Work Text:
Der Regen trommelt laut gegen die Fenster, als Percy nach Hause kommt und die Tür hinter sich ins Schloss fallen lässt. Seine Brille beschlägt heftig, aber es ist nicht so, als hätte er durch die großen Regentropfen auf den Gläsern vorher besonders viel mehr sehen können.
Es ist ein ekelhafter Tag und er ist so dankbar, endlich wieder zuhause zu sein und sich nicht mit inkompetenten Mitarbeitenden herumschlagen zu müssen, die glauben, sie wüssten besser als er, wie er seine Arbeit zu erledigen hat. (Er hat nicht studiert, um sich von Helen aus der Personalabteilung anhören zu müssen, dass seine Abrechnung ‚nicht ordnungsgemäß ausgesehen‘ hätte. Was soll das überhaupt heißen? Entweder sie ist ordnungsgemäß oder sie ist es nicht, aber irgendwie so aussehen hat weder Hand noch Fuß und Percy kann mit solcherlei Aussagen überhaupt nichts anfangen.)
Schnaufend schält Percy sich aus seinem triefend nassen Mantel und hängt ihn an die Garderobe, bevor er versucht, sich die Schuhe von den Füßen zu schieben, nur um beinahe gegen die Wand zu fallen, weil er vielleicht doch lieber die Schnürsenkel geöffnet hätte.
Auf das linke Knie sinkend späht Percy unter seinem dicken Brillengestell nach unten und versucht mit Augen Zusammenkneifen und intensiver Konzentration die Knoten zu lösen, damit er sich endlich etwas Trockenes anziehen und einen Tee aufsetzen kann.
Die Wohnung selbst ist totenstill und wenn Percy nicht wüsste, dass die ganze Bagage heute hier sein müsste, dann würde ihn dieser Umstand mehr beruhigen denn misstrauisch machen.
Roger ist keine stille Person und Oliver erst recht nicht und wenn die beiden dann auch noch zusammen sind, weil Oliver endlich mal wieder von einem seiner vielen Gastspiele zuhause ist, dann schaffen es die beiden auch kaum, sich voneinander zu lösen. (Die beiden schaffen es auch kaum, irgendetwas Anderes zu diskutieren als die Spieltaktiken, die Oliver versuchen möchte, Coach zuzuspielen, damit sie vielleicht auch eine Chance gegen renommiertere Teams haben als die, gegen die sie jetzt spielen. – Und wenn Cedric bei ihnen ist, dann wird er auch nicht müde, sie immer wieder daran zu erinnern, dass Oliver nicht dafür da ist, Spielzüge zu entwickeln. Er ist da, um Tore zu hüten und vielleicht noch die Moral oben zu halten, wenn der amtierende Kapitän gerade mal nicht selbst dazu in der Lage ist.)
„Ich bin daheim“, ruft Percy also in den dunklen Flur, weil er die Hoffnung hat, dass er so die Möglichkeit hat, die anderen vorzuwarnen, falls sie gerade etwas tun, das er nicht sehen sollte – oder möchte.
Aber statt dass ihm eine entfernte Stimme aus dem Wohnzimmer, der Küche oder einem der Schlafzimmer antwortet, stolpert Oliver in den Türrahmen, beinahe so heftig schnaufend wie Percy ein paar Augenblicke zuvor, das Haar nass, die Wangen gerötet und die Hosenbeine so dunkel, als hätte er noch viel mehr Zeit im Regen verbracht als Percy. – Dabei sollte Oliver schon sehr viel länger wieder da sein. Warum sollte er die Zeit nicht nutzen, sich etwas Trockenes anzuziehen?
„Heey, Percy!“ Oliver zieht das Hey in die Länge, während er sich voller falscher Gelassenheit an den Türrahmen anlehnt und seine linke Hand nach oben schießt, um sich peinlich betreten im Nacken zu kratzen. „Was machst Du denn schon hier?“
Die Art und Weise, wie Oliver seine Mundwinkel nach oben zieht, sieht extrem unangenehm aus und Percy legt seine Stirn in Falten, weil ihm Olivers ganzes Gehabe ein ungutes Gefühl gibt.
„Du meinst um die Uhrzeit, um die ich immer nach Hause komme?“, fragt Percy also langsam, Skepsis tief in seinen Worten verwurzelt. Es ist ja nicht so, als wäre sein Zeitplan nicht jeden einzelnen Werktag derselbe.
„Aber es regnet doch so stark!“, erwidert Oliver, als hätte Percy das nicht selbst bemerkt.
„Die U-Bahn fährt trotzdem im selben Takt“, stellt Percy fest, bevor er seine Brille von der Nase nimmt und versucht, sie an seinem Pullover trocken zu putzen, aber er verschmiert nur den Dreck, und als er sie wieder aufsetzt, sieht er beinahe noch weniger als zuvor und seufzt ergeben.
Oliver tritt einen Schritt nach vorne und streckt die Hand aus, dann macht er eine sich wiederholende Greifbewegung, mit der Percy absolut nichts anfangen kann.
„Was—“, will Percy fragen, aber Oliver kommt ihm mit seiner Antwort zuvor und unterbricht ihn: „Ich geh sie saubermachen für Dich. Du kannst Dir derweil was Frisches anziehen. Guter Plan? Guter Plan!“
Aber Percy reicht ihm nicht die Brille, sondern tritt einen Schritt näher an Oliver heran, um ihn zu fokussieren und zu fragen: „Was ist los mit Dir?“
„Mit mir?“, wiederholt Oliver, bevor ein nervöses Lachen aus ihm herausbricht. „Was los ist mit mir? Mit mir ist gar nichts los, ich meine, was sollte mit mir los sein?“ Er lacht noch ein bisschen mehr und das ist das ultimative Zeichen für Percy, dass Oliver irgendetwas zu verbergen hat.
„Ja, mit Dir. Was ist los?“
Percy geht noch einen weiteren Schritt auf Oliver zu und ist ihm plötzlich so nah, dass er den Kopf tatsächlich ein wenig nach unten drehen muss, um Oliver noch ins Gesicht sehen zu können. Aber Oliver muss auch den Kopf ein wenig in den Nacken legen, um ihn gescheit ansehen zu können. (Und egal, dass es schon so lange her ist, und es inzwischen so viel mehr Möglichkeiten für ihn gegeben hat, Oliver genau so vor sich zu sehen, bekommt Percy doch jedes Mal ein kleines Ziehen direkt unter sein Zwerchfell, das ihn sich danach sehnen lässt, noch einen Schritt näher zu gehen und Oliver als Encyclopædia Britannica-Konstante an sich zu spüren.)
„Ich, also, ich mein, ich weiß nicht, was Du meinst“, antwortet Oliver und sein Blick weicht Percy lange genug aus, dass Percy ein (gut, zugegebenermaßen vielleicht ein bisschen überspitzt) enttäuschtes Seufzen von sich geben kann, bevor Oliver ihn mit großen Augen wieder fixiert. „Wirklich, Percy. Ich meine, es ist absolut alles wie immer. Kein Grund, sich so aufzuführen.“
Olivers rechter Fuß tappt mit einem nervösen Zucken auf dem Boden auf und Percy schüttelt den Kopf, bevor er sich in nassen Hosen und immer noch viel zu nassem Haar an Oliver vorbei in den Flur schiebt, damit er in Richtung Wohnzimmer gehen kann, in der Hoffnung, dass Oliver sich irgendwie verrät und Percy nicht jedes Zimmer einzeln absuchen muss nach – na ja, nach was auch immer Oliver verzweifelt vor ihm zu verbergen sucht.
Percy kommt an Rogers und Cedrics Zimmertür vorbei und auch an Olivers und seiner, dann passiert er sogar die Tür zum Badezimmer, und als er gerade anfängt, an seiner Oliverkenntnis zu zweifeln (als steckten ihm nicht genug Oliversplitterstückchen im Herzen), eilt Oliver ihm hinterher, um sein Handgelenk zu fassen und ihn vom Weitergehen abzuhalten.
„Warte!“ Olivers Griff wird für einen Moment sogar noch fester, dann entspannen sich seine Finger und liegen bloß noch auf Percys kalter Haut, weil er ganz genau weiß, dass Percy sich nicht einfach weiterbewegen wird, wenn er ihm die Möglichkeit dazu gibt. „Du darfst nicht sauer sein, ja?“
Percy seufzt. „Warum sollte ich sauer sein?“
„Na ja“, erwidert Oliver, oder vielleicht druckst er eher herum, „Dir könnte eventuell nicht gefallen, was Du siehst. Ich meine, Dir wird mit ziemlicher Sicherheit nicht gefallen, was Du sehen wirst. Also will ich, dass Du mir versprichst, dass Du nicht sauer sein wirst.“
Percy zieht unzufrieden die Augenbrauen zusammen. „Ich kann Dir nicht versprechen, dass ich nicht sauer sein werde, wenn ich gar nicht weiß, wo das Problem liegt. Habt ihr was kaputt gemacht?“
„Sind wir zwölf, oder was?“, schießt Oliver zurück. „Hast Du denn gar kein Vertrauen in uns?“
„Generell?“, fragt Percy, aber es ist nur eine rhetorische Frage und er lässt Oliver gar nicht die Zeit, zu antworten. „Ja. Jetzt gerade? Absolut nicht.“
„Das ist unfair“, wirft Oliver ihm vor. Percy, jedoch, weiß ganz genau, was hier vor sich geht: Oliver will Zeit schinden, er will Percy lange genug aufhalten, dass die anderen beiden Tunichtgute die Möglichkeit haben, sich vom Acker zu machen und – je nach Ausmaß ihrer Untat – einen Saustall zu hinterlassen, den Percy dann bereinigen kann.
Aber nicht heute. Percy hat den letzten Nerv schon verloren, als Bertha ihm einen extra Bogen Briefmarken in die Hand gedrückt hat, für die Berichte, Weasley, Du weißt schon, nur um dann festzustellen, dass die Berichte nie bei ihm eingetroffen sind, weswegen er sich den halben Tag damit herumschlagen durfte, herauszufinden, wo diese abgeblieben sind.
Seine Freunde wandeln auf dünnstem Eis und, wenn sie heute nur den geringsten Schritt in die falsche Richtung machen, dann wird Percy höchstpersönlich den Pickel ins Eis rammen, damit sie untergehen. (Keine Gnade? Keine Gnade.)
„Darauf lasse ich mich nicht ein“, sagt Percy also langsam und Oliver lässt tatsächlich sein Handgelenk los und tritt sogar noch einen Schritt zurück.
(Percy trauert bis heute ein bisschen der Tatsache hinterher, dass ihre Schule keine Vertrauensschüler gehabt hat wie eins der reichen Internate, zu denen die gut betuchteren Familien ihrer Ortschaft ihre Kinder geschickt hatten, weil Percy ein verdammt guter Vertrauensschüler gewesen wäre. Vielleicht wäre es noch nicht zu spät, seine Karriere zu ändern und doch Lehrer zu werden, Roger wird schließlich auch nicht müde, zu betonen, dass Percy schon beinahe wie einer dieser schrulligen Oberstufenlehrer aussieht.)
„Es ist gar nicht so schlimm, ich mein, es ist nichts kaputt, alle sind unversehrt“, startet Oliver einen letzten Versuch, aber Percy wirft ihm nur einen unbeeindruckten Blick zu und betritt dann das Wohnzimmer, wo ihm zwei Augenpaare schuldbewusst entgegenschauen.
Roger steht halb in der Türe in Richtung Küche, als hätte er einen (zum Scheitern verurteilten) Fluchtversuch gestartet und dann doch wieder verworfen, und Cedric steht wie bestellt und nicht abgeholt in der Mitte des Raumes, als wäge er in Gedanken ab, ob er noch die Möglichkeit hat, sich aus der Affäre zu ziehen oder nicht.
„Also gut, was ist los?“, fragt Percy, während er die Arme vor dem Körper verschränkt und seinen misstrauischsten Blick aufsetzt.
„Percy!“, ruft Roger aus, als wäre es irgendeine Art von Antwort. „Was für eine Überraschung!“ Er lacht genauso peinlich berührt wie Oliver vor wenigen Minuten noch.
„So überraschend war sie nicht“, wirft Cedric hilfreich ein, während er sich langsamen Schritt um langsamen Schritt näher an die Tür stiehlt, die Percy mehr oder minder mit seinem Körper blockiert. – Er zielt auf eine unauffällige Flucht ab, Percy kann die Dreistigkeit des Versuches irgendwie wertschätzen.
Roger fixiert ihn mit einem empörten Gesichtsausdruck und zischt: „Auf wessen Seite stehst Du eigentlich?“
„Auf der, die mir am wenigsten Ärger einbringt“, erwidert Cedric mit den Schultern zuckend.
Percy kommt sich ein wenig vor wie ein Elternteil, das die Hände in die Hüften stemmen, langsam mit dem Kopf schütteln und sagen sollte: Ich bin nicht wütend, ich bin enttäuscht. Und er weiß noch nicht einmal, wo das Problem eigentlich liegt.
„Die Schuld liegt zu fünfzig Prozent bei Dir!“, wirft Roger ihm vor und Cedric schießt zurück: „Oliver hat doch genauso mitgemacht?!“
„Er trägt ja auch dreißig Prozent“, erwidert Roger trotzig und diesmal ist es an Oliver empört auszurufen: „Dann bleiben ja nur noch zwanzig für Dich übrig, dabei bist Du der Hauptübeltäter!“
„Wir haben uns höchstens der Beihilfe schuldig gemacht“, stimmt Cedric ihm zu. Er bleibt endlich stehen und versucht sich nicht mehr davon zu stehlen, als würde seine Empörung über Rogers offensichtliches Bestreben, sich aus der Affäre zu ziehen, sein eigenes Bedürfnis, ungeschoren aus der Sache – welche das auch immer sein mag, das klingt hier alles so dramatisch – herauszukommen, überwiegen.
Rogers Hand zuckt nach oben, als wollte er einen wütenden Finger auf Cedric richten, aber im letzten Moment hält er sich zurück und Percy fällt zum ersten Mal auf, wie seltsam Rogers Hände um die Unterseite seines Pullovers gewickelt sind, als müsste er, was er darin auch immer versteckt, vor den Blicken der anderen Anwesenden verbergen.
Auch ohne passende Geste klingt seine Stimme anklagend genug, als er sagt: „Also, ich erinnere mich nur daran, dass ich gesagt habe: Oh, schaut nur, wie nett das Wetter aussieht, wir sollten einen Waldspaziergang machen. Und dann habt ihr—“
Bevor die Diskussion zwischen den Dreien noch weitergehen und ganz aus dem Ruder laufen kann, unterbricht Percy Rogers Anschuldigungen mit lauter Stimme: „Was genau ist hier eigentlich los?“
„Nun ja, siehst Du“, beginnt Roger und Oliver sagt gleichzeitig: „Um ehrlich zu sein—“, während Cedric den Kopf schüttelt und beschwichtigend die Hände hebt, als er behauptet: „Ich hab nichts hiermit zu tun.“
Ihre Stimmen überlappen sich und Percy kriegt beinahe zu viel.
„Nach der Reihe, hier hört man sich ja selbst nicht denken“, unterbricht er sie also noch einmal.
Roger wirft einen Blick zu Cedric, der die Achseln zuckt und er hätte vermutlich auch Oliver konsultiert, wenn der nicht noch halb von Percy verdeckt würde.
„Du darfst nicht sauer sein“, sagt Roger schließlich, dann öffnet er seine Körperhaltung und seine Hände bewegen sich vorsichtig nach unten, bis Percy in die Kuhle lugen kann, die die Falte seines großen Pullovers bildet. Was ihn dort erwartet, ist allerdings kein zerbrochenes Porzellan oder irgendetwas Vergleichbares.
Es ist eine graumelierte Katze, die ihren Kopf über Rogers Hände streckt und Percy anstarrt, als wäre er der Eindringling und nicht andersherum.
„Was ist das?“, fragt Percy fassungslos.
„Ich glaube, das nennt sich Katze“, bietet Cedric hilfreicher Weise an.
Percy wirft ihm einen unbeeindruckten Blick zu. „Ich weiß, was eine Katze ist.“
„Ich wollte nur sichergehen“, antwortet Cedric, aber Percy sieht, wie seine Mundwinkel zucken, weil er sich offensichtlich lustig über Percy macht.
Plötzlich landet Olivers Kinn auf Percys Schulter (Percy wertschätzt den Versuch, ihn besänftigen zu wollen, aber es muss schrecklich anstrengend sein, sich so auf die Zehenspitzen stellen zu müssen) und Percy seufzt.
„Irgendein Unmensch hat sie im Wald ausgesetzt, Percy“, sagt Oliver direkt neben Percys Ohr und seine Stimme klingt so, als müsste Percy Mitleid empfinden, aber er findet nur vage Genervtheit in sich. „Wir gehen morgen zum Tierarzt mit ihr, um zu sehen, ob sie gechipt ist, eine Tätowierung hat sie nämlich nicht.“
„Und dann?“, fragt Percy, während er die Arme vor der Brust verschränkt. „Was macht ihr, wenn sie nicht gechipt ist?“
Peinlich berührtes Schweigen breitet sich zwischen ihnen aus, bis Roger sich räuspert und sagt: „Wir bringen sie ins Tierheim“, aber sein Tonfall macht klar, dass er den Gedanken verabscheut und lediglich einen auswendig gelernten Satz herunterleiert, der ihm vermutlich vor einer halben Stunde von Cedric eingeflüstert wurde.
„Sie bleibt nur eine Nacht“, bekräftigt Oliver, während seine linke Hand sich von hinten vorsichtig um Percys Taille windet, als müsste befürchtet werden, dass Percy sonst jeden Moment nach vorne stürzen und die Katze hochkantig rauswerfen würde.
Wirkt Percy wie ein Mensch, der so etwas tun würde? (Nun, okay, ja, er hat darüber nachgedacht, aber es regnet immer noch in Strömen und er hat keine Ahnung, wie weit von der Stelle, wo die Drei sie aufgesammelt haben, sie nun entfernt sind. Vermutlich würde sie nie wieder zurückfinden. Und das ist dann doch etwas zu kaltherzig für Percys Geschmack. Er will kein haarendes Viech in seiner Wohnung haben, aber er kann es auch nicht wirklich vor sich verantworten, sie noch einmal auszusetzen.)
„Du musst Dich um absolut nichts kümmern“, führt Roger ihre Überredungsbemühungen fort.
Cedric, der zu realisieren scheint, dass sie Percy locker überstimmen könnten und sie vermutlich mehr Erfolg haben, wenn er sich auch am Gespräch beteiligt, fügt noch hinzu: „Du musst sie noch nicht einmal sehen! Bis Du von der Arbeit zurück bist, ist sie wieder weg.“
„Ich hab morgen frei“, erinnert Percy sie.
„Morgen um die Uhrzeit ist sie trotzdem weg“, wiederholt Cedric und er schenkt Percy ein gewinnendes Lächeln, das nichts dabei tut, Percy tatsächlich zu überzeugen.
Percy seufzt. „Okay.“
„Was?“ Roger und Cedric richten sich auf und Percy spürt, dass auch Oliver seinen Kopf vor Überraschung anhebt, um Percy ansehen zu können. „Ernsthaft?“
„Sie darf bleiben“, bestätigt Percy. „Bis morgen. Keinen Tag länger.“
Ein strahlendes Lächeln breitet sich auf Rogers Gesicht aus und für einen kurzen Moment denkt Percy, dass es beinahe wert sein könnte, bis in die nächsten Monate immer wieder Katzenhaare von seiner Kleidung zu zupfen, weil die drei dieses haarige Biest in seine Wohnung gebracht haben.
„Du wirst es nicht bereuen!“, sagt Roger und Percy weiß einfach, dass das nicht stimmt.
Percy wacht davon aus, dass Oliver sich im Bett umdreht, was recht ungewöhnlich ist, weil Percy normalerweise so tief und fest schläft, dass er vermutlich nicht einmal bemerken würde, dass irgendetwas sich verändert hat, wenn er selbst aus dem Bett fallen würde.
Er wirft einen schläfrigen Blick aus halb geschlossenen Augen auf Oliver, der überhaupt nicht bemerkt hat, dass er Percy gleich mit aus dem Schlaf gerissen hat, nur weil er mitten in der Nacht auf die Toilette muss oder ein Glas Wasser braucht.
Im Versuch leise aus dem Zimmer zu verschwinden, tappst Oliver zur Türe und öffnet sie einen Spaltbreit, um sich nach draußen zu schieben und dort das Flurlicht anzumachen, ohne die Tür hinter sich wieder zu schließen. Vom Geräuschpegel her kann Percy das nachvollziehen, aber der schmale Lichtstreifen, der jetzt ins Zimmer fällt, hindert ihn ebenfalls daran, wieder einzuschlafen, also dreht er sich auf die Seite und presst das Gesicht ins Kissen, um abzuwarten, bis Oliver wieder da ist.
Die Türe öffnet sich noch ein bisschen weiter, vermutlich weil irgendein nachlässiger Clown das Fenster im Wohnzimmer wieder gekippt oder ganz offengelassen hat. Percy ist nur glücklich, dass ihm kein kalter Windzug in den Nacken fährt, also erträgt er die erhöhte Helligkeit im Zimmer stoisch.
Er ist so müde, dass er die Augen nicht offenhalten könnte, wenn er wollte, und für einen Moment bildet er sich sogar ein, ein Rascheln beim Schreibtisch gehört zu haben, aber es war vermutlich nur die hereinströmende Luft, die den Papierkorb falsch getroffen hat.
Percy ist keine zwölf mehr, er glaubt nicht mehr an das Monster im Schrank, das sich nachts seine Knöchel schnappen möchte, wenn er sie nicht unter der Decke versteckt hält, also muss er auch nicht das Licht anschalten, um nachzusehen. Das sind Verhaltensmuster, die er vor langer Zeit abgelegt hat.
Auf dem Flur nähern sich Olivers Schritte und das Licht draußen geht einen Moment, bevor Oliver das Zimmer betritt und die Türe hinter sich schließt, aus und Percy ist endlich wieder in wohltuende Dunkelheit gehüllt.
Oliver schiebt sich vorsichtig unter die Decke zurück und wickelt sich im nächsten Herzschlag um Percy herum, als könnte er nicht einen Moment in Percys Gegenwart existieren, ohne ihn in irgendeiner Art und Weise zu berühren, und Percys Genervtheit von eben verfliegt wieder, weil Oliver ja jetzt da ist und es um sie herum so friedvoll und dunkel ist, dass er bestimmt bald wieder einschlafen kann.
Warmer Atem trifft auf Percys Nacken und Olivers Wange auf Percys Schulter, dann entspannt er sich und Percy fühlt sich von seinem Gewicht beinahe in die Matratze gedrückt, aber es ist die angenehme Art von Gefangensein; wie eine Gewichtsdecke, die Percy in die Wirklichkeit hinein erdet.
Er ist gerade dabei, wieder abzudriften und einzuschlafen, als er irgendetwas mit einem dumpfen Geräusch am Fußende des Bettes auf der Decke landet.
Percy erstarrt, unfähig sich aus Olivers Umklammerung zu befreien und nachzusehen, was es gewesen sein könnte, und er atmet ganz flach, als könnte er sich damit so schlafend stellen, dass ihm nichts mehr geschehen kann. (Es ergibt nicht unbedingt viel Sinn, aber was soll er sonst tun?)
„Oliver“, flüstert Percy leise, aber Oliver ist längst wieder eingeschlafen, der Mistkerl, und Percy bringt es auch nicht über sich, ihn aufzuwecken, weil er sich das Ganze vielleicht auch einfach nur eingebildet hat und da vermutlich gar ni—
Das Vermutlich Gar Nichts bewegt sich. Es sind ganz leichte Schritte auf der Decke direkt neben Percy und Percy hält panisch die Luft an, weil er immer noch unter Oliver gefangen ist und sowieso nicht wüsste, wie er damit jetzt umgehen sollte, wenn plötzlich eine Ratte oder so übers Bett läuft, weil sie nun einmal in so einem Teil der Stadt wohnen. Vermutlich hätte er sich viel früher darauf vorbereiten müssen, eventuell eine Rattenplage in der Wohnung zu haben. Er hätte sich nicht darauf ausruhen dürfen, dass er bei ihrer Besichtigung keine Rattenlöcher gesehen hat, aber diese Viecher sind einfallsreich und der Größe nach zu urteilen, müssen sie sich irgendwo einen riesigen Zugang zur Wohnung gebahnt haben, den Percy jetzt suchen gehen muss, weil—
Das Vermutlich Gar Nichts ist bei Percys Gesicht angekommen und Percy geht langsam die Luft aus, aber er will auch keine Rattenluft einatmen, wenn das Sinn ergibt? Er will doch nur schlafen.
Das Vermutlich Gar Nichts umrundet einmal Percys Kopf und lässt sich dann direkt neben seinem Hinterkopf nieder. Percys absoluter Albtraum wird wahr, er muss sich das Bett mit einer Ratte teilen.
Nur, dass sich das Vermutlich Gar Nichts sehr viel größer wie eine Ratte anfühlt und zu schnurren beginnt, nachdem es sich direkt neben Percy zu einer Kugel zusammengerollt hat, den Rücken fest an Percys Haupt gepresst, als bräuchte es ebenso viel Kontakt zu Percy wie Oliver.
Percy hat eine verdammte Katze in seinem Bett. Er weiß nicht, ob das besser oder schlimmer ist als eine Ratte, wenn er ehrlich ist.
Als Percy am nächsten Morgen wieder aufwacht, liegt die Katze immer noch auf seinem Kopfkissen und er unterdrückt ein genervtes Aufstöhnen. Es ist viel zu früh, um sich schon aufzuregen, also befreit er sich vorsichtig aus Olivers Arm, der immer noch um ihn herumgewickelt ist, als hätten sie sich beide des Nachts kein bisschen bewegt, und schiebt sich dann aus dem Bett heraus, während ihm schläfrige, aber neugierige Augen dabei folgen.
„Hast Du nichts Besseres zu tun?“, herrscht Percy die Katze an, aber sie starrt ihn nur weiter an, als wäre er derjenige, der in diesem Zimmer – oder in diesem Bett? – nichts zu suchen hätte. „Du bist bald wieder weg, wie sich das gehört.“
Sie gibt sich unbeeindruckt.
Und als er schließlich aufgestanden ist, erhebt sie sich auf ihre klitzekleinen Pfötchen, streckt sich demonstrativ über sein ganzes Kissen und gähnt wie eine Schlange, die ihren Kiefer ausrenkt, bevor sie über seine Bettseite stolziert, vor ihm auf den Boden springt und zur Türe läuft, vor der sie schließlich stehen bleiben muss, weil sie seit heute Nacht nicht wieder geöffnet wurde.
Percy greift nach der Klinke und die Katze verschwindet im Flur, bevor Percy einen zweiten Blick auf sie werfen kann. Ist vermutlich auch besser so.
Eigentlich will Percy nur einen etwas zu lang gezogenen Tee trinken, sich mit einem Buch auf das Sofa setzen und seinen freien Tag genießen. Ein einfacher Plan, was sollte da schon schiefgehen, nicht wahr?
Die Teedose ist leer, also muss er sich mit Rogers Frühstückstee zufriedengeben, der nur halb so viel Teein hat wie seiner, aber dann muss er eben zwei Tassen trinken. Das ist okay, heute hat er dafür schließlich genug Zeit.
Ihm ist das Lesezeichen aus dem Buch gefallen, aber er erinnert sich noch so halbwegs an die Stelle, an der er aufgehört hat, also ist es nicht komplett schrecklich; höchstens ein wenig lästig.
Aber als er sich schließlich mit seinem mittelmäßigen Tee und der ungefähr richtigen Stelle seines Buches auf dem Sofa sitzt und seine Beine auf das Polster zieht, um es sich bequem zu machen, spürt er keine fünf Minuten später, wie Vermutlich Gar Nichts neben ihm auf das Sofa springt und ihn aus großen Augen anstarrt.
Percy starrt zurück.
„Was willst Du von mir?“, fragt er.
Wie zu erwarten, antwortet sie nicht. Sie blinzelt noch nicht einmal. Starrt ihn einfach nur aus ihren grau-grünen Augen an, als wäre es ihr gesetzlich verboten, zu blinzeln.
Percy vertraut keinem Lebewesen, das nicht blinzeln muss.
„Morgen“, ertönt Rogers Stimme plötzlich vom Wohnzimmereingang, aber Percy wendet seinen Blick nicht von der Katze ab, nicht dass sie am Ende noch die Möglichkeit ergreift und ihn mit ihren kleinen Krallen angreift und verunstaltet. Katzen sind unberechenbare Viecher.
„Nimm sie weg“, erwidert Percy, statt Roger zu begrüßen.
Roger dreht sich halb zu ihnen um, während er seine Tasse von gestern vom Tisch sammelt. Er fragt durch ein Gähnen hindurch: „Was tut sie?“
„Sie starrt mich an“, antwortet Percy. „Und sie blinzelt nicht. Sie blinzelt einfach überhaupt nicht.“
Roger zuckt die Achseln. „Katzen sind auf heiße, trockene Gebiete ausgelegt, Wüstensand und so. Das Baby hat einfach sehr feuchte Augen und muss nicht so viel blinzeln. Sie findet Dich halt interessant.“
„Hast Du die Katze gerade Baby genannt?“ Percys Stimme überschlägt sich beinahe. Das ist nicht akzeptabel, absolut schreckliches Benehmen. Entweder hat die Katze einen Namen oder sie hat keinen Namen, aber sie ist kein Baby.
„Ja, aber sie ist doch ein Baby“, sagt Roger, als wäre es tatsächlich eine Art Erklärung für sein Verhalten. Percy findet es entwürdigend, sein Leben nach einem kleinen, haarigen Vieh auszurichten und sich ihm quasi unterzuordnen.
„Dann nimm Dein Baby und bring es woanders hin“, fordert Percy, statt sich auf diese Diskussion einzulassen, weil heute sein freier Tag ist und er einfach nur ein bisschen seine Zeit genießen möchte. Aber während Percy noch dabei ist, die letzten Worte des Satzes auszusprechen, steht die Katze plötzlich wieder auf, bewegt sich langsam auf Percy zu und rollt sich dann neben seiner Hüfte zusammen.
Endlich wendet Percy seinen Blick ab, um Roger mit entrüstetem Gesichtsausdruck anzusehen, und Roger zuckt mit den Schultern, bevor er sagt: „Sorry, ich kann sie nicht bewegen. Wenn eine Katze sich hinlegt, dann ist das leider ihr Gott gegebenes Recht, so lange liegen bleiben zu dürfen, bis sie sich selbst dazu entscheidet, wieder aufzustehen.“
„Das ist nicht Dein Ernst.“ Percy ist fassungslos. „Dann mach ich das eben selbst.“
Seine Hände bewegen sich gerade auf das Fell der Katze zu, als Roger ausruft: „Stopp! Das kannst Du nicht machen!“
Sich selbst auf die Zunge beißend wendet Percy seinen Blick gen Decke und er seufzt, weil er absolut keine Energie hat, sich von Roger für immer anhören zu müssen, dass er herzlos ist, weil er Katzen relokalisiert.
„Es ist nur noch bis heute Nachmittag“, versucht Roger ihn zu beschwichtigen, „lass ihr doch wenigstens bis dahin ein bisschen Ruhe und Frieden. Sie musste doch schon so viel durchmachen.“
Percy seufzt ergeben und wirft der Katze einen wütenden Blick zu, bevor er sich seinem Buch zuwendet, weil er Roger letztendlich nichts ausschlagen kann.
Die Tür zu ihrer Wohnung wird aufgestoßen, Percy sieht von seinem Buch auf und aus der Ferne ertönt Olivers Stimme: „Du darfst nicht sauer sein, okay?“
Percy hält inne. Das klingt überhaupt nicht gut.
„Warum sollte ich sauer sein?“, fragt Percy langsam und mit erhobener Stimme zurück, aber er ahnt eigentlich schon, was Oliver und Roger ihm zu erzählen haben. Cedric, der im Armsessel gegenüber sitzt, lehnt sich mit einem kaum versteckten Grinsen zurück, als würde sich die beste Unterhaltung der letzten Wochen direkt vor seinen Augen abspielen.
„Also, wir waren beim Tierarzt, ja?“, ruft Oliver und Percy hört ihm und Roger dabei zu, wie sie ihre Schuhe ausziehen und Jacken an die Garderobe hängen. „Und dann haben wir beim Tierheim angerufen, weil sie keinen Chip hatte.“
Oh, oh, nein, das klingt so, als würde Percy überhaupt nicht gefallen, was Oliver als Nächstes sagen wird.
„Ihr wart nicht im Tierheim?“, fragt Percy also, auch wenn er die Antwort gar nicht hören möchte.
„Nein, weißt Du—“ Olivers Erklärungsversuch wird rüde von Roger unterbrochen: „Wir wären gegangen, wenn die nicht gesagt hätten, dass ihre Kapazitäten erschöpft sind.“
„Ob wir nicht als Pflegestelle fungieren könnten, haben sie gefragt“, ergänzt Oliver und Percy fällt ein Stein in den Magen.
„Wir konnten doch nicht Nein sagen“, fährt Roger fort, während Oliver und er endlich das Wohnzimmer betreten.
Bevor Percy die Chance hat, irgendetwas zu ihrem Bekenntnis zu sagen, hebt Roger die Decke, die über dem Weidenkorb in seinen Armen hängt, an und lässt Percy und Cedric einen Blick hineinwerfen, sodass sie das zusammengerollte und misstrauisch nach oben blickende Bündel Fell erblicken können, das jetzt auch noch bei ihnen wohnen soll.
„Nein“, sagt Percy.
„Jetzt stell Dich nicht so an“, sagt Cedric.
Die Drei haben sich gegen ihn verschworen, anders kann Percy sich das nicht erklären. Er versteht ja auch nicht, warum ihr Herz so an einem undankbaren Vierbeiner hängt, der sie, ohne zu zögern, auffressen würde, würden sie in der Wohnung sterben. In welcher Welt scheint das ein fairer Handel zu sein? Obdach und Verpflegung gegen die unabwendbare Tatsache, als Ressource und Lakai betrachtet zu werden. Was für ein ausgemachter Unsinn.
„Ich will das Ding nicht hier haben.“ Percy hofft, dass, wenn er es nur oft genug sagt, die verstehen werden, dass es ihm ernst ist. „Ihr werdet euch an ihre Anwesenheit gewöhnen, ihr einen Namen geben, und dann kommt der Tag, an dem ihr sie abgeben müsst und ich darf mir dann das ganze Theater noch einmal anhören und bin dann der Buhmann, weil ich sie immer noch nicht behalten will.“
Percy verschränkt die Arme vor der Brust und ignoriert, dass ihm sein Buch vom Schoß rutscht und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Boden aufschlägt. (Wenn er ganz ehrlich ist, tut er einfach so, als würde es, einem heftigen Hieb auf die Tischplatte gleich, seine Worte noch untermalen.)
„Wir geben ihr keinen Namen“, sagt Roger, obwohl es gar keine Rolle spielt, ob sie es tun oder nicht. Sie werden sich trotzdem daran gewöhnen, dass sie hier ist und sich an ihnen reibt, während Percy genervt bei der Arbeit Haare von seiner Kleidung zupfen wird, obwohl er sich doch extra eine Fusselbürste gekauft haben wird, die ihn trotzdem im Stich lassen wird. Er kann es ganz genau vor sich sehen.
„Und wir werden nicht diskutieren, wenn sich ein neuer Ort für sie findet“, stimmt Oliver zu und als Cedric nicht sofort zu ihrer Hilfe springt, sondern nur versucht, möglichst unauffällig in seine Hand zu lachen, schiebt er zischend hinterher: „Cedric, hilf uns doch mal!“
Mit offensichtlicher Mühe zieht Cedric seine Mundwinkel wieder ein, aber statt dass es wie ein neutraler Gesichtsausdruck aussieht, wirkt es mehr wie die verkniffenste Schnute der Weltgeschichte.
„Ich kann euch nicht helfen, weil ich weiß, dass Percy recht hat, und ich mir nicht ‚Ich hab’s euch ja gesagt‘ anhören will, wenn es so weit ist“, stellt Cedric fest, während Percy der Mund vor Empörung wortlos aufklappt. „Aber ich bin definitiv dafür, dass sie hierbleibt.“
Der Reih nach um studiert Percy die Gesichter von Cedric, Oliver und Roger – jedes noch ein bisschen bittender und leidender als das davor – und seufzt ergeben.
„Macht, was ihr wollt“, sagt er und fischt nach seinem Buch auf dem Boden.
Roger, der schon dabei ist, den Korb auf den Boden zu stellen, damit die Katze herausspringen und sich ein warmes Plätzchen suchen kann, erwidert: „Konsens ist mehr als nur ein Mehrheitsentscheid.“
Percy verdreht die Augen. „Sei nicht so dramatisch, wie lange kann es schon dauern. Temporär werde ich mich damit arrangieren können.“
Ob er mit damit die Katze an sich oder die Tatsache meint, dass er einstimmig überstimmt wurde, weiß er selbst nicht so richtig.
Wenn er sich sein Wohnquartier mit einem Haare verlierenden, Grenzen nicht einhaltenden Tier teilen muss, dann wird es zu seinen Bedingungen stattfinden. Percy wird mit Sicherheit nicht damit beginnen, sich von einem Tier um die Finger wickeln zu lassen oder sich gar seinem Willen zu unterwerfen. Das wäre ja noch schöner.
Als er also in seinem Bett liegt und Oliver schon längst um ihn herumgewickelt eingeschlafen ist, ignoriert er das leise Kratzen und Miauen an seiner Tür, das ihn dazu auffordern soll, zu öffnen und das Ding wieder auf sein Kissen zu lassen.
Es bedarf erstaunlich viel Energie und Willenskraft, nicht aufzustehen und die Tür aufzureißen.
Allerdings nicht, weil Percy so schrecklich viel Mitleid hat, überhaupt nicht, sie kann sich schließlich in der ganzen Wohnung breitmachen, nachdem sie ja jetzt hier wohnt. Aber Einschlafen ist noch nie Percys Stärke gewesen und mit einem schreienden und kratzenden Tier vor der Tür ist es beinahe eine Unmöglichkeit, seinen Kopf so auszuschalten, dass er abdriften kann. Und er weiß, würde er die Tür öffnen, um die Katze schnurstracks in Rogers und Cedrics Zimmer zu werfen, dann würde sie nur zwischen seinen Beinen nach drinnen witschen und es sich so lange unter dem Bett oder beim Schreibtisch bequem machen, bis er sich hingelegt hätte, um dann über ihn zu steigen und sich aufs Kopfkissen zu legen.
(Percy hat nicht allzu viel Erfahrung mit Tieren jeglicher Art, aber es scheint ihm angebracht, von der ersten Nacht gleich auf alle anderen zu schließen. Tiere sind quasi für Routine gemacht und wenn Percy sich mit etwas auskennt, dann ist es Routine.)
Percy zieht sich das Kissen über den Kopf und versucht sich auf alles zu konzentrieren, das nichts mit seinem Hörsinn zu tun hat. (Mäßig erfolgreich.)
Die Augen reiben, die Brille aufsetzen und irgendwie zum ersten Kaffee kommen, denkt Percy, als er komplett gerädert aufwacht, aber wenigstens keine Katze in seinem Bett vorfindet. Nach dem ersten Kaffee ist alles immer ein bisschen besser und ein bisschen weniger schlimm. Also, einfach durchziehen und hoffen, dass ihm nicht auf halbem Weg die Laune verhagelt wird.
Es ist ein Dreiviertel des Weges immerhin, denkt er weiter, als er in die Küche stolpert und an der Küchenzeile stehen bleibt, nur um mit großen, graugrünen Augen angestarrt zu werden.
„O nein“, sagt Percy, aber nicht wie er es vielleicht gesagt hätte, wenn er im Raum gewesen wäre, als Ron zu Besuch war und in sein Zimmer gestolpert kam, statt sich einfach um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern; sondern eher wie eine Mutter, die sieht, dass sich ihr Kind irgendetwas in den Mund steckt, dass da absolut nicht hingehört – nur mit sehr viel weniger genervter Zuneigung, sondern nur mit all der Strenge, die dahinterliegt. „Runter da.“
Die Katze starrt ihn, ohne zu blinzeln, an.
„Ich spiele dieses Spiel nicht mit Dir“, sagt Percy und er kommt sich so lächerlich dabei vor. Als ob das Viech ihn tatsächlich verstehen könnte. Also greift er unzeremoniell nach ihr, hebt sie von der Arbeitsplatte herunter und bugsiert sie so weit weg von sich möglich ans andere Ende des Wohnzimmers, bevor er in die Küche zurückkehrt, um einen Kaffee aufzusetzen.
Er ist so müde.
Es wird nicht per se einfacher – und die Katze wird auch nicht leiser, aber Percy liegt nicht mehr stundenlang wach, wenn er die Tür des Nachts geschlossen hält.
Obwohl, so richtig stimmt das nicht, weil er definitiv immer noch ein, zwei, manchmal drei Stunden wach liegt, während Oliver leise vor sich hinschnarcht und Percy beinahe kirre damit macht. Aber es ist nicht mehr die halbe Nacht, weil Percy über die letzten zwei Wochen so müde geworden ist, dass er einfach irgendwann vor Erschöpfung einschläft, weil seine Augen so schmerzen, dass er gar nicht anders kann.
Ist das, wie es ist, Tierhalter*in zu sein?
Percy hat sich dieses Leben nicht ausgesucht und es ist, ehrlich gesagt, absolut untragbar, dass er trotzdem der Einzige zu sein scheint, der leidet.
Aber Percy ist unnachgiebig – oder zumindest denkt er von sich selbst als unnachgiebig, auch wenn die Vergangenheit gezeigt hat, dass er äußerst häufig nachgibt, wenn Cedric, Oliver oder Roger eine Bitte an ihn richten.
Nicht dieses Mal, jedoch. Und wenn er kein Auge zumachen wird, während die Katze in diesem Haushalt lebt, Percy ist bereit.
„Sag Deiner Katze, sie soll aufhören, sich auf mich zu legen“, fordert Percy Roger auf, als er zum sechsten Mal infolge den weichen, graumelierten Katzenkörper hochhebt und vor dem Sofa auf dem Boden absetzt, nur um dann wenig später wieder dabei zusehen zu können, wie er sich zurück auf das Sitzpolster bewegt und sich seinen Platz direkt neben Percy einzurichten versucht, nur um von Percy wieder auf den Boden gesetzt zu werden.
„Ich kann ihr gar nichts sagen“, erwidert Roger, der mit geschlossenen Augen am Tisch sitzt und den warmen Dampf seiner Teetasse einatmet. „Du musst Dich vielleicht einfach ergeben.“
Percy schnappt empört nach Luft, was für ein beschämender Gedanke.
Er liest immer noch an demselben Buch, das er an dem Tag angefangen hat, an dem die Katze zu ihnen gekommen ist, weil sie ihm überhaupt nicht die Chance lässt, mehr als ein paar Sätze am Stück zu lesen, bevor sie sich wieder neben ihm zusammenrollen möchte. Und das kann Percy auf keinen Fall zulassen.
„Niemals“, zischt er und setzt die Katze auf den Boden zurück.
Vier gottverdammte Wochen und keine einzige Nacht, ohne dass es an seiner Tür gekratzt oder leidend miaut hat. Er ist so kurz davor, aufzustehen und nachzugeben. Einfach nur, um wieder schlafen zu können und morgens nicht besorgt danach schauen zu müssen, ob sie diesmal endlich unkaschierbare Kratzer in die Türplatte geschlagen hat.
Seine Beine schieben sich bereits in Richtung der Bettkante, um seinen Stolz herunterzuschlucken und aufzugeben, als Oliver sich auf den Rücken dreht, ohne seinen Griff um Percys Hüfte zu lockern. Percy findet sich plötzlich in der Mitte des Bettes fest gegen Oliver gepresst wieder und blinzelt ein paar Mal in die entgegengesetzte Richtung, nur um dann festzustellen, dass Oliver sich noch immer so um ihn herumgebrezelt hat, dass er nicht einmal aufstehen könnte, wenn er sich ernsthaft dagegen wehren könnte.
Aber das ist gut so, Olivers schlafendes Selbst hat ja recht. Er kann der Katze nicht nachgeben, nicht jetzt, aber eigentlich niemals. Er kann das, er schafft das, er zieht das durch.
Fwhump. Das ist das Geräusch, dass der kleine Katzenkörper macht, jedes Mal, wenn Percy ihn vor dem Sofa zurück auf den Boden setzt. Zugegeben, er ist vielleicht ein wenig grob, aber er wirft sie nicht, egal, was Roger so gerne behauptet.
Er ist es nur leid, keine fünf Minuten Ruhe zu finden, weil sich vier Samtpfoten und eine rauhe Zunge ihren Weg zu ihm bahnen und einfach nicht akzeptieren wollen, dass er nicht das Kissen ist, auf das sie sich betten dürfen.
„Lass sie doch einfach“, sagt Oliver und Percy sieht ganz genau, wie Cedric zustimmend nickt. „Du machst Dir das Leben doch nur selbst schwer.“
„Ich soll ihr erlauben, mich die ganze Nacht wachzuhalten, und sie danach auch noch belohnen, indem ich ihr erlaube, sich überallhin zu legen, wo es ihr passt?“, fragt Percy entrüstet. „Das läuft allen meinen Prinzipien zuwider.“
Cedric legt die Stirn in Falten.
„Wie kann sie Dich die ganze Nacht wachhalten, wenn sie doch im Wohnzimmer schläft?“, fragt Cedric verwirrt, bevor er sich nachdenklich einen Biskuit in den Mund schiebt.
Percy schüttelt den Kopf, schließlich kann es unmöglich sein, dass die anderen nicht mitbekommen haben, wie laut das Vieh ist. Er sagt: „Die halbe Nacht steht sie vor dem Zimmer und krakeelt.“
„Ist mir gar nicht aufgefallen“, erwidert Oliver nachdenklich und Cedric sagt: „Bei uns hat sie noch nie miaut.“
„Du—“ Percys Finger zeigt anklagend auf Oliver, bevor er ihn wieder dafür braucht, die Katze anzuheben und auf den Boden zu setzen „—schläfst immer schon, wenn es passiert. Und Du—“ kurzweiliges Zeigen auf Cedric „—kannst sie schlecht hören, weil sie ja bei uns schreit.“
Mit einem Seufzen zieht Percy seine Beine aufs Sofa und wartet auf die unabwendbare Erwiderung, dass er sich einfach daran gewöhnen müsse, dass es doch alles nur halb so schlimm sei.“
„Das tut mir leid“, sagt Cedric stattdessen und Oliver zuckt mit den Schultern.
Es ist besser als nichts, denkt Percy, während er die Katze wieder auf den Boden setzt.
Oliver ist bei einem Auswärtsspiel und Percys Bett fühlt sich nach all den Wochen, die sie ununterbrochen nebeneinander und umeinander geschlafen haben, viel zu leer an. Er kann sich gar nicht mehr so richtig daran erinnern, wie er das gemacht hat, als er das letzte Mal allein auf der Matratze gelegen hat. – Hat er sich ausgestreckt? Jeden Quadratzentimeter genutzt, der ihm untergekommen ist? Oder hat er sich zusammengerollt und sich selbst all die Wärme gegeben, die Oliver ihm normalerweise bieten würde? Er ist sich nicht mehr sicher.
Aber er weiß, dass er sich genauso verloren gefühlt hat. (Es ist so irrational, so grundsätzlich irrational, dass Oliver nur ein Viertel dieser Beziehung und trotzdem so viel in Percys direktem Umfeld ausmacht. Natürlich würde er bemerken, wenn Roger nicht da wäre oder Cedric, aber nicht ganz so intrinsisch, wenn das irgendwie Sinn ergibt.)
Plötzlich hört die Litanei vor Percys Tür auf und auch das Kratzen verstummt und für einen kleinen Moment hat Percy tatsächlich die Hoffnung, dass die Katze Mitleid mit ihm hat oder Gnade oder irgendetwas Anderes, aber letztendlich ertönt ein leises Klopfen, bevor die Tür sich öffnet und mit Rogers leisen Barfußschritten auch das Tapp-Tapp-Tapp von Vermutlich Gar Nichts in das Zimmer kommen.
(Percy ist nicht der Typ für Unflätigkeiten, aber jetzt gerade liegen ihm doch die einen oder anderen auf der Zungenspitze.)
Roger, der nicht schlafen kann und auf leisen Sohlen zu Percys Bett schleicht, flüstert: „Percy?“, und wartet nun darauf, dass Percy seine Decke anhebt und zur Seite rutscht. „Ich kann nicht schlafen, Percy.“
Mit einem Seufzen rutscht Percy zur Seite, obwohl Olivers Bettseite frei gewesen wäre und Roger nur auf die andere Seite des Bettes hätte gehen müssen, um, ohne Probleme und ohne Percy zu stören, in das Bett klettern zu können. Aber Percy kann nicht einmal unzufrieden mit Roger sein, weil er auch ein Gewohnheitstier ist und irgendwie hat es sich zwischen ihnen auch einfach so eingebürgert, nicht wahr?
Percy will fragen, was Roger hier macht und warum er nicht schlafen kann, ob es auch ist, weil mit Olivers Abwesenheit alles ein wenig aus dem Gleichgewicht gerät, oder ob ihn Träume plagen, von denen Percy noch immer nicht die vagste Vorstellung hat, weil Roger nicht darüber sprechen möchte, was vollkommen in Ordnung ist, aber auch so frustrierend.
„Die Matratze ist viel zu warm“, stellt Roger flüsternd fest, bevor er seine viel zu warmen Füße an Percys Waden presst, der nicht unbedingt bös drum ist, weil seine eigenen Füße nie aufhören, viel zu kalt zu sein.
„Du hättest Dich auf die andere Seite legen können“, erwidert Percy, der nicht unbedingt schlechter auf Olivers Seite schläft, aber eben auch nicht besser. „Niemand zwingt Dich, meinen Platz zu stehlen.“
„Ich liege lieber auf Deinem Platz“, sagt Roger, als wäre es ein allgemein bekannter Fakt – oder als ergäbe das besonders viel Sinn.
Percy seufzt und lässt sich von Roger näherziehen. „Warum?“
„Na ja“, flüstert Roger, bevor er Percy einen Kuss aufs Haupt drückt, „ich fühl mich Dir dann ein bisschen näher. Als würde ich für einen Tag in Deinen Schuhen herumlaufen, nur weniger unbequem und vielleicht ein bisschen besser für meine Wirbelsäule.“
Das kitzelt ein kleines Lachen aus Percy heraus. „Du bist lächerlich, weißt Du das?“
„Nur für Dich“, erwidert Roger leichthin, bevor er einen weiteren Kuss auf Percys Stirn presst. „Aber jetzt schlaf endlich, es ist viel zu spät, Du musst morgen früh raus.“
Percy will erwidern, dass es nicht seine freie Entscheidung gewesen ist, so lange wachzubleiben, und dass doch Roger derjenige ist, der nachts um diese Uhrzeit durch den Flur schleicht und ihn vom Schlafen abhält, indem er sich in seinem Bett breitmacht, aber er ist auch so schrecklich müde, dass er nichts zu erwidern weiß – oder zumindest nichts, das gut genug artikuliert wäre, um als valider Punkt angesehen zu werden.
Also entspannt er sich, so gut es geht, und schließt die Augen, weil sich absolute Stille um sie herumgelegt hat wie eine zweite, dunkle Decke.
Bevor er allerdings abdriften kann, spürt er, wie am Fußende des Bettes Vermutlich Gar Nichts auf das Bett springt und sich auf den Weg zu seinem Kopfkissen macht.
Er ist viel zu müde, um sich jetzt noch mit dem Viech anzulegen. Morgen wird er wieder zu alter Härte zurückfinden, Percy ist sich sicher.
Das Problem damit, einmal nachzugeben, ist, dass es sich anbietet, immer wieder nachzugeben, weil schnell klar wird, dass es für alle Beteiligten am einfachsten ist.
Er bugsiert die Katze zum neunten Mal vom Sofa herunter, aber als sie schließlich das zehnte Mal versucht, sich neben ihm zusammenzurollen, lässt er sie gewähren. Er ist es so leid, jede Minute seines Tages mit einem Lebewesen zu verstreiten, das noch nicht einmal clever genug ist, Türen zu öffnen, sondern stattdessen darauf angewiesen ist, hereingelassen zu werden.
Die anderen sind nicht da und vielleicht bleibt Percy zumindest kurzweilig die Schande erspart, sich ihnen gegenüber erklären zu müssen. Er ist nicht weich geworden oder hat plötzlich immense Zuneigung entwickelt. Er ist einfach nur müde, sich dauernd durchsetzen zu müssen, wenn alle anderen sich auch fügen.
Percy hätte nicht gedacht, dass er jemals zu der Gruppe Menschen gehört, die von einem Dach springen, nur weil alle anderen es auch tun.
Mit einer gewissen Genugtuung schiebt er seine Hand unter das weiche Fell der Katze und wirft sie mit einem unschuldigen Gesichtsausdruck vom Sofa.
„Ich war vielleicht eine Woche weg“, sagt Oliver empört, während er Percy mit fassungslosem Blick fixiert. „Und ich komme wieder zu sowas?“
Percy blinzelt sich noch immer den Schlaf aus den Augen und versucht irgendwie zu verarbeiten, was da gerade um ihn herum eigentlich passiert.
„Du ersetzt mich einfach? Ich kann das nicht glauben, Percy“, fährt Oliver fort und Percy wirft einen Blick auf die andere Seite des Bettes, um herauszufinden, ob sich des Nachts irgendein anderer Mann in sein Bett verirrt hat. Aber das Einzige, das er sehen kann, ist die Katze, die sich direkt neben seinem Bett auf dem Kopfkissen zusammengerollt hat.
„Das letzte Mal, als ich hier gewesen bin“, beendet Oliver schließlich seinen Monolog, „hast Du noch Tiraden darüber gehalten, dass Du sie niemals in unserem Schlafzimmer haben willst. Und jetzt teilst Du das Bett mit ihr?“
Oliver verschränkt seine Arme vor der Brust und Percy kann in seinem schlaftrunkenen Zustand überhaupt nicht einschätzen, ob er wirklich bös mit Percy ist oder Percy einfach nur melodramatisch vor Augen halten möchte, dass der einen schwachen Geist hat und dem Charme der Katze endlich erlegen ist.
„Ich hab mir das nicht ausgesucht“, erwidert Percy, bevor er ein Gähnen in seiner Handfläche versteckt. Es ist noch ein ganzes Stück zu früh an diesem Morgen, und das will was heißen bei Percys Frühaufstehertendenzen. „Ich hab ihr Gemaule nicht mehr ertragen. Legst Du Dich jetzt hin oder willst Du noch ein wenig mehr Theater machen?“
Olivers Arme fallen an seine Seite und er schnauft einmal kurz durch. „Ich will eigentlich noch mehr Theater machen, aber ich bin auch todmüde, also rutsch‘ mal rüber.“
Was auch immer seine Freunde dazu bewegt, sich nicht einfach auf die freie Seite des Bettes zu legen, sondern immer von Percy zu verlangen, dass der sich bewegen soll, ist etwas, dem Percy an anderer Stelle auf die Spur gehen kann, wenn seine Augen nicht mehr von allein zufallen, wenn er doch eigentlich nur blinzeln möchte.
Er hebt Kopf und Oberkörper weit genug, um entspannt um die Katze herum auf die andere Matratzenhälfte zu kommen, aber als er seinen Kopf wieder auf das Kissen legen will, hat er plötzlich eine ganze Nase voll Katzenhaare im Gesicht.
Percy kann einfach nie seine Ruhe haben, es ist schrecklich.
„Glaubt ihr, die Nasenhaare von Vampiren wachsen einfach immer weiter?“, fragt Cedric in die Stille ihrer Runde hinein und Percy sieht abrupt von seinem Buch auf, um ihn mit zusammengekniffenen Augen und einem leichten Kopfschütteln zu fixieren.
„Was?“, fragt Oliver.
„Vampire sind tot, Cedric“, sagt Roger.
Cedric zuckt die Achseln und zieht sein zweites Bein mit auf die Sesselsitzfläche. „Ich meine nur, wenn Vampire noch Kinder zeugen können, dann sollten ihre Nasenhaare auch noch wachsen. Das wäre nur zu Ende gedacht.“
„Vampire können Kinder zeugen?“, wiederholt Oliver leise, mehr zu sich als zu irgendjemand anderem.
„Hättest Du nicht einfach nach Haaren generell fragen können?“, fragt Percy, weil Nasenhaare viel zu spezifisch sind als für die Frage vonnöten.
„Wir reden nicht über Twilight, Cedric“, ruft Roger aus und alle Köpfe drehen sich, um sich ihm zuzuwenden. Röte breitet sich auf seinen Wangen aus, während er die Arme vor seiner Brust verschränkt. „Es gibt so viele Vampirüberlieferungen und Gedankenexperimente und Du nimmst Twilight?“
Cedric zuckt wieder die Achseln. „Resoniert irgendwie in mir.“
„Du hasst Twilight“, erwidert Roger, gerade so als würde er sich nicht ständig irgendwas suchen, das er nicht leiden kann, um sich ein bisschen darüber lustig zu machen. „Du hast mir ganze Essays und Thesenpapiere geschrieben, wie sehr und warum Du Twilight hasst.“
„Ich frag mich ja nur“, sagt Cedric, weil es anscheinend vollkommen normal ist, sich mit solchen Sachen zu beschäftigen, „ob Edward sich um seine Haare kümmern muss. Wachsen die einfach weiter? Hat Edward Cullen einen Nasenhaartrimmer? Oder hat er sich im zwanzigsten Jahrhundert irgendwann seine schönen langen 1921-Haare abgeschnitten, nur um in der Crust Punk Phase der 90er dann zu bereuen nicht in die moderne Ästhetik zu passen? Hat Edward Cullen Extensions in seinen Haaren?“
Cedric schluckt, weil seine Stimme sich beinahe überschlagen hat am Ende, weil er ein bisschen heftiger atmet, als hätte ihn der bloße Gedanke an Edward Cullen (wer auch immer das sein mag) mit Haarverlängerungen an den Rand der Hysterie gebracht.
„Ich muss es einfach wissen, Roger“, schließt Cedric seinen Monolog letztendlich ab.
Die beiden starren sich gegenseitig an und Oliver mischt sich in ihre Diskussion ein: „Wenn die sich fortpflanzen können in Twilight, dann wachsen mit Sicherheit auch ihre Haare weiter. Ich verstehe zwar nicht, wie das funktionieren soll, aber das ergäbe sonst ja gar keinen Sinn.“
Percy sieht seinen Freunden dabei zu, wie sie ihre Gedanken und Hypothesen austauschen, als würden sie tatsächlich akademisch wertvolle Ideen diskutieren, die sie näher an ein Experiment bringen würde, aber er kann weder in sich finden, frustriert mit ihnen zu sein, noch sich darüber zu ärgern, dass sie ihm die Lesezeit gestohlen zu haben, weil es schön ist, mal wieder Zeit mit allen gleichzeitig zu verbringen, weil keiner bei der Arbeit oder bei der Familie oder mit Freund*innen unterwegs ist.
(Irgendwie und irgendwann ist Percy so in die Diskussion eingetaucht, dass er gar nicht bemerkt, wie seine Hand neben seinem Schoß auf den weichen Rücken der Katze rutscht, die sich daraufhin unter seiner Handfläche ausstreckt und damit seine Hand dazu auserkiest, ihre Seite und ihren Bauch zu streicheln. – Und ihm fällt erst viel zu spät auf, als sie sich gerade bereit machen wollen, schlafen zu gehen, dass er es auch tatsächlich getan hat.)
Langsam, aber sicher, wird es ihm zu anstrengend, von der Katze oder Vermutlich Gar Nichts zu denken, weil es sich nach so vielen Wochen doch irgendwie unpersönlich anhört, weil sie jede Nacht schlafend neben seinem Gesicht verbringt und sich jeden Tag ihren Platz direkt neben ihm sucht, als hätte sie einen ganz besonderen Narren an ihm gefressen, obwohl Roger, Oliver und Cedric sich so viel mehr Mühe geben, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Aber vielleicht liegt ja genau daran das Problem, denkt Percy, während er auf das Fellbündel starrt, das sich wieder einmal direkt neben ihm eingerollt hat, vielleicht geben sie sich einfach viel zu viel Mühe mit Nemo.
So ganz und für sich genommen stört sich Percy nicht mehr unbedingt an Nemo, nicht, dass er das den anderen sagen würde.
Er findet immer noch nicht, dass es besonders professionell ist, mit Katzenhaaren übersät bei der Arbeit aufzutauchen, auch wenn Bertha ihm plötzlich viel freundlicher gegenübertritt. (Wobei sich das Mysterium schnell auflöste, als sie ihm Katzenbilder um Katzenbilder zeigte, weil sie anscheinend irriger Weise geglaubt hat, sie wären kameradschaftliche Katzenliebhaber, was nun einfach nicht der Realität entspricht.)
Er denkt immer noch, dass er seine Zeit daheim lieber sinnvoller und weniger eingeschränkt verbringen würde, statt immer wieder eine Katze von sich herunterzuschieben, die anscheinend nichts lieber tut, als ihm auf die Nerven zu gehen.
„Das Tierheim hat mich angerufen“, sagt Roger eines Abends, als er sich auf Cedric fallen lässt, der beinahe über einer Serie eingeschlafen wäre, die Percy zwar aus dem Augenwinkel mitverfolgt, aber nicht verstanden hat. „Es hat sich wohl ein Mensch für die Katze gemeldet.“
Betretenes Schweigen breitet sich zwischen ihnen aus und Percy versucht irgendwie die Stimmung im Raum zu lesen, aber er ist so mit dem verknoteten Gefühl in seiner Magengegend beschäftigt, dass er sich schwer dabei tut.
„Ich will sie nicht wieder hergeben“, sagt Oliver bestimmt.
„Ich hab’s euch gleich gesagt“, erwidert Cedric in einer schlechten Imitation von Percys affektiertesten Tonfall.
„Na ja“, sagt Roger, ohne wirklich auf die anderen einzugehen, „sie haben gesagt, dass wir, würden wir uns dazu entscheiden, sie zu behalten, den Vortritt bekämen. Ich mein nur.“
Drei Augenpaare wenden sich Percy zu, der erst einmal schluckt und panisch nach einem Ausweg sucht, um nicht der Buhmann zu sein; vor allem, weil da nichts in ihm ist, das tatsächlich danach verlangt weg mit dem Viech zu brüllen. Da läuft gerade etwas ganz gehörig schief.
„Wir haben ihr keinen Namen gegeben“, sagt Oliver, als Percy einfach nichts sagt. „Wir haben uns an sie gewöhnt, aber wir haben ihr keinen Namen gegeben. Das muss doch was zählen.“
Cedric wirft ihm einen ungläubigen Blick zu.
„Glaubst Du wirklich, dass es das rausreißt?“, fragt Cedric und Oliver zuckt mit den Schultern; vielleicht frustriert, weil er nicht weiß, was er sonst machen soll.
Aber Cedric kann ja auch nicht ahnen, dass sie die Katze zwar nicht benannt haben, aber Percy halt irgendwie schon. Percy hat genau das getan, wovor er die anderen die ganze Zeit gewarnt hat. Er hat sich an ihre zählebige Anwesenheit gewöhnt (und ist das nicht ironisch!) und er hat ihr einen Namen gegeben und jetzt ist der Tag gekommen, an dem sie sie abgeben müssen – und Percy fühlt sich wie derjenige, der ein Theater veranstalten möchte.
Wann ist Percy so sorglos und nachlässig geworden?
„Es kann uns ja keiner was vorwerfen, nur weil wir uns an sie gewöhnt haben“, mischt Roger sich nun ein. „Percy hat sich auch an sie gewöhnt.“
„Was?“, quetscht Percy zwischen seinen Zähnen hervor; seine Stimme eine dreiviertel Oktave höher als eigentlich geplant.
„Sie klebt ja quasi an Dir“, stellt Roger fest, „und es waren so einige Wochen. Da musstest Du Dich ja irgendwann an sie gewöhnen. Aber wir werden sie nicht behalten, wenn Du dagegen bist.“
Percy kneift seine Augen zusammen und er atmet ein paar Mal tief durch. „Warum hängt das an mir?“
„Konsens ist mehr als nur ein Mehrheitsentscheid“, wiederholt Roger und Percy überkommt das Bedürfnis, sich in kapitalismusbefürwortende Literatur einzulesen, einfach nur, um Roger ab und an mal etwas entgegenhalten zu können.
„Den Schuh zieh ich mir nicht an“, sagt Percy bestimmt, bevor er sein Buch mit einem lauten Schlag zusammenklatscht und sich erhebt, um sich so schnell wie möglich von dieser Diskussion zu entfernen. „Ich lade mir nicht die Verantwortung auf, euch das Viech zu verbieten, nur um mir in fünf Jahren noch anhören zu dürfen, dass ich ein Traumzerstörer bin.“
„Percy, komm schon, das sagt doch keiner!“, widerspricht Cedric, aber Percy winkt ab und verlässt das Wohnzimmer – begleitet vom klitzekleinen Tapp-Tapp-Tapp, das Nemos Samtpfoten auf dem Linoleumboden erzeugen.
Percy liegt auf dem Bett und starrt an die Decke.
Gut. Wahrheit auf den Tisch, er hat an die Decke gestarrt und sich gefragt, wie er aus der Sache je wieder herauskommen will, bis Nemo ebenfalls aufs Bett gesprungen ist und er sie vorsichtig gepackt hat, um sie über seinem Gesicht in die Luft zu halten und zu betrachten.
Nemo ist keine außergewöhnlich schöne Katze – Percy ist sich nicht einmal sicher, ob es sowas wie schöne Katzen überhaupt gibt –, aber Percy hat sich irgendwie an die großen graugrünen Augen und die graumelierten Wangen gewöhnt, an den weißen Fleck auf ihrer Brust und die etwas zu langen Krallen, die bei jedem Schritt ein leises Klicken erzeugen.
Die Tür öffnet sich und Percy muss nicht einmal hinsehen, um zu wissen, dass es Cedric ist, der sich langsam und bedächtig hereinschiebt und seinen Weg zum Bett bahnt, bevor er sich neben Percy aufs Bett fallen lässt und ebenfalls auf die entspannt herabhängenden Pfoten der Katze blickt.
„Ihr Name ist Nemo“, sagt Percy, als würde das alle Probleme lösen. Und vielleicht tut es das auch, weil Cedric Balsam für die Seele ist und Percy nicht wüsste, ob er einem der wettbewerbsgierigen Geier in ihrem Wohnzimmer eine solche Information anvertrauen würde.
Cedric brummt als Antwort nur und streckt seinen Finger aus, um über Nemos weiche Pfote zu streichen, und Nemo erträgt einfach, dass sie in dieser Situation ist und so bald nicht daraus befreit wird.
Als die Stille einen Moment zu lang andauert, schiebt Percy hinterher: „Was mach ich jetzt?“
Cedric brummt noch einmal. „Entweder Du sagst ihnen, dass Du Nemo auch behalten willst, oder Du verabschiedest Dich, denke ich.“
„Mehrheitsentscheid?“, fragt Percy hoffnungsvoll, aber Cedric zuckt die Achseln und antwortet: „Ich denke nicht, dass Roger sich darauf einlässt, wenn er denkt, dass Du sie immer noch schrecklich findest.“
Da sind sie wieder, die Unflätigkeiten auf seiner Zungenspitze.
Er seufzt.
Als Cedric und Percy wieder aus dem Schlafzimmer herauskommen, hält Percy Nemo auf seinem Arm, die Vorderpfoten über seine Schulter gehakt.
In der Zwischenzeit hat Roger sich vor Oliver auf den Boden gesetzt, um sich von ihm mit spitzen Fingern im Nacken herumdrücken zu lassen, was vielleicht mit viel Phantasie als Massage durchgehen könnte. (Was Percy durchaus ein wenig verwundert, ist, dass Oliver nicht barfuß auf dem Boden sitzt und Roger mit dem Rücken auf der Sitzfläche liegt, die Beine über die Rückenlehne geworfen. Das wäre ein sehr viel charakteristischeres Zusammensein der beiden.)
„Wir haben diskutiert“, macht Percy Oliver und Roger auf sich aufmerksam, obwohl Cedric und er überhaupt nicht miteinander diskutiert haben. „Ich akzeptiere die Katze unter einer Bedingung.“
Oliver hat sich Roger abgewandt und zusammen starren sie Percy voller Neugier (und vielleicht auch ein bisschen Sorge) an. (Cedric versucht, sein Grinsen hinter Percys Schulter zu verstecken und Percy weiß nicht, warum alle immer denken, Cedric wäre so unglaublich erwachsen.)
„Ich kann Dich zum Essen ausführen“, bietet Oliver und Roger bietet gleichzeitig: „Ich küss Dir die Füße.“
„Das ist keine Auktion, es gibt keine Offertenphase“, würgt Percy die beiden ab. „Wenn einer von euch jemals in die Nähe meiner Füße kommt, zieh ich aus.“
Die beiden nicken mit viel zu viel Ernsthaftigkeit, während Cedric mit sich kämpft, nicht mit dem Lachen anzufangen.
„Wenn ihr sie unbedingt behalten wollt“, sagt Percy schließlich, „dann will ich ihren Namen aussuchen.“
Roger zieht zweifelnd seine Augenbrauen zusammen. „Das ist alles?“
„Ja“, erwidert Percy.
„Du bist nicht sauer?“, fragt Oliver weiter und Percy ist vermutlich der Einzige hier, der die Ironie der Situation tatsächlich wertschätzen kann.
„Nein“, sagt Percy also. „Ich bin nicht sauer.“
