Actions

Work Header

Gib uns höchstens 'ne Woche

Summary:

Eigentlich hätte Adam es wissen müssen. Hätte sich sicher auch daran erinnert, wenn nicht ein Haufen Scheiße passiert wäre und er das hier nicht mit Schmerzmitteln zugedröhnt festgemacht hätte.

So aber fällt ihm erst ein, dass das hier eigentlich mal ein Pärchenurlaub war, als sich jemand in den Sitz neben ihm fallen lässt.

Notes:

Leo und Adam brauchen nicht nur im canon dringend mal Urlaub. Deswegen habe ich sie kurzerhand auf Reisen geschickt. Tropes und überschwängliche touristische Beschreibungen waren duty-free. Bon voyage!

Chapter 1: Sonntag

Chapter Text

Eigentlich hätte Adam es wissen müssen. Hätte sich sicher auch daran erinnert, wenn nicht ein Haufen Scheiße passiert wäre und er das hier nicht mit Schmerzmitteln zugedröhnt festgemacht hätte. „Sie haben noch Resturlaub, Schürk. Nehmen Sie den mal. Bringen Sie Distanz zwischen sich und Berlin. Ist besser für alle Beteiligten.“ Und dann kam dieser Anruf, der passte perfekt, dann würden sie ihn endlich alle in Ruhe lassen. Dachte sich sein benebeltes Hirn.

So aber fällt ihm erst ein, dass das hier eigentlich mal ein Pärchenurlaub war, als sich jemand in den Sitz neben ihm fallen lässt.

Es muss der Typ sein, der den zweiten Platz in der Reise übernommen hat, denn auf Adams anderer Seite sitzt eine Frau, die die Betreuung ihrer beiden sich kabbelnden Kinder an ihren Mann abgegeben hat und dem Knatsch aus der Reihe vor ihr nur mit einem Ohr zuhört.

„Hallo,“ sagt der Typ jetzt, leise und freundlich, und Adam kommt nicht umhin, ihn anzusehen. Es gäbe Schlimmeres, fährt es ihm durch den Kopf, als sein Blick kurz über breite Schultern und dunkle Haare gleitet, ehe er dem anderen in die grünblauen Augen sieht.

„Hallo.“

„Sind Sie auch hier unterwegs mit der…?“ Der Typ lässt den Satz in der Luft hängen und Adam nickt nur. Wäre ihm auch ein bisschen unangenehm, das hier laut auszusprechen, im Flugzeug, wo er dummen Blicken, Fragen und Kommentaren nicht entgehen kann.

„Freut mich. Ich bin Leo.“

Der Typ reicht Adam doch tatsächlich die Hand. Adam ist so verblüfft, dass er den Händedruck erwidert, ehe er sich davon abhalten kann. „Adam.“

Glücklicherweise scheint Leo ihm anzusehen, dass er keinen Bock auf Smalltalk hat, denn er lächelt nur noch etwas breiter und gräbt dann ein Buch aus seinem Handgepäck, das er irgendwo in der Mitte aufschlägt. Adam stöpselt seine Ohren zu und lehnt sich in seinem Sitz zurück, soweit ein Flugzeug im Startmodus das zulässt.

Als er etwas später vom Dösen hochschreckt, muss er dringend auf die Toilette. Mit einer gemurmelten Entschuldigung scheucht er seinen Nebensitzer hoch und stolpert auf erschöpften Beinen den Gang entlang. Ganz so fit ist er trotz Physiotherapie doch noch nicht.

Leo steht immer noch, als Adam zurückkommt. Er hält sich mit einer Hand an der Kopfstütze fest, in der anderen hält er…nicht mehr sein Buch, sondern die Flugzeugzeitschrift, die in dem Netz vor Adams Sitz gesteckt hatte.

„Sorry“, sagt er mit einer entschuldigenden Geste, als sie beide wieder sitzen. „Ich war mit dem Buch fertig…es stört Sie hoffentlich nicht, dass ich Ihre Zeitschrift ausgeliehen habe?“

„Kein Problem.“ Als ob Adam das dringende Bedürfnis gehabt hätte, sich durch nichtssagende Reiseberichte und Werbung für überteuerte Handtaschen zu blättern.

Eins kann er sich dann aber doch nicht verkneifen. „Wollen Sie schon das nächste Kreuzworträtsel lösen?“

Leo verzieht das Gesicht, seine Nase kräuselt sich. „Ich hasse Kreuzworträtsel“, gesteht er Adam in einem Bühnenflüsterton, der Adam zum Lachen bringen würde, wenn er nicht so hart verwirrt wäre.

„Hä?“

„Sorry“, sagt Leo schon wieder so schuldbewusst. „Das…ich…Sie…ich hoffe, ich habe nicht gerade Ihr Hobby beleidigt?“

Adam muss beinahe grinsen. Aber er ist, wie gesagt, ziemlich verwirrt. „Nee, keine Sorge, ich hasse Kreuzworträtsel eigentlich auch, aber wie…?“ Er gestikuliert zwischen ihnen beiden und dem Flugzeug hin und her.

Leo starrt ihn erstaunt an. „Das könnte ich Sie jetzt auch fragen.“

„Ich hab aber zuerst gefragt“, rutscht es Adam heraus. Schürk, ernsthaft? Willst du ihm vielleicht auch noch die Zunge rausstrecken?

Er unterdrückt energisch die leise Stimme in ihm, die vorwitzig murmelt: Das nicht, aber rein vielleicht, reißt sich zusammen und sieht Leo mit erwartungsvoll hochgezogener Braue an.

Leo zuckt mit den Schultern. „Mein Schwager in spe liebt die Dinger. Er macht ständig bei solchen Gewinnspielen mit. Dummerweise hat er zwei gleichzeitig gewonnen und ist jetzt mit Caro in Rom.“

Manche Menschen haben vielleicht Probleme. „Tragisch.“

Leo lacht und kratzt sich im Nacken. „Na ja, jedenfalls haben sie mir die zweite Reise ‚geschenkt‘ und dem Verlag gegenüber behauptet, ‚aus gesundheitlichen Gründen‘ könnten sie den Reisegewinn nur mit einer Person antreten.“

Adam wird gerade so einiges klar, was diese Reise betrifft. Was ihn betrifft und den Grund, weshalb er jetzt doch hier im Flieger sitzt. Neben einem Fremden. Und er weiß nicht so recht, wie er das finden soll. Wobei, nein, das stimmt nicht. Er findet es ziemlich scheiße. Aber dafür kann Leo ja nichts, erinnert er sich, und reißt sich gerade rechtzeitig aus seinen finsteren Gedanken, um dessen Frage zu hören.

„Und Sie? Was hat Sie in die verzweifelte Lage gebracht, ein Kreuzworträtsel zu lösen?“

„Das Krankenhaus“, gibt Adam freimütig zu.

„Oh. Das tut mir leid. Hoffentlich nichts Schlimmes?“

„Ein paar gebrochene Finger.“ Adam bewegt sie vorsichtig, krümmt sie zu einer lockeren Faust. „Zum Glück nur die linke Hand.“

„Gute Besserung“, sagt Leo. Es klingt mitfühlend, aber auf eine positive Art, nicht so, als hätte Adam seine Hand verloren und/oder stehe mit einem Bein im Grab. Das ist eine angenehme Abwechslung. Wie eigentlich bisher alles an Leo.

„Danke.“

„Also…haben die Ihnen den zweiten Platz angeboten?“

„Hm? Ach so.“ Adam verzieht das Gesicht. „Eigentlich hätte ich den Hauptpreis gewonnen, aber es ist ja ein Paarurlaub, also haben die Ihre Schwester und Ihren Schwager vorgezogen. Bis die für eine Person abgesagt haben. Dann war’s wohl wieder okay.“

Leo sieht so entrüstet aus, wie Adam sich damals bei dem Telefonat gefühlt hat. „Die haben Sie einfach…“

„…mit einer anderen wildfremden Person zusammengesteckt, damit die Reise nicht verfällt?“

Leo zuckt zusammen und Adam ohrfeigt sich innerlich. Er kennt Leo seit anderthalb Stunden, hat aber das Gefühl, dass Urlaub mit ihm ganz nett sein könnte. Vielleicht sollte er ihn dann nicht so vergraulen.

„Das auch. Das ist, gelinde gesagt, fragwürdig. Aber was ich eigentlich sagen wollte, war: Die haben Sie einfach übergangen, weil Sie…? Nicht in einer Beziehung sind?“

Adam ist die Frage in der Frage nicht entgangen. Interessant. Er nickt. „Scheiße, oder? Mann, es ist 2022, das Käseblatt bringt ständig Artikel pro Gendern und schmückt sich jeden Juni mit Regenbögen, macht auf progressiv, aber wehe, jemand ist Single. Das ist so…so…“ Ihm fehlen die Worte.

„Amatonormativ?“ schlägt Leo vor.

„Was?“ entfährt es Adam schärfer als beabsichtigt.

Leo zieht den Kopf ein wenig zwischen die Schultern und sieht Adam nicht an, als er das Wort wiederholt. „Amatonormativ. Sie wissen schon – wenn davon ausgegangen wird, dass ein Mensch nur in einer Beziehung ‚vollständig‘ ist, in einer Beziehung automatisch aufblüht…“

Seine Stimme wird immer leiser und undeutlicher. Es erinnert Adam ein bisschen an Miriam aus seiner Klasse damals – immer die klügsten Fragen, die besten Noten, die richtige Antwort, aber immer so verdammt leise und schüchtern, als hätte sie Angst, doch falsch zu liegen. Oder als Streberin bezeichnet zu werden. Vielleicht ist Leo ja auch so – wer kennt schon Wörter wie „amatonormativ“? Aber gleichzeitig scheint es genau das zu beschreiben, was Adam so aufregt.

„Das klingt genau richtig“, sagt er daher und erwidert Leos vorsichtiges Lächeln mit einem Grinsen. „Sagen Sie’s doch nochmal.“

Leo verdreht die Augen, aber er tut ihm den Gefallen. „Amatonormativ.“

Adam nickt. „Mhm. Warten Sie, das schreib ich mir auf.“

Leos Prusten, als er so tut, als würde er sich eine Notiz in seinem Handy machen, ist den dämlichen Spruch wert.

 

Das Flugzeug landet in feinem Nieselregen. Während alle anderen schon aufstehen und nach ihrem Handgepäck greifen, bleibt Adam gezwungenermaßen sitzen und beobachtet Leo dabei, wie der in aller Seelenruhe seine Uhr um eine Stunde zurückstellt.

Die Frau auf Adams anderer Seite faucht derweil ihre Kinder an, dass sie gefälligst sitzenbleiben sollen. Ihre Siebensachen zusammensammeln sollen sie, ihr Wasser austrinken und ja keine Widerworte geben, sonst würden sie und der Vater ihnen für einen Monat das Handy wegnehmen.

„Entschuldigen Sie“, sagt die Frau schließlich in diesem Tonfall, den wirklich nur Deutsche hinbekommen – extrem höflich und zugleich zutiefst beleidigt und aggressiv. „Würden Sie mich rauslassen?“

Leo blickt demonstrativ auf das Gurtlicht an der Decke, das noch immer leuchtet. Erst als es ausgeht, öffnet er seinen Gurt und steht auf. Was für ein pedantisches kleines Arschloch, denkt Adam amüsiert und zwängt seine langen Beine aus der Sitzposition. Er fischt seinen abgewetzten Rucksack aus dem Gepäckfach und schiebt sich hinter Leos breitem Rücken durch den Gang. Die immer noch zeternden Eltern blendet er aus.

Er ertappt sich dabei, dass er Leo auch danach hinterherläuft. Was soll er machen? Sie werden hier nicht abgeholt, aber die Reisegesellschaft hat eine detaillierte Wegbeschreibung geschickt, die Leo offenbar ausgedruckt hat. Und wohl auch auswendig gelernt, so zielsicher, wie er sich durch den Flughafen bewegt, ohne auch nur einmal auf die Blätter in seiner Hand zu schauen. Ihm zu folgen ist praktischer, als alle paar Meter aufs Handy zu gucken.

Draußen, wo riesige violett leuchtende Lettern sie begrüßen, als hätten sie kurz vergessen, wo sie sind, entpuppt sich der Regen als doch etwas kräftiger als Niesel. Zum Glück sind die Bahnsteige der Straßenbahn nicht weit weg. Adam zückt nun doch sein Handy – zumindest das Ticket kann Leo ihm nicht abnehmen. Halb erwartet er, zig Benachrichtigungen über E-Mails und verpasste Anrufe zu erhalten, doch das ist seit Freitag vorbei.

Sie steigen kurz vor der Endhaltestelle in einer Straße aus, die vermutlich die Shoppingmeile ist. Bus an Bus reiht sich am Straßenrand, Touristen an Touristen drängen sich trotz des miserablen Wetters auf den Gehwegen.

„Ich glaub, den brauchen wir“, sagt Adam zu Leo und deutet auf den Bus, der sich vom Ende der Straße nähert.

Leo reißt seine geweiteten Augen von den drei bis fünf monumentalen Gebäuden los, die man dank der roten, grünen und violetten Strahler trotz der einbrechenden Dunkelheit sehen kann. „Hm? Sind Sie sicher?“

Adam steuert schon zielsicher auf die entsprechende Haltestelle zu. In einer Stadt kann er sich zurechtfinden – Busfahrpläne checken, Leute nach dem Weg fragen und so weiter. Karten sind nicht so seins.

Gefühlt fährt der Bus nur um eine einzige, große, mit tausend Ampeln dekorierte Kurve, bevor sie wieder aussteigen. Nun ist Leo wieder derjenige, der sie lotst, in eine Seitenstraße, die plötzlich deutlich ruhiger wirkt, an diversen hell erleuchteten, bunt gestrichenen Eingangstüren vorbei, bis er an der Tür eines Bed & Breakfast klingelt.

Eine kleine ältere Frau mit kurzen grauen Haaren öffnet ihnen die Tür. Sie lässt Leo gar nicht zu Wort kommen, stellt sich gleich als Grace vor und ruft aus, sie seien wohl hier für den couples retreat, how lovely, I hope you have a wonderful time. Leo lächelt und nickt und bedankt sich. Adam starrt sie nur entgeistert an. Es kommt wohl ein bisschen anders rüber, denn sie ruft aus: „Ah, I can see who’s the grumpy one and who’s the sunshine one“, bevor sie endlich ihren verdammten Job macht und sie zu ihrem Zimmer führt.

Zimmer, Singular.

Adam war erst zweimal in Großbritannien: Das erste Mal in irgendeiner Hafenstadt während seiner ruhelosen Jugend, das zweite Mal in London für irgendeine Fortbildung zur internationalen Zusammenarbeit. Beide Male hat er sich unwohl gefühlt, ohne genau benennen zu können, warum.

Jetzt, als er mit dem kaum kleineren Leo in diesem Zimmer mit der niedrigen Decke und dem schmalen Doppelbett steht, kann er das endlich in Gedanken fassen:

Die Zimmer in Großbritannien sind verdammt nochmal scheiße klein.

Leo hustet verlegen. Oder lacht er? Er schiebt das Fenster (ach ja, Schiebefenster) ein Stück hoch, um die Heizungshitze aus dem Zimmer zu vertreiben. Tritt ins Badezimmer und lacht schon wieder so seltsam. Adam folgt ihm und zieht beide Brauen bis zum Haaransatz hoch, als er sieht, wie Leo die Duschbrause von oben mustert.

Adam grinst. Es ist zu spät, um sich aufzuregen. „Ich versteh nicht ganz, wie sie das hier als Pärchenurlaub anbieten können, wenn in die Dusche hier noch nicht mal eine Person reinpasst.“

Leo läuft knallrot an und hustet – lacht? – noch einmal. „Ich glaube allmählich, Briten haben grundsätzlich keinen Sex in der Dusche.“

Adam prustet los.

„Ich mein, die fehlende Mischbatterie?“ Leo zwängt sich wieder aus dem Badezimmer heraus. „Stellen Sie sich doch mal vor – da muss man ja gleich auf zwei Schalter achten, die man nicht berühren sollte. Wie umständlich.“

Adam lacht noch immer. „Leo?“

„Ja?“

„In Anbetracht der Tatsache, dass wir uns für ein paar Tage diese geschmackvoll eingerichtete Besenkammer hier teilen werden – können wir uns bitte duzen?“

 

Können sie. Es funktioniert schon ganz problemlos, als sie ein paar Habseligkeiten im Zimmer verteilen (Ladekabel, Waschbeutel, Adams Wanderstiefel, Leos Brillenetui) und anschließend zum Abendessen hinuntergehen. Grace‘ Mann Tony tischt ihnen ein angeblich traditionelles Gericht auf, einen Auflauf aus Hackfleisch und Gemüse mit einer dicken Schicht Kartoffelbrei obendrauf.

Leo lehnt sich zufrieden in seinem Stuhl zurück und nimmt einen Schluck von seinem Bier. „Was hast du morgen so vor?“

Adam schiebt ein paar übriggebliebene zerkochte Zwiebelscheiben auf dem Teller hin und her und zuckt mit den Schultern. „Erst mal die Stadt erkunden.“

„Keine Museen? Burgen? Kirchen?“

Er verzieht das Gesicht. „Nicht so mein Fall. Ich schau mir einen Ort lieber erst mal von außen an. Oder von oben.“

„Das sollte hier ja kein Problem sein“, stellt Leo fest. „Bei all den Bergen…“

Adam nickt. „Und du?“

Leo trinkt sein Glas leer und starrt in die Luft, als müsse er erst darüber nachdenken. Aber Adam sieht, wie er sich etwas verbeißt, bemüht an ihm vorbeischaut. Spuck’s schon aus, Leo.

Zuerst kommt ein kleines Lachen. Dann:

„Vielleicht schließ ich mich dir an? Wenn du einverstanden bist, natürlich“, schiebt Leo hastig hinterher.

Adam macht seine Erkundungsgänge eigentlich lieber alleine. Er kann es nicht ausstehen, wenn jemand neben ihm herläuft, am besten mit der Nase in einem Reiseführer, und zu jedem Pflasterstein vorliest, welche bedeutungsvolle Geschichte der hat. Was er sich bei Leo („amatonormativ“??) gut vorstellen kann. Andererseits hat Leo ihn im Flieger schon instinktiv in Ruhe gelassen – und vorhin in der Straßenbahn auch. Und wenn er ehrlich ist und den Rat der Leute an der Klinik befolgt, dann sollte er noch immer nicht völlig alleine herumlaufen, schon gar nicht im Ausland. Also…

„Warum nicht?“ Er zuckt wieder mit den Schultern.

Er gesteht es sich nur ungern ein, aber Leos Lächeln ist das Zugeständnis wert. Dafür hört er sich notfalls auch die Pflastersteinlitanei an.

„…noch Wasser kaufen, brauchst du auch was?“

„Hm?“ Adam zuckt zusammen und merkt, dass er rot wird. Zum Glück ist der Raum nur schummrig erleuchtet. Hat er sich echt gerade so in diesem Lächeln verloren, dass er Leo nicht mehr zugehört hat?

„Ich geh noch kurz zu dem kleinen Supermarkt um die Ecke, um Wasser zu kaufen“, wiederholt der andere geduldig. „Soll ich dir was mitbringen?“

Adam gibt sich einen Ruck, steht auf und nimmt seine Jeansjacke von der Stuhllehne. „Weißt du was? Ich komm mit.“

Fuck, dieses Lächeln. Das könnte ihn vermutlich sogar in ein Museum locken.

Chapter 2: Montag

Chapter Text

“Guten Morgen”, sagt Adam amüsiert, als Leo sich plötzlich aufsetzt wie eine Mumie in einem Horrorfilm. Er hat fast die ganze Nacht so geschlafen – auf dem Rücken, die Arme irgendwie auf dem Körper gekreuzt, der Körper eine gerade Linie, als hätte er selbst im Schlaf noch Angst gehabt, Adam aus Versehen zu berühren.

(Adam verbietet es sich, zu denken, dass er gar nichts dagegen hätte. Ja, selbst vor dem Haufen Scheiße hatte er lange nichts mehr, aber das heißt nicht, dass es okay ist, sich an den Typen ranzumachen, der sich unfreiwillig mit ihm ein Zimmer teilt.)

„Morgen“, sagt Leo mit schlafrauer Stimme. „Fuck, hab ich dich geweckt? Halt mir ruhig die Nase zu, wenn dich mein Schnarchen stört –“

Adam runzelt die Stirn. „Du schnarchst doch gar nicht.“

„Oh.” Leo fährt sich durch die Haare. „Na, das kann ich ja nicht wissen.“

„Komm bloß nicht auf die Idee, dich fürs Nicht-Schnarchen zu entschuldigen.“ Adam drückt seine Zigarette an der Hauswand aus und zwängt seinen Oberkörper und ein Bein wieder durch das Schiebefenster hinein. Wieso weiß Leo sowas nicht? Hat er niemanden, der mit ihm das Schlafzimmer teilt oder zumindest mal geteilt hat?

Leo lacht. Es klingt ein bisschen verzweifelt und ein bisschen so, als sei er noch nicht ganz wach.

„Kann ich duschen gehen?“

„Klar.“ Adam hat das schon vor zwei Stunden erledigt. Er schläft nie gut – seit dem Haufen Scheiße noch schlechter als sonst – und ist nur froh, dass er Leo nicht dabei geweckt hat.

Im Frühstücksraum sind sie ziemlich früh dran. Tony begrüßt sie erstaunt, stellt ihnen aber sofort eine Kanne Kaffee auf den Tisch. Sie verzichten auf ein englisches Frühstück, nehmen nur Toast und etwas Rührei an. Noch ehe die anderen Gäste unten sind, stehen sie auf der Straße und atmen die kühle Morgenluft ein, die nach dem Duft von verstaubten Lilien im Flur des B&B sehr willkommen ist.

Adam rümpft trotzdem die Nase. „Hier riecht’s nach verbrannten Kartoffeln. Und Katzenfutter.“

„Vielleicht sind das die Whisky-Destillen.“ Leo sieht sich um, als spähte er nach Rauch. „All die gärende Gerste und so…“

Adam brummt zustimmend und zündet sich die dritte Kippe des Tages an. „Also. Wohin?“

Leo lacht. „Du übernimmst die Führung. Ich lauf bloß hinterher.“

Adam zuckt mit den Schultern. „Okay.“

Er folgt der Linie, die der Bus gestern gefahren ist, nur in die andere Richtung. Es ist noch so früh, dass die breite Einkaufsstraße fast leer ist. Auf der anderen Straßenseite fällt die Stadt plötzlich ab, bildet einen breiten grünen Graben, der wohl als Park angelegt ist. An einer Stelle blüht irgendwas Gelbes, das den halben Hang bedeckt.

„Da war wohl mal ein Sumpf, den sie trockengelegt haben“, kommentiert Leo, aber es ist der einzige Satz, den er sagt, während Adam sie mit langen Schritten die Straße entlang führt. Sie passieren den Treppenabgang zum Bahnhof, aus dem die typischen Geräusche einer Wartehalle dringen und Adam leise locken, und das riesige pompöse Hotel an der Ecke. Dann kreuzen sie die Straße. (Hier sind überall Ampeln und keiner schert sich drum. Auch Adam wäre das normalerweise scheißegal, aber ihm steckt die Verletzung noch in den Knochen, sodass er um die Atempausen bei Rot froh ist. Außerdem bleibt Leo jedes Mal gewissenhaft stehen, wie so ein Streifenpolizist, und Adam findet ihn zu hübsch, um ernsthaft davon genervt zu sein. Auf Grün zu warten, während Leo neben ihm mit neugierigen Augen um sich sieht und dabei leicht auf den Ballen wippt – es gibt Schlimmeres.)

Den Hügel hochzulaufen ist weniger anstrengend, als Adam befürchtet hat. Er geht langsam und zwingt sich, ruhig zu atmen. Leo überholt ihn immer wieder und bleibt dann stehen – um ein Foto zu machen oder etwas nachzuschlagen, aber vermutlich auch aus Höflichkeit. So kommen sie gleichzeitig oben an.

Den riesigen halbfertigen unechten Tempel, der vor ihnen in die Höhe ragt, beachten sie gar nicht erst. Stattdessen dreht Adam sich um und nimmt zum ersten Mal wahr, wie weit man von hier aus tatsächlich blicken kann. Dicht an dicht reihen sich die Häuser der Stadt unter ihnen, mal in geometrischen Mustern, mit weißen Fenstergittern und Reihen von Schornsteinen wie Zinnsoldaten; mal willkürlich, mit mehr Glas und weniger Jahrhunderten; immer wieder durchbrochen von größeren Bauwerken, Kirchtürmen und Fabrikschloten. Anders als am Vorabend ist der Himmel klar, strahlend blau und beinahe wolkenlos und man sieht, wie sich die Stadt bis zum Meer erstreckt, wie sich dahinter weiße Wellen an kleinen, felsigen Inseln brechen und wie noch weiter entfernt das Land wieder ins Meer hineinragt.

„Du hattest Recht“, sagt Leo leise. „Von hier bekommt man wirklich das beste Gefühl für die Stadt.“

Adam erwidert seinen Seitenblick zufrieden.

Sie verbringen über eine Stunde hier oben, schauen auf allen Seiten hinunter auf die Stadt und entdecken immer neue Blickwinkel. Leo blickt immer wieder auf die Karte, die er dabeihat, um herauszufinden, worum es sich beim Monumentalen Steinhaufen Nr. 15 eigentlich handelt. Adam bringt es nicht übers Herz, sich über die unhandlich große Papierkarte lustig zu machen. Es ist ja nicht so, als würde er nicht mit den Dingern arbeiten. Für einen Überblick – also, einen beschrifteten, den visuellen haben sie ja vor sich – sind sie schon ganz praktisch.

„Ich glaub, ich brauch noch mal Kaffee“, sagt Adam schließlich. „Du auch?“

„Klingt gut.“ Leo faltet die Karte gewissenhaft zusammen und steckt sie in seine Jackentasche. „Was schlägst du vor?“

„Da drüben war das Theater, oder?“ Adam deutet nach Norden, knapp an einem Gebäude vorbei, das aussieht wie ein riesiger goldener Scheißhaufen. (Nicht einmal Leo hat eine schmeichelhaftere Beschreibung gefunden.) „Lass uns da mal umsehen.“

Sie holen sich ihren Kaffee bei einem winzigen italienischen Café. Dann laufen sie die breite Straße einfach weiter hinunter, vorbei an einer schier endlosen Straßenbaustelle, an Express-Supermärkten und Apotheken und Tattoostudios und Charity-Shops und erstaunlich vielen Hundefrisören. Die Stadt ist längst aufgewacht, Verkehr und Baustellen lärmen zwischen den alten Häusern hindurch. Sie lassen sich treiben. Das heißt: Adam lässt sich treiben, in die Richtung, in der die Läden immer kleiner werden und die Leute immer seltener Anzug oder Kostüm tragen, und Leo geht neben ihm her. Oder auch mal hinter ihm, denn das Einzige, was hier noch schmaler ist als die Duschen, sind die Gehwege.

Am späten Mittag erreichen sie das Hafenviertel, essen einen vermutlich völlig überteuerten Snack in einem auf hip getrimmten Café-Bistro am Hafenbecken und schlendern bald weiter. Noch immer scheint die Sonne, nur der Wind ist hier schärfer und es riecht ein bisschen nach Salz und Fisch.

„Guck mal“, sagt Leo plötzlich und deutet raus aufs Meer. „Das ist doch kein Segelschiff, oder?“

Das Schiff, auf das er deutet, ist riesig. Es hat bestimmt sechs oder sieben Masten, die in den Himmel ragen und an denen sich schneeweiße Segel blähen. Langsam, ganz langsam bewegt es sich auf den Hafen zu. Anscheinend ist hier nochmal eine Anlegestelle. Für Kreuzfahrtschiffe, wie Adam mit einem Blick auf das nächste Straßenschild feststellt.

„Ein Kreuzfahrt-Segelschiff habe ich auch noch nie gesehen. Wär das was für deine Schwester?“

„Kreuzfahrten? Du machst Witze.“

Adam zeigt nur auf das Schild. Leo lacht auf.

„Ich glaub’s ja nicht.“

„Wir können ja hierbleiben und gucken, ob’s stimmt.“ Adam wartet seine Antwort nicht ab, sondern marschiert zur nächsten Bank – besonders idyllisch ist es hier nicht, aber immerhin ist der Blick auf das Schiff gewährleistet. Leo setzt sich neben ihn, als er sich eine Zigarette anzündet. Sie beobachten, wie das Schiff langsam wendet, einfährt, aufschießt. Taue werden befestigt, Segel gerefft, eine Treppe an die Kaimauer gefahren.

Und als die ersten Passagiere das Schiff verlassen, tritt aus einem Nebengebäude ein Typ im Schottenrock und fängt an, Dudelsack zu spielen.

Adam kann gerade noch Leos ungläubigen Blick erwidern, ehe er den Kopf in den Nacken wirft und in schallendes Gelächter ausbricht.

 

Auf dem Rückweg kauft Leo ein paar Postkarten und Briefmarken und Adam pakistanisches Take-away. Weil es nun doch anfängt zu nieseln, kehren sie damit in ihre Unterkunft zurück. Die beiden Boxen haben kaum Platz auf dem winzigen Beistelltisch in ihrem Zimmer, und da sie – abgesehen von einem unglaublich plüschigen, unglaublich staubigen Sessel, der bestimmt schon Maria Stuart persönlich auf sich sitzen hatte – nur einen Stuhl haben, sitzt Adam beim Essen im Schneidersitz auf dem Bett.

Er ist ziemlich müde, stellt er fest. Das Herumlaufen und die frische Luft haben gutgetan, aber sie fordern ihren Tribut. Auf Abendprogramm hat er eigentlich keine Lust. Und er muss ja auch gar nichts mehr unternehmen – Leo und er können ihre Tage hier gestalten, wie sie wollen.

Als er seine Zigarettenschachtel aus der Hosentasche fummelt und ans Fenster tritt, räuspert Leo sich. „Könntest du…ich meine…würde es dir was ausmachen, das draußen zu machen statt hier am Fenster?“

Adam sieht ihn überrascht an. Der entschuldigende Tonfall aus dem Flugzeug ist zurück, und diesmal sind Leos Wangen auch noch rot, als sei ihm die Frage peinlich. Dabei ist Adam derjenige, der hier der schlechte Zimmergenosse ist.

„Ja. Klar.“ Er wirft sich seine Jacke über. „Dann kann ich gleich den Abfall mitnehmen. Sonst riecht’s hier für den Rest der Woche nach altem Curry.“

Als Adam nach einer halben Stunde und einer Zigarette zu viel zurück ins Zimmer kommt, ist Leo am Telefonieren. Er blickt auf und lächelt entschuldigend, bevor er weiterspricht. „Das klingt echt super, Caro. …Ja, hat er? Du hast echt Glück mit deinem Mann. …Ja, ist ja gut jetzt. Ich muss Schluss machen. …Geh endlich was trinken. Arrivederci, Schwesterchen.“

Mit einem Augenrollen legt er auf. „Sorry.“

Adam winkt ab. „Stört mich nicht.”

Normalerweise hasst er gesprächige Leute in seiner Nähe. Das hier mit Leo ist aber ganz offensichtlich nicht normalerweise, warum auch immer.

Adam verzieht sich ins Bad, ehe ihn Leos Lächeln vielleicht doch noch darauf bringt, warum das so ist.

Chapter 3: Dienstag

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Mit einem Schrei fährt Adam aus dem Schlaf hoch. Sein Herz rast. Seine Hand pocht. Er holt tief Luft, gegen die Panik, die ihm die Lunge zusammenpresst. Blinzelnd starrt er an die Wand gegenüber dem Bett.

Geblümte Tapete, blassgelb im Tageslicht.

Kein Beton. Keine Dunkelheit. Die Schritte, die sich nähern, stammen nicht von schweren Stahlsohlen, die mühelos Knochen brechen können, sondern von nackten Füßen auf Fliesen.

„Adam, ist alles in Ordnung?“

Adam dreht den Kopf zur Badezimmertür – und dann schnell wieder weg, denn Leo ist bei seinem Schrei offenbar aus der Dusche gerannt und hat nur ein Handtuch um die Hüften, in dem langsam die Wassertropfen versickern, die über seine Brust rinnen.

„Alles gut“, presst er hervor.

„Das seh‘ ich“, seufzt Leo. „Brauchst du irgendwas?“

„Ich – hm.“ Adam setzt sich richtig auf, immer noch bemüht, Leo nicht anzusehen. „Bist du fertig im Bad?“

„Gleich.“

Die Tür geht wieder zu und Adam sackt zusammen. Synkopisch zu seiner Hand pocht nun auch sein Kopf. Er will die Augen nicht schließen, will diese Bilder nicht sehen. Lieber starrt er weiter auf die Tapete. Oder auf die Tür, in der Leo gerade noch gestanden hat. Wieso ist der eigentlich schon wach?

Ein Blick auf die Uhr verrät ihm, dass er tatsächlich bis kurz nach acht Uhr geschlafen hat. Das hat er zuletzt nur im Krankenhaus geschafft, mit Schmerz- und Schlafmitteln, einer eingegipsten Hand und einem geflickten Loch in der Brust.

Sein Blick schweift weiter und fällt auf ein Paar Sportschuhe auf der äußeren Fensterbank. Adam schnaubt.

„Du warst echt schon laufen?“ fragt er, als Leo wieder aus dem Bad tritt, diesmal zum Glück immerhin mit Unterhose und T-Shirt bekleidet.

Leo hebt die Schultern. „Dein Rentnertempo gestern reicht eben nicht als Workout.“

Adam wirft ihm, ohne nachzudenken, sein Schlaf-T-Shirt an den Kopf, ehe er ins Bad verschwindet und sich den Albtraum von der Haut spült.

 

Diesmal sind sie beim Frühstück nicht alleine. Außer ihnen sitzt ein älteres Ehepaar am Tisch, das sie mit einem zurückhaltenden „Bonjour“ begrüßt. Leo erwidert den Gruß freundlich, während Adam sich bemüht, nicht allzu finster auf die vierköpfige Familie zu starren, die am anderen Ende des Tisches sitzt und ihm gleich in aller Ausführlichkeit berichtet, warum sie hier sind, wie oft sie schon hier waren, was sie sich heute ansehen werden und was man alles gemacht haben muss.

Immerhin sind sie Amerikaner. Mit Englisch kommt Adam zurecht. Von Leos Unterhaltung mit dem französischen Ehepaar versteht er hingegen kaum ein Wort außer dem „au revoir“, mit dem sie sich verabschieden.

Als die Mutter der Familie anfängt, davon zu reden, wie überrascht sie davon sei, dass es hier so vorurteilsfrei zugehe und wie awesome sie es finde, dass man hier so offen und entspannt damit umgehe, schrillen bei Adam die Alarmglocken. Er dreht sich halb zu Leo um, der sich mittlerweile voll und ganz seinem Toast widmet und Adam schief anlächelt.

Das ist ein Fehler.

„Awww, that’s so cute!“

Die Frau geht ihm allmählich auf die Nerven.

„So great to see how happy you two are. How long have you been together?”

Adam starrt sie an.

„It’s all very new. We’re still testing the waters”, sagt Leo da zu seinem Entsetzen.

Es ist streng genommen nicht einmal gelogen. Leo hat ja mit keinem Wort gesagt, dass sie zusammen sind und sie kennen sich seit vorgestern, es ist also wirklich alles sehr neu. Aber. Was zur Hölle?

Leo, das Schlitzohr, erwidert seinen Blick mit einem kleinen Grinsen. „Was?“ murmelt er kaum hörbar auf Deutsch. „Grace haben wir‘s auch nicht erklärt.“

Das stimmt natürlich. Adam ist trotzdem froh, als die Familie feststellt, dass sie jetzt ganz dringend aufbrechen müssen, um ihren Reisebus in die Berge zu erwischen.

 

„War dir das unangenehm?“ fragt Leo, als sie die Straße hinunterlaufen und er Adam beim Rauchen zusieht.

„Was?“

„Na…“ Leo deutet zurück und zieht die Schultern hoch. „Dass ich die in ihrer Annahme bestärkt habe, wir wären ein Paar. Ich wollte dir da nichts…unterstellen.“

„Keine Sorge.“ Adam sieht dem Rauch hinterher, bis er ihn vor dem grauen Himmel nicht mehr erkennen kann. „Ich bin schwul.“

Leo schnaubt. „Schön. Ich auch. Aber du hast dich nicht wohlgefühlt.“

„Bist du Psychotherapeut oder so?“ Adam verzieht das Gesicht. „Nein, erzähl’s mir lieber nicht. Wir sind im Urlaub. Da will ich nicht über den Job reden.“

„Von mir aus, aber du weichst der Frage aus. Adam, wir teilen uns noch bis Samstag ein ziemlich kleines Zimmer – wenn ich irgendwas sage oder tue, das dir unangenehm ist, dann musst du mir das bitte sagen.“

Das kann Adam nun sogar nachvollziehen. Er tritt die Zigarette aus und dreht sich zu Leo um. „Es lag nicht an dir, okay? Es lag daran, wie die gefragt haben. Das war mir zu…“ Er zögert, dann grinst er. „…amatonormativ.“

 Leo prustet los. Dann bleibt er plötzlich stehen. „Sag mal, wo willst du eigentlich hin?“

„Äh…“ Adam kratzt sich am Kopf. „Nachdem ich dich gestern durch die Stadt geschleift habe –“

„– im Schneckentempo –“

„– halt die Fresse, Leo – dachte ich, wir machen das heute mal umgekehrt? Natürlich nur, wenn es dich nicht stört“, fügt er hastig hinzu.

Leo strahlt beinahe. „Nein, gar nicht. Aber ich muss dich warnen: Ich gehe heute in mindestens fünf ‚monumentale Steinhaufen‘.“

Adam blickt zum Himmel. Wenn es heute so regnet, wie es die Wolken androhen, dann sind Museen und Kirchen vielleicht nicht die schlechteste Idee. Also seufzt er übertrieben. „Na schön. Bringen wir’s hinter uns.“

 

Er kann Museen und muffigen Gemäuern wie Kirchen und Burgen eigentlich wirklich nichts abgewinnen, aber mit Leo ist es irgendwie halb so schlimm. Leo macht einen Bogen um den Folterkeller und klettert lieber auf den Wehrgang, von wo aus die Stadt nochmal anders aussieht. Leo ist außerdem ziemlich gut darin, halb verwitterten Steinstatuen in und an sakralen Gebäuden die richtigen Namen zuzuordnen – anhand kleiner Details, die Adam bestenfalls seltsam findet.

„Schau, die trägt ihre Augen auf einem Tablett, das könnte die heilige Lucia sein.“

Leo erklärt Adam auch, wieso Lucia ihre Augen nicht da trägt, wo sie hingehören. Adam schiebt seine Hände in die Hosentaschen und bemüht sich um einen unbeeindruckten Gesichtsausdruck.

„Ich finde, die sieht aus wie eine Jessica.“

Das bringt Leo so zum Lachen, dass Adam es sich zur Aufgabe macht, allen Statuen die dämlichsten Namen zu geben, die er finden kann. Nur der Terrier mit der golden geriebenen Nase darf weiterhin Bobby heißen. Einen streng aussehenden Typen mit einem Arm voll Papierkram nennt er Rainer, woraufhin Leo ihm glucksend erzählt, dass so sein Schwager heißt – der mit den Kreuzworträtseln. Leo schickt auch sofort ein Foto der Statue an seine Schwester. Sie antwortet innerhalb von Sekunden und Leo läuft feuerrot an, als er es liest.

Adam hat keine Geschwister, aber irgendwie ist ihm die unbekannte Caro allmählich sympathisch.

Als es wieder anfängt zu regnen, gehen sie in eins der Museen auf der Brücke, die sich quer über dem nicht-mehr-Sumpf-Park spannt. Auch hier läuft Leo von Gemälde zu Gemälde, liest sich jedes Schild durch, macht Adam auf Details aufmerksam.

„Brems mich, wenn du deine Ruhe willst“, sagt er einmal, plötzlich, zieht schon wieder den Kopf zwischen die Schultern. Adam lächelt nur. „Besser als jeder Museums-Guide.“

Trotzdem spaziert er irgendwann weiter, weil Leo in Texttafeln über den französischen Impressionismus vertieft ist. So gern er seiner unverhofften Urlaubsbekanntschaft auch bei Ausführungen über Heilige, Fleur-de-lis und abgeschnittene Ohren zuhört – und es ist wirklich angenehm, Leos Stimme zu lauschen und seine leuchtenden Augen zu sehen, wenn er merkt, dass Adam ihm immer noch zuhört – die Lebensgeschichten von Monet und Co. können ihm gestohlen bleiben.

Im übernächsten Raum bleibt er allerdings stehen. Hier tummeln sich einige Leute vor einem einzigen Gemälde, immerhin mit etwas Abstand von Leinwand und rot gestrichener Wand.

„Leo?“ ruft Adam halblaut.

Leo kommt mit schnellen Schritten auf ihn zu. „Adam? Ist alles in Ordnung? Brauchst du –“

„Alles gut“, unterbricht Adam ihn und deutet auf das Gemälde. „Sieh mal. Das bist du, wenn du den nächsten Berg hochgerannt bist.“

Leo wirft einen langen Blick auf den Hirsch, der mit breiter Brust im hohen Gras steht und, den Kopf stolz gereckt, an ihnen vorbei in die Ferne zu schauen scheint.

„Dein Ernst?“ fragt er. Es soll vermutlich genervt klingen, doch seine belegte Stimme verrät, dass es ihm ein bisschen gefällt.

Adam knufft ihn vorsichtig in die Seite. „Ja. Schau mal auf die Augen. Der bildet sich nichts drauf ein. Der genießt nur die Aussicht.“

„Du spinnst“, murmelt Leo, aber seine Wangen strafen ihn Lügen, sind sie doch schon wieder so rot wie vorhin nach Caros Nachricht.

 

Sie treten gerade aus dem Museum, als unter ihnen ratternd ein Zug in den Tunnel fährt. Der Regen hat aufgehört, zumindest für den Moment. Adam stellt erstaunt fest, dass es allmählich dunkel wird.

„Wohin jetzt?” fragt er an Leo gewandt.

Leo nickt zum Burgberg hinüber. „Auf der anderen Seite gibt’s noch einen Platz mit ein paar kleineren Läden, die ich gern anschauen würde. Vielleicht finden wir da auch was zum Abendessen?“

„Willst du dir noch ‘nen Schottenrock zulegen?“ frotzelt Adam, während sie wieder in Gleichschritt verfallen.

„Wer weiß?” Leo lacht. „Caro behauptet ja, sie hätte noch nie einen Mann getroffen, der im Kilt nicht gut ausgesehen hat.“

Adam denkt an den Dudelsackspieler von gestern. Dieser Rock, darüber die schwarze Jacke, die nicht nur die Schultern, sondern auch die Taille betont – dann noch die Strümpfe, die halb auf den Waden sitzen – und er ist nicht blind, ja? Er hat Leos Waden gesehen, als der heute Morgen im Handtuch in der Badezimmertür stand.

„Kann ich mir vorstellen“, sagt er deshalb nur und muss sich bei Leos überraschtem Seitenblick schnell eine Zigarette zwischen die Lippen schieben.

Leo kauft sich keinen Kilt. Dafür aber einen karierten Schal, der farblich mit seinen Augen harmoniert und ansonsten sehr warm und flauschig aussieht. Adam weigert sich, als Leo versucht, ihm auch einen anzudrehen. Er trägt grundsätzlich keine Schals, wozu auch? Im Winter reichen Rollkragenpullover und im Rest des Jahres ist es warm genug.

„Komm, du musst doch irgendein Andenken mitnehmen. Muss ja gar kein Rock sein oder ein…“ Leo sieht sich in den Schaufenstern um, „handgeschnitzter Hornbecher, wozu auch immer man sowas braucht. Aber irgendwas, was dich hieran erinnert? Womit du ein bisschen was von diesen Tagen mit nach Hause nehmen kannst?“

Adam würde gerne Leo mitnehmen, denkt er. Das ist ihm dann aber doch zu kitschig. Überhaupt ist Leos ganze Idee von Andenken kitschig und bescheuert, und deswegen geht er mit seiner fürchterlichsten Gewittermiene (die er an der Kasse ablegt, er ist ja kein Unmensch) in den nächsten Souvenirladen und kommt mit einem zotteligen Plüsch-Hochlandrind wieder.

Leos Mundwinkel zucken. „Willst du mir deinen Bekannten nicht vorstellen?“

„Das ist Karlinchen“, sagt Adam trocken und hält Leo das Vieh vors Gesicht.

„Eine Sie? Pardon.“

„Ja, natürlich.“ Adam verstaut Karlinchen in seiner Jackentasche. „Meinst du vielleicht, ich teile mir das Zimmer mit zwei Hornochsen? Und jetzt lass uns was essen gehen.“

Notes:

Da sie in diesem Kapitel in Museen gehen, habe ich mir etwas künstlerische Freiheit erlaubt, was die Existenz und Position von Statuen und Gemälden angeht. Die temporäre Ausstellung zu französischen Impressionisten und der Hirsch befinden sich zum Beispiel in zwei verschiedenen Gebäuden. :D

Lucia war mit einem römischen Heiden (gasp!) verlobt, der der Legende nach von ihren schönen Augen schwärmte, und als sie die Verlobung löste und der Typ nicht lockerließ, riss sie sich angeblich die Augen aus und schickte sie ihm. "Hier, kannst haben. Wenn du sie so schön findest."

Chapter 4: Mittwoch

Chapter Text

Adam war schon lange nicht mehr so albtraumlos ausgeschlafen. Dabei ist er heute wieder vor Leo wach. Um eine rauchen zu gehen, müsste er aufstehen, sich anziehen und nach draußen gehen, aber dazu hat er keine Lust. Lieber bleibt er noch ein bisschen liegen, streckt sich langsam und schaut zu, wie Leos Gesichtszüge sich im Schlaf kräuseln und wieder entspannen. Das zu sehen ist heute gar nicht so einfach, weil Leo mittlerweile nicht mehr wie eine Mumie schläft und sein Gesicht halb im Kissen vergraben ist. Sein Fuß ist auf Adams Seite der Matratze gewandert, sodass Adam die Wärme spürt, die von ihm ausgeht. (Nicht, dass er das nicht sowieso tut, da das Bett wirklich sehr schmal ist für zwei ausgewachsene Männer ihrer Körpergröße, aber an der Stelle ist es besonders intensiv.)

Adam werden zwei Dinge klar.

Erstens: Es ist ein bisschen creepy, dem bis vor ein paar Tagen Unbekannten neben sich im Bett, mit dem er noch nicht mal Sex hatte, sondern nur per Zufallslotterie ins selbe Zimmer gesteckt wurde, beim Schlafen zuzugucken.

Okay, das lässt sich schnell beheben. Adam dreht den Kopf weg und fixiert seinen Blick stattdessen auf Karlinchen, die halb unter seiner Jeans aus der Reisetasche hervorlugt.

Zweitens: Er hat Leo gern. So gern, dass er gern neben ihm liegen und ihm beim Schlafen zugucken dürfen möchte. Und das nicht nur einmal. Natürlich findet er Leo attraktiv, er ist ja nicht blind. Aber er hat sich noch selten mit jemandem, den er attraktiv fand, auf Anhieb so gut verstanden oder sich in deren Gegenwart auch außerhalb des Bettes so wohl gefühlt.

Er ist sich nicht sicher, woran es liegt. Daran, dass Leo sich nicht aufdrängt, vielleicht? Dass er Adam schon jetzt gut einschätzen kann und subtil darauf achtet, wie es ihm geht? Dass er sich so vorbereitet hat, dass er, ohne in den Reiseführer zu gucken, eine halbe Stadtführung geben kann? Und wie mühelos er Französisch spricht – also, danach muss Adam ihn irgendwann mal fragen.

Es ist verrückt und eigentlich unmöglich, sich in jemanden zu verlieben, den man seit nicht einmal einer Woche kennt. Noch dazu in ihrer Situation: vom Schicksal in Gestalt eines Verlagsreisebüros zusammengeführt. Die ganze Sache ist absurd. Adam weiß ja noch nicht einmal, wie Leo eigentlich mit Nachnamen heißt. Oder was er beruflich macht. Könnte ja auch sein, dass er Auftragskiller ist. Was im Hinblick auf Adams Job schon eine beschissene Ironie des Schicksals wäre. Außerdem war er in seinem Leben erst ein paarmal verliebt, meistens unglücklich, meistens vorübergehend. Dennoch kann Adam sich des Verdachts nicht erwehren, dass er auf dem besten Weg ist, sein Herz an den Typen neben ihm zu verlieren. Karlinchens schwarze Knopfaugen hinter den honigbraunen Zotteln erwidern seinen Blick nach dieser Erkenntnis völlig unbeeindruckt.

Neben ihm raschelt die Decke und er dreht sich doch wieder um, ehe er sich davon abhalten kann.

„Morgen“, nuschelt Leo in die Kissen.

„Guten Morgen.“ Adam hört seiner eigenen weichen Stimme perplex zu. „Gut geschlafen?“

„Mmmmmhm.“ Leo zieht seinen Fuß zurück, dreht sich auf den Rücken und reibt sich die Augen. „Was machen wir heute?“

Adam kann nicht anders, er muss grinsen. „Worauf hast du denn Lust, Liebling?“

Leo lässt die Hände auf seinen Augen liegen, aber er schnaubt. „Nee, nee. Ich war gestern dran. Heute sagst du, wo’s hingeht. Schatz.“

 

Adam geht schon in den Frühstücksraum, während Leo noch duscht. Zum einen möchte er seinen Kaffee heute gerne trinken, ohne dass nebendran jemand von der hiesigen unglaublichen Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen schwärmt, vielen Dank. Zum anderen nutzt er die paar Minuten, die er mit Tony an der Küchentür steht, um ihn zu fragen, wo man hier am besten ans Meer kommt. Tonys hilfreiche Handskizze auf der Karte lässt er in seiner Hosentasche verschwinden, als Leo dem französischen Ehepaar in den Raum folgt.

„Und?“ fragt Leo und lächelt, als könne er kein Wässerchen trüben, wenn da nicht der Schalk in seinen Augen wäre. „Was hast du vor?“

„Wart’s ab“, sagt Adam kryptisch und wendet sich seinem Kaffee zu. „Wir werden aber auf jeden Fall laufen.“

„Ah.“ Der Schalk breitet sich bis zu Leos Augenbrauen und Mundwinkeln aus. „Dann kann ich mir ja noch ‘ne Zeitung und ‘nen Kaffee auf den Weg mitnehmen.“

Adam wirft ihm, als Violaine und Aristide kurz in die andere Richtung schauen, einen Zuckerwürfel an den Kopf. Leo fängt ihn in der hohlen Hand auf und steckt ihn sich mit einem Zwinkern in den Mund.

 

Sie brauchen tatsächlich länger als gedacht. Meistens bleiben sie stehen, weil Leo ein Foto machen will. Einmal bleiben sie stehen, weil Adams Herz anfängt zu rasen und seine Brust sich schmerzhaft zusammenzieht. Er flucht leise und krümmt sich, bemüht sich um die Atemtechnik, die sie ihm in der Reha beigebracht haben. Leo steht neben ihm, eine Hand auf seinem Rücken, eine an seiner Schulter. Adam merkt, wie er sich entspannt, sich in Leos Hände aufrichtet, seinen Atemrhythmus an Leos anpasst. Sobald es geht, tritt er ein kleines Stück beiseite. Leo zieht seine Hände sofort weg. „Alles okay?“

Adam nickt. „Lass uns weitergehen.“

Das tun sie.

Leo räuspert sich. „Es ist keine Schwäche, Adam.“

Adam schnaubt – vorsichtig, weil er seiner kaputten Lunge noch nicht traut. „Red doch keinen Scheiß. Mein Körper funktioniert nicht so, wie er soll. Natürlich ist das eine Schwäche.“

Leo seufzt. „Korrigiere: Es ist keine Schwäche, in diesen Momenten innezuhalten, deinem Körper Zeit zu lassen und dir Hilfe zu holen, damit er schneller wieder funktioniert. Im Gegenteil. Das ist das Beste, was du in dem Moment tun kannst.“

Er hat Recht, natürlich hat er das, und Adam schiebt stumm die Hände in die Hosentaschen und kickt einen Kieselstein beiseite, um ihn nicht ansehen zu müssen. Es ist ihm unangenehm genug, dass er noch nicht wieder fit genug ist, um beim bloßen Gehen mit Leo mithalten zu können. Diese Krämpfe machen es nicht besser.

Was allerdings alles besser macht, ist Leos leuchtender Blick, als sie schließlich um eine letzte Häuserecke biegen und sie plötzlich nur noch ein schmaler Sandstreifen vom Wasser trennt. Ruhig liegt es da, blaugrau bis zu den Inseln und silbern am Horizont, sanft rollen kleine Wellen ans Ufer. Am Himmel ziehen zwei Möwen ihre Kreise, während eine dritte keckernd durch die Brandung stakst und sie mit dem Schnabel durchforstet.

Leos Auflachen klingt erstaunt und glücklich.

„Wir sind am Meer!“

„Die ganze Stadt liegt am Meer.“ Adam grinst.

„Das sagst du so einfach!“ Leo geht schon die sandigen Stufen hinunter und beginnt, sich Schuhe und Socken auszuziehen. „Ich war schon ewig nicht mehr am Meer. Saarbrücken hat einen Fluss, das war’s.“

Als er sich auch noch die Hosenbeine so weit hochkrempelt, wie seine Wadenmuskeln das eben zulassen, kommen Adam Bedenken, ob das hier so eine gute Idee war. „Leo, es ist April. Das Wasser ist wahrscheinlich saukalt.“

„Alles klar“, sagt Leo und wirft Schuhe, Socken und seinen Rucksack auf einen Haufen. „Mir scheißegal.“ Bevor Adam ihn bremsen kann, steht er bis zu den Knöcheln im Meer und sein erschrockenes Keuchen wird zu einem wilden Lachen.

„Schön kühl, ja?“ fragt Adam süffisant.

„Schon.“ Leo zuckt mit den Schultern und lacht wieder, als die nächste Welle gegen seine Beine schwappt. „Aber es ist das Meer.“

Da hat er allerdings Recht. Ein paar Minuten später steht auch Adam im eiskalten Wasser und flucht laut, ehe er Leos breites Grinsen erwidert. Es ist nun mal ein Unterschied, ob man in einer Pfütze auf dem Gehweg nasskalte Füße bekommt oder in der Nordsee.

 

„Es ist eine Schusswunde, oder?“

Adam fährt zusammen. Sie sitzen nebeneinander auf der niedrigen Promenadenmauer, die Füße im Sand vergraben, der erstaunlich gut wärmt. „Was?“

„Die Narbe auf deiner Brust. Deretwegen du die Anfälle hast und im Krankenhaus warst. Es war nicht nur deine Hand, oder? Ich…“ Leo beißt sich auf die Unterlippe. „Ich habe sowas schon einmal gesehen.“

„Ja“, sagt Adam da einfach nur. „War eine Schusswunde.“

Und gerade, weil Leo nicht weiter fragt, einfach nur nickt und wieder aufs Meer starrt, fährt er fort: „Mein Vater hat früher krumme Dinger gedreht. Jemand hatte noch eine Rechnung mit ihm offen. Dachte wohl, er kommt am besten an ihn ran, wenn er mich als Geisel nimmt.“

Dass er dabei war, diesem Jemand und damit auch seinem Vater mit seinen Ermittlungen in einem anderen Fall auf die Schliche zu kommen, muss Leo nicht wissen – sie haben sich ja darauf geeinigt, nicht über den Job zu reden. Adam will auch nicht so genau darüber nachdenken, sind ihm doch ein paar Fehler unterlaufen, denen er seine Versetzung zu verdanken hat. Da können sie noch so oft behaupten, es sei wegen des Risikos, das die geografische Nähe zu seinem Arschloch von einem Vater darstelle. Ein Haufen Scheiße eben.

„Und der Entführer hat auf dich geschossen?“ Leo runzelt die Stirn. „Das ergibt doch keinen Sinn.“

Adam lächelt grimmig. „Als die Polizei angetanzt ist, ist er panisch geworden. Ich wusste dann doch zu viel. Also wollte er mich loswerden.“ Er reibt sich vorsichtig über die Brust. „Hat nicht so ganz geklappt.“

„Haben sie ihn erwischt?“

„Ja. Der kommt so schnell nicht mehr raus.“

„Gut.“

Leos Stimme ist fest, abschließend. Adam sieht ihn erstaunt an. Leo erwidert seinen Blick für einen Moment ernst, bevor er lächelt.

„Ich hab Hunger. Bock auf Fish and Chips?”

Der Backfisch in der abblätternden Panade und die breiten, weichen Pommes schmecken rauf wie runter, aber auf eine absurde Art und Weise, die wohl nur im Urlaub einen Sinn ergibt, genießt Adam es, das fettige Zeug zu futtern und sich Salz und Essig von den Fingern zu lecken.

Und weil sie Urlaub haben, steht er, nachdem sie fertig gegessen haben, auf und holt zwei dampfende Becher vom Kaffeestand auf der Promenade.

Leo blickt ungläubig auf die kleinen Marshmallows, die in der Schokolade zu schmelzen beginnen. „Dein Ernst?“

„Na klar.“ Adam nimmt einen ersten kleinen Schluck, ignoriert, dass der heiße Kakao ihm die Zunge verbrennt. „Bisschen was zum Aufwärmen und den Magen verschließen.“

„Das verschließt noch ganz andere Dinge“, murmelt Leo, aber er pustet vorsichtig in seinen Becher.

Adam rollt mit den Augen. „Kannst ja morgen wieder Berge hochrennen. Einen für jeden Marshmallow.“

Leo wollte gerade einen Schluck nehmen. Sein prustendes Lachen sprenkelt ein bisschen Kakao auf seine Nase, der sich dort unter die ersten Sommersprossen mischt.

 

Sie fahren mit dem Bus zurück. In der Einkaufsstraße steigen sie aus, weil Leo noch in den Buchladen gehen will, nachdem er seine Urlaubslektüre schon im Flugzeug zu Ende gelesen hat. Adam kann Buchläden nicht viel abgewinnen, aber dieser hier hat etwas, das muss er zugeben. Zum einen ist die Decke so hoch, dass er nicht ständig befürchten muss, an irgendeinem Türstock hängenzubleiben. Zum anderen fügen die nüchternen Regale an den Wänden und die massive Holztreppe in der Mitte sich zu einem harmonischen Gesamtbild zusammen. Auf halber Höhe zwischen zwei Geschossen hat der Buchladen sogar ein Café, dessen Fenster einen spektakulären Blick auf die Burg bieten und mit Sicherheit schon in Dutzenden Instagram-Posts und auf Pinterest gelandet sind.

„Willst du dich da mit einer Tasse Tee hinsetzen, dir die Pulloverärmel halb über die Hände ziehen und gedankenverloren aus dem Fenster starren, während ich ein Foto von dir mache?“ raunt Leo ihm ins Ohr.

Adam schnaubt vor Lachen. „Ich hoffe, du hast dir ein angemessen poetisches Buch ausgesucht, das ich mir dafür ausleihen kann. Jane Austen oder einen Gedichtband oder so.“

Leo hebt die zwei Bücher in seiner Hand hoch. Adam versucht, die Titel zu entziffern. Beide klingen nach Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

„Keine Krimis?“ frotzelt er. Leo verzieht nur das Gesicht und bewegt sich auf die Treppe zu.

 

Sie schließen sich Grace, Tony, Violaine und Aristide beim Abendessen an. Die amerikanische Familie ist noch unterwegs – vermutlich in einem Pub in der Neustadt, bemerkt Grace in einem Tonfall, der besagt, dass nur McDonalds noch schlimmer wäre. Tonys vegetarisches Curry ist zwar auch alles andere als indisch und viel zu mild, aber es schmeckt Adam besser als jeder überteuerte Burger mit Süßkartoffelpommes auf einer Schieferplatte.

Eventuell liegt das auch ein bisschen daran, dass er nicht in einem Pub voller lärmender, schon leicht angetrunkener Touristen sitzt, sondern in einem leicht überdekorierten Wohnzimmer, gegenüber von Leo, der sich in leisem, immer sichererem Französisch mit dem anderen Paar unterhält.

Adam versteht wieder kein Wort außer „bonne nuit“, aber Leos Stimme geht ihm unter die Haut. Er versucht, das feine Kribbeln in seinem Nacken abzuschütteln, als sie die Treppe hochstapfen. „Woher kannst du eigentlich so gut Französisch?“

Leo grinst etwas verlegen. „Ich war in der Schule echt nicht gut darin. Aber jetzt brauche ich es manchmal…für die grenzübergreifende Zusammenarbeit. Esther – meine Kollegin – würde mich sonst ständig aus Gesprächen ausschließen und so schnell reden, dass ich zweimal die Hälfte der Informationen verpasse.“

Adam bleibt auf dem Treppenabsatz stehen wie festgefroren.

Mit Leos Erklärung hat sich ein letztes Stück in ein Puzzle eingefügt, von dem er nicht wusste, dass er dabei war, es zu lösen. Er fühlt sich, als hätte der Himmel einen Eimer Eiswasser über ihm ausgegossen. Verschwunden ist das angenehme Kribbeln und hat einem furchtbar flauen Gefühl in Herzen und Magen Platz gemacht, als befände er sich gerade im freien Fall.

„Adam?“ Leo steht ganz dicht vor ihm, sieht ihn besorgt an und legt ihm eine Hand auf den Unterarm. „Alles in Ordnung? Ist es dein Herz?“

„Nein“, sagt Adam hohl. Doch. „Alles gut.“ Er schüttelt Leos Hand ab und tritt an ihm vorbei ins Zimmer.

Seine Beine tragen ihn automatisch zu seiner Tasche. Er wühlt darin herum, bis er ganz unten seine scheißengen Jeans findet und das Tanktop, das die Narbe auf seiner Brust gerade so verdecken wird.

„Wirklich?“

„Ja“, sagt Adam, faucht es beinahe.

„Hab ich was Falsches gesagt?“

„Nein!“ Jetzt schreit er wirklich, drosselt seine Stimme sofort. Ich war nur die falsche Person, um das zu hören. „Alles gut. Ich geh noch feiern.“

 „Oh.“ Leo sieht auf die Klamotten in Adams Händen. Seine Finger krallen sich so stark um den Griff der Tüte aus dem Buchladen, dass die Knöchel weiß hervortreten. Er nickt und dreht sich weg. „Viel Spaß.“

„Danke.“ Adam verschwindet im Bad, ehe er wieder die Kontrolle über seine Stimme verliert.

Als er umgezogen herauskommt, huscht Leos Blick über seine Oberarme und den Kopf der Schlange, der aus dem Ausschnitt seines Shirts herausschaut, ehe er Adams Augen begegnet. Unter anderen Umständen wäre dieser Blick, so verhalten er auch ist, eine Herausforderung, der Adam sich nur zu gerne stellen würde. Doch die Umstände sind verdammt noch mal so, wie sie sind, und Adam macht, dass er rauskommt.

Sein Atem zeichnet kaum sichtbare Wolken in die eisige Nachtluft, die ihm in die Jeansjacke fährt und in seine Kehle beißt, als er im Schatten der Burg durch die gepflasterten Gassen läuft. Er rennt beinahe. Er braucht Abstand, muss weg von Leo.

Leo, der papierene Stadtkarten benutzt und ein Gemälde lesen kann wie Adam einen Tatort.

Leo, der keine Krimis liest, aber weiß, wie die Narbe einer Schusswunde aussieht.

Leo, der mit einer Kollegin namens Esther in Saarbrücken arbeitet.

Leo, der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Kriminalhauptkommissar Leo Hölzer ist, in dessen Team Adam versetzt wurde. Dienstbeginn: nächsten Montag.

Fuck.

Adam schiebt sich unter einem Brückenbogen durch eine schwarz lackierte Holztür, lässt sich einen Stempel auf die Gänsehaut auf seiner Hand drücken. Es riecht stickig, nach Rauch, zu vielen erhitzten Körpern und billigem Alkohol, und es ist so dunkelrot beleuchtet und neblig, dass man kaum etwas sieht. Adam ist es egal. Es ist die Art Ort, an der er findet, was er jetzt braucht: irgendetwas – besser noch, irgendjemanden –, um Leo, seinen fucking Teamleiter, seinen Chef, zu vergessen.  

Chapter 5: Donnerstag

Chapter Text

Draußen ist es noch dunkel und in ihrem Zimmer brennt noch das Nachtlicht neben Leos Bettseite, als Adam zurückkommt. Seine Ohren brummen und ihm schwirrt der Kopf – seit der Entlassung aus dem Krankenhaus hat er keinen Alkohol getrunken und das Gesöff in dieser geranienverzierten Bar hat ihn sofort umgehauen. Er bemüht sich, so leise zu sein wie möglich, während er sich auszieht und eine halbherzige Katzenwäsche hinlegt.

Bevor er ins Bett klettert, gestattet er sich einen – einen! – Blick auf Leo. Nur, um sich vor Augen zu führen, weshalb er Renard oder Rainier (oder wie auch immer der gutaussehende Typ an der violett erleuchteten Bar hieß – Rodin?) nach der dritten Hand auf seinem Oberschenkel genervt abgewiesen hat und stattdessen hierher zurückgekommen ist. Eventuell ist er ein bisschen verdammt masochistisch veranlagt, ja.

Sein Zimmernachbarfreundreisekumpelscheißewarumistersoheißchef muss beim Lesen eingeschlafen sein. Adam beugt sich, ohne nachzudenken, vor, nimmt ihm das Buch aus der Hand, zieht ihm die Brille von der Nase und legt beides auf den Nachttisch, ehe er die Lampe dort ausknipst.

Das bereut er einen Moment später. Jetzt sieht er nämlich nichts mehr. Er stolpert, knallt mit dem Schienbein schmerzhaft gegen die Bettkante, flucht laut. Zuckt zusammen. Er wollte doch Leo nicht aufwecken, unter gar keinen Umständen Leo aufwecken…

„…Adam?“ murmelt Leo schläfrig.

„Mmmm“, brummt Adam. Landet endlich auf der Matratze, zieht die Decke über sich, so gut es geht, und stupst Leos Schulter mit seinem schweren, schwebenden Kopf an. „‘laf weiter.“

Dass sein Kopf einfach da liegen bleibt, das bekommen sowohl er als auch Leo nicht mehr mit.

 


 

Der Morgen ist die Hölle.

Adam wacht rechtzeitig auf, um einen verschwitzten Leo in Laufklamotten mit zwei großen Flaschen Wasser ins Zimmer kommen zu sehen. Er kneift die Augen zusammen und gibt ein gequältes Stöhnen von sich.

Leo macht ein mitfühlendes Geräusch und stellt eine der Flaschen auf Adams Nachttisch ab. „Brauchst du Aspirin oder so?“

Warum ist der Mann so nett zu ihm?

„Ich hab –“ Adam versucht, sich aufzusetzen, um an seine Tasche zu kommen, aber sein Kopf brüllt vor Schmerz und zwingt ihn wieder in die Kissen. „Fuuuuuuck.“

„Na, das offenbar nicht“, kommentiert Leo trocken und lässt Adams Tasche auf seinen Bauch fallen. Adam lacht – und wimmert gleich darauf. Auch das tut weh. Das Lachen, nicht die Tasche.

Immerhin schafft er es, eine Kopfschmerztablette zu finden und sie mit der halben Flasche Wasser hinunterzustürzen, während Leo in der Dusche ist. Dann zieht er sich die Decke wieder über den Kopf, zum einen, um die grelle Helligkeit eines grauen schottischen Aprilmorgens auszublenden, zum anderen, damit er gar nicht erst in Versuchung gerät, einen frisch geduschten Leo anzuschauen. Womöglich sogar noch im Handtuch. Ganz schlechte Idee.

„Ich geh nicht davon aus, dass du frühstücken willst?“ klingt Leos Stimme gedämpft durch die Decke.

Adam stöhnt auf. Sein Magen zieht sich zusammen. „Nee.“

„Okay. Bis später.“

Die Tür schließt sich hörbar und Adams verkrampfter Griff um die Decke löst sich langsam.

Fuck, fuck, fuck.

Er schafft es, noch etwas Wasser zu trinken, sich aus dem Bett zu kämpfen und sich die Nacht von der Haut und aus den Haaren zu waschen. Doch da klebt noch ein bisschen Glitzer am Kissen, seine Klamotten liegen zusammengeknüllt am Boden und riechen nach Rauch und Alkohol – Adam stopft sie in die Plastiktüte mit der Schmutzwäsche, die er ganz unten in seine Tasche schiebt, und dreht sein Kissen um. Sein Kopf dröhnt noch immer so sehr, dass Denken unmöglich ist. Zumindest Denken, das nicht darum kreist, was er für ein gottverdammter Idiot ist, dass er sich in einen Wildfremden verguckt, der sich als sein Chef entpuppt und vor dem er sich jetzt verhalten hat wie ein rebellischer Teenager, der seine Grenzen nicht kennt. Also schläft Adam lieber noch ein bisschen.

 

Es ist fast Mittag, als er wieder aufwacht. Leo muss in der Zwischenzeit noch einmal im Zimmer gewesen sein, der abwesenden Regenjacke und der neuen Wasserflasche auf Adams Nachttisch nach zu urteilen.

Adam starrt die Flasche an und bemüht sich, die verzweifelte Zuneigung niederzukämpfen, die sich ihren Weg durch seine Brust bahnt. Ein Zettel klemmt unter der Flasche.

Hoffe, dir geht es besser. Bin im Parlament. Melde dich, wenn du möchtest. - Leo

Und eine Handynummer.

Okay. Adam fährt sich durch die Haare. Okay. Er kann normal sein. Er kann sich Leo gegenüber freundlich, aber distanziert verhalten. So, dass sie einander am Montag in die Augen sehen können und nicht vor Verlegenheit im Boden versinken, weil sie in der Woche davor mit dem neuen Kollegen Dummheiten gemacht haben. Leo scheint zwar nicht abgeneigt, aber Adam ist sich ziemlich sicher, dass sein Verhalten gegenüber einer Urlaubsbekanntschaft anders aussieht als gegenüber einem faktisch untergebenen Kollegen, der noch dazu in sein Team strafversetzt wurde (so haben sie es nicht genannt, aber wie soll man eine Versetzung nach Saarbrücken sonst interpretieren?). Und er will nicht, dass Leo sich gezwungen fühlt, sich plötzlich professionell zu verhalten. Womöglich sucht er sich dann ein anderes Zimmer und Adam würde hier wieder alleine aufwachen, ohne seine Wärme und die Atemzüge, die Adams noch wundes Herz zur Ruhe kommen lassen.

Auch wenn es unentschuldbar selbstsüchtig ist, will er das noch nicht verlieren, will sich wenigstens noch ein paar Tage diesem Traum hingeben. Die professionelle Distanz wird mit dem Montagmorgen noch früh genug kommen, denn vermutlich wird Leo sich betrogen und benutzt fühlen, will Adam nicht noch einmal so nah an sich heranlassen wie in diesem schmalen Bett.

Gar nicht anzufangen davon, dass er Beziehungen am Arbeitsplatz sicher nicht gutheißt. Ist das überhaupt legal?

Adam kann sich in letzter Sekunde davon abhalten, das zu googeln. Denk gar nicht erst daran, ermahnt er sich. Wenn sie auf einer auch nur ansatzweise freundschaftlichen Basis aus dieser ganzen Geschichte herauskommen sollen, dann kann er sich diese Art von Nähe auf keinen Fall erlauben.

Dann steht er endlich auf. Zeit, sich erwachsen und vernünftig zu verhalten. Haha.

Es ist zwar beinahe Mittag, aber Grace spendiert ihm noch eine Tasse Kaffee. Er trinkt davon, während er ihr dabei zusieht, wie sie gerahmte Fotos im Salon aufstellt. Zu seinem Erstaunen scheinen es Familienfotos zu sein.

Grace zwängt sich an ihm vorbei, um aus der Küche einen Lappen zu holen, mit dem sie über die Glasscheibe des letzten Bildes wischt. Darauf sind zwei junge Frauen zu sehen, die einander im Arm halten. Die eine ist Tony wie aus dem Gesicht geschnitten und trägt ein Hochzeitskleid mit einer Schärpe aus Tartanstoff. Die andere trägt eine weiße Bluse und einen langen Rock aus dem gleichen karierten Stoff, der irgendwie auch noch über ihre eine Schulter drapiert zu sein scheint.

Grace hält das Bild hoch und mustert es prüfend. „That’s Celia. Our daughter“, erläutert sie, obwohl Adam gar nicht gefragt hat.

„And, well, our other daughter. Alana.“ Sie lächelt. „I never keep the pictures around when we have Americans here. It seems they don’t know how to have a moderate reaction to it.”

Adam hält sich die Tasse vors Gesicht, um sein Grinsen zu verbergen.

 

Grace‘ Kaffee ist leider nicht genug, um ihn so richtig wach zu kriegen, weswegen er sich im Café des Parlamentsgebäudes direkt nochmal einen bestellt. Er kommt sich ein bisschen blöd vor dabei, hier zu sitzen in der Hoffnung, dass Leo auftaucht. Wer weiß, wann Leo den Zettel geschrieben hat. Vielleicht ist er schon längst woanders. Adam nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und verbeißt sich nur mühsam einen Fluch, als der ihm die Zunge verbrüht. Hier laut „Fuck“ zu sagen, käme sicher nicht gut an und er hat in den letzten 24 Stunden wirklich genug schlechte Eindrücke hinterlassen.

„Hey.“

Er sieht verblüfft auf, als Leo sich auf den zweiten Stuhl fallen lässt. „Hey. Du bist ja noch da.“

„Ich war erst kurz nebenan – die haben da ein kleines Museum. Und dann habe ich hier eine Führung mitgemacht.“ Leo lächelt. „Perfektes Timing. Oder sitzt du schon lange hier?“

Adam schüttelt den Kopf und wartet, bis jemand einen Cappuccino vor Leo abgestellt hat. Eine Führung im Parlamentsgebäude. Was für ein Nerd. Leider hört sich seine innere Stimme dabei eher liebevoll als verächtlich an. Er schüttelt den Kopf also noch einmal. „Hab noch ziemlich lange gepennt.“

Leo sieht ihn mitfühlend an. „Was macht der Kopf?“

„Besser.“ Adam stellt seine Tasse ab. „Hör mal, gestern Abend…das tut mir leid. Ich habe dich so angefahren, dabei konntest du gar nichts dafür. Ich musste einfach nur mal raus.“

„Schon gut.“ Leo taucht den obligatorischen Mini-Keks in seinen Kaffee. „Wir wurden eben wirklich völlig unvorbereitet zusammengesteckt. War nur eine Frage der Zeit, bis mal eine Pause nötig war.“

Das stimmt vielleicht auch, aber Leo hört sich trotzdem ziemlich niedergeschlagen an, als hätte er gemeint „bis du mal eine Pause von mir nötig hattest“, und das kann Adam so nicht stehen lassen. Wieso hat Leo eigentlich eine so geringe Meinung von sich selbst? Er ist Teamleiter, er sieht fantastisch aus, er hat Humor und er ist der verdammt nochmal em- und sympathischste Mensch, den Adam seit…immer je getroffen hat.

„Pause ist rum!“ verkündet er daher in seinem besten Schulhofton. „Was machen wir jetzt, Herr Lehrer?“

Leo verdreht die Augen, aber er spielt mit. „Wandertag. Also, ich jedenfalls,“ ergänzt er mit einem Blick Richtung Adams Brust. „Ich wollte auf den Berg da drüben.“

Adams Blick folgt Leos Geste aus dem Fenster. Ein bisschen Bewegung kann nicht schaden, denkt er. Außerdem ist das Wetter heute wirklich schön. „Klingt gut.“

„Sicher?“

„Hab den Kater weggeschlafen.“ Adam nimmt demonstrativ nochmal einen großen Schluck Kaffee. „Also alles bestens.“

„Okay. Aber ich habe eine Bedingung.“ Leo klingt ernst und etwas streng und Adam denkt sich, dass er, wenn das Leos Teamleiter-Tonfall ist, mal ganz schnell darauf klarkommen muss, sonst wird die Zusammenarbeit für ihn eine körperliche Herausforderung, und zwar nicht wegen seiner Schusswunde.

„Adam!“

„Sorry.“ Er fährt sich übers Gesicht. „Bedingung. Ja. Lass hören.“

„Du sagst sofort Bescheid, wenn’s dir nicht gut geht.“

Adam räuspert sich. Fuck, er hatte es noch nie mit Autoritäten, aber Leos Stimme – er versucht es sich zu verbeißen, wirklich, aber das „Ja, Chef“ rutscht ihm einfach raus.

„Ich mein’s ernst, Adam.“

„Ich auch.“ Du ahnst ja nicht, wie sehr.

 

Es dauert eine Weile, da Adam sich brav an Leos Anweisung hält und stehen bleibt, wenn ihm die Puste ausgeht. Außerdem ist der Weg erstaunlich rutschig. Leo stürzt einmal und landet mit der Hand in rötlichem Staub und Schotter, nur knapp neben irgendeinem stachlig-dunklen Gestrüpp. Sein Handy rutscht aus seiner Hosentasche und Adam kann es gerade so auffangen, ehe es auf den Boden fällt. Warum hat Leo eigentlich auch so verdammt enge Jeans an?

„Danke.“ Leo lächelt und klopft sich den Staub von Händen und Hose. „Das brauche ich noch. Caro bringt mich um, wenn ich ohne schöne Bilder zurückkomme.“

„Soll ich eins von dir machen?“ fragt Adam, ohne nachzudenken. Was genau er da gesagt hat, fällt ihm aber sofort auf, weil Leos Wangen sich röten.

„Oben vielleicht?“ Leo legt den Kopf ein kleines bisschen schief und lächelt immer noch. „Bis dahin fotografiere ich…“ Er macht eine Geste, die das alles hier umfasst – den Berg und die Stadt und das Meer in der Ferne, die Wiesen aus hohem, blassem Gras und das Stachelgestrüpp.

 

Es ist schön, denkt Adam, als sie endlich auf dem Gipfel stehen, zum Glück recht allein. Die meisten Leute hier oben scheinen Einheimische zu sein oder kleine Grüppchen von Studierenden, die mal eine Pause vom Lernen brauchten. Die einzigen anderen Touristen bieten an, ein Foto von ihnen zu machen. Adam drückt ihnen sein eigenes Handy in die Hand, ehe Leo reagieren kann.

Er will das nicht auf Leos Handy. Das würde…die Dinge kompliziert machen.

Also, noch komplizierter, als sie ohnehin schon sind.

Leos Arm über seiner Schulter, das ist kompliziert. Ebenso wie das Grinsen, das sich als Reaktion darauf ungefragt auf Adams Gesicht breitmacht.

 

Sie klettern auf der anderen Seite des Gipfels herunter und stehen nach einem Abstieg über steile Felsstufen plötzlich auf einer grasbewachsenen Klippe über einer Felswand, die in Deutschland nie im Leben ohne Geländer zugänglich wäre. Adam hat nicht übel Lust, sich ganz an den Rand zu setzen und seine Beine baumeln zu lassen, aber er hat das Gefühl, dass Leo das nicht so witzig fände. Also steht er nur da, breitet die Arme aus, schließt die Augen, spürt den scharfen Wind, der über den Felsen pfeift und in seine Jacke greift, und genießt das Gefühl, am Ende der Welt zu stehen.

„Hier könnte ich ewig bleiben“, murmelt Leo neben ihm. Adam brummt seine Zustimmung. Es fühlt sich ewig an. Sein Herz, sein Kopf, sein alles kommt zur Ruhe. Er geht ein paar Schritte in Richtung Klippe, sucht den Boden kurz nach Schafkötteln ab und setzt sich dann in das raspelkurze Gras. Leo tut es ihm gleich. Er streckt die Beine aus, sodass sein Schienbein gegen Adams Knie stößt.

Adam schließt die Augen und legt den Kopf in den Nacken. Es ist nicht warm hier oben, dafür ist der Wind zu stark, aber immerhin scheint die Sonne. Dort, wo sich ihre Beine berühren, sickert Leos Wärme durch den Stoff ihrer Jeans. Adam gestattet sich für einen Moment, sich vorzustellen, dass es immer so sein könnte. Dass sie auch in einer Mittagspause im Saarbrücker Polizeirevier so zusammensitzen könnten, vielleicht auf einer Bank draußen oder auf der Raucherterrasse, falls es so etwas gibt, die Gesichter in die Sonne haltend, vollkommen zufrieden in der Gesellschaft des anderen. Gute Kollegen. Freunde gar. Er ist so versunken in die Vorstellung, in die Leos nächster Satz so gut passt, dass er einen Moment braucht, um sich bewusst zu werden, dass ein leutseliger Ton nicht angebracht wäre.

Leo fragt nämlich: „Wie war’s gestern Abend?“

Adam zögert.

„Öde“, sagt er schließlich aufrichtig. „Nicht meine Szene.“

„Nein?“ Leo klingt auch noch so, als ob ihm das für Adam leidtäte, der verdammte Märtyrer. „Ich dachte, Edinburgh hat eine ziemlich internationale Clubszene.“

„Schon.“ Adam lässt die Augen geschlossen. Leo anzusehen ist ihm zu gefährlich. „Aber das waren alles so Teenies. Na ja, Zwanzigjährige vielleicht. Und dann die Handvoll Typen in unserem Alter, die nur da waren, um sich jemanden Unbedarftes zu angeln. Nein, danke.“ Er verknotet seine Beine neu. „Außerdem war die Deko so grausig. Die hatten in der einen Bar Geranien an den Fenstern hängen. Geranien, Leo!“

Leo prustet los. „Das klingt ja furchtbar. Wieso bist du überhaupt feiern gegangen?“
Weil ich dringend an irgendwas denken musste, das nicht die Tatsache war, dass du ab Montag mein Boss bist und damit die allerletzte Person, mit der ich meine Nächte verbringen sollte. Adam räuspert sich. „Musste doch die Klamotten wenigstens einmal ausführen.“

„Okay, das kann ich nachvollziehen.“

Ob Leos anzüglichem Ton öffnet Adam ein Auge und tatsächlich, da ist ein süffisanter Ausdruck auf Leos Gesicht. „Wäre wirklich schade um diese enge Jeans gewesen.“

Adam schließt das Auge schnell wieder. Gefährlich ist das hier. Er räuspert sich schon wieder. „Wie war denn dein Abend?“

„Ähnlich öde.“ Ein leises Seufzen. Leo scheint sich hingelegt zu haben. „Das Buch ist zwar spannend, aber ich war gedanklich nicht so ganz dabei.“

Warum nicht?, will Adam fragen, doch er fürchtet die Antwort. Also entscheidet er sich für ein unverfängliches Thema.

„Worum geht’s denn in dem Schinken?“

Chapter 6: Freitag

Notes:

Puh, mit diesem Kapitel hab ich gekämpft - deswegen ist es ein bisschen kürzer ausgefallen.
Vielleicht liegt's an dem Ortswechsel?

Chapter Text

Entweder ist Leos Lesetempo auch bei öden Büchern beeindruckend oder er hat bis kurz vor Adams später Rückkehr gelesen. Von dem Buch ist jedenfalls nicht mehr viel übrig, als er es am nächsten Morgen im Zug aus dem Rucksack kramt.

Adam stöpselt sich die Kopfhörer in die Ohren und lehnt sich zurück. Ein bisschen erinnert ihn die Sitzordnung an den Flug, nur dass er diesmal aus dem Fenster sehen kann. Leo sitzt wieder neben ihm am Gang. Sie haben zwar einen Vierersitz gefunden – so voll ist der Zug nicht – aber wenn sie sich gegenübersitzen würden, hätten ihre Beine noch weniger Platz. Da ist es Adam lieber, dass Leos Oberarm gegen seinen drückt. Das macht es auch einfacher, ihn anzustupsen, wenn es draußen etwas zu sehen gibt. Die meiste Zeit sitzen sie aber schweigend nebeneinander; Leo liest und Adam hört Musik.

Als sie nach einer guten Stunde aus dem Zug steigen, hat Leo sein Buch ausgelesen und es schüttet wie aus Kübeln. Adam ist es also ganz zufrieden, Leo die paar Minuten bis zum nächsten Buchladen zu lotsen und sich dort mit einer Tasse Kaffee in den Café-Bereich zu setzen, wo er auf Leo wartet und darauf, dass seine Hose wieder trocknet. Die Beine streckt er lang unter dem Tisch aus. Sie brennen ein wenig – der gestrige Tag war sportlicher, als er vermutet hätte, und insbesondere der Abstieg ging ziemlich in die Knie.

Dafür hat Leo ihm stundenlang von diesem Buch erzählt, und dann von anderen Büchern, und dann haben sie über Filme geredet und darüber, wie Adam öfter mal wegen Dreharbeiten Umwege durch die Stadt nehmen musste, was Leo kaum glauben konnte, und wenn ihnen nicht irgendwann zu kalt geworden wäre, hätte Adam ewig dort oben sitzen bleiben mögen, Sonne im Gesicht und Wind im Haar und Leos Stimme in seinen Ohren.

Er ist so in Gedanken versunken, dass er fast zusammenzuckt, als Leo sich gegenüber von ihm am Tisch niederlässt. Und dann noch einmal, als Leo wie selbstverständlich eines seiner Beine zwischen Adams schiebt.

Gut, es ist nun mal die einzige Möglichkeit für ihn, seine Beine auszustrecken, wenn er nicht im Spagat auf dem Stuhl sitzen will, und sie berühren sich auch kaum, nur knapp unterhalb der Knie. Sie waren in den vergangenen Tagen wirklich schon enger aneinandergedrängt als jetzt. Aber es fühlt sich trotzdem seltsam intim an. Vielleicht, weil um sie herum so viel Platz ist – und Leo trotzdem seine Nähe sucht.

Schluss. Gefährliche Gedanken sind das. Adam schüttelt ganz leicht den Kopf und räuspert sich. „Was ist es diesmal?“

Leo hebt die leeren Hände. „Nichts. Ein Buch ist ja noch übrig. Und ich muss aufpassen, dass mein Koffer nicht zu schwer wird – ich habe Caro versprochen, ihr ‘ne Flasche Gin mitzubringen.“

Adam nickt. „Sollen wir danach als nächstes suchen?“

„Nee.“ Leo legt den Kopf schief und lächelt Adam verlegen an. „Ist wahrscheinlich besser, wenn ich den am Flughafen besorge. Lass uns lieber noch was von der Stadt sehen.“

 

Also tun sie das. Der Regen hat aufgehört und strahlender Sonne Platz gemacht, die die noch nassen Straßen glitzern lässt und alle Farben intensiver wirken lässt – das Honiggelb und das dunkle Rosa der Häuser, das Orange der U-Bahn-Schilder, das Grün der Pflanzen, die hier an allen möglichen und unmöglichen Stellen aus Plattenfugen und Mauerritzen und Rissen im Asphalt sprießen. Adam und Leo schlendern von Laden zu Laden, schauen sich Band-T-Shirts und Platten ebenso an wie höchst fragwürdige, aber ästhetisch verpackte Teesorten, karierte Regenschirme oder kleine Galerien mit lokaler Kunst. Sie folgen der Barmeile ein Stück, tauchen ab und zu in Nebenstraßen ab, die spannender aussehen.

Adam folgt hauptsächlich seinem Gefühl. Touristen vermeiden und die unverfälschten Ecken einer Stadt aufspüren, das kann er, und Leo folgt ihm, ohne zu zögern. Auch, wenn sie sich immer weiter vom Stadtzentrum entfernen. Aber wenn das Leo stören würde, würde er sich bestimmt melden; durch sein Schweigen gibt er Zustimmung zu Adams Richtung, und wer führt hier eigentlich wen?

Adam ist sich nicht mehr so ganz sicher. Vor allem nicht, als sie plötzlich wieder vor einem Park stehen. Grün ist Leos Ding, nicht Adams. Dennoch ist es eine willkommene Abwechslung von Asphalt und Beton. Sie verlangsamen fast automatisch ihr Tempo, schlendern wieder, ja, spazieren fast. Hier sind lauter junge Familien mit viel zu vielen Kindern und mindestens halb so vielen Hunden unterwegs. Es ist Freitagmittag und dennoch fühlt es sich an wie ein Sonntagsspaziergang. Adam verspürt den absurden Drang, sich bei Leo unterzuhaken, und bemüht sich, sein Lachen zu unterdrücken. Es funktioniert nicht ganz.

„Was ist los?“

„Ach, nichts.“ Aber der Gedanke lässt Adam nicht los, bis er Leo scherzhaft seinen Arm anbietet. „Darf ich bitten, gnädiger Herr?“

Leo grinst breit und klimpert mit den Wimpern. „Ein herrlicher Tag zum Flanieren, Mister Darcy.“ Und hakt sich unter.

Adams Hirn setzt aus.

Dachte er schon, die Nähe im Zug, im Flugzeug, in ihrem Doppelbett sei intensiv, so ist das hier noch hundertmal mehr. Denn Leos Arm schiebt sich zwischen Adams Arm und Oberkörper und seine Finger liegen auf Adams Handrücken und es gibt absolut keinen Grund dafür, keine räumliche Enge, die sie zusammenrücken lässt: Da ist nur Adams Angebot und Leos Wille. Scheiße, es sind nur untergehakte Arme. Finger, die aneinander streifen – denn Adam wird seine Hand nicht umdrehen und Leos nehmen, so sehr er das auch will. Er hat vor zwei Nächten enger mit völlig Fremden im Club getanzt. Aber das hier –

Adams Herz stolpert über seine eigenen Schläge bei dem Versuch, mit diesem Gefühl Schritt zu halten.

Fuck, er kann das nicht zulassen. Es ist Leo gegenüber nicht fair. Es wird ihm selbst nur das stolpernde Herz brechen. Es schmerzt jetzt schon, zu sehen, wie Leo seine Finger ein Stück zurückzieht, sein Lächeln ein kleines bisschen dünner wird, sein Blick an Helligkeit verliert. Also zieht er seinen Arm wieder zurück. So langsam wie möglich, so schnell wie nötig. Rempelt Leo stattdessen leicht mit der Schulter an, lacht, kumpelhaft, kameradschaftlich, no homo. Es ist notwendig und er hasst sich selbst dafür, aber das ist kein neues Gefühl.

Er sieht sich um, auf die Leute, das Grün, in die finsteren Wolken, die sich mittlerweile über der Stadt zugezogen haben, überallhin, nur nicht in Leos Gesicht.

„Sag mal. Gibt’s hier kein Museum oder so?“

Leo holt tief Luft und lächelt weiter. „Doch, da vorne, glaube ich. Willst du wirklich –“

Adam deutet zum Himmel.

„Oh.“ Leo runzelt die Stirn. „Dann lass uns ein bisschen schneller laufen, wenn das geht.“

Adam verdreht die Augen und zieht das Tempo an. „Mach dir keine Sorgen um mein Herz.“ Reicht, wenn einer von uns das tut.

Sie schaffen es nicht ganz rechtzeitig in den protzigen Bau aus dunkelrotem Sandstein, die letzten zweihundert Meter müssen sie durch den Platzregen sprinten und Adams Lunge protestiert, als sie völlig durchnässt durch die Eingangstür stolpern.

Leo zieht ihn bereits durch die Menschenmenge im Foyer in Richtung Café, wo er ihnen beiden einen Kräutertee bestellt, zur Vorsorge, wie er sagt, wobei Adam bezweifelt, dass Pfefferminze gegen nasse Haare und Socken hilft. Als sie schließlich mit ihren Tassen auf zwei Stühlen irgendwo am Rand des Cafébereichs sitzen, dröhnt plötzlich eine Orgel los – so laut und mächtig, dass sie beide fast wieder aus den Stühlen fahren. Die Leute um sie herum schauen erfreut auf und lauschen andächtig.

Leo beugt sich zu Adam herüber, stößt leicht gegen sein Knie. „Nicht so deine Musik?“

„Normalerweise nicht, nee.“ Adam verzieht kurz das Gesicht, dann lacht er, bevor er behutsam zurückstößt. „Deine etwa?“

„Nicht wirklich. Aber in dieser Woche ist nichts normalerweise. Und hier drin ist es wenigstens trocken, also…“

Er hebt die Schultern und Adam schnaubt, stößt seine Tasse gegen Leos und lehnt sich zurück. Immerhin ist die dröhnende, hallende Orgelmusik laut genug, um seine rasenden Gedanken zu übertönen.

 

Zwischen dem nicht enden wollenden Regen, der langen Straße in die Innenstadt zurück (denn Adam weigert sich strikt, in diese zum Gotterbarmen ratternde und ächzende U-Bahn zu steigen) und Burgern bei mäßig motivierter Gitarrenmusik in einem Pub in einer Seitenstraße wird es spät und später. Es ist stockfinster, als sie wieder in den Zug steigen. Auch der Zug ist nicht besonders hell erleuchtet und Adams erster Gedanke ist, dass das Leo das Lesen erschweren wird, ehe er sich erinnert –

„Du hast ja jetzt gar kein Buch für die Fahrt!“

Leo sieht ihn erstaunt an. Dann lacht er leise. „Ich werd’s überleben.“

Adam beißt sich auf die Lippe. Dann gibt er sich einen Ruck. „Wie hat denn das andere geendet?“

Leos Gesicht erhellt sich. Er erzählt es ihm. Und weil sie auf halber Strecke beide vom Rattern des Zuges eingelullt werden, erzählt er ihm den Rest in ihrem Zimmer, als sie beide schon im Bett liegen, auf der Seite, Gesichter und Oberkörper einander zugewandt, obwohl sie die Nachtlichter schon ausgeschaltet haben und einander kaum sehen können.

Leos Stimme ist leise und eindringlich und manchmal wird sie von einem Glucksen unterbrochen, wenn er von einer besonders absurden Stelle erzählt, und sie hüllt Adam ein wie die Decke, sodass ihm wohlig warm wird. Nur seine Füße werden allmählich kalt, weil das Bett und die Decke so kurz sind. Also zieht er die Beine doch irgendwann an. Seine Knie stoßen gegen Leos Oberschenkel. Mit ziemlicher Sicherheit werden sich ihre Beine heute Nacht verweben, enger als unter dem Tisch im Café des Buchladens.

Es gibt einen Grund, aus dem das keine gute Idee ist. Aber der fällt Adam erst morgen wieder ein.  

Chapter 7: Samstag

Chapter Text

Adam sitzt wieder auf der Fensterbank, halb aus dem Fenster gefaltet, die Kapuze über die noch feuchten Haare gezogen, und raucht. Starrt dem Rauch hinterher, bis der sich im Grau der Wolken verliert. Er kratzt heute unangenehm in der Lunge, aber das muss sein.

Er ist zuerst aufgewacht. Den Kopf halb auf Leos Brust, seine Fingerspitzen in Leos Schlaf-Shirt gekrallt, ihre Beine ineinander verschoben.

Es war schön. Und er hat tief und traumlos geschlafen. Aber das geht so nicht, wird so nicht weitergehen, deshalb hat er sich vorsichtig aus der Position manövriert – Leo hat zum Glück weitergeschlafen – und ist erst mal duschen gegangen.

Kalt.

Er wäre ja zum Rauchen wieder vor die Tür gegangen, weil er das Leo zuliebe in den vergangenen Tagen immer so gemacht hat, aber heute kann er das nicht. Er muss sich diesen Anblick noch einmal einprägen, der sich hinter der Fensterscheibe bietet: Leo, der friedlich schläft, eine Hand im Kissen vergraben, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, dafür aber an der Seite verrutscht, ebenso wie das T-Shirt, sodass ein Streifen nackter Haut zu sehen ist.

Karlinchen sitzt auf Adams Nachttisch und starrt ihn missbilligend an.

Leo zuckt leicht. Räkelt sich. Gähnt. Blinzelt.

Adam sieht weg.

„Morgen.“

„Morgen.“

 

Sie haben noch gut Zeit bis zu ihrem Flug. Also verabschieden sie sich von Grace und Tony, lassen ihr Gepäck in einem Schließfach am Bahnhof und brechen auf in ein Viertel, das man laut Leos Schwester und allen Reiseführern unbedingt gesehen haben muss. Es ist wirklich ziemlich malerisch. Ältere Häuser mit Erkern und Türmchen und Fachwerk drängen sich am Ufer eines schmalen Flusses. Es riecht frisch und grün und wieder ein bisschen nach verbrannten Kartoffeln und das Wetter erbarmt sich und hält so lange, bis Leo für seine Zwecke ausreichend viele Fotos gemacht hat. (Adam hat auch eines von Leo gemacht, aber das wird er erst mal für sich behalten.)

Dann folgen sie dem Fluss zurück in Richtung Innenstadt. Kühl und feucht hängt die Luft im Flusstal, riecht hier nach Erde und Pilzen, der Weg wirkt, als liege er gar nicht inmitten einer Stadt.

Leo ist stehengeblieben, um ein Foto zu machen. „Man sollte fast nochmal im Juni wiederkommen“, sagt er, als er zu Adam aufschließt.

Adam sieht nach vorne. „Wieso im Juni?“

„Das ist angeblich der wärmste und sonnigste Monat hier.“ Leo fällt wieder einen Schritt zurück, da ihnen eine größere Gruppe entgegenkommt.

Es sind wirklich viele Leute hier unterwegs – Jogger, Familien, ältere Damen mit Walkingstöcken, Teenies mit Kopfhörern, nicht angeleinte Hunde. Einerseits hätte Adam Leo gerne noch ein bisschen für sich. Andererseits ist er froh über die Ausrede, in weitem Bogen ausweichen zu müssen und damit nicht neben Leo herzugehen, bevor er ihm wieder den Arm anbietet – oder, denkt er bitter, als er sich bei den ersten Tropfen die Kapuze überzieht, bevor er ihn fragt, ob er denn schonmal den Urlaubsantrag für Juni freigeben kann.

Sie ziehen sich vor dem fadenfeinen Regen in ein Café zurück. Keiner von ihnen hat so richtig Hunger, nicht vor dem Flug, also holt Adam ihnen nur Kaffee und Leo kauft sich noch einen Schwung Postkarten.

„Ist das nicht ein bisschen spät?“ Adam rührt beide Zuckerpäckchen in seine Tasse. „Du bist doch heute Abend schon wieder da.“

Leo winkt ab. „Ich schreib einfach kein Datum drauf. Meine Verwandten gucken sich die Bilder an und freuen sich daran. Das passt dann schon.“

„Hängen sie die Karten an den Kühlschrank?“

„Nein.“ Leo lacht. „Aber sie kommen in einen Schuhkarton. Oder eine Schublade. Oder einen abgewetzten Briefumschlag. Da, wo auch die peinlichen Babyfotos meiner Cousins und Cousinen aufbewahrt werden.“

„Keine von dir?“, fragt Adam unschuldig.

Leo blickt kurz von den Postkarten auf und funkelt ihn gespielt finster an. „Wo die sind, verrate ich dir bestimmt nicht.“

Es klingt furchtbar kitschig. Adam weiß nicht, ob es von ihm selbst irgendwo Babyfotos gibt, aber Leos würde er schon gerne sehen. Nicht, dass er mit Kindern sonderlich viel anfangen könnte oder sie niedlich fände. Aber er will mehr über Leo wissen. Mit einem Schuhkarton voller Bilder und Postkarten bei seinen Eltern auf dem Sofa sitzen. Die mysteriöse Caro und ihren Rainer kennenlernen. Teil von Leos Leben sein, auch außerhalb des Kommissariats. Es macht ihm ein bisschen Angst, wie sehr er sich danach sehnt.

Als er aufsteht, um ihre leeren Tassen zurück zur Theke zu bringen, fällt sein Blick auf eine Postkarte. Er sieht über die Schulter zu ihrem Tisch, wo Leo ins Schreiben vertieft ist, dann fischt er seinen Geldbeutel aus der Tasche und legt die Karte auf den Tresen.

 

Es dämmert schon, als sie in die Tram zum Flughafen steigen, und als sie – Leo mit einer ziemlich schweren Tüte aus dem Duty-Free-Shop im Rucksack – im Flugzeug sitzen, ist es dunkel. Adam sitzt wieder am Fenster und sieht zu, wie die blinkenden Lichter der Stadt immer kleiner werden und schließlich unter den Wolken verschwinden. Seine linke Hand ist abwesend in Karlinchens zottigem Fell vergraben. Die leichten Fingerbewegungen mit dem knautschigen Stofftier tun seiner Hand gut, hat er gemerkt.

Leo sitzt auf dem mittleren Sitz und liest. Der Platz neben ihm ist frei, er könnte auch ganz außen sitzen. Tut er aber nicht.

Adam verbietet es sich, das gedanklich zu vertiefen.

 

Landung, Einreise und das Warten am Gepäckband gehen viel zu schnell vorbei. Adam hat das Gefühl, noch nie so schnell zu seinem Gepäck gekommen zu sein. Viel zu schnell stehen sie in der riesigen Eingangshalle, Karlinchen in Adams Rucksack verstaut, Leos ausgelesenes Buch in dessen Jackentasche.

„Musst du…auch zum Zug?“ fragt Adam vorsichtig. Vielleicht hat er noch zwei, drei Stunden an Leos Seite – doch nein, Leo schüttelt den Kopf.

„Caro und Rainer kommen in einer Dreiviertelstunde aus Rom. Wir fahren zusammen, der Wagen steht auf dem Parkplatz.“

Er klingt nicht besonders glücklich, als er das sagt.

Adam nickt. Es ist wirklich besser so. Sonst kann er sich irgendwann gar nicht mehr von Leo trennen. Und Leo könnte langsam Verdacht schöpfen, wenn sie zufällig beide nach Saarbrücken müssen.

„Also dann…“

Leo lächelt mühsam. „Ja, dann.“

Sie stehen sich ein wenig hilflos gegenüber. Adam gibt sich einen Ruck und stellt seine Reisetasche nochmal ab, geht einen kleinen Schritt auf Leo zu, breitet die Arme ein bisschen aus. „Darf ich…?“

Leo kommt ihm entgegen.

Es ist unfair, wie gut sie zusammenpassen, denkt Adam, während er kurz die Augen schließt und vorsichtig den Geruch von Leos Shampoo einatmet, den er sich einprägen will.

Auch ihre Umarmung ist viel zu schnell vorbei, doch Leo tritt noch nicht wieder ganz zurück, hält Adam noch an den Unterarmen fest. Er lacht verlegen, sieht zur Seite.

„Es ist völlig verrückt, aber…“ Er schüttelt den Kopf. Mustert seine Schuhe. „Ich würde dich gerne küssen.“

Adams Herz zieht sich zusammen, ja, ja, bitte, ich dich auch

Leo sieht endlich auf und ihm in die Augen und Adam wird fast erschlagen von der Traurigkeit, die er dort sieht, weil Leo sie für einen Moment nicht schnell genug versteckt.

„Aber ich hab das Gefühl, du möchtest das nicht.“

„Leo…“

Leo lässt ihn hastig los und macht einen Schritt nach hinten. „Nein, schon gut. Vergiss es.“

„Leo, nein.“ Adam streckt seine Hand nach ihm aus. „Hör mir kurz zu, bitte.“

Leos Wangen sind feuerrot und seine Unterlippe ganz blass, dort, wo er hineinbeißt.

„Ich würde auch gern. Ich möchte das. Aber –“ Adam holt tief Luft. „Du hast es selbst gesagt: Nichts an dieser Woche war normal. Wir waren beide im Urlaub, beide in einer Ausnahmesituation. Wer garantiert uns, dass es uns im…Alltag“, er erstickt beinahe an dem Wort, „genauso geht?“

Leo nickt langsam. „Ich verstehe.“

Natürlich. Aber er kann es nicht so verstehen, wie Adam es meint. Wie auch?

„Aber. Also.“ Adam versucht sich an einem Lächeln. „Ich hätte einen Vorschlag. Willst du ihn hören?“

„Mann, Adam…“ Ein Seufzen, ein Lachen. „Na, sag schon.“

„Wir warten den Montag ab. Den ersten Arbeitstag. Und wenn du Montagabend immer noch so denkst, dann rufst du mich an.“

„Und wenn’s dir anders geht?“

„Dann würde ich dir das sagen.“ Adam schluckt. Aber es ist unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass du nicht anrufst.

Leo fährt sich mit einer Hand über die Augen und atmet tief durch. „Okay. Okay. Das…können wir so machen. Nur…“

„Hm?“

„Ich hab ja gar keine Handynummer von dir.“ Es hat die ganze Woche auch so funktioniert.

Adam grinst. Dann holt er die Postkarte aus seinem Rucksack und schiebt sie vorsichtig zu dem Buch in Leos Jackentasche. „Jetzt schon.“

Leo zieht die Postkarte noch einmal heraus. Dreht sie, sieht die Nummer, dreht sie wieder, sieht das Motiv und schnaubt.

„Okay.“

Und dann strafft er plötzlich die Schultern, nickt und erwidert Adams Grinsen beinahe fröhlich. „Dann bis Montag.“

Adam zwinkert ihm nur zu. Die Worte bleiben ihm im Hals stecken, als er sich nach seiner Reisetasche bückt und zum Ausgang dreht, der zu den Bahnhöfen führt.

Bis Montag, ja. Das ist ja das Problem.

Chapter 8: Sonntagsintermezzo

Chapter Text

Das Zimmer ist zu groß.

Wie kann ein billiges Hotelzimmer in fucking Saarbrücken nur so scheiße riesig sein?

Adam kommt problemlos durch die Tür. Er duscht, ohne sich den Kopf oder die Ellenbogen anzustoßen. Er kann sein Handtuch in voller Breite über den Wäscheständer hängen. Er kann sich umdrehen, ohne das einzige kitschig-triste Sonnenuntergangsfoto von der Wand oder das Telefon vom Tisch zu fegen.

Er kann sich längs wie quer auf das Bett legen, ohne dass seine Füße oder sein Kopf überstehen, und auch die Decke muss er nicht diagonal nehmen, damit sein ganzer Körper darunter passt. Böse starrt er das leere zweite Kissen an.

Hier ist viel zu viel Platz.

Chapter 9: Montag II

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Adam ist nach dem unangenehmen Gespräch mit dem Typen von der Disziplinarstelle (dem er einen Scheiß über Leos Arbeitsweise erzählen wird, vielen Dank) so in seine Gedanken vertieft, dass er noch mit dem Rücken zur Tür sitzt und sich auf die denkbar dramatischste Art und Weise umdrehen muss, als die Tür geöffnet wird und eine vertraute Stimme sagt:

„Guten Morgen, mein Name ist Leo Hölzer, willkommen in –“

Ihre Blicke treffen sich. Adam versucht sich an einem Lächeln, doch es verrutscht ihm angesichts von Leos Fassungslosigkeit.

Scheiße.

Die Tür geht schon wieder auf und eine Kollegin schaut neugierig zwischen ihnen hin und her. „Leo, wir machen schon eine Besprechung heute, oder?“

„Wir kommen“, sagt Leo. Es klingt eisig.

 

Leo stellt Adam den beiden Kolleginnen vor, deren Namen er schon von den Versetzungsunterlagen kennt, Esther Baumann und Pia Heinrich. Erstere mustert ihn reserviert, Zweitere kann sich offenbar nur mühsam einen Kommentar über die seltsame Stimmung zwischen ihnen beiden verkneifen, deren Zeugin sie im Büro schon geworden ist.

„Wir haben alle noch was aufzuarbeiten, also werden wir da weitermachen, wo wir stehengeblieben sind. Esther, du kümmerst dich bitte um den Berichtabgleich. Pia, du warst schon im Archiv, richtig? Dann sichte doch schon einmal das Material für den Altfall. Ich zeige Adam kurz das Büro, dann unterstützen wir dich.“

Wie Leo das sagt, klingt absolut professionell, kurz angebunden, wie ein Teamleiter eben. Adam entgeht der Blick nicht, den Pia und Esther wechseln. Die beiden sind offenbar ein eingespieltes Duo – und Leos Verhalten anders als sonst.

Er beißt sich auf die Wange, um keinen der drei zu fragen, was eigentlich das scheiß Problem ist.

Lange muss er sich das ohnehin nicht fragen. Leo zeigt ihm gerade so, wo es zu den Toiletten und zum Kopierraum geht, ehe er ihn in die kleine Kaffeeküche schiebt, die Tür hinter ihnen schließt und Adam anfunkelt.

„Du wusstest es.“

„Ja.“ Es hat keinen Sinn, es zu leugnen.

„Und warum sagst du mir nichts?“

Adam weicht zurück, bis er die Türklinke an der Hüfte spürt. Leo hält sofort inne und lehnt sich langsam gegen die Arbeitsplatte hinter ihm, aber Adam weiß, dass es in ihm brodelt. Dazu muss er nicht einmal sehen, wie Leos Hand zuckt, als wollte er sie zur Faust ballen.

Adam kann ihm nicht in die Augen sehen. Leo hat ja Recht. Im Nachhinein betrachtet ist es völlig irrational – und unfair gegen über Leo, ihm nichts gesagt zu haben. Aber hatte er nicht genau hiervor Angst? Vor dieser mühsam professionellen Distanz? Davor, dass Leo…

„Antworte mir wenigstens. Verdammt, Adam, wir arbeiten jetzt zusammen, da müssen wir über sowas reden.“

Leo klingt verletzt, gequält, verzweifelt. Adam möchte nur weg, raus aus der Küche, raus aus dem Gebäude, raus aus Saarbrücken, aber er kann nicht schon wieder verschwinden. Also spricht er.

„Genau deshalb, Leo. Weil – weil ich nicht wollte, dass es seltsam wird. Weil ich dachte, wenn du weißt…wenn du es weißt, dann hast du das Gefühl, du musst dich anders verhalten. Wie ein Teamleiter halt. Nicht wie im Urlaub.“

Sein Teamleiter seufzt. Fährt sich mit beiden Händen übers Gesicht. Dreht sich um, nimmt eine Tasse aus dem Schrank, macht die Maschine an. Es mahlt und rattert ohrenbetäubend laut und Adam denkt bei sich, dass er seinen Kaffee garantiert nie hier holen wird, während er auf die breiten Schultern unter dem dunkelgrünen Henley starrt.

Die Tasse in den Händen haltend und den Blick auf die trübe schwarze Brühe darin geheftet dreht Leo sich um.

„Meinst du nicht, dass das meine Entscheidung hätte sein sollen?“

In Adams Kehle bildet sich ein Kloß, der seine Stimme zu einem Flüstern reduziert. „Doch. Aber…“ Ich war panisch. „Ich wusste nicht, wann. Wie. Ich dir das sagen soll. Hab den richtigen Zeitpunkt verpasst.“

Den es nie gab. Hey Leo, ich schau dir gerne beim Aufwachen zu, hey Leo, danke, dass du auf mich aufpasst, hey Leo, hak dich bei mir unter, hey Leo, ich will dich auch küssen, außerdem, wusstest du schon…?

„Den richtigen…?“ Leo stellt die Tasse mit einem Knall ab, achtet nicht einmal darauf, dass ihm der Kaffee über die Finger schwappt. „Seit wann wusstest du’s?“

Adam muss nicht einmal nachdenken, so tief hat sich der Moment eingebrannt. „Mittwoch. Als du Esthers Namen erwähnt hast.“

Für einen Moment scheint Leos Wut sich noch zu steigern, ehe ein seltsamer Ausdruck über sein Gesicht huscht, seine Augen sich weiten und er den Mund öffnet, um etwas zu sagen.

Genau in dem Moment geht hinter Adam die Tür auf, so schwungvoll, dass er zwei Schritte zur Seite stolpert, um sie nicht an den Hinterkopf zu kriegen.

„Shit, sorry!“ Pia sieht ihn erschrocken an. „Hab ich dir wehgetan?“

Adam schüttelt nur matt den Kopf.

„Tut mir echt leid.“ Sie wendet sich an Leo. „Ich hab da was – vermutlich kalt, aber ein Hinweis, dem nie richtig nachgegangen wurde.“

Leo wischt Arbeitsplatte und Finger ab und kippt den noch heißen Kaffee in die Spüle. „Komme.“

 

Pia und Leo brechen kurz darauf zu Pias kalter Spur auf. Esther wird für einen letzten Abgleich plus Unterschrift in die Pathologie geschickt. „Nimm Adam mit“, ruft Leo im Hinausgehen. „Dann lernt er Dr. Wenzel gleich kennen.“

„Na, dann komm.“ Esther greift nach ihrer Jacke. „Von mir aus zeige ich dir dann auch noch die Sporthalle und stelle dich der Steuerfahndung vor. Hauptsache, ich muss mich nicht auch mit alten Akten befassen.“

Adam folgt ihr stumm, zu aufgewühlt, um zu protestieren. Und was soll er auch sonst machen? Hier herumsitzen und sich den Kopf über Leos Anklage zerbrechen? Nein, danke.

Die Pathologie befindet sich offenbar am anderen Ende der Stadt, weswegen Esther ihm zuallererst die Tiefgarage zeigt. Auf dem Beifahrersitz ihres Dienstwagens liegt eine angebrochene Tüte Gummibärchen, die sie mit einem Augenrollen und dem Kommentar „Pia“ ins Handschuhfach räumt, ehe Adam sich auf dem Sitz niederlässt. Saarbrücken zieht im trockenen Frühlingswetter blassgrau und grün am Fenster vorbei.

„Er ist nicht immer so.“

„Hm?“ Adam dreht den Kopf zu Esther. Von ihr hätte er am allerwenigsten erwartet, dass jetzt ein Gespräch kommt.

„Hölzerch…Leo. Der ist nicht immer so schroff. Eigentlich nie. Nicht mal zu mir.“ Sie grinst, als wäre das ein guter Witz.

„Ich tratsche nicht“, sagt Adam kurz.

„Ich auch nicht.“ Ihre Stimme gewinnt an Schärfe. „Ich will nur, dass du das richtig einordnest. Denn Leo ist einer von diesen seltenen guten Menschen, die zur Polizei gegangen sind, um die Welt zu verbessern. Und dazu gehört, dass er verdammt nett ist. Hat ihm lange Zeit einiges an Ärger eingebracht – zu weich für den Job, zu zaghaft, Schiss in der Buchse, du kannst es dir denken. Insbesondere, nachdem er in seinem letzten Fall gezögert hat, zu schießen. Aber das liegt nicht daran, dass er für den Job nicht geeignet ist. Er ist einfach –“

„Besonnen?“

„Ja.“ Esther wirft ihm einen schnellen Blick zu, ehe sie sich wieder auf die Straße konzentriert. „Gewissenhaft. Lieber einmal weniger schießen, dafür länger reden. Damit hat er sowohl die von der Disziplinarstelle als auch Pia und mich konfrontiert, was mehr Mut erfordert als ein Distanzschuss, wenn du mich fragst. Und der Erfolg unseres Teams gibt ihm Recht.“

Adam räuspert sich. Das klingt alles so sehr nach dem Leo, den er kennengelernt hat, dass der Kontrast zu dessen Blick vorhin umso mehr schmerzt. „Kann ich mir denken.“

„Kannst du?“, fragt Esther hart, ihr Ton eine Drohung.

„Ja.“

Sie entspannt sich sichtlich. „Gut."

 

Weder die Sporthalle noch die Steuerfahndung kommen zum Zug, aber zumindest die Raucherterrasse zeigt Esther Adam, sodass er dort seine Mittagspause verbringen kann. Pia und Leo kommen am frühen Nachmittag mit leeren Händen zurück. Leo setzt sich sofort an seinen Schreibtisch und die Berichte, die Esther von Dr. Wenzel hat unterschreiben lassen, dem restlichen Team halb den Rücken gekehrt. Pia schließt sich Esther und Adam bei der Sichtung der restlichen alten Unterlagen an. Die sind einigermaßen umfangreich, sodass es dauert und sie noch einen Stapel vor sich haben, als Leo um Punkt fünf von seinem Abstecher zur höheren Etage in der Tür steht und verkündet, es sei Feierabend.

Esther und Pia wechseln wieder einen Blick, zucken mit den Schultern und stehen auf. Adam blinzelt Leo an. „Wir sind doch noch nicht fertig.“

„Du wirst an deinem ersten Tag hier keine Überstunden machen, wenn ich das verhindern kann.“ Leo geht an ihm vorbei zu seinem Schreibtisch und räumt dort die restlichen Papiere zusammen.

„Die ollen Akten laufen ja nicht weg.“ Pia klopft neben Adam auf den Tisch, ehe sie ihre Jacke vom Haken nimmt und zur Tür geht. Esther legt ihr einen Arm um die Hüfte und winkt einmal in den Raum. „Bis morgen.“

„Bis morgen“, erwidert Leo.

Adam sieht den beiden verblüfft hinterher. Pia hat ihren Arm über Esthers Schultern geschlungen und flüstert ihr lachend etwas ins Ohr. Esther stößt mit ihrer Hüfte gegen Pias. Es wirkt so vertraut wie ihre Blickwechsel den Tag über und Pias Gummibärchen in Esthers Auto. Sind die beiden zusammen? Aber dann…

Sein Blick wandert zu Leo. Und er erschrickt, als er merkt, dass der ihn beobachtet, die Brauen bis zum Haaransatz hochgezogen.

„Problem?“

Okay. Okay, das hier ist nun die Chance. Vielleicht lässt sich das mit Leo doch irgendwie reparieren, zumindest so, dass sie zusammen arbeiten können. Adam steht auf und schließt die Bürotür noch einmal – das muss hier keiner sonst mitbekommen. Als er sich umdreht, steht Leo mit verschränkten Armen hinter seinem Schreibtisch, stark, solide, unnahbar.

Adam lässt seine Schultern sacken. „Es tut mir leid, Leo.“

Leo bleibt stumm.

„Ich hätte sofort mit dir reden sollen.“

„Stattdessen bist du feiern gegangen“, sagt Leo. Seine Stimme klingt unsicher, steht in krassem Kontrast zu seiner Haltung.

„Ja.“ Adam seufzt und lehnt sich an den Tisch. „Ich war panisch. Ich wollte das sofort wieder vergessen. Ich wollte…“ Er schluckt, doch nach dessen Worten am Flughafen ist er Leo diese Offenheit schuldig, auch wenn sie ihm vor Augen führen wird, was er vielleicht für immer verspielt hat.

„Ich wollte mir dich aus dem Kopf schlagen. Dass du mein Teamleiter sein würdest, daran konnte ich nichts ändern, aber ich dachte, vielleicht kann ich wenigstens vergessen, wie’s sich anfühlt, neben dir aufzuwachen.“

Leos Augen sind größer geworden, während er gesprochen hat. Adams Herz, wild und schmerzhaft pochend, ist kurz vorm Stolpern, als er endlich spricht.

„Und? Hat’s funktioniert?“

Adam schnaubt unwillkürlich. „Offensichtlich nicht.“

Leo löst seine Arme aus ihrer Verschränkung und dreht sich um. Ein paar Atemzüge später kramt er in einer Schublade herum, zieht sein Handy aus der Hosentasche und tritt ans Fenster, Adam immer noch den Rücken zugekehrt.

Adams Handy klingelt. Das private. Es ist eine unbekannte Nummer. Er starrt Leos Rücken ungläubig an.

„Adam, dein Handy klingelt.“

„Dein Ernst?“

Leo rührt sich nicht. Adam nimmt den Anruf entgegen. „Schürk.“

„Hey, hier ist Leo.“

„Hallo Leo.“

Endlich, endlich dreht Leo sich wieder um. Einer seiner Mundwinkel zuckt. „Ich nehme an, du wolltest mir mit deinen Versuchen, Abstand zu halten, die Komplikationen einer Beziehung am Arbeitsplatz ersparen.“

Adam nickt.

„Ich kann dich nicht hören.“

Der Mundwinkel bleibt oben. Also wagt Adam es, die Augen zu verdrehen.

„Ja. Ich wollte dir nicht – zu nahe kommen, ehe ich wusste, wie du dazu stehst. Ich dachte, wenn ich mich fernhalte, verlierst du das Interesse.“

„Weil das bei dir so gut funktioniert hat, oder was?“

„Leo, bitte.“

Adam weiß nicht, wieso er sich das Handy immer noch ans Ohr hält, aber er will das jetzt zu Ende bringen, auf die eine oder die andere Art. Nur geht ihm dieses Gespräch zu sehr an dem vorbei, was er jetzt wissen muss. Und hat Leo nicht vom Reden gesprochen, am Morgen in der Kaffeeküche?

„Sag mir, was du von mir willst.“

Leo geht zum Schreibtisch zurück und klemmt die Postkarte an den Bildschirm, sodass der gemalte Hirsch verträumt zwischen ihnen durch in den Flur hinausschaut. Mit einem Finger fährt er über die Kante der Karte.

„Ich will, dass wir jetzt auflegen. Und dann will ich, dass du mit mir was trinken gehst – zu deinem Einstand und, wenn du willst, als Date.“

„Okay.“ Adam nickt. „Das will ich auch. Alles.“

„Gut.“

„Gut.“

„Also…“ Leo grinst. „Legst du zuerst auf oder –“

„Halt – die Fresse.“ Adam legt auf, lässt das Handy auf dem Tisch liegen, macht zwei Schritte auf Leo zu und umfasst sein Gesicht mit beiden Händen.

Leo lächelt und legt seine Hände an Adams Hüften. „Willst du noch was?“

„Ja.“ Adam lehnt sich noch ein bisschen näher zu ihm, zögert, sucht den Blick dieser grünblauen Augen. „Du auch?“

„Küss mich endlich“, flüstert Leo gegen seine Lippen.  

 


 

„Sag mal“, murmelt Adam halb in Leos Schulter, während der seine Wohnungstür aufschließt. (Adams Auto steht noch am Präsidium, Leos an der Bar zwei Straßen weiter. Leos Wohnung ist sowieso näher, und absolut nichts zieht ihn heute noch in dieses Vakuum von einem Hotelzimmer.)

„Hm?“ Leo drückt die Tür auf und schiebt sie beide hindurch.

„Wie gut sind Esther und Pia eigentlich als Ermittlerinnen?“

Leo bleibt stehen, die Hand mit seiner Jacke auf halbem Weg zum Garderobenhaken. Er sieht Adam entgeistert an. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“

„Na…“ Adam hängt seine Jacke neben Leos, ehe er wieder ganz nah an ihn herantritt und seine Hände über diese Schultern wandern lässt, die ihm schon am ersten Tag aufgefallen sind. „Ich frage mich nur, zu welchem Schluss die beiden kommen werden, wenn wir morgen beide mit deinem Auto ins Büro kommen.“

Leo grinst und hebt die Schultern. Adam spürt die Bewegung unter seinen Fingern. „Also, ähm...Pia hat mich heute Morgen im Auto ohnehin schon gefragt, ob die komische Stimmung zwischen uns auf einen One-Night-Stand zurückzuführen sei.“

Keine Geheimnisse also? Adam soll es recht sein. Er ist ziemlich sicher, dass sich das bescheuert glückliche Grinsen auf seinem Gesicht in Leos Nähe ohnehin nie gut verbergen lassen wird. „Dann sind sie uns mit den Ermittlungen ja schon voraus.“

„Mhm.“ Leo dreht sie beide mit einem Ruck um und schiebt Adam sanft, aber unnachgiebig in Richtung Schlafzimmer. „Wir haben einiges nachzuholen.“

 

Leos Bett hat genau die richtige Größe.

Notes:

Danke fürs Lesen. <3