Actions

Work Header

violet like fairytales

Summary:

Roger Davies ist unfassbar schön (nichts Neues), Percy ist ein schreckliches Biest (wie unerhört).

Notes:

entstanden für diesen hp adventskalender (und nicht so ganz fertig ig)

You'll conquer even Penelope herself in time - just keep at it.
You see that Troy was taken late, but taken nevertheless.
[042]

Work Text:

Es war einmal vor langer Zeit ein junger Mann, dessen Schönheit so ausgesprochen groß war, dass noch über sein Dorf hinaus davon berichtet wurde. Von weither kamen Männer, Frauen und Menschen, die beides und/oder keines davon waren, um sich an seinem Anblick zu laben und ihm Heiratsanträge zu machen, während sie ihm Reichtum und Ruhm und reichlichste Gaben versprachen. Aber Roger Davies war nicht interessiert an ihren Versprechungen, er ließ sich nicht umgarnen von hohlen Phrasen und oberflächlichen Interessensbekundungen, weswegen er eine Hand um die andere ausschlug, egal wie nachdrücklich sie ihm entgegengehalten wurde.

Nun begab es sich eines Tages, dass Rogers Mutter, die bereits alt und gebrechlich war und sich nichts sehnlicher für Roger wünschte, als ihn in guten und sicheren Händen zu wissen, da er selbst nicht bemüht darum war, sich eine*n Partner*in fürs Leben zu suchen, auf den Weg in die Stadt am Fluss machte, in der Stoffe und Wolle verkauft wurden, die aus dem Norden des Landes zu ihnen verschifft wurden und die es sonst nirgendwo zu erwerben gab. Sie fragte Roger, ob sie ihm etwas von ihrem Ausflug mitbringen könne, über das er sich besonders freuen würde, und er erwiderte, sie solle ihm die erste Haselnuss mitbringen, die dem Kutscher gegen den Hut stieße auf ihrer Fahrt. Als sie sich so von ihm verabschiedet hatte und ihre Kutsche am Horizont verschwand, machte Roger sich auf den Weg ins Dorf, um frische Lebensmittel auf dem Markt zu kaufen und einen Laib Brot, zu dem er einen Eintopf kochen könnte, der seine Mutter wieder aufwärmen würde, wenn sie aus der Stadt zurückkäme.

Die Patil-Schwestern lächelten ihm kokett zu, als er an ihnen vorüberschritt, und sie tuschelten mit Lavender Brown, deren Wangen ganz rot wurden unter seinem flüchtigen Blick. Sie hielten inne beim Wasser pumpen und winkten schließlich, bevor sie sich kichernd abwandten und bevor Roger ihr Winken mit Hand und Lächeln erwidern konnte. Danach warfen sie ihm lediglich verstohlene Blicke zu und versuchten, sich so unauffällig wie möglich nach ihm umzudrehen. Es war kein seltenes Bild und Roger wusste, dass bereits die ein oder andere besser betuchte Familie zu munkeln begann, dass Roger sicherlich bald um Lavenders oder Padmas Hand anhalten würde, weil es sich schließlich so gehören würde, aber er hatte noch nie mehr als ein oder zwei Sätze mit den Mädchen geredet und hatte auch kein sonderliches Interesse daran etwas zu ändern.

Der Weidenkorb in seiner Armbeuge schnitt ihm beinahe das Blut ab, als er Wurzelgemüse, Knollengewächse und Zwiebeln hineinschichtete, während Mrs Sprout ihn dabei beobachtete und genau im Auge behielt, was er sich nahm, sodass er am Ende nicht nur die Hälfte von dem bezahlte, was er tatsächlich auch mitnahm. Während er nach einem Kohl griff, legte sich eine Hand auf seine und hielt ihn davon ab, auch diesen in seinen Korb zu stecken.

„Roger“, sagte Cormac McLaggen, während er seine Hand nicht von Rogers zurückzog. „Wie unerwartet, Dich hier zu treffen.“

„Auf dem Markt?“, erwiderte Roger unbeeindruckt, während er versuchte, seine Hand unter Cormacs hervorzuziehen, auch wenn das bedeutete, dass er seinen Kohl Kohl sein lassen musste. „Ich bin donnerstags immer auf dem Markt.“ Er machte eine kleine Bewegung mit seinem Kopf, die sowohl den Marktplatz meinen könnte als auch die uhrwerksähnliche Gleichmäßigkeit, mit der Roger auf dem Markt anzutreffen war, weil es schließlich keinen anderen Ort in ihrem Dorf gab, an dem er Lebensmittel kaufen konnte.

„Nein, hier neben mir“, korrigierte Cormac mit einem Grinsen, bevor er etwas aus seiner Tasche zog und versuchte, es über Roger in die Luft zu halten, „direkt unter—“ Roger wich nach hinten aus und Cormacs Hand folgte ihm „—direkt unter einem—“ Roger ging einen Schritt zur Seite und Cormacs Hand folgte ihm „—direkt unter einem Mistelzweig.“

Roger trat noch einen Schritt rückwärts und befand sich endlich nicht mehr unter Cormacs ausgestreckter Hand, weil der noch immer fest verwurzelt dastand und anscheinend nicht so recht wusste, was er daraus machen sollte, dass Roger aktiv seinen Avancen auswich.

„Wir stehen beide nicht unter dem Mistelzweig“, stellte Roger schließlich fest und fragte Mrs Sprout nach dem Preis, den er für seinen Einkauf (ohne Kohl) bezahlen sollte, bevor er das notwendige Geld über die Gemüsekisten und -stapel in ihre hohle Hand fallen ließ. „Einen guten Tag noch.“

Damit drehte er sich um und kehrte mit seinem Wochenendeinkauf zurück in ihr Heim, wo er einen Eintopf zubereitete und das Haus in Ordnung brachte, während er auf seine Mutter wartete, die er bei Nachteinbruch zurück erwartete.

Als die große Standuhr in ihrer Küche schließlich zehn Uhr schlug und die Kutsche vor ihrem Haus hielt, aber nur der Kutscher an ihrer Tür klopfte, überkam Roger ein mulmiges Gefühl, das sich erst recht nicht legte, als der Kutscher ihm mit müder Stimme erläuterte, dass seine Frau Mama es nicht bei dem Haselnusszweig belassen hatte wollen und mit zittrigen Gelenken über einen Zaun geklettert sei, um eine Rose aus dem Garten eines Anwesens zu schneiden, die ihr gerade schön genug vorgekommen war, um sie Roger als Mitbringsel aus der Stadt in die Hand zu drücken.

„Meine Mutter ist über einen Zaun geklettert“, wiederholte Roger ungläubig. „An manchen Tagen kommt sie kaum aus dem Bett mit ihren arthritischen Knien.“

„Sie wird Hilfe gehabt haben“, erwiderte der Kutscher, während sich offensichtlich Schweiß in seinem Kragen ansammelte.

Roger verschränkte die Arme vor der Brust und stellte trocken fest: „Sie haben eine alte Frau über einen Zaun gewuchtet. Wegen einer Rose.“

„Sie war sehr entschlossen“, versuchte der Kutscher sich herauszureden. „Als sie nicht wiederkam, bin ich schnellstens zurückgekehrt, um Ihnen Bescheid zu geben, damit Sie alle weiteren Schritte einleiten können.“

„Und Sie sind nicht auf die Idee gekommen, nach meiner Mutter zu sehen?“, fragte Roger noch ein wenig ungläubiger, während seine rechte Hand bereits nach dem dicken Mantel griff, der neben der Tür für ihn bereit lag.

Der Kutscher zuckte ein wenig hilflos mit den Schultern und antwortete: „Ich bin Kutscher. Es liegt mir nicht, über Zäune zu klettern.“

Für einen kurzen Moment schloss Roger seine Augen, um tief durchzuatmen und sich zu sammeln, weil es nicht Not tat, den Mann in seine Schranken zu weisen, da Roger befürchtete, er könnte sich vom Acker machen, statt Roger in seiner Not nun beizustehen. Nach ein paar Atemzügen, die er tief in seiner Magengegend gesammelt hatte, sagte Roger bestimmt: „Sie werden mich nun zu diesem Anwesen bringen, nicht wahr? Damit ich meine Mutter zurückholen kann.“

Der Kutscher nickte und drehte sich abrupt um, damit er sich zurück auf den Kutschbock schwingen konnte, wo er vermutlich darauf warten wollte, dass Roger sich in den Innenraum begab, weswegen er ein überraschtes Geräusch von sich gab, als Roger durch den Schnee gestiefelt kam und sich neben ihm niederließ, als hätte er alles Recht, sich dort hinzusetzen. Roger machte eine unwirsche Bewegung mit seiner Hand und sah dann dem Kutscher dabei zu, wie er die Pferde antrieb und mühsam wendete, bevor sie über einen verschlungenen Weg zwischen den Bäumen des Waldes hindurch fuhren.

Obwohl Roger wusste, dass die Wahrscheinlichkeit, dass die Bewohner*innen des Anwesens seiner Mutter etwas angetan hatten, denkbar gering war, machte er sich dennoch Sorgen, dass sie vielleicht hingefallen war und nun nicht mehr aufstehen konnte. Was wäre denn, wenn sie seit Ewigkeiten im kalten, nassen Schnee läge und sich nicht daraus befreien könnte? Würde sie erfrieren? Oder würde sie vielleicht durchhalten, bis Roger bei ihr wäre?

Das Anwesen war weit genug von ihrem Dorf entfernt, dass Roger wusste, zu Fuß wäre er mindestens einen halben Tag unterwegs, wenn er sich im Dickicht nicht verliefe, was nicht unwahrscheinlich wäre, da er den Wald nicht wirklich kannte und seines Wissens auch Wölfe ihr Unwesen trieben. (Er fühlte sich sicher auf dem Kutschbock, da war keine Verängstigung in ihm aufzufinden, aber er fürchtete dennoch für seine Mutter, falls sie, wider Erwarten, geschafft hätte, den Zaun in die andere Richtung wieder zu erklimmen.)

Als die Kutsche vor dem großen Eingangstor eines Anwesens schließlich anhielt, tippte Roger sich an seinen Hut und stieg vom Kutschbock, bevor er den Kutscher ermahnte, dass er bloß auf ihn warten sollte, weil es schließlich sein Verdienst gewesen sei, dass Rogers Mutter überhaupt in solch einer prekären Situation gelandet sei.

Dann schob er sich durch den dünnen Spalt zwischen den beiden Torhälften und stapfte durch den wadenhohen Schnee zur Eingangstür, wo er zuerst so kräftig klopfte, dass seine Knöchel davon schmerzten, bevor er an der Klingelschnur zog, was laut seine Anwesenheit verkündete.

Er wartete eine volle Minute, bevor er ein zweites Mal an der Klingelschnur zog, und er wartete eine weitere volle Minute, bevor er sich gegen die Tür stemmte und sie tatsächlich weit genug aufschob, um sich selbst nach drinnen zu lassen.

„Hallo?“

Roger wischte sich seine Hände an seinem Mantel ab und blickte sich um, aber das Einzige, das er erkennen konnte, waren die schemenhaften Umrisse von Mobiliar und einer großen Treppe, die in ein zweites Stockwerk führte. Vorsichtig drückte er die große Eingangstür hinter sich wieder zu, um den heftigen, kalten Wind nicht in die Stube zu lassen, und dann rief er noch einmal, diesmal noch ein wenig lauter: „Hallo?“

Aus dem Augenwinkel meinte Roger, eine Bewegung wahrgenommen zu haben, doch als er sich nach links drehte, um dem auf die Spur zu gehen, erblickte er nur zwei Besen, die ihn absolut identisch zueinander und leblos anstarrten.

Ein Schauer lief über seinen Rücken und er trat ein paar Schritte in das Foyer, bevor er ein drittes Mal rief: „Hallo? Ist da wer?“ Und im Gegensatz zu den ersten beiden Malen konnte er etwas hören, das beinahe als Schritte durchgegangen wäre, wenn es nicht metallischer und unregelmäßiger von den Wänden zurückgeworfen worden wäre.

„Auf dem Weg, ich bin auf dem Weg!“, erwiderte eine Stimme seinen Ruf, der er weder ein Gesicht noch sonst irgendeinen Körper zuordnen konnte. „Wer ist denn da?“

Roger rückte seine Schultern gerade und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, da er einen ordentlichen Eindruck auf die Person machen wollte, die wohl gleich aus den Schatten heraustreten und ihn begrüßen würde.

Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass das, was in den sanften Schein einer vereinzelten Kerze trat, kein Mensch sein würde, sondern eine heftig pendelnde Tischuhr und direkt hinter ihr ein goldener Kerzenständer, dessen Kerzenflammen durch die hüpfende Fortbewegungsart heftig ins Züngeln kamen.

„Mein Name ist Roger Davies“, sagte Roger verdattert, weil alles andere vermutlich nicht dem guten Ton entsprochen und die beiden Gegenstände wahrscheinlich bis ins Mark beleidigt hätte. „Ich bin auf der Suche nach meiner Mutter.“

Die beiden Zeiger im Blatt der Uhr drehten sich in die eine und andere Richtung, als müsste sie schrecklich darüber nachdenken, wen Roger nun meinen könnte, während Roger befürchtete, dass er Hausfriedensbruch begangen haben könnte, obwohl es überhaupt nicht notwendig gewesen sei. Dann tippte der Kerzenständer jedoch mit seinem Arm gegen das Holzgehäuse der Uhr, sodass Roger für einen Moment glaubte, ein Funke könnte mit Leichtigkeit überspringen, bevor er mit dem anderen Arm nach oben zeigte und die Uhr somit wohl daran erinnerte, dass Rogers Mutter tatsächlich in den vier Wänden des Anwesens aufzufinden war.

„Oh, die Diebin!“, rief die Uhr aus und der Kerzenständer tat das gegenständliche Äquivalent dazu, ihr den Ellenbogen in die Seite zu rammen. „Was? Was? Es ist doch nur wahr!“

„Sieh ihn Dir doch an“, erwiderte der Kerzenständer nun und Roger hatte bis gerade eben irgendwie gedacht, dass er im Gegensatz zu der Uhr vielleicht gar nicht reden konnte. (Roger war sich nicht sicher, wie zufrieden er mit den Entwicklungen dieses Abends zu sein hatte.)

„Ja, ja, ich weiß!“ Die Uhr hüpfte beinahe auf der Stelle, während die Zeiger in ihrem Blatt in Richtung der großen Treppe nach oben zeigten und ganz kurz noch nicht einmal zitterten. „Ihre Mutter wurde auf frischer Tat dabei ertappt, wie sie uns bestehlen wollte. Ihr wurde die Möglichkeit eröffnet, ihre Schuld abzuarbeiten, sodass keine rechtlichen Schritte gegen sie eingeleitet werden müssen.“ Roger wusste, dass rechtliche Schritte einleiten ein ganz mieser Euphemismus war.

Roger tat einen Schritt in Richtung der Treppe und er sagte: „Ich biete mich meiner Mutter statt. Ich kann richtig anpacken im Haus.“

„Er kann auf Leitern steigen“, wisperte der Kerzenständer voller Ehrfurcht, woraufhin die Uhr nur hektisch erwiderte: „Sie kann nähen und flicken!“

„Ich kann auch nähen und flicken!“, beeilte Roger sich zu sagen. Seine Hand schnellte nach oben und sein Zeigefinger schwebte unbeholfen vor ihm in der Luft. In einem Anfall freudiger Erregung stießen Kerzenständer und Uhr sich gegenseitig an, bevor sie beinahe übereinander fielen, während sie auf die Treppe zueilten und sich mehr robbend und kletternd daran machten, die Stiege zu erklimmen.

„Er kann nähen und flicken!“, rief die Uhr aus, während sie sich an der zweiten Stufe zu schaffen machte, während der Kerzenständer sich noch immer mit der ersten abkämpfte und erwiderte: „Er kann auf Leitern steigen!“

„Alle Hemden haben Löcher“, betonte die Uhr eindringlich, nur um von dem Kerzenständer entgegengehalten zu bekommen: „Die Regenrinnen sind voller Blätter“, als wäre es das Wichtigste, das es im Haushalt zu erledigen gäbe.

Derweil verblieb Roger am Ende des Treppenlaufes und sah den beiden Gegenständen dabei zu, wie sie sich beinahe gegenseitig wieder von den Stufen zogen, und wunderte sich, ob er auf dem Weg zum Anwesen von dem Kutscher vom Kutschbock direkt auf den schlammigen Weg geschubst worden war und sich dabei den Kopf heftigst an einem Stein gestoßen hatte, sodass er sich all diese wundersamen Erlebnisse nur in einem fiebrigen Traum einbildete.

Als der Hausrat bemerkte, dass Roger ihnen nicht auf dem Fuße folgte, drehten sie sich zeitgleich zu ihm um und winkten mit Armen und Zeigern, bis er sich in Bewegung setzte, und sie ihren Kampf mit dem Weg nach oben wieder aufnahmen.

„Es wird sich alles ändern“, rief der Kerzenständer, während er die letzte Stufe atemlos erklomm, und die Uhr widersprach schnaufend: „Nichts wird sich ändern, es werden nur Hemden geflickt.“

„Und Regenrinnen gereinigt“, ergänzte der Kerzenständer trotzig, ohne der Uhr bei ihrer letzten Kletterpartie unter die Zeiger zu greifen. (Nicht, dass Roger wusste, wie er es bewerkstelligen sollte, wenn er es probieren würde.)

Mit einem etwas belämmerten Gesichtsausdruck trat Roger hinter die beiden Gegenstände in die erste Etage ein und mit festerer Stimme, als er sich selbst zugetraut hätte, sagte er: „Erst will ich meine Mutter nach draußen zur Kutsche schicken, bevor der Kutscher es sich anders überlegt und fortfährt.“

Sie führten ihn zu einem kleinen Zimmer etwas abseits und, nachdem er die Tür aufgestoßen hatte, nahm er seine Mutter in den Arm und flüsterte ihr zu, dass alles in Ordnung sei und sie nach Hause gehen könne.

„Was ist mit Dir?“, fragte sie und fasste sein Gesicht mit beiden ihren Händen, während ihre warmen, braunen Augen sich in seine bohrten.

„Ich werde vorerst hierbleiben“, entgegnete er sanft, während er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte und ihr ein in sich ruhendes Lächeln schenkte. „Aber Du musst fort, sieh nicht zurück.“

„Soll ich mein einziges Kind hier zurücklassen bei diesem Ungeheuer?“, fragte sie mit zittriger Stimme und Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln, denen sie jedoch verbot zu fallen. Sein Daumen strich über ihre Wange und sie schloss für einen Herzschlag ihre Augen.

„Es wird schon werden“, sagte er leise und sie nickte gegen seine Handfläche. „Bevor Du Dich versiehst, bin ich wieder daheim.“

Dann ließ er sie gehen, auch wenn es ihn schmerzte, und er wandte sich wieder dem sprechenden Hausrat zu, der die ganze intime Herzensangelegenheit mit nicht vorhandenen Augen beobachtet und vermutlich verurteilt hatte.

„Es ist nicht sonderlich nett, ihn Ungeheuer zu nennen“, stellte der Kerzenständer pikiert fest, woraufhin die Uhr ein bestätigendes Ticken von sich gab und zustimmte: „Er möchte doch nur, dass die Dinge ihren rechten Lauf nehmen. Gut, ich meine, er kann ein bisschen unterkühlt sein, aber er ist wirklich sehr nett.“

Roger, der bis dato, wenn er ehrlich war, davon ausgegangen war, dass seine Mutter von Uhr und Kerzenständer gesprochen hatte, zog nun zum ersten Mal in Erwägung, dass in den Mauern des Anwesens noch etwas schlummerte, das weitaus beängstigender oder schrecklicher war, als es Haushaltsgegenstände je sein konnten. Da er sich nun aber auch dazu verpflichtet hatte, die Zeit seiner Mutter abzusitzen, war es vergebene Liebesmüh, sich weiter mit Was wäre wenns herumzuschlagen, weswegen er Kerzenständer und Uhr einen langen Korridor entlang folgte, bis sie zu einer riesigen Flügeltür gelangten, deren dunkles Holz in den unteren Paneelen mit blumenförmigen Schnitzereien verziert war.

„Du klopfst“, sagte der Kerzenständer, kurz bevor er der Uhr einen Schubs verpasste.

„Was? Ach Quatsch“, erwiderte die Uhr, bevor sie den Kerzenständer nach vorne schubste, „Du klopfst. Dich mag er lieber.“

„Das ist gelogen!“, widersprach der Kerzenständer. „Du klopfst, ich hab gestern erst geklopft.“

Die Zeiger der Uhr machten etwas, das aussah, als würde sie ihre Augen verdrehen, bevor sie sich halb gegen die Tür warf und damit dem im Inneren des Raumes – wer auch immer das sein sollte – ihre Anwesenheit anzukündigen.

Für einen Moment war alles in Stille gehüllt, lediglich Rogers Herzschlag dröhnte ihm in den Ohren, und er zählte stumm die Sekunden, bevor die Flügeltür sich knarrend öffnete und ein großer, zotteliger Kopf durch den größer werdenden Spalt geschoben wurde.

Rogers Mund wurde mit einem Mal ganz trocken, während Schweiß sich in seinem Kragen sammelte und er zweimal heftig schluckte, wobei seine Zunge an seinem Gaumen festklebte und sich nicht mehr lösen wollte. Das war keine Angst, das eine Gänsehaut auf seine Arme malte, sondern reine, pure Neugierde.

„Ja?“ Die Stimme des Biests klang wie die eines Buchhalters, der zu viele Stunden über Geldlisten gebrütet hatte, und Roger konnte einen Schauer, der ihm über den Rücken lief, nicht unterdrücken. „Was gibt es?“

„Ta-da!“, machte die Uhr und ihre Zeiger deuteten direkt auf Roger, der sich hektisch mit der Hand durch die Haare fuhr, um ein etwaiges Chaos zu beseitigen. „Er kann nähen und flicken!“

„Und auf Leitern steigen!“, ergänzte der Kerzenständer mit einer Qualität in der Stimme, die auf ein Grinsen hindeutete.

Das Biest blickte unbeeindruckt durch die komödiantisch kleine Hornbrille auf seiner Nase auf Roger hinab. Dann fragte es: „Und inwiefern tangiert uns das?“ Es unterdrückte sichtlich ein Gähnen.

„Er übernimmt die Strafe seiner Mutter“, erklärte der Kerzenständer fröhlich. „Sein Name ist …“

„Roger“, beeilte Roger sich zu sagen, während die Uhr hilfreich den Kerzenständer ergänzte: „Sein Name ist Roger.“

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus und das Biest verdrehte gequält seine Augen, bevor es sagte: „So funktioniert das nicht.“

„Sie ist schon fort“, sagte Roger, weil er befürchtete, das Biest könnte sich auf den Weg machen, seine Mutter wieder einzufangen und zurückzubringen. „Ihr müsst wohl mit mir vorliebnehmen.“

Roger versuchte, sein gewinnendstes Lächeln aufzusetzen, aber das Biest wirkte nicht sonderlich beeindruckt davon, und statt, dass er sich vor etwaigen Konsequenzen ängstigte, stieg der Drang in ihm auf, dem Biest zu beweisen, dass er sich mehr als nur hilfreich in diesen seltsamen Haushalt eingliedern konnte.

Ein brunnentiefes Seufzen erklang von den Lippen des Biestes und es kratzte sich mit einer langen, spitzen Kralle das Fell unterhalb des Nasenstegs seiner Brille. Dann sagte es schließlich: „Ich mag es nicht besonders, wenn Dinge nicht laufen, wie sie sich gehören. Aber nun gut, Cedric und Oliver werden Dir Dein Zimmer zeigen.“

Es schloss die große Flügeltür ohne weiteres Aufsehen und der Kerzenständer drehte sich mit viel Schwung um, sodass er fast vornüberfiel.

„Percy wirkt wirklich immer ein wenig unterkühlt“, stellte die Uhr fest und der Kerzenständer ergänzte: „Er glaubt auch, dass er den Laden schmeißt, aber eigentlich sind das Oliver und ich.“

„Und trotzdem sind wir die Laufburschen“, stellte Oliver fest, während seine Zeiger sich aufgeregt im Kreis drehten. Er watschelte an Roger vorbei, Cedric dicht hinter ihm, und Roger fragte sich, worauf er sich da eingelassen hatte und warum seine Mutter nicht ein einziges Mal auf ihn hören konnte, als Cedric laut sinnierte: „Mit der Fracht, die wir bei uns tragen, sind wir eher seine Botenjungen.“

Dann machten sie sich auf zu einem staubigen Raum, den Roger für die überschaubare kommende Zeit als sein Zuhause zu betrachten hatte. Das würden ein paar sehr lange Wochen werden.

Series this work belongs to: