Chapter Text
Es war ein sehr kalter Tag in München und alles was Hermann wollte, war in den Zug zur Arbeit zu steigen. Leider hatte die Bahn da ihre eigenen Pläne.
„Wegen Bauarbeiten fällt der RE5 nach Aalen Hauptbahnhof leider aus.“
Die gesamte Menge stöhnte. Das-kann-doch-nicht-wahr-seins und Ich-glaubs-ja-nichts wurden laut. Hermann schnalzte mit der Zunge. Er mochte es ganz und gar nicht, zu spät zu kommen. Der nächste Zug nach Augsburg würde erst in einer halben Stunde kommen und zudem ein ICE sein. Das war ihm eigentlich zu teuer, aber der Zug danach wäre 19 Minuten später als sein Vorgänger und so viel Verspätung wollte Hermann sich nicht leisten. Dafür musste er das Gleis nicht wechseln. Die Treppen machten seinem Bein mit der alten Wunde jedes Mal zu schaffen.
Er zupfte seinen Parka zurecht und machte sich auf den Weg zum Ende des Gleises. Immerhin hatte er jetzt Zeit für eine Zigarette. Er begab sich in das gelbe Quadrat zu zwei anderen Rauchern, setzte sich auf die Bank und steckte sich eine an.
„Hey, sorry!“
Eine Stimme erklang von seiner Rechten und Hermann drehte sich in ihre Richtung. Ein kleiner Mann stand neben der Bank und starrte ihn entnervt an. Er hatte die Arme verschränkt und den Mund angeekelt verzogen.
„Entschuidigung?“ Hermann hob seine Augenbrauen fragend an.
Der Fremde trat zu Hermanns Missfallen einen Schritt an ihn heran. War dem Mann der Begriff „Privatsphäre“ bekannt?
„Sie rauchen direkt in mein Gesicht!“, merkte der Fremde an.
Hermann blinzelte ein paar Mal verwirrt. Dann nahm er erneut einen Zug seiner Zigarette.
„Ey, ich glaub’s ja nicht! Fucking bitch! Rauchen Sie in eine andere verdammte Richtung!“
„I mog darauf hiweisn, dass mia do im Raacherbereich schdengan und i daha jeglichs Recht hob, ma a Kippn zua genehmign“, merkte Hermann sachlich an. Was für ein furchtbarer Mensch! Was machte der Mann überhaupt im Raucherbereich, wenn er gar nicht rauchen wollte?
Der Fremde stöhnte laut. „Gott, schon wieder einer! Hören Sie mal, könnten Sie vielleicht auch Hochdeutsch sprechen? Ich bin grad erst wieder zurück nach Deutschland gezogen und ich verstehe kein Wort von Ihrem Akzent!“
„Na, des is dann wohl ihr Pech.“ Hermann schnaubte und nahm einen weiteren Zug. „Kanntn Sie mi dann bitte aloa lossn? Wenn da Raach Sie stört, dann gengan Sie aus am Raacherbereich.“
Der Fremde funkelte ihn noch kurz mit seinen dunkel umrandeten Augen an, drehte sich dann mit einem „Scheiß drauf!“ um und ging.
Als der Zug schließlich einfuhr, hatte er zusätzliche 10 Minuten Verspätung und der RE danach 40. Hermann stieg also in den ICE und suchte einen Platz. Die Leute stapelten sich beinahe übereinander und die Heizung war viel zu hoch eingestellt. Hermann strandete schließlich stehend in einem Gang. Er hatte freie Sicht auf die erste Klasse. Sie war vollkommen leer.
„Unglaublich, oder?“, murrte eine Frau, die unangenehm nah bei Hermann stand, zu niemanden bestimmten. „Dass die die erste Klasse nicht einfach für alle aufmachen.“
Ein paar stimmten mies gelaunt zu. Jemand anderes merkte an: „Typisch Deutsche Bahn!“
Ein fremder Aktenkoffer stach in seine Seite und Hermann versuchte sich etwas neu zu positionieren. Es funktionierte nicht sonderlich gut, aber dafür stand er plötzlich dem Fremden aus der Raucherzone gegenüber. „Ach herrje!“
„Fuck! Was machst du denn hier?“
Hatte der Fremde ihn gerade geduzt? Unfassbar! „Bitte hearn Sie auf mi zua belästign. Und sprichn Sie mi bitte mid ‚Sie’ an. Mia san koa Freinde.“
Der Fremde starrte ihn kurz verständnislos an. „Was soll ich? Was hast du da gesagt? Ich versteh echt kein Wort.“ Er lachte verlegen und Hermann war etwas verwirrt. Er hatte nicht mit diesem Sinneswandel gerechnet. Er hätte eher gedacht, dass der andere Mann noch wütend auf ihn war. Trotzdem ging er ihm gehörig auf die Nerven. Wer geht denn nach Bayern, ohne Bayrisch zu sprechen?
„I sogte, Sie soin mi siezn!“
„Ich soll… Kannst du echt kein Hochdeutsch?“
„Siezen Sie mich.“ Hermanns Dialekt war immer noch sehr stark, aber immerhin war es nun eindeutiges Hochdeutsch und der Fremde nickte.
„Okay, schon besser. Kannst du aber vergessen. Wir haben schon zu viel zusammen erlebt, wir sind jetzt bei du!“ Hermann schnaubte an dieser Stelle aber der Fremde redete einfach weiter. „Wieso redest du denn erst jetzt vernünftiges Deutsch? Ich hab dich echt gar nicht verstanden, man!“
„VERNÜNFTIGES DEUTSCH?“, rief Hermann aus. Viele Köpfe drehten sich empört in seine Richtung. „Dieses hochnäsige dialektfreie Deutsch ist wohl kaum vernünftig, sondern eher- “
Der Fremde lachte laut auf. „Das stört dich daran, Alter? Dass es hochnäsig klingt? Als ob! Ich mein guck dich mal an!“
„Guck mich an? Was ist falsch daran sich vernünftig zu benehmen und mit Mitte 30 nicht mehr Ausdrücke wie ‚Alter’ zu benutzen?“
Die beiden stritten den Rest der Zugfahrt durch und es war ein Wunder, dass sie nicht aus der Bahn geworfen wurden. Nicht, dass nicht der halbe Zug Drohungen ausgesprochen hatte.
Als Sie den ICE endlich verließen, stritten sie allerdings weiter und das führte sich auch so fort, als sie in die gleiche Straßenbahn stiegen und an der gleichen Station ausstiegen und in die gleiche Universität liefen.
„Ohne Scheiß? Du arbeitest auch hier?“, fragte der Fremde.
Hermann ließ einen sehr langsamen und leidenden Seufzer raus. „Ja, bereits seit fünf Jahren. Warum habe ich Sie hier noch nie gesehen?“
„Hab grad erst hier angefangen. Ich bin Newt!“ Er streckte die Hand aus.
„Des konn doch grod a Scherz sei! Dr. Newton Geiszler?“ Das konnte nicht sein. Er kannte Geiszler, sie hatten ein paar Mal miteinander bezüglich der Publikationen des anderen geschrieben. Er hatte Dr. Geiszler gemocht. Newt hingegen fand er abstoßend. Er riss sich aber zusammen und ergriff dessen Hand. „Dr. Hermann Gottlieb.“
„Nein, Alter, ist nicht dein Ernst!“
Hermanns Arbeit würde von nun an sehr viel anstrengender werden.
