Work Text:
Dipper kreuzte die Finger hinter seinem Rücken. Er hatte Stan angelogen. Er war nicht stolz darauf, aber es musste getan werden. Die Suche musste fortgesetzt werden und er konnte es sich nicht leisten, dass Stan ihm dabei im Weg stand. Es war alles in Ordnung.
Und überhaupt, es war ja nicht so, als würde sich etwas schlechtes daraus ergeben.
Stan kreuzte die Finger hinter seinem Rücken. Er hatte Dipper angelogen. Er war nicht stolz darauf, aber es musste getan werden. Die Suche musste fortgesetzt werden und er konnte es sich nicht leisten, dass Dipper ihm dabei im Weg stand. Es war alles in Ordnung.
Und überhaupt, es war ja nicht so, als würde sich etwas schlechtes daraus ergeben.
Dipper stand nun schon seit mehreren Minuten hier und starrte den Zettel voller Schock an. Er konnte es nicht glauben. Es ergab einfach keinen Sinn. Es war unmöglich, dass Stan - Gronkel Stan! - der Autor war. Er war sogar extra auf Nummer sicher gegangen, indem er dieselbe Frage nochmal gestellt hatte. Und nochmal. Und jedes mal hatte ihm der Briefkasten die exakt selbe Antwort gegeben:
Stanford Pines
Er hatte erst gedacht, dass der Briefkasten über eine komplett andere Person gesprochen hatte, die nur rein zufällig denselben Namen besaß. Und so hatte er die nächste Frage gestellt: „Mit dem Autor der Tagebücher, meinst du damit meinen Großonkel? Ist der Autor mit mir verwandt?“
Es war eine recht eindeutige Frage, eine die unmöglich fehlinterpretiert werden konnte. Und als der Briefkasten darauf mit einem simplen „Ja“ antwortete, hatte Dipper endlich seine Antwort. Stan war der Autor. Der Typ hatte ihn die ganze Zeit lang angelogen.
Er fühlte sich seltsam betrogen von dieser Enthüllung. Und auch verwirrt darüber, warum Stan die ganze Zeit lang diese Lüge aufrecht erhielt, selbst nachdem der Junge ihm das Tagebuch gezeigt hatte, welches er gefunden hatte, und sie beide sich gegenseitig versprachen, keine Geheimnisse mehr voreinander zu bewahren. Und es war diese seltsame Mischung aus Betrug und Verwirrung, die Dipper letztendlich davon abhielt, seinen Gronkel sofort zur Rede zu stellen und sich stattdessen dazu zu entschließen, heimlich weiter nach der Wahrheit zu suchen.
Er las noch einmal die Tagebücher durch, tippte ein paar Sachen ein und sah zu, wie die riesige Maschine reagierte. Ein müdes Seufzen entwich seinen Lippen, als er sich in seinen Stuhl zurücklehnte und seinen Kaffee nahm. Dieses verdammte Ding zum laufen zu kriegen war ein recht ermüdendes Unterfangen, vor allem für jemanden, der nun schon seit ganzen dreißig Jahren daran arbeitete.
Aber das Portal lief jetzt endlich und das war alles, was zählte. Die ganze Mühe hatte sich gelohnt. Okay, er musste immer noch hier und da ein paar Einstellungen optimieren und er musste auch den passenden Treibstoff dafür auftreiben... aber während er in der Vergangenheit nie sicher sein konnte, ob seine ganzen Bemühungen je Früchte tragen würden, sah es nun so aus, als wenn es nur eine Frage der Zeit wäre. Er würde endlich seinen Bruder zurückgewinnen. Er würde Ford wiedersehen.
Sein Blick wanderte rüber zu dem Foto von Dipper und Mabel und er seufzte. Er hoffte, dass die Kinder sich gut mit Ford verstehen würden und das sie nicht zu enttäuscht darüber sein würden, dass Stan sie die ganze Zeit angelogen hatte.
Die Tour durch den Bunker war ziemlich traumatisierend gewesen. Beinahe von einem Raum zu Tode gequetscht, von einem Monster gejagt, sich mit einem psychopathischen Shapeshifter angelegt... Kein Erlebnis, welches er jemals wiederholen wollte. Wobei der Bunker ihm schon zu denken gab... Was tat sein Gronkel überhaupt damit? Mit so einem streng geheimen Bunker tief im Wald...
Führte er etwa geheime Experimente durch? Das würde zumindest den Shapeshifter und auch den versteckten Raum im Mystery Shack erklären, den Soos gefunden hatte. Den, mit dem Teppich. Wie hieß dieser Teppich nochmal? Experiment 78? Experiment... Nun, es stand deutlich im Namen. Der Teppich war definitiv ein Experiment gewesen.
Aber wozu führte er solche Experimente durch? Dipper hatte immer angenommen, dass der Autor einfach nur irgendein Kerl war, der an das Unerklärliche interessiert war - genau wie der Junge selbst - und der seltsame Phänomene studierte. Aber wenn Stan im geheimen herum experimentierte... Dipper musste weiter nachforschen.
Und dann waren da auch noch all die Essensvorräte im Bunker. Die Überwachungstechnologie. Das Labor. Es bestand kein Zweifel daran: Dies war eine Art Atombunker. Ein Ort, um... irgendwas auszusitzen. Er wusste noch nicht genau, was. Aber er würde es herausfinden.
Soos und Mabel - die beide präsent gewesen waren, als Dipper mit dem Briefkasten interagierte und von daher bereits wussten, was los war - hatten ihn schon mehrere male bedrängt, einfach mit Stan zu reden und die Wahrheit auf diesen Weg zu erfahren, anstatt alles hinter seinem Rücken zu tun. Wendy hingegen - nachdem sie in das Geheimnis eingeweiht wurde und den Bunker mit eigenen Augen gesehen hatte - hatte Dipper zugestimmt, dass es vielleicht besser wäre, erst einmal nach weiteren Hinweisen zu suchen und sich ein besseres Bild von der Situation zu machen, bevor er Stan zur Rede stellte.
Und da sie jetzt diesen alten Laptop im Bunker gefunden hatten, schien es, als würden sie schon bald an Antworten kommen.
Urgh, er hasste es, sich mit solchem Zeug rumzuplagen! Den Mystery Shack reparieren, all die Zombieüberreste entfernen, die Arbeiter bestechen... Er hatte nicht mal eine gute Ausrede dafür parat, was genau den ganzen Schaden verursacht hatte und einfach das erstbeste erwähnt, was ihm in den Sinn kam.
Es war eine gute Sache, dass Stan mit einer silbernen Zunge ausgestattet war und sich mit dieser aus so ziemlich jeder Situation raus reden konnte. Es war eines seiner wenigen Talente, auf die er wirklich stolz war. Einer der Vorteile daran, wenn man ein professioneller Schwindler war.
Nachdem die Arbeiter bezahlt worden waren, setzte er sich endlich auf seine Wohnzimmercouch und versuchte zu entspannen, jetzt wo jedermann auf irgendeinem Ausflug war und er das ganze Haus mal für sich alleine hatte. Immerhin würde es nicht mehr lange dauern, bis die Zeit des Entspannens vorüber war. Sobald das Portal aktiviert wurde und sein Bruder wieder zuhause war, würden sich die Dinge hier deutlich ändern. Da konnte er auch ruhig die freie Zeit nutzen, solange er noch die Gelegenheit dazu hatte.
Wenn jetzt nur nicht diese Arbeiter so laut wären!
Dipper hatte noch nie richtig über die Persönlichkeit seines Gronkels nachgedacht. Okay, er wusste, dass Stan ein Schwindler war, dass er recht knauserig und dreist sein konnte und das er das Gesetz mehr als eine Art Anregung ansah, anstatt als ein Regelbuch, dass er streng zu befolgen hatte... Aber dies alles waren Dinge, die jedermann auf den ersten Blick sehen konnte.
Aber mit all den Informationen, die er die letzten Tage so herausgefunden hatte, fing sein Kopf an, sich nun Gedanken zu machen; vor allem, nachdem Stan sich das eine mal so schnell dazu entschieden hatte, in den Golfplatz einzubrechen. Wer war Stan überhaupt? Wie war er wirklich drauf?
Er hatte all die großartigen Sachen erforscht, hatte all die tollen, wunderschönen Illustrationen in dem Tagebuch gezeichnet und kam in dem Buch auch sonst wie ein recht angenehmer Kerl rüber. Aber auf der anderen Seite brach er ständig das Gesetz und log seine Verwandten an. Er hatte diesen Atombunker gebaut und offensichtlich irgendeine Tragödie erwartet. Er hatte auch anderen Leuten oft davon erzählt, dass die Apokalypse am kommen war und das sie Gold kaufen sollten - wie er es mit Robbie gemacht hatte, nachdem Wendy sich von ihm trennte. Und dann waren da auch noch diese verstörenden Experimente...
Es kam ihm so vor, als wenn sein Gronkel ein Doppelleben führen würde oder so etwas in der Art... so verrückt das auch klingen mochte.
Aber auf der anderen Seite, vielleicht klang es gar nicht mehr so verrückt.
Er musste mehr herausfinden. Er musste das Passwort des Laptops knacken.
Es mochte sich seltsam anhören, aber er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass Mabel ihm irgendetwas wichtiges sagen wollte. In letzter Zeit hatte er sie öfter dabei erwischt, wie sie ihn aus ihrem Augenwinkel beobachtete, ganz so, als würde sie nur auf den richtigen Zeitpunkt warten, ihre Frage zu stellen. Aber als er sie deswegen zur Rede gestellt hatte, hatte sie nur abgewehrt und ihm versichert, dass alles in Ordnung wäre.
Anfangs hatte er angenommen, dass sie einfach nur über ihr bevorstehendes Golfturnier gegen diese verzogene, reiche Göre nervös wäre, aber als ihr Verhalten nach dieser Nacht immer noch weiter anhielt, fing er an, sich Gedanken zu machen.
Es sollte ihn eigentlich nichts angehen - wenn es seiner Großnichte zu unbehaglich war, mit ihm darüber zu reden, würde er sie schon nicht zwingen - aber er versuchte trotzdem, mal ausnahmsweise den verantwortungsvollen Onkel zu spielen und vertraute ihr im privaten an, dass sie jederzeit zu ihm kommen und ihn um Hilfe beten könnte, wenn sie irgendwas belasten sollte.
Ihre Antwort hatte ihn überrascht: „Danke sehr, Gronkel Stan. Ich weiß. Aber ich will Dipper nicht enttäuschen, indem ich darüber rede...“
Auf weiterer Nachfrage hatte sie ihm schließlich gebeichtet, dass sie und ihr Bruder ein kleines Argument hatten, bei dem beide darauf bestanden hatten, dass komplette Gegenteil von dem zu tun, was der Andere tun wollte. Um genau zu sein, hielt dieses Argument auch jetzt noch weiter an. Aber Mabel versicherte ihm auch, dass sie alles unter Kontrolle hatten und das er sich keine Sorgen darüber machen brauchte.
Und da die Kinder beide in Ordnung schienen, wenn auch hin und wieder mal ein wenig betrübt, machte er sich keine weiteren Gedanken drüber.
Nun, dies war eine ziemlich dämliche, bescheuerte Idee gewesen...
Er hätte wissen sollen, dass er Bill Cipher nicht vertrauen konnte. Aber er war ziemlich verzweifelt gewesen und der Countdown war recht schnell runter gegangen... Nicht, dass dies alles noch einen Unterschied machen würde, nachdem Bill den Laptop zerstörte. Es war nur gut, dass Mabel dagewesen war, um gegen den Dämon zu kämpfen. Wer wusste schon, was Bill als nächstes zerstört hätte, nach dem Laptop und dem Tagebuch.
Der Laptop war verloren. Es war unmöglich, irgendeine Information von der Festplatte zu retten. Aber der Dämon hatte einige interessante Dinge erzählt, vor dem Kampf mit Mabel. Darüber, wie Dipper kurz davor gewesen wäre, einige bahnbrechende Antworten zu enthüllen, was der Dämon natürlich nicht zulassen konnte... Und auch darüber, wie Bill große Dinge geplant hatte...
Dies alles fachte geradezu die Paranoia des armen Jungen an. Was für Antworten war er kurz davor gewesen, zu enthüllen? Antworten zu Stan und die Apokalypse, gegen die dieser sich vorbereitet hatte? Dipper hatte in der Richtung einige riesengroße Fortschritte gemacht, von daher... ja, Bill hatte bestimmt davon geredet.
Wobei noch immer die Frage blieb: Was waren diese großen Pläne? Was plante Bill? Er war schon mal in Stans Kopf gewesen - okay, auf Gideons Befehl hin - und vielleicht hatte der Dämon irgendetwas bedeutendes gefunden, während er dort war, und plante nun, diese Information zu seinem eigenen Nutzen zu verwenden.
Aber wenn das der Fall war, welche Information? Was hatte Bill gefunden? Er war sehr versessen darauf gewesen, das Tagebuch zu zerstören, also lagen die Antworten vielleicht dort drinnen. Dipper öffnete das Buch noch einmal und durchblätterte alle Seiten. Die meisten Seiten zeigten nur harmlose Infos zu Gravity Falls und andere Seiten waren auf seltsame Art und Weise herausgerissen oder hier und da teilweise unleserlich gemacht worden, indem über bestimmte Textstellen gekritzelt wurde. Aber es gab eine Seite mit einer seltsamen Blaupause, die Dipper nicht deuten konnte. Und einige Warnungen über Bill Cipher.
So... hatte sein Gronkel schon mal Kontakt mit Bill gehabt? War dies ein weiterer Grund, wieso Bill seinen Kopf infiltriert hatte? So viele Fragen...
Er musste schon zugeben, er war zu Anfang nicht allzu enthusiastisch über diese Puppenshow gewesen - er hatte noch nicht mal genau gewusst, wofür er überhaupt ins Theater gekommen war. Aber gegen Ende war die Show seiner Meinung nach zum echten Hit geworden. Kämpfende Kinder, Zerstörung, Explosionen... Was wollte ein Mann mehr? Okay, er hätte es bevorzugt, wenn die Feuerwerksraketen nicht direkt auf sein Gesicht zugeflogen wären. Es hatte ihn einiges an Reflexen gekostet, dem auszuweichen. Aber ansonsten war es völlig in Ordnung gewesen.
Denn immerhin, die besten Shows endeten stets mit einem Knall.
Mabel hatte gute Arbeit geleistet, auch wenn das Ende nicht so verlaufen war, wie sie es erwartet oder erhofft hatte. Das wichtige daran war, dass sie alles gegeben und sogar ein wenig Spaß dabei gehabt hatte. Stan erzählte ihr genau das, als sie das Theater verließen.
Die Kinder schienen während der ganzen Heimreise ein wenig betrübt und müde zu sein und vor allem Dipper beschwerte sich über einige Schmerzen im Körper; was Stan ein wenig beunruhigte und ihn dazu veranlasste, zu kommentieren, dass der Junge vorsichtig sein und sich nicht in gefährliche Angelegenheiten verwickeln lassen sollte. Der Kommentar war nicht gut angekommen, da der Junge seinem Onkel nur einen seltsamen, vorwurfsvollen Blick zugeworfen hatte, sehr zu dessen Verwunderung.
Am Ende hatte Stan das Thema fallen gelassen, als Dipper nicht gewillt schien, mit ihm darüber zu reden.
Stan war zu lange weg. Dies war nicht normal. Sicher, er hatte ihnen zu Anfang erzählt, dass er einen Ersatz für Goldie suchen würde - seine Maschine, die kaputt gegangen war - und hinterher war er für über 24 verdammte Stunden fort gewesen und hatte eine dumme Ausrede vorgeführt, dass er mit dem Ding nach Vegas gereist wäre... Aber ernsthaft? Vegas? Mit einer Maschine? Es war schwer zu glauben, selbst für Stan.
Mann... Warum konnte dieser Kerl nicht die Wahrheit sagen, nur ein einziges mal? Oder sich wenigstens bessere Lügen einfallen lassen? Bei Gott, der Typ hatte sich selbst wochenlang dumm gestellt, wenn es um die seltsamen Phänomene in dieser Stadt ging, obwohl er sie selbst studiert hatte!
Also was hatte er wirklich an dem Tag gemacht? War er unten in seinem Bunker gewesen? Dipper wünschte sich fast, dass er Mabel zurückgelassen hätte, damit sie sich alleine um Soos Liebesleben kümmern könnte, während er im Bunker nach Hinweisen suchen - und vielleicht gar seinen Onkel auf frischer Tat ertappen - könnte. Aber wer wusste schon, was mit .GIFfany passiert wäre, wäre Dipper nicht dabei gewesen. Dieses virtuelle Mädchen war hochgefährlich gewesen.
Was sehr überraschend war, denn als Soos ihnen beiden später von seiner Zeit mit dem Computerspiel erzählt hatte, hatte .GIFfany sich wie ein nettes, vertrauenswürdiges Mädchen angehört. Es war beunruhigend, wie einfach man durch ein falsches Äußeres betrogen werden konnte...
Es war beunruhigend, wie einfach man durch ein falsches Äußeres betrogen werden konnte.
Dipper wiederholte diese Phrase in seinem Kopf und spürte einen plötzlichen Klumpen in seinem Hals.
Ah, gutes, altes Vegas. Stan konnte nicht glauben, dass er in seinem ganzen Leben noch nie hier gewesen war. Auf der anderen Seite hatte er nie das Geld dafür gehabt, mal eben auf Urlaub zu gehen, und als er endlich genügend Geld verdient hatte, war er zu sehr damit beschäftigt gewesen, das Portal zu reparieren.
Dies war eine Sache, die er unbedingt korrigieren musste, sobald er seinen Bruder wieder hatte: Endlich mal ein paar Urlaubsreisen unternehmen. Wer weiß, vielleicht würde Sixer ihn sogar begleiten. Er war sich sicher, dass Ford die Möglichkeit begrüßen würde, ein paar entspannende Ausflüge zu unternehmen, nachdem er all die Jahrzehnte gefangen war in... nun, wo auch immer er sich gerade befand. Immerhin, die zwei Brüder hatten schon immer davon geträumt, mal gemeinsam die Welt in der Stan O' War zu erkunden.
Und er wusste, dass dies wahrscheinlich naiv und hoffnungslos war, aber er konnte nicht anders, als sich eine Zukunft auszumalen, in der die beiden gemeinsam auf einem Boot umher reisen würden. Die Wahrscheinlichkeit war immerhin vorhanden, jetzt wo das Portal wieder in Betrieb war und verdammt, Stan dürfte ja wohl noch träumen dürfen! Er würde seinen Bruder zurückbekommen und er weigerte sich, sich von irgendwelchen trüben Gedanken runter ziehen zu lassen.
Wobei er schon ein wenig über Dipper besorgt war. Der Junge war in letzter Zeit emotional recht distanziert zu ihm gewesen...
Stan war ein Monster!
Oh, sicher, Dipper hatte sich dies oft mal scherzhaft gedacht, aber diesmal war nichts lustiges dahinter. Nein, diesmal glaubte er wirklich, dass sein Onkel zu weit gegangen war.
Der Junge hatte sich über die neueste Attraktion gewundert, die Stan sich angeschafft hatte: „Den Geizkragen“ hatte dieser es genannt. Zuerst hatte er sich gedacht, dass Stan sich einfach nur ein seltsames Monster für den Mystery Shack gefangen hätte - so wie Dipper den Gremloblin für den Mystery Shack gefangen hatte, als Mabel der Boss war.
Fairerweise musste man Dipper zugestehen, dass das Glas recht dunkel war, weswegen man die Kreatur - den Mann - da drinnen nicht allzu gut sehen konnte. Noch dazu war der ein wenig kleiner gewesen und hatte irgendein seltsames Outfit getragen, welches Stan ihm aufgedrängt hatte, von daher war es einfach gewesen, ihn mit einer Kreatur zu verwechseln.
Aber dann hatte die Kreatur - der Mann! - wiederholt irgendwelche seltsamen Wörter ans Glas geschrieben, was die Kinder neugierig machte und dazu brachte, mit ihm zu kommunizieren und ihn schließlich zu befreien.
Es war ein Mann... Es. war. ein. Mann! Sta-... Sein ONKEL hatte einen MANN eingesperrt!!
Dipper war immer noch aus der Bahn geworfen.
War dies eine übliche Begebenheit für-... für seinen Onkel? Hatte sein Onkel schon zuvor Menschen als Attraktionen eingesperrt? Waren irgendwelche anderen Attraktionen hier in Wahrheit Menschen?
Dipper machte sich extra die Mühe, jedes einzelne Ausstellungsstück zu begutachten. Nein, kein anderes war menschlich. Er gab einen Seufzer der Erleichterung. Aber dies änderte trotzdem nichts an der Tatsache, dass sein Onkel einen Mann eingesperrt hatte.
Der Mann hatte erklärt, dass er hier eingesperrt worden war, weil er die Zeit des Ladenbesitzers verschwendet hatte, indem er den Laden spät nachts besucht und nicht einen einzigen Artikel gekauft hatte. Und das Stanford Pines ihm persönlich erklärt hätte, dass dies als kleine Lektion gedacht war und das er den Gefangenen nach 24 Stunden wieder freilassen würde.
Es erschien nicht unmöglich, dass Stan... ford... sowas tun würde. Das er einem geizigen Kunden einen Streich spielen würde, indem er diesen einen Tag lang als Attraktion verwendete.
Aber mit allem anderen, was gerade so los war, nahm dieser einfache „Streich“ plötzlich eine deutlich düstere Bedeutung an. Hatte sein Onkel dies schon mal mit anderen Leuten getan? Vielleicht sogar über einen längeren Zeitraum hinweg und aus düsteren Beweggründen? War dies auch ein Teil seiner Experimente? ......Würde er sowas je mit Dipper und dessen Schwester machen?
Er stoppte sofort diesen Gedankengang. Er fing schon an, paranoid zu werden. Es war absolut unmöglich, dass dies jemals geschehen würde. Es würde nicht passieren. Es konnte nicht passieren!
Und dennoch...
Die letzten Tage waren nicht die besten für Stan Pines gewesen, um ganz ehrlich zu sein. Dipper war ihm gegenüber weiterhin distanziert geblieben, trotz Stans Versuchen, mit ihm darüber zu reden. Um genau zu sein, hatte sich der Junge sogar in letzter Zeit noch weiter distanziert und ging ihm teilweise aus dem Weg. Irgendwas war auf jeden Fall mit ihm los und Stan wünschte sich, dass er wüsste, was los war.
Und nun verhielt sich auch Mabel komisch. Wobei ihr Verhalten eher etwas mit dem Kunden zu tun hatte, den Stan letztens verarscht und in seinem Laden ausgestellt hatte. Wenn er so darüber nachdachte, war es schon ein recht fieser Streich gewesen, aber auf der anderen Seite war es die Schuld des Kunden gewesen, dass dieser Stans Zeit vergeudet hatte; Zeit, die besser dafür verwendet wäre, auszuschlafen oder weiter am Portal zu arbeiten.
Dennoch, der Streich war offensichtlich nicht gut bei den Kindern angekommen, das konnte er deutlich sehen. Er musste es irgendwie wieder gut machen. Vielleicht könnte er sie zu Greasy's Diner einladen, auf ein paar Pfannkuchen. Die Kinder liebten immerhin Pfannkuchen.
Auf der anderen Seite lief es mit dem Portal ganz gut voran. Stan hatte bereits einen Plan ausgearbeitet, wie er an dem nuklearen Treibstoff kommen würde, den er dafür brauchte. Es war ein riskanter Plan, aber er war zuversichtlich, dass er es bewältigen könnte. Nur noch ein paar Tage...
Wenn er nicht schon zuvor davon überzeugt gewesen war, dass Stanford in irgendwas gefährlichem verwickelt war, dann war er es spätestens jetzt, nachdem er McGuckets Erinnerungen gesehen hatte.
Er wollte nicht großartig an das Abenteuer denken, was sie alle zu diesem Moment geführt hatte. Allein der Gedanke daran, sich mit einer verrückten, gedanken-auslöschenden Sekte anzulegen und möglicherweise all seine Erinnerungen an diesen Sommer zu verlieren, gruselte ihn schon genug. Zumindest schien sein Onkel nicht dafür verantwortlich zu sein, da es ganz so aussah, als wenn all diese Blind Eye Society von McGucket selbst kam.
Auf der anderen Seite hatte McGucket einst mit dem Autor - mit Stanford - zusammengearbeitet, von daher erschien es nicht komplett unmöglich, dass sein Onkel auf irgendeine Weise mit der Sekte verknüpft war. Nichts schien mehr unmöglich.
Aber die verrückte Sekte jetzt mal ganz außen vor gelassen, hatten die Erinnerungen ein weiteres großes Geheimnis enthüllt: Stanford hatte an einer Maschine gebaut. Eine Maschine, von der die Menschheit profitieren sollte. Eine Maschine, die komplett aus der Bahn geraten war und seinen Assistenten dazu getrieben hatte, den Verstand zu verlieren und sich diese Pistole zu bauen, um sich damit seine Erinnerungen auszulöschen und alles zu vergessen...
Zumindest erklärte dies die seltsamen Blaupausen im Tagebuch. Aber wofür war die Maschine eigentlich geplant gewesen? Etwas, von dem die Menschheit profitieren konnte... Dipper konnte sich partout kein Bild davon machen, was es möglicherweise sein könnte.
Was war damit geschehen? Wurde die zerstört? Deaktiviert? Stand die immer noch irgendwo herum? Und wenn ja, wo? War die noch immer in Benutzung? So viele weitere, drängende Fragen, die in seinem Kopf herumschwirrten. Es schien, dass mit jedem Schritt, den er vorwärts ging, er zwei weitere zurück ging und jede Antwort präsentierte nur weitere Fragen. Es war höllisch frustrierend und es gab niemanden, den er um Hilfe fragen konnte, mit Ausnahme seiner Freunde und seiner Schwester, die genauso ratlos wie er waren... und vielleicht seinen Onkel selbst, aber die letzte Option konnte er getrost vergessen und...
Oh...
Es fiel ihm jetzt erst auf. Mabel war die letzten Tage seltsam stumm geblieben, was dieses Thema anging, und hatte nicht ein einziges mal versucht, Dipper dazu zu überreden, einfach auf deren Onkel zuzugehen und es mit ihm auszudiskutieren.
Nächstes mal, wenn er hier runter kam und am Portal weiter arbeitete, sollte er sich echt Schutzkleidung anziehen oder vorher alles an die Wand nageln. So konnte er sich wenigstens nicht nochmal die Hand verletzen, so wie letztes mal. Eh, was soll's. Dies waren nur ein paar kleine Aufopferungen, um seinen Bruder zu retten. Er konnte mit dem Schmerz leben.
Und überhaupt, es gab schlimmeres, als physische Wunden... psychische Wunden zum Beispiel.
Und genau so eine wurde ihm am nächsten Tag geliefert. Er war mit Dipper ins Gespräch gekommen - bei dem der Junge seine Antworten sehr knapp gehalten hatte - und an einem Punkt hatte dieser ihn versehentlich mit Stanford angesprochen. Dies hatte beide dazu gebracht, mitten in der Konversation zu erstarren und obwohl Dipper sich sofort bemühte, den Ausrutscher runterzuspielen, konnte Stan fühlen, wie sich ein schwerer Klotz in seinem Magen bildete.
Stanford.
Dipper nannte ihn nie bei diesem Namen.
...So schlimm stand es jetzt also zwischen ihnen, eh?
Das schlimmste daran war, dass er nicht mal wusste, was überhaupt los war, das der Junge sich so verhielt. War er wegen irgendwas sauer auf Stan? Vielleicht trug er ihm den Streich mit dem Kunden noch nach? Oder distanzierte er sich aus einem anderen Grund? Vielleicht hatte es etwas mit dem Argument zu tun, dass seine Schwester vor einiger Zeit erwähnt hatte? Gespräche mit Mabel und Soos gaben ihm keine Resultate und Dipper weigerte sich, darüber zu sprechen, weswegen es nichts gab, was er tun konnte, außer vielleicht den Jungen näher im Auge zu behalten.
Aber es war schwer, sich um den Jungen zu kümmern, wenn er immer noch einen Großteil seiner Zeit dafür aufwenden musste, sich um seinen Job und das Portal zu kümmern. Stan seufzte. Vielleicht würde er mehr Zeit haben, der ganzen Sache auf den Grund zu gehen, wenn Ford erstmal da wäre...
Sie hatten es geschafft. Sie hatten Globnar bezwungen und sie hatten den Zeitwunsch für Soos gewonnen. Es war ein gefährliches, anstrengendes Unterfangen gewesen, aber sie hatten bis zum Ende durchgehalten.
Es war nur eine Schande, dass sie keine zwei Zeitwünsche kriegen konnten, zumal sie beide zusammen daran teilgenommen hatten. Es wäre nett gewesen, wenn es für jedes Geschwisterteil einen gegeben hätte, nicht wahr? Auf die Art hätte Dipper seinen eigenen Wunsch nutzen können, um all die Geheimnisse hinter dem ganzen Mysterium zu lüften und seinen Onkel zu konfrontieren und vielleicht auch McGucket vor dem durchdrehen zu bewahren.
Nun gut, er hätte auch Soos Wunsch dafür nehmen können, aber so selbstsüchtig wollte er dann auch nicht sein. Soos hatte die Chance verdient, mal endlich seinen Vater wiederzusehen, nach all den Jahren - selbst wenn der Handwerker sich letztes Endes nur für ein Stück unendliche Pizza entschieden hatte.
...Okay, vielleicht hätte Dipper wirklich den Wunsch für sich selbst nehmen sollen. Oh, was soll's.
Auch wenn der Wunsch jetzt futsch war, hieß es nicht, dass sie nicht mehr in der Lage waren, alles zu enträtseln. Ja, der ganze Fall war immer noch frustrierend wie eh und je, aber der Junge fühlte sich echt so, als würde er jeden Tag mehr und mehr davor stehen, etwas Großes aufzudecken.
Stanford benahm sich jeden Tag seltsamer, von daher wusste Dipper, dass sein Onkel etwas vor ihm verbarg und er war entschlossen, herauszufinden was es war.
Als wenn es nicht schon schlimm genug wäre, dass die Kinder so betrübt und seltsam drauf waren, musste jetzt auch Soos deprimiert sein. Wobei dies ganz leicht damit erklärt werden konnte, dass sein Geburtstag vor der Tür stand. Und der Handwerker war dafür bekannt, seine Geburtstage zu hassen. Zu blöd nur, dass die Kinder dies nicht wussten, bevor sie die Party geschmissen hatten.
Aber selbst wenn Stan rechtzeitig daran gedacht hätte, die Kinder im voraus zu warnen, war es nicht so, als wenn die Zwei wirklich für ein Gespräch empfänglich waren. Vor allem Dipper. Er hatte noch einige male versucht, den Jungen dazu zu kriegen, mit ihm über seine Probleme zu reden, doch es hatte nicht den gewünschten Effekt gehabt.
Mabel, auf der anderen Seite, war ein wenig mehr offen für Gespräche, aber Stan konnte sehen, dass auch sie ihm etwas verschwieg. Wieder mal hatte er ihr versichert, dass sie mit ihm über alles reden könne, was sie belastete, und das er immer für sie da wäre. Und obwohl sie diese Worte in der Vergangenheit immer sehr zu schätzen wusste, schien sie nun deutlich zwiegespalten zu sein. Dies half nichts, seine eigenen Sorgen zu lindern.
Was zur Hölle war nur mit den Kindern los?
Dieser gesamte Konflikt zog natürlich die Atmosphäre im gesamten Haus runter. Dipper erschien in letzter Zeit deutlich angespannter. Er murmelte ständig mit sich selbst und beobachtete die Anderen - Stan ganz besonders - mit Argusaugen. Mabel, gesegnet sei ihr Herz, versuchte die ganze Zeit, ihre normale, sorglose Fassade aufrechtzuerhalten und jedermann aufzumuntern, aber man konnte ihr ansehen, dass auch sie betroffen war.
Und Stan... nun, Stan konnte nicht anders, als sich hilflos zu fühlen. Er war für die Kinder zuständig, verdammt, er sollte doch wohl in der Lage sein, ihr Problem zu erkennen und zu lösen! Doch es gelang ihm nicht... und diese Tatsache zog ihn ebenso runter und ließ ihn gestresst und unsicher fühlen. Wie als wenn er die Kinder auf irgendeine Art im Stich lassen würde.
Als er sich im Labor hinsetzte und an der Maschine werkelte, begann er sich zu wundern, wie sein Bruder wohl mit der Situation umgegangen wäre, wenn er in Stans Schuhen stecken würde. Ford war schon immer erwachsener und verantwortungsbewusster gewesen, im Gegensatz zu ihm. Er wäre bestimmt in der Lage, die Situation zu lösen...
Es war geradezu angsteinflößend, wie einfach man Leute manipulieren konnte. Man musste sich nur Mabel und ihren Liebestrunk ansehen. Oder wie Mr. Pines immer Leute um ihr Geld betrog. Dipper erschauderte und seine Gedanken kehrten zu dem dunklen Ort zurück, an dem er sich in letzter Zeit immer öfter wiederfand.
Hatte deren Onkel jemals Manipulationstaktiken oder irgendwelche Tränke an ihn und seiner Schwester angewandt? Oder an Soos und Wendy? Oder an irgendeinen anderen Menschen, den er in der Vergangenheit gefangen genommen hatte? Es war ein grauenvoller Gedanke und einer, den Dipper nicht weiter verfolgen wollte, aber wenn er eines in den letzten Wochen gelernt hatte, dann das, dass man keine Möglichkeit einfach verwerfen sollte.
Er durchsuchte seine eigenen Notizen und das Tagebuch nach Infos, die man möglicherweise zur Manipulation verwenden könnte, doch er fand nichts. Natürlich, wenn sowas tatsächlich existierte, würde deren Onkel das wohl kaum in dem Tagebuch aufschreiben, wo jeder neugierige Leser dies einfach nachschlagen konnte.
Auf der anderen Seite hatte er diese Blaupausen aufgeschrieben, also hatte er vielleicht kein Problem damit, dem Buch sensible Geheimnisse anzuvertrauen. Aber andererseits, wenn es so sensibel war, warum hatte er das ganze Ding nicht einfach den einen Tag konfisziert, anstatt es Dipper zurückzugeben? Der Junge kratzte sich frustriert am Kopf. Dies ergab einfach keinen Sinn! Nichts von all dem machte Sinn!!
Er wandte sich seiner Pinnwand zu und bewegte hektisch Fotos, Notizen und Fäden hin und her, in der Hoffnung, dieses Puzzle endlich lösen zu können, wenn er sich nur genug anstrengte.
Aber es war unlösbar. Es fehlten immer noch zu viele Teile.
Dieser Tag war nicht der produktivste gewesen, wenn er so daran zurückdachte. Okay, er und Soos hatten an seinem Heißluftballon gearbeitet, in der Hoffnung, die Jugend damit zu beeindrucken und hoffentlich ein wenig Geld an ihnen zu verdienen, aber es war nicht ganz so verlaufen, wie er es sich vorgestellt hatte. Genauer gesagt würde er sich nicht wundern, wenn die Kinder sich nach diesem Stunt komplett von ihm fernhalten würden. Was soll's, von der Jugend gemocht zu werden war eh überbewertet...
Und überhaupt war er einfach nur froh über die Ablenkung gewesen. Zumindest musste er die ganze Zeit über, in der er an dem Ballon arbeitete, nicht an die Situation mit den Zwillingen denken. Diese ging immer noch voran.
Er hatte Soos mal nach seiner Meinung zu dem Ganzen gefragt, während sie zusammen arbeiteten, und es schien, als wenn sein Handwerker ein bisschen was darüber wusste, was mit den Zwillingen los war, wobei er seinem Boss keine Details verriet. Das einzigste, was Soos dazu sagte, war, dass er sich darum kümmern würde und das sich Stan keine Gedanken machen sollte... Doch Stan hatte so eine Ahnung gehabt, dass dies nur eine Ausrede war, die sein Angestellter verwendet hatte, um Stans Sorgen zu beruhigen.
Und dann hatte Soos etwas überraschendes gesagt. Er hatte seinen Boss einen Moment lang angestarrt, komplett ernst, und ihn gefragt, ob Stan in letzter Zeit irgendwelche Geheimnisse vor den Kindern gehabt hatte. Der alte Mann war für einen Moment verwirrt gewesen - und auch ein wenig nervös. War es möglich, dass die Kinder etwas über das Labor und das Portal wussten? Über seine geheime Arbeit? Aber dann hatte er mental den Kopf geschüttelt. Nein, dass konnte es nicht sein. Er hatte immerhin dafür gesorgt, dass dieses Geheimnis absolut sicher war und das Tagebuch in Dippers Besitz gab auch nicht genug preis. Nein, sein Geheimnis war sicher.
Aber war dies der Grund für das seltsame Verhalten? Glaubte Dipper, dass er ihm irgendwas verheimlichte? Er plante, den Jungen morgen nochmal zur Rede zu stellen.
Etwas war im Anmarsch! Etwas war im Anmarsch!!
Dies war alles, woran Dipper denken konnte, als er nach Hause eilte. Es war seltsam. Den meisten Tag über war er komplett von der Geisterjagd abgelenkt gewesen. Er hatte etwas Zeit mit Pacifica verbracht, hatte sie dabei besser kennengelernt und hatte für einen Moment sogar seine Sorgen und Paranoia ein Stück vergessen.
Zumindest, bis der alte McGucket erschien und ihn zur Seite zog.
Er hatte ihm seinen reparierten Laptop gezeigt, welches einen Countdown zeigte, der langsam hinunter zählte. Der alte Mann war panisch gewesen und hatte von einem großen Event erzählt, welches im Anmarsch war. Irgendwas gefährliches...
Die Apokalypse! Die Apokalypse, auf die sich sein Onkel vorbereitet hatte!
Es war keine Zeit mehr zum feiern. Der Junge hatte sich sofort seine Schwester geschnappt und sie von der Villa weggezogen. Zu Anfang hatte Mabel noch protestiert, aber nachdem er ihr die Situation und die Dringlichkeit erklärte, hielt sie intelligenterweise den Mund und folgte Dipper.
Sie machten sich sofort auf den Heimweg, während McGucket den Laptop zurück zu seinem Heim brachte, mit dem Versprechen, dass er das Gerät nach weiteren Informationen durchsuchen würde. Aber anstatt auf direktem Weg nach Hause zu gehen, entschied sich Dipper spontan, einen kleinen Abstecher in den Wald zu machen, obwohl es bereits Nacht war. Er musste den Bunker besuchen. Vielleicht ging dort irgendetwas vor sich.
Aber dieser Trip brachte keine Ergebnisse mit sich. Der Bunker war immer noch ganz derselbe gewesen. Nichts war bewegt worden, der Shapeshifter war noch immer eingefroren und es gab nirgendwo einen einzigen Hinweis. Die Zwillinge kamen schließlich irgendwann todmüde zu Hause an, doch während Mabel sofort auf ihr Bett fiel und einschlief, schritt Dipper rastlos durch den Raum und grübelte nach. Darüber, was wohl kommen mag und was sie tun konnten, um es zu stoppen. Dies tat er stundenlang.
Seine Paranoia nahm nicht einmal für eine Sekunde ab. Vor allem nicht, nachdem, früh am nächsten Morgen, die Schwerkraft einen Moment lang aussetzte und der Junge für einige angsteinflößende Sekunden durch die Luft schwebte, bevor er schließlich zu Boden geschleudert wurde, mit dem Gesicht nach unten...
Den ganzen Morgen lang hatte Stan akribisch seinen Einbruch in das Regierungsgebäude geplant, um den Treibstoff für das Portal zu stehlen. Es war das Letzte, was er noch tun musste, ehe er endlich das Event starten konnte. Er war so nah dran!
Leider konnte er Dipper nicht an diesem Tag vorfinden, da dieser und seine Schwester anscheinend zu der Northwest Villa gegangen waren, um nach Geistern oder dergleichen zu jagen. Der Junge war aber auch recht gefragt gewesen, seit er diese riesige Vampirfledermaus gefangen hatte.
Und Stan hatte auch nicht die Zeit gehabt, auf deren Rückkehr zu warten. Es wurde bereits spät und er musste sich beeilen, wenn er die Fässer rechtzeitig stehlen wollte. Mit einem Seufzer setzte er sich ins Auto und fuhr los...
Als er früh am nächsten Morgen zurückkehrte und den geklauten Treibstoff in die Maschine umfüllte, machte er sich eine mentale Notiz, dass er unbedingt nach Sonnenaufgang noch mit dem Jungen reden musste. Auf das er all die Missverständnisse zwischen ihnen klären konnte, bevor Ford zurückkehrte. Er wollte nicht, dass es noch irgendwelche Anspannungen zwischen ihnen gab, wenn die Familie endlich komplett war.
Nach dieser Schwerkraft-Anomalie war er komplett in Panik ausgebrochen. Er war aus dem Zimmer gerannt, auf der Suche nach seinem Onkel, um diesen zur Rede zu stellen, doch er konnte den Kerl nirgendwo finden. Er war nicht in seinem Zimmer gewesen und auch nicht irgendwo anders im Haus. Es war noch zu früh für Soos und Wendy, zur Arbeit zu erscheinen, und sie waren wahrscheinlich eh noch am schlafen. Mit keiner anderen verfügbaren Option, eilte er schließlich zurück in sein Zimmer und rüttelte Mabel wach, um seine noch schläfrige Schwester über die seltsame Anomalie vollzuquatschen, die er soeben miterlebt hatte.
Sie versuchten, sich zusammen ein paar Pläne auszudenken, doch nun holte Dipper so langsam der Schlaf ein. Er hatte die letzten Tage eh schon Probleme gehabt, genug zu schlafen und das er die letzte Nacht über wach gewesen war, half ihm gar nicht. Bevor Dipper sich versah, war er ins Land der Träume entschwunden.
Stunden später wachte er zu dem Geräusch einer klirrenden Fensterscheibe auf. Er richtete sich verschlafen auf und rieb sich die Augen, nur um von den Anblick diverser Spezialeinheiten begrüßt zu werden, die sein Zimmer absicherten. Dipper war sofort hellwach.
Er hatte sich bereits auf das Schlimmste vorbereitet, doch was Agent Powers und Agent Trigger ihm erzählten, war welterschütternd gewesen. Sie hatten ihm von einer Doomsday-Maschine erzählt, die irgendwo auf diesem Anwesen versteckt war; darüber, wie Mr. Pines gefährliche Abfälle gestohlen hatte und ein Doppelleben führte...
Es hatte alles Sinn ergeben. Der Bunker, die Blaupausen im Tagebuch, die Geheimnisse, die Anomalien, die Diskrepanzen zwischen dem Mann, der im Tagebuch beschrieben wurde, und dem echten Stanford Pines... Es ergab alles zu viel Sinn, um es einfach abzuweisen.
Dennoch, der Junge musste es mit eigenen Augen sehen. Er musste die Wahrheit sehen. Und als Agent Trigger die Kinder zum Jugendamt fuhr, heckten er und seine Schwester einen Plan aus, um zu fliehen und zurück zum Mystery Shack zu kommen. Und was sie in Mr. Pines Büro fanden... Diese Videokassetten... Diese gefälschten Ausweise...
...Diese Zeitungsartikel...
Selbst Mabel konnte die Fakten nicht länger leugnen, nach dem Fund. Sie hatten mit einem Fremden zusammengelebt, einem Trickbetrüger. Jemand, der, dem Anschein nach, wahrscheinlich ihren wahren Onkel ermordet und einfach seine Rolle angenommen hatte. Jemand, der es sich zur Gewohnheit machte, die Identitäten anderer Leute zu stehlen. Der wahrscheinlich geplant hatte, auch die Identität des einen Kunden zu stehlen, den er als Ausstellungsstück gefangen hielt, hätten Dipper und Mabel den nicht befreit.
Genau genommen, wenn er sich so die Fakten ansah, war es gut möglich, dass die Tagebücher von ihrem eigenen, originalen Onkel geschrieben wurden und das der Trickbetrüger einfach den Platz ihres Onkels übernommen hatte, um dessen Maschine für sich selbst zu nutzen. Um sich die Maschine in eine Doomsday-Maschine umzubauen, um zu... ja, was? Die Welt zu beherrschen? Alles zu zerstören? Wer wusste das schon?
Und wer wusste überhaupt, was dieser Mann seiner angeblichen Nichte und Neffen angetan hätte, sobald er mit der Maschine fertig war?
Es brauchte nicht viel Aufwand, diese Maschine mithilfe des Notizzettels aus dem Büro ausfindig zu machen. Sie machten sich sofort ans Werk, dieses Ding zu deaktivieren, bevor es noch alles zerstören konnte.
Und dann war der Trickbetrüger aufgetaucht.
Es hatte viel Wut gegeben, viel Gezanke, viel Bettelei von dem Kerl... Die Schwerkraft hatte mittlerweile komplett ausgesetzt, die Maschine stieß eine gewaltige Druckwelle aus und ehe Dipper sich versah, wurde er gegen die Wand geschleudert. Einzig seine Schwester war noch nah genug, um den Knopf zu drücken.
Mabel, ganz ihrer Persönlichkeit entsprechend, hatte einen allerletzten Moment der Schwäche gezeigt, als dieser Fremde darauf bestanden hatte, dass er alles für sie, für die Familie, tat - eine dreiste Lüge. Dipper hatte sie angeschrien, verbal mit ihr gekämpft und an ihre Logik und die knallharten Fakten appelliert, während die Kräfte dieser Doomsday-Maschine das Labor nebenbei nach für nach in Stücke riss...
Und dann hatte Mabel ihre Wahl getroffen.
Sie entschied sich für Dipper.
Die Maschine schaltete sich mit einem Knall ab. Wortwörtlich. Es war kurz davor gewesen, sich komplett aufzuladen und als seine Schwester den Knopf drückte, sorgte die geballte Ladung dafür, dass sich das Ding selbst in einer Explosion zerriss. Eine Explosion, die Mabel glücklicherweise größtenteils verschonte. Jeder wurde zu Boden geworfen, als die Schwerkraft zurückkehrte und obwohl sein Körper von dem Aufprall noch schmerzte, konnte Dipper nicht verhindern, dass sich ein erleichtertes Lächeln auf seine Lippen schlich.
Sie hatten es geschafft.
Alles vorbei... Alles vorbei... Alles vorbei...
Das war alles, woran er denken konnte, als er gefesselt im hinteren Part des Helikopters saß. Es war alles vorbei...
Er hätte die Warnsignale sehen sollen. Er hätte skeptischer sein müssen, als Dipper anfing, sich von ihm zu distanzieren; oder als Soos ihn den einen Tag fragte, ob er irgendwas vor den Kindern verheimlichte; oder als er diesen Morgen Mabel gefunden hatte, wie sie alleine draußen vor dem Haus saß. Das Mädchen hatte komplett müde und besiegt ausgesehen und konnte ihrem Gronkel nicht ein einziges mal in die Augen sehen, während sie ihm erklärte, dass Dipper noch oben im Zimmer war und schlief.
Er hatte versucht, das Mädchen dazu zu bringen, ihm zu erzählen, was sie so belastete; und er hatte auch geplant, dasselbe Gespräch mit Dipper zu führen, sobald der Junge aufwachte. Aber dann waren die Regierungsagenten erschienen und alles war den Bach runter gegangen...
Er hätte wirklich die Warnsignale sehen sollen. Aber er war schon immer unfähig gewesen, wichtige Details zu erblicken und die Gesamtsituation zu begreifen. Dies war der Grund, wieso er versehentlich Fords Schulprojekt zerstört hatte, wie er von so vielen Staaten verbannt wurde, wie er Ford versehentlich in eine andere Dimension verbannt hatte, wie er nicht mitbekommen hatte, dass die Regierung ihm die ganze Zeit lang auf der Spur gewesen war... und wie er das Vertrauen der Kinder verloren hatte.
Er stieß ein humorloses Lachen aus.
Scheint so, als wäre er schon immer ein Versager gewesen.
Alles war wieder normal. Gravity Falls war gerettet. Die Zwillinge hatten die Apokalypse gestoppt, die beinahe von einem Lügner, einem Kriminellen und einem Wahnsinnigen ausgelöst wurde.
Sie lebten momentan wieder mit Soos zusammen und warteten darauf, dass ihre Eltern morgen erschienen, um sie abzuholen. Sie alle drei waren noch ziemlich mitgenommen von der Auseinandersetzung im unterirdischen Labor und allem, was sie die letzten Tage so gelernt hatten.
Mabel fragte ihn oft, ob es das alles wert gewesen war. Ob sie das richtige getan hatten. Ob vielleicht ihr „Onkel“ doch die Wahrheit gesagt hatte. Und jedes einzelne mal musste Dipper sie beruhigen und sie erneut an die Fakten erinnern, die sie bereits selbst wussten und die die Agenten ihnen erzählt hatten.
Stanford Pines war der Autor gewesen. Dies war die Wahrheit. Der Briefkasten hatte es gesagt.
„Stanford Pines“ hatte dies alles nicht für seine Familie getan. Das war eine Lüge. Er hätte es ansonsten nicht vor Dipper und Mabel geheim gehalten.
Aber um auf Nummer sicher zu gehen - und um Mabels Gewissen zu beruhigen - würde er mit seiner Schwester morgen früh den Briefkasten aufsuchen und es über den wahren Zweck der Maschine ausfragen und darüber, was dieser Mann mit dem Ding geplant hatte. Zeit, ein paar echte Antworten von einer vertrauenswürdigen Quelle zu holen...
