Work Text:
Percy weiß viele Dinge mit Sicherheit, sonst wäre er nicht Schulsprecher und Klassenbester seines Abschlussjahres (und jedes davor kommenden Jahres) zugleich gewesen. Er ist sich die meiste Zeit über sehr im Klaren darüber, was er weiß und wovon er keine Ahnung hat. Er weiß, sich eine Meinung zu bilden, Informationen zu sammeln und zu analysieren, und er weiß, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Und vielleicht (wahrscheinlich, definitiv) ist das der Grund (oder zumindest einer), warum ihm der Boden unter den Füßen entgleitet, wenn er sich in einer Situation befindet, die er nicht richtig einordnen kann. (Der Terminkalender ist farblich kodiert, jede Aufbewahrungsbox mit Label versehen, jede Aktivität des Tages minutiös geplant.)
Percy mag Oliver (magmagmag Oliver) und er weiß, dass Oliver ihn auch mag (genug zumindest, um eine Beziehung mit ihm zu führen). Percy möchte alles mit Oliver teilen, und er denkt, dass er weiß, dass Oliver auch alles mit ihm teilen möchte. (Er hat auch gedacht, zu wissen, dass Voldemort nicht wiederkehren könne.)
Oliver sagt ihm immer wieder, dass er ihn möge (genauso sehr, auf dieselbe Art und Weise, Perce) und dass er alles mit ihm teilen möchte, weil er sich nicht mehr vorstellen könne, einen einzelnen Tag ohne ihn an seiner Seite zu verbringen. (Das Ministerium hat ihm auch gesagt, dass Voldemort nicht wiederkehren könnte.)
Aber manchmal sind da auch Variablen, die Percy nicht einplanen kann, die ihn überrumpeln und niederringen, obwohl er eigentlich dachte, dass er sich genug vorbereitet und alle Risiken kalkuliert habe.
Oliver lädt Percy zum Essen ein.
Oliver lädt Percy zum Essen mit seinen Eltern ein.
Und Percy weiß, dass er sich gut anstellt, weil er all die Regeln kennt, um Eindruck zu machen. Er bringt Blumen und Elfenwein, er schüttelt Hände mit einem steifen Lächeln, das ihm hoffentlich kein Mensch als abweisend oder unhöflich auslegt, und er wird in den Arm genommen, als sei er ein Teil der Familie. Er beteiligt sich am Gespräch, während sie am Esstisch sitzen, und er lacht sogar ein- oder zweimal ein peinlich berührtes Lachen.
Olivers Eltern sind phantastische Menschen und Percy glaubt zu wissen, dass sie ihn für absolut unmöglich halten. (Was sie mit Sicherheit schon getan haben, als Oliver und Percy nur befreundet waren, weil niemand je so wirklich froh darüber ist, Percy irgendwo zu haben. Außer Oliver. – Sagt Oliver zumindest.)
Sie stehen vor dem Gartentor der Woods und Percy überlegt für einen Moment, ob sie nicht doch vielleicht das Flohnetzwerk nutzen sollten, damit er sich nicht der Zersplinterung Olivers schuldig macht. (Weil der immer noch nicht den Apparierschein gemacht hat, was in Ordnung ist, die meiste Zeit zumindest, wenn Percy nicht gerade das Gefühl hat, als wäre ihm seine eigene Haut zu eng.) Aber dann müsste er Oliver erklären, warum er sich nicht wohl damit fühlt, zu apparieren. (Und viel schlimmer: Sie müssten noch einmal nach drinnen gehen und ihren Meinungswechsel ob der Transportvariante gegenüber den Woods rechtfertigen.)
Sie umfassen sich gegenseitig und Percy atmet noch einmal tief ein und aus, bevor sie Seit-an-Seit in ihre Wohnung apparieren.)
„Ist irgendwas?“, fragt Oliver, kaum dass sie ihre Mäntel ausgezogen und ihre Schuhe im Schrank verräumt haben. „Du wirkst angespannt.“
„Roger sagt, ich sei immer angespannt“, stellt Percy nüchtern fest, auch wenn sich sein Inneres anfühlt, als würde eine Schere in Geschenkpapier hängen bleiben. Er sieht Oliver nicht direkt an und möchte sich gerade nur umdrehen und ins Wohnzimmer gehen, um sich vielleicht mit einem Buch auf das Sofa zu setzen und die nervöse Unruhe zu bekämpfen, die sich in seiner Magengegend angesammelt hat. Er muss sich nicht übergeben und das ist gut, oder nicht? Müsste er sich übergeben, wäre es schlimm, weil es bedeuten würde, dass es ihm Schlechter geht. Aber ihm ist nur übel und ein Stein liegt ihm im Magen, der sich unangenehm voll anfühlt, obwohl er gerade einmal so viel gegessen hat, wie es das Hungergefühl tilgt. (Und dass auch das ein Zeichen dafür ist, dass es ihm Nicht Gut geht, will er am liebsten ignorieren, denn das würde ja bedeuten, dass er wieder auf Hilfe angewiesen wäre; dass er allein nicht mehr klarkäme.)
„Gut, dann: Du siehst angespannter aus als sonst“, sagt Oliver und er greift nach Percys Hand, bevor Percy sich tatsächlich von ihm abwenden und verschwinden kann. „Was stimmt nicht?“
Olivers Stimme ist so sanft und sie sollte wohl beruhigend sein, aber sie reibt Percy an all den falschen Stellen. Die Härchen auf seinen Armen stellen sich auf, während Gänsehaut über seine Haut wandert; über seinem obersten Nackenwirbel, an der weichen Stelle direkt unter seinem Schädelknochen breitet sich ein seltsames Gefühl aus, das er nicht näher beschreiben kann; kribbelnd, pulsierend, wie Übelkeit in seinem Gehirn. Es krabbelt und kriecht unter seiner Haut und er möchte nur rausrausraus aus seiner Haut, aus seinem Körper, aus seinem Kopf. Die Hand auf seiner fühlt sich einengend an, obwohl sie gerade einmal die Hälfte seiner eigenen umfasst.
„Percy, schau mich an“, sagt Oliver, während Percy noch dabei ist, panisch abzuwägen, wie sehr es Oliver vor den Kopf stoßen würde, wenn er ihm seine Hand entziehen und einfach gehen würde, so weit weg wie möglich, nur um vielleicht endlich wieder Luft zu bekommen, die nicht schal auf seiner viel zu trockenen Zunge schmeckt.
Percy zwingt seinen Blick nach oben, aber Olivers Blick fühlt sich zu intensiv an, zu stark und geradewegs so, als würde er rücksichtslos jede Schicht von Percys Haut herunterziehen, bis nur noch das rohe, geschundene Innere übrig ist, das Percy normalerweise so weit nach unten stopft, wie er es nur vermag.
Oliver lässt Percys Hand los, als hätte er sich an seiner Haut verbrannt – oder als hätte er einen Blick auf Percy und die stürmische See in seinem Inneren geworfen, und hätte dann beschlossen, dass es das alles einfach nicht mehr wert ist.
„Du musst atmen“, sagt Oliver, was Percy ein wenig beleidigend findet, weil ihm absolut klar ist, dass er atmen muss, was soll er denn auch sonst tun. – Nur, dass er irgendwie gar nicht mehr geatmet hat, was Olivers Besorgnis erklären würde. Und die farbigen Punkte, die am Rand von Percys Sichtfeld aufgetaucht sind.
„Ein“, sagt Oliver, während er einen Viertelschritt zurückgeht und sein Gewicht auf sein schlechtes Knie verlagert, was Percy gerade wie das Schlimmste auf der Welt vorkommt. Aber Olivers ruhige Stimme löst irgendwas in Percys Gehirn, das es nicht über sich bringt, Oliver irgendetwas auszuschlafen, aus und er schnappt nach Luft, als hätte er den ganzen Tag unter Wasser verbracht.
„Aus“, fordert Oliver ihn auf und Percy presst alle Luft aus seiner Lunge, bis er sich fühlt wie ein geplatzter Ballon.
Sie wiederholen das Ganze in einem fünf-drei-fünf Rhythmus und Percy spürt, dass sich die Übelkeit in seinem Gehirn langsam legt und der Stein in seiner Magengrube so tief rutscht, dass er nicht mehr gegen seine Lunge presst.
Dann legt sich Schweigen über sie, in dem Percy einfach nur versucht, seinen Atem weiter zu kontrollieren und nicht in dieselbe Stressspirale zu rutschen, aus der Oliver ihn gerade erst gezogen hat. Und das alles noch immer in dem schmalen Hausflur, in dem eigentlich nur ihre Garderobe Platz hat und sonst nichts.
„Willst Du darüber sprechen?“, fragt Oliver schließlich leise und Percy antwortet genauso sanft: „Nein“, weil Oliver ihm nur Worte bieten kann, die letztendlich genauso wenig Bedeutung haben wie die generelle Panik, die Percy immer wieder überkommt.
„Okay“, sagt Oliver, weil sie beide wissen, dass es keinen Sinn und Zweck hat, mit Percy zu diskutieren, wenn er sich erst einmal für etwas entschieden hat, aber er klingt niedergeschlagen oder vielleicht auch enttäuscht, doch das war schließlich nicht anders zu erwarten. „Willst Du allein sein?“
Will Percy allein sein? Er weiß es nicht. Kann Oliver bei ihm sein, wenn Percy droht, jeden Moment wieder auszurutschen und in den Strudel zu fallen? Will Oliver überhaupt bei ihm sein oder fühlt er sich lediglich verpflichtet, weil er schon so lang bei und mit Percy ist, dass ihm gar nichts Anderes übrigbleibt. (Du wirst mich nicht mehr los, tönt Percy in den Ohren, aber es ist seine eigene Stimme und nicht Olivers, und vermutlich sollte ihm das den vollendenden Schlag verpassen, aber im Gegensatz zu Oliver weiß er, dass die darunterliegende Wahrheit ist: Er kann nicht mehr ohne Oliver. Und er ist egoistisch genug, um sich zu nehmen, was ihm nicht zusteht.)
„Nein“, antwortet er also und die Anspannung aus Olivers Nacken scheint zu verschwinden, also hat Percy vielleicht einmal etwas richtig gemacht, obwohl er sich noch immer so fühlt, als würde er in Variablen schwimmen. Aber Oliver geht so nah hinter ihm in Richtung Wohnzimmer, dass Percy irgendwie spürt, dass sie bald ihre Schnittstelle wiederfinden.
