Work Text:
Thiel: „Ich dachte ja immer, Sie könnten sich gar nicht verlieben, weil Sie durch Ihren Beruf emotional so verkümmert sind.“ Das hatte ausgesprochen jetzt irgendwie doch nicht so nett geklungen. Dabei wollte er Boerne doch eigentlich nur wissen lassen, dass er nachvollziehen konnte, warum der so bescheuert gehandelt hatte. Und so ein kleiner Scherz hätte ja durchaus die Stimmung ein wenig auflockern können, sie neckten sich ja auch sonst, aber irgendwie war das gründlich nach hinten losgegangen. Boerne sah nicht gerade begeistert aus.
Boerne: „Bitte?“ Thiel war ja heute mal wieder die Einfühlsamkeit in Person. Und wie kam er jetzt überhaupt auf sowas?
Thiel: „Sie lieben diese Frau, stimmt’s? Und wie es scheint, schon seit einiger Zeit.“ Keine Antwort von Boerne, nur ein Seufzen. Naja, das war auch irgendwie eine Antwort. Und im Grunde wollte Thiel es ja auch gar nicht hören. „Ja, ich hätt’s ja an Ihrer Stelle genau genauso gemacht.“
Boerne: „Ehrlich?“ Oder hatte er das jetzt nur gesagt, um ihn zu trösten?
Thiel: „Naja, wenn’s beispielsweise um…“ Na, sag schon. Ist doch nicht so schwer. Jetzt kannst du wieder gut machen, dass du gerade eben so ein ungehobelter Klotz warst. „…um, um Vaddern gegangen wäre.“
Boerne: „Ooh, haben Sie das gehört?“ Boerne ignorierte den Stich der Enttäuschung und griff stattdessen den Themenwechsel auf, dankbar, dass sie diese holprige Unterhaltung jetzt wohl erst mal hinter sich gebracht hatten.
Thiel: „Was gibt’s denn da zu lachen?“ Er bemühte sich, angemessen empört zu klingen, aber eigentlich war er ganz froh, dass dieses seltsame Gespräch erst mal vorbei war.
Als Thiel am Abend nach Hause kam, stand Boernes Auto schon auf seinem üblichen Parkplatz direkt vor der Tür. Es wäre einfach gewesen, das jetzt zu ignorieren, in seine eigene Wohnung zu gehen, endlich mal etwas Schlaf nachzuholen, sich vielleicht ein bisschen in Selbstmitleid zu suhlen und seine Gefühle dann mit einem schönen, kalten Bier herunterzuspülen. Einfach, aber nicht richtig. Weil er gesehen hatte, was Boerne für ein Häufchen Elend gewesen war, als er ihn vor ein paar Stunden am Präsidium abgesetzt hatte. Weil er wusste, dass Boerne jetzt lieber nicht allein sein sollte. Also steckte Thiel seinen Schlüssel wieder weg, kaum dass er durch die Haustür war, und klingelte bei Boerne. Der öffnete in Rekordgeschwindigkeit. Es war fast, als hätte er schon auf ihn gewartet.
„Liebling, wie war dein Tag?“, wiederholte Thiel zur Begrüßung die Worte, die Boerne ihm auch vor erst so kurzer Zeit an den Kopf geworfen hatte. Er konnte gar nicht glauben, dass das nicht schon viel länger her war, so viel wie seitdem passiert war. Boerne schenkte ihm ein müdes Lächeln.
„Ziemlich bescheiden. Danke der Nachfrage. Kommen Sie rein.“
Boerne winkte ihn durch ins Wohnzimmer und holte in der Küche ein Bier für ihn, das er neben sein eigenes Weinglas auf den Couchtisch stellte. Thiel fragte sich schon, ob das mit dem Ertränken seiner Gefühle in Alkohol heute doch noch was werden würde, denn eine Weile tranken sie schweigend. Aber dann fragte Boerne schließlich doch:
„Wie ist es gelaufen?“
Die Fabians hatten sich letztendlich widerstandslos verhaften lassen, allerdings nicht ohne Boerne vorher noch wissen zu lassen, was sie davon hielten, dass er ihnen diesen Peilsender untergejubelt hatte. Sie hatten sich doch tatsächlich erdreistet ihn einen Verräter zu nennen. Thiel wusste nicht, ob er Boerne schon mal so verletzt gesehen hatte wie heute auf diesem Flugfeld.
„Frau Fabian war sofort geständig, was den Mord an Weber angeht, sicherlich auch um ihren Mann da zu entlasten. Aber ansonsten.“ Thiel zuckte mit den Schultern. „Ihr feiner Freund schweigt sich bislang aus.“
„Friedhelm ist nicht mein Freund!“, sagte Boerne und stellte sein Glas etwas zu fest wieder auf den Tisch.
„Tschuldigung“, murmelte Thiel. Es war nun wirklich nicht seine Absicht Boerne auch noch wehzutun. Und dennoch.
„Aber das hat sich vor ein paar Tagen, als Sie Ihre blöde Rede für Ihre blöden besten Freunde einstudiert haben, noch ganz anders angehört“, sagte er. Er wusste, dass es kindisch war, darauf herumzureiten, dass er Boerne damit jetzt nicht half. Aber Boerne war eben nicht der einzige, der bei dieser ganzen Geschichte verletzt worden war. Boerne sah ihn schief von der Seite an.
„Sie sind ja doch eifersüchtig“, stellte er fest. „Und versuchen Sie gar nicht erst, das abzustreiten. Ich kenn mich aus mit diesem Gefühl.“
Wie waren sie denn jetzt plötzlich bei Thiels Befindlichkeiten gelandet? Er war doch eigentlich hergekommen, um Boerne zu trösten, damit der nicht so alleine seine Wunden lecken musste. Thiel hatte das dringende Bedürfnis zu flüchten, einfach rüber in seine eigene Wohnung zu gehen, aber stattdessen stand er nur auf, um seine leere Bierflasche wegzuräumen.
„Ja, gut, okay, dann bin ich halt ’n bisschen eifersüchtig“, nuschelte er auf dem Weg in die Küche vor sich hin. „Sind Sie jetzt zufrieden?“
„Nein, bin ich nicht!“, hörte er Boerne, als er gerade in den Kühlschrank guckte. Thiel ließ das Bier Bier sein und nahm stattdessen zwei Wassergläser aus dem Schrank. War vielleicht besser, wenn er heute nichts mehr trank. Er füllte die leere Flasche, die auf der Spüle stand, und rief dann:
„Boerne, wie funktioniert Ihre blöde Sprudelmaschine nochmal?“
„Sancta simplicitas“, hörte Thiel Boerne murmeln, aber er war schon auf dem Weg in die Küche und im nächsten Moment neben ihm, um ihm die Wasserflasche abzunehmen und sie umständlich in den Sprudler zu drehen. „Glauben Sie ja nicht, dass Sie mit diesem billigen Ablenkungsmanöver davonkommen, Thiel.“
„Versuchen kann man’s ja mal.“
„So“, sagte Boerne, als sie schließlich wieder auf dem Sofa saßen und er ihnen beiden Wasser eingegossen hatte. „Um das jetzt ein für alle Mal klarzustellen: Sie sind mein bester Freund, Thiel. Sie und niemand anderes und so sehr es mich schmerzt, das zu sagen, aber das jetzt auch schon seit fast zwei Jahrzehnten. Das müssen Sie doch wissen.“
Mit einem Mal fühlte Thiel sich ganz kleinlaut. Und gleichzeitig war er erleichtert.
„Jaaa, also schon irgendwie. Zumindest dachte ich immer, dass… aber jetzt halt…“
Boerne lachte kurz auf, weil er hier so vor sich hin stammelte. Aber normalerweise redeten sie über sowas ja auch nicht. Wie konnte er sich denn dann sicher sein?
„Sie sind auch mein bester Freund, Boerne“, setzte er dann noch nach, ganz ohne Stottern und Zögern, weil es stimmte, und damit Boerne sich eben auch sicher sein konnte.
„Das weiß ich doch, Thiel“, sagte Boerne allerdings. „Im Gegensatz zu Ihnen unterschätze ich meinen Wert da nämlich nicht, nicht wahr.“
„Sie sind ja auch besonders schlau, Herr Professor Doktor Doktor.“
Sie lachten beide, aber Thiel hätte schwören können, dass es Boerne auch gut tat, so klipp und klar zu hören, welchen… ja, welchen Wert er hatte. Konnte Boerne ja nicht ahnen, dass er den trotzdem nur so halb richtig eingeschätzt hatte. Schweigen trat ein, sie hingen beide ihren Gedanken nach und Thiel dachte schon, dass er ja vielleicht doch noch ein Bier trinken könnte, wenn sie jetzt fertig waren mit ihrem gefühlsduseligen Gespräch, als Boerne plötzlich fragte:
„Wissen Sie eigentlich, wann ich das letzte Mal etwas mit Friedhelm und Veronika unternommen habe?“ Thiel grunzte nur nichtssagend. „Das muss jetzt fast fünfzehn Jahre her sein. Da war ich das letzte Mal mit auf dem Boot.“
„Sie waren mit Segeln?“, fragte Thiel ungläubig. Das konnte er sich bei Boerne ja so gar nicht vorstellen.
„Selbstverständlich. Ich habe Ihnen doch erzählt, dass die beiden ein Boot an der Schlei haben. Ist durchaus eine schöne Gegend da.“
Thiel nickte.
„Ich weiß. Meine Mutter hatte früher Verwandtschaft in der Nähe von Schleswig, aber da war ich ja jetzt auch schon ewig nicht mehr. Warum sind Sie denn danach nie wieder mitgefahren, wenn’s Ihnen doch gefallen hat da oben?“
Ganz untypisch zuckte Boerne mit den Schultern.
„Ich weiß nicht. Ich habe jede Sekunde auf diesem Boot gehasst. Mit einem Mal hat sich das alles ganz falsch angefühlt, ich wäre lieber hier gewesen und seitdem –“ Boerne wedelte unbestimmt mit der Hand durch die Luft. „Man hat sich zu Weihnachten gesprochen und an den Geburtstagen. Aber sonst…“ Er seufzte. „Ich hab mich so geschmeichelt gefühlt, als Veronika anrief, um zu fragen, ob ich die Abschiedsrede für die beiden halte.“ Er nahm seine Brille ab, um sich über die Augen zu reiben. Müde sah er aus. Thiel tätschelte unbeholfen seinen Arm.
„Und für die hätten Sie ja sowieso alles getan, nicht wahr?“ Thiel hoffte, dass seine Stimme nicht wirklich so bitter klang wie sie sich in seinen Ohren anhörte.
„Ach, Thiel“, winkte Boerne ab. „Wir werden langsam alt und für ein paar Wochen hab ich mich gefühlt wie früher; es war fast als wären wir wieder jung. Da kann man schon mal sentimental werden.“
Thiel war sich da nicht so sicher, ob das wirklich etwas mit ihrem Alter zu tun hatte, oder ob sie nicht vielmehr alle beide schon immer etwas sentimental veranlagt gewesen waren, auch wenn sie es nur ungern zugaben, aber er wusste ja, was Boerne meinte.
„Sie haben sich in der Schule kennengelernt, ne?“
Boerne nickte.
„Ich war vierzehn, als die beiden in meine Klasse gekommen sind. Veronika von einer anderen Schule und Friedhelm, weil er das Jahr wiederholt hat. Wir haben Veronika beide umgarnt und von da an waren wir drei unzertrennlich.“
„Komisch, wie das manchmal so läuft.“
„Da sagen Sie was, Thiel.“ Boerne seufzte schon wieder. „Naja, irgendwann hat sich dann rausgestellt, dass die beiden noch ein bisschen unzertrennlicher waren als wir drei. Und jetzt sitzen wir hier.“
„Und Sie trauern noch immer Ihrer unerwiderten Jugendliebe hinterher.“ Thiel wusste gar nicht so genau, warum ihn das so sehr beschäftigte (– also außer natürlich, dass es für ihn hieß, dass er sich wirklich keine Hoffnungen machen brauchte – aber das war ja nun auch nichts Neues). Vielleicht weil er es Boerne irgendwie nicht zugetraut hatte, stumm zu lieben und nichts zu erwarten. Plötzlich fühlte Thiel sich richtig traurig.
„Thiel?“ Boerne hatte sich auf dem Sofa zu ihm gedreht und er sprach erst weiter, als Thiel sich ihm ebenfalls zugewandt hatte. „Ich möchte da gerne noch etwas klarstellen: Ich liebe Veronika nicht.“
Hä?
„Aber Sie haben doch gesagt, dass–“
Boerne unterbrach ihn.
„Habe ich eben nicht. Sie haben das gesagt und ich habe nicht geantwortet. Weil die Sache eben komplizierter ist als das und weil ich dieses Gespräch nicht unbedingt im Beisein Ihres Vaters führen wollte.“
„Aber in meinem Beisein jetzt schon, oder was?“
„Mit wem soll ich dieses Gespräch denn führen, wenn nicht mit Ihnen, hm?“
Thiel hatte das dumpfe Gefühl, nicht mehr ganz mitzukommen. Und es half halt auch nicht gerade, dass Boerne ihn jetzt ziemlich eindringlich ansah.
„Sie haben doch da im Taxi auch nicht alles gesagt, was Sie eigentlich sagen wollten, oder?“ Als Thiel erst mal nicht antwortete, fügte Boerne noch hinzu: „Wenn ich falsch liege, sagen Sie das einfach. Bitte. Dann bin ich still.“
Natürlich hatte Boerne da ganz richtig zwischen den Zeilen gelesen. Nur er war mal wieder zu blöd dazu gewesen. Oder zu feige. Oder Boerne war einfach doch ein besserer Schauspieler als es seine kleinen Einlagen in der Rechtsmedizin vermuten ließen.
„Nee, stimmt schon“, gab Thiel also zu. „Ich hab natürlich nicht daran gedacht, dass Vaddern entführt werden könnte.“ Er lachte trocken auf, die Vorstellung war einfach immer noch ziemlich lächerlich. „Ich hab an Sie gedacht. Weil ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn Sie in Lebensgefahr schweben.“ Das hatte er so jetzt eigentlich gar nicht sagen wollen. Aber es stimmte halt. Er hatte schon zu oft um Boerne bangen müssen ohne zu wissen, ob er ihn lebend wieder sehen würde.
„Thiel, das tut mir leid. Ich–“ Boerne blickte ziemlich betreten drein.
„Lassen Se mal stecken“, unterbrach Thiel ihn. Irgendwie hatte Boernes Hand ihren Weg auf Thiels Bein gefunden und Thiel legte seine Hand jetzt darüber. „Sie konnten ja auch nichts dafür.“ Meistens jedenfalls nicht. „Erzählen Sie mir lieber, warum Sie sich ausgeschwiegen haben. Sie hätten ja auch einfach gleich sagen können, dass Sie nicht in diese Frau verliebt sind.“
„Ah“, machte Boerne und schien dann zu überlegen, wo er anfangen sollte. Es dauerte jedenfalls eine ganze Weile, bis er schließlich sprach. „Man könnte sagen, Veronika war so etwas wie meine erste große Liebe. Sie wissen schon, das volle Programm: Schmetterlinge im Bauch, nicht schlafen können, der erste Herzschmerz, das erste Mal Lust.“ Hier zog Thiel seine Hand dann doch erst mal lieber weg. Boerne hob eine Augenbraue. „Ach, Thiel, seien Sie nicht so prüde. Das ist doch was Schönes. Und wir waren nun mal auch pubertierende Teenager. Im nächsten Schuljahr war ich unsterblich in die hübsche neue Musiklehrerin verknallt und im Sommer darauf zum ersten Mal in einen Jungen.“
Thiel musste die Überraschung wohl ins Gesicht geschrieben stehen, denn Boernes Mundwinkel zuckten kurz nach oben.
„Da müssen Ihnen ja nicht gleich die Augen aus dem Kopf fallen, Thiel.“ Aber er wurde gleich wieder ernst. „Jedenfalls: Nika wird trotz allem immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Auch jetzt noch.“
Thiel nickte. Er konnte Boerne ja verstehen. Wenn er so an seine eigene Jugend dachte… könnte schon gut sein, dass er auch erst mal ziemlich überrumpelt wäre, wenn er plötzlich Tina gegenüber stehen würde. Und über Susanne brauchten sie gar nicht reden. Man konnte das eben nicht einfach ignorieren, wenn jemand ein so wichtiger Teil des eigenen Lebens gewesen war.
„Beneidet habe ich Veronika und Friedhelm trotzdem all die Jahre“, riss Boerne ihn aus seinen Gedanken.
„Warum denn das?“, fragte Thiel. Die Fabians hatten ja nun wirklich nichts, was Boerne nicht hatte: Geld, berufliches Ansehen, sie bewegten sich in den gleichen Kreisen. Ob Boerne wohl doch nicht so sehr über Veronika hinweg war wie er behauptete?
„Nicht umeinander“, stellte Boerne rasch klar. „Ich habe sie um ihr Miteinander beneidet, um ihre Liebe zueinander. Ich dachte all die Jahre, wie schön es sein muss, wenn man sein Leben so bedingungslos mit jemandem teilen kann. Bis zu dieser Geschichte jetzt jedenfalls.“
„Oh, Boerne.“ Thiel legte seine Hand jetzt doch wieder vorsichtig auf Boernes. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie so ein Romantiker sind.“
„Sollten Sie ja auch gar nicht.“
Aber jetzt wusste er es.
„Boerne?“
„Mhm?“
„Teilen wir unser Leben nicht miteinander?“ Für Thiel fühlte es sich jedenfalls meistens ganz danach an. Der eine war nichts ohne den anderen, ob er wollte oder nicht.
Boerne seufzte. „Schon. Aber eben nicht so.“
Thiel traute sich fast gar nicht zu fragen. Aber Boernes Hand war warm unter seiner und er tat es trotzdem.
„Aber Sie würden das wollen?“
„Ach, Thiel, was ich will, ist da allein nicht ausschlaggebend.“
„Mann, Boerne, können Sie nicht einfach mal ja sagen?“
Boerne sah ihn lange an, zog schließlich seine Hand weg und richtete sich ein wenig auf. Thiel sah genau, dass er einen Entschluss fasste.
„Also gut, Thiel, Sie wollten es so und ich habe ohnehin schon zu viel preisgegeben. Ich möchte gerne mein Leben so mit Ihnen teilen, die Schmetterlinge im Bauch sind längst da, aber mit schlaflosen Nächten, mit Lust.“ Hier atmete Thiel anscheinend etwas zu laut ein, denn Boerne hob schon wieder seine Augenbrauen. „Möglichst ohne den Herzschmerz“, fuhr er aber ansonsten unbeirrt fort. „Ich habe Ihrer Vermutung, dass ich Veronika lieben könnte, nicht widersprochen, weil ich dann hätte zugeben müssen, dass eigentlich Sie derjenige sind, den ich liebe. Da haben Sie’s, Thiel. Ich liebe Sie. Ich liebe dich.“
Jegliche Entschlossenheit schien plötzlich aus Boerne zu weichen. Er sackte in sich zusammen, rutschte tiefer ins Sofa und vermied es entschieden, Thiel anzusehen. Thiels Kopf dröhnte. Wenn er ehrlich war, hatte es sich irgendwie angedeutet, das, was er da gerade gehört hatte. Unmissverständlich gehört. Er traute sich trotzdem nicht, es zu glauben.
„Oh, Boerne“, sagte er schließlich und tastete neben sich nach Boernes Hand. Aber der verschränkte die Arme vor der Brust. „Boerne, kannst du mich bitte mal ansehen?“ Thiel schlug das Herz bis zum Hals. Er wollte das hier so sehr und trotzdem war er so nervös. Aber Boerne hatte es verdient, dass er jetzt ebenso offen und ehrlich zu ihm war.
„Ich hatte doch genauso Angst mich zu verraten wie du. Mir geht’s doch auch nicht anders.“
Okay, das war jetzt vielleicht nicht ganz so eindeutig gewesen wie bei Boerne, aber der schien ihn auch so zu verstehen, denn seine Augen weiteten sich überrascht und er löste seine Arme aus ihrer Verschränkung. Seine Hand plumpste schlaff aufs Sofa.
„Ehrlich?“
Als Thiel diesmal nach Boernes Hand griff, entzog dieser sich ihm nicht. Und diesmal schob Thiel auf Boernes Frage auch keine Ausreden vor.
„Ehrlich“, sagte er.
Mit der freien Hand rieb Boerne sich über die Augen und danach saß seine Brille ihm etwas schief auf der Nase.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte er.
Thiel zuckte mit den Schultern. Soweit hatte er sich nie zu denken getraut. Er war ja fest davon ausgegangen, dass sie überhaupt nie an diesem Punkt ankommen würden, dass er der einzige war, den es erwischt hatte.
„Ich weiß nicht. Wir müssen erst mal gar nichts tun. Wir können das alles ganz langsam angehen lassen?“
Boerne nickte, aber Thiel sah, dass es hinter seiner Stirn arbeitete. Boerne war skeptisch.
„Thiel?“
Das fühlte sich ja auch irgendwie nicht mehr richtig an.
„Willst du nicht Frank sagen?“
„Frank?“, begleitet von einem leichten Lächeln.
„Mhm?“
„Aber… also… du willst das auch, oder? Also eine Beziehung mit allem, was… naja, eben so dazu gehört. Weil – also, ich glaube, ich brauche schon ein bisschen Zeit nach allem jetzt–“ Er machte eine Geste, die wohl irgendwie die letzten paar Tage oder Wochen umfassen sollte. „Aber irgendwann würde ich schon gerne mit dir… also so körperlich–“ Er brach ab und wurde rot.
Thiel konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
„Wer ist jetzt prüde?“, neckte er.
„Du hast doch vorhin-“, setzte Boerne an, aber Thiel unterbrach ihn gleich.
„Ich weiß, ich weiß. Aber was soll ich denn machen, wenn du so selbstverständlich von… Lust redest. Die Vorstellung von dir mit anderen ist schwierig. Und die von dir mit mir auch, nur aus anderen Gründen. Aber ich will das auch.“
Seine Wangen fühlten sich heiß an. Wahrscheinlich war er genauso rot angelaufen wie Boerne. Trotzdem setzte er noch hinzu:
„Ich will dich, Boerne.“
Irgendwann würde er Boerne vielleicht mal erzählen, wie lange er das schon dachte, wenn er ihn ansah. Aber jetzt war das nicht wichtig.
„Okay“, sagte Boerne und atmete laut aus, fast als hätte er vorher die Luft angehalten. Dann rutsche er etwas näher an Thiel heran, verharrte kurz unschlüssig und ehe er es sich wieder anders überlegen konnte, öffnete Thiel seinen Arm für ihn.
„Komm?“, fragte er.
Boerne nickte und rutschte in seinen Arm, schmiegte sich an ihn, legte den Kopf an seiner Schulter ab. Und das fühlte sich so natürlich und schön an, dass Thiel sich fragte, warum es so schwierig gewesen war, hierher zu finden. Er seufzte.
„Alles in Ordnung?“, fragte Boerne.
„Ja, jetzt schon. Bei dir?“
„Mhm“, erwiderte Boerne, aber Thiel fand nicht, dass das sehr überzeugend klang.
„Boerne?“, fragte er also sanft nach.
„Kannst du mir was versprechen?“
Alles, was du willst, hätte Thiel am liebsten geantwortet. Aber das wäre nicht die Wahrheit. Das war etwas, das jemand wie Veronika zu ihrem Friedhelm sagen würde. Und sie würde es so meinen. Er und Boerne waren da anders. Das Vertrauen war da, die Unterstützung. Und die Liebe. Aber dafür verraten, wer sie waren, würden sie nicht; füreinander morden würden sie nicht.
„Was denn?“, fragte er also stattdessen zurück.
„Lass uns nicht so enden.“ Boerne musste das nicht weiter spezifizieren, Thiel wusste auch so, was er meinte.
„Niemals.“
„Und nenn mich bitte nie KF“, fügte Boerne nach einer kurzen Pause noch hinzu.
Thiel musste lachen, weil ihm das im Traum nicht eingefallen wäre, und er spürte, wie Boerne auch schmunzelte.
„Versprochen, Boerne.“
„Dann ist jetzt alles in Ordnung, Frank“, sagte Boerne. Diesmal klang er zufrieden. Und Thiel war es auch. Er hatte Boerne im Arm, in seinem Herzen sowieso, und der Rest würde sich schon irgendwie finden.
