Work Text:
Ist auch Hass ein Teil des Regenbogens?
Wenn ja, hinter welcher Farbe versteckt er sich?
Nomen, Hass , der /has/
[ maskulin ] • nicht zählbar
starke Ablehnung
Verb, hassen /ˈhasən/
Widerwillen empfinden
♦
Hass musste der Moment sein, wenn im Herzen Extreme kollidierten, die der Verstand nicht verarbeiten konnte. Dieser simple, viel zu einfach gestrickte Kopf der menschlichen Spezies, die sich alles vorstellen wollte und zu fast nichts davon fähig war. Ein Teller hatte so lang einen Rand, wie der Mensch ihm einen gab und Hass einen Namen samt Bedeutung, wie das Wort im Innen und Außen lebte. Leben durfte; man es nährte . Kenmas Finger krallten sich beinahe krampfhaft in jenen schlabbrigen Pullover, den er von irgendwo ganz unten aus Kuroos Schrank gezogen hatte und der am Ende doch nur Bokuto gehörte. Oder schlimmer: Oikawa. In Kuroos könnte er die Nase vergraben, Bokutos gerade noch irgendwie akzeptieren und für den von Oikawa bräuchte es eine Schere samt Mülleimer.
War er ein komplizierter, undankbarer Mensch? Zu fremd und damit eines Alien Abbild? Ein Facehugger aus eben jenem Universum? Ein Jinchūriki nur ohne Bijū? Ein schwanzloser Saiyajin? Nicht von dieser Welt und doch direkt aus ihrem Kern? Einmal mehr fühlte er sich fehl am Platz, verfluchte seinen „Mitbewohner“ dafür, dass er ausgerechnet dieses Wochenende mit seinem besten Freund unterwegs war. Irgendwo in einer anderen Stadt. Überall, nur nicht hier. Nicht bei ihm. Gerade jetzt, wo er ihn brauchte. Sie.
Kuroo würde nicht seit gefühlten Jahrtausenden in dem dunklen Raum stehen und auf eine Erleuchtung warten - oder den Beginn des ihn erlösenden Weltuntergangs . Nein, der Schwarzhaarige hätte die Situation höchstwahrscheinlich gar nicht erst so weit kommen lassen, sondern interveniert und wüsste Kenma wie, dann würde er es ihm gleichtun. Vielleicht nicht perfekt, aber es gäbe einen Fahrplan. So, wie man auch Ikearegale nicht ohne Anleitung aufbaute, da man sonst ein Monstrum erschaffen könnte. Nicht so, wie Frankensteins Unhold, der eigentlich ein trauriges Wesen war ... nein, eher sowas, wie einen Deceptikon aus Transformers. Kenma sah auf seine Armbanduhr und fragte sich, seit wann zwanzig Minuten so schnell vergingen und wo er das letzte Mal eingeatmet hatte. Der Raum wurde gefühlt dunkler, der Sauerstoff weniger - Tatsache - und nichts besser.
Wie hatte es nur dazu kommen können? Kenma sollte doch alleine sein, wenn Kuroo unterwegs war. Wann hatte es begonnen ... dass Bokuto in Kuroos Bett lag und das auch noch vollkommen selbstverständlich? Dass er eine Zahnbürste, ja einen verdammten Wohnungsschlüssel hatte? Dreckige Socken auf dem Badezimmerboden sein Eigen nannte?
Scheiße.
Es war wie in einem schlechten Film gewesen; erst Oikawa, später Bokuto. Fast so, als würde Kuroo streunende Katzen auflesen. Er, Kenma, durfte sich dann um den Rest kümmern. Füttern, Flöhe entfernen; Tierarztkosten. Natürlich war das vollkommen übertrieben, der Blondschopf zu schnell genervt, was dies anging. Kuroo brachte keine Straßenkatzen mit Heim, sondern nach Schweiß und Turnhalle stinkende Jungs, die er seine Freunde nannte. Personen, die viel zu laut waren, sich in Ekstase verloren und denen die Kontrolle ihrer Emotionen nicht in die Wiege gelegt worden war.
Mochte Kenma jene Experimente, die blieben und niemals mehr verschwanden? So pauschal war das nicht zu beantworten, brachte doch jedes Geschöpf eigene, seltsame Angewohnheiten mit sich. Oikawa war schnippisch, auf eine Art selbstverliebt, die anstrengend war und eher ein nach Nahrung schreiendes Baby als ein angehender Erwachsener. Was sein Partner in ihm sah, konnte Kozume selbst drei Jahre später nicht verstehen. Drei Jahre, in denen Oikawa bei ihnen übernachtet und sich betrunken in ihre Toilette übergeben hatte. Von dessen sexuellen Eskapaden wusste Kenma glücklicherweise bloß aus dritter Hand und dies nur, weil er Kuroo oft Redebedarf äußerte. Natürlich war Tōru in einer Beziehung, aber was genau für ein Konstrukt es auf emotionaler Ebene sein sollte? Fraglich. Liebte dieser seltsame Idiot seinen Freund oder tat er nur so, um eine gewisse Stabilität in seinem Leben zu erhalten? Er schwärmte von Iwaizumi und am nächsten Abend ließ er sich dennoch um den Finger wickeln; erzählte jedem, er sei frei. Kenma war froh, dass er nicht viel mit ihm zu tun haben musste, verkroch sich hinter dem Computer, wann auch immer Oikawa sie besuchte.
Bokuto aber war anders. War vom ersten Moment an etwas gewesen, von dem sich Kozume gewusst hatte, dass sie es nicht mehr so einfach loswerden würden. Das … Kenma es nicht mehr so einfach loswerden würde.
„Pass gut auf ihn auf, ja?“
„Mhm.“
Seine Kopfhaut kribbelte, als hätte er sich verliebte Läuse zum Valentinstag eingefangen, während Kuroo ihm noch ein letztes Mal durch die Haare strich.
„Ganz viel
nicht
Spaß mit ... dem Typen”, nuschelte Kenma.
Und er liebte sein Lachen, breitete sich doch dadurch das Kribbeln in seinem gesamten Körper aus; erreichte sogar den tauben Zeh, den er sich vor zehn Minuten am Tischbein angeschlagen hatte. Das Herz holperte, stolperte durch seinen Brustkorb und grüßte den Rippenbogen ein wenig zu forsch.
„Bis Mittwoch“, Eskimoküsse waren ihm die liebsten.
Dann war es die Leere, die schmerzte, nicht herzte. Fünf Tage. Bis Mittwoch.
Er war noch nie der Typ gewesen, der Körperlichkeiten austauschte; der Wert darauf legte, berührt zu werden oder andere zu berühren. Menschen machten ihm Angst, waren anstrengend. Kuroo war wohl die eine Ausnahme unter Millionen, zu dem sich bis zum heutigen Tage nur wenige dazugesellt [definitiv nicht Oikawa] hatten. Tora. Shōyō.
Kuroo kannte sein alles. Kannte seine hellen und dunklen Seiten. Seine Ängste und die schlaflosen Nächte, um das neue Super Mario durchzuspielen. Er wusste von den täglichen Imaginationen, um durch die Welt zu schreiten, und machte sich nichts daraus, wenn sich der nächste Konbini in ein Level in Kenmas ganz persönlichem Videospiel verwandelte. Es war ihm egal gewesen, dass er immer auf Abstand blieb, ja nicht einmal zur Begrüßung die Hand gereicht hatte. All das hatte ihn nicht interessiert. Wann Kozume selbst begonnen hatte, sich dem Älteren auf eine andere Art zu nähern, wusste er heute nicht mehr. Wann er ihn das erste Mal an der Schulter, oder dem Arm berührt hatte. Wann er eine Umarmung gesucht, sogar eingefordert hatte. Ihm gegen die Stirn getippt; sich an ihn gelehnt. Ab wann es in Ordnung gewesen war, dass Kuroo nicht mehr fragte, sondern einfach agierte. Kuroo, der Mensch für ihn allein.
Für ihn allein und die Herzen der Welt.
Nannte man das, was sie hatten, eine Beziehung? Natürlich; wenigstens auf ihre eigene, abstruse Art. Nebeneinander einschlafen und aufwachen. Zusammen lachen und weinen, während die Welt unterging und neue Sterne geboren wurden. Für ihn gab es nichts, was diesem seltsamen Konstrukt auch nur ansatzweise näherkommen könnte. Diesen angeblichen Gefühlen und dem seltenen Verlangen nach Nähe. Ja, wahrscheinlich hatten sie eine Beziehung; sehr eigen, aber sie war da. Nur für sie. Sie hatten sich allein; jedenfalls bis Bokuto durch die Tür stolperte. Wie ein rosa Elefant hatte er im Raum gestanden; tat es noch heute.
„Magst du ihn?“
„Schon.“
„Mhm“
„Bist du eifersüchtig?“
„Nein, sollte ich?“, Kuroo hatte ihn so verunsichert angesehen,
„Ich bin da drin“, er hatte ihm auf die Brust getippt, „Aber da ist viel Platz.“
Und ja, vermutlich war es das Dümmste gewesen, was er hatte sagen können; vielleicht aber auch nicht. Vielleicht war es auch das Schönste; nur wann er bereit sein würde, das zuzugeben, wusste niemand von ihnen. Liebe durfte so endlos sein, wie das Universum und genauso unterschiedliche Farben haben, wie eben jenes. Liebe –
als wenn er davon sonderlich viel verstehen würde
. Kenma atmete ein, war noch nie ein Profi im Ausatmen gewesen. Spürte dem Sauerstoff nach, wie er jede Zelle seines Körpers erreichte, seine Knochen umspielte und das Herz kitzelte. Welch eigenartiges Gefühl.
Kuroo hingegen war ein seltsam wundervolles Gefühl. Nur für ihn allein.
Bokuto war ganz anders ... ein ungewöhnliches, absonderliches Gefühl für ihn allein.
Für ihn.
Noch immer drohte die Dunkelheit des Schlafzimmers bei Tag ihn zu verschlucken. Aufzufressen, zu verdauen und auszuspucken. Irgendwo weit weg, nur nicht hier. Kenma spürte kalten Schweiß unter seinen Fingernägeln und einen Schneewittchenapfel in seinem Hals stecken. Nicht einmal atmen konnte er den Älteren hören und wusste dennoch, dass die Luft salzig riechen musste. Tränen wie das Schwarze Meer; man schwamm oben, konnte nicht ertrinken. Jedenfalls nicht auf die herkömmliche Art. Bokutos Anblick, oder das, was er erahnen konnte, zerriss etwas in Kenma, was viele Leute ihm absprachen. Etwas, das sich Herz nannte. Ein Herz, welches neben Videospielen nur ausgewählte Menschen zu sehen bekamen. Welches er ausschließlich ihnen schenkte. Der Griff in den Pullover wurde fester, verkrampfter. Wann war Bokuto nur zu einem Gefühl in Herzgegend mit Regenbogenschlitterpartie geworden? Ein Holpern und Stolpern mit herzhaftem Grüßen des Brustkorbes? Wann nur war Bokuto ... Kōtarō geworden?
War ihm klar gewesen, dass der zweite Herzschlüssel Phasen hatte, in denen die Dunkelheit der Nacht ein Witz gegen die Finsternis in seinem Herzen war? Natürlich. Kenma hatte all das gewusst, hatte all das miterlebt. Gesehen, wie Kuroo sich um den Eulenschopf kümmerte; war nicht aus dem Raum geflüchtet. Auf Abstand, den Kopf zur Konsole gesenkt, trotz alledem da. Immer aufmerksam, allzeit bereit. Hätte sogar eine verdammte Hand gehalten. Aber jetzt und hier fühlte er sich hilflos, fragte sich, ob hassen leichter wäre, als jenes Ziehen im Herzen.
Aber würde Hassen nicht bedeuten, dass es ihm egal wäre? Dass er dann nicht hier stehen würde? Konnte man hassen, ohne zu lieben, und war Hass nicht nur deshalb so ein starkes Gefühl, weil ein emotionales Band bestand? Hasste Kenma nicht genau diese Situation? Die Situation, aber nicht Bokuto. Das Ding mit dem Hass war eine Farce, eine Lüge ... ein dümmliches Konstrukt.
Nein, er hasste Bokuto nicht, hatte es wohl nie. Hasste Oikawa jedes Mal, wenn er ihm den Kopf tätschelte, ein wenig mehr und Bokuto mit jedem Atemzug weniger. Antipathie hatte sich in etwas anderes verwandelt, denn in manchen Herzen war einfach verdammt viel Platz. Auch in Kenmas; irgendwie . Jedenfalls für Kuroo... und Kōtarō.
„Ich komme jetzt rein ... also ... so richtig rein, ja?“
War es Kozume egal, dass er keine Antwort bekam? Wahrscheinlich schon, denn auch bei Kuroo hatte der Eulenjunge nicht gesprochen. Da war nur das Schwarze Meer, welches Herzen infiltrierte und für Qualen verantwortlich war, welchen man nicht entrinnen konnte. Nicht ertrinken, nur ausharren. Durchwaten. Jedes Meer endete irgendwann, wie auch der Winter, bevor der Frühling begann.
Und Kenma wusste, wie der Frühling aussehen konnte, wie er aussah, und das so oft – ganz unverhofft.
Wahrscheinlich hatte alles an dem Abend begonnen, an welchem sie Pacific Rim gesehen hatten und Kenma in eine Situation gekommen war, die so niemals hätte stattfinden dürfen. Sollen.
Es roch nach halb verbranntem Karamell mit Aufpuffmaisallüren samt lauwarmem Bier, als Kenma sich noch tiefer in die Sofalehne drückte und die Schultern hochzog, um kleiner zu wirken; sich zu verstecken. Von Anfang an hatte er wenig Lust auf einen „amüsanten“ Filmabend mit Kuroos nicht mehr ganz so neuem Kumpel gehabt und dennoch keine Ausflüchte gefunden, die ein Wegbleiben gerechtfertigt hätten. Natürlich gewährten Tora oder Shōyō ihm jederzeit Unterschlupf, aber er hielt es kaum eine Nacht bei einem seiner besten Freunde aus. Er schlief nicht gern in fremden Wohnungen von nicht fremden Menschen mit nicht so richtigen Gästebetten. Er liebte seine eigenen vier Wände, seine Routine. Mochte Verständnis ohne Worte und sanfte Schmetterlingsberührungen, die manchmal wie zu einer Abgottschlange auf Jagd ausarteten.
Was Kenma fast so sehr, aber doch nicht so doll hasste, war Besuch in seinem Reich. Nicht ganz so fremde Menschen, die sich heimisch fühlten und Unordnung verbreiteten; selbst die, die nur in Kozumes Inneren existierte. Seit er mit Tetsurō Kuroo zusammenlebte, ließ sich dies allerdings kaum noch verhindern. Kuroo war extrovertiert, Kenma nicht. Kuroo hatte viele Freunde, Kenma nicht. Kuroo hatte gern Besuch, Kenma nicht. Kuroo stand auf lautes Lachen und ausufernde Gespräche über die schallende Musik hinweg, Kenma nicht. Für Kuroo wäre es vollkommen in Ordnung, wenn Kozume sich in ein anderes Zimmer zurückziehen würde, für Kenma nicht.
Also saß er hier, starrte krampfhaft auf seine Nintendo Switch und versuchte das überaus lustig anmutende und laute Gespräch, welches von der Küche her an seine Ohren drang, auszublenden.
Alles roch nach gezuckertem Getreide und dann klirrten die ersten Bierflaschen; Deckel ploppten. Noch hätte er die Chance, das Zimmer zu wechseln und damit nur mega unfreundlich, aber nicht misanthropisch zu wirken.
„Hey hey, da sind wir“, flötete es überschwänglich hinter ihm, was allerdings keine Vorwarnung dafür war, dass Bokuto halb über das Sofa sprang, nur um sich direkt links von Kenma in das Polstermöbel sinken zu lassen. Popcorn hüpfte gut gelaunt aus der Schüssel. Kenma hatte den starken Drang, nach rechts zu flüchten, wollte an den Rand rücken und wusste plötzlich gar nicht mehr, wie und warum und weshalb er mitten auf der Couch saß. Wie hatte solch Unachtsamkeit geschehen können? Etwa, weil er diese Stelle immer für sich beanspruchte, wenn sie keinen Besuch hatten, ja erwarteten? Weil er so einfach nach links oder rechts fallen und liegenbleiben konnte? Fuck. Unerwartet und sicherlich ungewollt niedlich aussehend, stieß er gegen Kuroo, der sich ebenfalls gerade positioniert hatte; mit liebevoller Geste eine Tasse dampfenden Kakao vor Kozume abstellte. Ihre Blicke streiften sich, während Kenmas Wangen in zartes Rosé getaucht waren und er einmal mehr feststellte, dass dieser Herr der Grund war, warum er sich so schlecht von leidlichem Besuch abgrenzen konnte. Er wollte nicht allein im Nebenzimmer sitzen und wissen, dass Tetsurō mit jemand anderem Zeit verbrachte, die Kenma ebenfalls mit ihm hätte verbringen können.
„Also ihr“, Bokuto schob sich noch ein gepopptes, voll gezuckertes Maiskorn in den Mund, „Seid sowas wie ein Paar, habe ich das richtig verstanden?“
„Wollten wir nicht –“
Aber auch wenn das Gespräch, welches eben erst begonnen hatte, eine Richtung einschlug, die Kenma nicht gefiel, hatte Kuroo schon einen Arm um ihn gelegt und ein wenig an sich gezogen. Frisches Aftershave. Tannenzapfen. „In der Tat“, sein Herzschlüsselmensch grinste zufrieden, während Kozume kurz davor war ihm den Ellenbogen in die Seite zu rammen.
Diese Gespräche waren ihm unangenehm, diese seltsam überraschten Blicke verabscheute er und gerötete Wangen sollte niemand sehen, außer seiner anderen Hälfte. Kenma war wohl nicht das, was man als typischen Partner bezeichnen würde. Berührungen forderte er so gut wie nie selbst ein. Zwar tat er es mittlerweile, aber Küsse gingen bis heute nicht von ihm aus. Eskimoküsse ausgenommen. Sex war nichts, was er brauchte, nur Kuroo zu Liebe ab und an zuließ. Händchenhalten war ihm fremd und Schwärmen eine Abnormität, die er noch nie verstanden hatte.
„He, das verstehe ich nicht ganz“, Bokuto wirkte dezent überfordert, während er fast das gesamte Popcorn für sich beanspruchte.
„In manchen Herzen ist halt viel Platz“, Kenma drückte sich, wenn auch in Kuroos Griff gefangen, noch weiter Richtung Lehne, „Das ändert nichts.“
Kōtarō nickte verwirrt: „Okay.“
„Können wir jetzt bitte den verdammten Film schauen?!“ Kenma konnte nicht mehr, was hatte sein Freund dessen Kumpel nur schon wieder erzählt? Wie betrunken hatten sie sich kennengelernt? Oder waren sie vollkommen benebelt in der Sauna aufeinandergetroffen?
Vielleicht war es aber auch an diesem Morgen, Wochen später gewesen. Kozume würde ihn wohl niemals vergessen können.
Es war durchaus bezeichnend, dass er nicht mehr wusste, wann es begonnen hatte, dass Bokuto in ihrer Wohnung ein und aus ging, als würde er selbst hier leben. Ja, nicht einmal Oikawa hatte dies gewagt; hatte jene unsichtbare Grenze übertreten. Dass sie einen Drittschlüssel besaßen, hatte Kenma natürlich gewusst; dass dieser aber an den Eulenjungen gewandert war, wurde ihm erst bewusst, als Kozume sonntagmorgens aus Kuroos Schlafzimmer trat und den grau gefärbten Schopf über die Sofalehne hängen sah. Kōtarō friedlich schlafend, sanft schnarchend. Die Schuhe zum Glück nicht an den Füßen, allerdings auch sonst nicht sonderlich viel mehr Kleidung, bis auf eine eng anliegende Unterhose.
Ab diesem Tage war Bokuto kaum noch aus ihrer Wohnung wegzudenken gewesen und Kenma bildete sich ein, dessen Lachen sogar dann zu hören, wenn der Ältere nicht einmal im Haus war. Manchmal jedoch wünschte er sich, dass die Realität sich in eine Einbildung verwandeln würde. So auch an besagtem Morgen.
Wenn die Dunkelheit der Nacht langsam dem dämmrigen Tag Platz machte, war Kenma entweder noch immer wach oder wollte sich nicht aufraffen; drückte sich in seltenen Fällen an Kuroo, bevor sich dieser erhob und das Haus verlassen musste. Ein Grund mehr, warum der Blondschopf sich für ein Fernstudium mit dem Schwerpunkt Informatik entschieden hatte. Kein frühes Aufstehen. Fast keine menschliche Interaktion. Wirklich, Kenma war schließlich nie ein Menschenfreund gewesen, er mochte sie einfach nicht. Praktisch niemanden.
Aber in diesen magischen Momenten zwischen Sonne und Mond, wenn die Welt noch nach Frieden und Ruhe roch, drehte er sich manchmal gen links und presste sein Gesicht mit der Nase voraus an die Halsbeuge des dunkelhaarigen Mannes, der sein Lebensmittelpunkt war. Erst wenn dieser wenige Sekunden später einen Arm um ihn legte und die Ruhe im Außen und Innen damit ausdehnte, schien die Zeit stillzustehen; ja die Welt eine perfekte Form angenommen zu haben.
Das leichte, kaum sichtbare Lächeln auf seinen Lippen erlosch erst in dem Moment, als die einsame Frische am Rücken plötzlich verschwand und durch ausgeprägte, nicht abebben wollende Wärme ersetzt wurde, die fast schon hitzig wirkte. Ein weiterer Arm, der nicht Kuroo gehörte, legte sich über den seines Partners und hinter Kozume erklang ein schläfriges „Guten Morgen“.
Kenmas Herz rutschte ihm in die Hose, als der Eulenjunge sich zu erkennen gab. In Kuroos Zimmer samt Bett, in welchem auch Kenma war. In der Mitte.
„Das ist ein Alptraum“, murmelte er noch immer erstarrt, „Ich muss träumen.“
Ja, vielleicht war dies wirklich der erste Moment gewesen, in welchem ihn die Wärme vollends ummantelt hatte. Ungewohnt. Anstrengend. Beängstigend.
Eine Hitze, die von einem Menschen ausging, der nicht mehr verschwand, nicht aufgab. Egal, wie lang es dauerte und Kozume begriff einfach nicht warum. Dass jemand Kuroo anziehend und faszinierend fand, war selbstverständlich, aber ihn? Tat er nicht alles dafür, dass die Leute auf Abstand blieben?
„Aber du musst doch was frühstücken?!“, Bokutos Worte erreichten ihn gar nicht richtig, drangen zwar zu einem Ohr in seinen Kopf ein, verließen jenen durch das andere allerdings prompt wieder.
Kenma frühstückte nicht gern. Er hatte keinen Hunger, fühlte sich danach träge, müde und schwer. Alles, was er morgens um sechs Uhr wollte, war, mit Kuroo in der Küche zu sitzen, eine heiße Milch zu trinken und seinen Partner dann in die Stille der ausklingenden Nacht zu entlassen. Einfach die Beine unter den zu großen Pullover ziehen, herzhaft gähnen und schweigen. Seit Bokuto allerdings bei ihnen „eingezogen“ war, schien das nicht mehr möglich. Jeden Tag aufs Neue versuchte er ihn zum Frühstücken zu bewegen, sprach von der wichtigsten Mahlzeit am Tag und dass es kein Wunder war, dass Kenma so klein blieb, wenn er nicht ausreichend Nahrung zu sich nahm. Proteine dies das.
„Meine Rede“, Tetsurō grinste schelmisch und setzte sich neben Kenma auf einen Stuhl, „Wer weiß, zu was für Meisterleistungen du noch fähig wärst?“
„Ja! Nüsse wären gut, du musst doch viel denken, oder?“
Er grummelte, war vollkommen zufrieden mit der jetzigen Handhabung und hatte kein Interesse daran, irgendwelche Ernährungspläne zu verfolgen, um angeblich besser zu werden.
„Level up“, Kuroo hielt ihm eine Gabel mit Rührei unter die Nase.
„Seid ihr meine Mütter oder wa-“, aber da hatte er das doch noch recht warme Lebensmittel bereits im Mund.
„Ich mach dir ne Schale mit Nüssen fertig“, Kenma wollte gerade intervenieren, als Kuroo ihm die nächste Gabel hinhielt und Kōtarō schon aus dem Raum gehechtet war.
Das hier war sein schlimmster Alptraum, warum also waren seine Ohren heiß?
Konnte er sich heute eingestehen, dass schon damals etwas mit ihm ... ihnen passiert war? Kenma schürzte unzufrieden die Lippen.
Wahrscheinlich hätte dieser Moment magisch sein sollen, voller verliebter Schmetterlinge in ihren Körpern und der Sonne, die nach einem langen Regenschauer hinter den Wolken hervorbrach. Ein Regenbogen sollte sich über den Himmel erstrecken und die Welt ein wenig friedlicher werden.
Vielleicht war es schon ein Wunder für sich, dass Kenma sich an ein gewisses Ritual gewöhnt hatte, welches in seinen Augen mehr als nur hassenswert begonnen hatte. Bereits seit einigen Wochen ging Bokuto Kōtarō in ihrer Wohnung ein und aus wie jemand, der noch nie woanders gelebt hatte. Kozume wusste, wie seltsam sein und Tetsurōs Beziehungskonstrukt auf andere wirken konnte. [Shōyō und Tora erinnerten ihn oft genug daran] Das Bokuto nach anfänglicher Unsicherheit gar kein Problem damit hatte, war schön für Kuroo, aber anstrengend für den Blondschopf. Jedenfalls redete er sich das ein. Ausschlaggebend dafür war, dass Kenma noch nie Teil einer solchen Liaison gewesen war. Einfach nicht das Bedürfnis gehabt hatte. Nicht, dass das jetzt anders wäre, aber Kōtarō hatte ihn mit so einer Wucht in die Sache hineingezogen, dass sich der zurückgezogene Einzelgänger nun regelmäßig einmal die Woche in Kuroos Bett wiederfand, das auch der Eulenjunge für sich beanspruchte.
Inzwischen waren Freitagabende nicht sexuell [Gott sei dank] ..., sondern ... liebenswert? Kenma lief es eiskalt den Rücken runter, denn er fragte sich, wie es hatte so weit kommen können, wie heute.
„Hey hey, ich lese Harry!“ - „Pah, der Protagonist bin ja wohl ich. Du kannst Ron sein.“
Immer wieder wurde der erste Band der Reihe über seinen Kopf hin und her gereicht, während die zwei Idioten sich nicht einigen konnten, wer welche Sprechrolle übernehmen sollte.
„Es war meine Idee, dass es cool wäre, wenn wir mit verteilten Rollen lesen“, Kōtarō versuchte Kuroo mit seinen Blicken zu erdolchen, was aber kläglich in die Hose ging.
„Und das autorisiert dich dazu, Harry zu sprechen? Wie kindisch!“
Ja, diese ganze Diskussion war albern. Vielleicht sollte Kenma die Augen schließen und so tun, als wäre er eingeschlafen? Würde das etwas ändern, oder würden sie ihn einfach wieder wecken, da es nicht akzeptabel war, wenn man den gemeinsamen Leseabend verschlief?
„Warum fragt mich denn keiner, ob ich okay damit bin, Hermione zu sein?“
Aber niemand hörte zu. Natürlich nicht.
Ja, er konnte nicht bestreiten, dass diese Abende, gar Nächte ihn geprägt hatten, es noch immer taten. Der Freitag war heilig. Der Freitag war ... ihr Tag. Warum also war Kuroo heute nicht da?
Jetzt, wo auch Kenma involviert war und dadurch so leicht überfordert werden konnte?
Es war, als würden so viele Endorphine in ihm explodieren, dass in Kenmas Brust ein neues Universum geboren wurde. Er spürte Gänsehaut auf seinem Nacken, ja wie ihm die Haare zu Berge standen und dass sein ganzer Körper vor Anspannung fast schon vibrierte. Äußerlich ruhig, das Kinn tief in den Hoodie vergraben, hatte er zusammen mit Tetsurō das Halbfinale beobachtet und von Zeit zu Zeit öfter eingeatmet, als aus. So auch jetzt.
Während die eine Hälfte der Halle in Jubelschreie verfiel und Kuroo die Hand vor Freude zur Faust ballte; sich fast die Lippe blutig biss, lächelte Kenma unbemerkt. Es war eine warme Mundwinkeleskapade, gepaart mit einem stolzen Funkeln in den Augen. Ja, vielleicht wurde er hinter den Ohren sogar leicht rot.
„Ugh ... was soll das?!“, Kuroo hatte ihm zwar sacht, aber dennoch unvorbereitet gegen die Schulter geboxt, „Lass das.“
Er lachte und Kenma wurde noch ein wenig röter, konnte den Blick zu seinem Leidwesen nicht vom Eulenjungen, der auf sie zugestürmt kam, abwenden. Dieser sah so glücklich aus. Stank höchstwahrscheinlich wie ein Iltis und klebte am ganzen Körper, aber ... war glücklich. Vollkommen zufrieden.
Bokutos und Kuroos Köpfe krachten aneinander, ja ihre Lippen trafen sich sicher nur deshalb nicht, weil halb Japan zusah.
„Hey hey, habt ihr das gesehen?!“, wild gestikulierte das Ass mit den Armen und drehte sich zu Kenma, der handelte, bevor er dachte. Ungewöhnlich.
Etwas tat, was er sonst so nie tun würde. Vielleicht im privaten Rahmen, bei Kuroo, aber schon gar nicht in der Öffentlichkeit und nie bei Bokuto.
Er wusste nicht, wie ihm geschah, im nächsten Moment nicht mehr, wo sie waren und was Zeit bedeutete. Alles, was er kannte, waren Herzschlüssel, die er behalten hatte wollen und nun trotzdem nicht länger besaß.
Wenn Nasenspitzen sich sanft berührten, dann nannte man dies Eskimokuss. Kenma liebte Eskimoküsse so sehr, wie er etwas lieben konnte. Vielleicht nicht so arg wie Videospiele, aber doch schon doll.
Kōtarōs Ohren waren genauso rot, wie Kenmas Knie weich, während Kuroo die Hände in ihren Haaren vergrub und seine Stirn an ihre Schläfen lehnte.
„Ich hasse euch“
Schon damals hatte er geahnt, dass das gelogen war. Kuroo hatte er nie hassen können und Bokuto? Er wusste nicht, was das mit ihnen von Anfang an gewesen war. Vielleicht Angst, da er gespürt hatte, dass etwas in ihrem Leben passierte, worüber er einmal mehr keine Kontrolle hatte. Etwas, dass ihn direkt betraf. Ihn und Kuroo .
Noch immer hatte der Eulenjunge ihm nicht geantwortet, gab nicht einmal zu erkennen, ob er bemerkte, dass jemand den Raum betreten hatte. Kenmas Atmung war flach, die Unsicherheit ließ Fingernägel erzittern und den Blinddarm sich fast schon schockentzünden. Ob er jetzt kläglich sterben würde, wenn sich wirklich eine Blinddarmentzündung ankündigen würde? Würde Bokuto das überhaupt bemerken? Kozume schmunzelte kaum merklich. Stand vor dem Bett und schaffte es nicht, seine Hand vom Pullover zu lösen.
„Kōtarō?“, seit sie zu dritt in diesem Leben waren, hatte Kenma viel über Depression gelernt, was er vorher noch nicht so gewusst hatte.
Auch hätte er niemals vermutet, dass dieser aufgedrehte, hoch motivierte Eulenjunge von solch einer Erkrankung betroffen sein konnte, aber vielleicht war genau das der Fehler im System. In der Gesellschaft. Die unsichtbaren Beeinträchtigungen. Kenma schluckte und atmete ein. Nicht aus.
„Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll“, die Unruhe veranlasste ihn sogar zum Sprechen, „Kuroo kommt doch erst in einigen Tagen wieder.“
Er traute sich nicht, das Bett zu umrunden, wollte Bokuto nicht zusammengekauert sehen; sein Gesicht erblicken. Er fühlte sich nicht stark genug, um Verzweiflung aufzudecken, wo normalerweise Leben und Optimismus war. Es belastete ihn so sehr, dass es für diese Episoden nicht einmal einen Auslöser geben musste, den er ergründen und beseitigen ... berichtigen konnte. Er konnte einfach nur da sein. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Nur da.
Also legte er sich auf das Knäuel von Mensch und Decke, schlang die Arme, so gut es ging, um den Älteren und drückte sich an ihn. Strich mit dem Daumen unbemerkt über den Stoff.
„Das hast du nun davon, du blöder Idiot“, grummelte er missmutig, „So schnell wirst du mich nicht wieder los.“
Wenn Katzen Flügel hätten, würden sie mit Eulen durch die Nacht jagen.
♦
Vielleicht hatte er nie gehasst, sondern nur Angst gehabt.
Angst vor Herzschlüsseln und alledem, was mit ihnen einherging.
Angst vor denen, für die jene Schlüssel bestimmt waren.
Angst vor ihrer Macht.
Ihrer Liebe.
Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass.
Das Gegenteil von Liebe ist, was eine Welt ohne sie mit einem macht.
