementoren gibt.“
„Ich glaube nicht, dass das ein Problem wird, Harry“, antwortete Snape. „Die Dementoren patrouillieren nur entlang der äußeren Begrenzung. Sie werden nicht auf dem Gelände sein und schon gar nicht in der Schule.“
„Hmm. Und was ist mit Quidditch?“
„Was soll damit sein?“
„Ziehen Sie ihre Erlaubnis denn nicht zurück?“
Snape schüttelte den Kopf. „Ich hatte den Sommer über genügend Zeit mir dazu gründlich Gedanken zu machen. Es wäre falsch, dich in Watte zu packen. Ich denke, mit den richtigen Vorsichtsmaßnahmen sollte das Risiko überschaubar sein.“
Erleichtert kuschelte sich Harry in die Ecke des Sofas. Er gähnte und blinzelte.
„Ist es schwer einen Patronus zu erschaffen?“
Snape zog eine Augenbraue in die Höhe. „Ich würde sagen, es ist einer der anspruchvollsten Zauber die hier gelehrt werden. Es gibt viele erwachsene Zauberer, denen er niemals gelingt.“
„Wann steht er auf dem Lehrplan?“
„Nicht vor dem fünften Schuljahr.“
„Hmm.“ Etwas enttäuscht schloss Harry die Augen.

Bis zum späten Nachmittag döste er auf dem Sofa vor sich hin. Kurz vor der Ankunft seiner Freunde weckte Snape ihn und gemeinsam stiegen sie hinauf in die Eingangshalle um auf die Kutschen und die Ankunft seiner Freunde zu warten.

 

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„Harry!“ Mit einem Freudenschrei stürzte sich Hermine auf ihn und begrub sein Gesicht in ihrem buschigen Haar, während sie ihn umarmte. Auch Ron drückte ihn kurz an sich, wenn auch weniger stürmisch.
Gemeinsam gingen sie mit den anderen in die große Halle und ließen sich an ihrem Tisch nieder.
Oliver Wood hatte sich nur drei Plätze von ihnen entfernt hingesetzt. Harry beugte sich ein wenig nach vorn. „Hey Oliver!“
Der ältere Junge drehte sich zu ihm um. „Hi Harry. Na hast du einen guten Sommer gehabt?“
„Kann man wohl sagen“, antwortete er mit einem breiten Grinsen. „Wann findet die Auswahl fürs Quidditch in diesem Jahr statt?“
Wood überlegte kurz. „Ich denke nächste Woche. Hast du einen Vorschlag für die Liste?“
Harry nickte. „Ich habe gehört ein gewisser Mr. H. Potter möchte sich erneut für die Position des Suchers bewerben.“
Einige Sekunden starrte ihn Wood verständnislos an. Dann sprang er mit einem kleinen Aufschrei von seinem Platz hoch, hechtete über den Tisch und riss Harry fast um, als er ihm um den Hals fiel.
Als er sich endlich wieder von Harry löste, glaubte Harry Tränen in seinen Augen zu sehen.
„Heißt das, du setzt mich auf die Liste?“, fragte Harry.
„Scheiß auf die Liste!“, brüllte Wood. Sprang auf die Bank, verfehlte dabei nur knapp Rons Finger, der sich beeilte ihm Platz zu machen, und zog Harry neben sich hinauf.
„Ich verkünde hiermit, dass die Position des Suchers für dieses Jahr besetzt ist. Mögliche anderer Bewerber können sich ab morgen für die Reservebank eintragen lassen.“ Dabei riss er Harrys Arm in die Höhe und am Tisch bracht johlender Beifall aus.
Harry spürte wie er rot wurde. Etwas verlegen nahm er die Glückwünsche seiner Hausgenossen entgegen und selbst einige Hufflepuffs und Ravenclaws, die Woods Verkündung mitbekommen hatten, kamen herüber und klopften ihm auf die Schulter.
Soviel Aufmerksamkeit hatte er nicht gewollt.
Dumbledore rettete ihn, indem er sanft mit seinem Löffel gegen das fein geschliffene Glas vor sich schlug. Der helle Ton hallte durch den Saal und nach und nach kehrte Ruhe ein.

„Willkommen zurück“, verkündete der alte Zauberer, die Arme zu einer einladenden Geste ausgebreitet. „Wie immer gibt es einige Ankündigungen, die das vor uns liegende Schuljahr betreffen. Doch zunächst wollen wir die neuen Erstklässler in unseren Reihen begrüßen und ihnen einen Platz in einem der vier Häuser geben.“
Hierauf öffneten sich die großen Flügeltüren der Halle und gewährte den Blick auf die Schar der neuen Schüler, die, angeführt von Professor McGonagall, den Saal betraten.
Viele von ihnen blickten mit großen Augen zur verzauberten Decke hinauf. Einige wiederum sahen so verängstigt aus, als wollten sie am liebsten umkehren und davonlaufen.
Harry konnte sich nur zu gut daran erinnern, wie es für ihn gewesen war, als er zum erste mal in die große Halle geschritten war. Freundlich lächelte er den Erstklässlern entgegen.
War er damals auch so klein gewesen?, schoss es ihm durch den Kopf.
Professor McGonagall baute sich vor den Schülern auf, neben sich einen schmalen Stuhl und auf dem Stuhl der sprechende Hut. Wie schon vor zwei Jahren erklärte sie kurz die Funktion der Häuser und überließ es dann dem sprechenden Hut sich selbst vorzustellen.
Einige der neuen keuchten erschrocken auf, als der Riss an der Krempe einen Mund formte und der Hut zu singen begann.


„In Hogwarts sind der Häuser vier.
Gegründ‘ von Gryffidor und Slytherin,
von Hufflepuff und Rawenclaw.
Zunächst geeint,
Doch dann geteilt durch ihre Fähigkeiten.
Man fragt sich heute war das Recht?
Und ist das klug gewesen?
Wer sagt uns wirklich, wer wir sind?
Und was aus uns wird sein!“

Der Riss schloss sich und die Halle brach in Beifallslärm aus. Harry wandte sich verwirrt an Hermine. „Das war ein anderes Lied“, stellte er fest.
Hermine beugte sich zu ihm hinüber. „Es heißt er singt jedes Jahr ein neues. Wobei ich das hier doch recht kritisch den Gründern gegenüber finde.“
„Wieso?“
„Nun ja, er greift schließlich die Teilung der Häuser an. Vielleicht hat er damit sogar recht. Wenn man bedenkt wie viele Vorurteile daraus entstehen.“
Damit wandte sie sich wieder der Auswahl zu und überließ es Harry sich seine eigenen Gedanken darüber zu machen.

 

Nachdem der letzte Schüler verteilt war, wartete Professor Dumbledore bis Professor McGonagall ihren Platz am Lehrertisch eingenommen hatte, ehe er sich erneut erhob.
Mit einer einladenden Geste breitete er die Arme aus. „Willkommen zu einem neuen Schuljahr in Hogwarts ehrwürdigen Gemäuern. Ich hoffe sehr, ihr alle habt in den Sommerferien Platz in euren Köpfen geschaffen, damit wir sie wieder mit neuem Wissen füllen können.“
Inzwischen waren alle anderen Gespräche im Raum verstummt.
„Lasst mich einige Worte sagen, bevor wir mit dem Festessen beginnen: zum einen, freue ich mich euch mitteilen zu können, dass es uns gelungen ist, auch in diesem Jahr Professor Lupin für uns zu gewinnen um erneut das Fach der Verteidigung gegen die dunklen Künste zu lehren.“
Erst jetzt bemerkte Harry, dass Lupins Stuhl am Lehrertisch leer war. Doch bevor er Zeit hatte seine Freunde darauf aufmerksam zu machen, fuhr Dumbledore bereits fort. „Leider ist es Professor Lupin aus persönlichen Gründen erst am Freitag möglich seinen Unterricht aufzunehmen. Ich gehe davon aus, dass alle, die deshalb morgen eine Freistunde genießen dürfen, diese durchaus zu nutzen wissen.
Außerdem waren wir gezwungen Professor Kesselbrands Stelle nachzubesetzen, der in den Ruhestand gegangen ist, um sich seiner wie er sagte verbliebenen Gliedmaßen zu erfreuen . Wir freuen uns, niemand anderen als Rubeus Hagrid als seinen Nachfolger begrüßen zu dürfen.“
Im Saal brach stürmischer Applaus los, am lautesten wohl am Tisch der Gryffindors. Am Lehrertisch hob Hagrid seinen riesigen Humpen zum Gruß, die Augen tränennass. Dann putzte er sich mit einem tischtuchgroßen Taschentuch die Nase.
„Wow, Hagrid als Lehrer!“, brüllte Ron ihm über den Lärm zu, der nur langsam verebbte.
Dumbledore hob die Hand und wartete, bis es wieder still war. „Und dann noch zu einigen ernsteren Dingen. Für alle neuen Schüler, und auch zur Erinnerung an einige der älteren:“ Er warf den Weasley Zwillingen einen bedeutungsvollen Blick zu. „Der Verbotene Wald heißt nicht umsonst so. Das Zaubern auf den Gängen zwischen den Unterrichtsstunden ist nicht gestattet. Und Mr. Filch erinnerte mich daran, dass ein vollständiger Katalog der verbotenen Gegenstände, sowie nähere Erläuterungen zur Hausordnung bei ihm im Büro eingesehen werden können. Wie den meisten von euch außerdem aufgefallen sein sollte, patrouillieren in diesem Jahr Dementoren auf Wunsch des Ministeriums unsere Schulgrenzen.“ Seine Stimme ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Wünsche des Ministeriums sich nicht mit seinen Wünschen deckten. „Auch hier ein deutliches Wort der Warnung: Dementoren sind dunkle Geschöpfe. Reizt sie nicht und versucht nicht euch an ihnen vorbei vom Schulgelände zu schleichen. Menschliche Gefühle wie Mitleid und Gnade kennen sie nicht.“
Harry war, als wäre bei diesen Worten die Temperatur im Raum um einige Grad gesunken.
„Wie viele vielleicht in der Tagespresse verfolgt haben: Peter Pettigrew befindet sich auf der Flucht vor den Behörden. Sollte einem von euch trotz der Anwesenheit der Dementoren eine Verdächtige Person in der Schule oder auf dem Gelände auffallen, erwarte ich eine unverzügliche Meldung an einen Lehrer oder Vertrauensschüler. So, und nun: haut rein!“

Das Essen war wie immer großartig, doch Harry aß nur wenig. Er fühlte sich noch immer nicht ganz wohl und Dumbledores Worte hatten ihm die Begegnung mit den Dementoren nur zu genau ins Gedächtnis gerufen.
„Alles klar bei dir?“, fragte Ron zwischen zwei Bissen eines vorzüglichen Shepherd‘s pie.
Müde strich Harry sich über das Gesicht. „Sagen wir, ich hatte einen abwechslungsreichen Tag.“
Einen Moment starrte Ron ihn verständnislos an, dann begriff er. „Oh. Geht‘s dir gut?“
Harry winkte ab. „Ein bisschen Muskelkater.“
Es war ungewohnt für ihn so darüber zu sprechen und er war froh, als Fred und George einige Zweitklässler zur Seite schoben um sich ihnen gegenüber niederzulassen. „Na Harry, diese Saison kehren wir die Slytherins vom Feld was?“ „Ich dachte schon, wir würden Wood davon abhalten müssen, sich nach den Auswahlspielen in der Dusche zu ertränken.“
Wood, der sie gehört hatte, mischte sich ein: „Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird, jetzt wo du wieder da bist.“
„Snape hat es allerdings an einige Bedingungen geknüpft“, gestand Harry, der es für einen guten Moment hielt damit herauszurücken.
„Soll mir recht sein. Solange er dich spielen lässt. Was sind seine Bedingungen?“
Harry zögerte kurz, es wäre einfach gewesen ,ihm zu erzählen, dass er bedroht wurde und deshalb jemand auf ihn achtgeben sollte, doch das erschien ihm falsch.
„Oliver, weißt du was Epilepsie ist?“, fragte er stattdessen ungeachtet dessen, dass viele der anderen Gryffindors ihm zuhörten.
„Hmm, gehört habe ich das schonmal. Irgendeine Krankheit, oder?“
Harry nickte. „Es ist wie eine Fehlleitung der Nerven im Gehirn. Und hin und wieder passiert so etwas wie ein Gewitter im Kopf. Der ganze Körper beginnt zu zucken, als habe man einen Stromschlag bekommen.“ Die Beschreibung hatte er in einem kleinen Buch gefunden, dass er in Snapes Bibliothek gefunden hatte. Die Erklärung gefiel ihn.
„Klingt unbequem.“ Wood schaute ihn an, die Augenbrauen leicht hochgezogen. Harry konnte sehen, dass er nicht verstand, worauf er hinaus wollte.
„Oliver, ich habe Epilepsie.“
Wood schlug sich mit der Hand vor den Kopf. „Deswegen haben sie dich plötzlich nicht mehr spielen lassen!“
„Ja, ich hatte eine ganze Zeit recht viele Anfälle. Inzwischen ist es nach einigem herumprobieren mit verschiedenen Tränken besser geworden, aber das heißt nicht, dass es nicht mehr passieren wird.“
Was ja heute Nachmittag deutlich bewiesen wurde.
„Okay. Das heißt wir müssen nur verhindern, dass du vom Besen kippst und dir den Hals brichst.“
„Snape hat vorgeschlagen, dass einer der Lehrer unser Training beaufsichtigt und eingreift, falls etwas schief läuft.“
„Damit kann ich durchaus leben. Solange es nicht Snape selbst ist!“
„Vielleicht könnten wir Lupin fragen“, sagte Harry.
„Lupin?“ Oliver blickte zum Tisch der Lehrer und auf Lupins leeren Stuhl. „Lupin... Ja, das ist eine gute Idee.“
Harry spürte seine Augen feucht werden und schluckte gegen den Kloß in seinem Hals.
Er hatte Oliver von seiner Krankheit erzählt und für Oliver schien das alles kein großes Problem zu sein.
Er schmiss ihn nicht aus der Mannschaft und setzte ihn auf nicht auf die Reservebank. Und Harry fühlte sich gleich ein wenig besser.

Chapter 13: Pflege magischer Geschöpfe

Notes:

hier ein etwas kürzeres Kapitel.
Viel Spaß beim Lesen und danke für eure lieben Kommentare! Ich freue mich immer sehr über euer Feedback und eure Kudos.

Bis bald,
Liebe Grüße
Waltraud

Chapter Text

Die ersten Schultage verliefen recht ereignislos. In Verwandlung kam es ihm vor, als habe er alles, was er in den vergangenen zwei Jahre gelernt hatte wieder vergessen. Geschichte der Zauberei war trocken wie eh und je und Kräuterkunde blieb eine schweißtreibende Angelegenheit.
Nur in Zaubertränke merkte er, dass er trotz der Sommerferien kleine Fortschritte gemacht hatte. Das gelegentliche Brauen mit dem Professor machte sich bemerkbar.

Am Donnerstag gingen er und Ron zum ersten mal zu Pflege magischer Geschöpfe.
„Wer sonst würde auch ein beißendes Buch auf die Schulbuchliste setzen“, hatte Ron beim Festessen gesagt, nachdem Dumbledore seine Ansprache beendet hatte.

Harry war ein wenig nervös, was Hagrid wohl für sie alle in seiner ersten Unterrichtsstunde vorbereitet hatte. Sein Verhältnis zu magischen, gefährlichen Kreaturen war doch oft eher fragwürdig.
Sie teilten sich die Stunde mit den Slytherins. Ein weiterer Grund für Harry sich zu sorgen. Bestimmt würden sie kein gutes Haar an Hagrid lassen.

Hagrid schien seine Bedenken nicht zu teilen. Freudestrahlend erwartete er sie vor seiner Hütte.
„Morgen!“, rief er, als alle sich versammelt hatten. „Ich dachte wir fangen heute für den Einstieg mit was nettem an: Wer von euch kann mir sagen was ein Streeler ist?“
Die Schüler warfen sich unsichere Blicke zu.
Niemand antwortete und Harry wurde sich zum ersten mal bewusst, wie anders eine Unterrichtsstunde ohne Hermine sein konnte.
Sie hatte sich auf anraten der Hauslehrer dagegen entschieden jedes mögliche Wahlfach zu belegen, nur weil es angeboten wurde. Die Wahl war ihr schwer gefallen, doch schließlich hatte sie sich dazu durchgerungen Muggelkunde und Pflege magischer Geschöpfe sausen zu lassen.

Das Schweigen der Klasse dauerte an.
„Niemand? Schade … ich hätte gedacht … na macht nichts. Kommt mal alle mit.“
Er führte sie um seine Hütte herum. Auf der Rückseite, dicht an der Hauswand stand eine riesiges Terrarium, groß, wie Harry es bisher nur bei seinem Zoobesuch gesehen hatte.
„Eine Schnecke?“ Malfoys Stimme klang enttäuscht.
„Ha, nicht irgendeine Schnecke. Nein.“
Harry musste ihm recht geben. Die Schnecke war so lang wie sein Arm und ihr Haus groß wie ein Kürbis. Es strahlte in einem leuchtenden Orange, welches sich nach und nach zu einem dunklen Rot und schließlich zu einem hellen Violett wandelte. Einige der Mädchen quietschten begeistert.
„Das hier ist ein Streeler. Recht beliebt als Haustiere in manchen Kulturkreisen. Vor allem in Amerika, wie man hört. Hübsch nicht?“
„Kann man sie streicheln?“, fragte Pansy Parkinson und trat näher an das Glas heran.
„Davon würde ich abraten“, antwortete Hagrid. „Sind zwar hübsch. Aber sie sondern ein wirklich fieses Gift ab mit ihrem Schleim.“
Er erklärte ihnen wie das Terrarium eingerichtet war, damit die Schnecke sich wohlfühlte, was sie fraß und was es sonst zu beachten gab, wenn man sich eine solche anschaffen wollte.

„So, ich hätte gesagt das wär‘s für unsere heute. Als Hausaufgabe lest ihr den Abschnitt über Streeler in eurem Buch. Findet heraus, wofür man ihr Gift im Alltag einsetzen kann.“
„Und wie sollen wir bitte in unseren Büchern lesen?“, blaffte Malfoy und hielt sein Exemplar, um das er eine Stahlkette gebunden hatte, in die Höhe. Viele andere folgten seinem Beispiel. Harry sah Fesseln aus magischem Klebeband, einer Krawatte, Seilen oder wie bei ihm selbst einem Gürtel.
„Was denn? Keiner von euch hat es geschafft einen Blick hineinzuwerfen. Ihr müsst es einfach nur streicheln und schon macht es was immer ihr wollt.“
Er griff sich Seamus Buch und führte es ihnen vor, indem er mit seinem großen Zeigefinger den Buchrücken entlang strich. Augenblicklich hörte das Buch auf zu knurren und lag still in seiner Hand.
„Das wir darauf nicht gekommen sind“, verkündete Malfoy sarkastisch, während sich die Klasse daran machte ihre Bücher zu bändigen.

Hagrid hielt ihn und Ron zurück, während der Rest der Klasse sich auf den Weg zum Mittagessen machte.
„Na? Lief doch gar nicht so schlecht, oder?“, sagte er, als die meisten außer Hörweite waren. Für einen so großen Mann konnte er unglaublich unsicher klingen.
„Du warst großartig, Hagrid!“, sagte Harry und Ron pflichtete ihm bei. „Ich hatte schon Angst du würdest uns einen Drachen reiten lassen oder so.“
Es war als Scherz gemeint gewesen, doch Harry sah, wie Hagrid schuldbewusst zusammen zuckte. „Hatte eigentlich vorgehabt euch die Hippogreifen zu zeigen, aber Professor Snape war der Meinung, das wäre wohl doch etwas zu viel des Guten. Hab sie stattdessen für die Fünftklässler morgen geplant.“
Harry hatte keine Ahnung was ein Hippogreif war, aber wahrscheinlich war es ganz gut, dass er es heute noch nicht hatte herausfinden müssen.

Chapter 14: Die Karte des Rumtreibers

Notes:

Hi Leute,
weiter geht's!
Ich freue mich über eure Nachrichten/ Kudos.

Liebe Grüße und bis bald!
Waltraud

Chapter Text

Nach dem Mittagessen hatte er eine Freistunde, während Ron sich auf den Weg zu Wahrsagen machte.
Harry saß auf einer Fensterbank im dritten Stock und blätterte im Monsterbuch der Monster.
Er hatte ebenfalls überlegt Wahrsagen zu belegen, doch Snape hatte ihm dringlichst davon abgeraten. Die Worte esoterischer Humbug waren noch das Schmeichelhafteste gewesen, was er über diese Profession zu sagen gehabt hatte.
Er hatte einige Zeit darauf verwandt Harry die verschiedenen Wahlfächer zu erklären und welchen Nutzen es haben könnte sie zu belegen.
Arithmantik erschien Harry zu kompliziert. Es erinnerte ihn zu sehr an Mathematik und Physik, was ihm nie besonders gelegen hatte.
Das Konzept der Runenkunde hingegen hatte ihn fasziniert. Die Runenmagie war nicht mehr allzu weit verbreitet, spielte aber noch immer eine Rolle im Alltag der britischen Magier, hatte Snape ihm erklärt. Die Symbole selbst hatten, im Gegensatz wie viele Muggel es fälschlicherweise interpretierten, keine eigene Magie in sich. Stattdessen war es möglich mit ihrer Hilfe die Magie, die man wirkte zu beeinflussen. Zum Beispiel einen Zauber zu verstärken oder seine Wirkdauer zu verlängern.
Harry hatte bisher nicht darüber nachgedacht, aber es machte durchaus Sinn. Ein Zauber der gewirkt wurde existierte meist nur für eine gewisse Zeit. Selbst der Beinklammerfluch ließ irgendwann nach und verschwand dann vollständig, wie Neville bereits des öfteren bewiesen hatte. Je mehr Macht in einem Zauber steckte, desto langlebiger war er, doch das war für denjenigen, der den Spruch wirkte kräftezehrend, hatte Snape erklärt. Die Runen waren also eine Möglichkeit diese Hürde zu überwinden. Man konnte aber nicht einfach irgendeine Rune mit irgendeinem Zauber kombinieren und hoffen, dass es klappte. Das konnte todbringende Folgen haben. Es war eine Wissenschaft, die verstanden und geübt werden musste, um sie sicher anwenden zu können.
Er freute sich schon auf Freitag, wenn er und Hermine ihre erste Stunde alte Runen besuchen würden.

Harry zwang sich seine Gedanken zurück zu dem Buch in seiner Hand zu lenken.
Der Absatz über die Skreeler war kurz gehalten. Ihr Gift wurde unter anderem zur Unkrautvernichtung eingesetzt (wohl auch gegen magische Unkräuter). Er nahm sich vor Neville bei Gelegenheit dazu zu fragen. Bestimmt konnte er ihm auf Anhieb eine Hermine-würdige-Antwort zu dem Thema liefern. In Kräuterkunde konnte Neville niemand das Wasser reichen.
Harry schlug das Buch zu, umwickelte es der Vorsicht halber erneut mit dem Gürtel und steckte es zurück in seine Tasche.
Seine Hand ertastete Sirius Umschlag, den er am Vorabend in seine Tasche geschoben hatte. Er hatte das Geschenk in aller Stille erkunden wollen.
Er schaute sich um.
Niemand war in der Nähe.
Er öffnete den Umschlag und holte das Pergament heraus.
Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tu-nicht-gut bin.
Die Spitze seines Zauberstabs berührte das Pergament.
Zunächst geschah nichts und Harry dachte schon, er hätte etwas falsch gemacht, doch dann wuchsen von dort, wo sein Zauberstab das Blatt berührt hatte, feine Linien über das Papier, verzweigten sich, wurden deutlicher, Formten Worte: Die Herren Moony, Wurmschwanz, Tatze und Krone präsentieren stolz: die Karte des Rumtreibers. Die Linien änderten sich erneut. Bildeten Gänge und Räume. Kleine Punkte erschienen. Kleine, sich bewegende Punkte. Und unter jedem Punkt stand ein Name.
Suchend ließ Harry seinen Blick über das Kunstwerk wandern, dass er da in den Händen hielt.
Da! In einem kleinen Erker, im dritten Stock befand sich ein Punkt. Harry Potter stand darunter. Harry machte einen Schritt in den Gang hinaus und ging nach rechts.
Der Punkt tat es ihm gleich.
Das war einfach großartig!
Zentimeter für Zentimeter ließ er seinen Blick über die Karte schweifen.
Ron saß in einem der Türme neben Dean. Harry hatte nicht mal gewusst, dass es da oben noch ein Klassenzimmer gab.
Es schien Harry, als zeigte die Karte einige Gänge und Treppen mehr, als es offiziell gab. In einem davon konnte er die Namen Fred und George Weasley erkennen. Immer wieder hatte er sich gefragt, wie Fred und George es schafften überall im ganzen Schloss plötzlich aufzutauchen und zu verschwinden. Wahrscheinlich kannten sie die meisten der Geheimgänge, die hier verzeichnet waren.
Sein Blick blieb an einem weiteren Punkt hängen: nur einige Räume von ihm entfernt verschwand gerade der Name Remus Lupin in seinem Büro.
Gedankenverloren schaute Harry aus dem Fenster. Sein Blick blieb an den Torpfosten des Quidditchfeldes hängen.
Wenn der Professor doch schon zurückgekommen war, hätte er bestimmt kurz Zeit. Schließlich hielt er heute keinen Unterricht.

 

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Harry klopfte an die schwere Eichentür und wartete. Kurz darauf hörte er Schritte und Lupin öffnete. Er sah müde aus. Die Falten in seinem Gesicht schienen tiefer als sonst.
„Hallo Harry.“ Die Stimme des Professors klang ein wenig rau.
„Hallo Professor Lupin. Ich wollte Sie etwas fragen, aber ich kann auch gerne ein andermal wiederkommen. Es ist nichts dringendes.“
Wortlos trat Lupin einen Schritt beiseite und bedeutete ihm hereinzukommen. Etwas verlegen trat Harry über die Schwelle.
Lupin ging hinüber zu seinem Schreibtisch und räumte einige Unterlagen von einem der Stühle davor, um Harry Platz zu machen, wobei er sich irgendwie andres bewegte als sonstbewegte als sonst. Steifer.
„Möchtest du einen Tee?“
Er setzte sich und schüttelte den Kopf. „Nein, danke.“
Der Professor nahm ebenfalls Platz und blickte ihn über den Tisch hinweg freundlich an. „Nun, dann schieß mal los. Was wolltest du mich fragen?“
„Ähm, es ist so, wir suchen einen Lehrer der unser Quidditchtraining beaufsichtigt, damit ich in diesem Jahr wieder spielen darf.“
Lupin schien darüber nachzudenken. „Ich gehe davon aus“, sagte er schließlich, „dass Professor Snape davon weiß?“
Harry nickte. „Es war sogar sein Vorschlag. Er selbst kommt allerdings als Hauslehrer der Slytherins nicht in Frage.“
„Der Interessenkonflikt. Ich verstehe. Und da habt ihr an mich gedacht.“ Er machte eine kurze Pause. „Weißt du Harry, ich fühle mich wirklich geehrt, aber ich weiß nicht, ob ich der richtige dafür bin.“
„Warum?“
Die Hände des Professors spielten mit einer Schreibfeder auf seinem Schreibtisch. Er schwieg, dachte nach.
Harry rutschte unruhig auf seinem Stuhl ein wenig nach vorn.
Nach einer gefühlten Ewigkeit nickte der Professor schließlich. „Ich würde gerne mit Professor McGonagall darüber sprechen. Bestimmt findet sich dann eine Lösung, die für alle annehmbar ist. Wood soll mir eure Trainingszeiten so bald wie möglich zukommen lassen. Wäre das in Ordnung?“

Mit einem kleinen Freudenschrei sprang Harry auf. „Er wird Ihnen einen Orden verleihen, wenn er das hört, Professor!“
Harry musterte Lupin erneut. Sein Gesicht wirkte ungesund blass. „Ich will nicht aufdringlich klingen, aber brauchen Sie irgendetwas aus dem Krankenflügel, Professor?“
„Sehe ich so schlimm aus?“
Harry zuckte mit den Achseln. Lupins Lippen verzogen sich zu einem milden Lächeln.
„Nur die letzten Nachwirkungen einer Migräne, Harry. Nichts was ich nicht händeln könnte. Aber trotzdem, sehr aufmerksam von dir.“
„Oh, hätte ich das gewusst. Ich wäre wann andres wieder gekommen..“
Lupin machte eine abwehrende Geste mit der Hand.

„Woher wusstest du eigentlich, dass ich hier sein würde?“
Harry zog Sirius Geschenk aus seiner Umhängetasche.
„Ach richtig. Diese vermaledeite Karte“, sagte der Professor, doch seine Stimme hatten einen beinahe liebevollen Unterton angenommen. „Denk immer daran sie zu löschen, wenn du mit ihr fertig bist.“ Er zückte seinen Zauberstab. „Unheil angerichtet.
Innerhalb weniger Sekunden war die Karte nur noch ein leeres Pergament.
„Wirklich unglaublich“, flüsterte Harry.
„Du glaubst nicht wie lange wir daran herumgetüftelt haben. Harry,“ mit einem mal klang seine Stimme sehr ernst. „Sirius wollte, dass du diese Karte bekommst, und ich kann ihn auch verstehen, aber bitte versprich mir keine unnötigen Risiken auf dich zu nehmen, egal was du auf der Karte findest.“
„Sie meinen, falls ich Pettigrew darauf finde.“
Der Professor nickte.
„Keine Sorge, ich bin nicht allzu scharf darauf ihm zu begegnen, glauben Sie mir.“
Er warf einen Blick auf seine Uhr. In knapp zehn Minuten hatte er eine Doppelstunde Zaubertränke.
„Ich muss los. Vielen Dank, Professor. Wiedersehen. Und gute Besserung!“
„Danke Harry. Und keine Ursache.“

 

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Noch am selben Abend schrieb Harry einen langen Brief an Sirius. Bei ihrem letzten Treffen hatte er seinem Paten versprochen, ihn über alles wichtige, was in Hogwarts passierte auf dem Laufen zu halten und das Harry wieder Quidditch spielen würde war ja wohl wichtig.

„Lieber Sirius,
dein Geschenk ist wirklich großartig. Vielen Dank.
Stell dir vor, ich darf ab dieser Saison wieder Quidditch spielen!
Heute war ich bei Lupin. Ich hoffe er beaufsichtigt künftig unser Quidditchtraining. Du kannst dir nicht vorstellen wie sehr ich darauf brenne endlich wieder spielen zu dürfen.
Vielleicht schaffst du es ja sogar zu unserem ersten Spiel?

Hagrid macht sich als Professor gar nicht so schlecht.
Und ich bin schon gespannt auf meine erste Stunde alter Runen.

Liebe Grüße Harry“, schloss Harry seinen Brief. Er dachte kurz nach, dann schrieb er noch: „Ps.: Meinst du Schnuffel würde ein Ausflug nach Hogsmead gefallen? (Der erste Hogsmead Ausflug ist am 2. November-Wochenende).“
Kurz überlegte er noch, ob er Sirius schreiben sollte, dass Lupin wirklich nicht gut ausgesehen hatte.Doch dann beließ er es dabei. Bestimmt würde Sirius sich aus der Ferne nur aufregen.
Migräne .
Irgendwie hatte Harry das Gefühl, dass mehr dahinter steckte. Nun ja, er würde ein ganzes Schuljahr Zeit haben, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Hedwig saß neben ihm auf der Lehne seines Sessels und wartete ungeduldig darauf, dass er ihr endlich ihre Fracht überreichte. Sie trippelte von einem Bein auf das andere.
Harry las ein letztes mal, was er geschrieben hatte. Faltete den Brief, versiegelte ihn sorgsam und befestigte ihn an Hedwigs Bein.
Mit einem Flügelrascheln hob sie ab und flog zum Fenster hinaus. Harry beneidete sie um ihre Freiheit. Er nahm das Versprechen, dass er Snape und Sirius gegeben hatte, sich nicht des Nachts außerhalb des Gemeinschaftsraums herumzutreiben sehr ernst, doch schon nach nicht einmal einer Woche kam er sich vor, als habe man ihn in einem goldenen Käfig eingesperrt.
Seine Hausaufgaben für die Woche waren bereits erledigt. Die ersten Tage waren in geruhsamem Tempo angelaufen und keiner der Lehrer, nicht einmal Snape, hatte Undinge von ihnen verlangt, mit denen sie ewig beschäftigt gewesen wären.
Hermine hatte sich in ein Buch über Arithmantik vertieft und Ron spielte mit Percy eine Partie Zauberschach. Harry sah ihnen eine Weile zu. Der ältere Weasley schlug sich ganz gut, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis Rons Figuren ihn bezwungen hätten.
Das Portraitloch öffnete sich und Wood kletterte herein. Suchend blickte er sich um und kam dann auf Harry zu. „Hey Harry, ich habe eben mit Professor Lupin gesprochen. Wir werden vorerst montags und donnerstags ab vier trainieren. Wir fangen kommende Woche an.“
„Großartig!“

Seine eben noch düsteren Gedanken schwanden dahin.
Er konnte den Montag kaum erwarten.

 

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Professor Babbling eröffnete ihre erste Unterrichtsstunde in alte Runen mit einem Vortrag, der Harry sehr an Snapes Ansprache in ihrem ersten Jahr erinnerte.
Sie betonte, dass es sich hierbei um eine ernsthafte und auch gefährliche Zauberkunst handle, und dass sie sich vorbehalte jeden des Kurses zu verweisen, der das Fach nicht mit dem nötigen Ernst betreibe.
Unauffällig ließ Harry den Blick über seine Mitschüler schweifen. Nur wenige hatten den Kurs belegt. Vertretern aller vier Häuser waren anwesend, wobei Hufflepuff und Gryffindor deutlich in der Unterzahl waren.
Mit Kreide malte die Professorin ihnen eine erste Rune an die Tafel. Sie erinnerte Harry an ein P. „Warum habe ich hierfür nicht einfach meinen Zauberstab verwendet?“, fragte sie in die Runde. Einige Rawenclawschüler und Hermine hoben die Hand. Die Professorin deutete auf einen Jungen zwei Reihen vor Harry.
„Weil die Rune sich mit ihrer Magie verbinden könnte.“
„Richtig. Das ist das erste, was ihr euch merken solltet. Runen dürfen niemals unbedacht geschrieben werden. Selbst wenn ihr sie mit dem Finger in den Staub schreibt, könnte es passieren, dass ein Teil eurer Magie hineinfließt. Verbindet man die Magie eines Zaubers bewusst mit einer Rune, so ist die Wirkung des Ganzen mehr oder minder abschätzbar. Wenn es aber unterbewusst geschieht, kann das ungeahnte Folgen haben. Wir beschäftigen uns daher in diesem Halbjahr zunächst mit einigen der harmloseren Runen.“ Sie deutete auf die Tafel hinter sich. „Wunjo: Sie steht für Fröhlichkeit, Glück, Bindung. Wir verbinden mit ihr überwiegend positive Eigenschaften. Ihre Bedeutung ist mannigfaltig, abhängig davon, in welchem Zusammenhang sie geschrieben wird. Die Runenkunst ist nicht einfach ein neues Schriftsystem, dass ihr lernen könnt. Viele Bedeutungen ergeben sich nur aus dem Kontext heraus und sind auch abhängig davon, was der Schreibende in dem Moment in dem er einen Zauber wirkt bezwecken wollte. Ich möchte, dass ihr euch zu Dreiergruppen zusammenfindet und euch überlegt, welche Zauber geeignet sein könnten um sie mit dieser Rune zu verbinden und was ihr damit bewirken könntet. Ihr habt fünfzehn Minuten Zeit.“

 

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An diesem Abend saß er neben Hermine in einem Sessel des Gemeinschaftsraums. Sie hatten beide ihre Bücher über alte Runen auf dem Schoß. Ron hatte ein, zwei Versuche gestartet ein Gespräch zu beginnen. In Ermangelung einer adäquaten Antwort hatte er sich schließlich genötigt gesehen sich ebenfalls seinen Schularbeiten zuzuwenden, wobei er brummte: wenn er nicht aufpasste, würde er noch enden wie Percy.

Chapter 15: Freiheit

Notes:

Hi Leute,
hier das nächste Kapitel.
Frohe Ostern/schöne Ferien euch allen.

Lasst mir gerne Kudos/Kommentare da :D

Bis bald,
Liebe Grüße
Waltraud

Chapter Text

Am Montag Nachmittag ging Harry mit Ron und Hermine hinunter zum Quidditchfeld. Er war so nervös, dass sie fast zwanzig Minuten zu früh waren. Harry verschwand in den Umkleiden, während Ron und Hermine sich Plätze auf der Zuschauertribüne suchten.
Endlich erschien nach und nach auch der Rest der Mannschaft. Gemeinsam schulterten sie ihre Besen und gingen hinaus auf den Platz.
Harry konnte neben seinen Freunden Professor Lupin ausmachen. Grüßend hob er die Hand. Harry winkte zurück.

„Leute!“, begann Wood seine alljährliche Ansprache. „Ich erwarte in diesem Jahr Großartiges von euch. Wir haben ein spitzen Team und auch wieder unseren spitzen Sucher zurück. Ich vermute die meisten von euch haben inzwischen von Harrys kleinen Schwierigkeiten gehört. Professor Lupin ist so freundlich uns bei unserem Training zu unterstützen und zu verhindern, dass Harry sich den Hals bricht, falls er vom Besen kippt. Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass wir ansonsten keine große Rücksicht auf ihn nehmen müssen. Wir alle wissen, wie gut Harry ist und ich bin froh ihn wieder im aktiven Teil des Teams begrüßen zu dürfen.“ Er lächelte ein wölfisches Grinsen. „Dieses Jahr putzen wir sie alle vom Platz. Der Pokal ist unser!“ Er stieß einen Kampfschrei aus und die Mannschaft stimmte mit ein.
„Genug getrödelt!“, rief Wood. „Auf die Besen!“

Harry bestieg seinen Besen und stieß sich vom Boden ab. Die Luft fegte um ihn herum, während er höher und höher stieg. Unten am Boden gab Wood die Bälle frei ehe er selbst zu den Torpfosten hinüber schoss, den Quaffel unter dem Arm. Er gab den roten Ball an Angelina weiter und nahm dann seine Position ein.
Harry nahm das alles nur aus dem Augenwinkel wahr.
Der Schnatz war, kaum dass Wood ihn freigelassen hatte, in die Höhe geschossen, hatte eine scharfe Kehrtwende gemacht, dann noch eine, zurück zum Boden. Doch Harry hatte ihn nicht aus den Augen verloren. Er schwebte um den mittleren von Woods Torpfosten herum.
Harry warf sich auf seinem Besen nach vorn und ging in einen schrägen Sturzflug.

„Wow, Harry! Das waren nicht mal zwei Minuten!“, rief Wood von oben, als Harry sich in einer engen Spirale mit dem Schnatz in der Hand zu ihm hinauf schraubte.
Harry ließ den zappelnden Ball los und ließ ihn erneut frei.
Dreimal fing er ihn, während die anderen neue Manöver übten.

Fliegen war wirklich das beste auf der Welt.

 

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Das Klopfen an der Tür seines Büros riss Severus aus seinen Gedanken. Er blickte auf die Uhr. Fast acht. Er hatte das Abendessen verpasst. Mit einem inneren Schulterzucken strich er seinen Umhang glatt und rief: „Herein!“
Die Tür wurde geöffnet und Lupin schob seinen Kopf herein. „Störe ich?“
Früher wäre die Antwort hierauf immer gewesen, doch die Zeiten hatten sich geändert. Er bedeutete dem Werwolf hereinzukommen und sortierte die Unterlagen auf seinem Schreibtisch zu einem ordentlichen Stapel.
Der andere ließ sich auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch nieder. „Du warst nicht beim Abendessen“, stellte er fest.
Severus deutete auf die Bücher und Pergamente vor sich. „Ich war beschäftigt.“
„Hmm.“ Lupin legte den Kopf ein wenig schief um den Titel, des ihm am nächsten liegenden Buchs zu entziffern.
Die Gründung Hogwarts .
„Klingt trocken“, stellte er fest.
„Ist es auch“, entgegnete Severus. „Ich suche nach Informationen über die Gründer.“
„Wegen des Amuletts?“
Er nickte düster. „Ich suche nach anderen Gegenständen, die er für sein Vorhaben ausgewählt haben könnte.“
Schon die ganze Woche über wälzte er Buch um Buch auf der Suche nach einer Eingebung. Das Amulett hatte tatsächlich mit Slytherin in Verbindung gestanden. Soviel wussten sie bereits.
Der dunkle Lord liebte Symbolik. Da war es naheliegend nach Artefakten der anderen Gründer zu suchen. Vieles was erwähnt wurde schien im Strudel der Zeit verschwunden, aber noch war es zu früh in seiner Recherche um das Handtuch zu werfen.
„Hmm.“ Der Werwolf schien tief in Gedanken versunken. Dann blinzelte er und kehrte in die Gegenwart zurück. „Eigentlich bin ich gekommen um dir von Harrys erstem Training der Saison zu berichten.“
„Da du mir so entspannt gegenüber sitzt, gehe ich davon aus, dass alles gut lief?“
„Er ist ein Genie auf dem Besen!“ Lupins Augen strahlten vor Begeisterung. „Ich habe ja gehört, dass er gut sein soll, aber ihn zu sehen ist etwas ganz anderes. Ich sage dir, er ist regelrecht aufgeblüht, kaum, dass seine Füße den Boden verlassen hatten.“
„Hauptsache du sorgst dafür, dass er sicher wieder auf dem Boden ankommt“, brummte Severus. Lupin zog skeptisch die Brauen in die Höhe. „Du klingst nicht sehr begeistert. Warst nicht du es, der dafür gesorgt hat, dass Poppy ihn wieder auf den Besen lässt?“
Der Meister der Tränke nickte düster. „Wie du sagst, es ist, als wäre er zum Fliegen geboren. Hätten wir ihn länger daran gehindert, hätte er sich irgendwann heimlich auf einen Besen geschwungen. Und dann? Nein, da ist es mir lieber, wenn das ganze unter halbwegs kontrollierten Bedingungen stattfindet.“
Unvermittelt lachte der Werwolf auf. „Wenn deine Slytherins wüssten, dass du schuld daran bist, dass die Gryffindors erneut eine echte Bedrohung für sie im Kampf um den Quiddditchpokal darstellen.“
Severus warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Nur ein Wort von dir Wolf … nur ein Wort ...“ Er ließ seine Drohung unausgesprochen verklingen.
„Würde mir im Traum nicht einfallen, Severus.“ Der Wolf trug noch immer sein dämliches Grinsen im Gesicht, doch Severus merkte, dass es ihm inzwischen kaum noch etwas ausmachte.
Viel war geschehen seit sie vor einigen Monaten erneut auf einander getroffen waren.
„Wo du gerade hier bist: ich habe in den Ferien ein wenig mit dem Wolfsbann herum experimentiert. Ich glaube, ich habe einen Weg gefunden ihn so zu verändern, dass eine einzelne Dosis an den Vollmondtagen ausreichen könnte um seine volle Wirkung zu entfalten.“
Schlagartig verschwand das Lächeln auf Lupins Gesicht. „Ist das dein ernst?“
„Sehe ich aus, als würde ich scherzen?“
„Oh.“
„Ich dachte, wir könnten das Jahr nutzen um herauszufinden, wie zuverlässig er funktioniert.“
Lupins Gesicht verlor hierbei einige Nuancen an Farbe. „Hier in der Schule?“
Severus hatte den ganzen Sommer über nachgedacht, wie sie es anstellen könnten.
„Ich glaube, es gibt kaum einen besseren Ort.“
„Severus, wenn das schief geht ….“
„Oh, du kannst dir sicher sein, ich werde dafür sorgen, dass niemandem etwas geschieht, sollte ich daneben liegen.“
„Es klingt richtig beruhigend, wenn du das so sagst. Wie sicher bist du dir mit der neuen Formel.“
„Ziemlich.“ Severus lehnte sich ein wenig zu ihm hinüber. „Vertraust du mir?“
Der Werwolf schluckte hörbar, dann nickte er. „Ich muss verrückt sein. Aber ja, ich vertraue dir. Wann immer es dir passt, ich werde bereit sein.“

Chapter 16: Briefe

Notes:

Hallo ihr Lieben,

hier ein etwas kürzeres Kapitel.
Lasst mir gerne einen Kommentar/Kudo da.

Liebe Grüße und bis bald
Waltraud

Chapter Text

Lieber Harry,
es freut mich, dass deine erste Schulwoche so gut angefangen hat. Es klingt als würde Remus sich in seiner neuen Rolle ja recht gut machen. Wenn James das wüsste: Moony ein Lehrer! Wobei, wenn ich es recht bedenke war er schon immer der vernünftigste von uns allen.
Was deinen Hogsmeadbesuch angeht, ja, ich denke Schnuffel kann es durchaus einrichten, dass er dich nach dem Frühstück in der Eingangshalle trifft. Passt dir das?
Bezüglich des Quidditchspiels muss ich passen, da ich bereits andere Verpflichtungen für diesen Tag eingegangen bin. Wenn du mir aber den Termin für das folgende Spiel schreibst, verspreche ich dir zu kommen (und wenn ich Merlin selbst dafür versetzen müsste).

Bei mir selbst gibt es nichts groß neues. Ich verbringe recht viel Zeit im Haus am Grimmauld-Platz um es wieder in einen halbwegs wohnlichen Zustand zu bringen. Es ist deutlich mehr Arbeit, als ich erwartet habe, und hin und wieder spiele ich mit dem Gedanken es einfach abzufackeln, statt es zu renovieren. Zum Glück habe ich einige helfende Hände gefunden: Smila scheint einen Narren an dem Haus gefressen zu haben (oder an Kreacher, da bin ich mir noch nicht ganz sicher). Auf jeden Fall verbringt sie, jetzt, da ihr wieder in Hogwarts seit viel Zeit damit mir zu helfen (und Kreacher zu erziehen, wobei ich bezweifle, das da noch viel zu machen ist).
Wir kämpfen immer noch damit das Gemälde meiner Mutter aus dem Flur zu entfernen.Vielleicht müssen wir doch einen Fluchbrecher dafür kommen lassen.
Falls es mir gelungen ist bis Weihnachten alles halbwegs wohnlich zu bekommen, dachte ich du könntest mich vielleicht über die Feiertage besuchen kommen.
Was meinst du dazu?

Ich hoffe, ich höre bald wieder von dir.

Liebe Grüße
Sirius

 

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Lieber Sirius,
nach dem Frühstück in der Eingangshalle klingt super.
Schade, dass du es nicht zum Spiel schaffst. Der nächste Termin wäre der 29. Januar (gegen Ravenclaw).
Grüß Smila von mir, wenn du sie das nächste mal siehst (und Kreacher, auch wenn ich mir nach allem, was ich von dir gehört habe, nicht sicher bin ob er sich darüber freuen wird).
Ich habe mit Snape über Weihnachten gesprochen. Er meint, falls das Haus bis dahin kindersicher ist, hätte er nichts dagegen. Er will sich diesbezüglich noch einmal selbst mit dir in Verbindung setzen.
Oh, und Ron meint, sein Bruder Bill würde dir bestimmt helfen, das Gemälde wegzuschaffen (er ist Fluchbrecher bei Gringotts). Du sollst ihm einfach eine Eule schicken.
Ich kann es kaum erwarten dein Haus zu sehen (das muss ja wirklich spannend dort sein!).
Leider ist mein Brief heute ein wenig kurz, aber Wood erwartet mich zum Quidditch und wenn ich mich nicht beeile könnte es sein, dass er mich vierteilt.

Bis bald.
Liebe Grüße
Harry

Chapter 17: Der Kuss der Dementoren

Notes:

Hi Leute,
hier das nächste Kapitel.
Ich freue mich mitteilen zu können, dass mein "zweites Buch" endlich fertig geworden ist. Aus ursprünglich 30-40 Kapiteln wurden irgendwie 51. (Wie von Zauberhand)
Ich hoffe, ich schaffe es nun noch zügiger hochzuladen (wobei ich jedes Kapitel noch einmal zuvor gegenlese (zum wohl hundersten mal) und nebenbei auch noch ins Englische übersetze.
Dann ist da noch meine Familie und meine Arbeit und das Leben kommt meinem Schreiben manchmal einfach so in die Quere.
Habt Geduld mit mir, wenn ich mal etwas länger brauchen sollte.
Und vielleicht motiviert ihr mich immer wieder mal mit einem Kommentar oder Kudo :D

Bis bald,
liebe Grüße
Waltraud

Chapter Text

Harry saß am Frühstückstisch und nippte an seinem Orangensaft. Neben ihm saß Hermine, eine Ausgabe des Tagespropheten in der Hand.
„Der Gefangene von Askaban!“ lautete die Schlagzeile des Tages. „Prozessfehler im Fall Black aufgedeckt.“ Direkt darunter prangte ein altes Zaubererfoto von Sirius Verhaftung. Mit leerem Blick und ohne Widerstand ließ er sich von zwei Auroren aus den Trümmern einer gesprengten Straße führen.

Die gesamte Zauberergesellschaft war überrascht, als vor wenigen Wochen der verurteilte Mörder Sirius Black unerwartet auf freien Fuß gesetzt werden sollte. Black hatte bei seiner Freilassung für Schlagzeilen gesorgt und sein Aufenthaltsort gilt seither als unbekannt (wir berichteten, s. Tagesprophet Ausgabe 27 Jul. 1993). Black war vor 12 Jahren zu lebenslanger Haft in Askaban verurteilt worden. Die Anklage lautete auf Massenmord, 12 Muggel und 1 Zauberer kamen damals gewaltsam ums Leben gekommen (s. Tagesprophet Ausgabe 1 Nov. 1981). Es wurde bekannt gegeben, er sei ein heimlicher Anhänger von Du-weißt-schon-Wem gewesen, der den Tod seines Meisters rächen wollte. Die Verurteilung wurde inzwischen zurückgezogen und erklärt, es handele sich um einen bedauerlichen Justizirrtum. Die Tat, die man Black zuschrieb, wird inzwischen Peter Pettigrew vorgeworfen. Pettigrew entzog sich jedoch erst kürzlich einer Festnahme und befindet sich zur Zeit auf der Flucht (Vgl. Tagesprophet Ausgabe 2 Jul. 1993).

Im Rahmen der unerwarteten Freilassung Blacks haben sich unsere Reporter auf dessen Spuren begeben um herauszufinden, wie es zu solch einer Panne kommen konnte – und dabei erschreckendes zu Tage gefördert, was die Gerichtsbarkeit und die Prozessführung unserer Zaubererwelt in kein gutes Licht rückt.

Die Suche unserer Reporter begann tief in den Archiven des Ministeriums. Eine Fallakte zum Prozess gegen Black war dort entgegen unserer Erwartungen nicht auffindbar. Nach aufwändigen Recherchen gelang es uns jedoch schließlich Einsicht in die Unterlagen der damaligen Verhaftung zu erhalten.

Die Verhaftung Blacks fand, wie allgemein bekannt, in einem Muggelwohngebiet eines Londoner Vorortes statt.
Ein Zeuge von damals berichtete uns: „Er stand einfach nur da, mitten in diesem Trümmerfeld. Die ganze Straße kaum mehr als ein tiefer Krater. Muggel rannten schreiend und weinend herum. Es war sofort zu sehen, dass es mehrere Tote gegeben hat. Der Anblick war grauenhaft. Und Black, er stand da, den Zauberstab in der Hand, den Kopf zurückgeworfen und lachte. Wie ein Wahnsinniger. Dann wurde er plötzlich ganz still. Kurz danach trafen die Auroren ein. Ich dachte damals, oh je, jetzt geht es rund hier und war schon bereit, die Beine in die Hand zu nehmen. Aber nein, Black hat sich einfach so abführen lassen. Hat sich seinen Zauberstab abnehmen lassen und ist mit ihnen gegangen. Einfach so. Total verrückt war das.“
Das Protokoll eines kurz darauf erfolgten Verhörs in der Zentrale der Auroren zeichnet ein ähnliches Bild.
In sich gekehrt und ruhig sitzt Black auf seinem Stuhl und sagt kein Wort. Von Widerstand ist auch hier nicht die Rede. Das Protokoll vermerkt, dass der Zauberstab des Verhafteten zur weiteren Untersuchung beschlagnahmt wurde. Eine kurze Randnotiz eines jungen Aurors zweifelt die Zurechnungsfähigkeit des Festgenommenen an. Protokolle über die Vorstellung bei einem Heiler finden sich nicht in den Unterlagen. Auch die Ergebnisse der Auswertung von Blacks Zauberstab sind nicht hinterlegt.
Der letzte Eintrag der Akte, kaum sieben Stunden nach Blacks Festnahme lautet: „Der Gefangene wird nach Askaban verbracht (Anweisung Bartemius Crouch). Lebenslange Haft.“
Von einem Prozess ist auch hier nicht die Rede. Bartemius Crouch sr. hatte zum Zeitpunkt von Blacks Verhaftung die Leiter der Abteilung für magische Strafverfolgung inne. Er zog sich kurz darauf aus seiner Position zurück, als bekannt wurde, dass sein eigener Sohn, Bartemius Crouch jr., ein fanatischer Anhänger Voldemorts war. Er wurde unter anderem für die Folter der Auroren Alice und Frank Longbottom an der Seite von Bellatrix Lestrange (geb. Black) verurteilt und verstarb in Askaban.
Crouch sr. begleitet zur Zeit das Amt des Leiters der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit.
Angetrieben durch diese ersten lückenhaften Aktenfunde führten wir unsere Recherchen um so verbissener fort – und wurden schließlich fündig.
Dem Tagespropheten liegt eine Kopie des Protokolls von Blacks Zauberstab vor. Es ist auf etwa eine Woche nach Blacks Verhaftung und Verbringung nach Askaban datiert. Die Analyse zeigt eine Fülle an Aufspürzaubern sowie einen Schildzauber, den Black zuletzt gewirkt hat. Ein zerstörerischer Spruch, der zu dem Ausmaß der Verwüstung der Straße beigetragen haben könnte, wird nicht aufgeführt.
Auf welcher Grundlage also fand die damalige Inhaftierung Blacks nach Askaban statt? Warum führte die nachträgliche Analyse seines Zauberstabes nicht zu einer erneuten Aufnahme der Ermittlungen? Warum wurde Black keinem Heiler vorgestellt? Warum wurde auf den Einsatz von Veritaserum verzichtet? Warum gibt es keine offizielle Gerichtsakte? Keine Verhandlung?
Weder die damalig beteiligten Auroren, noch Bartemius Crouch sr. waren zu einem Interview mit unseren Reportern bereit. Auch Zauberei-Minister Fudge schweigt.
Ein offizielles Antwortschreiben betitelt Blacks fragwürdige Inhaftierung als einen „tragischen Einzellfall“.
Ein Einzelfall, der dem Mann zwölf Jahre seines Lebens in Askaban beschert hat.
Und handelt es sich wirklich um einen Einzelfall?
Wie viele weitere zu-unrecht-Verurteilte finden sich hinter Askabans Mauern?
Unsere Recherchen haben an diesem Punkt wohl erst ihren Anfang gefunden und wir werden nicht aufhören Fragen zu stellen, bis wir auch die letzten dazu beantwortet bekommen haben!

Für den Tagespropheten M. Macdonald

Harry las den Artikel über Hermines Schulter hinweg. Immer wieder schüttelte Hermine beim Lesen ihren Kopf.
„Ich verstehe nicht, wie so etwas passieren konnte!“, sagte sie entrüstet und legte die Zeitung fort.
Ron schob sich ein Stück Schinken mit Rührei in den Mund und kaute nachdenklich.
Harry nahm einen weiteren Schluck Orangensaft. Sein Teller stand weitestgehend unangerührt vor ihm. Der Appetit war ihm vergangen.
„Sonst irgendetwas interessantes?“, fragte er Hermine und deutete auf die Zeitung.
„Nicht wirklich. Kommt ihr mit mir in die Bibliothek?“
Die beiden warfen sich einen unsicheren Blick zu. Es war Sonntag Morgen und draußen schien die Sonne.
„Ich fürchte, Mr. Potter wird dazu leider für vorerst keine Zeit finden“, erklang eine vertraute Stimme hinter ihm.
Harry blickte über seine Schulter. „Morgen Professor“, grüßte er.
Statt einer Begrüßung nickte Snape nur kurz mit dem Kopf. „Hättest du einen Moment für mich?“
Froh einen Grund zu haben nicht den ganzen Tag mit Hermine in der Bibliothek verbringen zu müssen, erhob sich Harry. „Tut mir leid, Hermine. Bis später.“
An Snapes Seite verließ er die große Halle. Einige Köpfe wandten sich nach ihnen um.
Noch immer war Snapes Rolle in seinem Leben nur wenigen bekannt, dass sich jedoch etwas verändert hatte war offensichtlich und sorgte seit Beginn des Schuljahrs für verhaltenes Getuschel.
Ihnen war klar, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis alles offiziell werden würde, doch keiner von ihnen war besonders scharf auf die Fragen, die dann auf sie zu kämen.
Er folgte dem Professor zu dessen privaten Räumlichkeiten.
Harry lies sich auf der Couch nieder.
„Wie war deine erste Woche?“, fragte Snape und schob ihm eine Dose mit Keksen zu. Harry nahm sich einen davon und biss hinein.
„Ganz gut soweit“, antwortete er nachdem er den Bissen hinuntergeschluckt hatte. „Alte Runen ist wirklich cool, aber doch komplizierter, als ich mir vorgestellt habe. Binns ist einschläfernd wie eh und je. Oh, und Lupin hat uns einen lebenden Kappa mitgebracht. Er sagt er findet es besser, wenn wir nicht nur aus den Büchern lernen, worum es geht.“
„Und Quidditch?“
In Harrys Augen trat ein Leuchten. „Oh, es läuft großartig soweit. Ich kann natürlich nicht allzu viel sagen, sonst könnte es passieren, dass Wood mich vierteilt, aber wir sind dieses Jahr wirklich gut, denke ich.“
„Das wird sich zeigen, wenn ihr meinen Schlagen gegenüber steht“, sagte Snape, doch es klang nicht feindselig.

„Gibt es Neuigkeiten über Pettigrew?“, fragte Harry schließlich nach einer kurzen Gesprächspause.
Snape schüttelte mit dem Kopf. „Nichts ernst zu nehmendes. Ein paar mal soll er gesichtet worden sein. Eine Hexe in Kent hat sich gemeldet und jemand aus Sussex, aber nichts davon konnte bestätigt werden.“
Harry musste an den Zeitungsartikel über Sirius denken. „Was werden sie mit ihm tun, wenn sie ihn finden?“
Ein bitterer Ausdruck verdunkelte Snapes Züge. „Fudge fordert den Kuss für ihn.“
„Den Kuss?“
„Er verlangt, dass es den Dementoren gestattet wird ihm die Seele auszusaugen.“
Allein die Vorstellung jagte Harry einen Schauer von Übelkeit durch den Leib.
„Ist das erlaubt?“
„Es ist die härteste Strafe, die unsere Gesellschaft zulässt.“
Kurz schwiegen sie beide.
„Es ist falsch“, sagte Harry schließlich.
„Pettigrew zu bestrafen?“
„Natürlich nicht. Eine Strafe hat er verdient, aber das… das ist einfach falsch.“

Chapter 18: Versuch 1

Notes:

Ein kleines Intermezzo.
Ein "richtiges" Kapitel folgt direkt.

LG
Waltraud

Chapter Text

Versuch 1


30. September 1993,
Versuch 1,
Einnahme des veränderten Wolfsbann-Tranks um 16 Uhr unter Aufsicht.
Keine Einnahme anderer Tränke vierzehn Tage zuvor.

18:00 Uhr: Testobjekt zieht sich in gesicherten Raum zurück. Angabe vermehrter Müdigkeit. Bisher keine Anzeichen adverser Reaktion.
19:00 Uhr: keine Anzeichen adverser Reaktion
20:00 Uhr: Testobjekt schläft.
20:28 Uhr: Einsetzende Verwandlung nach vorbekanntem Schema. Keine Anzeichen adverser Reaktion.
21:00 Uhr: Testobjekt schläft.
22:00 Uhr: Testobjekt ist erwacht, streift unruhig durch Versuchsraum. Keine Autoaggression. Keine Anzeichen adverser Reaktion.
23:00 Uhr: Weiter motorische Unruhe. Keine Autoaggression. Keine Anzeichen adverser Reaktion.
24:00 Uhr: Testobjekt ruht in einer Ecke des gesicherten Raums.

1. Oktober 1993
01:00 Uhr: Testobjekt schläft. Attrappe in Versuchsraum eingebracht.
02:00 Uhr: Testobjekt wach. Zeigt nur wenig Interesse an Attrappe. Vermehrtes Kratzen;
03:00 Uhr: Reiz-Wiederholung mit lebendem Objekt (Ratte), Testobjekt zeigt sich interessiert, jedoch nicht aggressiv. Ratte nach 30 Minuten lebend von Versuchsleiter aus Versuchsraum entfernt. Keine Autoaggression. Keine Anzeichen adverser Reaktion.
04:00 Uhr: erneut motorische Unruhe. Keine Autoaggression. Keine Anzeichen adverser Reaktion.
05:00 Uhr: Einsetzende Rückverwandlung nach vorbekanntem Schema. Fraglicher Bewusstseinsverlust für ca. 2 Minuten, Testobjekt stark verhangen.
06:00 Uhr: Testobjekt wach und ansprechbar. Zu Person und räumlich orientiert. Zeitlich und zur Situation nur unvollständig orientiert. Angabe starker Kopfschmerzen. Photosensibilität. Pupillen beidseits regelrecht lichtreagiebel.
06:25 Uhr: Plötzliches, heftiges Erbrechen, danach nachlassen der Kopfschmerzen. Starke Fatique.
07:00-10:00 Uhr: Testobjekt schläft.

Chapter 19: Riddikulus

Notes:

Hier also das versprochene Kapitel.
Viel Spaß dabei.
Ich freue mich immer über eure Kommentare.

Bis bald!
LG
Waltraud

Chapter Text

Harry betrat als letzter den Klassenraum. Wood hatte ihn auf dem Flur aufgehalten. Ihr Training am Vorabend hatte früher geendet, als geplant. Professor Lupin war etwas dazwischen gekommen. Als Ersatz war Professor McGonagall erschienen, die das Training jedoch nach knapp zwei Stunden für beendet erklärte.

Er huschte auf seinen Platz zwischen Ron und Hermine. Gerade als er Feder und Pergament hervorholte, ging hinter ihnen die Tür auf und Snape betrat mit langen Schritten den Raum.
„Nehmen Sie ihren Zauberstab. Lassen sie Ihre Bücher und Taschen, wo sie sind und folgen Sie mir. Wir machen heute eine praktische Übung.“
Harry wechselte einen raschen Blick mit seinen Freunden. Hermine hob die Hand.
„Ms. Granger?“
„Ähm Professor, wo ist Professor Lupin?“
„Offensichtlich nicht hier. Er hat mich gebeten seine Stunde heute für ihn zu übernehmen. Wenn sie also so freundlich wären, sich zu erheben, damit wir weiter machen können.“
Mit einigem aufgeregtem Getuschel folgte die Klasse dem Tränkemeister. Snape führte sie zum Lehrerzimmer. Ohne zu klopfen riss er die Tür auf und trat hinein.
„Worauf warten Sie noch?“, blaffte er, als die Klasse im Flur verharrte.
„Sehen Sie den Wandschrank dort? Bilden sie einen Halbkreis, sodass jeder von Ihnen ihn sehen kann.“
Sie beeilten sich seiner Aufforderung nachzukommen. Als sie näher an den Schrank herantraten bebte dieser leicht. Die meisten von ihnen machten unwillkürlich einen Schritt zurück.
„Wer von Ihnen kann mir sagen, welches Wesen sich am ehesten in diesem alten Schrank verbirgt?“
Sie warfen sich unsichere Blicke zu.
War das eine Fangfrage?
„Mr. Longbottom vielleicht?“ Es war offensichtlich, dass Snape keine wirkliche Antwort erwartete. Umso überraschter waren alle, als Neville mit zitternder Stimme sagte: „Ähm… ein … I...Irrwicht?“
„Ein Irrwicht. Mr. Longbottom, was verleitet Sie zu dieser Aussage?“
Nevilles Hände zitterten, als er sich unruhig durch das Haar fuhr. „Sie… sie mögen dunkle, ruhige Orte. Sie wohnen gerne in alten Reisetruhen und Kommoden. Wir hatten mal einen auf dem Dachboden, meine Oma und ich und da dachte ich…“ Seine Stimme wurde leiser und leiser und verebbte schließlich.
Snape verzog seine Augenbrauen zu einem Ausdruck widerwilliger Anerkennung.
„Mr. Longbottom, ich hätte nicht gedacht, dass dieser Tag jemals kommen würde, aber Ihre Antwort ist richtig.“ Er wandte sich erneut der Klasse zu. „Wer von ihnen kann mir sagen, wie ein Irrwicht aussieht?“
Hermine hob die Hand. Snape bedeutete ihr zu sprechen.
„Niemand weiß, wie er aussieht. Er kann jegliche Gestalt annehmen und wandelt sich immer in das, wovor der Betrachter sich am meisten fürchtet.“
„Richtig. Und was kann man tun, um einen Irrwicht zu vertreiben, Ms. Granger?“
„Er flieht vor Gelächter. Man zwingt ihm eine lächerliche Gestalt auf.“
„Und was ist unser Vorteil, wenn wir uns heute diesem Irrwicht stellen, Mr. Potter?“
Harry zuckte zusammen. Er hatte nicht damit gerechnet aufgerufen zu werden. „Ähm…“, angestrengt dachte er nach. „Weil wir so viele sind?“
„Richtig. Der Zauber, den wir brauchen heißt Riddikulus .“ Er machte eine kurze Bewegung mit dem Zauberstab und ließ die Klasse den Spruch zweimal wiederholen, ehe er annähernd zufrieden war. „Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und überlegen Sie sich, was es ist, das Ihnen am meisten Angst macht.“ Er machte eine Pause und fuhr dann fort. „Stellen Sie sich vor, wie Sie das, was Ihnen Angst macht ins Lächerliche ziehen können. Was müssen Sie tun, um es wie eine Witzfigur erscheinen zu lassen?“
Harry spürte seine Handflächen feucht werden.
Snape trat einen Schritt beiseite. „Longbottom, fangen Sie an.“
„Lieber nicht.“ Nevilles Stimme klang, als würde er ersticken.
Snapes Blick heftete sich auf Neville. Er schwieg einen Moment und Harry hatte das ungute Gefühl, das Snape soeben einen Blick in Nevilles Gedanken warf.
Schließlich blinzelte der Professor. „Hm, vielleicht tatsächlich besser so. Mr. Weasley, wenn ich bitten darf.“
Ron trat vor, seinen Zauberstab fest umklammert.
Apperto.
Die Tür des Schranks flog auf und etwas riesiges, haariges, mit viel zu vielen Beinen schoss daraus hervor.
Einen Moment befürchtete Harry, Ron würde hier und jetzt einfach ohnmächtig werden, als jegliche Farbe aus seinem Gesicht wich. Doch dann hob er den Zauberstab und brüllte „Riddikulus!“
Die Riesenspinne geriet ins Straucheln, als sie sich mit ihren acht Beinen plötzlich auf Rollschuhen wiederfand und verknotete sich schlitternd in sich selbst. Die Klasse lachte und Harry konnte sehen, wie der Irrwicht ein Stück zu schrumpfen schien.
Snape gab Lavender einen Wink und das Mädchen trat vor. Mit einem leisen Paff verwandelte sich der Irrwicht zu einem schleimigen Ungeheuer, für das Harry keinen Namen hatte, um direkt von Lavenders Zauber in einen Springteufel verwandelt zu werden.
Einer nach dem anderen stellte sich die Klasse dem Irrwicht, bis schließlich Harry an der Reihe war. Angestachelt vom Erfolg seiner Mitschüler, trat Harry nach vorn, den Zauberstab fest in der Hand.

Wie er erwartet hatte, tauchte vor ihm der Dementor auf.
Was er nicht erwartet hatte, war die Kälte, die er mit sich brachte.
Er spürte das mittlerweile zu bekannte dumpfe Gefühl in seinem Kopf aufsteigen.
Die Zeit um ihn herum schien langsamer zu werden.
Harryyyy!!!
Eine Frau schrie verzweifelt seinen Namen.
Nein. Tu‘s nicht! NEIN ….
Nur verschwommen nahm Harry die dunkle Gestalt wahr, die sich zwischen ihn und den Dementor schob.
Dieser sackte in sich zusammen, schrumpfte und kam am Boden zu liegen. Feuerrotes Haar verdeckte das Gesicht der schlanken Gestalt.
Everto!“, tönte Snapes Stimme kraftvoll durch den Raum und der Irrwicht zerplatzte in der Luft.

Die unnatürliche Kälte des Dementors war aus dem Raum gewichen, doch in Harrys Kopf schien der Nebel sich weiter zu verdichten.
Unter seinem linken Auge zuckte ein Muskel.
Nicht gerade elegant ließ er sich auf dem Boden nieder.
Vage war er sich bewusst, dass jemand ihm half sich hinzulegen.

Dann war da nichts mehr.

 

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Sein Schädel dröhnte, und noch bevor er die Augen aufschlug, wusste er, dass er auf der Seite lag. Er blinzelte.
Holzboden.
Lehrerzimmer.
Irrwicht.

Unwillkürlich entrang sich ihm ein Stöhnen.
Harry öffnete den Mund. „Autsch.“
Seine Zunge schmerzte.
Er schmeckte Blut.
„Harry?“ Snape erschien in seinem Blickfeld.
Harry ließ sich von ihm in eine sitzende Position helfen.
„Scheische“, murmelte er. „Isch glaub isch habe mir schon wieder auf die Tschunge gebischen“, nuschelte Harry.
„Mach den Mund auf.“
Harry befolgte die Aufforderung.
„Tja, ich würde sagen, da hast du ganze Arbeit geleistet. Aber nichts, was wir nicht wieder hinbekämen.“
Harry blickte sich um. „Wo schind den alle?“
„Ihre Sachen holen und hoffentlich auf dem Weg in den Gemeinschaftsraum.“
„Argh.“ Harry schlug frustriert mit der Hand auf den Boden. „Ausgerechnet vor der gantschen Klasche! War‘sch schlimm.“
Snape schüttelte den Kopf. „Gerade mal ein paar Sekunden.“
Das erklärte, warum er sich nur halb gerädert fühlte und nicht wie durch den Fleischwolf gedreht.

Snape schlug vor, dass Madam Pomfrey sich seine Zunge ansehen sollte, doch Harry weigerte sich. Nach einigem Zureden ließ er es zu, dass Snape ihm wenigstens etwas Murtlap-Essenz geben durfte.
Er wusste selbst nicht, warum er sich so stur stellte.
Das Nachlassen des Schmerzes in seinem Mund wäre sogar einen Besuch im Krankenflügel wert gewesen, gestand er sich im Nachhinein ein.

„Meine Couch? Oder dein Schlafsaal?“, fragte Snape schließlich, nachdem Harry sich halbwegs gesammelt hatte.
„Schlafsaal“, antwortete Harry. Die Vorstellung sich erst den ganzen Weg hinunter in den Kerker und später wieder hinauf bewegen zu müssen behagte ihm gar nicht.

 

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Harry schlurfte die Gänge entlang, den Professor dicht hinter sich wissend.
Mit einer kurzen Verabschiedung kletterte er durch das Portraitloch. Außer seiner eigenen Klasse, waren nur einige ältere Schüler anwesend. Die Gespräche verstummten schlagartig, als er den Raum betrat.
Na großartig. Noch vor dem Abendessen würde auch der letzte an der Schule davon wissen.

Erst als er eine Hand auf seiner Schulter spürte, begriff er, dass die plötzliche Stille nicht ihm alleine galt. Snape war ihm in den Gemeinschaftsraum gefolgt.
Suchend ließ der Professor seinen Blick durch den Raum schweifen. „Longbottom!“
Neville schrak heftig zusammen und purzelte fast aus dem Sessel, als er sich hastig hochkämpfte. „J… ja?“, hauchte er.
„Fünf Punkte, für Ihre Leistungen zu Beginn der Stunde. Ich hoffe Sie nehmen es als Ansporn für Ihre zukünftigen Arbeiten.“
Neville war sprachlos. Ebenso alle anderen im Raum.
Harry beobachtete, wie Dean sich verstohlen in den Arm zwickte, als wolle er sicher gehen, dass er nicht träumte.
„Essen sie alle ein Stück Schokolade gegen die Nachwirkungen der Stunde. Nutzen Sie den Rest der Zeit für Ihre Studien“, fuhr Snape an die Klasse gewandt fort. „Professor Lupin erwartet von Ihnen in seiner nächsten Unterrichtsstunde einen zweiseitigen Aufsatz über Irrwichte und was es zu beachten gilt, wenn man ihnen begegnet. Ich erwarte, dass Sie alle sich pünktlich in zwanzig Minuten zu Ihrer nächsten Unterrichtsstunde im Kerker einfinden. Harry, du bist hiervon entschuldigt. Mr. Weasley, wenn sie so freundlich wären ihn nach oben zu begleiten.“
Damit machte der Professor kehrt und verließ den Gemeinschaftsraum.
Kurz herrschte weiterhin eine angespannte Stille, dann begannen die ersten zu flüstern und im nächsten Augenblick brummte der Gemeinschaftsraum wie ein Bienenschwarm.
„Bei Merlin, hat Neville eben wirklich Hauspunkte bekommen?“
Von Snape !
Vielleicht würde dieses historische Ereignis sogar mehr Aufsehen in der Schülerschaft erregen, als Harrys kleine Episode vorhin.
„Das glaubt uns kein Mensch!“
„Zwei Seiten Aufsatz!“

In all dem Gewusel traten Ron und Hermine an seine Seite und zogen ihn in eine ruhigere Ecke. „Alles klar bei dir?“
„Geht schon.“ Mit einem Stöhnen verbarg er das Gesicht in den Händen. „Vor versammelter Klasse…Argh. Damit bin ich endgültig der Freak der Schule.“
„Eigentlich, haben sie es recht cool genommen“, meinte Ron.
„Außer Lavender“, ergänzte Hermine.
„Ja, aber Lavender nimmt nie etwas cool. Nein, ehrlich Harry, niemand denkt deswegen anders von dir. Und es weiß doch eh schon die ganze Schule.“
„Was?“ Harry war ehrlich verwirrt.
„Harry, du hast es beim Willkommensfest Wood erzählt. Glaubst du wirklich, es hat länger als auch nur einen halben Tag gedauert, bis auch der letzte davon gehört hat?“
Oh. Sein Gehirn war vielleicht doch noch ein wenig langsam.
„Snapes Irrwicht ist echt schräg, oder?“, sagte Ron unvermittelt an Hermine gewandt.
„Wieso?“, fragte Harry.
„Die junge Frau. Sieht wirklich gruselig aus, sag ich dir. Fast wie tot. Könnte glatt zu meiner Familie gehören mit den roten Haaren“, erklärte Ron.
Harry spürte sein Herz mit einem Mal schneller Schlagen, während das Blut aus seinem Gesicht wich.
„Hey Mann, alles okay? Musst du dich hinlegen?“
„Nein“, beeilte Harry sich zu sagen. „Los, sonst kommen wir noch zu spät zu Zaubertränke.“
„Aber Harry“, fiepte Hermine. „Snape hat doch gesagt du brauchst nicht zu kommen. Warum nutzt du nicht die Zeit und ruhst dich ein wenig aus.“
Harry wusste, dass eine Diskussion zu nichts führen würde. Noch vor wenigen Minuten war ihm die Vorstellung in den Kerker zu wandern als eine Qual erschienen. Nach Rons Worten jedoch, wäre er überall lieber gewesen als oben im Schlafsaal. Allein. Nur er und seine Gedanken.
Als ob er Ruhe finden würde, nach dem, was Ron eben gesagt hatte.
Ohne ein weiteres Wort stand er auf und kletterte aus dem Portraitloch.

Er hatte eine ziemlich genaue Ahnung, wer die Frau war.
Wie oft hatte er ihr rotes Haar in seinem Album bewundert.
Wie oft mit den Fingern ihre Locken auf den Fotos berührt.
Das unscharfe Bild seiner Mutter auf dem Fußboden des Lehrerzimmers lies ihn nicht mehr los.

 

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„Kessel raus! Bücher weg! Wie in der letzten Stunde angekündigt, brauen wir heute ein Gegenmittel zum Verwirrungselixier der vergangenen Woche. Ich hoffe Sie alle haben sich, wie aufgetragen, mit dem Thema auseinander gesetzt, denn vielleicht komme ich auf die Idee, es an einem von Ihnen auszuprobieren und es wäre wirklich unglücklich, wenn Sie für den Rest der Woche noch kopfloser, als sonst durch das Schloss stolpern müssten. Die Zutaten stehen hier an der Tafel. Fangen Sie ...“ er stutzte mitten im Satz. Mit eiligen Schritten hatte er den Saal betreten, seine Anweisungen vor sich hin blaffend. Erst jetzt, an seinem Pult angekommen, hatte er sich umgedreht und einen Blick auf die versammelten Schüler geworfen.
„Was machst du hier?“ Es klang eher verwirrt als unfreundlich. Harry saß in der vorletzten Reihe zwischen Weasley und Granger, seinen Kessel vor sich. Er war noch immer ein wenig blass um die Nase.
Er ließ dem Jungen keine Zeit um zu antworten.
„Mr. Weasley, habe ich mich nicht klar ausgedrückt, als ich Ihnen sagte, Sie sollen ihn in den Schlafsaal begleiten?“ Nun klang er doch eher unfreundlich.
„Ich… er..“, setzte Ron an, doch Harry unterbrach ihn. „Ich wollte hier sein.“
Kurz war Severus versucht ihn selbst nach oben zu bringen, doch dann besann er sich eines Besseren. Immerhin konnte er so ein Auge auf ihn haben.
„Dir ist hoffentlich klar, dass du in diesem Saal heute keinen Kessel anrühren wirst, und auch sonst nichts. Du bleibst sitzen und schaust zu, verstanden?“
Seine Slytherins warfen sich verwirrte Blicke zu. Severus ignorierte sie.
Für einen Moment sah es aus, als wollte Harry widersprechen, doch dann nickte er nur mit dem Kopf und schob seinen Stuhl ein wenig weiter vom Tisch weg, die Arme vor der Brust verschränkt.

Severus wandte sich erneut dem Rest der Klasse zu. „Worauf warten Sie noch? Ihre Zeit läuft. Fangen Sie endlich an!“

Nach nicht einmal zehn Minuten war Harry eingenickt, den Kopf auf seine Arme auf den Tisch gebettet. Ms. Granger blickte unsicher von ihm zu Harry und machte Anstalten den Jungen anzutippen um ihn zu wecken. Rasch durchquerte Severus den Raum.
„Lassen Sie das“, zischte er ihr zu. Sie nickte und widmete sich erneut ihrem Trank.

Als es zum Ende der Stunde läutete, schreckte Harry hoch. Er warf Severus einen etwas schuldbewussten Blick zu und trat zu ihm an das Pult.
„‘Tschuldigung Professor“, murmelte er, als die meisten seiner Mitschüler den Raum bereits verlassen hatten.
„Vielleicht entscheidest du dich das nächste mal doch dafür, dir eine kleine Auszeit zu nehmen und dir einen etwas gemütlicheren Ort zum Schlafen zu suchen“, sagte Severus. „Sieh zu, dass du zum Abendessen kommst, bevor diese Bande von Greifen euch nichts mehr übrig lässt.“
Harrys Mundwinkel verzogen sich zu einem leichten Lächeln, dann eilte er zu Ron und Hermine, die an der Tür auf ihn warteten.

Chapter 20: Nevilles Irrwicht

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Nevilles Irrwicht

 

Energisch klopfte er an die Tür.
Nichts geschah.
Er wartete. Klopfte erneut. „Lupin?!“
Nichts.
Nicht heute. Als ob dieser Tag nicht schon ereignisreich genug gewesen wäre.
Er probierte die Klinke und fand die Tür zu seiner Erleichterung unverschlossen. Ohne Zögern trat er in Lupins Wohnzimmer.
Kein Wolf weit und breit.
„Lupin?!“
Er meinte ein leises Geräusch aus Richtung des Badezimmers zu vernehmen.
Er trat an die Tür. „Lupin?“
Ein undeutliches Murmeln drang als Antwort zu ihm durch die Tür.
Dann ein leises Scheppern und ein Fluch und schließlich schlurfende Schritte.
Merlin sei Dank!
Lupin öffnete die Badezimmertür. Das Gesicht aschfahl. Dunkle Ringe unter den Augen. Die Skleren gerötet.
„Ich dachte schon, ich müsste die Tür aufbrechen“, sagte Severus und musterte ihn kritisch.
„Nicht nötig“, sagte Lupin mit rauer Stimme.
„Ich wollte sehen, ob du noch lebst.“
„Offensichtlich.“ Mit einer trägen Bewegung fuhr sich der Werwolf mit der Hand über die Augen. Severus entging nicht, dass seine Finger leicht zitterten.
Der Wolf sah wirklich erbärmlich aus.
„Wie wäre es mit einem Tee?“
Mit einem Nicken schlurfte Lupin zur Couch und ließ sich mit nur mäßiger Grazie darauf nieder. Nach einer kurzen Inspektion der Küche kehrte Severus mit zwei dampfenden Bechern in der Hand zu ihm zurück. Dankbar nahm ihm Lupin eine der Tassen ab, pustete darauf und nippte vorsichtig daran.
Severus ließ sich ihm gegenüber nieder. „Wie fühlst du dich?“
Der Wolf hob den Kopf und blickte ihn an. Dabei kniff er das rechte Auge zu. „Beschissen.“
„Kopfschmerzen?“
„Migräne.“
„Was macht die Übelkeit?“
„Besser.“
„Hast du sonst irgendwelche Nebenwirkungen bemerkt? Juckreiz? Ausschlag?“
Lupin schüttelte den Kopf. „Fühlt sich nicht anders an als sonst.“
Er ließ sich etwas weiter in die Polster seines Sofas sinken. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass es wirklich funktioniert hat.“ Und nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Danke.“
Severus bedachte ihn mit einem Kopfnicken. „Freu dich nicht zu früh. Wir sollten erst weitere Versuchsreihen machen, bevor wir halbwegs sicher sein können, dass es wirklich funktioniert.“
Beide nahmen einen Schluck Tee.
„Wie lief die Vertretungsstunde?“, erkundigte sich Lupin.
„Oh, einfach großartig“, antwortete Severus, die Stimme voll schneidendem Sarkasmus. „Longbottom ist der Meinung, ich sei das Furchteinflößenste was es gibt. Wobei er mich zuvor tatsächlich mit einer richtigen Antworten verblüfft hat. Und Harrys Dementor-Irrwicht hat die halbe Klasse in Panik versetzt und ihm selbst einen Anfall beschert.“
„Klingt ja nach einer gelungenen Stunde“, sagte Lupin. „Geht es Harry gut?“
„Der Sturkopf hat sich entgegen meiner Empfehlungen zum Zaubertrankunterricht geschleppt und dann den größten Teil der Doppelstunde verschlafen, aber ja, sonst geht es ihm gut.“
„Und Longbottom? Was hat er aus dem Snape-Irrwicht gemacht? Ich hoffe du hast den Jungen am Leben gelassen.“
„Er war klug genug sich zu weigern an der Übung teilzunehmen.“
„Woher weißt du dann, was sein Irrwicht geworden wäre?“
Severus zog eine Augenbraue in die Höhe. „Longbottoms Geist ist ein offenes Buch. Man muss sich nicht mal anstrengen um seine Gedanken zu lesen.“
„Du ließt die Gedanken deiner Schüler?“ In Lupins Stimme schwankte eine interessante Mischung aus Belustigung und Kritik.
„Nur, wenn ich das Gefühl habe, dass es wichtig sein könnte und sich die Gelegenheit ergibt.“
Der Werwolf schüttelte den Kopf. „Du bist wirklich unglaublich Severus, weißt du das?“

Chapter 21: Slytherin gegen Gryffindor

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Das erste Quidditchspiel Slytherin gegen Gryffindor fand Ende Oktober statt. Am Morgen des Spiels saß Harry zusammen mit den anderen Spielern in der Umkleide und lauschte Woods Motivationsrede. Wobei Wood aussah, als könne er selbst etwas mentale Unterstützung gebrauchen.
„Männer!“
„Und Frauen“, steuerte Alicia bei.
„Und Frauen!“, wiederholte Wood. „Das Wetter heute ist eine Katastrophe, aber immerhin ist es ein Trost für uns, dass die Schlangen genauso nass sein werden wie wir, wenn wir sie heute aus der Luft putzen. Wir haben unseren Sucher zurück: Was kann uns da schon passieren. Zeigen wir denen, dass wir besser sind als diese eingebildeten Schnösel!“

Sie traten aus der Umkleide und in den peitschenden Regen hinaus.
Nur schemenhaft konnte Harry die Zuschauer auf den Tribünen wahrnehmen. Von der anderen Seite des Spielfeldes kam ihnen die Mannschaft der Slytherins entgegen. Sie trafen sich in der Mitte des Feldes.
Widerwillig reichten sich die beiden Kapitäne die Hand, dann bestiegen die Spieler ihre Besen. Ein greller Pfiff erscholl und Harry stieß sich mit den anderen vom Boden ab. Die schlammige Erde ließ seine Schuhe um einige Zentimeter versinken und gab ihn dann mit einem schmatzenden Geräusch frei, als er in die Höhe schoss.

Innerhalb kürzester Zeit klebte Harry die durchnässte Kleidung am Körper und die Windböen, die auf ihn einpeitschten, machten es schwer auf Kurs zu bleiben.
Als Sucher war es eigentlich von Vorteil leicht und wendig zu sein. Heute war er damit definitiv im Nachteil.
Harry ließ seinen Blick wie sonst über das Spielfeld schweifen und zog seine Kreise auf der Suche nach dem Schnatz, aber wenn er ehrlich war, konnte er so gut wie nichts erkennen.
Von dem Spiel unter sich bekam er kaum etwas mit. Nur Madam Hoochs schrille Pfeife ließ ihn dann und wann wissen, dass ein Tor geschossen worden war oder jemand einen Strafstoß erhalten hatte. Für welche Seite, das wusste er nicht.

Nach einer Ewigkeit, so schien es ihm, hörte er endlich den Pfiff zu einer Auszeit.
Schlamm zu beiden Seiten aufspritzend, landete er neben Fred und George.
„Leute, wir liegen sechzig Punkte im Rückstand! Das Wetter wird immer ungemütlicher. Harry, streng dich an und fang diesen verfluchten Schnatz und wenn es das letzte ist, was du tust!“
Harry nahm seine Brille von der Nase und wischte sie zum wohl hundertstem mal an seinem durchnässten Umhang ab. „Wenn ich etwas sehen könnte, wäre das wesentlich einfacher!“, rief er Wood über den Sturm hinweg zu.
Wie aufs Stichwort lief in diesem Moment Hermine auf die Mannschaft zu, Ron dicht an ihrer Seite. Sie schien Harry gehört zu haben, denn wortlos nahm sie ihm die Brille aus der Hand und berührte sie mit dem Zauberstab. „ Repello .“
„Hier, dass sollte ein wenig helfen“, sagte sie und gab ihm die Brille zurück. Harry setzte sie auf. Der Regen perlte nicht einfach nur von der Brille ab, es war mehr, als würde das Wasser die Gläser gar nicht erst berühren.
„Danke, Hermine.“
„Genial!“, brüllte Wood und umarmte Hermine stürmisch.

Wenige Minuten später fand Harry sich erneut hoch oben in der Luft. Der Regen prasselte weiter auf ihn ein und bedeckte alles mit einem grauen Vorhang, aber mit Hermines kleinem Zauber, sah er nun überhaupt eine Chance den Schnatz entdecken zu können. In großen Kreisen und Spiralen suchte er das Spielfeld ab. Einmal meinte er kurz ein goldenes Aufblitzen zu sehen, aber es war nur die Uhr am Handgelenk eines Spielers.
Der einzige Trost war, dass Malfoys Suche bisher genauso erfolglos verlief, wie seine eigene. Irgendwann wechselte der Blonde seine Taktik und heftete sich an Harrys Fersen, statt selbst seine suchenden Runden um das Spielfeld zu ziehen.
Ein Blitz zerriss den Himmel und für einen kurzen Moment strahlten das Spielfeld und die Ländereien in seinem grellen Licht. Harry blinzelte und spähte über den Spielfeldrand hinaus. Er war sich sicher auf den Ländereien eine einsame Gestalt gesehen zu haben.
Merkwürdig.
Wer nicht beim Spiel war, würde sich bei diesem Wetter doch sicher im Schloss aufhalten.
Dann schoss Malfoy an ihm vorbei und Harry vergaß den Gedanken. Zunächst hielt er es für eine Finte, während er Malfoy nachjagte, bereit, jedem Moment die Richtung zu wechseln. Doch dann sah er den kleinen goldenen Schimmer viele Meter vor ihnen in der Luft.
Harry beugte sich tiefer über seinen Besen und legte noch einmal an Tempo zu. Nun war er auf einer Höhe mit Malfoy. Verbissen kämpften beide um die Führung, den Schnatz nur eine halbe Armeslänge außer Reichweite vor sich.

Um sie herum schien die Zeit sich mit einem Mal zu verlangsamen.
Harry konnte seinen Atem in der Luft sehen.
Der Regen gefror zu kleinen Eiskristallen.
Die Rufe der Menge wurden erst lauter, dann dumpfer und dumpfer.
Sein Wangenmuskel zuckte.
Sein Besen wurde langsamer.
Malfoys warf ihm einen kurzen Blick zu. Harry konnte sehen, dass er ihm etwas zurief, doch die Worte drangen nicht zu ihm durch.
Sein Blick glitt nach unten.
Schwarze Gestalten in langen Kutten schwebten über das Gelände auf sie zu.
Nein!Nein! Nein!
Seine Sicht verschwamm.
Er spürte, wie sein Griff sich vom Stiel seines Besens lockerte.

Jemand schrie.

 

„Lily, nimm Harry! Ich werde versuchen ihn aufzuhalten.“

„Nein!“
„Geh bei Seite törichtes Weib!“
„Nein, nicht Harry! Bitte nicht! Nein!“

Ein hohles Lachen.

Ein Blitz aus grünem Licht.

Rote warme Locken, die zu Boden fielen.
Das Weinen eines Kindes.

Erneut ein grünes Aufblitzen.

 

„Harry!“
Er schlug die Augen auf und hatte kaum Zeit sich umzudrehen, bevor ein Würgen einen Großteil seines Frühstücks wieder zum Vorschein brachte.
Mit einem Stöhnen griff er sich an die schmerzende Schläfe.
Er zitterte, nass von Kopf bis Fuß.
Es regnete.
Alles schmerzte.
Er versuchte sich zu erinnern, was geschehen war, doch das einzige woran er denken konnte war das Flehen in der Stimme seiner Mutter.
Ein erneutes Würgen schüttelte seinen Körper, doch in seinem Magen befand sich nicht mehr viel, was er hätte von sich geben können.
Jemand hielt ihn an der Schulter.
Sein Kopf lag auf etwas weichem, faltigem.
Stoff.>
Langsam öffnete er die Augen.
Alles war verschwommen.
Er blinzelte und plötzlich kniete jemand vor ihm.
Groß und dunkel.
Snape.
„Ist er mit dem Kopf aufgeschlagen?“
„Nein“, ertönte eine Stimme knapp neben ihm.
George.
Lumos.
Ein brennend helles Licht flammte vor seinem Gesicht auf und schien sich tief in sein Gehirn zu bohren. Er presste die Augen zusammen, schlug nach dem Licht.
Lärm drang in seine Ohren.
Stimmen, die sich etwas zuriefen, zu viele und zu weit weg, um sie zu unterscheiden oder zu verstehen.
Der Nebel in seinem Kopf fing an sich ein wenig zu lichten.

„Kann er weiterspielen?“, erklang Woods Stimme dicht neben ihm und erschrocken zuckte Harry zusammen.
„Spinnst du?!“, zischte Alicia. „Eine Horde Dementoren stürmt das Spiel, Harry kippt vom Besen und du denkst nur daran das Spiel zu gewinnen? Fang den Schnatz und wenn es das letzte ist, was du tust! Schau dich doch mal um! Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Spiel überhaupt fortgesetzt wird!“
„Es wird wiederholt werden“, erklang Madam Hoochs Stimme. „Alle Schüler sollen sich umgehend in der großen Halle einfinden. Die Hauselfen bereiten für alle Kakao und Schokoladenkuchen vor.“

„Harry?“ Snapes Stimme lenkte Harrys Aufmerksamkeit erneut auf sich. Harry öffnete die Augen. Der Schmerz in seinem Kopf hatte deutlich nachgelassen und er konnte den Professor deutlich erkennen, der vor ihm im Schlamm kniete, den Zauberstab in der Hand, die Falte zwischen seinen Augenbrauen deutlich tiefer als sonst.
„Hmm?“ Mehr brachte er nicht zustande.
„Ich glaub wir brauchen eine Trage“, sagte Fred.
„Was?! NEIN!“, rief Harry und versuchte sich aufzusetzen.
Snape warf ihm einen skeptischen Blick zu.
„Ich … gebt mir einen Moment...“, murmelte Harry und rieb sich über das nasse Gesicht im Versuch seine Lethargie zu vertreiben. Er spürte die Blicke die auf ihm ruhten. Er atmete ein paar mal tief durch und schob dann seine Knie unter sich um auf die Füße zu kommen. Snape machte eine Bewegung mit der Hand und im nächsten Augenblick wurde Harry von George links und Fred rechts langsam auf die Füße gezogen. Kurz schwankte die Welt um ihn herum, doch die beiden hielten ihn fest und warteten bis er sicher stand. Harry blinzelte ein paar mal.
Der Professor bückte sich und hob etwas vom Boden auf. Unter all dem Schlamm konnte Harry einen Umhang erahnen. Ein Streifen Grün schimmerte hervor.
„Bereit?“, fragte Fred und zog Harrys Arm über seine Schulter.
Harry nickte.
Er traute sich nicht seinen Mund zu öffnen.

 

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Langsam kämpften sie sich den Weg zum Schloss hinauf. Der nasse Boden war rutschig und mehr als einmal stolperte Harry und wäre sicherlich gestürzt, hätten die Zwillinge ihn nicht fest in ihrem Griff gehabt.
Der Rest der Mannschaft folgte ihnen und auch Ron und Hermine hatten sich der kleinen Prozession angeschlossen.
In der Eingangshalle standen einige kleinen Gruppen beisammen, die sich aufgeregt unterhielten.
„Was genau haben sie nicht verstanden, als man ihnen sagte, sie sollen sich umgehend in die große Halle begeben“, blaffte Snape.
Wie aufgescheuchte Hühner stoben die Schüler auseinander und flohen zu ihren Haustischen.
Mit einem leisen Stöhnen blickte Harry die Stufen der verzauberten Treppe hinauf. Jeder Muskel in seinem Körper schmerzte.

Harry konnte hinterher nicht mehr sagen, wie sie es hinauf geschafft hatten. Als sie die Türen des Krankenflügels endlich erreicht hatten hing er schlaff zwischen Fred und George, die ihn die letzten Meter zu einem der freien Betten schleppten.
Etwas undeutlich drang Snapes mürrisches Gemurmel über sture Gryffindors an sein Ohr, während er sich erleichtert in die Kissen sinken ließ.
Sofort war Madam Pomfrey über ihm, als hätte sie auf ihn gewartet. (Was wohl wahrscheinlich war.) Mit einem unwirschen Schnalzen ihrer Zunge ließ sie ihren Zauberstab durch die Luft sausen und befreite Harry und das Bett von Schmutz und Wasser.
„Und Sie alle“, stieß sie hervor und deutete mit dem Finger auf die schlammverkrusteten, durchnässten Spieler. „Gehen Sie duschen und ziehen Sie sich etwas trockenes an, bevor Sie sich noch erkälten.“
Sie duldete keinen Widerspruch und bald waren Harry, Ron, Hermine und der Professor alleine. Die Heilerin warf Ron und Hermine einen skeptischen Blick zu, doch Snape erlaubte, dass sie bleiben durften.
Harry war alles einfach nur noch gleichgültig.
Hauptsache man ließ ihn in Ruhe.
Teilnahmslos lies er Madam Pomfreys Untersuchung über sich ergehen, die verkündete, er habe wohl keinen bleibenden Schaden davongetragen (Wenn man mal von seiner Würde absah ). Er würgte ein Stück Schokolade hinunter und lies sich dann von Ron in einen Schlafanzug helfen.

 

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„Pst! Du weckst ihn noch auf!“, zischte Hermine.
„Zu spät“, sagte Fred, als Harry die Augen aufschlug.
Sein Kopf schmerzte ein wenig, aber seine Gedanken waren klar.
„Scheiße“, stieß er hervor und rieb sich über das Gesicht, als Teile seiner Erinnerung zurückkehrte.
„Das kann man wohl laut sagen“, bestätigte Ron.
„Dementoren beim Spiel. Ich schwöre, ich habe Dumbledore noch nie so wütend gesehen“, sagte Hermine, dann beugte sie sich zu Harry hinunter und schloss ihn fest in ihre Arme. „Ich dachte kurz, dass war‘s als du gefallen bist“, flüsterte sie und Harry meinte etwas feuchtes an seiner Schulter zu spüren. Etwas unbeholfen tätschelte er Hermines Schulter.
„Die meisten von uns fallen früher oder später mal vom Besen, Hermine“, sagte Angelina beruhigend. „Ist ja nichts passiert.“
Hermine ließ Harry los und wischte sich über die Augen.
„Malfoy sei Dank!“, sagte sie. „Wenn er Harry nicht erwischt hätte, wer weiß …“ Sie brach ab und unterdrückte ein Schluchzen.
Alicia drückte ihre Schulter. „Alle Lehrer waren da. Nichts wäre ihm passiert, glaub mir Hermine.“
Harry brauchte einen Moment um zu begreifen, was Hermine gesagt hatte.
Dunkel fiel ihm der grüne Umhang ein, den Snape aufgehoben hatte.
Er erinnerte sich daran, das er und Malfoy hinter dem Schnatz hergejagt waren.
„Haben wir verloren? Hat Malfoy den Schnatz gefangen?“, fragte er und blickte Wood an, wobei er glaubte, die Antwort bereits zu kennen.
Zu seiner Überraschung schüttelte Wood den Kopf. „Hat ihn sausen lassen, als er dich gepackt hat.“
Fast wurde Harry schwindelig bei dem Gedanken: Malfoy hatte den Schnatz hatte sausen lassen um zu verhindern, dass Harry sich das Genick brach.
Was für eine verrückte Welt.

 

Kurz vor dem Abendessen kam Professor McGonagall um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Als sie ging, nahm sie alle anderen mit sich und ließ Harry in der Stille des Krankensaals zurück.
Hin und wieder kam Madam Pomfrey um nach ihm zu sehen, doch die meiste Zeit war er seinen eigenen Gedanken überlassen.
Gedanken, mit denen er lieber nicht alleine geblieben wäre.
Wann immer er die Augen schloss, sah er es, das grüne Aufblitzen. Er hörte seine Mutter flehen, seinen Vater rufen. Und immer wieder sah er das grüne Licht.

Endlich, endlich öffnete sich die Tür und eine Gestalt in schwarzem wallenden Umhang trat herein und brachte den Geruch nach Ingwer mit sich.
Ein Schluchzen entrang sich Harrys Kehle, als der Professor sich neben ihm an das Bett setzte.

 

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Unruhig schritt Severus in seinem Büro auf und ab.
Er wartete auf Lupin. Heute war Vollmond.
Es fiel ihm schwer sich zu konzentrieren. Die Ereignisse des Tages ließen ihn nicht los.
Der Besuch der Dementoren hing noch immer auf seiner Seele.
Immer wieder sah er schemenhaft durch den Regen die rot gekleidete Person am Himmel vom Besen gleiten. Sein Herz hatte einige Schläge ausgesetzt. Er hatte den Zauberstab kaum gezückt, gehabt, als Malfoy bereits seinen Besen in die Tiefe gelenkt hatte und Harry am Umhang gepackt hatte. Zwischen ihm und den Weasley-Zwillingen war es ihnen gelungen Harrys Fall in eine halbwegs sichere Landung zu verwandeln.
Während Albus und der Rest der Lehrer sich den Dementoren zugewandt hatten, hatte sich Severus durch Schar der panischen Schüler gekämpft.

 

Als er endlich auf dem Spielfeld angekommen war, war das meiste bereits vorüber.
Die Mannschaft hatte Harry einen Umhang unter den Kopf geschoben und ihn auf die Seite gedreht. George Weasley kniete hinter ihm, hielt ihn an der Schulter und verhinderte so, dass der Junge im Schlamm und seinem eigenen Erbrochenen ertrank.
Niemand der Löwen schien sich daran zu stören, dass Malfoy dicht zwischen ihnen stand, die grauen Augen geweitet, das Gesicht noch blasser als sonst.
Der junge Slytherin zitterte im Regen, der noch immer auf sie alle herunter prasselte. Er war der einzige der keinen Umhang trug.

 

Severus hatte dafür gesorgt, dass Harry sicher ins Schloss und in Madam Pomfreys Fürsorge gelangt war, dann hatte er sich aufgemacht in die große Halle um nach seinen Schlangen zu sehen.
Am Tisch der Slytherins herrschte eine ungewöhnliche Anspannung. Kaum jemand sagte ein Wort. Er gab Murdock ein Zeichen. Der große Junge trat zu ihm heran.
„Sorg‘ dafür, dass alle sich in zehn Minuten unten im Gemeinschaftsraum versammeln!“
Murdock nickte und eilte davon. Severus ging hinüber zum Lehrertisch und wechselte einige Worte mit Minerva und Lupin, ehe er sich auf den Weg in den Kerker machte.

 

Schon, als er den Geheimgang hinter der Mauer zum Gemeinschaftsraum betrat, schlug ihm der vielstimmige Lärm seiner Schüler entgegen. Sie waren es gewohnt gegenüber den anderen Häusern ihre Einheit zu zeigen, doch wenn die Schlangen unter sich waren, konnte es schnell vorbei sein mit der Einigkeit.
Er bog um die Ecke und sah gerade noch, wie Flint von einigen anderen Slytherins, darunter auch Murdock und Bole von Malfoy fortgerissen wurde, den der Kapitän am Kragen gepackt hatte.
„Den Schnatz entkommen lassen um diesen Schlammblutliebhaber zu retten!“, brüllte Flint und versuchte sich loszureißen. Erst das Verstummen seiner Mitschüler ließ ihn den Kopf drehen. Seine Augen wurden groß, als er den Professor bemerkte, der noch immer im Durchgang zum Gemeinschaftsraum verharrte.
Severus trat einen Schritt nach vorn.
„Ich kann mir denken, dass einige von Ihnen aufgewühlt sind, von den Ereignissen des Tages, daher werde ich Ihnen Mr. Flint die Handgreiflichkeiten, die Sie hier zur Schau stellen einmalig durchgehen lassen. Was jedoch Ihre Wortwahl betrifft, so ist diese alles andere als akzeptabel. Sie alle wissen, dass ich einen solchen Umgangston nicht dulde, sei es außerhalb der Wände des Gemeinschaftsraums oder innerhalb davon. Mr. Flint, sie werden sich ab morgen Abend für eine Woche nach dem Abendessen bei Mr. Filch zum Nachsitzen melden.“
Er machte eine Pause, ehe er fortfuhr.
„Was Mr. Malfoys Verhalten während des Spiels betrifft, so habe ich dazu nur folgendes zu sagen: das Haus Slytherin hat in der Gesellschaft nach den dunklen Zeiten, die wir durchlebt haben kaum Ruhm und Ehre verdient. Viele von Ihnen mögen einen großen Namen tragen, doch ein Name ist nicht alles, um im Leben voranzukommen. Reichtum kann schnell vergehen, und diejenigen, die heute mächtig sind, können schon morgen von einem neuen Wind davon geblasen werden. Niemand kann sagen, was die nächsten Jahre bringen werden, doch ich weiß, der dunkle Lord ist nicht vergangen. Und es wird der Tag kommen, an dem er erneut versuchen wird sich zu erheben. Und dann ist es an Ihnen zu entscheiden, welchen Weg Sie einschlagen werden. Ob Sie es halten werden wie viele Ihrer Verwandten oder gar Eltern, oder ob Sie einen andere, einen eigenen Pfad wählen. Wenn Mr. Malfoy heute beschlossen hätte den Schnatz zu fangen, und Mr. Potter seinem Schicksal zu überlassen, dann hätte das niemanden der anderen Häuser gewundert. Es hätte in das Weltbild gepasst, dass sie von uns haben. Vielleicht hätte man ihm bei den Wetterverhältnissen, die heute herrschten noch nicht einmal einen Vorwurf gemacht. Doch Mr. Malfoy hat sich für einen anderen Weg entschieden. Ein gewonnenes Quidditchspiel ist nur ein kleiner Sieg im Leben, ein verlorener Schnatz nicht entscheidend. Die Menschen, mit denen Sie heute zur Schule gehen, werden diejenigen sein, mit denen Sie in einigen Jahren Geschäfte führen werden, Verhandlungen, politische Auseinandersetzungen. Mit seinem Handeln heute hat Mr. Malfoy etwas bei den anderen Häusern erlangt, was ihm sonst über Jahre nicht gelungen wäre: Ihren Respekt. Ihre Anerkennung. Er hat mit einem Klischee gebrochen und das Bild, das er erschaffen hat, wird auch auf den Rest des Hauses zurückfallen.
Es ist nie zu früh für Sie an Ihre Zukunft zu denken, denn in wenigen Jahren werden Sie für sich selbst verantwortlich sein. Und es liegt an Ihnen zu bestimmen, in welcher Zukunft Sie leben werden.
Murdock, ich erwarte, dass bis spätestens zehn Uhr alle sich in ihren Schlafsälen befinden und die Hausregeln eingehalten werden.“
Damit machte er auf dem Absatz kehrt und verließ den Kerker.

 

Auf dem Weg zum Krankenflügel ließ er seine Ansprache Revue passieren. War es klug gewesen so offen zu sprechen? Die Bedeutung seiner Worte sollte jedem klar geworden sein, ebenso wie seine eigene Position, sollte es dem dunklen Lord erneut gelingen sich zu erheben.
Doch ja, er hatte seinen Weg gewählt!
Er war einmal auf dem falschen Pfad gewandelt. Das Leid, dass aus seinen Fehlern erwachsen war, würde nie gut zu machen sein und er würde sie nicht wiederholen. Und er wünschte keinem seiner Schützlinge einen ähnlichen Fehler zu begehen.

 

Lupin fand ihn schließlich mit einer Flasche Feuerwhiskey vor sich, während er in die Flammen in seinem Kamin starrte.
„Oh je, was für ein Tag“, sagte Lupin mit einem Seufzen und trat näher.
Severus starrte weiter in die Flammen.
„Geht es dir gut?“, fragte der Wolf und ließ sich ihm gegenüber auf dem Sofa nieder.
Severus blinzelte und wandte sich zu ihm um. Erst jetzt schien er bemerkt zu haben, dass Lupin ihm eine Frage gestellt hatte. „Hmm?“
„Ich habe gefragt, wie es dir geht.“ Der Wolf machte eine vage Geste in Richtung der Flasche auf dem Tisch.
Mit einem Seufzen nahm Severus sie hoch und hielt sie ihm hin. Das Siegel war nicht gebrochen.
„Wenn ich wüsste, dass es helfen würde, wäre heute der richtige Tag gewesen um sich absolut volllaufen zu lassen“, sagte er düster.
Der eigene Vater spukte durch seine Gedanken. Sein Vater, der viel zu oft versucht hatte seine Sorgen mit Alkohol fortzuspülen.
„So schlimm?“, fragte Lupin und Severus hörte das Mitgefühl in seiner Stimme. Noch vor kurzem hätte es ihn angewidert, aber nun ... nun tat es ihm seltsam gut.

Es war lange her, dass es jemanden in seinem Leben gegeben hatte, dem er vertrauen konnte.

„Weißt du, was Harry durchlebt, wenn die Dementoren ihm zusetzen?“
Der Wolf schüttelte den Kopf. Wie könnte er es auch wissen.
„Er durchlebt die Nacht, in der Lily … in der seine Eltern ermordet wurden. Er erlebt wie sein Vater kämpft und stirbt und wie Lily um Harrys Leben fleht bis er sie tötet.“ Er hielt inne und schluckte gegen den Kloß in seinem Hals.
„Das ist grausam“, flüsterte der Wolf.
Severus nickte.

Er sah sie vor sich, wie sie in dem Kinderzimmer lag, das lange, lockige Haar ein rotes, weiches Kissen für ihren toten Leib.
Neben sich die Krippe mit dem kleinen Jungen.
Zwei Paar grüner Augen.
Ihr Blick leblos und leer.
Seine Blick lebendig und voller Angst.

Er schüttelte sich und versuchte sich von der Erinnerung zu lösen.

Aus einer der vielen Taschen seines Umhangs holte er ein Fläschchen hervor, froh darüber etwas zu haben, was ihn die Nacht über beschäftigt halten würde.
„Bereit für den zweiten Versuch?“
Statt zu antworten griff der Wolf nach der Flasche und leerte sie mit wenigen Schlucken.

Chapter 22: Versuch 2

Chapter Text

Versuch 2

30. Oktober1993,
Versuch 2, Einnahme des veränderten Wolfbann-Trank um 16 Uhr unter Aufsicht.
Applizierte Tränke 14 Tage zuvor: Aufpäppeltrank, Gellerts-Migräne-Elixier

18:00 Uhr: Testobjekt zieht sich in gesicherten Raum zurück. Bisher keine Anzeichen adverser Reaktion. Leichte innere Unruhe.
19:00 Uhr: keine Anzeichen adverser Reaktion
20:00 Uhr: Einsetzende Verwandlung nach vorbekanntem Schema. Keine Anzeichen adverser Reaktion. Testobjekt läuft anschließend unruhig in Raum auf und ab.
21:00 Uhr: Testobjekt schläft.
22:00 Uhr: Testobjekt wach. Motorische Unruhe. Keine Autoaggression. Keine Anzeichen adverser Reaktion.
23:00 Uhr: Dummie in Versuchsraum eingebracht. Testobjekt wach. Objekt wird wahrgenommen aber nicht angegriffen. Keine Zeichen adverser Reaktion.
24:00 Uhr: Testobjekt schläft.
31. Oktober 1993
01:00 Uhr: Dummie weiterhin unbeschadet. Testobjekt wach. Reiz-Wiederholung mit lebendigem Objekt (Ratte). Testobjekt erneut interessiert, jedoch weiterhin keine Anzeichen für Fremd- oder Autoaggresivität. Keine Zeichen adverser Reaktion.
02:00 Uhr: Freilassen der Ratte aus dem Käfig. Testobjekt knurrt bei Annäherung. Kein Angriffsverhalten. Keine Anzeichen adverser Reaktion.
03:00 Uhr: Ratte lebend aus Versuchsraum entfernt, Testobjekt unruhig. Vermehrtes Kratzen.
04:00 Uhr: Testobjekt hat sich auf Lager zusammengerollt, wach, keine Autoaggression. Keine Anzeichen adverser Reaktion.
05:00 Uhr: Einsetzende Rückverwandlung nach vorbekanntem Schema. Bewusstseinsverlust für 4 Min. 23 Sek. Testobjekt stark verhangen. Orientierung zu Person gegeben. Räumliche, zeitliche und situative Orientierung nur unzureichend gegeben. Starke Kopfschmerzen, Angabe von Übelkeit. Pupillen beidseits regelrecht lichtreagiebel.
06:00 Uhr: Testobjekt wach und ansprechbar, vollständig orientiert. Sonst idem.
06:20 Uhr: Verabreichung: 1 Standarddosis Gellerts-Migräne-Elixier
07 Uhr: Testobjekt schläft unruhig.
07:15 Uhr: Erbrechen aus dem Schlaf heraus. Fragliche Aspiration.
07:28 Uhr: Verabreichung: 1 Standarddosis Nausea-Ex
07:40 Uhr: Übelkeit nachlassend, Verabreichung: 1 Standarddosis Aufpäppeltrank
08:00 Uhr: Testobjekt schläft unruhig.
09:00 Uhr:Testobjekt schläft. Keine Anzeichen mehr von Unruhe.

 

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Lupin hustete zum wiederholten Mal in den Ärmel seines Umhangs.
„Vielleicht solltest du doch bei Madam Pomfrey vorbeischauen“, meinte Severus mit hochgezogenen Augenbrauen.
Der Wolf zuckte mit den Achseln. „Ist nicht das erste mal, dass das passiert ist. Bisher hab ich‘s immer überlebt.“ Seine Stimme klang noch immer rau. Sein Mund verzog sich zu einem bitteren Lächeln. „Keine Sorge, Severus. Wir heilen schnell.“
„Wenn du meinst.“
Der Wolf lag lang ausgestreckt auf dem Sofa. Er sah abgekämpft aus, doch bis auf einen gelegentlichen Hustenanfall hielt er sich recht gut.
„Wie geht es Harry?“, fragte Lupin und drehte sich ein wenig, sodass er Severus besser sehen konnte.
„Durchwachsen. Den Absturz hat er ganz gut verkraftet, aber die Sache mit den Dementoren beschäftigt ihn sehr.“
„Hmm, und ausgerechnet heute ist Halloween.“
Severus nickte düster.
Als er am Morgen in seine Räumlichkeiten zurückgekehrt war, hatte er Harry im Gang davor angetroffen. Blass und mit dunklen Ringen unter den Augen...

„Warum hast du nicht drinnen auf mich gewartet?“, hatte Severus gefragt, während er die Tür öffnete.
Eine wirkliche Antwort hatte er darauf nicht bekommen.
„Harry, du bist hier jederzeit willkommen. Sollte ich nicht da sein, kannst du trotzdem hereinkommen. Ich erwarte nur, dass du dich aus meinem Büro und aus dem Labor fernhältst. Verstanden?“
Harry nickte. Der Junge war deutlich stiller als sonst.
Severus kochte ihnen einen Tee.
„Weiß Madam Pomfrey, dass du hier bist?“
Harry schüttelte den Kopf.
Mit einem Seufzen beschwor Severus seinen Patronus und schickte ihn mit einer kurzen Botschaft hinauf.
Dann setzte er sich in seinen Sessel und wartete. Der Junge war gekommen um zu reden, dass war offensichtlich.
Es dauerte lange, bis Harry schließlich den Mund öffnete.
„Meine Eltern sind tot“, sagte er tonlos und machte eine Pause.
„Bisher war das für mich immer etwas Abstraktes. Ich weiß nicht, ob das Sinn macht. Ich habe sie ja gar nicht richtig gekannt. Oder besser gesagt, ich konnte mich nicht daran erinnern, sie gekannt zu haben. So lange ich denken kann, hat man mir gesagt, dass sie tot sind. Ich kannte es gar nicht anders. Aber jetzt… zu wissen wie es passiert ist …“ Er brach ab und vergrub das Gesicht in den Händen, atmete mehrmals tief durch. Severus legte ihm eine Hand auf das Knie. Es gab nichts, was er in dieser Situation hätte sagen können um dem Jungen seinen Schmerz zu nehmen.
Irgendwann setzte Harry sich etwas gerader hin und Severus zog sich ein wenig zurück. Harry nahm einen großen Schluck Tee und ließ die Tasse in seiner Hand kreisen.
„Mein Besen ist kaputt“, sagte er schließlich unvermittelt.
„Besser der Besen, als du selbst“, sagte Severus und Harry nickte. Die Peitschende Weide hatte nur einige Holzsplitter von dem Besen übrig gelassen.
Der Junge schaute plötzlich auf. Seine grünen Augen begegneten denen des Professors. „Ich muss diesen Patronuszauber lernen, Professor.“
„Es ist ein schwieriger Zauber, Harry.“
„Ich kann es lernen. Ich muss es lernen!“
Es war klar, dass der Junge von seinem Standpunkt nicht abweichen würde….

 

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„Ich weiß nicht, wie ich ihm das beibringen soll. Ich habe keine Geduld für so etwas“, sagte Severus.
„Ich könnte es versuchen“, sagte Lupin. Inzwischen hatte er sich aufgesetzt und nippte an etwas gesüßtem Tee. „Ich könnte mit ihm darüber sprechen, wenn du willst.“
„Ja... Ja, ich denke, dass wäre gut“, sagte Severus und lehnte sich ein wenig in Lupins Sessel zurück.
Er war müde.
Für einen Moment schloss er die Augen.
Einen Moment nur…

Chapter 23: Etwas zwischen Feindschaft und Freundschaft

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Die Vorbereitungen für Halloween liefen auf Hochtouren. Der Duft nach gebackenem Kürbis erfüllte bereits seit dem Vormittag das gesamte Schloss. Die große Halle wurde von Hagrid und Professor Flitwick mit schwebenden Kürbislaternen und Fledermäusen, die über die Tische hinweg flogen, dekoriert.
In nicht einmal zwei Stunden würden alle Schüler sich zu dem großen Festmahl einfinden.
Erst hatte Harry nicht hingehen wollen. Er war alles andere als in Feierlaune. Doch Ron und Hermine hatten den ganzen Tag auf ihn eingeredet und schließlich hatte er ihnen versprochen zu kommen.
Zuvor hatte er jedoch noch etwas zu erledigen.
Mit der Karte des Rumtreibers in der Hand, Ron an seiner Seite, lief er durch das Schloss.
Ron war begeistert gewesen, als Harry ihm die Karte gezeigt hatte und ihm erklärt hatte, wie sie funktionierte. Hermine war eher skeptisch gewesen. Sie arbeitete an einem Aufsatz für Arithmantik und war nicht dazu zu bewegen den Gemeinschaftsraum zu verlassen, bevor sie nicht fertig war.

Der kleine Punkt auf der Karte, dem Harry und Ron folgten, verließ soeben einen der Waschräume in der Nähe der Bibliothek.
Harry beschleunigte seinen Schritt, steckte die Karte in die Tasche seines Umhangs und bog um die Ecke, während er Ron bedeutete zu warten.
„Malfoy!“
Der blonde Junge vor ihm wirbelte herum. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen, als er erkannte, wer ihn da gerufen hatte.
„Was willst du?“, fragte er unwirsch.
Harry trat näher. Kurz vor Malfoy blieb er stehen.
„Ich wollte mich bei dir bedanken“, sagte er. Fast war ihm, als würden Malfoys blasse Wangen etwas Farbe bekommen, aber vielleicht lag es auch nur am Licht der Kerzen, das den Korridor beleuchtete.
„Ich habe gar nicht darüber nachgedacht. Du brauchst dich also nicht zu bedanken“, murmelte Malfoy. Die Situation war ihm sichtlich unangenehm. Er warf einen Blick über seine Schulter, doch der Korridor blieb leer.
Harry zog eine Augenbraue in die Höhe. „Weißt du, vielleicht habe ich gerade dann noch mehr Grund.“ Er streckte dem anderen Jungen die rechte Hand entgegen.
Für einen Moment sah es so aus, als würde Malfoy sich abwenden, doch dann hob er zögerlich die Hand und erwiderte Harrys Händedruck.
„Das heißt nicht, dass ich dich mag, Potter“, sagte er, als ihre Hände sich lösten.
„Dass man sich nicht mag, heißt nicht, dass man sich hassen muss“, antwortete Harry.
Malfoy blinzelte kurz, dann nickte er Harry zu und wandte sich zum Gehen.
„Beim nächsten Mal werden keine Dementoren da sein, Potter! Und dann werde ich dir zeigen, wer von uns beiden der bessere Sucher ist!“, rief der Slytherin ihm über die Schulter hinweg zu.
Harrys Lippen verzogen sich zu einem leichten Grinsen. „Ich kann es kaum erwarten, Malfoy!“

Als er um die Ecke bog, fand er Ron mit erhobenem Zauberstab dort stehen.
„Ich glaub‘s nicht“, sagte sein Freund und steckte den Stab weg.
„Was hast du erwartet? Dass er mich verflucht, weil ich mich bei ihm bedanke?“
„Er ist ein Malfoy, da ist alles möglich.“
Harry spürte die Fingerspitzen seiner rechten Hand prickeln. „Weißt du Ron, wenn er mich wirklich loswerden wollte, hätte er dafür spätestens Gestern die Gelegenheit gehabt. Wir verschwenden seit über zwei Jahren unsere Energie damit eine kindische Fehde mit ihm auszufechten. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir endlich erwachsen werden.“
Ron hob die Hände zu einer versöhnlichen Geste. „Ist ja gut, kein Grund sich so aufzuregen.“
Harry nickte und rieb sich unbewusst mit dem Daumen über die pochende Narbe.
„Geht es dir gut?“ Ron war die Bewegung nicht entgangen.
Harry zögerte kurz. „Nicht wirklich“, sagte er schließlich. „Ich habe Kopfschmerzen.“
„Deinen Trank hast du aber heute genommen oder? Soll ich dich zu Madam Pomfrey bringen oder zu Snape?“ Eine Spur von Angst hatte sich in Rons Stimme gemischt.
„Keine Panik. Ich glaube nicht, dass ich gleich zuckend vor dir auf dem Boden liege. Das fühlt sich anders an.“
„Bist du sicher?“ Ron klang alles andere als beruhigt.
„Ja. Ich habe einfach nur kein Auge zu bekommen heute Nacht.“ Inzwischen hatten sie das Portraitloch der Fetten Dame erreicht und kletterten hindurch.
„Du könntest dich noch ein bisschen hinlegen, bevor das Fest beginnt“, schlug Ron vor. Doch für Harry war die Vorstellung des leeren Schlafsaals, mit nichts was ihn ablenken konnte alles andere als verlockend.
Stattdessen ließ er sich in einen der Sessel vor dem Kamin nieder, den Rücken zu seinen Freunden, und starrte in die Flammen. Ron hatte Hermine von seinem Treffen mit Malfoy erzählt. Er wusste, dass die beiden ihm immer wieder besorgte Blicke zuwarfen, doch das war ihm egal.

 

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„Sollen wir ihn schlafen lassen?“
„Spinnst du? Welcher normale Mensch würde schon das Halloween-Fest verschlafen wollen.“
„Ich finde er sieht aus, als könnte er den Schlaf durchaus gebrauchen.“
„Ein paar von uns könnten warten bis er wach wird und dann mit ihm nachkommen.“
Das vielstimmige Getuschel reichte aus um ihn zu wecken.
Entgegen seiner Vorsätze war er in dem Sessel eingeschlafen. Er streckte sich und stellte erleichtert fest, dass das Pochen in seinem Kopf ein wenig nachgelassen hatte.
„Spart euch die Mühe“, sagte er und unterdrückte ein Gähnen. Ron, Hermine und das halbe Team der Gryffindors hatten ihn umringt.
Etwas steif erhob er sich. „Los, worauf wartet ihr. Ich habe gehört kein normaler Mensch würde das Fest verpassen wollen.“
Damit entlockte er einigen der Umstehenden ein leises Lachen und gemeinsam verließen sie den Gemeinschaftsraum.

Notes:

Hi Leute,
ich hoffe euch geht es gut.
Lasst mir gerne ein Kudo und/oder einen Kommentar da und lasst mich wissen, wie es euch so gefällt.
Ich versuche diese Woche noch ein weiteres Kapitel hochzuladen.

Liebe Grüße
Waltraud

Chapter 24: Frank Bryce

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Im Nachhinein war Harry froh zum Halloween-Fest gegangen zu sein. Seine etwas düstere Stimmung, die ihn den ganzen Tag begleitet hatte, besserte sich von Minute zu Minute, während er mit seinen Freunden das Fest und die ausgelassene Stimmung in der Großen Halle in vollen Zügen genoss.
Einzig Lupin und Snape schienen nicht recht in Feierlaune. Harry hatte den Professoren immer wieder kurze Blicke zugeworfen. Die beiden saßen am äußerten, linken Rand der Lehrertafel und schienen in ein ernstes Gespräch vertieft.
Was die beiden wohl zu besprechen hatten?
Doch dann zündete einer der Weasley-Zwillinge einen imposanten, selbst entwickelten Feuerwerkskörper, der die gesamte Halle mit funkelnden Lichtern in schwarz und orange tauchte, und Harry vergaß die beiden Lehrer wieder.

Es war bereits weit nach Mitternacht, als es Percy und den anderen Vertrauensschülern schließlich gelungen war, sie endlich in die Betten zu scheuchen.

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Er saß in einem abgewetzten Sessel und wartete. Sie war schon viel zu lange fort. Es machte ihn nervös, sie nicht in seiner Nähe zu wissen.
Vor ihm machte sich Wurmschwanz am Kamin zu schaffen und versuchte vergeblich das feuchte Holz zu entzünden.
Kaum zu glauben, dass der Mann ein Zauberer war. Doch im Moment konnte er es sich nicht leisten wählerisch zu sein.
Noch nicht!
„Dieser Stümper hat es noch immer nicht geschafft an den Jungen heranzukommen. Vielleicht, Wurmschwanz werde ich deine Dienste doch schneller benötigen, als wir dachten.“
„Herr, ich bin sicher, er wird bald Erfolg haben.“
„Machen wir uns nichts vor, Wurmschwanz. Er ist ein noch größerer Narr als du. Nein. Wenn wir hier warten bis ...“
Ein leises Zischeln ließ ihn innehalten.
Endlich!
„Nagini, meine Liebe. Da bissst du ja. Nun, wasss bringssst du mir für Neuigkeiten?“
Die Schlange glitt zu ihm hinauf und legte sich um seine erbärmliche Gestalt.
„Ein Mann sssteht im Flur.“
„Ein Mann? Wie interessssant. Wurmschwanz!“
Auf seinen Befehl hin riss der kleine Mann die Tür auf. Dahinter stand ein Greis, von Alter und Arthritis gebeugt, und starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen heraus an. Eine abgewetzte Tweet-Jacke bedeckte seinen hageren Körper.
Auch ohne in den Geist des Mannes zu blicken, konnte er dessen Angst spüren. Fast konnte er sie riechen. Wie sehr er das vermisste!
„Wen haben wir denn da?“ Er liebte es mit seinen Opfern zu spielen. Es machte das Leben soviel interessanter.
Mit milder Faszination beobachtete er, wie der Mann die Schultern ein wenig straffte.
„Bryce. Frank Bryce. Ich fordere Sie hiermit auf, dieses Gebäude umgehend zu verlassen, wenn Sie nicht wollen, dass ich die Polizei rufe.“
Mut.
Er mochte Mut.
Die Mutigen bereicherten sein Leben fast so sehr, wie die Ängstlichen, wobei letztere in der Regel länger an seinem Spiel teilhaben konnten.
Oh, wie gerne hätte er ein wenig mit dem alten Narr gespielt.
Diesem törichten Muggel.
Doch noch war er nicht bereit dazu. Noch fehlte ihm die Kraft.
Doch er würde zusehen…und bald, bald schon würde er selbst es wieder sein, der spielte.
„Wurmschwanz, wie wäre es, wenn du unseren Gast zeigst, wie wir mit unwillkommenem Publikum umzugehen pflegen.“
Kurz, ganz kurz nur sah es aus, als zögerte der kleine Mann, ehe er seinen Zauberstab hob.
Avada Kedavra!
Das vertraute grüne Blitzen jagte einen kleinen Schauer durch seinen Körper.
Mit tiefer Befriedigung beobachtete er, wie der alte Mann lautlos zu Boden glitt und ein hohes Lachen entrang sich seiner Kehle.

 

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Mit einem Aufschrei fuhr Harry aus dem Schlaf.
Nur am Rande nahm er die hektischen Stimmen um sich herum wahr.
„Harry!“
Keuchend rang er nach Luft. Doch mit jedem Atemzug schienen seine Lungen kleiner und kleiner zu werden.
Immer wieder sah er den grünen Lichtblitz. Das Gesicht des toten Mannes.
Sein Herz raste.
Seine Narbe brannte wie Feuer und er kämpfte gegen den Drang an sich übergeben zu müssen.
Jemand berührte ihn am Arm.
Ein kurzes Prickeln, ein Schrei und die Hand war wieder fort.
Er versuchte Luft zu holen, doch obwohl sich seine Lungen füllten hatte er das Gefühl nicht genügend Sauerstoff zu bekommen…

 

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Severus trat aus dem Kamin und hastete die letzten Stufen zum Turmzimmer der Drittklässler hinauf.
Einige Haarsträhnen hatten sich aus dem losen Knoten gelöst, zu dem er sie vor dem Zubettgehen zusammen gebunden hatte und sein Pyjama wurde nur von einem dünnen Morgenmantel bedeckt, doch das war im Moment nicht wichtig.
Es waren wohl nicht mal fünf Minuten verstrichen, seit Minervas Hilferuf ihn aus dem Schlaf gerissen hatte.

Er stieß die Tür zum Schlafsaal auf.
Am hinteren Ende des Raumes stand Minerva vor Harrys Bett.
Ein feiner Schleier umgab Harrys Bett. Ein Schutzschild. Mehr zu spüren, als dass man ihn sehen konnte.
Seine Mitschüler drängten sich mit gebührendem Abstand auf der anderen Seite des Zimmers.
„Raus hier!“, zischte Severus ihnen zu. „Weasley, Sie bleiben!“
Erst als die anderen hinaus geeilt waren, bemerkte er den zweiten Weasley im Raum. Der junge Mann saß gegen die Wand gelehnt am Boden und hielt sich die rechte Schulter. Severus beließ es dabei. Es gab dringlicheres.
Er trat an Minervas Seite.
Harry lag auf dem Rücken, die Augen weit aufgerissen und schnappte nach Luft.
„Harry?“
Keine Reaktion.
„Was ist passiert?“
„Ich bin mir selbst noch nicht sicher, Severus. Er war schon so, als ich hier eingetroffen bin. Den anderen nach, hat er schlecht geträumt. Ich glaube, er sieht mich gar nicht. Ich habe meinen Patronus zu Poppy geschickt.“
Er nickte.
„Harry, alles ist gut. Du bist in Hogwarts. Du bist in Sicherheit“, versuchte er es erneut.
Der Junge blinzelte, sein Atem ging ein wenig langsamer.
„So ist es gut.“ Er trat näher an die Barriere heran, zwang sich seine Stimme ruhig und gleichmäßig klingen zu lassen. „Alles wird gut. Lass mich dir helfen, und alles wird gut.“
Vorsichtig streckte Severus seinen Arm aus und legte seine Handfläche auf die Barriere, die Harry umspannte. Kurz spürte er einen Gegendruck und war bereit jederzeit seinen eigenen Schild hochzuziehen, doch dann ließ der Druck nach und der schimmernde Nebel löste sich auf, als hätte es ihn nie gegeben.
„So ist es gut, Harry. Es ist alles gut.“
Ein leises Stöhnen war zu hören, als Harry ihm den Kopf zuwandte.
„Voldemort!“, zischte er und presste dann die Augen zu, das Gesicht schmerzverzerrt.
Beruhigende Worte murmelnd, ließ Severus sich vorsichtig neben ihm auf das Bett sinken und strich ihm das schweißnasse Haar aus der Stirn. Die Blitznarbe darunter prangte rot gegen die sonst blasse Haut.

 

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„Und alles war gut, als er ins Bett gegangen ist?“ Severus gab sich alle Mühe ruhig zu sprechen, während er den Blick nicht von Harry ließ.
Der Junge lag in seinem Bett und schlief, nachdem er und Poppy es geschafft hatten ihm einen starken Beruhigungstrank einzuflößen.
„Ich glaube schon, Sir. Er war wie die meisten lange auf und ist dann mit Ron nach oben gegangen. Ron sagt, sie seien direkt zu Bett gegangen. Die anderen Jungen schliefen denke ich bereits. Und dann, gegen halb zwei hat Neville mich geweckt und gemeint, etwas stimme nicht mir Harry.
Als ich ins Zimmer kam war er wach, aber kaum ansprechbar. Ich glaube er hat hyperventiliert. Die anderen haben gesagt, er habe erst gelacht und sei dann schreiend aufgewacht. Ich dachte er hatte einen Albtraum. Ich wollte ihn beruhigen, aber als ich ihn berührt habe, hat er mir eine Art Schockzauber verpasst.“ Percy Weasley rieb sich die noch immer schmerzende Schulter, mit der er gegen die Wand geschleudert worden war.
Beachtlich. Harrys Zauberstab hatte weit von ihm entfernt auf dem Nachttisch gelegen, als der Vertrauensschüler ihn berührt hatte.
„Ich habe dann sofort Dean und Seamus losgeschickt um Professor McGonagall zu holen.“
Severus nickte düster. Den Rest der Geschichte kannte er bereits.
„Kann ich noch irgendetwas tun, Professor?“
„Danke Weasley, sehen sie zu, dass sie noch ein wenig Schlaf bekommen.“
Severus wartete, bis der Schüler den Krankenflügel verlassen hatte, ehe er sich in den Stuhl neben Harrys Bett sinken ließ.
Müde rieb er sich über das Gesicht und betrachtete den schlafenden Jungen vor sich.
Halloween schien verflucht zu sein.

Notes:

Entschuldigt bitte die Verzögerung (irgendwie ist es mir gelungen zu verdrängen, dass ich Nacht-Schicht habe, dass bringt meine Zeitplanung immer etwas durcheinander).

Hier also endlich das nächste Kapitel.
Viel Spaß beim Lesen. Lasst mir gerne einen Kommentar/Kudo da und lasst mich wissen, was ihr denkt.
Bis bald!
Alles Liebe,
Waltraud

Chapter 25: Expecto Patronum

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Das einfache Gegengift, welches sie brauen sollten, hätte eigentlich keine große Herausforderung mehr für Harry dargestellt, doch heute fiel es ihm schwer sich zu konzentrieren.
Immer wieder drifteten seine Gedanken ab.
Nicht Harry...Nein!
Bryce. Frank Bryce. Ich fordere Sie hiermit auf, dieses Gebäude umgehend zu verlassen.
Avada Kedavra!

Seit zwei Tagen hatte er kaum geschlafen. Es war, als wäre sein Gehirn in mehreren Dauerschleifen gefangen, begleitet von Voldemorts höhnischem Gelächter.

Seine Eingeweide verkrampften sich und sein Magen schien mit dem halben gebutterten Toast, das Hermine ihm aufgenötigt hatte deutlich überfordert.
Mit leicht zitternden Händen stellte er den Mörser mit dem fein gemahlenen Bezoarpulver vor sich auf den Tisch.
„Alles klar, Harry? Du bist ein bisschen blass um die Nase“, zischte Ron ihm zu.
Kurz war Harry versucht die Sorge seines Freundes mit einem lässigen Kommentar abzutun, aber er traute sich nicht den Mund zu öffnen. Schließlich schüttelte er leicht den Kopf.
Hermine schien ihren kleinen Austausch aufmerksam verfolgt zu haben. Ihre Hand schoss in die Höhe. „Professor Snape, Sir!"

Harry war sich nicht ganz sicher, was als nächstes geschah.
Im einen Moment hatte er noch vor seinem Kessel gestanden, im nächsten wurde er von Snape aus dem Klassenzimmer geführt und wieder im nächsten fand er sich auf dem Boden vor dem Sofa in Snapes Wohnzimmer sitzend wieder. Der Professor hielt ihm eine dünne Glasphiole entgegen, den Verschluss bereits entfernt. „Hier, trink das!“
Er versuchte nach dem Fläschchen zu greifen, doch sein Arm schien ihm nicht recht zu gehorchen.
Kurzerhand setzte der Tränkemeister das Gläschen an seine Lippen und bog gleichzeitig seinen Kopf ein wenig nach hinten.
Dann warteten sie.

Es dauerte einige Minuten, bis Harrys Gedanken wieder klarer wurden und er die Kontrolle über seine Gliedmaßen zurückgewonnen hatte.
Er rieb sich über das Gesicht und ließ seine Kopf nach hinten auf die Sitzfläche des Sofas sinken.
Eine Hand berührte ihm am Knie. Er öffnete die Augen und blickte in die schwarzen Augen seines Vormundes.
„Besser?“
Harry nickte leicht.
Ihm war noch immer übel.
„Mir ist schlecht“, murmelte er mit Sorge um die Unversehrtheit des Teppichs unter seinen Füßen.
Snape durchforstete seine Robe nach einem weiteren Trank und reichte ihn Harry.
Der Geschmack von Minze breitete sich in seinem Mund aus und beruhigte seinen Magen. Dennoch war er froh um den Eimer, den Snape neben ihm auf den Boden gestellt hatte.
Vorsicht war besser als Nachsicht.

 

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Longbottoms Bezoarpulver war bei weitem nicht fein genug gemahlen. Hatte der Junge in mehr als zwei Jahren in seinem Klassenraum überhaupt etwas gelernt.
„Professor Snape, Sir!“
Miss Grangers Ruf hielt ihn davon ab, dem Gryffindor für seine Schlamperei Hauspunkte abzuziehen.
Er mochte es nicht, wenn seine Schüler quer durch den Klassenraum riefen als wären sie eine Bande von Brüllaffen.
Er setzte bereits zu einem entsprechend schneidenden Kommentar an, doch Grangers besorgter Blick und Weasleys Hand, die Harry am Arm gefasst hatte ließen ihn inne halten.
Er warf einen raschen Blick über die Kessel seiner Schüler.
Noch waren alle dabei gewesen ihre Zutaten vorzubereiten.
Das traf sich zur Abwechslung einmal gut.
„Longbottom, was soll das bitte in Ihrem Mörser sein. Im Rezept steht feines Pulver, nicht grobe Klumpen. Und Parkinson, die Mistelbeeren sollen gehackt werden, nicht zerquetscht. Legen Sie alle sofort ihre Werkzeuge auf den Tisch vor Ihnen. Sie werden sich sofort in die Bibliothek begeben und Sie alle werden sich erneut Kapitel eins aus Zaubertränke und Zauberbräue zu Gemüte führen. Ich erwarte 90 Zoll über die verschiedenen Techniken der Zutatenvorbereitung und deren Einfluss auf den Trank, den Sie hier brauen sollten. Lassen Sie Ihre Kessel wo sie sind. Raus! Jetzt! Potter, Sie bleiben!“
Während die Klasse sich beeilte seiner Aufforderung nachzukommen, schritt er selbst rasch nach vorn. Weasley und Granger hatten sich trotz seiner Ansprache nicht von Harrys Seite bewegt. In Gedanken erteilte er ihnen beiden 5 Punkte für ihre Loyalität.
„Harry?“
Der Junge hob leicht den Kopf, als er neben ihm zum stehen kam. Das Gesicht milchig weiß. Der Blick ein wenig unscharf.
„Aura“, war das einzige, was er nuschelte.
Mit sicherem Griff führte er den Jungen aus dem Klassenzimmer und direkt in seine Gemächer. Er half ihm, sich auf den Boden zu setzen, den Rücken, gegen das Sofa gelehnt, unter sich einen dicken Teppich.
Sie warteten. Doch nach wenigen Augenblicken schlug sich Severus mit der flachen Hand vor die Stirn. Wie konnte er nur so dumm sein!
Mit einem Wink seines Zauberstabes befahl er ein kleines Glasfläschchen herbei. Es war nicht mehr all zu viel darin, aber für zwei Tropfen sollte es noch reichen. Er musste dringend mehr davon brauen.
Er hielt es Harry hin, und als es ihm zu lange dauerte, kippte er es ihm selbst in den Mund, ehe es zu spät war.
Dann warteten sie erneut.

Es schien Severus eine halbe Ewigkeit, bis der Junge sich endlich regte.
„Besser?“

 

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„Es tut mir leid“, murmelte er.
„Was tut dir leid, Harry?“
„Die Zaubertrankstunde… es ist meine Schuld, dass sie abgebrochen wurde.“
„Harry, das ist aktuell eine meiner geringeren Sorgen. Aber über etwas anderes sollten wir dringend reden.“
„Worüber?“
„Darüber, dass du nicht genug schläfst.“
Die Augen des Junge weiteten sich erschrocken, als habe er ihn bei etwas Verbotenem ertappt.
„Woher...“
Severus zog eine Augenbraue in die Höhe. „Hast du in letzter Zeit einen Blick in den Spiegel riskiert?“
„Woran liegt es, Harry? An den Schulaufgaben? Oder daran, dass du und Weasley abends zu lange Schabernack treibt?“
Harry schüttelte den Kopf und schrumpfte regelrecht in sich zusammen. Die Arme um die angezogenen Knie geschlungen hatte er sich auf einer Ecke der Couch zusammen gekauert.
„Harry, es geht nicht darum, welche Regeln du gebrochen hast. Es geht darum, dass...“
„Ich habe keine Regeln gebrochen!“, fuhr ihm der Junge plötzlich dazwischen. Und auch, wenn Severus der Tonfall des Jungen nicht gefiel, so war er doch erleichtert, ein gewisses kampfbereites Glitzern in dessen Augen zu sehen.
„Sondern?“ Severus zog fragend eine Augenbraue in die Höhe.
Der Junge schwieg und senkte erneut den Blick.
Langsam lies Severus sich neben ihm auf dem Sofa nieder und unterdrückte ein Seufzen. Er hatte das Gefühl, er hatte die Sache falsch angegangen. Doch gerade, als er Luft holte um erneut das Wort zu ergreifen, flüsterte Harry: „Ich höre ihre Stimmen … wie sie kämpfen … wie sie flehen ... wie sie ...“ Die Stimme des Jungen brach mit einem unterdrückten Schluchzen.
Severus wusste nicht, was er sagen sollte. Stattdessen legte er einen Arm um Harrys schmale Schultern. Er spürte, wie Harry sich unter seiner Berührung verkrampfte, doch noch bevor er die spontane Geste bereuen konnte, ließ Harry sich gegen ihn sinken, während die Tränen, die der Junge versucht hatte zurück zu halten aus ihm hinaus strömten.

 

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Dem Umhang des Professors haftete der Geruch der Zaubertrankdämpfe an. Er roch nach Kräutern und Gewürzen. Der vertraute Duft breitete sich in seiner Nase aus und er spürte wie er nach und nach ruhiger wurde. Es dauerte eine ganze Weile, bis Harry sich aus Snapes Umarmung löste.
„Tut mir leid“, sagte er mit einem Seitenblick zu dem Professor.
Snape schüttelte den Kopf.
„Nein, Harry. Mir tut es leid. Ich habe dieses Gespräch ganz falsch angepackt. Ich bin davon ausgegangen, dass wir über diesen Punkt inzwischen hinaus wären, aber vielleicht muss ich es einfach noch einmal wiederholen: Du bist nicht mehr alleine. Du bist ein Kind. Und niemand, am wenigsten ich, erwartet, dass du die Hindernisse, die die Welt dir in die Füße wirft, alleine bewältigst. Und wenn du meine Hilfe brauchst, oder meinen Rat, oder ein offenes Ohr, dann bin ich da. Egal zu welchem Zeitpunkt. Verstanden?“
Harry nickte und spürte, wie seine Wangen sich röteten.
„Du hast also Albträume, von dem, was die Dementoren dich spüren lassen, wenn du ihnen begegnest?“
Harry bewegte den Kopf ein wenig hin und her.
„Es sind nicht nur die Dementoren. Und es sind nicht nur Träume. Es ist … mein ganzer Kopf. Meine Gedanken … das ist, als wäre ich in einer Dauerschleife gefangen. Argh! Die Dementoren! Voldemort! Ich fühle mich so … so hilflos!“ Frustriert raufte Harry sich die Haare.
„Hm“, sagte der Professor. „ Das klingt, als gäbe es zwei Dinge, an denen wir arbeiten sollten.“
Fragend blickte Harry ihn an.
„Zum einen“, fuhr der Professor fort, „gibt es ja den Zauberspruch, der es dir ermöglicht Dementoren zu vertreiben, wobei ich ja bereits erwähnt habe, dass er als recht anspruchsvoll gilt.
Zum anderen gibt es verschiedene Techniken, die es ermöglichen die eigenen Gedanken besser zu ordnen und mit viel Übung, kann man sogar lernen seinen Geist sowohl nach innen, als auch nach außen zu verschließen. Okklumentik wird das genannt. Sie wurde entwickelt um den eigenen Geist vor Angriffen durch andere zu schützen. Man kann Okklumentik jedoch auch nutzen um eigene Gedanken und Gefühle abzuschirmen. Um zum Beispiel in Notsituationen einen klaren Kopf bewahren zu können … oder um besser schlafen zu können.“
Harry schaute den Professor skeptisch an.
„Wo ist dabei der Haken, Sir?“
„Der Haken ist, Harry, dass es viel Disziplin, Willenskraft und Übung braucht, bis man erste Erfolge erzielt.“
„Ich will das lernen, Professor! Ich muss das lernen! Ich drehe durch, wenn das so weiter geht! Ich bin einfach nur noch müde.“ Und zu seiner Scham, spürte er seine Augen erneut feucht werden.
Erneut legte Snape einen Arm um ihn. Und dieses mal zögerte er nicht. An den Tränkemeister gelehnt saß er da, spürte die Nähe des Mannes und die Ruhe, die ihm das brachte.
Ja, er war nicht mehr alleine, aber oft fiel es ihm schwer sich daran zu erinnern.

 

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Harry erwachte und wusste zunächst nicht, wo er war. Er tastete nach seiner Brille und fand sie schließlich neben sich auf einem niedrigen Tischchen liegend.
Er zog sie an und schaute sich um.
Oh, Snapes Wohnzimmer.
Er lag auf einem der bequemen Sofas, den Kopf auf ein weiches Kissen gebettet. Jemand hatte ihn mit einer flauschigen Decke zugedeckt.
Hinter ihm öffnete sich eine Tür und Harry setzte sich auf. Es war Snape.
„Fühlst du dich besser?“, fragte der Professor.
Harry nickte, die Wangen leicht gerötet.
Snape trat an ihn heran und ließ für einen Moment seine Hand auf Harrys schwarzem Haarschopf ruhen. Erst dann trat er um die Couch herum und setzte sich Harry gegenüber in seinen Sessel.
„Wie spät ist es?“, fragte Harry.
„Etwa sechs Uhr in der früh, du hast mehr als zwölf Stunden geschlafen.“
„Oh.“ Er fühlte sich, als müsse er sich bei Snape entschuldigen. Der Professor hatte wegen ihm den Unterricht abgebrochen und Harry hatte den ganze Abend und die ganze Nacht sein Wohnzimmer blockiert.
Snape seufzte übertrieben, als wisse er, was Harry durch den Kopf ging.
„Harry, du hast mehrere Tage nicht richtig geschlafen und hattest einen fokalen Anfall, der mit Sicherheit in einem generalisierten Krampf geendet hätte, wenn wir nicht interveniert hätte. Du solltest kein schlechtes Gewissen haben, dass dein Körper endlich die Ruhe gefunden hat, die er so dringend gebraucht hat.“
„Ich habe etwas für dich“, wechselte der Professor abrupt das Thema.
Aus einer Falte seines Umhangs holte er ein kleines in dunkles Leder gebundenes Buch hervor und reichte es Harry.
In leicht abblätternden Lettern war der Titel auf den Umschlag geprägt: Okklumentik – die ersten Schritte –
„Ich denke“, sagte der Professor, „es macht Sinn, wenn du das hier ließt, bevor wir mit unserer ersten eigentlichen Unterrichtsstunde beginnen. Damit du verstehst, worum es in etwa geht.“
Harry nickte.
„Danke, Professor.“
„Ansonsten, Harry, wünsche ich mir von dir, dass du zu mir - oder von mir aus auch zu Madam Pomfrey oder Professor McGonagall kommst, sollte das mit dem Schlafen in der Zwischenzeit ein größeres Problem bleiben. Verstanden?!“
„Ja, Professor.“
Snape nickte mit ernster Miene.
„Und bezüglich der Dementoren, ich habe mir erlaubt, mit Lupin zu sprechen. Wir denke, er ist der Richtige um mit dir den Patronuszauber zu üben. So, und jetzt ist es finde ich Zeit für einen Tee. Möchtest du auch einen?“

Notes:

Hi Leute,
ich hoffe es geht euch gut.
Danke für eure Kommentare, manchmal antworte ich gezielt nicht, weil ich nichts vorwegnehmen will, aber seid versichert, dass ich alle eure Nachrichten lese und mich darüber freue :D

Zum Titel dieses Kapitels (Expecto Patronum = ich erwarte Schutz), es war das Erste, was mir eingefallen ist, als ich das Kapitel geschrieben habe und ach nach längerem Nachdenken finde ich den Titel noch immer passend. Snape ist das Beste, was Harry passieren konnte :)

Bis zum nächsten Mal, dann gibt es ein kurzes Intermezzo zwischen Harry und Lupin.

Liebe Grüße
Waltraud

Chapter 26: Nicht mehr allein!

Chapter Text

„Harry, auf ein Wort“, hielt Lupin ihn am folgenden Freitag nach dem Unterricht zurück.
Ron und Hermine warfen ihm fragende Blicke zu, doch Harry bedeutete ihnen vorauszugehen.
Mit einem Wink seines Zauberstabes schloss Lupin die Tür und trat an Harry heran.
„Hat Severus Zeit gefunden mit dir über den Patronuszauber zu sprechen?“
Harry nickte.
„Gut. Nun, ich denke wir sollten so bald wie möglich damit beginnen. Morgen Abend wäre ich frei. Wie klingt das?“
„Gut, Professor.“ Es fiel ihm schwer, eine erfreute Miene aufzusetzen. Lupin schien seine Anspannung nicht zu entgehen.
Mit einem Seufzen zog der Professor einen Stuhl heran und setzte sich, während er Harry bedeutete, es ihm gleich zu tun.
„Möchtest du darüber reden, Harry?“, fragte er, als wüsste er, was ihn quälte.
Harry schüttelte den Kopf, dann zuckte er mit den Schultern. Er wusste kaum, wo er anfangen sollte. Auch wenn es ihm nach dem Gespräch mit Snape besser ging, wuselten seine Gedanken weiterhin wild in seinem Kopf umher.
Der Professor schwieg, ließ ihm Zeit.
Als Harry schließlich sprach, war seine Stimme kaum mehr, als ein Flüstern.
„Vermissen Sie sie?“
Er musste nicht erklären, wen er meinte.
Der Professor seufzte erneut. Er wartete, bis Harry aufblickte, ehe er antwortete.
„Jeden Tag, Harry.“
Harry nickte und biss sich auf die Unterlippe.
„Die längste Zeit meines Lebens, habe ich kaum etwas über sie gewusst. Nicht, wie sie ausgesehen haben, was sie getan haben oder wie ihre Stimmen geklungen haben. Da war es einfacher, sie nicht zu vermissen. Aber jetzt… ich fühle mich irgendwie ...“
„Einsam?“, half Lupin ihm.
Harry nickte und schluckte schwer, gegen den Kloß in seinem Hals.
Er würde nicht losheulen. Nicht schon wieder.

 

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Remus zögerte kurz, dann stand er auf und legte vorsichtig seine Arme um den zitternden Jungen. Viele Male hatte er ihn als Baby in den Armen gewiegt, doch nun war alles anders. Er wusste, was Harry in seiner Kindheit bei den Dursleys erlebt hatte und war sich nicht sicher, wie der Junge auf die Berührung reagieren würde.
Doch zu seiner Erleichterung wehrte Harry sich nicht und der Professor schloss den Jungen, den Sohn seines ermordeten Freundes, fest in seine Arme.
„Du bist nicht mehr allein“, flüsterte er in Harrys Ohr. Er spürte den Jungen unter seinen Händen beben, fühlte die Feuchtigkeit seiner Tränen, die langsam durch seinen Umhang drang, und die schmalen Hände, die sich an den Stoff klammerten, während Harry weinte. Der Junge weinte still, als traute er sich nicht, ein Geräusch zu machen. Und Remus flüsterte beruhigende Worte und hielt ihn fest, so wie es seit Jahren seine Pflicht gewesen wäre.

 

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Lange standen sie so, bis Harry sich schließlich von ihm löste.
Lupin reichte ihm ein Taschentuch und Harry putzte sich damit die Nase.
„Tut mir leid, Professor“, sagte er, die Stimme rau.
Es war das zweite Mal innerhalb weniger Tage, dass er sich hatte derart gehen lassen.
„Remus, Harry. Bitte, mein Name ist Remus oder Moony solange wir nicht im Unterricht sind. Und es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst. Jeder Mensch hat das Recht auf ein wenig Trost dann und wann“, sagte der Professor und Harry meinte den Schmerz den er selbst spürte in den Augen des Mannes sehen.
Harry rieb sich erneut über das Gesicht, dann zuckte er mit einem Blick auf die Uhr erschrocken zusammen. Der Zaubertrankunterricht hatte bereits vor einer Ewigkeit begonnen.
Lupin, nein, Remus folgte seinem Blick und begriff sofort.
„Ich könnte mir vorstellen, dass es wenig Sinn macht, jetzt noch in den Kerker zu hetzten. Was hältst du davon, wenn ich Severus eine kurze Nachricht zukommen lasse und wir uns mit einer schönen Tasse Tee die Zeit bis zum Abendessen vertreiben?

Chapter 27: Das Erbe der Gaunts

Chapter Text


Frank Bryce, Gärtner des Riddle-Anwesens, wurde gestern von einigen spielenden Kindern im ersten Stock des Wohnhauses des Anwesens tot aufgefunden. Noch am Vorabend war er wohlbehalten von den Nachbarn bei der Gartenarbeit gesehen worden.
War Bryce doch bereits in fortgeschrittenem Alter, lässt sich eine Todesursache dem hinzugezogenen Gerichtsmediziner nach zunächst nicht klar feststellen. Es gäbe zum aktuellen Zeitpunkt keine Hinweise auf ein Fremdverschulden.
Der Fall erinnert damit an den bis heute ungeklärten Tod der Familie Riddle im Jahre 1943. Die gesamte Familie war damals von einem Dienstmädchen leblos im Zeichen-Raum aufgefunden worden.
Der nun verstorbene Frank Bryce galt als einer der Tatverdächtigen, wurde jedoch aus Mangel an Beweisen auf freien Fuß gesetzt.
Ein weiterer ungeklärter Tod auf dem Anwesen lässt nun das Gerücht um einen Fluch der auf dem Haus liegt erneut aufleben.
Lesen Sie mehr dazu auf Seite 3.

„Der dunkle Lord treibt sein Unwesen in einer Muggelgemeinde.“
Schwungvoll knallte Severus die Zeitung auf den Schreibtisch und brachte die fragilen Gefäße und Instrumente darauf zum Klirren. Es handelte sich um die Lokalausgabe einer Muggelzeitung.
Die Informationen, die sie von Harry bekommen hatten waren nur dürftig gewesen und es hatte ihn und Lupin fast eine Woche Recherche gekostet, bis der Wolf endlich auf den gesuchten Artikel gestoßen war.
„Der Mann, den Harry gesehen hat hieß Frank Bryce. Ein Muggel. Ein Gärtner. Tot aufgefunden am Morgen nach Harrys Traum auf einem Anwesen in Little Hangleton. Das wäre an sich nicht all zu verwunderlich. Der Mann war nicht mehr der jüngste, schreiben sie. Was jedoch beachtlich ist, ist die Bemerkung des Verfassers, dass das Anwesen verflucht sei. Dass dort vor knapp fünfzig Jahren eine gesamte Familie tot aufgefunden wurde, ohne jeglichen Hinweis auf ihre Todesursache. Man spricht von einem Fluch, heißt es. Und der Name der Familie lautete Riddle.“
Der grauhaarige Magier vor ihm senkte für den Bruchteil einer Sekunde den Blick.
Du hast es gewusst.
„Albus, wir müssen ihn aufhalten, bevor Harry ihm erneut begegnet. Wir müssen ihn vernichten, ehe er erneut an Kraft gewinnt. Wir müssen ihn aufhalten!“
„Mein lieber Severus, du und ich wissen, dass wir es nicht sein werden, die ihn stoppen. Die Prophezeiung...“
„Scheiß auf die Prophezeiung! Ich habe einmal zugelassen, dass er vernichtet, was mir teuer ist! Ich werde nicht hier sitzen und warten, dass es erneut geschieht! Zwei seiner Seelensplitter haben wir bereits zerstört und ich werde nicht ruhen, bis ich auch den letzten aufgespürt und vernichtet habe. Im Haus der Riddles war nichts zu finden. Ich bin dort gewesen. Doch die Sache mit Voldemorts Familie hat mich auf eine Idee gebracht: wenn sein Vater ein Muggel war, wer war dann seine Mutter? Vielleicht ist das der Schlüssel zum nächsten Horcrux. Ich muss wissen, was du darüber weißt, Albus!“

 

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(Tagesprophet, 29/8/1943)

Die Abteilung für magische Strafverfolgung hat mitgeteilt, dass heute in Little Hangleton die Festnahme von Morfin Gaunt erfolgte. Gaunt ist der letzte bekannte Nachfahre der alten Familie Gaunt, die in der Vergangenheit durch ihren rücksichtslosen Einsatz von Magie gegen Muggle in die Schlagzeilen geraten war.
Morfin Gaunt und sein Vater Vorlost Gaunt haben wegen ihrer Vergehen bereits eine mehrjährige Strafe in Askaban verbüßt. Bei der ersten Festnahme war es zu heftigem Widerstand der Familie gegen die Auroren gekommen. Mehrere Mitglieder der Ministeriumseinheit wurden verletzt.
Die heutige Festnahme hingegen sei reibungslos verlaufen, teilte ein Sprecher des Ministeriums mit:
„Verglichen mit damals, war das heute das reinste Zuckerschlecken.“
Mr. Gaunt ließ sich von den Auroren widerstandslos in Gewahrsam nehmen. Er machte laut Auroren einen geistig verwirrten Eindruck.
Ihm wird vorgeworfen eine Familie von Muggeln in seinem Dorf, mit der er in der Vergangenheit bereits aneinander geraten war, ermordet zu haben. Spuren des Todesfluchs ließen sich an seinem beschlagnahmten Zauberstab nachweisen.
Der Beginn seines Prozesses wird in der kommenden Woche erwartet.

 

Einige spendierte Getränke in den umliegenden Pubs hatten sie schließlich hierher geführt.
Die Hütte der Familie Gaunt am Waldrand war kaum mehr als eine Ruine und zwischen all dem Gestrüb kaum mehr zu finden. Verlost Gaunt hatte hier mit seinen beiden Kindern Morfin und Merope gehaust. Von letzterer sagte man, sie sei schließlich mit dem jungen Tom Riddle durchgebrannt. Eine vollkommen unerwartete Verbindung für den Mann aus gutem Hause.
Nicht einmal ein Jahr später war Tom zu seiner Familie zurückgekehrt. Ohne seine Frau. Über deren Verbleib war nichts bekannt.

Tom Verlost Riddle benannt nach seinem Vater und Großvater.
Sie waren definitiv auf der richtigen Spur.

 

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Mit gezogenen Zauberstäben folgten er und Lupin Dumbledore durch das dichte Unterholz.
Da sie immer wieder stehen bleiben mussten um den Weg vor sich nach eventuellen Fallen abzusuchen, kamen sie nur langsam voran, doch schließlich standen sie vor der kleinen steinernen Hütte. Das Dach hatte über die Jahre hinweg an mehreren Stellen nachgegeben und die Tür hing nur noch schräg in einer ihrer Angeln.
Der Weg hierher war problemlos verlaufen, keine Spuren dunkler Magie, keine Fallen oder Abwehrzauber hatten ihnen den Aufstieg versperrt.
Doch hier, direkt vor der Hütte, konnte Severus spüren, wie sich seine Nackenhaare langsam aufrichteten. Etwas Verbotenes, etwas abgrundtief böses lauerte in der Ruine.
Das nächste Horcrux.

Auch Lupin schien es zu spüren. „Es ist hier“, zischte er und im blassen Gesicht des Wolfes traten die Narben noch deutlicher hervor als sonst.
Dumbledore nickte nur, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen gekniffen. Mit dem Zauberstab malte er einige komplizierte Schnörkel in die Luft. Die Luft um die Hütte herum begann zu flimmern und offenbarte eine magische Barriere. Aus einer Schlaufe an seinem Gürtel zog Dumbledore Gryffindors Schwert hervor und reichte es Severus.
„Gebt mir Deckung, während ich den Weg freimache.“
Mit einem Blick zu seinen beiden Begleitern vergewisserte sich der alte Zauberer, dass sie bereit waren. Dann schwang er seinen Zauberstab. Die Barriere fiel in sich zusammen und rieselten als brauner Staub zu Boden.
Fast rechnete Severus damit, dass das Etwas in der Hütte sich auf sie stürzen würde, doch nichts geschah.
Nach einem Moment des Innehaltens betrat Dumbledore die Hütte, Severus folgte ihm, während Lupin draußen blieb um ihnen den Weg für einen plötzlichen Rückzug freizuhalten.

Im Inneren der Hütte war alles von einer dicken Staubschicht bedeckt, ansonsten schien es jedoch, als wäre alles noch so, wie an dem Tag, an dem zuletzt ein Gaunt in der Hütte gehaust hatte.
Ein paar einfache Stühle, ein zerschlissenes Polstermöbel, ein hölzerner Tisch, auf dem noch immer ein Teller stand, ein einfacher Herd, ein mottenzerfressenes Bett, mehr gab es nicht.

Die Präsenz war hier drinnen noch stärker geworden und breitete sich als bitterer Geschmack in Severus Mund aus.
Gemeinsam suchten sie den Raum ab, langsam und gründlich, stets auf der Hut vor weiteren Barrieren und Fallen.
„Hah!“, entfuhr es Dumbledore schließlich.
Severus wirbelte herum.
Der alte Mann kniete am Boden, neben sich ein loses, halb verfaultes Dielenbrett. Als er sich erhob hielt er eine kleine Schatulle in den Händen.
Der geöffnete Deckel offenbarte einen goldenen Ring mit schwarzem Stein – und ein leises Flüstern, das Severus inzwischen von den anderen Horcruxen nur zu gut kannte.

Ein Flüstern nach Macht, ein Flüstern nach der Erfüllung seiner Sehnsüchte.
Lily, Lily könnte bei ihm sein.
Lily würde ihn lieben.
Sie würde …

Er schüttelte sich und fuhr seine mentalen Barrieren hoch. Das Flüstern verstummte, nur ein unangenehmes Summen blieb zurück.
Er schien einige Sekunden der Realität verpasst zu haben, denn Dumbledore war inzwischen im Begriff den Ring auf den Finger seiner rechten Hand zu stecken.
„Expelliarmus!“
Es war das erste was ihm eingefallen war. Und reines Glück, dass es funktioniert hat , ging es ihm durch den Kopf, als der Ring an ihm vorbei segelte und mit einem leisen Klirren gegen die Wand hinter ihm prallte.

Da lag er, ein einfacher kleiner Ring aus Gold, geschmückt mit einem schwarz glänzendem Stein. Und doch so viel mehr.
So gefährlich…

Mit aller Kraft ließ er das Schwert auf das dunkle Artefakt hinab sausen.
Mit einem lauten Knacken brach der Stein entzwei und setzte die bekannte dunkle Aura einer gequälten und zersplitterten Seele frei.
Schwer atmend stand Severus über den Überbleibseln des Rings. Das Summen in seinem Kopf war verschwunden, doch noch immer hing dunkle Magie über dem Schmuckstück.
Hinter sich holte Dumbledore einige male keuchend Luft. Fast klang es als schluchzte er, doch als der alte Zauberer seine Stimme wieder fand klang sie stark und ruhig, wie eh und je.
„Hast du es zerstört?“
„Das Horcrux ja, aber der dunkle Fluch der daran haftet, ist noch da.“
Erst da fiel ihm wieder ein, was soeben geschehen war und er machte einen Satz auf den alten Zauberer zu, packte dessen Hände, drehte sie hastig nach links und rechts.
„Hast du ihn angesteckt, alter Narr?! Sag schon! Hattest du ihn am Finger?!“
Sein Brüllen rief Lupin auf den Plan, der in die Hütte gestürmt kam, bereit jeden zu verfluchen, der sich ihnen entgegenstellte.
Beinahe sanft löste Dumbledore seine runzligen Hände aus Severus festem Griff.
Traurig schüttelte er den Kopf. „Nein mein Freund, du hast verhindert, dass ich eine solche Torheit begehen konnte.“
Für einige Sekunden hatte Severus das Gefühl die Welt um ihn herum würde kippen.
Er wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.
Gemeinsam mit Lupin löste er den Fluch von dem vermaledeiten Ring, ehe sie gemeinsam in Dumbledores Büro zurückkehrten.

Der alte Mann würde ihnen einiges zu erklären haben! Wie konnte man nur so töricht sein?! Auf der Suche nach einem Horcrux so unvorsichtig zu werden?!
Und was wäre aus ihrem Kampf gegen den Dunklen Lord geworden, wenn der Fluch Dumbledore tatsächlich getroffen hätte...

Chapter 28: Dobby

Chapter Text

Mit finsterem Blick starrte er auf den Ring vor sich, als könne er ihn dadurch zwingen ihm seine Geheimnisse preiszugeben.
Es hatte ihn einiges an Überzeugungskraft gekostet, den Ring von Albus zu bekommen.
Heiligtümer des Todes!
Als hätten sie nicht schon genug damit zu tun die Seelensplitter des dunklen Lords zu suchen und zu vernichten.
Severus war sich nicht sicher, was er von der ganzen Sache halten sollte.
Alles nur Folklore!
Aber dann war da noch diese leise, kaum wahrnehmbare Stimme, die ihn warnte das Ganze nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Vielleicht war doch etwas dran an der Sache. Das mit den drei Brüdern und deren Begegnung mit dem Tod wohl eher nicht, aber was, wenn es damals einigen sehr begabten Zauberern gelungen wäre entsprechend mächtige Gegenstände durch ihre Magie zu erschaffen.
Welchen Wert hätten diese Artefakte!
Oh, er wusste nur zu gut, wie sehr es dem dunklen Lord gefallen würde, die Heiligtümer in die Finger zu bekommen.
Er würde sich weiter damit befassen müssen, soviel stand fest.
Doch vorerst hatte er andere Sorgen.
Sie hatten ein weiteres Horcrux aufgespürt. Einen weiteren Seelensplitter des Dunklen Lords vernichtet. Doch wie viele mehr würde es noch geben? Wie oft konnte ein Zauberer seine Seele zerteilen ohne sich selbst dabei vollkommen zu verlieren?
Es waren Fragen, über denen er nicht zum ersten Mal brütete. Und Fragen, auf die es schwer war eine Antwort zu finden.
Vielleicht würde der Ring ihm weiterhelfen.
Er hoffte es.

In den Gemäuern von Hogwarts gab es kein Buch und kein Schriftstück, dass ihm Aufschluss gewährt hätte.
Da war er inzwischen sicher. Zu dunkel, zu gefährlich war der Weg, der hier begangen wurde.

Eventuell gäbe es in Durmstrang entsprechende Werke. Doch die Sache war zu brisant um einfach eine entsprechende Anfrage zu stellen. Zwar hatte man Karkaroff wegen seiner „guten Zusammenarbeit mit dem Ministerium“ nach dem Sturz des Dunklen Lords offiziell begnadigt, doch seine Loyalität galt niemandem als ihm selbst. Und wenn er eine Chance witterte, einen Vorteil für sich herausschlagen zu können, so würde er sie ohne Zögern ergreifen.
Mit einem tiefen Seufzen nahm er den Ring vom Tisch und ging mit ihm zu einer der Vitrinen, in denen er seine vielen Tränke und Pulver aufbewahrte. Der Ring stellte für niemanden mehr eine Gefahr dar, doch Severus fühlte sich sicherer, wenn er wusste, dass der Ring hinter seinen Schutzzaubern nicht ohne weiteres entwendet werden konnte.

Plopp!

Das bekannte Geräusch ließ ihn herum fahren. Fast erwartete er Smila vor sich zu sehen, doch stattdessen stand ein anderer Elf vor ihm. Verlegen trat dieser von einem Bein auf das andere. Ein grauer Schal zierte seinen dünnen Hals und um den Leib trug er ein bunt geringeltes T-Shirt, dass ein wenig zu groß für ihn war und einem Kleid ähnelnd über seine Knie hinab reichte.

„Dobby bittet vielmals um Verzeihung, dass er den großen Zauberer Severus Snape bei seiner Arbeit stört“, sagte der Elf und verbeugte sich so tief, dass seine Nase fast den Boden berührte.
Dobby!
Malfoys Hauself!
Er hatte den Elf in den Kleidern kaum erkannt.
Kleider!
Malfoy hatte seinen Elfen frei gelassen!
Was war das nun wieder für ein Schachzug?
Er hatte den kleinen Elfen um den Harry und Smila sich so viele Gedanken gemacht hatten fast schon wieder vergessen. Zu beschäftigt war er mit anderem, mit dringlicheren Dingen gewesen.
Und nun hatte Lucius den Elfen freigelassen.

Er widerstand dem Drang, sich über die pochende Schläfe zu streichen.

Der Elf hatte sich in der Zwischenzeit aufgerichtet. Severus bedeutete ihm fortzufahren.
„Dobby wusste nicht, an wen er sich wenden kann, Sir. Seine Not ist groß. Dobby ist jetzt ein freier Hauself. Doch Dobby braucht Arbeit, damit er leben kann.“

„Und da führt dich dein Weg zu mir?“

„Dobby kennt euch. Er hat euch oft genug gesehen im Hause seiner alten Herren. Er hat gehört was ihr sagt. Dobby weiß wer ihr seid. Ihr seid der Mann, der Harry Potter beschützt. Und wem Harry Potter vertraut, dem vertraut auch Dobby. Dobby dachte, vielleicht können die Zauberer Severus Snape und Harry Potter einen Hauselfen gebrauchen, der ihnen hilft.“
Etwas in Severus sträubte sich dagegen, auch nur in Erwägung zu ziehen einen Hauselfen der Malfoys in seine Dienste zu nehmen. Auch wenn der Elf nun frei war.
„Ich beschäftige bereits eine Hauselfe, Dobby. Ich fürchte, dass ich keinen Bedarf für ein weiteres Paar helfender Hände habe.“
Enttäuscht ließ der Elf die Ohren hängen.
Severus dachte nach.
Der Elf war zu wichtig, um ihn irgendwo da draußen sein Glück versuchen zu lassen. Schnell geriet ein freier Elf in die falschen Hände. Und der Elf hatte definitiv viel gehört und gesehen im Hause Malfoy.
Zu viel vielleicht.

„Dobby, wie würde es dir gefallen, wenn du nicht in meinem Haus, sondern in Hogwarts Arbeit finden würdest? Du würdest so allen im Schloss nützlich sein, auch Harry.“

Die Augen des Elfen weiteten sich und entzückt klatschte er in die Hände, wobei seine großen Ohren wippten.
„Oh, Hogwarts dienen. Das könnte Dobby sich gut vorstellen. Und Harry Potter könnte er so auch nützen!“ Das Lächeln des Elfen ließ ein wenig nach. Fast trotzig fügte er hinzu: „Dobby möchte für Hogwarts arbeiten. Ja, das will er. Aber Dobby kann es nicht umsonst tun. Dobby ist jetzt ein freier Elf, und das wird er auch bleiben! Dobby braucht Bezahlung, wenn er arbeitet.“
„Davon bin ich fest ausgegangen. Lass mich kurz mit jemandem sprechen, ich bin sicher, es findet sich eine passable Lösung für alle Beteiligten.“

 

Es war nicht schwer, Dumbledore davon zu überzeugen, dass es gut wäre Dobby eine Anstellung in Hogwarts zu geben. Der alte Mann begriff sofort, wie nützlich es sein konnte den Elfen in der Nähe zu wissen.

Chapter 29: Der Patronuszauber

Chapter Text

Ein leises Klopfen an der Tür ließ ihn von seiner Couch hochschrecken. Ein rascher Blick zur Uhr und er stutzte. Schon so spät. Das musste dann wohl Harry sein.
Er erhob sich, fuhr sich rasch mit den Fingern durch das Haar und brachte mit dem Zauberstab seinen Anzug in Ordnung.
Dann ging er zur Tür.
„Guten Abend, Professor.“
Der Junge sah deutlich besser aus, als bei ihrer letzten Begegnung.
„Hallo Harry. Tja, dann wollen wir mal.“
Er schob sich an Harry vorbei, schloss die Tür hinter sich und machte einige Schritte den Korridor entlang.
„Äh, Professor“, erklang Harrys zögerliche Stimme. „Geht es zu Ihrem Klassenraum nicht in die andere Richtung?“
Remus drehte sich halb zu ihm um. „Ich habe einen besseren Ort gefunden. Oder besser gesagt, einer der Hauselfen hat mich darauf gebracht. Komm, ich zeig es dir.“

 

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Etwas verwirrt folgte Harry dem Professor durch verschiedene Gänge und über mehrere Treppen, bis sie schließlich im Siebten Stock anhielten.
Harry schaute sich in dem Korridor um: Nur ein alter Wandteppich. Keine Türen und auch sonst nicht gerade besonders viel Platz. Was sollte hieran besser sein als an Lupins Klassenzimmer?
Unruhig trat er von einem Bein auf das andere, während Lupin den Korridor auf und ab schritt, als suche er etwas.
Harry ließ erneut den Blick schweifen und erschrak. Neben ihm in der Wand war mit einem Mal eine Tür erschienen.
„Was zur ...“
Lupin warf ihm einen amüsierten Blick zu, öffnete die Tür und bedeutete Harry mit einer kleinen Verbeugung hineinzugehen.

Der Raum war etwa halb so groß wie Lupins Klassenraum. Der Boden unter seinen Füßen, sah aus wie Parkett, doch er war weich und federnd, als wäre er stattdessen mit Turnmatten ausgelegt. Es gab eine kleine Sitzecke mit zwei gemütlich aussehenden Sesseln und einem niedrigen Tischchen. Ansonsten befand sich nur ein großer Schrank an der Rückseite des Raums.
Harry hörte, wie Lupin hinter ihm die Tür schloss.
„Was ist das für ein Raum?“, fragte Harry.
„Man nennt ihn wohl den Raum der Wünsche oder auch Da-und-Fort-Raum.“
„Er ist nicht auf der Karte des Rumtreibers, oder?“, bemerkte Harry. Er kannte die Karte inzwischen fast auswendig.
Lupin schüttelte den Kopf. „Nein, wir haben den Raum damals nicht entdeckt, wobei Sirius und dein Vater begeistert gewesen wären. Du musst wissen, der Raum ist nicht immer gleich, sondern er materialisiert sich so, wie derjenige, der ihn heraufbeschwört ihn gerade braucht.“
„Aha. Und wie geht das?“
„Man geht drei mal davor auf und ab und konzentriert sich darauf, was man benötigt.“
„So einfach?“
„So einfach, und trotzdem dürften die meisten Bewohner des Schlosses ihn nicht kennen.“
„Nun Harry, zur Sache: der Patronuszauber, was weißt du darüber.“
Harry kramte in seinem Gedächtnis, er wollte den Professor nicht enttäuschen, indem er etwas dummes sagte.
„Ähm, er vertreibt Dementoren, er nimmt die Form eines Tieres an und Snape schickt hin und wieder Nachrichten damit.“
„Absolut korrekt, wobei letzteres eine Abwandlung ist, die wir aktuell noch nicht anstreben werden.
Der Patronus ist ein Schutzschild vor deiner Seele. Ein Wächter zwischen dir und deinem Geist. Er ist eine rein positive Kraft, eine Projektion von Hoffnung und Glück, etwas wovon der Dementor sich angezogen fühlt. Aber er kann keine Verzweiflung empfinden und daher kann der Dementor dem Patronus nicht schaden. Verstehst du das?“
„Ich glaube schon.“
„Sehr gut“, fuhr der Professor fort. „Um den Patronus heraufzubeschwören, musst du dich auf eine glückliche Erinnerung berufen und die Gefühle, die du dabei spürst in den Zauber fließen lassen. Nimm dir ein paar Minuten Zeit und überleg‘ dir, was geeignet sein könnte.“

Harry nickte und schloss die Augen. Eine glückliche Erinnerung. Er war glücklich gewesen, als er den Brief von Hogwarts von Hagrid bekommen hatte. Aber damit fielen ihm gleichzeitig seine Tante und sein Onkel wieder ein und das war wohl eher nicht geeignet.

Vielleicht, Hedwig? Der Moment, als Hagrid mit der Eule vor Madam Malkins Laden gestanden hatte, seinem ersten richtigen Geschenk, was er jemals bekommen hatte.

Er öffnete die Augen und blickte Lupin fest an. „Ich glaube ich habe etwas.“
„Gut. Die Formel lautet Expecto patronum .“ Lupin stellte sich neben ihn und hielt den Zauberstab in die Luft um ihm die richtige Bewegung zu zeigen. Harry musste es einige Male wiederholen, bis der Professor zufrieden war.

Harry konzentrierte sich auf seine Erinnerung, versuchte das warme Gefühl in seiner Brust und seinem Bauch zu spüren, das er damals empfunden hatte. „ Expecto patronum!
Ein feiner weiß-silbriger Nebel strömte aus der Spitze seine Zauberstabes und breitete sich vor ihm in der Luft aus, wo er für einige Sekunden schweben blieb um dann zu verblassen und sich aufzulösen.
Lupin hinter ihm piff leise durch die Zähne. „Nicht schlecht, Harry. Das war besser, als viele ausgewachsene Zauberer es jemals hinbekommen werden.“
Harry strahlte über das Lob.
„Gleich noch einmal“, forderte Lupin ihn auf und Harry machte sich bereit für seinen zweiten Versuch.

 

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Als Harry zum wohl zehnten Mal den Zauberstab hob um die Formel zu sprechen, bemerkte Remus, das leichte Zittern in der Hand des Jungen. Der Zauber war wirklich anspruchsvoll und kräftezehrend und Harry sah nach einigen Durchgängen deutlich abgekämpft aus.
Severus würde ihn wahrscheinlich als Zaubertrankzutat verarbeiten, wenn Harry sich in ihrer ersten Übungsstunde magisch vollkommen verausgabte.
„Ich glaube, das reicht für heute“, sagte er und legte Harry eine Hand auf die Schulter.
Er führte ihn an den kleinen Tisch und drückte ihn in einen der Sessel. Mit einem leisen Ploppen erschien ein Teeservice auf dem Tisch, sowie ein Teller mit Keksen.
„Hier, bedien dich!“, sagte der Professor und schob Harry die Kekse zu, bevor er den Tee für sie beide eingoss.
Den ersten Keks in der Hand ließ Harry sich in den Sessel zurück sinken und schloss kurz die Augen.
Remus beugte sich ein wenig vor und musterte ihn gründlich. Der Junge sah ein bisschen blass um die Nase aus.
„Alles in Ordnung, Harry?“
Harry schlug die Augen auf und nickte. „Ich wusste nicht, das Zaubern so anstrengend sein kann“, sagte er und nahm einen Bissen von seinem Keks.
„Nun ja, wie du sicher weißt, muss die Energie für jeden Zauber ja von irgendwoher kommen und in diesem Fall kommt sie vor allem aus dir selbst.“
Er drückte dem Jungen eine der Tassen in die Hand und Harry nahm einen vorsichtigen Schluck um sich nicht die Zunge zu verbrennen.
„Mit der Zeit wird es einfacher werden“, sagte Remus.
„So, als würde man regelmäßig Dauerlauf machen“, murmelte Harry und klang dabei nicht gerade als jogge er gerne.
Remus schmunzelte. „Ja, so ungefähr.“ Er nahm selbst einen Schluck Tee ehe er fortfuhr: „Das war wirklich ausgesprochen gut heute, Harry.“
Der Junge spielte mit der Teetasse in seiner Hand. „Aber es war kein gestaltlicher Patronus.“
„Es hätte mich wirklich ausgesprochen überrascht, wenn es dir in unserer ersten Stunde gelungen wären einen gestaltlichen Patronus heraufzubeschwören, Harry. Mir ist nicht bekannt, dass das jemals jemandem gelungen wäre. Und du hast mit deinem Patronus heute meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Ich freue mich schon auf unsere nächste Stunde, Harry.“
Die Wangen des Jungen röteten sich ein wenig.
„Danke, Professor“, nuschelte Harry und nahm schnell noch einen Schluck Tee um seine Verlegenheit zu überspielen.

Chapter 30: Gilderoy Lockhart

Notes:

Hallo ihr Lieben,

heute ein kurzes Kapitel (es ist der Auftakt zu Größerem).

Liebe Grüße
Waltraud

Chapter Text

„Hah!“, stieß Hermine hervor und blickte von ihrem Tagespropheten hoch. „Hört euch das an:

Gilderoy Lockhart gesichtet.
Nach einzelnen Sichtungen (s. Tagesprophet vom 22.6., 1.7. und 30.8.93), wurde Gilderoy Lockhart nun erneut gesehen.
Emilie Swan, die ein nettes kleines Kräutergeschäft in Dufftown betreibt, berichtete uns: „Ich habe ihn sofort erkannt. Obwohl er nicht mehr ganz so glanzvoll aussah wie damals, als er mir im vergangenen Jahr bei Flourish und Blotts ein Autogramm ausgestellt hat.“
Die pflichtbewusste Hexe wendete sich unverzüglich an das Zaubereiministerium, doch bis zum Eintreffen der Auroren, fehlte von dem Gesuchten jede Spur.
„Wir bekommen viele solcher Hinweise, die dann oft im Sande verlaufen“, weiß Kingsley Shacklebolt, stellvertretender Leiter der Auroren, zu berichten. „Es ist schwer zu sagen, ob es sich in diesem Fall wirklich um Mr. Lockhart gehandelt hat oder ob eine Verwechslung vorliegt. Doch ich versichere Ihnen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er uns ins Netz geht.“
Nach Aussagen des Ministeriums wird bei der Suche nach Gilderoy Lockhart auch mit den Ministerien des Auslandes zusammengearbeitet.
„Wir können nicht ausschließen, dass Mr. Lockhart Großbritannien längst verlassen hat um sich seiner Verhaftung zu entziehen“, hieß es von offizieller Seite.

Nach Gilderoy Lockhart wird seit dem vergangenen Frühjahr gefahndet, nachdem er vor Zeugen einen Schüler in Hogwarts, Schule für Hexerei und Zauberei, angegriffen und schwer verletzt hatte. Der ehemals erfolgreiche Autor befindet sich seitdem auf der Flucht.
Hinweise über seinen Verbleib, nimmt weiterhin jede Behörde des Zaubereiministeriums entgegen.

„Und? Was sagt ihr dazu?“
Harry und Ron warfen sich unsichere Blicke zu.
„Was sollen wir dazu schon groß sagen?“, fragte Ron schließlich.
„Fällt euch denn nichts auf?!“ Hermine blickte die beiden ungläubig an. Beide schüttelten mit dem Kopf.
Dufftown!“, sagte sie, als würde das alles erklären. Als sie bemerkte, dass es das nicht tat, fügte sie hinzu. „Wenn man die Hinweise richtig deutet, liegt das ganz in der Nähe von Hogwarts. Was er wohl hier in der Gegend will?“
„Vielleicht hat er ja einen seiner Spiegel hier vergessen“, sagte Ron und fing an zu lachen.
Doch Harry war gar nicht nach Lachen zu Mute. Ein seltsam kaltes Gefühl hatte sich in seinem Magen ausgebreitet.
Mit einem mal nicht mehr hungrig, schob er seinen Teller ein Stückchen von sich fort.

Chapter 31: Okklumentik

Chapter Text

Etwas nervös klopfte Harry an Snapes Bürotür.
„Herein!“
Die Handflächen feucht, betrat Harry den Raum. Der Professor saß hinter seinem Schreibtisch, einen Stapel Pergament vor sich und eine Feder, getränkt mit roter Tinte, in der Hand.
„Hallo Professor.“
Snape nickte nur kurz mit dem Kopf und bedeutete Harry sich zu setzen, während er einige Anmerkungen auf dem Pergament vor sich machte, ein grimmiger Ausdruck umspielte seine dünnen Lippen. Nach ein paar Minuten schließlich, legte er die Feder beiseite und hob den Kopf.
„Hast du das Buch gelesen, dass ich dir gegeben habe?“
„Ja, Sir.“
„Sehr gut. Eines der Schlüsselelemente der Okklumentik ist es deinen Geist zu leeren. Hast du verstanden, was damit gemeint ist?“
Harry hob die Schultern zu einem halben Zucken.
„Deine Gedanken und Gefühle, Harry, sind eng ineinander verwoben. Ein Legilimentiker der in deinen Geist blickt, wird sofort über die Ereignisse und Erinnerungen stolpern, die dich zuletzt beschäftigt haben. Indem man seinen Geist leert, trennt man die Gefühle, die man empfindet, von den Erlebnissen. Erst so wird es möglich, Gedanken und Erinnerungen tief im eigenen Geist zu verbergen. Verstehst du, was ich meine?“
Harry nickte unsicher. Das Buch, das Snape ihm gegeben hatte, hatte es etwas umständlicher erklärt.
„Ich verstehe die Idee dahinter, aber ich habe nicht verstanden, wie das gehen soll“, gestand er unsicher.
Snape blickte ihn ernst an. „Es ist auch keine einfache Sache, Harry. Es funktioniert nicht für jeden Menschen auf die gleiche Art und Weise und es kann gut sein, dass wir eine ganze Weile brauchen werden um die richtige Methode für dich herauszufinden. Bist du bereit für einen ersten Versuch?“

 

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Severus saß hinter seinem Schreibtisch und beobachtete den Jungen, während dieser versuchte seinen Geist zu leeren . Mit ruhiger Stimme versuchte er ihn in den tranceähnlichen Zustand zu leiten. Doch Harry sah alles andere als entspannt aus, wie er da so verkrampft auf seinem Stuhl saß.

„Das wird so nichts“, sagte Severus schließlich und stand auf.
Harry schreckte hoch. „Ich kann es noch einmal versuchen, Sir. Oder wir können es in einigen Tagen noch einmal ...“
„Harry“, unterbrach Severus das panische Geplapper. „Ich meinte nicht, dass wir den Unterricht abbrechen. Ich meinte, dass wir etwas anderes probieren müssen. Komm mit!“
Er drehte sich um und trat durch die Tür zu seinen Gemächern. Er hörte wie Harry ihm hastig folgte.

„Setz dich auf das Sofa!“, sagte er, während er das Feuer in seinem Kamin entfachte. Dann ließ er sich neben Harry in seinen Lieblingssessel sinken.
„Ich möchte, dass du in das Feuer blickst und dich auf die Flammen konzentrierst, Harry. Die verschiedenen Rot- und Gelbtöne… das Knistern und Knacken … die Wärme auf deinem Gesicht. Atme dabei ein und aus … Ein und aus… Lass die Gedanken in deinem Geist fließen wie sie kommen… Ein und aus…“
Seine tiefe Stimme lies die Worte sanft dahin fließen, während er den Jungen beobachtete. Seine Idee funktionierte besser als er gedacht hatte. Nach etwa fünf Minuten konnte er sehen, wie die Anspannung aus Harrys Körper wich.
Er führte seinen ruhigen Monolog noch einige Minuten weiter, ließ seine Stimme leiser und leiser werden, bis sie schließlich verstummte.
Dann wartete er.
Weitere zehn Minuten vergingen, bevor Harry sich regte. Sein ruhiger Atem beschleunigte sich leicht und er blinzelte mehrmals. Seine grünen Augen suchten Severus Blick.
Der Tränkemeister nickte ihm anerkennend zu. „Das war sehr gut.“
„Danke, Sir.“ Harrys Wangen röteten sich leicht unter dem Lob des Professors.
„Ich schlage vor, wir machen eine kurze Pause und dann versuchen wir es erneut. Mit deiner Erlaubnis möchte ich, wenn es dir erneut gelingt deinen Geist zu leeren, einen Blick hineinwerfen. Das leeren des Geistes ist nur der erste Schritt der Okklumentik und an sich schon hilfreich. Ich denke du profitierst auf lange Sicht jedoch davon, wenn du lernst deinen Geist und deine Gedanken zu ordnen und sie vor Blicken von außen zu verbergen. Der dunkle Lord selbst ist, wie wir wissen, ein Meister der Legilimentik und es ist fürchte ich eine Frage der Zeit, bis ihr wieder aufeinander trefft.“

 

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Einige Zeit später fand Severus sich erneut in seinem Sessel sitzend. Alleine. Vor sich eine Flasche Feuerwhisky und ein halb leeres Glas.
Er hatte den Jungen vor etwas mehr als einer Stunde in seinen Gemeinschaftsraum entlassen.
Ihre erste Okklumentikstunde war deutlich besser gelaufen, als er es erwartet hatte.
Bereits beim zweiten Versuch war es Harry gelungen für eine adäquate Zeit seinen Geist zu leeren. Zwar noch mit ein wenig Hilfestellung und ohne Ablenkung, aber dennoch…
Harry sollte nun jeden Abend vor dem Zubettgehen versuchen seinen Geist zu leeren.
Severus grübelte. Der Blick, den er in den Geist des Jungen geworfen hatte ließ ihn nicht los. In dem geleerten Geist hatte Ruhe geherrscht. So wie er es erwartet hatte. Doch in der Ruhe war die dunkle Präsenz, der er schon bei seinem ersten Besuch begegnet war, in der tiefe des Geistes nur noch stärker hervorgetreten.
Er hatte es gespürt, dieses andere, dieses Dunkle - und aus dem, was er seit Monaten nicht hatte wahrhaben wollen, war Gewissheit geworden: Ein Seelensplitter des dunklen Lords hatte sich in Harrys Seele festgesetzt.
Ein Horcrux in der Seele seines Schützlings!
Ob Dumbledore davon wusste?
Konnte er ihn fragen?
Brachte er Harry damit in Gefahr?
Nein, noch wusste er selbst nicht genug um damit zu Albus zu gehen.

Erst musste er mehr darüber erfahren…

… und herausfinden, wie er es schaffen konnte das Horcrux aus Harrys Seele zu verbannen.

Chapter Text

„Los Harry!“ Unsanft zog Ron ihm die kuschelige Decke weg. Verschlafen blinzelte Harry gegen das helle Licht der Herbstsonne, das in den Schlafsaal fiel. „Wach auf! Sonst haben Fred und George den Honigtopf leer gekauft bevor wir überhaupt in Hogsmead ankommen.“

Mit einem unterdrückten Stöhnen rollte Harry sich aus dem Bett. Sein Schlaf war unruhig gewesen. Immer wieder war er aus Träumen aufgeschreckt, an die er sich nicht mehr erinnern konnte. Nicht, dass er sich nicht freute einen Tag mit seinen Freunden und seinem Paten in Hogsmead zu verbringen, doch er brauchte wesentlich länger als Ron um sich anzuziehen. Ron neben ihm wippte ungeduldig auf den Fußballen und redete ununterbrochen darüber, was sie unbedingt alles anschauen müssten und was er alles kaufen würde. Besonders der Honigtopf und Zonkos schienen es ihm angetan zu haben.
Harry nickte an den passenden Stellen.

Hermine erwartete sie in der Eingangshalle, in der Hand einen Stapel Toast, eingeschlagen in Servietten, über der Schulter eine Umhängetasche.
Sie drückte den beiden die Brote in die Hand.
„Los, ihr könnt unterwegs essen. Ich habe gestern noch einmal nachgeschlagen, wusstet ihr, dass...“, sie brach mitten im Satz ab.
„Mr. Potter.“ Lange dünne Finger legten sich auf Harrys Schulter. Eine schlanke Hand schob eine kleine Phiole in sein Gesichtsfeld. „Ich denke, wir haben eine Abmachung.“
Harry blickte nach oben in Snapes vertrautes Gesicht.
„Danke Professor.“ Harry nahm ihm das Fläschchen ab und leerte es in einem Zug.
„Bereit für euren ersten Ausflug?“
Die drei nickten.
„Wir warten nur noch auf Sirius“, sagte Harry.
Wie aufs Stichwort erklang ein lautes Bellen vom Portal her und eine Sekunde später wetzte ein großer zottiger Hund in die Vorhalle und sprang auf Harry zu.
Ron sprang erschrocken zur Seite. Hermine hingegen hielt mit einem Mal ihren Zauberstab in der Hand, bereit sich und ihre Freunde zu verteidigen.
„Langsam Schnuffel!“, rief Harry. Der Hund stoppte abrupt ab, setzte sich vor Harrys Füßen auf den Boden und wedelte mit dem Schwanz, als warte er darauf für sein gutes Benehmen gelobt zu werden. Harry tätschelte ihm den Kopf. „Braver Schnuffel. Das sind Ron und Hermine, von denen ich dir erzählt habe. Sie kommen heute mit uns zu unseren kleinen Ausflug.“
Der Hund bellte kurz. Dann sprang er auf und trottete in Richtung des Eingangsportals. An der Pforte blieb er stehen und schaute erwartungsvoll zu ihnen zurück.
„Ich glaube da kann es noch jemand kaum erwarten, dass es endlich losgeht“, meinte Ron, der sich von seinem Schreck erholt zu haben schien. „Los! Lassen wir ihn nicht warten.“

 

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Die Welt war weiß überzogen mit Raureif und ihr Atem dampfte in der kalten Luft, als sie fröhlich den Berg hinunter spazierten.
Der Himmel war klar und versprach einen sonnigen Tag.
Noch waren nur wenige Schüler unterwegs. Die meisten saßen wohl noch in der großen Halle und genossen ihr Frühstück.
Harry atmete die frische, kalte Luft.
Vor ihnen kamen die Tore in Sicht und mit einem Mal wurden Harrys beschwingte Schritte langsamer. Sie würden durch die Tore gehen müssen um nach Hogsmead zu gelangen. Und an den Toren, an den Toren patrouillierten die Dementoren. Wie hatte er das vergessen können?
Er würde nicht hindurch gehen. Eher würde er umkehren und den Nachmittag in der Bibliothek mit seinem Aufsatz für Professor Binns verbringen. Doch gerade als er Luft holte um seinen Freunden zu sagen, dass er es sich anders überlegt hatte, trat Lupin von der anderen Seite durch das Tor, einen schimmernden Patronus an seiner Seite. Es war ein großes Tier, mit vier Beinen und einem langen buschigen Schwanz und erinnerte ihn an Schnuffel. Doch bevor Harry nah genug heran gekommen war um sich Lupins Patronus genauer ansehen zu können, verschwand das silbrige Tier durch das Tor und damit aus Harrys Sicht.
Lupin winkte ihnen freundlich zu und Sirius, noch immer in seiner Animagusform, sprang ihm entgegen und riss den anderen Mann fast von den Füßen, als er ihm die Vorderpfoten auf die Schultern legte. Lupin lachte und kraulte ihn hinter den Ohren, was Harry ein wenig seltsam fand. Schließlich war ja allen Anwesenden klar, das es sich hier nicht um einen richtigen Hund, sondern um einen erwachsenen Zauberer handelte. Doch dann zuckte er nur mit den Schultern. Wer verstand schon Erwachsene.
„Na, ihr drei“, begrüßte Lupin sie und schob Sirius ein Stückchen von sich.
„Guten Morgen, Professor.“
„So früh schon unterwegs?“
„Oh, wir haben so viel vor!“, stieß Hermine hervor. „Harry und Ron wollen in den Honigtopf und zu Zonkos und ich möchte in die Buchhandlung und zur Post und dann wollen wir natürlich die heulende Hütte besichtigen.“
Lupin trat von einem Fuß auf den anderen. „Na, das klingt ja wirklich, als wärt ihr damit den Großteil des Tages beschäftigt. Wir sehen uns trotzdem heute Abend zu unserer Patronusstunde, Harry?“
„Ja, Professor.“
„Sehr gut, das freut mich zu hören. Bis später dann. Genießt den Tag und kauft nicht zu viele Stinkbomben!“
Sie verabschiedeten sich von ihm und traten an ihm vorbei durch das Tor.
Harry schaute nach links und rechts, konnte den Patronus jedoch nirgends entdecken.
„Wirklich nett von ihm, uns den Weg durch das Tor freizuhalten“, murmelte Hermine, als sie einige Meter gegangen waren.

 

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Durchgefroren und müde kämpften sie sich am späten Nachmittag den Berg zum Schloss hinauf.
Diesmal war es Professor McGonagall, die sie am Tor empfing, während eine silbrige Katze auf der Mauerkrone über ihren Köpfen balancierte.
Sie bedankten und verabschiedeten sich von Sirius, der inzwischen beschlossen hatte in seine menschliche Form zurückzukehren und gingen die letzten Meter zum Schloss hinauf.
In der Eingangshalle warf Harry einen Blick auf die Uhr. Es lohnte sich nicht mehr erst in den Gemeinschaftsraum zurückzukehren.
„Ich glaube ich gehe direkt zu Lupin. Hier, nimm das mit nach oben“, sagte Harry und drückte Ron die Tasche mit seinen Errungenschaften in die Hand.

 

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Sirius Black lebt!

Sirius Black, der seit dem vergangenen Sommer als vermisst galt, wurde am vergangenen Wochenende wohlbehalten in Hogsmead gesichtet.
Mehrere Zeugen bestätigen, dass er zunächst im Honigtopf und später in den Drei Besen gesehen wurde.
„Ganz plötzlich saß er da am Tisch hinter mir. Zusammen mit ein paar Teenagern. Zuerst habe ich gedacht ich seh’ nicht recht, aber dann war ich sicher. War ja schließlich nur ein Jahr über mir, in Hogwarts und er sieht noch fast genauso aus wie damals“, berichtet Lazlo Fleeboom, der regelmäßig auf ein Butterbier in das Lokal einkehrt.
Eine Anfrage an das Zaubereiministerium bestätigt, dass Mr. Blacks Aufenthaltsort inzwischen bekannt sein. Nähere Angaben wurden jedoch verweigert.
Wo war Black all die Zeit? Und wo lebt er nun? Was hatte er in Hogsmead zu suchen? Und wer waren die Teenager, mit denen er gesehen wurde?
Lesen Sie hierzu das ausführliche Interview mit Lazlo Fleeboom auf Seite 3, geführt von Rita Kimmkorn.

Chapter Text

„Platziert jetzt noch eure Wetteinsätze!: Diggory oder Chang? Wer fängt den Schnatz? Hufflepuff oder Ravenclaw, wer macht das Spiel?“, tönte Lees Stimme durch den Gemeinschaftsraum. Und eine beträchtliche Zahl an Schülern scharrte sich um ihn, Fred und George um ihre Wetten abzugeben.
Harry warf einen kurzen Blick zu ihnen hinüber, ehe er seine Aufmerksamkeit zurück auf seinen Aufsatz für Alte Runen lenkte. Zumindest versuchte er es. Den ganzen Tag schon spürte er ein ziehen in seiner Narbe und je später es wurde, desto schlimmer wurde es. Neben ihm lies Hermine ein verächtliches Schnauben vernehmen.
„Damit verstoßen sie gegen mindestens drei Regeln der Schulverordnung!“ Dann hielt sie inne und musterte Harry gründlich. „Alles in Ordnung bei dir? Du siehst irgendwie nicht gut aus.“
„Hmm.“ Harry zuckte mit den Achseln. „Geht schon. Hier, kannst du über diesen Abschnitt einen kurzen Blick werfen? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das richtig verstanden habe.“
Hermine warf ihm einen etwas skeptischen Blick zu, nahm dann aber doch Harrys halb fertigen Aufsatz in die Hand und hatte innerhalb kürzester Zeit Korrekturen und Anmerkungen links und rechts an den Rand gequetscht, die ihm weiter halfen.
Er schrieb seinen Aufsatz ins Reine und warf einen Blick auf die Uhr.
„Ron ist spät dran“, bemerkte er.
„Bestimmt hat Filch ihn länger da behalten“, sagte George, der aus dem Nichts erschienen war und sich nonchalant neben ihm auf das Sofa fallen lies, sodass Harry hastig ein Stück beiseite rutschen musste um ihm Platz zu machen. „Wirklich ein Rekord, muss ich sagen, von Trelawney Nachsitzen verpasst zu bekommen. Vielleicht wird doch noch was Anständiges aus ihm, wenn er so weiter macht. Wie sieht‘s aus ihr zwei? Noch Wetten für übermorgen abzugeben? Die Quoten für Chang sind recht gut in diesem Jahr.“
Hermine holte tief Luft und bald fand sich Harry in Mitten einer hitzigen Debatte über die moralischen und unmoralischen Hintergründe des Glücksspiels. Er nutzte die nächstbeste Gelegenheit um sich in seinen Schlafsaal zurückzuziehen.

Außer Neville, der friedlich schnarchte, war noch niemand nach oben gegangen.
Harry zog sich rasch um und legte sich dann auf sein Bett.
Mit Snapes Hilfe hatte er den Baldachin seines Bettes in einen Sternenhimmel verwandelt. Es klappte damit fast so gut wie mit dem Kaminfeuer, hatten sie festgestellt.
Harry betrachtete die funkelnden Sterne und leerte seinen Geist.

Das Brennen in seiner Narbe ließ ein wenig nach.

 

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Ein Klopfen an Severus Tür ließ ihn zusammen zucken und sein Federkiel verteilte einen Streifen tiefroter Tinte über dem Aufsatz, den er gerade korrigierte. Kurz zogen sich seine Augenbrauen grimmig zusammen, doch dann traf ihn die Erkenntnis, dass der Absatz, den er durchgestrichen hatte sowieso den größten Blödsinn darstellte und statt die Tinte zu entfernen, ergänzte er sie mit einem bissigen Kommentar am Rand des Pergaments.
Erst dann ließ er die Tür zu seinem Büro mit einem Schwung seines Zauberstabes aufschwingen.
„Ich wollte dich zum Quidditch-Spiel abholen“, sagte der Wolf fröhlich und lächelte ihm breit entgegen.
Severus warf einen Blick auf seinen Kalender, dann zurück zu Lupin.
„Harry spielt nicht. Und Slytherin auch nicht.“ Er wandte sich erneut den Aufsätzen auf seinem Tisch zu und ließ die Tür mit Hilfe seiner Magie so rasch zufallen, dass Lupin rasch einen Schritt zurück machen musste um seine Nase zu retten.
„Etwas frische Luft würde dir bestimmt gut tun!“, rief der Wolf ihm durch die geschlossene Tür zu.
Severus hob erneut den Zauberstab und wirkte einen Muffliato in Richtung der Tür. Lärmende Kinder, aufdringliche Kollegen und Quidditch waren so ziemlich das letzte, wonach ihm gerade der Sinn stand. Er musste noch mehrere Hausarbeiten korrigieren, die Unterrichtsstunden für die kommende Woche vorbereiten, die nächste Dosis des verbesserten Wolfbann-Tranks für Montag ansetzen und am besten noch herausfinden, wie man einen Horcrux aus der Seele eines Kindes verbannte.
Besten Dank. Er hatte auch ohne Quidditch genug zu tun.
Mit noch düstererer Stimmung als zuvor zwang er seinen Gedanken zu den Aufsätzen auf seinem Tisch zurück.
Sein Federkiel verteilte großzügig Korrekturen und sarkastische Kommentare in roter Schrift.

 

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„Einfach großartig, wie Chang Diggory den Schnatz vor der Nase weggeschnappt hat. Findet ihr nicht?“, sagte Ron zum wohl hundertsten Mal, während sie den Berg hinauf zurück zum Schloss stapften. Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt, doch niemanden störte das wirklich.
Das Spiel war gut gewesen, das musste Harry zugeben und mit leichtem Grauen dachte Harry daran, dass er selbst Ende Januar gegen Chang auf dem Besen sitzen würde.
„Und sieht sie nicht einfach großartig aus? Was meinst du, Harry? Harry?“
„Hmm. Was?“ Erst jetzt merkte Harry, dass Ron mit ihm gesprochen hatte.
„Chang! Sieht sie nicht super aus?“
„Hmm.“ Harry zuckte unsicher mit den Achseln. Er fand nicht, dass an dem Mädchen etwas anders war, als an allen anderen Mädchen.
Glücklicherweise erschien Hermine an ihrer Seite und bewahrte Harry davor eine Antwort geben zu müssen.
„Und?“, wandte er sich rasch an sie um das Thema zu wechseln. „Hast du Professor Vector noch erwischt?“
„Oh ja.“ Hermines Augen leuchteten. „Ich muss direkt in die Bibliothek. Ich habe eine ganz neue Idee für meinen Aufsatz.“
In der Eingangshalle trennten sie sich, Hermine ging in Richtung Bibliothek, während Harry sich auf den Weg zum Raum der Wünsche machte um Lupin zu treffen.

Chapter 34: Versuch 3

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Auszug aus Werwölfe, ein Ratgeber für dein haariges Problem, von H. Wilk

Kapitel 3: Der Mond
Allgemein bekannt ist die Tatsache, dass der Werwolf bei Vollmond gezwungen wird seine Gestalt zu ändern. Es empfiehlt sich daher, sich mit den Mondtabellen vertraut zu machen. Bereits einige Tage vor Vervollständigung der Mondrundung spüren manche Lykanotrophen das Erstarken des Wolfs in ihnen. Sie berichten von Stimmungsschwankungen mit verminderter Impulskontrolle und erhöhter Risikobereitschaft sowie teils verstärktem Appetit nach Fleisch (am besten blutig). Die Ausprägung dieses Phänomens scheint von Werwolf zu Werwolf stark zu divergieren. Um jedoch in der Gesellschaft nicht unnötig aufzufallen, sollte man stets darauf bedacht sein, Konflikten in dieser Zeit möglichst aus dem Weg zu gehen.
In der Bevölkerung (magisch wie nicht-magisch) kursieren eine Vielzahl an Gerüchten über den Einfluss des Mondes auf den Werwolf. Ein weit verbreiteter Irrglaube hierbei betrifft die Mondfinsternis, von der behauptet wird, dass während einer solchen die Wandlung nicht stattfinden würde. Ein Irrglaube, der schon viele das Leben kosten musste. Denn auch bei einem Vollmond trotz Mondfinsternis ist der Werwolf gezwungen seine Form zu wechseln. Es ist schließlich nicht der Anblick des Mondes der ihn dazu zwingt (ein weiterer weit verbreiteter Irrglaube). ...

 

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„Ich würde sagen, es läuft gar nicht so schlecht“, krächzte Lupin.
Severus zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe, während er den Puls des Mannes tastete, der blass und verschwitzt auf der Couch in seinem Wohnzimmer lag.
Weiter hatten sie es nicht geschafft, nachdem Severus ihn am Morgen aus seiner Versuchszelle freigelassen hatte.
„Sag das nochmal, wenn du beim nächsten Mal nicht wie ein sterbender Schwan in meinen Armen landest. Hm, immerhin nicht mehr arrhythmisch. Vielleicht eine Nebenwirkung der veränderten Formel. Ich sollte besser mit Poppy darüber sprechen“, sagte er und erhob sich aus seiner leicht gebückten Position, während er Lupins Handgelenk freigab.
Lupin rieb sich mit den Händen über das Gesicht. „Ich glaube nicht, dass das nötig ist. Ist nicht das erste Mal, dass das passiert.“
Severus fand den Gedanken alles andere als beruhigend. Kopfschüttelnd ging er, um sich und dem Wolf einen Tee zu kochen.
Als er kurz darauf beladen mit zweit dampfenden Tassen zurückkehrte, warf Lupin, der sich inzwischen hingesetzt hatte, gerade mit zusammengekniffenen Augen einen Blick auf seine Armbanduhr und machte dann Anstalten sich zu erheben.
„Sitzen bleiben!“, blaffte Severus. „Glaub nicht, dass ich dich zweimal an einem Morgen davor bewahre, dass du dir deinen Schädel auf meinem Steinboden spaltest.“
Lupin stöhnte leise und ließ sich zurück in die Polster sinken. „Ich muss zum Unterricht“, murmelte er, als Severus ihm eine der Tassen reichte.
„Vergiss es. Du bleibst hier sitzen, wo ich dich im Blick habe, oder ich schleife dich persönlich zu Poppy. Ich bin sicher, wir finden jemanden, der deine Stunden heute übernehmen kann.“
Sich erneut über das Gesicht reibend, gab Lupin schließlich nach. „Auf meinem Schreibtisch sind die Notizen zu den Stunden heute. In der ersten Stunde die Siebtklässler über die Unverzeihlichen. Und in der fünften und sechsten Stunde die Fünftklässler zum Duellieren.“
„Letzteres wird Flitwick mit Sicherheit gerne übernehmen. Und soweit ich weiß hat Burbage den Vormittag über frei.“

 

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Harry holte tief Luft und drückte die Klinke der Tür langsam nach unten. Am Wochenende hatte er sein Kräuterkundebuch hier vergessen und brauchte es nun dringend. Eigentlich hatte er den Professor nach dem Essen abfangen wollen, doch Snape war heute nicht in der großen Halle erschienen. Weder zum Frühstück, noch zum Mittagessen.
„Professor?“
Harry trat durch die Tür und schaute sich unsicher um. Er hatte die explizite Erlaubnis hier zu sein. Das hatte Snape immer wieder betont. Doch irgendwie fühlte es sich seltsam an einfach herein zu kommen.
Nun ja, er würde ja nur sein Buch holen und dann schnell wieder gehen.
Mit raschem Schritt betrat er das Wohnzimmer und ließ den Blick umherschweifen. Hoffentlich hatte Snape das Buch nicht weggeräumt. Nein, da lag es ja, direkt auf dem niedrigen Tisch vor dem Sofa.
Er umrundete das Sofa und streckte die Hand nach dem Buch aus, als ein leises Schnauben ihn herumwirbeln ließ.
Fast hätte Harry vor Überraschung laut aufgeschrien.
Zusammen gekauert auf dem Sofa lag Lupin.
Mit wild klopfendem Herz starrte er den schlafenden Professor an. Sein Gesicht war blass, fast schon grau und ließ die Falten darin noch tiefer erscheinen und die Narben auf seinen Wangen noch deutlicher hervortreten. Es waren mehrere parallele dünne, tiefe Kratzspuren... Wie von Klauen...

Und mit einem Mal schoss Harry ein Gedanke durch den Kopf und jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken.

 

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„Das war schon ganz gut, Leute, aber bis zum nächsten Spiel müssen wir alle uns noch ganz schön anstrengen. Wir haben gesehen wie Ravenclaw die Dachse weggeputzt hat und wollen nicht das uns das Gleiche passiert.“ Mit diesen aufmunternden Worten entließ Wood seine Truppen.
Harry schulterte seinen Besen und stapfte zwischen Fred und Angelina durch den Matsch in Richtung der Umkleiden.
„Die Duellierstunde mit Flitwick war wirklich super heute“, sagte Angelina zu Alicia, die neben ihr herlief.
„Ihr habt euch in Verwandlung duelliert?“, fragte Harry verwirrt.
Fred stieß ein Lachen aus. „Nein, nein. Er hat heute Lupin vertreten. War den ganzen Tag unpässlich, wie man hört.“
„Wobei er nicht im Krankenflügel war“, sagte Angelina nachdenklich. „Ich war vorhin dort um etwas für Professor Sprout zu holen.“
„Wirklich nicht?“, fragte George. „Man sollte doch meinen, dass alles was Madam Pomfrey nicht mit einem ihrer Pülverchen heilen kann einen Aufenthalt im Krankenflügel nötig machen würde.“
Harry gefiel die Richtung nicht, die das Gespräch nahm.
Fieberhaft dachte er nach, doch ihm fiel einfach nichts ein, womit er das Gespräch in eine andere Richtung lenken konnte.
„Erwachsene!“, ließ Alicia sich vernehmen. „Vielleicht ist er auch gar nicht krank sondern hat einen Grund gebraucht um mal einen Tag frei zu haben. Wer weiß, vielleicht hat er irgendwo eine heimliche Geliebte, bei der er war.“
Das brachte alle um ihn herum zum Lachen und schon bald wurde spekuliert, wer diese mysteriöse Geliebte sein könnte.

Harry atmete erleichtert auf.

Chapter 35: Tote Schlangen beißen nicht

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„Hallo, Erde an Harry!“
Irritiert schlug Harry nach Hermines Hand, die wenige Zentimeter vor seinen Augen durch die Luft fuhr.
„Lass das!“, zischte er und rieb er sich mit dem Daumen über die schmerzende Stirn.
Hermine musterte ihn besorgt.
„Vielleicht solltest du doch zu Snape gehen, wegen der Kopfschmerzen meine ich oder zu Madam Pomfrey.“
Harry schüttelte den Kopf. Snape war mit Dumbledore in London, das wusste er und er wollte nicht in den Krankenflügel. Er wusste, das das irrational war, auch ohne Hermine, die nicht müde wurde es zu betonen...
„Ich glaube, ich leg mich noch ein wenig hin. Weckt mich zum Abendessen, okay.“
„Zum Abendessen! Mensch Harry, es ist noch nicht mal Mittag“, warf Ron ein, doch Harry war bereits die ersten Stufen der Schlafsaaltreppe hinaufgestiegen.

Zum Glück war der Schlafsaal leer und Harry genoss die Stille, die das mit sich brachte.
Er streifte seine Schuhe ab und ließ sich langsam in seinen Kleidern auf das Bett sinken. Der Schmerz in seinem Kopf ließ ein wenig nach, kaum, dass er lag und erleichtert atmete er ein paar Mal tief durch. Kurz versuchte er seinen Geist zu leeren, gab dann aber schnell auf, als der Schmerz wieder zunahm und sein Magen sich verkrampfte.
Bestimmt würde es ihm besser gehen, wenn er einfach ein wenig geschlafen hatte.

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Ein Waldkauz schwebte durch das offene Fenster und landete auf der Rückenlehne seines Lehnstuhls.
„Wurmschwanz!“
Aus einem finsteren Durchgang weiter hinten kam der untersetzte Mann hereingewuselt.
„Mein Lord?“
„Zeig mir, was die Eule bringt!“
„Ja, Mein Lord. Sofort Mein Lord.“
Mit fahrigen Bewegungen löste der Mann die Knoten, welche die Schriftrolle am Bein der Eule befestigt hielt. Kaum hielt er das Pergament in der Hand, als die Eule aufflog und durch das Fenster verschwand.
„Hier, Mein Lord.“ Mit einer Verbeugung präsentierte Wurmschwanz die geöffnete Rolle. Die Augen des Wesens in dem Sessel huschten hin und her. Dann stieß es ein zischendes Lachen hervor.

„Heute wird es geschehen! Er hat endlich den Weg in die Kammer gefunden und das Biest wird dafür bezahlen, dass es mich verraten hat!“
Erneut lachte das Wesen auf …

 

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Ron saß auf seinem Bett und nutzte die Zeit um einige Briefe an seine Familie zu schreiben. Vielleicht würde Harry ihm Hedwig später leihen, damit er ein Päckchen an Charlie schicken konnte.
Neben ihm murmelte Harry etwas im Schlaf.
Ron hielt inne und musterte seinen Freund besorgt. Das Mittagessen war längst vorüber und Harry hatte sich, seit Ron herauf gekommen war um nach ihm zu sehen, kaum gerührt.
Er überlegte, ob er ihn wecken sollte. Vielleicht sollte er doch Madam Pomfrey bitten nach ihm zu sehen.
Noch während er die Fürs und Wider abwägte schoss Harrys rechte Hand plötzlich zu seiner Narbe.
Ron sprang auf, doch noch ehe er bei ihm war, warf Harry sich herum und spuckte einen Mund voll Gallenflüssigkeit über seine Bettkante.
Hastig griff Ron sich den Papierkorb und stellte ihn vor Harry auf den Boden. Mit einer Hand packte er Harrys bebende Schulter und verhindern, dass er aus dem Bett rutschte, während dieser würgte.
Nach einigen Minuten, die Ron wie eine Ewigkeit vorkamen, rollte sich Harry keuchend auf den Rücken zurück. Seine Narbe schimmerte rot.
„Besser?“
Harry nickte langsam. Dann räusperte er sich.
„Tut mir leid.“
„So ein Quatsch, Harry! Aber ich denke du musst wirklich in den Krankenflügel. Kannst du aufstehen, oder soll ich Hermine rufen, damit sie Madam Pomfrey holt.“
Mühsam setzte Harry sich auf und lehnte sich gegen das Kopfteil seines Bettes. Er schüttelte langsam mit dem Kopf, die Augen weiter geschlossen.
„Ich muss nicht in den Krankenflügel. Es war nur ...“
Mit einem Mal riss Harry die Augen auf. „Sal!“, murmelte er und das bisschen Farbe, dass in der Zwischenzeit in seine Wangen zurückgekehrt war, verblasste so schnell, dass Ron hastig nach dem Papierkorb griff. Doch Harry schob ihn weg und faste Ron mit festem Griff am Ärmel.
„Sal!“, stieß er erneut hervor. „Sie werden Sal töten! Heute!“
Sein Freund machte Anstalten aufzustehen, doch Ron drückte ihn entschlossen auf das Bett zurück. Sein Herz pochte wild. Harry machte ihm Angst.
„Harry, du hast geträumt. Denk doch nach. Wer sollte ihm denn Schaden können. Er ist ein riesengroßer Basilisk und niemand kommt ohne dich in die Kammer hinunter. Wer könnte ...“
Doch Harry unterbrach ihn. „Voldemort! Er weiß, wie man die Kammer öffnet und jemand ist auf dem Weg dort hin um Sal zu töten. Er weiß es. Er will es. Er will sich rächen!“
Und mit einer Geschwindigkeit, die Ron ihm in diesen Moment nicht zugetraut hätte, riss Harry sich los und schoss auf Socken aus dem Schlafsaal, ehe Ron ihn aufhalten konnte.
Ron fluchte laut, griff sich Harrys Schuhe und den Zauberstab von Harrys Nachttisch und folgte seinem verrückten Freund, so schnell er konnte.

Am offenen Portraitloch stieß er auf Hermine. Verwirrt starrte sie ihm entgegen.
„Was hat er denn?“
„Er glaubt Sal ist in Gefahr“, antwortete Ron und zog sie rasch mit sich durch die Öffnung in den Korridor.
Hastig eilten die beiden zum Klo der maulenden Myrthe.
„Unfassbar, wie schnell er ist“, keuchte Hermine, die sich alle Mühe gab um mit Rons langen Beinen Schritt zu halten.
Im Waschraum kamen sie schlitternd zum Stehen. Eines der Waschbecken hatte sich im Boden versenkt und gab eine dunkle, leicht schleimig glänzende Röhre frei, die in die Tiefe führte.
Ron zögerte.
Aus Harrys Erzählungen wusste er genau, wohin das Rohr führte.
„Hör zu, Ron! Du bist deutlich schneller als ich. Lauf und hol Hilfe! Ich geh runter und versuche Harry zur Vernunft zu bringen.“
Sie wechselten einen kurzen Blick. Dann nickte Ron, drückte Hermine Harrys Schuhe und den Zauberstab in die Hand, machte auf dem Absatz kehrt und stob davon.

 

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Hermine atmete tief durch. Sie mochte keine Höhen, doch hier ging es um Harry. In ihrem Kopf zählte sie bis Drei und zwang sich dann in das dunkle Loch zu springen.

Lange. Lange rutsche sie. Abwärts und abwärts.
Hätte sie nicht gewusst, dass ihre Fahrt in der Dunkelheit irgendwann enden würde, sie hätte wohl Panik bekommen. So aber zwang sie sich tief ein- und auszuatmen und zählte im Kopf die Sekunden und Minuten die verstrichen.

Und dann – endlich! - schoss sie aus der Röhre und landete in einem Tunnel.
Ihren erhellten Zauberstab vor sich haltend, trat sie erst langsam vorwärts, dann schneller und schneller, bis sie schließlich an eine Tür gelangte.
Die Tür, von der sie wusste, dass sie in die Kammer führte.
Sie stand offen und ein grüner Lichtschein fiel daraus hervor und beleuchtete den Gang, in dem sie stand.
Hermine löschte ihren Zauberstab und schob sich langsam an die Öffnung heran. Vorsichtig lugte sie hindurch. Ein Pfad aus uralten Steinplatten, gesäumt von steinernen Säulen in Schlangenform führte in die Kammer, die von unzähligen magischen Fackeln grünlich erleuchtet wurde.

Schritt für Schritt schob sie sich vorwärts.
Lauschte auf jedes noch so kleine Geräusch.
Mit einem gemurmelten Zauberspruch ließ sie den Klang ihrer Schuhe auf den Steinen verstummen.

Sie schob sich an der letzten Steinsäule vorbei und spähte in den riesigen Saal der sich vor ihr erhob: Die Kammer des Schreckens.
Eine große Statur des Gründers erhob sich am anderen Ende der Kammer bis fast unter die Decke und dort, zu ihren Füßen, ausgestreckt und viele, viele Meter lang, lag der Baselisk.
Ganz ruhig lag er da.
Sie wusste nicht warum, doch ihr traten Tränen in die Augen.
Der Basilisk war tot.

Ein Geräusch zu ihrer Rechten ließ sie herumfahren: Ein halb ersticktes, keuchendes Lachen. Dort kauerte ein Mann. Ein Mann mit welligem, blondem, zerzausten Haar. Neben sich einen leblosen Hahn und vor sich die Gestalt eines schmalen, schwarzhaarigen Jungen, der keine Schuhe trug.

In ihre Seele schrie es!
Doch sie gab keinen Ton von sich, machte keinen Laut, als sie ihren Zauberstab hob und ihn auf Gilderoy Lockhart richtete.
Ein Blitz schoss aus dem Stab in ihrer Hand, traf den Mann mitten in die Brust und schleuderte ihn durch die Luft, weit!, weit! fort von Harry.
Heftig schlug der Zauberer auf dem steinernen Boden auf und blieb reglos liegen.

Hinterher würde sie nicht einmal sagen können, welchen Zauber sie gewirkt hatte.

Mit verschleiertem Blick stürzte Hermine zu ihrem Freund. Ihre Augen glitten hastig an seinem Körper hinauf und hinab, blieben an dem großen, abgebrochenen Fangzahn hängen, der aus seiner linken Schulter ragte.

Nein. Nein! NEIN!

Die eigene Hand mit dem Saum ihrer Schulrobe schützend, packte sie den Zahn und riss ihn heraus, warf ihn von sich, so weit sie konnte. Ihre Hand wieder befreiend griff sie hektisch nach Harrys Hals. Suchte an der Unterseite seines Kiefers nach einem Puls, wartete auf das Heben und Senken seines Brustkorbes.

Nichts.

„Enervate!“

Nichts!

Tränen strömten über ihre Wangen, während sie Harry vollends auf den Rücken drehte.
Energisch blinzelte sie sie fort.
Legte ihre Hände übereinander auf die Mitte seines Brustkorbs und drückte feste nach unten.
Beim zehnten Mal fühlte sie seine Rippe brechen. Doch sie zwang sich es zu ignorieren.
In ihrem Kopf zählte sie stumm mit, nahm dann nach dem dreißigsten Mal die Hände zu seinem Kopf, bog ihn nach hinten, sodass sein Mund sich öffnete. Verschloss seine Nase mit zwei Fingern, holte Luft, legte ihren Mund auf seine Lippen und bließ dann die Luft in ihn hinein, bis sie sah, dass sein Brustkorb sich leicht hob.
Einmal. Atmen. Zweimal.
Und ohne zu zögern legte sie erneut die Hände übereinander und stütze sich auf seinen Brustkorb. Zwang sein Herz zum schlagen.
Sie flüsterte seinen Namen.
Erneut schenkte sie ihm zwei Atemzüge.
Pumpte für ihn das Blut durch seinen Körper.
Schrie um Hilfe.
Schweiß lief ihr in die Augen. Ihre Arme brannten.
Sie würde nicht aufgeben. Sie konnte nicht aufgeben!
Sie betete zu Gott und zu Merlin.

Und dann waren sie da!

Mit einem goldenen Aufblitzen standen sie vor ihr: Der alte graue und der junge dunkle Zauberer und über ihnen glühte in flammendem Rot der Phönix.

Hermine fühlte sich, als würde sich die Zeit um sie herum verlangsamen.

Mit zwei sanften Flügelschlägen sank der Feuervogel neben ihr zu Boden und legte seinen Kopf an Harrys verletzten Arm. Zwei schimmernde, perlartige Tränen kullerten aus seinen Augen und tropften in die Wunde.

Ihre Arme schmerzten. Doch sie ließ es nicht zu, dass ihre Bewegungen sich verlangsamten!

Zwei schmale Hände mit langen Fingern legten sich über die ihren und folgten ihren Bewegungen. Sie schaute auf und erblickte die fast schwarzen Augen, die entsetzt auf Harry hinab blickten.
Und mit einem mal wusste sie, dass sie loslassen konnte.

Keuchend ließ sie sich zurückfallen. Sie hatte keine Tränen mehr um sie zu vergießen.
Sie hörte den grauen Zauberer einige Worte murmeln. Doch ihr Blick ruhte auf den blassen Fingern, die ihre Arbeit übernommen hatten, dann wanderten ihre Augen hinauf zum Gesicht des dunklen Zauberers.
Seine Lippen bewegten sich tonlos.
In seinem Blick glänzten Verzweiflung, Wut. Entschlossenheit!

Sie fühlte die Magie, die um Harry herum gewoben wurde. Schmeckte wie sie sich um sie herum zusammenzog.
Und dann, mit einem Mal, krümmte Harrys Körper sich heftig zusammen und ein Keuchen ließ Luft in seine Lungen strömen.

Einmal.

Zweimal.

Viele Male.

Und der dunkle Zauberer zog den schmalen Jungenleib schluchzend an sich, während er Merlin dankte und immer und immer wieder Harrys Namen flüsterte.

Und ihre Tränen flossen mit seinen.

Chapter 36: Verloren

Chapter Text

„Kein Platz sicherer als Hogwarts! Ahhh!“ Die halbvolle Flasche zersplitterte, als sie auf die Steinwand traf.
Mit einem Schwung seines Zauberstabs lies Lupin Scherben und Whisky verschwinden.
„Geht es dir jetzt besser?“
„Nein.“
„Soll ich dir eine neue Flasche besorgen?“
„Besser nicht.“
Severus rieb sich mit den Daumen über die Falte zwischen seinen Augenbrauen. Sein Kopf schmerzte und das nicht von dem Whisky den der Wolf ihm aufgedrängt hatte.
Poppy hatte ihn vor etwa einer Stunde aus dem Krankenflügel geworfen mit der Auflage etwas zu Essen und zu Trinken und sich auszuruhen. Doch allein beim Gedanken etwas zu sich zu nehmen drehte sich ihm der Magen um und wie sollte er Ruhe finden, wenn Harry noch immer bewusstlos im Krankenflügel lag. Er würde noch einige Minuten in seinen Gemächern verbringen und dann wieder in den Krankenflügel zurückkehren. Sollte Poppy doch versuchen ihn noch einmal von dort zu entfernen!

„Hast du Black erreicht?“
Der Wolf schüttelte den Kopf. „Er war nicht zuhause. Kreacher versucht ihm die Nachricht zukommen zu lassen und um sicher zu gehen habe ich ihm noch eine Eule geschickt.“
Eine Weile schwiegen sie und starrten beide in die zuckenden Flammen des Kamins.

„Hat man Lockhart schob abgeholt?“, fragte der Wolf plötzlich und Severus nickte grimmig.
„Shacklebolt hat ihn mit drei weiteren Auroren nach St. Mungos überführt. Sie versuchen herauszufinden, mit was Miss Granger ihn verflucht hat. Das Mädchen scheint ganze Arbeit geleistet zu haben. Sein Geist ist nur noch Püree, wenn du mich fragst. Und ich habe nicht gerade Mitleid mit ihm.“
„Ich denke ich werde Hermine für eine Auszeichnung vorschlagen. Was meinst du dazu?“
Erneut nickte er. Dann erhob er sich unvermittelt aus seinem Sessel und strich sich das lange Haar aus der Stirn.
„Ich muss zurück zu Harry. Mach die Tür hinter dir zu, wenn du gehst.“
Und noch ehe der Wolf etwas erwidern konnte, war er schon verschwunden.

 

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Den halben Tag hatte er mit Dumbledore in London verbracht. Nicht, dass ihre Reise nicht erfolgreich gewesen wäre. Nein, das nicht. Sehr erfolgreich sogar. Dumbledore hatte einige Strippen gezogen, hatte einige Gefälligkeiten eingefordert und so waren sie an ein weiteres Horcrux gelangt. Einen Kelch, der wohl einst Helga Hufflepuff gehört hatte.
Sie hatten den Kelch zerstört.
Fast euphorisch waren sie zurückgekehrt.
Und dann war alles den Bach runter gegangen, als ein panischer Ron Weasley fast mit ihm auf einem der Treppenabsätze zusammen gestoßen wäre.
Kreidebleich hatte er etwas von Voldemort gefaselt. Von einem Traum. Und von Sal. Und von Harry in der Kammer des Schreckens. Severus hatte einige Minuten gebraucht um auch nur annähernd zu begreifen, was der Junge ihm zu erzählen versuchte.
Mit wehendem Umhang war er die Korridore entlang gejagt. Dumbledore und Fawkes hatten ihn im Waschraum der Maulenden Myrte eingeholt.

Sofort hatte er den toten Basilisken gesehen.
Dann erst hörte er das keuchende Schluchzen.
Er wandte den Kopf und ein Geräusch entrang sich seiner Kehle, halb Aufschrei, halb Klagelaut ob des Anblicks der sich ihm bot: Hermine Granger, die verbissen darum kämpfte seinen Schützling zurück ins Leben zu zwingen.

Er machte einen Schritt.
Dann noch einen.
Dann war er bei ihr.

Schweiß strömte über ihr Gesicht, das lockige Haar klebte an ihrer Stirn und Tränen liefen über ihre Wangen, während sie keuchend immer und immer wieder ihre Handflächen fest auf Harrys Brustkorb nieder drückte.
Er ließ sich ihr gegenüber auf die Knie fallen und schob seine Hände auf die ihren, während er ihrem Rhythmus folgte. Ihre Blicke trafen sich und mit einem Schluchzen der Erleichterung ließ sie sich zurückfallen, während er ihren Kampf fortführte.

Severus konnte nicht von sich behaupten ein religiöser Mensch zu sein.
Es hatte nur wenig Momente in seinem Leben gegeben, in denen er den Drang verspürt hatte zu beten. Doch egal, welche Entität ihn erhören oder nicht erhören würde: er flehte um Harrys Leben, flüsterte dem Jungen zu, dass er nicht sterben konnte, dass seine Zeit noch lange nicht gekommen war, dass er ihn brauchte … dass er ihn liebte.
Neben ihm weinte der Phönix seine silbrigen Tränen und sang sein schauriges Lied.
Er spürte die Magie, die um sie herum aufwallte, auch wenn er nicht wusste, von wo sie kam.

Und mit einem Zucken und Keuchen strömte das Leben in den jungen Körper unter seinen Händen zurück.

Fest umschlungen hielt er Harry in seinen Armen.
Und er weinte wie er noch nie in seinem Leben geweint hatte.
Nicht einmal für Lily.

 

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Stumm und still lag der schmale Kinderkörper vor ihm auf dem weißen Krankenhausbett und nur das regelmäßige Heben und Senken seiner Brust verriet, dass er tatsächlich lebte.
Harry war noch immer nicht erwacht und hatte sich auch sonst nicht geregt.

Poppy sagte, es sei nur eine Frage der Zeit.
Dass ihre Untersuchungen keine bleibenden Schäden verzeichnet hätten. Dass sie seine gebrochenen Rippen und die Wunde an seinem Arm geheilt hätte. Und das Harrys Körper nun Zeit bräuchte um sich zu erholen.

Und doch jagte der Anblick dieses reglosen Harrys Severus einen kalten Schauer über den Rücken, während er die Bilder aus der Kammer des Schreckens, die in ihm aufstiegen zurückdrängte und tief in seinem Geist begrub.

Er musste Gewissheit haben, dass Harry noch lebte.
Sein Herz schlug. Er atmete. Aber was war mit seinem Geist?

Er hatte Harry versprochen es nicht ohne seine Erlaubnis zu tun.
Doch keiner von ihnen hatte hiermit gerechnet und er hoffte inständig, das Harry ihn verstehen würde.

Er holte tief Luft, setzte sich neben Harry auf die Bettkante und hob vorsichtig eines seiner Lidern an.
Das grüne Auge starrte ihn an, ohne ihn zu sehen.

Verzeih mir Harry .

Und mit einem erneuten tiefen Atemzug tauchte er in den Geist des Jungen ein…

 

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Statt inmitten von Erinnerungen, fand er sich in weißem Nebel wieder.
Erleichterung durchflutete ihn. Das war die mentale Barriere, an der sie seit Wochen arbeiteten.
Beachtlich war sie geworden. Nur ganz schwach fühlte er Harrys Präsenz.

Er rief nach dem Jungen, doch alles was er vernahm, war ein Echo aus Angst, das unscharf aus dem Nebel zu ihm herüber waberte.
Fast als wäre der Junge hinter seinem eigenen Schutzschild verloren gegangen.

Kurz überlegte er.
Dann tat er etwas, was er schon seit langem nicht mehr getan hatte: Er senkte seine eigenen Schutzschilde, ließ sie fallen, löste sie vollständig auf, bis sein Geist völlig unbedeckt und schutzlos war.
Harry!, erneut rief er nach seinem Jungen und mit dem Namen schickte er alle Gefühle, die in ihm für ihn gewachsen waren. Wärme, Vertrauen, Liebe.

War der Nebel etwas weniger dicht?
Harry!

Etwas streifte seinen Geist. Vor seinem inneren Auge entstand ein Bild. Und eine Frage: Ein großer schlanker Mann, das lange Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, die dunklen Augen freundlich blitzend, ein kaum sichtbares Lächeln auf den Lippen.
Severus?
Es dauerte einen Moment, bis er sich selbst erkannte. Sich, wie Harry ihn sah.
Ja, Harry. Ich bin es. Severus.

Weitere Bilder und Gefühle tröpfelten zu ihm durch den Nebel herüber.

Unsicherheit.
Angst.
Schmerz.

Dunkelheit.
Ein Bahnsteig.
Hermine.

Der Nebel.
Verwirrung.
Angst.

Und er selbst schickte dem Jungen einen neuen Strom an Gefühlen und Bildern, einen roten Faden, auf dem sein Geist zu ihm zurückfinden konnte.

Zuneigung.
Smilas Kekse.
Vertrauen.
Seite an Seite über einen Kessel gebeugt.
Geborgenheit.
Sie beide im Wohnzimmer, jeder in ein Buch vertieft.

Die Gedanken strömte aus ihm heraus und mit ihm die Gefühle, die er schon in der Kammer für den Jungen empfunden hatte. Er wusste, dass Harry nicht sein leiblicher Sohn war. Doch das machte keinen Unterschied mehr. Er wusste jetzt, wie Eltern sich fühlten. Wie es war ein Kind zu haben, sich zu sorgen und es zu lieben. Und um nichts in der Welt würde er das wieder hergeben.

All das und noch mehr schickte er in den Nebel und spürte, wie die Barriere dünner und dünner wurde.
Näher und näher kamen sie sich.
Und endlich fand Severus sich in dem geordneten Chaos wieder, dass er von seinem ersten Besuch in Harrys Geist kannte.

Mit einer stummen Verabschiedung zog er sich behutsam in seinen eigenen Geist zurück.

Zwei grüne Augen blinzelten ihm träge entgegen.

Chapter 37: Das Gefühl zu leben

Chapter Text

„Ist es das, was du unter es-langsam-angehen-lassen verstehst?“
Harry warf Ron einen genervten Blick zu und schwang sich von dem Baum herunter, auf dem er gesessen hatte.
Er hatte versucht ihnen allen zu entkommen.
Ihren Blicken, ihrem Flüstern.
Ja, er war gestorben und ja, er hatte überlebt. Schon wieder.

Er rechnete es Ron hoch an, dass dieser nur kurz mit der Hand zuckte, als Harry vor ihm auf dem Boden landete und unwillkürlich aufkeuchte, als seine angeknacksten Rippen dabei schmerzhaft protestierten.
„Wie wär‘s mit einem Tee bei den Hauselfen?“, schlug Ron vor und rieb sich die kalten Hände.
Harry zuckte mit den Achseln. Hauptsache, sie würden nicht all zu bald in den Gemeinschaftsraum zurückkehren.
Suchend blickte er sich um.
„Wo ist Hermine?“
„Bei Hagrid. Sie planen Sals Beerdigung.“
„Oh.“ Harry wusste nicht was er sagen sollte. Sal war tot. Man hatte es ihm gesagt, kurz nachdem er im Krankenflügel aufgewacht war und Severus hatte ihn sogar nach unten in die Kammer begleitet. Harry hatte die tote Haut des Basilisken unter seiner Hand gespürt und doch schien die Nachricht noch immer nicht seinen Verstand erreicht zu haben.

Ron führte ihn in den Kerker und um einige Biegungen bis zum Eingang der Küche. Das Bild davor schwang zur Seite und bald sah sich Harry mit Muffins, Kuchen, Keksen und Kannen voll Tee beschenkt.
Er knabberte an einem Schokoladenplätzchen ohne es zu genießen. Alles schmeckte wie Sand seit er aus dem Krankenflügel entlassen worden war.
Irgendwann zogen sich die Hauselfen zurück und gingen weiter ihrer Arbeit nach.
Harry saß da, sah ihrem geschäftigen Treiben zu und hatte das seltsame Gefühl es wäre nicht er selbst, der hier saß, sondern jemand anderes.

Mit einem Mal spürte er eine Hand auf seiner. Er blickte auf und sah Ron, der ihn mit festem Blick anschaute. Er sagte nichts, doch seine Hand blieb wo sie war und Harry spürte die Wärme seiner Finger auf der eigenen Haut und das seltsame Gefühl verschwand.
„Ich bin gestorben“, brach es aus Harry hervor.
„Ja“, sagte Ron und legte seine Hand auf Harrys. „Und ich bin froh, dass du wieder lebst.“
Harrys Augen füllten sich mit Tränen. Seine kalten Finger umfassten fest die seines Freundes.

Lange saßen sie dort, Seite an Seite, Hand in Hand, während Harry spürte, dass er lebte.

Chapter 38: Weihnachten

Chapter Text

Ron und Harry standen Seite an Seite an den Torflügeln des großen Portals und winkten den Kutschen, die den weiß bestäubten Weg hinunter fuhren um die Schüler, die über Weihnachten nachhause fuhren nach Hogsmead zu bringen. Auch Hermine fuhr in diesem Jahr heim.
Die beiden Jungen warteten, bis die Kutschen außer Sicht waren, die Winterumhänge eng um die schmalen Leiber gezogen.
„Ich freue mich schon, wenn Sirius endlich kommt“, sagte Harry mit leicht klappenden Zähnen. „Er hat geschrieben, er will mir einen Zauberspruch beibringen, mit dem man die Kleidung warmhalten kann und der einfacher ist, als den den Hermine immer benutzt.“
Ron neben ihm rieb sich die Hände. „Meinst du, er würde ihn mir auch zeigen?“
„Ich denke schon“, antwortete Harry achselzuckend. „Komm doch einfach später mit. Er hat bestimmt nichts dagegen.“
„Sehr gut. Ich freue mich schon auf Hermines Gesicht, wenn sie sieht, dass wir auch ohne sie warme Umhänge haben. Los! Lass uns reingehen. Ich glaube es ist noch etwas von den Keksen da, die Fred und George gestern aus der Küche besorgt haben.“

Den Rest des Vormittags verbrachten sie auf einem dicken Teppich vor dem Kamin im Gemeinschaftsraum, wo sie Plätzchen aßen und Schach spielten.
Harry fand zwar, dass er bei weitem nicht mehr so schlecht in dem Spiel war, wie noch zwei Jahre zuvor, doch für Ron war er einfach kein Gegner und Harry beklagte sich nicht, als irgendwann Percy erschien und ihn ablöste.
Er sah den beiden Rotschöpfen zu, wie sie dort saßen, beide über das Schachbrett gebeugt, mit konzentriertem Blick, und zum ersten Mal bemerkte Harry, wie ähnlich Ron und Percy sich doch waren. Die anderen Brüder taten oft, als wäre Percy ein wenig aus der Art geschlagen. Doch in diesem Moment bestand kein Zweifel daran, dass die beiden verwandt waren.

Nach dem Mittagessen ging Harry mit Ron und den Zwillingen nach draußen. Den Zwillingen war es gelungen Lupin davon zu überzeugen ein Quidditch-Spiel zwischen den verbliebenen Gryffindors zu beaufsichtigen. Harrys geliehener Besen war ein älteres Modell und weniger wendig, als es sein Nimbus gewesen war, doch er holte das letzte aus dem Besen heraus und jagte wie toll über das Feld.
Fast zwei Stunden lang flogen sie auf den Besen durch die Luft, bis ein schriller Pfiff erklang und Harry, der sich mitten in einer Überschlagrolle befand, drehte sich rasch um und schaute nach unten. Auf dem Platz, neben Lupin, lässig gegen die Balustrade der Zuschauerränge gelehnt, stand Sirius, die Hand zum Gruß erhoben.
Harry ging in einen steilen Sturzflug, zog dann knapp vor dem Boden den Besen in die Waagerechte hoch und landete direkt vor seinem Paten auf den Boden.
„Ausgesprochen beachtlich!“ sagte Sirius breit grinsend und klopfte Harry anerkennend auf die Schulter. „Ich freue mich schon auf euer nächstes Spiel.“
„Wenn Madam Pomfrey mich überhaupt spielen lässt“, murmelte Harry.
Sie unterhielten sich eine Weile, bevor auch die anderen Spieler wieder sicher gelandet waren.

Gemeinsam schlenderten sie zurück zur Schule, während Fred und George, die irgendwo aufgeschnappt hatten, dass Sirius ein Motorrad besaß, das fliegen konnte, Sirius über die verschiedenen Zauber ausfragten, die er verwendet hatte um es umzubauen.
Der Gedanke an die beiden auf fliegenden Motorrädern jagte Harry einen kleinen Schauer über den Rücken und er war im Stillen froh, als Lupin schließlich verkündete, dass er Harry und Sirius nun entführen müsse und die beiden sich ihre übrigen Fragen für ein anderes mal aufsparen mussten.
Harry gab Ron ein Zeichen und zusammen folgten sie den beiden Erwachsenen zu Lupins Räumen.
Für Harry war es inzwischen nichts all zu Besonderes mehr hierher zu kommen, doch Ron war sichtlich nervös, als er durch die Tür trat und sich mit großen Augen umblickte.
„Setzt euch!“, sagte Lupin und deutete auf den Wohnbereich. „Ich koche uns rasch einen Tee.“
Harry und Ron ließen sich auf einem der Sofas nieder. Sirius setzte sich ihnen gegenüber. Er überkreuzte die Beine, legte die Arme links und rechts auf die Schulterlehne des Polstermöbels und schaute sie erwartungsvoll an.
„Und? Was habt ihr heute mit mir vor?“
Harry und Ron wechselten einen raschen Blick.
„Wir wollen diesen Zauber lernen, von dem du geschrieben hast“, antwortete Harry.
„Der, mit dem man die Umhänge warm halten kann“, ergänzte Ron.
Sirius betrachtete sie beide, dann nickte er langsam. „Nun, ich schätze mal Remus wird für uns bestimmt das eine oder andere alte Handtuch haben, mit denen ihr üben könnt.“ Er stand auf und ging in die kleine Küchenecke um dort mit dem Professor zu sprechen.

Etwa zwei Stunden (und eine Hand voll angeschmorter Handtücher) später standen Harry und Ron draußen vor Hagrids Hütte, die Hände in den mollig warmen Taschen ihrer Umhänge vergraben und sahen grinsend zu, wie Fang und Schnuffel im frisch gefallenen Schnee herum tollten.

 

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Die Tage vergingen wie im Flug und schneller als erwartet wachte Harry auf und fand das Ende seines Bettes übersät mit Päckchen und Umschlägen in allen Formen und Farben.
Ron neben ihm saß bereits auf seinem Bett und mampfte glücklich ein Stück Weinachtskuchen, dass seine Mutter ihm geschickt hatte. Er trug bereits seinen neuen kastanienbraunen Weasley-Pulli und Harry wühlte sich rasch durch seine Geschenke, bis er das große weiche Paket ertastete, in dem sein eigener kuscheliger, warmer Pullover steckte.
In diesem Jahr war er rot, mit goldenen Rändern an Ärmeln und Kragen. Rasch zog er ihn über, froh über die mollige Wärme, die er bot und widmete sich dann gemächlich seinen anderen Geschenken.
Von Snape und Sirius waren keine Geschenke dabei, doch das wunderte ihn nicht. Sie hatten sich zum gemeinsamen Nachmittagstee im Kerker verabredet und Harry selbst hatte darauf bestanden, dass Hagrid einen kleinen Baum hinunter in Snapes Wohnzimmer brachte und ihn dort mit Smilas Hilfe dekoriert.
Die Elfe war am Tag zuvor angekommen, hatte sie alle aus Snapes Küchenecke verbannt und hatte sofort begonnen einen kleinen Imbiss für den heutigen Tag vorzubereiten.

Nach einem späten Frühstück und einer Schneeballschlacht mit Rons Brüdern ging Harry schließlich nach oben um die Geschenke zu holen, die er am Vorabend selbst verpackt hatte. Das Mittagessen würde er heute ausfallen lassen. Er hatte eine ungefähre Vorstellung davon, was Smila unter einem kleinen Imbiss verstand und freute sich schon darauf endlich wieder einmal in den Genuss ihres Essens zu kommen.
Die vollgepackte Tasche über der Schulter, machte er sich auf den Weg in den Kerker. Seine Füße fanden den Weg ganz von alleine und kaum mehr zögerte er, als er anklopfte und dann die Tür öffnete, ohne auf eine Antwort zu warten.
Der Geruch von Zimt, Nelken und Orangen hing in der Luft und mischten sich mit dem Duft der Tannennadeln.
Harry ging hinüber und verteilte seine Geschenke unter dem Baum. Ein kleiner Stapel befand sich dort bereits und auf einem kleinen Etikett auf einem langen schmalen Paket entdeckte Harry seinen eigenen Namen.
Breit grinsend ließ er sich auf seinem Platz vor dem Feuer nieder und blickte in die Flammen.
Fast wie von selbst leerte sich sein Geist und er saß dort, zufrieden mit sich und der Welt um ihn herum.

 

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Smila musterte Harry, der vor ihr auf dem Boden kniete. Seine Hände berührten die ihren. Sie waren inzwischen deutlich größer als die der Elfe. Wie sehr der Junge gewachsen war! So wenig Zeit war vergangen, seit Severus den schüchternen, schmalen, kleinen Jungen unerwartet mit in sein Haus gebracht hatte und so viel war seither geschehen.
Sie blickte auf das kleine Päckchen in ihrer Hand und dann zu den drei Zauberern hinüber, die auf den Sofas und Sesseln saßen und sich unterhielten. Ein Geschenk zu bekommen, war für sie noch immer etwas Merkwürdiges. Es fühlte sich seltsam an. Fast, als wäre sie wieder ein Kind, dass im Begriff war etwas Ungezogenes zu tun.
„Du kannst es auspacken, wenn du willst“, sagte Harry leise. Der Junge schien oft zu wissen, was in ihrem Kopf vorging, dachte Smila. Viele Gespräche hatten sie geführt und Smila hatte gelernt, dass nicht alle Zauberer so frei waren, wie sie einst gedacht hatte. Der Junge und sie… Sie war froh, dass Severus Harry ein neues Zuhause gegeben hatte - und die Möglichkeit frei zu sein.
So wie ihr selbst.

Mit leicht zitternden Händen knotete sie die Schnur auf und entfaltete das silberne Papier.
Eine kleine hölzerne Schachtel aus dunkler Mahagoni kam zum Vorschein, wundervoll verziert mit fein geschnitzten Runen. Sie ließ ihre langen Finger darüber streichen und ihre Finger prickelten
„Es sind Schutzrunen“, raunte Harry ihr zu. „Sie bilden einen Zauber. Nur du kannst es öffnen nachdem wir sie aktiviert haben. Ich kann dir später zeigen wie. Mach es mal auf!“
Ganz langsam hob Smila den Deckel an.
Gebettet auf rotem Samt ruhte ein filigraner Phönix aus Silber an einer feingliedrigen Kette, die Schwingen im Flug ausgebreitet und mit zwei winzigen roten Rubinen als Augen.
Vorsichtig nahm sie ihn in ihre dürren langen Finger und betrachtete ihn von allen Seiten.
Auf der Rückseite fand sie eine Inschrift: Ein Weg zur Freiheit, ist der Mut .

Ihre Arme schlossen sich um seinen Hals, als sie ihn an sich zog und genau so fest wie sie, hielt er sie umschlossen.

Wie verschieden Elfen und Zauberer doch sein konnten.

Und wie ähnlich sie sich doch waren.

 

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Harry saß auf dem weichen Teppich vor Severus Kamin und starrte ungläubig in die Kiste, die er soeben geöffnet hatte.
Stundenlang hatte er mit Ron über Quidditchprospekten gesessen und sehnsüchtig das dunkle, auf Hochglanz polierte Walnussholz und die perfekt gebündelten Reisigzweige bewundert.
Er hob den Kopf und begegnete dem Blick der drei Erwachsenen, die ihn vom Sofa aus beobachteten.
„Und?“, fragte Sirius, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen.
Harry gingen eine Millionen Dinge gleichzeitig durch den Kopf. „Aber… aber der kostet doch ein Vermögen!“, platzte es schließlich aus ihm heraus.
Sirius zuckte mit den Achseln. „Betrachte es als Kompensation für all die Weihnachten, in denen ich es versäumt habe dir etwas schenken zu können. Und Severus war so freundlich einen Teil dazu beizutragen. Meinst du, du kannst damit etwas anfangen?“
„Ich… ja! Oh man, ich kann es kaum erwarten ihn auszuprobieren! Danke!“ Er sprang auf und umarmte die beiden Männer.
Sirius wartete bis er sich wieder ein wenig beruhigt hatte, bevor er sprach.
„Ich fürchte, damit wirst du mindestens bis morgen warten müssen. Heute haben wir noch etwas andres zu tun.“
Misstrauisch zog Harry eine Augenbraue in die Höhe. „Was denn?“
„Wart‘s ab“, antwortete Sirius und zwinkerte den beiden anderen verschwörerisch zu.

 

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Eine halbe Stunde später stapften Harry, Sirius und Lupin den Weg der zu den Toren des Schlossgeländes führte hinab. Severus war im Schloss geblieben um mit den Slytherins, die über die Feiertage in der Schule geblieben waren den Weihnachtstee einzunehmen.
„Gehen wir nach Hogsmead? Vielleicht in die drei Besen?“, fragte Harry und machte sich einen Spaß daraus mehr Schnee mit seinen Stiefelspitzen aufzuwirbeln als unbedingt nötig.
„Nein“, antwortete Sirius.
„In die Winkelgasse?“
„Nein.“
Harry schwieg. Er hatte keine Ahnung, warum sie sonst an Weihnachten das Schloss verlassen würden.
Sie traten durch die eisernen Tore. In der Ferne konnte Harry die dunklen Gestalten einiger Dementoren erahnen, die nahe der Mauerkronen in der Luft schwebten, doch Sirius Patronus – ein großer Hund – wer hätte das gedacht – hielt sie auf Abstand.
Lupin kramte in einer seiner Manteltaschen und zog ein kleines Fläschchen mit einer grün schimmernden Flüssigkeit hervor. Er hielt es Harry entgegen. „Severus meinte, das bräuchtest du vielleicht.“
Harry spürte, wie das Blut in seine Ohren schoss. Rasch entkorkte er den Trank und leerte ihn in einem Zug, während sich der vertraut minzige Geschmack auf seiner Zunge ausbreitete. Er schob das leere Fläschchen in die Tasche seines eigenen Umhangs und griff dann nach dem Arm, den Lupin ihm entgegen hielt.
„Bereit?“
Harry nickte und schon spürte er das Ziehen in der Nabelgegend, wurde zusammengepresst und auseinandergezogen und im nächsten Moment stolperte er auf einen breiten gepflasterten Gehweg. Mit ein wenig Stolz bemerkte er, dass er es dieses Mal geschafft hatte auf den Füßen zu bleiben.
Direkt vor ihm erhoben sich die alten Mauern eines Londoner Herrenhauses. Ein kleiner Vorgarten führte zu einigen Stufen, die wiederum zu einer hohen, breiten Doppeltür aus Eiche führten, deren Ränder mit hübschen, verschlungenen Schnitzereien verziert waren.
„Willkommen am Grimmauld Platz Nummer 12, Harry“, sagte Sirius und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Wow! Das ist dein Haus?“, stieß Harry ungläubig hervor. „Es ist riesig!“
„Willst du hinein gehen und es dir von drinnen anschauen!“
„Mhm.“ Harry nickte und legte den Kopf in den Nacken um hinauf zu den obersten Stockwerken zu blicken. Zwischen Sirius und Lupin trat er an die Eingangstür heran. Sirius vollführte einige komplizierte Muster mit seinem Zauberstab und plötzlich erglühte die Tür in einem bläulichen Licht. „Leg deine Hand hier drauf“, sagte Sirius und deutete auf eine Schnitzerei knapp oberhalb der Türklinke. Erst jetzt erkannte Harry, dass es sich nicht um wahllose Schnörkel, sondern um Runen handelte. Sie liefen um den gesamten Türrahmen und die Türblätter herum und bildeten eine kompliziertes, wunderschönes Muster. Harry hob die rechte Hand und drückte die Handfläche gegen das alte Holz. Kurz verstärkte sich das Leuchten und Harry spürte ein leichtes Prickeln, das von seiner Hand über seinen Arm floss und sich irgendwo um seinen Bauchnabel herum zu sammeln schien. Dann verblasste der blaue Schimmer und die Tür sprang mit einem leisen Klicken auf.
Sirius hielt ihnen die Tür auf und Harry trat mit Lupin hindurch. Sofort flammten hunderte von magischen Lichtern an den hellen Wänden auf und tauchten die große Eingangshalle in ihren warmen Schimmer. Ein weicher dicker Läufer bedeckte die Steinfliesen unter ihren Füßen und führte zu einer breiten Treppe, die über mehrere Windungen in die oberen Stockwerke führte.
Links und rechts der Halle gingen mehrere Türen ab.
Ein großes Gemälde nahe der Eingangstür zeigte ein Bild von Hogwarts bei Nacht. Der Mond stand über den Zinnen des Schlosses. Er war beinahe voll und einige Wolken zogen träge darüber hinweg, während ein Windstoß die Bäume auf dem Schlossgelände erzittern ließ.
Harry blickte sich suchend um.
„Wo ist das Bild von deiner Mutter?“
„Ha!“, stieß Sirius hervor und lachte. „Weg! Endlich weg! Rons Bruder war vergangene Woche da und hat es sich angesehen. Hat ihn nicht einmal zwei Stunden gekostet, den Fluch zu lösen. Der Junge ist sein Gold wirklich wert!“
Harry freute sich das zu hören.
Sirius führte ihn durch das untere Stockwerk, zeigte ihm die Küche, das Esszimmer und das Kaminzimmer. Den Keller ließen sie aus. „Da sind wir mit entrümpeln noch nicht ganz fertig“, sagte Sirius, als Harry danach fragte. Dann stiegen sie die Treppe hinauf bis ganz nach oben.
In einem großen Raum mit Oberlichtern befand sich ein Zeichenraum. Doch als Harry fragte, ob Sirius oft hier malte, lachte dieser und meinte, er habe künstlerisch wohl das Talent eines Vierjährigen, aber einer seiner Freunde hätte die Chance genutzt den Raum seiner alten Bestimmung wieder zuzuführen und habe vor sich hier sein Atelier einzurichten. Von ihm stamme auch das Gemälde in der Eingangstür.
„Das Haus ist so riesig, Harry. Was soll ich ganz allein hier. Ich bin froh, wenn hin und wieder jemand vorbei kommt und mir ein wenig Gesellschaft und Abwechselung bietet.“ Ein etwas trauriger Ausdruck schlich sich um seine Augen. Harry konnte gut verstehen, was er meinte.
„Du könntest dir doch einen festen Mitbewohner suchen“, schlug er vor.
Sirius zuckte mit den Schultern. „Vielleicht kann ich ja Remus dazu bewegen hier einzuziehen. Was meinst du, Moony, alter Freund. Willst du nicht deine kleine Zwei-Zimmerwohnung gegen diesen alten Schuppen hier tauschen?“
Lupin, der ein angefangenes Gemälde auf einer der Staffeleien begutachtete, zuckte leicht zusammen.
„Ist das dein ernst?“
„Absolut.“
Lupin dachte darüber nach. Er legte dabei die Hand an sein Kinn, den Zeigefinger an der Wange, eine Geste, die Harry inzwischen sehr vertraut geworden war.
„Hmm. Hast du inzwischen gelernt, deine Socken nicht überall herum liegen zu lassen“, sagte der Professor, seine Augen blitzte schelmisch.
„Ha! Besser, ich habe einen Hauself, der meine Socken wegräumt“, rief Sirius und beide lachten. Harry war sich sicher, die beiden teilten einen stummen Witz.
Lupin demonstrierte weiter eine übertrieben nachdenkliche Mine, dann nickte er schließlich. „Gut, dann werde ich wohl dem nächst die Möbelpacker bestellen müssen.“
„Für den Inhalt deiner Zwei-Zimmerwohnung?“, Sirius prustete los und Lupin stimmte mit ein.
Noch immer schmunzelnd führte Sirius Harry aus dem Zeichenraum. Ein anderes Zimmer im oberen Stock beherbergte einen Tischkicker, einen Billardtisch sowie einige Sessel und Tische. Sirius nannte es liebevoll das Spielzimmer und versprach Harry, dass sie später zurück kommen würden um eine Runde zu kickern.
Dann führte er Harry nach und nach abwärts durch das Haus. Harry zählte zehn Schlafzimmer, alle hübsch und unterschiedlich gestaltet und liebevoll dekoriert. Auf jedem Stockwerk gab es mindestens ein Badezimmer und manche der Schlafzimmer hatten sogar in eigenes kleines Bad mit Dusche und WC.
Im ersten Stock schließlich gab es eine große Bibliothek. Interessiert ließ Harry die Augen über die Buchrücken streifen. Er streckte die Hand aus um eines der Bücher hervor zu ziehen, stieß jedoch gegen eine unsichtbare Barriere.
Sirius lachte. „Kindersicher sollte das Haus laut Snape sein. Weißt du noch? Smila hat ihn beim Wort genommen. Dieses Regal ist tabu für dich, bis du mindestens volljährig bist. Alle anderen darfst du nach Belieben durchforsten. Aber später. Los komm, ein Zimmer muss ich dir noch zeigen!“
Sie gingen den Flur vor der Bibliothek entlang bis ganz nach hinten. Zwei Türen gingen davon ab. die linke stand offen und Harry erhaschte einen Blick auf ein breites Bett mit Himmel und einer dunkelblauen Steppdecke als Überwurf. Vor dem Fenster stand ein hübscher Schreibtisch mit einigen Pergamenten, daneben ein Tintenfass. Sirius machte eine flüchtige Geste mit der Hand in Richtung der offenen Tür. „Mein Zimmer“, sagte er, als sei das nicht besonders wichtig. Dann öffnete er die Tür zu seiner rechten.
„Dein Zimmer“, sagte er mit rauer Stimme.

Harry stockte der Atem. Ein Bett mit dunkelroten Vorhängen stand an einer Wand des Raumes, fast wie sein Bett in Hogwarts.
Auch hier gab es einen Schreibtisch vor dem Fenster, dass den Raum in warmes Sonnenlicht tauchte. Die Tapeten waren cremefarben und wurden an einigen Stellen durch Quidditchposter verziert, die die aktuelle Nationalmannschaft Großbritanniens zeigte. Ein großer Kleiderschrank und eine breite Kommode standen an der einen Wand, einige Bücherregale, gefüllt mit ein paar Büchern und Platz für noch mehr, befanden sich an der anderen.
Auf der Kommode standen Bilderrahmen.
Langsam trat Harry näher. Ein Bild nach dem anderen nahm er die Rahmen in die Hand und betrachtete sie, bevor er sie vorsichtig wieder zurück stellte.
Lupin und Sirius gemeinsam mit Harry lachend in Severus Garten. Harry, Ron und Hermine im Innenhof des Schlosses, auf einer der Steinbänke in der Sonne sitzend. Severus und Harry vor dem Kamin in den Gemächern des Professors, jeder in ein Buch vertieft.
Harry nahm das nächste Bild zur Hand.
Ein kleiner Junge mit schwarzen Haaren, klammerte sich an einen winzigen Besen und sauste auf Kniehöhe durch das Bild. Ein junger Mann mit Brille und zerzaustem schwarzen Haar eilte hinter ihm her und im Hintergrund stand eine junge Frau mit flammend rotem Haar und lachte, während sie der Katze auf ihrem Arm den Nacken kraulte.
Mit brennenden Augen starrte Harry auf das Bild und wagte es kaum zu blinzeln. Er besaß inzwischen einige Bilder auf denen seine Eltern zu sehen waren, teils von Hagrid, teils von Severus und Sirius. Doch kein einziges hatte er, auf denen sie alle drei zu sehen waren. Er zog die Nase leicht hoch und fuhr vorsichtig mit den Fingern über das Glas, als könnte er so seine Mutter oder seinen Vater berühren.
Starke Arme schlossen sich unvermittelt von hinten um ihn herum und Sirius drückte ihn fest an seine Brust.
„Ich habe es beim Aufräumen gefunden. Sie haben dich sehr geliebt, vergiss das nie!“, krächzte er und Harry war sicher, dass er ebenfalls mit den Tränen rang.
Harry drehte sich zu ihm um und schlang ihm die Arme um den Hals.
„Danke!“, flüsterte er.
„Wenn du willst, kannst du es mit nach Hogwarts nehmen. Oder nach Spinners End. Oder wir machen ein paar Abzüge davon“, sagte Sirius die Stimme wieder etwas fester. Er schwieg kurz, dann hielt er Harry auf Armeslänge von sich und blickte ihm fest in die Augen.
„Ich weiß, Harry, du hast inzwischen ein gutes Zuhause gefunden“, sagte er, die Stimme ernst wie selten. „Aber egal was die Zukunft für uns bereit hält: du bist hier jederzeit willkommen! Es soll genauso mein Haus sein, wie deines. Ein sicherer Hafen für uns beide. Für immer.“

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