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Erika Saphir und das verlorene Mädchen

Summary:

Mit einer überstürzten Rückkehr nach Hause beginnt die vielleicht schwerste Zeit in Erikas Leben. Nicht nur muss sie den Tod ihrer Mutter verarbeiten, sie macht sich auch Sorgen, dass ihr Vater sich nun etwas antun könnte und zu allem Überfluss wird kurz nach ihrer Rückkehr an die Silberstein-Akademie auch noch ihr Erzfeind Karl Rost zum örtlichen Polizeichef ernannt. Es erscheint wie ein Vorbote des Unheils, als dann ein verletzter Thestral an der Schule auftaucht, den aufgrund eines tragischen Ereignisses in Erikas Kindheit außer ihr kaum jemand an der Schule sehen kann. Sie findet Trost bei Eva, einem fantasievollen Mädchen aus dem Dorf, das sie beim verbotenen Herumstreifen im Wald trifft. Doch die unschuldige Liebelei entwickelt sich bald zur Bedrohung, denn Evas Familie sind Nichtmagier, und der Propaganda der Nazis keineswegs abgeneigt...

Notes:

Willkommen zum zweiten Teil der Reihe!

Für allgemeine Anmerkungen zur Reihe, lest bitte die Notes zum ersten Teil ("Erika Saphir und die blinde Seherin"). Ergänzend dazu:

Bezüglich Archive Warnings:
Neben der Graphic Depictions of Violence (die allerdings erst gegen Ende der Geschichte tatsächlich eintreten werden), wird an manchen Stellen ein Non-Con-Ereignis erwähnt. Dieses liegt jedoch in der Vergangenheit und war nicht erfolgreich. Eine entsprechende Warning wäre mir daher irreführend vorgekommen. Das Gleiche gilt für eine "Underage" Warnung. Es wird zwar an wenigen Stellen angedeutet, dass Minderjährige an sexuellen Tätigkeiten teilnehmen, aber es ist niemals explizit. Des Weiteren ist Suizid ein wiederkehrendes Thema, wird jedoch von keinem Charakter in der erzählerischen Gegenwart tatsächlich durchgeführt. Detaillierte Inhaltswarnungen zu jedem Kapitel findet ihr darüber hinaus in den End Notes des jeweiligen Kapitels.

Bezüglich Romantik:
Die Hauptfigur ist lesbisch, daher die F/F-Kategorie. Alle weiteren Beziehungen sind jedoch überwiegend heterosexuell. Insgesamt ist Romantik jedoch nicht das Hauptaugenmerk der Geschichte.

Chapter 1: Der Tanz mit dem Teufel - Teil 1

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

An einem kalten Frühlingstag schlich Sophie sich aus dem Eingang der luxuriösen Stuttgarter Stadtvilla. Sie war eine große, schwarzhaarige Fünfzehnjährige von ungewöhnlicher Schönheit. An diesem Tag versuchte sie allerdings, diese zu verbergen, indem sie weite Hosen und eine Lotsenmütze trug, denn möglichst niemand sollte sie erkennen. Ihre Eltern waren zu irgendeiner Festlichkeit eingeladen, der Verlobungsfeier des Sohnes eines ehemaligen Militärs und der Tochter eines Industriellen. Die Namen hatte Sophie schon wieder vergessen, entscheidend war für sie nur, dass der Anlass nicht wichtig genug war, um die Anwesenheit der ganzen Familie Goldmann zu erfordern, und dass beide nicht vor dem Abend zurück sein würden. Sie musste sich also nur vor der Haushälterin Irmgard in Acht nehmen, die derzeit damit beschäftigt war, das elterliche Schlafzimmer zu entstauben.

Sobald ihr die Flucht gelungen war, machte sie sich auf den Weg durch die schlammigen Straßen zum Treffpunkt, einem kleinen Park, wo sie ihren besten Freund Simon Appelhans an einen Laternenpfahl gelehnt vorfand. Simon war ein Jahr älter als sie. Er war ein schlaksiger Junge in einem schmutzigen, alten Hemd, der ebenfalls eine Arbeitermütze auf dem Kopf trug. Sein Vater war ein angesehener Arzt, den Sophies Vater auf irgendeinem Treffen des Stuttgarter Geldadels von der Art wie dem, auf dem er sich heute aufhielt, kennengelernt hatte. Anfangs hatte er Sophie und ihre Schwester Elsa noch dazu angeregt, Zeit mit Simon zu verbringen, er hatte wohl geglaubt, dass er später einmal eine gute Partie zum Heiraten für eine der beiden abgeben würde. Aber seit klar war, dass Simon mit sehr viel höherer Wahrscheinlichkeit im Zuchthaus als in einem medizinischen Hörsaal landen würde, hatte er Sophie den Kontakt untersagt. Doch natürlich fühlte sich Sophie seither erst recht zu ihm hingezogen.

„Grüß dich“, sagte er betont lässig und winkte ihr zu.

Sophie winkte ebenfalls und kam näher, woraufhin sie bemerkte, dass er ein blaues Auge und eine aufgeplatzte Lippe hatte. „Was ist passiert?“, fragte sie.

Simon zuckte mit den Schultern. „SA. Ich hab‘ einen von denen gefragt, ob sie, wenn sie mal eine Wahl gewinnen, vorhaben ihren Parteivorsitzenden durch jemanden ersetzen, der tatsächlich Deutscher ist.“

Sophie lachte und sah ihn bewundernd an. Dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg. Simon hatte einen kleinen Eimer öliger, schwarzer Farbe mitgebracht, also fuhren sie schwarz mit der Straßenbahn in ein Arbeiterviertel, wo sie sich auf die Suche nach Propagandaplakaten der Nationalsozialisten und Deutschnationalen machten, die sie verunstalten konnten. Während Simon sich vor allem auf obszöne Kritzeleien beschränkte, beschloss Sophie, die Urheber persönlicher zu treffen. Sie tunkte die bloßen Finger in die Farbe und schrieb „Schalom“, malte Davidssterne oder versah die Plakate mit Schimpfwörtern auf Hebräisch.

Sobald ihnen die Lust verging, suchten sie sich eine verlassene, heruntergekommene Kneipe. Sophie schmunzelte, setzte die Mütze ab und humpelte dann hinein, wobei sie mit jedem Schritt dramatisch aufschrie. Drinnen suchte sie sich einen möglichst abgelegenen Tisch, an dem sie übertrieben stöhnend zusammenbrach und das rechte Bein von sich streckte.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte der Wirt erschrocken und sprang auf, um zur Hilfe zu eilen.

„Nein“, klagte Sophie und musste sich ein Grinsen verkneifen. Stattdessen sagte sie quengelnd und zähneknirschend: „Ich glaube, ich habe mir den Knöchel gebrochen.“

Sie streckte das Bein noch etwas weiter von sich und schrie wieder dramatisch auf. Währenddessen schlich Simon sich unbemerkt in den Schankraum.

„Oh nein. Zeig‘ doch mal her“, sagte der Wirt, und Sophie machte extra langsam und geziert, unter viel Stöhnen und Quengeln, ihren Knöchel frei. Der Wirt war vollkommen abgelenkt und bekam nicht mit, wie Simon sich lautlos hinter die Bar stahl und einer goßen, halb gefüllten Schnapsflasche wieder dahinter hervor kam. Der Wirt drehte sich schließlich doch um, und sofort sprang Sophie quicklebendig auf und rannte ihm hinterher. Glücklicherweise trug sie Hosen, denn so konnte der Mann sich nicht an ihrem Rockzipfel festhalten und sie entkam mühelos. Der Wirt konnte nichts tun, außer vor Wut schäumend im Türrahmen stehen zu bleiben und zu rufen: „Ihr verfluchten Gören! Wartet’s nur ab, wenn ich rausfinde, wer eure Väter sind!“

Doch sie lachten nur und rannten weiter, bevor sie sich mit dem Schnaps in einer einsamen, schlammigen Gasse niederließen. Für beide wäre es kein Problem gewesen, den Wirt einfach zu bestechen, um ihnen den Alkohol zu verkaufen, doch sie waren sich einig, dass es so mehr Spaß machte. Schwer atmend lehnten sie sich an die schmutzige Wand.

„Du hast dich wieder einmal selbst übertroffen“, gluckste Simon.

„Das war doch gar nichts“, antwortete Sophie und nahm eine unterwürfige, hohe Stimme an, wobei sie geziert zu Boden schaute. „Du solltest mich einmal in der Rolle des braven, reichen Mädchens erleben.“

„Ich glaube, das will ich gar nicht“, scherzte Simon, entkorkte die Schnapsflasche und genehmigte sich einen großen Schluck. Dann gab er sie weiter an Sophie. „Aber ernsthaft, du bist richtig gut. Du solltest wirklich an die Schauspielschule gehen.“

„Schön wär’s“, sagte Sophie bitter und nahm ebenfalls einen Schluck der brennenden Flüssigkeit, den sie mühevoll herunterschluckte. „Aber dafür würde mein Vater nie bezahlen. Er wird wollen, dass ich mir einen tüchtigen Mann aus gutem, jüdischem Hause suche und dann Hausfrau für ihn spiele.“

„So wie mich?“, scherzte Simon.

Sophie sah ihn an. „Tut mir wirklich leid, dir das sagen zu müssen, aber ich glaube, du zählst spätestens nicht mehr, seit du seine fünfzehnjährige Tochter angestiftet hast, Schnaps zu stehlen.“

Eine Pause entstand, während der Simon eine Blechschachtel mit Zigaretten und ein paar Streichhölzer aus seinen Taschen holte, um sich eine anzustecken. „Möchtest du auch?“, bot er an.

„Spinnst du?“, entgegnete Sophie und nahm noch einen großen Schluck. „Mein Vater würde mich umbringen.“

„Und du meinst, er findet es besser, wenn du aus dem Mund wie eine ganze Brennerei riechst?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Der Fusel bleibt wenigstens nicht in meinen Haaren hängen.“

Sie unterhielten sich noch weiter über verschiedene Dinge, leerten die Flasche, lachten, sangen unanständige Lieder und Simon rauchte noch zwei Zigaretten. Schließlich fragte er: „Hast du Lust, ins Kino zu gehen?“

„Gute Idee. Wollen wir uns in die Wochenschau schleichen und Nazis auspfeifen?“

„Eigentlich habe ich daran gedacht, tatsächlich zu bezahlen. Und dass wir einen richtigen Film anschauen?“

Sophie sah ihn an, als sei es ein weiterer dummer Scherz. Aber es schien ihm ernst, also beschloss sie, ihn zu strafen, indem sie den kitschigsten Liebesfilm vorschlug, der ihr gerade einfiel, aber für dessen Hauptdarsteller sie eine Schwäche hatte. Sie fuhren daraufhin mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum, und suchten sich ein Kino. Und dort, genau während der ersten großen Kussszene zwischen den beiden Hauptdarstellern, geschah es: Sie sahen sich an, er lehnte sich zu ihr herüber und drückte seine Lippen auf ihre. Doch die Magie des Moments verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Er schmeckte nach Alkohol und Rauch, und er wusste offensichtlich nicht, was er tat, denn er versuchte komische Dinge mit seiner Zunge zu machen, obwohl ihr Mund geschlossen war. Als er zusätzlich auch noch vorsichtig nach ihrer Brust griff, drückte sie ihn weg. „Lass‘. Ich möchte den Film sehen“, log sie.

Er wirkte enttäuscht, ließ aber von ihr ab und startete für den Rest der Vorstellung keine weiteren Annäherungsversuche. Fast hoffte sie, sie könnten einfach weitermachen, als wäre nichts gewesen, aber draußen vor dem Kino kam er doch wieder darauf zu sprechen: „Wegen vorhin… es tut mir leid.“

Sophie missfiel das. Sie wollte, dass er wieder der schmutzige Junge war, mit dem sie Nazis verhöhnt und Wirte ausgetrickst hatte. Kein Ärztesohn, der sie in einen Liebesfilm einlud und sich hinterher entschuldigte, sie währenddessen geküsst zu haben. „Muss es nicht“, sagte sie. „Ich habe es auch gewollt… in dem Moment. Aber wir haben immer so viel Spaß zusammen. Ich möchte nicht, dass unsere Freundschaft darunter leidet.“

„Verstehe. Sag Bescheid‘, wenn deine Eltern mal wieder außer Haus sind.“

„Mach ich.“

Und so trennten sich ihre Wege. Das Hochgefühl, das sie in der schmutzigen Gasse mit dem gestohlenen Schnaps empfunden hatte, war fort, und einsam und angetrunken bezahlte sie die Straßenbahn, um nach Hause zu kommen. Ein eigenartiges Schuldgefühl packte sie, als sie plötzlich den Wunsch verspürte, er hätte sie dort geküsst: Inmitten von Schlamm, Ruß und kommunistischen Propagandaplakaten, wäre vielleicht sogar noch ein kleines bisschen weiter gegangen…

Als sie an der Villa ankam, hoffte sie inständig, sich heimlich in ihr Zimmer schleichen und sich dort einschließen zu können. Doch dieser Plan wurde von einem braunen Zwergspitz vereitelt, der im Flur auf sie zugerannt kam und wie verrückt kläffte.

„Hugo, nein!“, zischte sie und streichelte ihn eilig, in der Hoffnung, er würde dann das Maul halten. Doch es war zu spät: Auf dem Treppenabsatz stand bereits eine korpulente, rothaarige Frau mittleren Alters und sah mit einer übertriebenen Strenge zu ihr hinab, die vielleicht für den Umgang mit einer Fünfjährigen angemessen gewesen wäre. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und streckte den Zauberstab von sich.

„So, so. Sieh‘ an, wer sich auch wieder blicken lässt.“

„Tut mir leid“, brummte Sophie und starrte beharrlich auf den Perserteppich.

„Hast du dich wieder mit diesem Simon herumgetrieben?“

„Geht dich nichts an.“

„Nicht in diesem Tonfall!“, beschwerte sich Irmgard und ging zu ihr, um ihr tatsächlich in die Wange zu kneifen. „Und was ist das? Du riechst ja wie eine ganze Schnapsfabrik!“

Sophie murmelte noch eine trotzige Entschuldigung und versuchte, sich an ihr vorbei zu drücken. Sie hasste die Haushälterin, die sich immer aufführte, als sei Sophie ein ungezogenes Kleinkind. Doch wann immer sie sich deshalb bei Mutter beschwerte, sagte die, Irmgard würde sie nur bemuttern und sie solle sich nicht so anstellen.

„Kommt nicht in die Tüte!“, sagte die Haushälterin, und wedelte vor Sophies Nase mit dem Zauberstab. „Ich habe das Treppenhaus gerade sauber gemacht. Wenn du so verschmutzt in dein Zimmer gehst, kann ich gleich von vorne anfangen!“

„Du bist eine Hexe. Das kostet dich keine fünf Minuten.“

„Werd‘ mir nicht frech!“, entgegnete die Haushälterin. „Oder soll dein Vater erfahren, dass du Alkohol getrunken hast? Ab in die Waschküche mit dir, ich hole dir neue Sachen.“

Übellaunig ging Sophie also in den kleinen Raum unter der Treppe, wo sie darauf wartete, dass Irmgard ihr neue Kleidung brachte. Wenige Minuten später kam diese mit einem dunkelblauen Kleid wieder.

„Kannst du bitte rausgehen, damit ich mich umziehen kann?“

„Stell dich nicht so an!“, erwiderte Irmgard. „Ich bin auch nur eine Frau. Ich habe darunter nichts, was du nicht auch hast.“

Doch, einen Haufen Haare und Speckfalten, dachte Sophie böse, entfaltete aber das Kleid und stellte missmutig fest, dass darin auch frische Unterwäsche eingewickelt war. Irmgard schien also zu erwarten, dass sie sich vollständig entkleidete. Die Drohung im Hinterkopf tat sie dies auch, mit dem Gesicht zur Wand und so schnell und verdeckt wie sie konnte.

„Geht doch“, sagte Irmgard zufrieden, während Sophie ihr mit einem feindseligen Blick die schmutzige Wäsche reichte. „Jetzt siehst du fast wieder wie ein richtiges Mädchen aus. Und nun ab, in die Badewanne!“

„Willst du mir dabei auch zusehen?“

„Wenn du mir noch einmal frech wirst, werde ich dir den Hintern versohlen!“, drohte Irmgard, auch wenn beide genau wussten, dass Sophies Vater sie allein für den Versuch ohne Umschweife feuern würde. „Andererseits: Dein Vater wird gar nicht gerne hören, dass du dich immer noch mit Simon triffst.“

Sophie funkelte sie böse an. „Was willst du noch, bevor du mich endlich in Ruhe lässt?“

„Lass mich dich küssen.“

Sophie war wie zu Stein erstarrt, und ihr Zorn wich blanker Angst. „Auf den Mund?“

„Mach dich nicht lächerlich!“, antwortete Irmgard und ihr Zorn wirkte zum ersten Mal nicht gespielt. „Ich habe doch schon gesagt, dass du wie eine ganze Schnapsfabrik stinkst!“

„Na schön“, sagte Sophie voller Verachtung und hielt ihr eine Wange hin, auf die Irmgard kurzerhand einen unangenehm feuchten Schmatzer pflanzte.

„Du kannst ja doch gehorchen“, flötete sie anschließend. „Dann mal ab in dein Zimmer, meine Süße, bevor deine Eltern nach Hause kommen. Ich sage ihnen, du hättest Bauchweh.“

Sophie bedankte sich nicht, sondern ergriff schnellstmöglich die Flucht. Nachdem sie gebadet hatte (Irmgard ließ sich dabei glücklicherweise nicht „Aus Versehen“ blicken, um zu Putzen) und, noch immer vor Zorn rauchend, in ihrem Bett lag, beschloss sie, dass es Zeit war, zurückzuschlagen. Sollte ihr Vater doch ruhig erfahren, dass sie Zeit mit Simon verbracht und vollkommen verschmutzt nach Hause zurückgekehrt war, und es ihr daraufhin verbieten. Ihre Freundschaft neigte sich wohl ohnehin dem Ende zu, dachte sie traurig und drehte sich auf die Seite. Denn da machte sie sich keine Illusionen, früher oder später würde er sie wieder küssen wollen, und dann würde er sich nicht mehr mit einer halbherzigen Ausrede abspeisen lassen.

Am nächsten Morgen erzählte sie ihrem Vater alles, was Irmgard am Tag zuvor von ihr verlangt hatte. Sie hatte erwartet, er würde sie lautstark zur Schnecke machen, ihr sagen, sie solle ihren Platz in diesem Haus kennen und so weiter. Doch die Realität übertraf dies bei weitem. Schnaufend wie ein wütendes Nilpferd rauschte ihr Vater nach unten in die Waschküche, wo er Irmgard sang- und klanglos feuerte und ihr befahl, sich seiner Tochter nie mehr zu nähern, und falls doch, würde er die Polizei rufen. Sophie bestaunte ihr Werk dabei unbemerkt von der obersten Treppenstufe. Zu ihrer eigenen Überraschung stellte sie fest, dass es ihr kein bisschen leid tat.

 

Fast genau zwei Jahre vergingen, in denen sich die politische Situation im Land stetig verschlechterte. Schließlich hatten die Nationalsozialisten es doch geschafft, den Reichskanzler zu stellen, und nein, er wurde nicht durch einen tatsächlichen Deutschen ersetzt. Und auch, wenn Werner Goldmann klug genug war, dies nicht an die Öffentlichkeit zu tragen, zu Hause schimpfte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit über den „österreichischen Gefreiten“, der es sich im Reichstag häuslich einrichtete. Aus Protest hatte er sich sogar den Zweifingerbart abrasiert, um jede Ähnlichkeit zum selbsternannten „Führer“ zu eliminieren. Unterdessen hatte er Irmgard durch zwei nichtmagische Haushaltshilfen ersetzt. Die Ehefrau eines Zauberers als Köchin, der es verboten wurde, sich außerhalb der Küche aufzuhalten, und ein blondes Mädchen in Sophies Alter, Charlotte, als Dienstmädchen. Einer von deren Brüdern hatte ebenfalls magische Kräfte, weshalb sie als Eingeweihte galt und im Hause Goldmann arbeiten durfte. Werner hatte ihr eingeschärft, seine Tochter „Fräulein Sophie“ zu nennen und sich auf Distanz zu ihr zu halten. Doch dies war Sophie eine willkommene Gelegenheit gewesen, ihre Geheimfreundschaft stattdessen mit ihr zu unterhalten, weshalb sie Simon seither kaum noch gesehen hatte. Unter Vorwänden wie, dass Sophie sich nach Gesellschaft sehne oder jemanden zum Tragen der Einkäufe brauchte, waren sie daher oft gemeinsam in der Stadt unterwegs, gingen ins Kino oder bummelten durch die Kaufhäuser. Doch heute war das Wetter dazu zu schlecht, weshalb die ganze Familie sich in der Stube versammelt hatte. Ihr Vater saß in seinem großen Ohrensessel, rauchte Pfeife und las Zeitung, während Sophie zusammen mit ihrer Mutter Amanda und Charlotte an einem Tisch saß. Selbst Sophies verstorbene Zwillingsschwester Elsa war gewissermaßen anwesend, in Gestalt eines magischen Porträts mit vergoldetem Rahmen über dem Kamin. Es zeigte sie im Alter von zwölf Jahren, wie sie mit Hugo spielt, während der leibhaftige Hugo sich müde und in die Jahre gekommen auf dem Kaminvorleger zusammengerollt hatte. Sophie war furchtbar langweilig. Ihre Mutter versuchte, sie in Stickereien zu unterweisen, doch sie hatte für derlei Hausfrauendinge immer noch nicht das Geringste übrig. Sie sehnte sich danach, zurück an die Blocksberg-Akademie zu gehen und vor allem danach, wieder auf ihrem fliegenden Besen zu sitzen. Doch daran war in einer so großen Stadt wie Stuttgart natürlich nicht zu denken.

Auf einmal ertönte von unten, gerade noch vernehmbar, die Türklingel. Deutlich vernehmbar war jedoch Hugos Kläffen, als dieser aufsprang und aufgeregt in den Flur eilte. „Charlotte“, sagte Amanda herrisch. „Bitte öffne die Tür.“

„Ja, Frau Goldmann“, erwiderte das Dienstmädchen und erhob sich, um den Auftrag auszuführen. Sie verschwand auf der Treppe, während es unten noch einmal gegen die Tür hämmerte.

„Polizei! Bitte öffnen Sie die Tür!“, drang eine gedämpfte Stimme dahinter hervor. Sophie ließ sofort ihre halbherzige Stickerei fallen und blickte über die Schulter, um ängstlich in den Flur zu starren. Unterdessen befolgte Charlotte den Befehl und nun drang deutlich die Stimme eines Mannes an ihre Ohren: „Kommissar Landau. Bitte führen Sie mich zu Feldmarschall Werner Goldmann.“

„Jawohl, Herr Kommissar“, entgegnete Charlotte eingeschüchtert. „Hier entlang.“

Unterdessen warf Sophies Mutter ihrem Mann einen panischen Blick zu und machte eine Geste in Richtung des Kamins, als wolle sie ihn auffordern, sofort mit Flohpulver abzureisen. Doch er faltete nur die Zeitung zusammen und schüttelte den Kopf. „Elsa, bitte halte still“, forderte er das gemalte Mädchen auf, das sofort zusammen mit dem Hund erstarrte und nun nicht anders aussah als ein gewöhnliches Gemälde.

Wenige Sekunden später betrat das Dienstmädchen wieder die Stube, begleitet von zwei Männern. Kommissar Landau, der gesprochen hatte, war ein großer Mann mittleren Alters mit einem Zwirbelschnurrbart und in voller Polizeimontur. Sein Begleiter war ein Hilfspolizist von der SA; ein pickliger, junger Bursche, der kaum zwanzig Jahre alt sein konnte.

„Heil Deutschland!“, rief er und streckte den rechten Arm nach oben, womit er sich einen missbilligenden Blick des Hausherrn einfing.

Auch Landau spreizte kurz den rechten Unterarm ab, beließ es jedoch dabei. Aus der Familie erwiderte keiner den Gruß auch nur ansatzweise. Doch dies schien Landau, anders als den SA-Mann, nicht weiter zu stören. „Bitte verzeihen Sie die nassen Uniformen“, sagte er höflich zu Sophies Mutter, bevor er sich an deren Mann wandte: „Feldmarschall Werner Goldmann?“

„Jawohl“, antwortete der und erhob sich aus seinem Sessel.

Kommissar Landau verbeugte sich kurz. „Es tut mir sehr leid, aber ich habe Befehl, Sie auf die Wache mitzunehmen.“

„Ich wurde vor über zehn Jahren freigesprochen“, entgegnete Werner Goldmann würdevoll und tatsächlich schien der Polizeikommissar vor ihm ein Stück weit zu schrumpfen.

„Der Prozess wurde wieder aufgenommen. Befehl aus Berlin“, antwortete er entschuldigend.

„Ist das eine Festnahme?“

„Ich fürchte ja, Herr Feldmarschall. Reine Formsache, vermute ich, aber wir müssen sie mitnehmen.“

Das Braunhemd stand während des Gesprächs breitbeinig im Türrahmen, wie um die Familie an der Flucht zu hindern. Er hatte die Arme in militärischer Manier hinter dem Rücken verschränkt, doch sein Blick wanderte begierig durch die Stube. Über die auf Hochglanz polierten antiken Holzmöbel, das Klavier, die Perserteppiche, die fernöstlichen Porzellanvasen. Schließlich fanden seine Augen Sophie, die seine Begierde noch mehr zu wecken schien als all der zur Schau gestellte Reichtum im Zimmer. Als sie seinen Blick jedoch auffing, steckte sie so viel Verachtung hinein, wie ihr nur möglich war.

„Nun gut“, sagte ihr Vater unterdessen widerwillig, aber nicht verängstigt. „Ich werde mit Ihnen kommen.“

Auf einmal sprang Amanda auf. „Werner, nein!“, rief sie mit einem vielsagenden Blick. „Das musst du nicht tun!“

„Doch, das muss ich“, entgegnete er. „Ich habe die Richter einmal von meiner Unschuld überzeugt, und das werde ich wieder tun.“

„Diesmal ist es anders!“

Doch Werner schüttelte unbeirrt den Kopf. „Das Vaterland wird mir verzeihen.“

 

Wind pfiff ihr durch die Haare, während Sophie sich an ihren Besen klammerte. Zusammen mit den anderen Kunstfliegerinnen der Blocksberg-Akademie übte sie im Schutz der Dämmerung auf einer abgeschiedenen Waldlichtung im Harz für ihre große Vorführung zu Beginn des nächsten Schuljahres. Um dem Spektakel noch mehr Schauwert zu verleihen waren sie alle besonders hübsche Mädchen aus den oberen Jahrgängen. Gerade übten sie eine Figur, bei der sie zwei Gruppen bildeten, die übereinander gegenläufig schnelle Kreise flogen. Dabei trugen sie alle eine magische Leuchtfackel in einer anderen Farbe und warfen sie sich gegenseitig kreuz und quer zu. Aus der Luft betrachtet sollte es später aussehen, als würden die Funkenschweife ein Pentagramm bilden. Sophie flog gerade im unteren Kreis, doch war sie in Gedanken versunken, also sah sie die grüne Fackel, die von oben links auf sie zugeflogen kam, zu spät. Sie streckte noch den Arm aus, doch die Fackel flog vorbei und landete funkensprühend auf dem Erdboden.

„Weitermachen!“, kommandierte Luise Wolfram, die Vortänzerin, während Sophie davonflog, um ihre Fackel wieder aufzusammeln. Sie flog im oberen Kreis und hielt eisern die Position während sie sprach, und eine orangerote Fackel rotierend nach unten schleuderte. Unterdessen reihte Sophie sich wieder ein und kurz darauf setzten sie und Luise an, ein anderes Kunststück zu üben. Sie zückten ihre Zauberstäbe und ließen Funken daraus sprühen, Sophie hellblaue, Luise rosafarbene. Sie flogen aufeinander zu und dann, kurz bevor sie einander krachen würden, rissen sie ihre Besen herum, sodass sie, kaum einen Meter voneinander entfernt, eng an die Besen geschmiegt senkrecht nach oben schossen. Eigentlich sollten sie perfekt synchron fliegen und dabei Spiralen umeinander drehen, um anschließend im Scheitelpunkt in Halbschleifen zurück zum Boden zu fliegen, sodass ihre Funkenschweife eine Herzform bildeten. Doch Sophie war zu voreilig und flog Luise davon, die ein paar Meter zurück fiel.

„Auszeit!“, brüllte sie in Richtung der anderen Mädchen, und rief dann Sophie zu: „Komm mit, wir müssen reden.“

Widerwillig folgte Sophie ihr in Richtung Boden, wo sie gekonnt landeten und von ihren Besen stiegen. Wie Sophie war Luise eine klassische Schönheit, jedoch hatte sie blonde Locken und war insgesamt um einiges graziler gebaut. Gemeinhin galten beide als die hübschesten Mädchen der Schule, was wohl auch der Grund war, weshalb sie bei den Kunstfliegerinnen auffällige Manöver wie das eben versuchte Funkenherz fliegen durften. Oder eher mussten, dachte Sophie missmutig, denn sie konnte Luise nicht ausstehen.

Die blickte gereizt und legte die Hand, die keinen Besen hielt, an die Hüfte. „Was ist los mit dir?“, fragte sie. „Ich sage das nicht gern, aber seit Beginn des Schuljahres fliegst du wirklich miserabel.“

Als ob, dachte Sophie bitter, denn sie wusste, dass Luise sie genau so wenig leiden konnte. „Na und? Ich habe eben im Moment andere Dinge im Kopf“, sagte sie, was vollkommen stimmte. Doch Luise wusste nichts von der Festnahme von Sophies Eltern und die würde einen Teufel tun, es ihr zu verraten.

„Deine Ausreden kannst du dir sparen“, entgegnete sie kalt. „Wenn du dich nicht allmählich zusammenreißt, werde ich dich ersetzen müssen.“

Das hättest du wohl gerne, dachte Sophie und erwiderte feindselig: „Und wenn schon! Ist doch ohnehin mein letztes Jahr.“

Luise rümpfte die Nase. „Du weißt genauso gut wie ich, dass wir nächstes Jahr in der Walpurgisnacht noch einmal auftreten müssen.“

Sophie hatte hingegen ihre voll davon, von dieser arroganten Porzellanpuppe zurechtgewiesen zu werden. „Ist mir doch egal! Ich wäre überhaupt nicht hier, wenn ich nicht…“

Luise lachte spöttisch. „Aus der Quidditchmannschaft geflogen wärst?“

Sophie knirschte mit den Zähnen. Die ehrliche Antwort war ja, doch natürlich würde sie eher sterben, als es Luise gegenüber zuzugeben. Tatsächlich war sie immer noch zornig deswegen. Zu Beginn ihres fünften Jahres hatte der Fluglehrer Herr Steinhaus ihr unvermittelt mitgeteilt, dass sie auf ihrer Position als Jägerin in der Schulmannschaft ersetzt worden war. Angeblich, weil er ein besseres Talent gefunden hätte, doch Sophie hatte immer ihren Vater verdächtigt, dahinter zu stecken. Er hatte ihre Mitgliedschaft in der Mannschaft nie geschätzt, weil das Qudditchspiel seiner Ansicht nach eine „männische“ Tätigkeit war. Stattdessen hatte er immer versucht, sie dazu zu überreden, zu den Kunstfliegerinnen zu gehen, wenn sie das Fliegen schon nicht ganz an den Nagel hängen wollte. Und als ehemaliger Abgänger und Feldmarschall genoss er an der militaristischen Akademie hohes Ansehen und Einfluss. Oder hatte es zumindest getan, bevor sie ihn festgenommen hatten. Beseelt von diesen bitteren Gedanken spürte Sophie plötzlich das heftige Verlangen, ihren Zauberstab zu ziehen und Luise so lange zu verfluchen, bis diese nicht mehr laufen konnte, geschweige denn Kunststücke fliegen.

Doch die Stimmung änderte sich schlagartig, als der leibhaftige Oskar Steinhaus aus dem Schatten der Bäume die Lichtung betrat. Sofort beendeten Sophie und Luise ihre kindische Kabbelei. Sie drehten sich dem Neuankömmling zu, standen still und salutierten.

„Rühren“, forderte der Lehrer sie auf und beide Mädchen nahmen wieder eine natürliche Haltung ein. Er war ein großer Mann mit einem markanten Kinn, schulterlangen, braunen Haaren und durchdringenden, blauen Augen. Sofort wurde Sophie rot. Viele Jungen hatten schon ihre Aufmerksamkeit gebuhlt, vor und nach Simon, doch hatte sie sie wie diesen stets abblitzen lassen. Denn in Wahrheit gehörte ihr Herz schon seit einigen Monaten dem gutaussehenden Lehrer.

„Ich bin froh, dass ihr schon auf dem Boden seid“, sagte er mit tiefer, kräftiger Stimme. Dann sagte er an Luise gewandt: „Bitte geh zurück zu den anderen. Ich muss mit Sophie allein sprechen.“

„Warum?“, entgegnete Luise mit kaum verhohlener Eifersucht.

Doch Steinhaus antwortete mit harscher Stimme: „Das ist ein Befehl!“

Luise blickte aufmüpfig zwischen den beiden hin und her, doch sie wagte es nicht, Einspruch zu erheben. „Jawohl“, sagte sie, die Stimme erstickt in unterdrücktem Zorn.

„Wegtreten“, befahl Steinhaus nun, woraufhin Luise sich kurz verneigte und sich dann zurück auf ihren Besen schwang, um wieder zu den anderen zu fliegen, die die Übung die ganze Zeit über fortgesetzt hatten.

Entzückt beobachtete Sophie, wie sie, besessen von Neid, immer wieder zu ihr und Steinhaus blickte und dabei selbst einige Manöver verpatzte. Doch ihre Hochstimmung schwand sofort, als Sophie sich dem Lehrer zuwandte und in sein angespanntes Gesicht blickte.

„Was ist passiert?“, fragte sie mulmig.

„Deine Eltern wurden verurteilt“, erklärte Steinhaus und bestätigte damit ihre schlimmste Befürchtung.

„Wozu?“, fragte sie kleinlaut.

Steinhaus atmete tief durch. Dann sagte er: „Die Anklage lautete Hochverrat und Unterstützung der jüdischen Verschwörung zur Zerstörung des Vaterlandes.“

Sophie wurde blass. Ungläubig starrte sie den Lehrer an. „Das lassen die Leute nicht geschehen.“

„Es ist bereits geschehen“, erwiderte Steinhaus bedauernd. „Das Urteil ist Tod durch den Strick.“

Tränen flossen Sophies Wangen hinunter. „Nein…“, sagte sie unbeherrscht. „Das ist… was machen wir jetzt?“

„Der Rat hat beschlossen, einen Niffler in seine Zelle zu schicken. Der wird mit ihm über die weiteren Schritte beraten.“

Sophie schüttelte den Kopf in dem Versuch, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. „Und Mutter?“, fragte sie.

„Wurde der Mitwisserschaft bezichtigt. Zehn Jahre Zuchthaus.“

Fassungslos begrub Sophie das Gesicht in den Händen und fing stumm an, zu weinen.

„Es tut mir wirklich leid“, sagte Steinhaus aufrichtig. Und in diesem Moment war es Sophie egal, dass Luise und die anderen Mädchen zusehen konnten. Sie breitete die Arme aus und wollte sie um ihren Lehrer schlingen. Doch der packte sie fest bei der Schulter.

„Lass das. Nicht jetzt, nicht hier“, forderte Steinhaus sie auf, doch als er sah, wie mitgenommen sie war, fügte er hinzu: „Komm‘ heute um Mitternacht in mein Büro. Dann können wir ungestört reden.“

 

Also schlich Sophie um Mitternacht durch die fackelbeschienenen Gänge der Blocksberg-Akademie. Die ganze Schule war unterirdisch gebaut. Zwar hatten einige der wichtigeren Räume magische Fenster, die vortäuschten, in einem normalen Bauwerk zu sein, doch die langen Korridore mit ihren uralten Steinwänden und hölzernen Stützbalken machten immerzu den düsteren Eindruck von ungewöhnlich geräumigen und luxuriösen Minenstollen. Angespannt klopfte sie an eine der zahlreichen alten Türen, die in die Wände eingelassen waren. Sie schwang stumm auf und Sophie trat in das schummrige Büro, das von einem Kerzenleuchter beschienen wurde, der auf dem großen Schreibtisch stand. Dahinter saß Steinhaus, nur gekleidet in Hemd und Hose, und brütete vor einem Stapel Pergamente. In einer Hand hielt er einen Habichtsfederkiel, neben der anderen stand ein Glas mit dunkler Flüssigkeit.

„Sie wollten mit mir sprechen?“, sagte Sophie verunsichert, sobald sie die Tür wieder hinter sich geschlossen hatte, und stellte sich mit gefalteten Händen und gesenktem Kopf demütig vor den Schreibtisch. Sie wusste nicht, was die angemessene Etikette war, denn sie hatte keinerlei Vorstellung, welcher Natur dieses Treffen war.

Steinhaus legte sofort die Feder nieder und sah zu ihr auf. „Du kannst ausnahmsweise du zu mir sagen“, meinte er freundschaftlich. „Heute Nacht bin ich nicht dein Lehrer.“

Sophies Herz machte einen Hüpfer und sie sah ihm in die Augen. „Sondern?“

Steinhaus seufzte, stand auf, nahm Glas und Zauberstab vom Schreibtisch und ging hinüber zu einem deckenhohen Regal, das neben einer weiteren schweren Holztür stand. Dort nahm er eine halbvolle Flasche mit Weinbrand von einem der Bretter und schenkte sich nach. „Ein Vertrauter. Und ich fürchte, der Überbringer schlechter Nachrichten. Komm‘ mit.“

Sophie schluckte, während Steinhaus die Tür neben dem Bücherregal öffnete. Mit rasendem Herzen folgte sie ihm und sie betraten seine Schlafkammer, wo der Lehrer seinen Zauberstab auf einen Nachttisch neben dem Bett richtete, woraufhin die Öllampe darauf das Zimmer in Licht tauchte.

„Setz dich“, forderte er sie auf. Es gab keine andere Sitzmöglichkeit, also nahm sie auf dem Bett Platz, doch so richtig begreifen tat sie es nicht. Alles kam ihr unwirklich vor. Und doch setzte sich Steinhaus jetzt schwermütig neben sie und nahm einen Schluck Weinbrand. „Möchtest du auch?“, fragte er anschließend und hielt ihr das Glas hin.

„Ich weiß nicht…“, zögerte Sophie, das Glas anstarrend. Hier mit dem Lehrer in seiner Schlafkammer zu sitzen war etwas ganz anderes als mit Simon in einer schmutzigen Gasse.

„Keine Sorge.“, sagte Steinhaus. „Wir brechen gerade ohnehin schon sämtliche Regeln.“

Er setzte ein halbherziges Lächeln auf. Sophie erwiderte es schwach, nahm das Glas entgegen und hob es ans Kinn, um etwas von der brennenden Flüssigkeit zu trinken. „Was ist passiert?“, fragte sie anschließend.

Sofort wurde der Lehrer wieder ernst und fasste sich mit der Hand an die Stirn. „Es ist schwer, dir das so sagen“, fing er an. „Aber früher oder später musst du es ohnehin erfahren.“ Er seufzte schwer, dann rückte er endlich mit der Sprache heraus: „Heute Nachmittag hat ein Niffler deinen Vater in seiner Zelle besucht. Er hat sich entschieden, das Urteil zu akzeptieren.“

„Es zu… akzeptieren?“, wiederholte Sophie, für die diese Worte überhaupt keinen Sinn ergaben. „Aber heißt das nicht…“

Steinhaus nickte bedauernd. „Er wird sich hinrichten lassen. Er hat dem Rat verboten, zu intervenieren.“

Sophie war fassungslos. Sie wollte weinen, denn sie hatte das Gefühl, dies sei die angemessene Reaktion, doch in Wahrheit fühlte sie etwas ganz anderes. Einen alles verzehrenden, blanken Zorn.

„Das kann er doch nicht tun!“, brauste sie auf. „Was ist mit Mutter? Was ist mit mir?“

„Du hast ja Recht…“, versuchte Steinhaus, sie zu beschwichtigen und legte eine Hand auf ihren unter dem schwarzen Schulumhang verborgenen Oberschenkel. Doch vor lauter Wut bemerkte sie es gar nicht.

„Aber wir sind doch Zauberer, verdammt!“, fuhr sie fort. „Wir können ihn da doch ohne weiteres rauszaubern!“

„So einfach ist das nicht. Das Urteil steht morgen in allen Zeitungen. Es wäre ein gewaltiger Haufen Arbeit, es zu revidieren. Und eine große Bedrohung für das internationale Geheimhaltungsabkommen.“

„Das vermaledeite Geheimhaltungsabkommen ist mir egal!“, entfuhr es daraufhin Sophie und nun schwammen ihre Augen doch in Tränen. „Es ist falsch! Er ist hat nichts Unrechtes getan!“

„Ich weiß…“, antwortete Steinhaus mitfühlend und kam ihr noch näher. Er legte einen Arm um ihren Rücken und berührte mit der anderen Hand ihr Knie. „Ich teile deine Bedenken. Aber urteilte nicht zu hart mit ihm. Du weißt, wer die eigentlich Schuldigen sind.“

Sophie hickste. „Die Nazis“, sagte sie bitter. Dann, auf einmal, wurde ihr bewusst, was sie hier taten. Sie lag in Herrn Steinhaus‘ Armen, auf seinem Bett. Jahrelang hatte sie davon geträumt und doch kam es ihr jetzt, wo sie es tatsächlich tat, falsch vor. Aber sie hatte Angst, den Moment zu verderben, also sagte sie nichts weiter.

„Ganz genau. Ich fürchte zwar, es ist zu spät, deinen Vater zu retten. Aber du kannst ihn immer noch rächen.“

Sophie schaute ihm erschrocken in die tiefen, blauen Augen. „Was meinen Sie… ich meine, was meinst du damit?“

Steinhaus löste sich von ihr und zögerte. Schließlich sagte er: „Sophie, ich werde dir jetzt etwas zeigen. Aber du darfst niemandem je davon erzählen, in Ordnung?“

„Na- natürlich…“, stammelte sie und starrte ihn erschrocken an. „Was ist es?“

Doch Steinhaus stellte nur das Glas mit dem Weinbrand auf dem Nachttisch ab und kam dann wieder näher, um zu zischen und ihr sanft einen Zeigefinger auf die Lippen zu legen. „Das wird unser kleines Geheimnis sein, ja?“, flüsterte er ihr ins Ohr und ihre Nackenhaare sträubten sich, während sie beobachtete, wie er langsam anfing, die Knöpfe seines Hemdes zu lösen.

Das passierte nicht wirklich, dachte sie verzweifelt. Das konnte nicht sein. Doch es war wirklich, und Steinhaus enthüllte nach und nach seinen kräftigen Oberkörper, bis das Hemd vollständig geöffnet war und er es beiseite schob. Und dann sah Sophie es: Es schwarzes Zeichen, wie eine Tätowierung, die auf seiner linken Brust prangte, direkt oberhalb des Herzens: Ein nach unten geöffnetes Dreieck, in der Mitte von einer Linie geteilt, an deren Ende ein Kreis hing.

„Was ist das?“

„Das Zeichen der Akolythen“, antwortete Steinhaus. „Der Anhänger Grindelwalds.“

„Gr… Grindelwald?“, wiederholt Sophie verwirrt. „Bist du etwa?“

Er nickte. „Grindelwald hat die Antworten. Er will genau das, worüber wie gerade geredet haben: Das Geheimhaltungsabkommen stürzen, damit wir Zauberer über die Nichtmagier herrschen können, um all diese Gräueltaten für immer zu verhindern!“

„Aber Grindelwald ist böse!“, erwiderte Sophie. Sie fühlte sich betrogen und benutzt. Sie wollte, dass er sie losließ, die Hand von ihrem Knie nahm, doch er machte keine Anstalten dazu. „Er hat einen Haufen Leute getötet!“

„Das alles geschieht nur für das größere Wohl“, antwortete er. „Dein Vater ist nur der erste von Vielen. Sie werden dein ganzes Volk ausrotten, wenn sie können. Verstehst du das nicht? Aber es kann verhindert werden. Du kannst helfen, es zu verhindern!“

Doch Sophie schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte sie und starrte wieder ihre Hände an. „Ich möchte nichts damit zu tun haben.“

Steinhaus seufzte und lockerte seinen Griff ein wenig. Endlich nahm er die Hand von ihrem Knie, wenn auch nur, um das Glas mit Weinbrand vom Nachttisch aufzuheben und auszutrinken. „Ich verstehe. Aber du hast mir ein Versprechen gegeben, weißt du noch? Niemand wird hiervon erfahren.“

Sophie zögerte. Es kam ihr wie ein Fehler vor, diese Verbindung an niemanden zu verraten. Aber sie hatte Angst, was er tun würde, wenn sie es tat. „Hast du Menschen für ihn getötet?“, fragte sie, um ihr eigenes Gewissen zu beruhigen.

Steinhaus griff nach ihrem Kinn und führte ihren Kopf wieder sanft in seine Richtung, sodass sie gezwungen war, ihm tief in die Augen zu schauen. „Nein“, vergewisserte er. „Nichts dergleichen. Also, habe ich dein Wort?“

Sie schloss die feuchten Augen. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Ihr Lehrer hatte sich soeben als Anhänger des gefährlichsten schwarzen Magiers aller Zeiten bekannt, und doch hatte sie Angst, ihn zu verlieren… Also nickte sie nach langem Zögern und murmelte: „Ja.“

Steinhaus lächelte anerkennend und dann tat er etwas Unerwartetes: Mit der Hand an ihrem Kinn bewegte er ihren Kopf noch etwas weiter nach oben, dann beugte er sich vor und küsste sie direkt auf den Mund. Sofort war ihr klar, dass er im Gegensatz zu Simon wusste, was er tat.

Notes:

Inhaltswarnungen:
- Schilderung von sexuell übergriffigem Verhalten (mild) an einer Minderjährigen (15).
- Erwähnung/Thematisierung von Todesstrafe durch Erhängen (implizit).
- Darstellung einer romantischen Interaktion zwischen einem Erwachsenen und einer Minderjährigen (17).