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Nachher im Präsidium

Summary:

Leo ist nicht unbedingt begeistert, dass Adam ausgerechnet bei ihnen im Präsidium ein Praktikum macht. Nicht dass er Adam nicht gerne öfter sehen würde, aber vielleicht nicht unbedingt bei der Arbeit, wo eigentlich keiner über seine Beziehung Bescheid wissen soll.

Adam kann immer noch nicht ganz glauben, dass er irgendwie in eine Beziehung mit Leo hineingestolpert ist. Wenn da nur nicht die Vergangenheit wäre, die er lieber für sich behält und die immer in den unpassendsten Moment wieder hochkocht.

Pia und Esther wollen immer noch nur das Beste für die beiden (und für sich selbst).

Notes:

So, hier ist sie nun, die Fortsetzung. Das hier wird zu 90 % fluff sein und wahrscheinlich stellenweise sehr kitschig.

Disclaimer: Ich habe keine Ahnung von irgendwelchen Dingen, über die ich schreibe; sei es Polizeiarbeit, Psychologie oder medizinische Tatbestände. Das hier ist alles reinste Fiktion aus dem, was mein Gehirn nachts um drei produziert hat und an was ich mich morgens dann auch noch erinnern konnte.

Chapter Text

Leo flucht, als es genau dann klingelt, während er dabei ist, einen Pfannkuchen zu wenden. Das schrille Geräusch erschreckt ihn so sehr, dass die Pfanne etwas unsanft wieder auf dem Herd landet. Er dreht schnell die Hitze runter, damit ihm das Essen nicht anbrennt, während er in den Flur hastet und den Buzzer für die Haustür unten betätigt. Er öffnet die Wohnungstür einen Spalt breit und wendet sich wieder dem Frühstück zu, das er gerade zubereitet.

Adam ist früher dran als sonst. Vielleicht hat Pia ihn ein paar Minuten früher gehen lassen, sodass er einen früheren Bus erwischt hat. Oder er ist am Bahnhof gerannt um umzusteigen, damit er den Anschluss nicht wie sonst knapp verpasst.

Egal was es ist, Leo spürt schon, wie sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitet, als er Adams Schritte aus dem Treppenhaus hört. So haben sie sogar noch eine halbe Stunde mehr Zeit miteinander, als er gedacht hat. Irgendwie haben sie es in der letzten Woche – zwischen ihren Wechselschichten, Leos Überstunden und Adams Klausuren – nicht geschafft, sich zu treffen. Leo muss zugeben, dass er Adam echt vermisst hat, obwohl sie sich die ganze Zeit geschrieben und ab und zu sogar telefoniert haben.

Auch heute passt es eigentlich nicht so gut. Leo hat nachher Spätschicht und sollte um diese Uhrzeit noch friedlich schlafend im Bett liegen und nicht am Herd stehen und für Adam kochen, weil der nach dem Nachtdienst immer Hunger hat. Wenn man es so betrachtet, wäre es für Adam wohl auch besser gewesen, nach der Arbeit direkt nach Hause zu fahren zum Schlafen. Aber als er Leo gestern geschrieben hat, dass er sowieso alleine nicht mehr so gut schläft, hat Leo kurzerhand entschieden, dass Adam dann halt auch bei ihm schlafen kann, wenn das bedeutet, dass sie wenigstens zusammen frühstücken können, bevor Adam ins Bett geht und Leo zur Arbeit fährt.

Leo hört, wie Adam die Wohnungstür hinter sich zuzieht und im Flur seine Schuhe abstreift, bevor er endlich zu ihm in die Küche kommt. „Hey.“ Er sieht müde aus, aber sein Lächeln ähnelt dem, was Leo auf seinem eigenen Gesicht vermutet. Es wird noch breiter, als Adam noch näher an ihn herantritt und sich an seinen Rücken lehnt, um über seine Schulter auf den Herd schauen zu können.

„Hm, das riecht echt gut. Du hättest mir echt kein Frühstück machen müssen.“ Adams Lippen landen kurz auf seinem Hals und Leo muss einmal kurz durchatmen, weil der Herd immer noch an ist. Wenn er sich jetzt ablenken lässt, ist ihr Frühstück gleich angebrannt. Und Adam ist ziemlich gut im Ablenken.

„Ist gleich fertig“, bringt er heraus und holt den Pfannkuchen aus der Pfanne, bevor er den letzten Rest Teig hineinkippt. Es wird ein bisschen schwieriger dadurch, dass Adam immer noch seine Arme locker um ihn geschlungen hat, aber Leo wird ihm jetzt auf keinen Fall sagen, dass er loslassen soll, nachdem er eine ganze Woche ohne auskommen musste.

Während der Teig in der Pfanne brutzelt, kann er doch einmal kurz den Blick davon abwenden und dreht sich in Adams Armen um, um ihn noch einmal richtig zu begrüßen. Adam seufzt in den Kuss und Leo muss sich echt konzentrieren, damit das hier nicht ausartet und er doch noch entscheidet, dass frühstücken doch nicht so wichtig ist.

Er zieht sich ein bisschen zurück, um Adam richtig anzuschauen. Seine Haare sind zerzaust vom Wind, der die ganze Nacht an Leos Rollläden gezerrt hat und es ihm zusätzlich zu Adams Abwesenheit noch schwerer gemacht hat zu schlafen. Die Ringe unter seinen Augen treten wieder stärker hervor und Leo kann nicht anders, als kurz mit dem Daumen darüber zu streichen.

Adam verdreht die Augen, als ob er genau weiß, was Leo denkt. „Ich hab versucht, genug zu schlafen, okay? Jacky hatte Freunde da, da ist es immer zu laut tagsüber.“

Die Pfanne zischt und Leo widerstrebt es, sich genau in diesem Moment von Adam abwenden zu müssen. Aber vielleicht ist es auch besser, wenn er Adam für das nächste nicht in die Augen schaut. „Du weißt, dass du immer hier schlafen kannst, auch wenn ich nicht da bin.“

Darüber haben sie schon oft genug gesprochen. Es ist fast zwei Monate her, dass Leo Adam einen Schlüssel für seine Wohnung gegeben hat und bisher hat Adam den Schlüssel noch kein einziges Mal benutzt, auch wenn Leo ihn noch so oft dazu aufgefordert hat. Auch heute hat er wieder geklingelt, als ob er sich immer noch nicht ganz sicher ist, ob er wirklich hier willkommen ist. Als ob Leo ihn nicht schon längst gefragt hätte, ob er bei ihm einziehen will, wenn Adam nicht sofort mauern würde, sobald das Gespräch auch nur annähernd in eine solche Richtung geht.

Der letzte Pfannkuchen ist fertig und Leo schaltet den Herd aus. Adam hat nichts zu seinem Vorschlag gesagt, aber das hat Leo auch nicht wirklich erwartet. Leider ist Adam manchmal ziemlich gut darin, hartnäckig zu schweigen. Nicht dass es generell ein Problem wäre, meistens klappt das mit der Kommunikation ganz gut, aber es gibt halt ein paar Themen, die immer noch irgendwie schwierig sind. Doch darüber muss Leo nicht unbedingt heute Morgen grübeln, wenn Adam endlich mal hier ist und das Frühstück fertig ist.

Während er noch schnell die Pfanne ausspült, hat Adam schon Teller auf den Tisch gestellt. Sobald das Essen vor ihm steht, greift er sofort zu und Leo muss wieder einmal lächeln, weil es echt schön ist, mal für jemanden zu kochen, der das so sehr zu schätzen weiß wie Adam. Auch jetzt ist Adam schon fertig, während Leo immer noch mit den ersten Bissen beschäftigt ist, aber das stört ihn nicht, weil er normalerweise gerne zuschaut, wie Adam sich entspannt in seinem Stuhl zurücklehnt.

Heute ist Adam aber nicht entspannt und Leo wird sofort misstrauisch, als Adam die Hände faltet, wieder loslässt und dann mit einem Finger den Rand des Tellers entlangfährt. Seine Haare fallen ihm ins Gesicht, sodass Leo nicht genau sagen kann, in welche Richtung seine Laune geht, aber es sieht definitiv nicht gut aus.

„Was ist? War was los bei der Arbeit?“ Eigentlich redet Adam normalerweise sofort darüber, wenn ihm bei der Arbeit mal wieder die Patienten oder Ärzte auf die Nerven gegangen sind, sodass dieses Zögern eher ungewöhnlich ist.

Adam lässt vom Teller ab, nur um seine Gabel ein bisschen zu verschieben, bis sie genau parallel zu ihm liegt. Erst dann blickt er auf. „Ich hab einen Praktikumsplatz.“

Leo hat keine Ahnung, warum Adam dann so verdammt nervös wirkt. „Ist das nicht gut?“ Adam hat sich Sorgen gemacht, überhaupt keinen Platz mehr für sein Pflichtpraktikum in ein paar Wochen zu finden. Beim letzten Mal, als sie darüber gesprochen haben, klang er schon besorgt, dass er es eventuell aufs nächste Semester verschieben muss. Dass er jetzt so betreten guckt, passt nicht wirklich dazu.

„Schon, an sich, aber… weiß nicht, ob du das so gut findest.“ Adam schaut runter auf seine Hände, als ob er Leo dabei nicht ansehen kann, was nun mal gar nicht geht. Er will auf keinen Fall, dass Adam sich nicht traut, ihm irgendwas zu sagen. So schlimm wird es schon nicht sein.

Also streckt er seine Hand aus, um sie über Adams zu legen und seine Hand zu drücken. „Natürlich find ich das gut. Ist es in einer anderen Stadt? Das kriegen wir schon hin, sind ja nur ein paar Monate…“ So sehen sie sich ja auch nicht täglich. Es wäre bestimmt nervig, wenn sie sich noch weniger sehen könnten, aber er wird Adam sicherlich nicht davon abhalten, sein Studium gut zu machen.

„Das ist es nicht. Es ist…“ Adam zieht seine Hand unter Leos weg und der Verlust des Kontakts gefällt ihm gar nicht. Aber wenigstens schaut Adam ihn jetzt an. „Bei euch im Präsidium. Bei eurer Polizeipsychologin.“

Leo ist erst so erleichtert darüber, dass sie doch keine Fernbeziehung führen müssen, dass es einen Moment dauert, bis sich die volle Bedeutung von Adams Worten in seinem Kopf festsetzt. Er zieht seine Hand zurück, die immer noch leer auf den Tisch liegt, bereut es aber sofort, weil Adams Gesicht sich zu dieser kalten Grimasse verändert, die er immer aufsetzt, wenn er keine Gefühle zeigen will. Der Muskel in seinem Kiefer zuckt und Leo weiß, dass er einen Fehler gemacht hat.

Er will seine Hand wieder ausstrecken, will Adam berühren, um das wieder ungeschehen zu machen, was auch immer er gerade wie eine Wand zwischen sie geschoben hat. Doch es bleibt der Gedanke, dass Adam bald jeden Tag im Präsidium herumlaufen wird. Abgesehen davon, dass Adams Anwesenheit ihn womöglich total ablenken wird – er hat keine Ahnung, wie er damals in der Notaufnahme auch nur annähernd seinen Job gemacht hat, während Adam da war und ihn so angeschaut hat – bedeutet es auch, dass es noch schwieriger für Leo sein wird, Beruf und Privatleben zu trennen.

Sie sind schon fast ein halbes Jahr zusammen, aber von seinen Arbeitskolleginnen und -kollegen ist Esther immer noch die einzige, die davon weiß. Wenn die anderen Vermutungen haben, sprechen sie es zumindest nicht an und Leo wird einen Teufel tun, freiwillig zu erwähnen, dass er in einer Beziehung mit einem Mann ist. Die möglichen Konsequenzen sind einfach zu riskant, wenn er nur mitbekommt, wie manchmal um ihn herum geredet wird. Weil eben keiner Bescheid weiß, dass das auch auf Leo zutrifft – was sich aber ganz schnell ändern kann, wenn Adam und er jeden Tag im gleichen Gebäude arbeiten.

„Ich werde das Praktikum nicht ablehnen, nur weil du ein Problem damit hast, mit mir gesehen zu werden.“

Adam ist leise und Leo merkt, dass er schon viel zu lange geschwiegen hat. Die Maske ist immer noch da und Leo würde sie gerne wegküssen, aber das ist jetzt wohl der falsche Zeitpunkt. „Du weißt, dass es nicht an dir liegt.“

Es klingt schwach, das weiß Leo, aber wirklich erklären kann er es auch nicht. Adams „Ich weiß“ klingt auch nicht wirklich überzeugt.

„Adam, ich freu mich für dich, dass du den Platz hast, ehrlich.“ Er steht auf und legt Adam kurz eine Hand auf die Schulter, weil er die Distanz zwischen ihnen auf Dauer nicht aushält, lässt dann aber schnell wieder los, um ihre Teller abzuräumen und sich etwas anderes zu tun zu geben.

„Gut.“ Adam ist immer noch leise und beherrscht, auch wenn er jetzt wieder Muster auf die Tischplatte zeichnet. „Wir müssen ja nicht gleich Händchen haltend da reinmarschieren. Wenn du willst, tu ich die ganze Zeit so, als ob ich dich nicht kenne.“

Die Vorstellung, mit Adam Händchen haltend ins Präsidium zu gehen, ist zwar lustig und Leo stellt sich gerne die Gesichter der Kollegen vor, wenn er sich einfach locker in der Eingangshalle mit einem Kuss von Adam verabschiedet, aber so etwas würde er sich niemals trauen. Leo bezweifelt auch, dass es funktionieren würde, sich einfach zu ignorieren, weil er garantiert nicht in der Lage ist, Adam nicht zu beachten oder ihn einfach so wie einen normalen Kollegen zu behandeln. Und falls doch mal etwas über ihre Beziehung durchsickert, würde das noch seltsamer aussehen.

„Ganz so extrem muss es vielleicht nicht sein“, überlegt Leo laut. „Wahrscheinlich sehen wir uns eh nicht so viel, wenn ich auf Streife bin. Wir kriegen das schon hin.“

„Ja? Ich kann auch noch mal bei dem einen Unternehmen anrufen, wo ich mich beworben hatte. Die wollten mich zwar aus Budgetgründen nicht, aber wenn ich auf die Praktikumsvergütung verzichte, kann ich vielleicht…“ Adams Stimme wird schneller, während er Alternativen aufzählt, als ob es nicht sowieso schon entschieden wäre.

„Lass mal. Ist schon gut. Wird bestimmt gut.“ Leo versucht, zuversichtlich auszusehen, auch wenn er keine Ahnung hat, was genau dieses Praktikum beinhaltet. Aber wenn er schon vorhin entschieden hat, dass er Adam nicht im Weg stehen wird, was sein Studium angeht, dann wird er ihm auch nicht bei diesem Praktikum reinreden.

Adam erhebt sich aus seinem Küchenstuhl und bleibt vor Leo stehen, als ob er ihn genau studieren muss, um abzuschätzen, ob er das auch wirklich so meint. Leo versucht, möglichst fröhlich zu gucken, weil sich sein anfängliches Unwohlsein bei der Idee ohnehin schon fast gelegt hat. Es scheint zu wirken. Adam schlingt die Arme um ihn und vergräbt sein Gesicht an Leos Schulter und Leo spürt, wie sich ein bisschen seiner Anspannung löst, einfach nur, weil er sich an Adam festhalten kann.

Erst als Adam leise gähnt, lässt Leo ihn widerstrebend los und schiebt ihn so weit von sich weg, dass er ihn anschauen kann. „Du gehörst ins Bett.“

Es zeugt davon, wie müde Adam sein muss, und vielleicht auch wie erleichtert er darüber ist, dass sein Praktikum nicht zu einem größeren Streit geführt hat, dass er sich einfach so von Leo ins Schlafzimmer beordern lässt. Er sagt sogar nur einmal, dass er auch nach Hause fahren könnte, weil Leo ja bald zur Arbeit muss, aber da lässt Leo heute nicht mit sich reden. Wenn er Adam schon hier hat, wird er ihn nicht so schnell wieder gehen lassen.

Und so findet er sich wenig später mit Adam unter der Bettdecke wieder, weil er noch ein paar Stunden Zeit hat, bis er los muss und weil Adams vieles Gähnen irgendwie ansteckend ist. Adam rollt sich sofort zusammen, wie er das immer macht, mit dem Rücken zu Leo, als ob er nur darauf wartet, dass Leo sich an ihn schmiegt. Was Leo auch nur allzu gerne macht.

Obwohl er nicht wirklich müde ist, döst er doch mehrmals ein, bis sein Handy auf dem Nachttisch anfängt zu vibrieren und ihn daran erinnert, dass er bald zur Arbeit muss. Er vergräbt sein Gesicht ein letztes Mal im Kissen, aber das Vibrieren hört nicht auf und irgendwann muss er es abstellen, damit es Adam nicht weckt. Das nützt aber nicht viel, weil Adam wie immer aufwacht, sobald die Matratze nachgibt, als Leo aufsteht.

Immer noch im Halbschlaf streckt Adam eine Hand aus und wedelt damit in der Luft herum, als ob er versucht Leo zu erreichen, um ihn wieder zu sich ins Bett zu ziehen. So gern Leo das auch zulassen würde, kann er es sich nicht leisten, einfach nicht zur Arbeit zu erscheinen. Gerade weil Esther und er in letzter Zeit häufiger mal mit an einen Tatort durften und er ihnen diese Chance nicht dadurch verbauen will, dass er sich als unzuverlässig erweist.

Er ignoriert Adams Hand und streichelt ihm einmal durch die Haare. Sie sind weich und Adam macht ein so zufriedenes Geräusch, dass Leo fast doch auf die Arbeit pfeift. Esther würde ihn umbringen und dieser Gedanken hilft ihm dann doch, von Adam abzulassen.

„Schlaf weiter, okay?“ flüstert er in den Raum, bevor er die Tür hinter sich zuzieht und er hofft, dass Adam das auch tatsächlich macht und nicht wieder aus der Wohnung flüchtet, sobald Leo weg ist.

 

Im Endeffekt hat es sich überhaupt nicht gelohnt, für die Schicht sein Bett und Adam zu verlassen, denkt Leo sich, als er den Streifenwagen durch den Feierabendverkehr lenkt. Esther neben ihm wirkt auch nicht gerade begeistert, dass sie wieder einmal nur Verkehrskontrollen machen und spielt die ganze Zeit an ihrem Handy herum. Streng genommen ist das nicht erlaubt, aber Leo lässt es ihr durchgehen, weil er auch sehr versucht wäre, Adam zu schreiben, wenn er nicht gerade das Lenkrad in der Hand halten würde.

Er fragt sich, ob Adam schon aufgewacht ist und ob er sich an dem Teller mit Keksen bedient hat, den Leo ihm in letzter Minute noch auf den Küchentisch gestellt hat. Wahrscheinlich würde er sich auch so an den Schränken bedienen, wenn er wirklich Hunger hat, aber sicher ist sicher, dass er vor seiner nächsten Nachtschicht wenigstens etwas in den Magen bekommt, wenn Leo schon so lange geschlafen hat, dass er keine Zeit mehr hatte etwas vorzukochen, was er mitnehmen kann.

„Pia fragt, ob ihr nächste Woche mitkommt ins Kino. Sie hat noch ‘nen Gutschein.“

Natürlich, war ja klar, dass sie mit ihrer Freundin schreibt. Nicht dass Leo ihr das verübeln kann, wenn er auch die ganze Zeit an Adam denkt und sie wirklich nichts anderes zu tun haben. „Weiß nicht, mal schauen.“

Er schaut genau im richtigen Moment zu Esther rüber um zu sehen, dass sie die Augen verdreht. „Unternehmt doch auch mal was. Ihr könnt euch nicht nur immer in der Wohnung verschanzen.“

Wenn es nach Leo ginge, könnten sie das schon. Und Esther ignoriert, dass Adam und er sehr wohl unterwegs waren, vor allem im Sommer. Als Leo endlich seinen Gips los war, waren sie regelmäßig am See oder im Wald oder sind einfach mal aus der Stadt raus gefahren, um ihre Ruhe zu haben. Aber seit es wieder kühler und das Wetter zunehmend ungemütlicher wird, ist es am See halt nicht mehr so schön. Und wenn die Arbeit sich auch noch auftürmt, ist etwas Spannendes zu unternehmen nicht unbedingt weit oben auf Leos Liste an Prioritäten.

Trotzdem sieht er ein, dass er sich vielleicht bemühen sollte, die Freundschaft mit Pia und Esther aufrecht zu erhalten, wenn er schon sonst kaum Zeit oder Lust hat, sich mit anderen Leuten zu treffen. „Ich frag Adam nachher“, verspricht er. „Welcher Film?“

Esther sieht zufrieden aus, jetzt wo er zumindest ein bisschen Interesse gezeigt hat. Sofort fängt sie an, ihm von den verschiedenen Optionen zwischen Blockbustern und Liebesschnulzen zu erzählen, die gerade im Kino laufen. Leo hat noch von keinem davon gehört und es fällt ihm nicht leicht, Esther zu folgen, während er den Wagen immer wieder langsam ein paar Meter nach vorne rollen lässt, aber ihr Wortschwall ist irgendwie normal, gemütlich. Dabei ist es auch nicht ganz so schlimm, dass der Rest ihrer Schicht ebenso ereignislos verläuft.

 

Obwohl Leo weiß, dass Adam längst zu seiner Nachtschicht aufgebrochen sein muss, ist er fast enttäuscht, dass die Wohnung dunkel ist, als er nach Hause kommt. Adams Schuhe stehen nicht mehr im Flur im Weg und fast würde es aussehen, als wäre er nie hier gewesen, wenn nicht die Kekse vom Küchentisch verschwunden wären. Also hat Adam immerhin etwas gegessen.

Und scheinbar noch mehr als die Kekse, weil auch einer von den Äpfeln aus dem Kühlschrank fehlt, was Leo bemerkt, als er sich selbst eine schnelle, späte Mahlzeit zubereitet. Erst als er sich mit seinem Teller an den Küchentisch setzt, entdeckt er den klein gefalteten Zettel, der vorher noch nicht hier lag. Es sieht aus, als hätte Adam eine Seite aus einem von Leos Notizbüchern gerissen, worüber er normalerweise nicht so begeistert wäre. Aber als er den Text darauf liest, kann er ihm doch nicht wirklich böse sein.

Es ist nicht einmal besonders vielsagend, nur ein kurzes Ich hab dich vermisst :(  

Trotzdem muss Leo sofort sein Handy rausnehmen und Adam schreiben, dass er ihn auch vermisst hat und fragen, ob er morgen wiederkommt. Auch wenn ihre Schichten immer noch beschissen liegen und sie nur wenige Stunden zusammen haben, will er doch keine davon ohne Adam verbringen, solange es auch anders geht.

Der Zettel gesellt sich zu einer kleinen Sammlung, die Leo in der untersten Schublade seines Schreibtisches aufbewahrt für Tage, an denen sie sich nicht sehen können. Es ist ein bisschen lächerlich, aber es kann sich einfach nicht dazu bringen, so etwas wegzuwerfen, wenn Adam ihm sonst schon nur so selten sagt, was ihm wirklich durch den Kopf geht. Da sind diese kleinen Notizen umso besonderer.

Vielleicht schläft er in dieser Nacht sogar ausnahmsweise etwas besser, weil sein Bett immer noch ein bisschen nach Adam riecht. Er schafft es sogar, sich nicht allzu viele Sorgen wegen des Praktikums zu machen.