Chapter Text
Peter stand ratlos vor seinem Schrank und starrte nachdenklich auf die Kleiderstapel, die darin lagen. Er wurde das Gefühl nicht los, dass er irgendetwas vergessen hatte einzupacken. Er war im Kopf schon unzählige Male die Liste der Dinge durchgegangen, die er für zwei Wochen zelten in den Rocky Mountains benötigen würde. Peter war dabei nichts aufgefallen, was sich nicht bereits in seinem Rucksack befand. Dennoch wurde er das ungute Gefühl nicht los.
Das Klingeln seines Handys riss den zweiten Detektiv aus seinen Gedanken. Er griff danach und nahm den Anruf grinsend entgegen. „Hey Bob! Kannst du mir sagen, was ich vergessen habe einzupacken?“
Auf der anderen Seite der Leitung blieb es still.
„Bob?“, fragte Peter mit gerunzelter Stirn nach.
„Hey Peter“, kam es leise als Antwort.
Peter drehte seinem Schrank den Rücken zu und fixierte seinen Blick auf einen Punkt an der Wand, während er versuchte heraus zu finden was genau an Bobs Stimme ihm den kalten Schauer über den Rücken jagte. Irgendetwas stimmte nicht mit Bob.
„Was ist los?“, wollte Peter besorgt wissen.
„Ich kann nicht mit kommen zum Zelten“, stellte Bob tonlos fest.
„Warum nicht?“, fragte Peter nach, als Bob nicht weitersprach. Die Sorge um seinen Freund ließ einen harten Knoten in seinem Magen entstehen. Es war so deutlich an seiner Stimme zu hören, dass Bob vollkommen neben der Spur stand.
„Dad fährt mich gleich ins Krankenhaus“, murmelte Bob. „Ich werde wahrscheinlich eine Woche oder so da bleiben müssen.“
Peter stellte frustriert fest, dass Bob ihm noch immer nicht gesagt hatte, was mit ihm los war. „Was ist passiert?“, fragte er eindringlich, während er schon auf dem Weg nach unten war. Er würde einfach zu Bob rüber laufen und selbst nachsehen was los war.
„Ich habe wahrscheinlich einen MS-Schub“, stellte Bob leise fest.
Peter blieb abrupt stehen. „MS?“, hakte er nach.
„Multiple Sklerose“, erklärte Bob.
„Ich weiß“, erwiderte Peter, als er sich auf die Stufen sinken ließ. Horror-Bilder schossen ihm durch den Kopf, von Bob im Rollstuhl und im Krankenhausbett, unfähig sich zu bewegen, unfähig mit ihnen zu sprechen. Alles in Peter zog sich schmerzhaft zusammen, Angst und Panik trieben ihm die Tränen in die Augen.
„Bist du sicher?“, wollte er mit erstickter Stimme wissen.
„Ziemlich“, meinte Bob mit brechender Stimme. „Sie wollen gleich ein MRT machen, wenn ich im Krankenhaus bin. - Erinnerst du dich, als … als ich vor zwei Jahren den linken Arm nicht richtig benutzen konnte?“
„Ja“, erwiderte Peter schwach. Er lehnte sich gegen die Wand und versuchte sich auf seine Atmung zu konzentrieren um der Panik Herr zu werden.
„Die Ärzte haben damals schon gesagt es könnte MS sein. Aber es war nur ein Entzündungsherd und eigentlich war ich auch ein bisschen jung. Aber jetzt … Es ist wohl ziemlich sicher, dass es MS ist, wenn die Taubheit in den Beinen wirklich von einer Entzündung im Rückenmark kommt“, erklärte Bob.
„Du kannst die Beine nicht mehr bewegen?“ Peter spürte, wie er den Kampf gegen seine Panik verlor.
„Doch, ich kann sie bewegen. Aber ich spüre kaum etwas und kann nicht wirklich allein stehen“, entgegnete Bob.
Vermutlich wollte Bob ihn damit beruhigen, aber es tat eher das Gegenteil. Peter zitterte und war unfähig irgendetwas zu sagen.
„Kannst du Just Bescheid sagen?“, fuhr Bob fort. „Wir fahren jetzt los und ich weiß nicht genau wie lange es dauert bis ich ein Zimmer habe und vom MRT zurück bin und so. … Ihr müsst dann dieses Jahr wohl ohne mich zelten gehen.“
„Du glaubst ja wohl nicht ernsthaft, dass wir wegfahren, während du im Krankenhaus liegst!“, meinte Peter verärgert. Er atmete tief durch. „Ich rufe Just gleich an. Sag mir Bescheid, wenn du weißt in welchem Zimmer du bist. Gehst du in das Krankenhaus hier in Rocky Beach?“
„Ja, erst einmal. Wenn es etwas anderes neurologisches ist, werde ich wahrscheinlich nach LA verlegt“, berichtete Bob.
„Okay. Wie gesagt, sag Bescheid, wo du bist, damit Just und ich dich nachher finden“, meinte Peter.
„Ihr müsst nicht…“
„Wir werden dich nachher trotzdem besuchen kommen“, fiel Peter ihm ins Wort.
Bob schwieg eine Weile, dann hörte Peter Mr Andrews im Hintergrund. „Also gut“, meinte Bob. „Ich muss jetzt Schluss machen. Bis später!“
„Bis nachher“, verabschiedete Peter sich. Er legte das Handy erst zur Seite, nachdem er gehört hatte, wie Bob auflegte.
Erschöpft fuhr Peter sich mit den Händen über das Gesicht. Er versuchte zu erfassen, was in den letzten Minuten geschehen war. Aber er war kaum in der Lage irgendeinen der Gedanken, die durch seinen Kopf schossen, für mehr als ein paar Sekunden festzuhalten.
Multiple Sklerose.
Die beiden Worte schwebten wie ein dunkler Schatten über ihm. Eigentlich hatte er kaum eine Vorstellung davon, was dieser Begriff tatsächlich bedeutete. Da waren nur die Schreckensbilder, die seine Fantasie gleich auf Bob übertragen hatte.
Entschlossen sprang Peter auf, lief zurück in sein Zimmer und startete dort seinen Rechner. Für den Moment war Justus vergessen. Erst einmal wollte er heraus finden, was es für Bob bedeuten würde, sollte sich die Diagnose tatsächlich bestätigen.
Peter lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er mehr als zwei Stunden damit verbracht hatte das Internet zu durchforsten. Der harte Knoten in seinem Magen hatte sich nicht aufgelöst, aber Peter fühlte sich dennoch viel besser als direkt nach dem Gespräch mit Bob.
Es gab Möglichkeiten durch entsprechende Medikamente einen weiteren Schub so gut wie möglich vorzubeugen. Wenn Bob ein wenig Glück hatte, dann konnten noch viele Jahre vergehen, bevor die Krankheit sein Leben das nächste Mal so beeinflussen würde wie sie es in diesem Moment tat.
Bob würde sein Leben umstellen müssen, aber bei weitem nicht so gravierend, wie Peter es zunächst befürchtet hatte. Bis jetzt war Peter auf nichts gestoßen, was sich nicht würde bewältigen lassen. Für den Moment mussten sie nur hoffen, dass der aktuelle Schub keinen dauerhaften Schaden in Bobs Beinen hinterlassen würde. Peter wusste, dass die Cortison-Behandlung vor zwei Jahren gut bei Bob angeschlagen hatte. Das ließ ihn hoffen, dass auch dieses Mal wieder alles in Ordnung kommen würde.
Peter fuhr erschrocken zusammen, als sein Handy ihm eine SMS ankündigte. Er dachte erst in diesem Moment wieder an Justus, als er las, dass Bob im Zimmer 207 lag. Seufzend wählte Peter Justus' Nummer. Er war nicht gern der Überbringer dieser schlechten Nachricht, aber er hatte es Bob versprochen.
Es erschien ihm fast wie eine Ewigkeit, bis am anderen Ende abgenommen wurde und Justus sich meldete. Peter schloss die Augen und entschied sich einfach auf den Punkt zu kommen. „Unser Urlaub fällt dieses Jahr ins Wasser, Just. Bob ist im Krankenhaus.“
Peter hörte Justus am anderen Ende nach Luft schnappen. „Was ist passiert?“, wollte der erste Detektiv erschrocken wissen.
„Wahrscheinlich hat er einen MS-Schub“, erklärte Peter.
Justus seufzte. „Ich hatte wirklich gehofft, dieses Thema sei vom Tisch!“
Peter runzelte die Stirn. „Was meinst du?“
„Als das mit Bobs Arm war haben wir kurz über MS gesprochen. Aber ich hatte gehofft, es würde einfach bei diesem einen Mal bleiben“, erklärte Justus.
„Nun, das ist es nicht“, stellte Peter leise fest.
„MS zu haben ist kein Weltuntergang!“, meinte Justus ruhig.
„Ich weiß. Im ersten Moment hat es sich aber so angefühlt“, erwiderte Peter. „Ich habe ein bisschen recherchiert in den letzten zwei Stunden. Das erste woran ich vorhin gedacht habe waren irgendwelche schweren Behinderungen, die ihm den Rest seines Lebens ruinieren.“
„Lass uns nicht gleich vom schlimmsten ausgehen“, ermahnte Justus. „Was hat er denn für Symptome?“
„Bob sagte, seine Beine seien taub“, erklärte Peter.
„Oh“, murmelte Justus bestürzt.
„Nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen“, erinnerte Peter.
Justus seufzte. „Ja. - Ist er hier in Rocky Beach im Krankenhaus?“
„Ja“, antwortete Peter. „Ich wollte gleich zu ihm fahren. Soll ich dich abholen?“
„Das wäre toll. Unter diesen Umständen gibt Tante Mathilda mir hoffentlich frei“, stellte Justus fest.
Peter war nervös, als er und Justus das Zimmer von Bob erreichten. Auf der Fahrt hatte Justus ihm noch einiges mehr über die MS erzählt. Offenbar hatte der erste Detektiv sich gründlich darüber informiert, nachdem ein Mal zur Sprache gekommen war, dass Bob es haben könnte.
Bob empfing sie mit einem Lächeln, als sie das Zimmer betraten. Es war ein Drei-Bett Zimmer. Die beiden anderen Betten waren leer. Eines war unbenutzt und der derzeitige Mitbewohner Bobs schien ausgeflogen.
„Hey Bob“, begrüßte Peter ihn und versuchte sich so gut es ging an einem Lächeln.
„Hi. Ihr seid ja tatsächlich gekommen“, meinte er lächelnd.
„Natürlich kommen wir dich besuchen!“, stellte Justus mit gehobenen Augenbrauen fest. Er setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett, während Peter sich am Fußende auf die Decke setzte. „Wie fühlst du dich?“
Bob verzog das Gesicht. „Keine Ahnung“, murmelte er. „Ich glaube, ich versuche im Moment noch, alles so weit von mir zu schieben wie möglich. Noch steht die Diagnose nicht. Der Befund wird erst in zwei Tagen da sein.“
Justus runzelte die Stirn. „Gibt es denn mit deiner Vorgeschichte noch Alternativen zur MS?“
„Kein Ahnung“, gab Bob zu. „Ich will wirklich nicht darüber nachdenken, Justus. Übermorgen vielleicht, wenn der Arzt mir gesagt hat, dass es MS ist.“
„Was ist jetzt eigentlich mit deinen Beinen?“, fragte Peter leise.
„Wenn alles gut geht ist in zwei oder drei Wochen wieder alles in Ordnung, so wie es damals mit den Arm ja auch war“, erklärte Bob.
Peter biss sich auf Zunge. Er fragte nicht nach, was wäre, wenn nicht alles gut ging. Es würde einfach alles gut gehen – gut gehen müssen.
„Hast du Liz schon gesagt, dass du hier bist?“, wollte Justus wissen.
Bob wandte verlegen den Blick ab. „Ich … Nein. Ich denke … Ich … Ich habe Angst davor, mit ihr darüber zu reden.“
Peter runzelte die Stirn. „Warum?“
„Ich weiß ja nicht mal selbst, wie ich hier mit umgehen soll!“, stellte Bob zähneknirschend fest. „Wie soll Liz dann damit umgehen?“
„Sie wird für dich da sein und dir helfen“, stellte Peter ermutigend fest. „Ruf sie nachher an und sprich mit ihr!“
Bob nickte leicht.
„Bob, du hast Elizabeth, uns, deine Eltern. Wir sind alle für dich da. Das hier ist kein Weltuntergang!“, wiederholte Justus die Worte, die er schon zu Peter gesagt hatte.
Bob starrte auf seine Hände. „Vielleicht.“
