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Erika Saphir und die befreiten Geister

Summary:

Im Jahr 1938 braut sich ein Sturm im magischen Deutschland zusammen. Der nationalsozialistische Terror weitet sich inner- und außerhalb des Reichs aus, gleichzeitig schmiedet Grindelwald neue Ränke, um in der Zaubererwelt die Macht an sich zu reißen. Für Erika ist unterdessen ein neuer Tag angebrochen. Von den Reichsmagiern verfolgt taucht ihr Schwarm Johanna an der Silberstein-Akademie unter und bald bauen sie sich ihr eigenes kleines Paradies inmitten der Nazi-Hölle auf. Aber in manchen Menschen fördert die Liebe das Beste zu Tage, in anderen das Schlimmste. Und zu welchem Schlag Erika gehört, muss sich erst noch zeigen.

Notes:

Willkommen zum dritten Teil der Reihe!

Für allgemeine Anmerkungen zur Reihe, lest bitte die Notes zum ersten Teil ("Erika Saphir und die blinde Seherin").

Inhaltswarnungen zu jedem Kapitel, falls vorhanden, findet ihr wie zuvor in den End Notes jedes Kapitels.

Chapter 1: Zurück ins Licht

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

Hakenkreuze über Wien. Zwei gigantische Banner am Naschmarkt verkündeten den vor wenigen Tagen vollzogenen Machtwechsel. Mahnmäler der Schande und der Schwäche, denn sie hingen nicht von zerbombten Ruinen, sondern von intakten Prachtbauen. Das österreichische Volk hatte wieder einmal bewiesen, wie erbärmlich es war. Deutschlands Schoßhündchen hatte das neue Herrchen schwanzwedelnd willkommen geheißen, auch wenn es ein Faschist war. Aber derlei Dinge kümmerten Grindelwald schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Er hatte längst begriffen, dass seine Feinde sich nicht an Flaggen oder Uniformen festmachen ließen. Es war das Wesen der Muggel selbst, das er verachtete. Wie sie sich in ihrer inkompetenten Selbstüberschätzung hinter imaginären Grenzen einmauerten. Diese verteidigten, indem sie Kriege führten, sie verloren und dann die Schuld bei anderen suchten. Im Grunde waren die Nationalsozialisten sogar ganz nützlich. Wie die Faschisten, die Sowjets, wie sie sich auch sonst nannten. Sie alle trieben immer mehr Hexen und Zauberer auf der ganzen Welt in seine Arme. Auch er machte sich das Wesen der Menschen zu eigen. Ob vor zehntausend Jahren ein Höhlenmensch von einer Steinaxt erschlagen oder ein Soldat in einem Schützengraben von einer Handgranate zerfetzt wurde, dahinter steckte das gleiche. Hass war die einzige Waffe, die der Mensch je gehabt und je gebraucht hatte.

Gelassen schlenderte er durch die breiten Straßen seines Geburtsorts, die gleichzeitig fremd und vertraut waren. Er war nicht getarnt, warum sollte er auch? Für die Muggel war er nur ein alter Mann mit einem exzentrischen Haarschnitt. Und was sollte ein Zauberer tun, der zufällig zugegen wäre? Wenn er schlau wäre, würde er sehen, dass er wegkam und so tun, als sei er nur ein weiterer Muggel. Wenn er dumm wäre, würde er sterben. Doch die Menschen um ihn herum waren geradezu beschämend gelassen. Sie spazierten über den Markt und sahen sich die Waren an, als wären sie nicht soeben das erste Opfer einer Bewegung geworden, die ganz Europa in den Ruin treiben würde. Hier und da sah man Wehrmachtssoldaten und SS-Männer, die Kontrollen und Verhaftungen durchführten, in den Seitengassen der Arbeiterviertel lieferten sie sich noch immer Straßenschlachten mit den Kommunisten. Doch das waren nur kleine Makel der friedlichen Annexion der sie alle Zeuge geworden waren.

„Bisd du a Weib, oda wos?“

Ein junger SS-Mann mit bayrischem Akzent war auf ihn aufmerksam geworden. Grindelwald schaute ihn voller Verachtung an. „Also ist es die Länge meines Haares, die mich zum Mann macht?“

„Wos moanst du?“

„Ich lasse mir von Marionetten nichts vorschreiben.“

Der SS-Mann plusterte sich auf und schien sich zum Gewalteinsatz bereit zu machen. „Woin Sie des Vodaland beleidign? I bin koa Marionette.“

„Ach wirklich?“, sagte Grindelwald kalt. Blitzschnell hatte er den Elderstab in seinem Ärmel gezückt und den Mann mit dem Imperius-Fluch belegt. „Warum benimmst du dich dann wie eine?“

Der Beamte machte diffuse Bewegungen mit seinen Armen und anschließend ein paar Kniebeugen. Um sie herum fingen Leute an, sich zu ihnen umzudrehen. Mal besorgt, mal belustigt. Schließlich ließ er ihn seine Hakenkreuzarmbinde abstreifen und sich in den Mund stopfen, bevor er ihn vom Fluch befreite. Völlig verdattert und sich panisch umsehend nahm er den Stoff sofort wieder aus dem Mund und streifte sich die Armbinde beschämt wieder über. Dann fragte er verängstigt: „Wos san Sie?“

„Jemand, den du besser meiden solltest.“

Der Nazi sah ihn nur weiter furchtsam an.

„Troll dich.“

Der Beamte ließ es sich nicht zweimal sagen und eilte zügig von dannen, wobei ihm einige neugierige Passanten hinterher sahen. Mit einem Mal hatte auch Grindelwald es eilig. Wenn sich sein kleiner Spaß herumsprechen sollte, bestand doch die vage Gefahr, dass das eine oder andere Zaubereiministerium davon Wind bekam, und das könnte zu unnötigen Komplikationen führen. Also verließ er den Markt und ging zurück auf die vertrauten Straßen, wobei er unweigerlich an seinen schicksalsreichsten Besuch der Stadt zurückdenken musste, damals, vor fast genau vierzig Jahren.

*

Der Gestank war kaum auszuhalten. Der Untergrund erstickte in Schlamm und Pferdemist, die immergleichen, vierstöckigen Fassaden der Mietskasernen waren rußgeschwärzt und tauchten die engen Gassen in ewige Dunkelheit. Hinter ihnen, am Horizont, ragten die Schornsteine der Fabriken bedrohlich in den Himmel und färbten ihn Schwarz. Inmitten all dieses Schmutzes und der Tristesse wirkte der Junge in seinem teuren Rock mit den langen, goldenen Haaren und der fast weißen Haut wie ein Leuchtfeuer, mehr noch als seine Begleiter, die drei älteren Mitschüler aus Durmstrang. Bettler sahen sich nach ihnen um und Huren, die ein gutes Geschäft witterten, wurden in ihren Ecken auf einmal viel lebendiger.

„Ist das Haus des Verräters etwa hier?“, fragte Volodimir, der ganz angewidert wirkte.

„Nur Geduld, mein lieber“, erwiderte Grindelwald. „Wir haben alle Zeit der Welt. Ich wollte euch vorher etwas zeigen.“

„Doch nicht diese Kloake hier?“, fragte Alexej.

„Genau die“, bejahte Grindelwald es und breitete die Arme aus. Er bemühte sich nicht, diskret zu sein, denn er benutzte eine Sprache, die hier kaum jemand verstehen dürfte. „Das, meine lieben Freunde, ist das neue Antlitz der Erde. Kaum zu glauben, dass sie es tatsächlich Fortschritt nennen. Sie sehen Fabriken, aber ich sehe nur riesige Fleischwölfe. Die Maschinen fressen die Menschen, manchmal… wortwörtlich.“

Er hielt an einem Bettler inne, der ihm mit seiner verbliebenen Hand einen Becher hinhielt. Der andere Arm endete mit dem Ellenbogen. Zweifellos hatten sie, was die Zahnräder übriggelassen hatten, mit ihrer primitiven Medizin nur noch amputieren können. Er griff in die Tasche seines Rocks, wo er kurzerhand eine Krone aus dem Nichts erscheinen ließ und sie anschließend lässig in den Becher schnippte, wobei sie mehrfach rotierte. Der Mann bedankte sich überschwänglich, doch Grindelwald schenkte ihm schon keine Beachtung mehr. Stattdessen ging er weiter und fing wieder an, zu referieren: „Sie haben sich eine neue Welt geschaffen, angetrieben von Kohle und Gier. Bald schon wird kein Platz mehr für Könige sein. Oder für Magie. Die Maschinen werden herrschen. Außer… wir können es verhindern.“

Er drehte sich im Reden herum und schaute in die hochmütigen Gesichter seiner Begleiter: „Das ist, wogegen ich gedenke, zu kämpfen. Die Reiniger sind nur die Fliege auf der Spitze des Misthaufens. Sie sind es, die den wahren Fortschritt ausbremsen. Denn wenn ihr mich fragt, sollten wir Zauberer unseren rechtmäßigen Platz zurückerobern, solange der Himmel mancherorts noch blau ist. Die Nichtmagier werden mich nicht aufhalten, es ist zu ihrem eigenen besten. Denn was glaubt ihr, wie viele Kanonen können sie mit ihren neuen Fabriken bauen? Wie viele Granaten, wie viele Gewehrkugeln? Die Endzeit ist nahe, meine Freunde. Und ich weiß, wo ich stehen will, wenn es soweit ist.“

Auf diese Ansprache hin wirkten seine Getreuen begeistert, fast euphorisch. Und Grindelwald wusste genau, wie nützlich sie noch werden könnten, wenn er sie nur bei Laune hielt. Deshalb machten sie als nächstes einen Abstecher in ein nicht minder schäbiges Bordell, wo er jedem ein Mädchen kaufte. Er selbst setzte sich jedoch nur mit einem Krug Bier an einen Tisch im Schankraum. Er hatte keinerlei Interesse daran, sich bei einer ungarischen Nutte die Syphilis zu holen, aber sollten seine Freunde sich nur auf seine Kosten amüsieren. Wer einfach zufrieden zu stellen war, war einfach zu kontrollieren.

„Knöpfen wir uns jetzt den Verräter vor?“, fragte Alexej begierig, nachdem alle ihren Spaß gehabt hatten.

„Immer mit der Ruhe“, erwiderte Grindelwald und wimmelte die Hure ab, die um seine Aufmerksamkeit bettelte. „Es gibt noch einen anderen Ort, den ich zuerst aufsuchen möchte. Denn es gibt einen Grund, warum ich ausgerechnet heute hierher wollte. Habt ihr nicht Hunger?“

Also zogen sie weiter, kleideten sich an einer Straßenecke um und kehrten in das berühmteste Luxushotel von ganz Wien ein, direkt an der Staatsoper. Damian hatte im Bordell eine Landsfrau aufgegriffen, ein elfengleiches, doch vom Opium ausgemergeltes Ding, das in einer herrlichen Ironie unter dem Namen Cassandra arbeitete, und hatte es sich nicht nehmen lassen, sie mitzuschleppen. Doch Grindelwald störte es nicht. Im Gegenteil: Jetzt stellte seine Gefolgschaft in ihren schwarzen Fracks mit den schief sitzenden Zylindern den ultimativen Hohn für die versammelte Schickeria mit ihren auftoupierten Haaren und gezwirbelten Schnurbärten dar. Er selbst hingegen fügte sich perfekt ein. Er verzichtete auf den Zylinder, und hatte sich in einen dunkelvioletten Frack mit breitem Halstuch und Handschuhen geworfen. Ein paar Verwechslungszauber hier und da, und ein Imperius-Fluch für den Oberkellner genügten, um ihnen den besten Platz in der Mitte des großen Speisesaals zu verschaffen. Über ihnen feinste romantische Fresken, umschlossen von einem verzierten, vergoldeten Deckengewölbe, und die neueste technische Innovation der Muggel: Elektrisches Licht, gespendet von hunderten Glühbirnen, die in zweifellos extra dafür angefertigte, kristalline Kronleuchter eingefasst waren.

„Der Oberkellner bedient uns heute persönlich“, sagte Grindelwald zur allgemeinen Erheiterung. „Bestellt was ihr wollt, es geht auf mich. Cassandra, wärst du freundlich, für meine Freunde zu übersetzen?“

Er hatte den Namen der Prostituierten absichtlich lauter ausgesprochen, als es unbedingt nötig gewesen wäre, mit der gewünschten Wirkung. Einige Meter weiter, an einem kleinen, runden Tisch am Fenster, wandte eine Gestalt ihren Kopf. Grindelwald lächelte zufrieden und gab ihr einen Moment Zeit, sich wieder zu entspannen. Unterdessen wandte er sich an seine Kameraden: „Heute Abend ist eine große Frau hier zugegen. Die berühmte Seherin Cassandra Trelawney. Hier, um dem Kaiser weiß zu sagen, wie seine Chancen in einem großen Krieg stünden.“

Alexej spuckte aus und erntete dafür empörte Blicke von den benachbarten Tischen. Doch Grindelwald lächelte nachsichtig. „Verurteilt sie nicht. Sie ist wie alle anderen dem Ruf des Goldes gefolgt. Aber auch, wenn sie den Großteil davon verschwendet, ich werde mich ihrer Weisheit nicht verschließen.“

Mit diesen Worten erhob er sich und machte sich selbstbewusst auf den Weg.

Cassandra Trelawney speiste allein und in perfekter Haltung. Sie mochte um die sechzig sein. Sie trug ein altmodisches, aber elegantes Kleid mit Weste und hatte wie er auf eine Kopfbedeckung verzichtet, wodurch sie im Meer der aufwendigen Hochsteckfrisuren und federbesetzten Hüte ringsum sofort ins Auge stach. Stattdessen trug sie ihr ergrautes Haar wie eine Krone. Eine schöne Frau, die in Würde gealtert war.

„Guten Abend“, sagte Grindelwald auf Deutsch. Warum auch nicht? Als Orakel der Könige sprach sie sicher jede der wichtigen europäischen Sprachen. Und so war er es, der den Ton in ihrer Unterhaltung angab, im wahrsten Sinne des Wortes. „Darf ich mich setzen?“

„Und warum sollte ich Ihnen das gestatten?“, erwiderte die Seherin reserviert.

„Zufällig weiß ich, wer Sie sind“, sagte Grindelwald und setzte sich unaufgefordert. „Cassandra Trelawney. Die große Seherin. Ich bewundere Ihre Arbeit.“

„Und wer glauben Sie, zu sein, dass Sie es sich erlauben können, mich dermaßen zu belästigen?“

„Mein Name ist Gellert Grindelwald. Sie können sich geehrt fühlen. Auch Sie sprechen mit einem großen Zauberer.“

Sie strafte ihn mit einem verächtlichen Blick. Stahlgraue Augen, die seine hellblauen trafen. „Ich spreche mit einem ungehobelten Kind.“

Grindelwald lächelte charmant. „Zugegeben, noch haben nicht viele von mir gehört. Aber das wird sich bald ändern. Darf ich?“

Er hatte ohne Zauberstab, mit einer lässigen Bewegung der linken Hand, einen kleinen Kristallkelch in dieser erscheinen lassen, völlig identisch mit dem ihren, und griff nach der Weinflasche, die auf dem Tisch stand. Ein hervorragender Riesling.

„Nein“, antwortete sie, wirkte aber gegen ihren Willen beeindruckt. Sein Lächeln wurde breiter und er schenkte sich ein. Dann hob er den Kelch, um ihr zuzuprosten, und nippte daran. Ihre Wangen erröteten vor unterdrücktem Ärgernis. Doch in diesem Moment kam der Oberkellner an ihren Tisch und brachte ein Stück der Spezialität des Hauses: Ein Stück fette Schokoladentorte mitsamt Schlagsahne. Ohne, dass Grindelwald ihn herbei gewunken oder bestellt hatte. Cassandra Trelawney schaute erst fragend, dann bemerkte sie die glasigen Augen des Kellners und verstand. Die Erkenntnis, dass das ungehobelte Kind ihr gegenüber den Imperius-Fluch nicht nur beherrschte, sondern ganz unverblümt zu seinem Vergnügen missbrauchte, widerte sie an, schüchterte sie scheinbar aber auch genug ein, um das Gespräch fortzusetzen: „Wie um alles in der Welt haben Sie mich gefunden?“

„Große Geister finden einander“, antwortete er geheimnistuerisch, während er etwas Schlagsahne auf die Gabel nahm, ein Stück Torte abtrennte und es sich genüsslich in den Mund steckte. Für einen Moment war er wieder ein kleines Kind, dem seine mittellose leibliche Mutter zum Geburtstag nicht mehr und nicht weniger als ein Stück von ebenjener Torte gebracht hatte. „Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass Sie an diesem Nachmittag eine Audienz am kaiserlichen Hof hatten. Ich wollte sowieso nach Wien, da konnte ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen lassen.“

Die Seherin lächelte spöttisch. „Für einen großen Geist reisen Sie in ungewöhnlicher Gesellschaft.“

Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung des Tischs mit seinen Gefährten. Sie schlürften geräuschvoll Austern und Volodimir hatte soeben ein Glas Champagner in einem Zug geleert und anschließend lautstark gerülpst.

„Einfache Gemüter sind einfach zu amüsieren“, sagte Grindelwald, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

„Ich finde, Sie sollten sich wieder zu Ihnen gesellen. Dies ist kein Ort für großspurige Kinder.“

„Ich bin weder das eine noch das andere“, antwortete er. Er kannte die Macht seines Lächelns sehr gut. Es machte ihn jung und liebenswert. Und wenn es schwand, wie jetzt, machte das bei jedem Eindruck. Sein engelsgleiches Gesicht wirkte dann fast bedrohlich. Und auch ihre Mimik änderte sich. Wieder einmal bröckelte ihre hochmütige Maskerade. „Und Sie wissen das. Warum sonst hätten Sie mich so lange an Ihrem Tisch geduldet? Sie können meine Macht spüren, wie ich die Ihre. Sie sehen die Zukunft. Sie kannten weder meinen Namen noch mein Gesicht, aber Sie wussten, dass ich kommen würde.“

Zum ersten Mal hatte er sich ihre volle Aufmerksamkeit verdient. Doch in ihrem Gesicht breitete sich wieder ein gewinnendes Lächeln aus. „Sie sind zu spät. In Ihrer Generation gibt es bereits ein Wunderkind, ein paar Jahre älter als Sie. Ein Engländer, namens Albus Dumbledore. Sie mögen begabt sein, doch er stellt Sie in den Schatten. Er stellt alles in den Schatten, das bisher gewesen ist.“

Ihm entging der Hauch von Stolz, der bei dieser Geschichte in ihrer Stimme mitschwang, nicht. Also war auch sie vom Nationalismus befallen, der Krankheit dieses sterbenden Jahrhunderts. Und doch beschäftigte etwas Anderes ihn gerade mehr. War es wahr? Gab es einen anderen? Seine Hand am Kristallkelch verkrampfte, und in diesem Moment gab es einen Knall. Eine Glühbirne direkt über ihnen war durchgebrannt und verdunkelte ihre Gesichter. Doch schon binnen Sekunden kamen zwei Kellner herbei geeilt. Einer trug eine hohe Trittleiter und ein Geschirrtuch, der andere einen Eimer und eine frische Glühbirne. Sie entschuldigten sich, dann stieg der eine auf die Leiter und schraubte, die Hand ins Tuch gewickelt, die Birne heraus, um sie in den Eimer zu werfen. Dieser war voll mit den Überresten dutzender Birnen, und auch die soeben durchgebrannte zerschellte beim Aufprall geräuschvoll. Noch in der selben Bewegung nahm der Kellner außerdem die neue Glühbirne von seinem Kollegen an und schraubte sie in die Fassung. Dann, kaum dreißig Sekunden, nachdem die alte kaputt gegangen war, schritten sie wieder von dannen.

Grindelwald hatte die Pause jedoch genutzt, um wieder eine gleichgültig-höfliche Miene aufzusetzen. Mit einem Zug leerte er seinen Wein und sagte dann: „Ich erhebe nicht den Anspruch, der größte von allen zu sein. Im Gegenteil: Ich denke, Zauberer einer gewissen Tragweite sollten sich zusammentun, um voneinander zu lernen. Womit wir wieder beim Anlass meines Besuchs wären. Ich würde Sie sehr gerne in einer etwas… ungestörteren Umgebung sprechen. Ich wünsche, Ihre Weisheit zu empfangen.“

„Und wieso sollte ich diesem Wunsch nachkommen?“, erwiderte die Seherin, nun wieder ganz bei ihrer überheblich-abweisenden Art vom Anfang angekommen.

Grindelwalds Lächeln wurde breiter, während er in die Innentasche seines Fracks griff, um einen schweren Sack mit Goldmünzen heraus zu holen und ihn auf den Tisch zu legen. „Ich bitte Sie. Tun Sie nicht so, als wären Sie nicht käuflich. Sehen Sie es als eine seltene Gelegenheit an: Statt unwürdigen Monarchen billige militärische Ratschläge zu geben, können Sie endlich mit einem Ebenbürtigen sprechen.“

Also führte die Seherin ihn und, zu ihrem größten Missfallen, auch seine Kameraden mit in ihre Suite. Doch während die sich an der Tafel niederließen, schritt Trelawney zum Kamin, um etwas Öl aus einer Kristallphiole über das Holz zu tröpfeln und es anschließend mit dem Zauberstab zu entzünden. Dann tat sie das gleiche mit mehreren großen, auf dem Boden verteilten Duftkerzen und kniete sich auf ein Kissen vor dem Feuer. Die mehrdeutige Pose rief Kichern unter Grindelwalds Kameraden hervor, während das Zimmer sich allmählich mit heißer, ätherischer Luft füllte. Doch er hatte nichts mehr für derlei infantile Späße übrig. Er setzte sich vor ihr in den Schneidersitz und starrte sie erwartungsvoll an.

„Nun denn“, sagte sie. „Was wünschen Sie, zu erfahren?“

„Ich bin kein närrischer Muggel“, erwiderte er. „Ich weiß, dass Sie nicht nach Belieben sehen können. Ich wünsche, Zeuge Ihrer wahren Begabung zu werden.“

„Das wird dauern“, sagte sie in einem Versuch, ihn abzuwimmeln.

Doch er schüttelte den Kopf. „Ich habe Zeit.“

Also schloss sie widerwillig die Augen, faltete die Hände vor der Brust, senkte den Kopf und fing an, zu meditieren. Stillschweigend fing sie an, die schwere Luft tief und in akribischen Mustern ein- und auszuatmen. Nach einer Weile fingen ihre Augenlider an, zu zucken, als würde sie träumen, und ihre Hände trennten sich, um in der Luft feinfühlige Bewegungen zu vollziehen. Es dauerte in der Tat eine Ewigkeit, und seine Freunde fingen an, sich zu langweilen. Offenbar wagte Alexej es, Hand an die andere Cassandra zu legen, was Damian, der offenbar einen Besitzanspruch entwickelt hatte, gar nicht gefiel. Doch Grindelwald störte sich nicht an diesen niederen Kabbeleien verletzter Männlichkeit. Wie gebannt starrte er die Seherin an, die, nach rund einer halben Stunde, endlich die Augen öffnete. Doch sie waren nach oben gedreht, also sah er nur das schaurige Weiß und die roten Adern. Mit einer tiefen, rüden Stimme, die ganz anders war als ihre gewohnte, sprach sie: „Jemand wird sich erheben wie ein Schatten, das Leiden seines Volkes zu beenden. Geboren, wenn der Mond die Erde zum ersten Mal im Jahre verlässt. Geboren denen, die alles an ihre Unterdrücker verloren haben. Für das größere Wohl wird sie ihre eine wahre Liebe opfern und eine Macht erlangen, die nie gesehen wurde. Einer wird kommen, um das Leiden zu beenden. Ein Dunkler Herrscher, gekommen, um sein Volk zurück ins Licht zu führen.“

Sie schloss die Augen, und als sie sie öffnete, waren sie wieder wie zuvor. Stahlgrau und abweisend starrten sie auf ihn hinab. „Sind Sie zufrieden?“

Grindelwald hatte Mühe, seine tatsächliche Aufregung zu verbergen. Ein Weg, von dem er bislang nur vage zu träumen gewagt hatte, zeichnete sich vor seinem inneren Auge ab, aber wenn er wollte, dass seine Getreuen ihn auf diesem Weg folgten, war es wichtig, seinen Standpunkt zu verbreiten. Er lächelte breit und sagte: „Wirklich beeindruckend. Wie… erbärmlich Sie doch sind.“

Seine Freunde fingen an, zu johlen. Unterdessen lief die Seherin vor Empörung rot an: „Was erlauben Sie sich?“

Aus dem Lächeln wurde ein Grinsen. „Sie haben diese unglaubliche Gabe, und Sie verschwenden sie, um Unwürdige zu bespaßen und Ihre eigenen Taschen zu füllen? Die Monarchen, an die Sie sich verkaufen, sind ein Relikt, für das schon bald kein Platz mehr in der Welt sein wird. Man muss nicht in die Zukunft blicken können, um das zu sehen. Sie werden sich gegenseitig zerfetzen, in einem Krieg, der alles Bisherige in den Schatten stellt, und ihre Völker dabei verheizen wie Kohlen. Ironisch, nicht wahr? Sie sehen die Zukunft, und doch dienen Sie der Vergangenheit. Ich jedenfalls habe genug davon, in der Zukunft herumzustochern. Ich ziehe es vor, sie zu schreiben.“

*

Das gleiche Hotel, auch wenn er sich dieses Mal nur im Café mit seinem Kontakt traf. Es hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert. Es war ein Ort, wo der alte Adel auf den neuen traf, wo die Schickeria sich die langen Nachmittage vertrieb und wo schon bald sämtliche Nazi-Größen einkehren würden, um ihre pervertierte Herrschaft zu etablieren. Grindelwald fand den Mann an einem kleinen Tisch für zwei Personen am Fenster. Er war Mitte dreißig, gutaussehend, mit kurzem, weißblondem Haar und klaren, blauen Augen. Ihm selbst nicht ganz unähnlich, als er jünger gewesen war. Doch er sah nervös aus und knotete seine Hände auf dem polierten Tisch.

„Konsul Wasilewski?“, fragte Grindelwald mit warmer Stimme und kalten Augen.

„Richtig“, antwortete der Konsul. Er sprach Deutsch mit polnischem Akzent. „Ich muss wohl nicht fragen, wer Sie sind.“

„Ich denke nicht“, erwiderte Grindelwald und setzte sich.

Erstmals sah sein Gegenüber ihm direkt in die Augen und es schien ihn einiges an Überwindung zu kosten.

„Immer mit der Ruhe“, sagte Grindelwald mit einem einnehmenden Lächeln. „Denken Sie an die Muggel. Wollte ich Sie tot sehen, wären Sie es bereits.“

Wasilewski atmete keuchend aus und hielt seinem Blick stand. „Viele Politiker wären jetzt nur zu gern in meiner Position.“

„Und noch viel mehr würden es um jeden Preis vermeiden wollen.“

Ein Kellner kam. Grindelwald bestellte einen schwarzen Kaffee und ein Stück seiner geliebten Torte.

„Nur einen Kaffee“, sagte Wasilewski knapp.

„Ich freue mich, dass sie meine kleine… Einladung angenommen haben, Herr Konsul.“

„Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich eine Wahl hatte.“

Grindelwalds Mundwinkel zuckte nach oben. „Es hat die Dinge dennoch einfacher gemacht. Aber Sie sollten nicht zu sehr das Opfer spielen. Ich habe viele Ohren. Und manche glauben, gehört zu haben, Sie seien meinem Vorhaben nicht abgeneigt.“

„Das ist richtig“, sagte der Konsul mit einem verächtlichen Kopfnicken in Richtung Straße. „Ich bin nicht dumm. Jedes Kind weiß, dass die Deutschen es auf Polen abgesehen haben. Ich will nicht als nächstes Hakenkreuze über Warschau sehen. Schlimm genug, dass die Narren ihnen Danzig gegeben haben.“

Der Kellner kam mit ihren Bestellungen zurück. Es entstand eine kurze Pause, in der Grindelwald seine Kaffeetasse anhob, seinem Gegenüber höflich zunickte und daran nippte. Dann trennte er ein Stück Torte ab und steckte es sich in den Mund.

„Sie verpassen etwas“, meinte er mit gespielter Munterkeit. „Ich habe diese Torte schon gegessen, als ich noch ein Junge war. Damals war das hier nur eine von vielen exzellenten Konditoreien in Wien, aber inzwischen kennt man sie in ganz Europa. Manche meinen, sie sei zu süß, aber ich denke mir dann immer: Warum überhaupt Torte essen?“

Doch Wasilewski schien nicht zu Plaudereien aufgelegt zu sein: „Ich habe keinen Hunger.“

„Also gut, reden wir übers Geschäftliche“, sagte Grindelwald, ein wenig gelangweilt. „Es überrascht mich, dass jemand wie Sie sich überhaupt noch mit Danzig abgibt.“

„Was wollen Sie mir damit sagen?“

„Wozu dem Ertrunkenen noch einen Schwimmring zuwerfen? Ich denke, es ist an der Zeit, den Nationalsozialisten ihr Spielzeug wegzunehmen. Ich plane, das ganze polnische Zaubereiministerium unter meine Kontrolle zu bringen. Damit es endlich den Mut hat, sich zu nehmen, was ihm gehört.“

Einen Moment lang wirkte Wasilewski erschrocken, dann erregt. „Und ich bin ein Teil dieses Plans?“

Grindelwald fing wieder an zu lächeln und aß noch ein Stück Torte. „Sie sind sogar für die Hauptrolle vorgesehen.“

„Und wenn ich mich weigere?“

„Es würde die Sache verkomplizieren.“

Er hatte es als Drohung formuliert, bittersüß wie seine Bestellung. Wasilewski war sichtlich angespannt, doch er überspielte es, indem er einen Schluck Kaffee trank.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich Sie überreden muss“, sagte Grindelwald. „Ich denke, die Rolle wird Ihnen zusagen. Sie sollen Pawlaks Nachfolge antreten. Das Problem… ist Ihr deutscher Kollege.“

Wasilewski schien auf einmal etwas klar zu werden, und mit einem Mal wurde er aufgeregt. Er beugte sich unter den Tisch, um in seiner Aktentasche zu wühlen. Heraus zog er ein Exemplar der russischen Zaubererzeitung Russkiy Fokusnik, in der er anfing, eine Seite zu suchen. Dort waren zwei bewegliche, geschickt nebeneinander drapierte Fotographien abgebildet. Eine zeigte einen Mann mit widerspenstigem Haar, kantigem Kiefer und Brille. Das andere Antonia Pawlak, die polnische Zaubereiministerin. Eine attraktive und stark geschminkte hellhaarige Frau in einem eleganten Umhang. Die Überschrift verkündete in kyrillischen Lettern: „Liebt Pawlak die Deutschen zu sehr?“

„Das ist Ihr Werk“, sagte der Konsul. Es war halb Frage, halb Feststellung.

„Gewiss“, bestätigte Grindelwald. „Ich habe einen nützlichen alten Schulfreund aus Durmstrang, der es zum Chefredakteur des Fokusnik gebracht hat.“

„Also ist es wahr?“

„Wenn ich in meinem Leben eins gelernt habe, dann, dass die Wahrheit überbewertet wird“, erwiderte Grindelwald kryptisch. „Sagen Sie es mir. Sie kennen Wetzel besser.“

Wasilewski überlegte und trank mechanisch von seinem Kaffee. „Jedenfalls ist es wahr genug, dass er es für nötig hält, über Ostern nach Hause zu fahren, um mit seiner Frau darüber zu sprechen. Wundern würde es mich nicht, Wetzel muss inzwischen mehr Zeit mit Pawlak verbringen als mit seiner Frau. Ich würde sie jedenfalls nicht von der Bettkante stoßen. Und ich kann sie nicht einmal leiden.“

„Sehen Sie?“, meinte Grindelwald süffisant und winkte einen Kellner herbei, um zwei Orangenliköre zu bestellen. „Es spielt keine Rolle, was wahr ist. Wichtig ist, was die Leute bereit sind, zu glauben.“

„Ich verstehe Ihren Plan aber noch immer nicht“, sagte der Konsul, nachdem der Kellner wieder gegangen war.

„Zunächst einmal werde ich mich um Wetzel kümmern, um Ihnen freie Bahn in Danzig zu verschaffen. Allerdings hat Pawlak noch eine viel gefährlichere Freundin in Deutschland.“

Wasilewski schien zu verstehen: „Trautner.“

Grindelwald nickte ihm gönnerhaft zu und trank von seinem Kaffee. „Dumbledores verlängerter Arm. Mit anderen Worten: Der Machtwechsel muss sauber von der Bühne gehen.“

„Ich nehme an, da kommt Ihr Freund ins Spiel“, erwiderte Wasilewski mit einem Nicken in Richtung der Zeitung. „Aber das wird nicht reichen. Pawlak ist zu stolz, um sich von Klatschmeldungen zum Rücktritt provozieren zu lassen.“

„Das ist ja auch erst der Anfang. Menschen sind primitiv. Nichts lässt sie schneller daran glauben, dass eine Politikerin sich etwas zu sehr mit den Deutschen angefreundet hat, als wenn sie wortwörtlich mit einem unter der Decke steckt. Und wenn diese Saat erst einmal gesät ist, kann daraus einiges wachsen. Zufällig hatte ich bis vor kurzem einen Spion in Trautners persönlichem Umfeld, der mir von einem höchst interessanten Briefwechsel mit Pawlak berichtet hat. Scheinbar hat Trautner in Aussicht gestellt, dass sie ein Büro in der deutschen Zauberervereinigung bekommen könnte, um aus dem Exil zu regieren, sollte Warschau fallen. Außerdem haben sie die Möglichkeit erwogen, Auroren aus England anzufordern, sollte es zu magischem Widerstand kommen, der das Internationale Geheimhaltungsabkommen gefährdet.“

Wie immer, wenn er das Abkommen erwähnte, war seine Stimme voller Spott und Verachtung, doch er tauschte sie rasch wieder gegen wienerische Freundlichkeit ein, als der Kellner ihnen die Schnäpse brachte. Unterdessen ließ Wasilewski die Kaffeetasse, die er gerade an die Lippen heben wollte, wieder sinken und starrte ihn an: „Aber das heißt ja…“

Grindelwald nickte. „Sie ist sich ebenso bewusst wie wir, dass die Deutschen kommen werden. Und sie plant, ihr Land an sie zu verraten, wenn sie dadurch ihren Posten behalten kann. Zumindest ist es das, von dem ich möchte, dass die polnische Zauberergemeinschaft es glaubt.“

„Und meine Aufgabe…“

„Wird sein, sie dazu bereit zu machen, es zu glauben.“

Wasilewski fing an, verschmitzt zu grinsen. Er hatte erkannt, dass der Plan funktionieren würde. Als er das sah, lächelte auch Grindelwald. „Also, kann ich auf Ihre Unterstützung zählen?“

Der Konsul grinste noch breiter. „Selbstverständlich“, sagte er und hob sein Glas mit Orangenlikör. „Za Polskę!“

Grindelwald stieß mit ihm an. „Auf das größere Wohl.“

*

Endlich war die Stunde gekommen. Inzwischen herrschte tiefste Nacht, und sie hatten die rumänische Cassandra wieder im Rotlichtviertel abgesetzt. Dann waren sie wieder in eine einsame Gasse gegangen, um sich ihre schwarzen Zaubererumhänge über zu ziehen, und machten sich mit heruntergezogenen Kapuzen zu ihrem eigentlichen Ziel auf. Ein einfacher Stadthausabschnitt der oberen Mittelschicht, ganz und gar gewöhnlich. Wie einfach es war! Das Schloss war mit einem Zauber zu öffnen, den schon Elfjährige beherrschten, das verschlafene Hausmädchen war ausgeschaltet, bevor jemand etwas mitbekam, das kleine Hündchen stumm geschlagen und in ein Badezimmer geworfen. Unbemerkt machten sie sich daher daran, vorsichtig in die Räume zu spähen, bis sie das eheliche Schlafzimmer erreichten. Grindelwald ließ sich den Spaß nicht nehmen: Während seine Gefährten auf der Seite der Frau Stellung bezogen, zog er die Bettdecke ruckartig weg.

„Was soll das?“, brummte der Mann. Er dachte wohl, eines seiner Kinder hätte sich einen Spaß erlaubt. Er rieb sich die Augen, dann riss er sie auf, als seine Frau schrie. Sofort packten Grindelwalds Gefährten sie und fingen an, sie aus dem Zimmer zu zerren. Sie keifte, kratzte und biss, war den drei kräftigen jungen Männern aber hilflos ausgeliefert. Unterdessen hatte ihr Mann kaum Zeit, mehr zu tun, als sie allesamt mit hochrotem Kopf als „Schweinehunde“ zu bezeichnen, da hatte Grindelwald schon mit dem Zauberstab geschnippt, und der Mann flog quer durch das Zimmer, woraufhin er hart an die Wand prallte. Er rappelte sich auf, hob die Faust und machte Anstalten, auf Grindelwald loszustürmen, Mord im Sinn. Doch der Junge machte nur eine weitere lässige Bewegung mit dem Zauberstab, wodurch sein Widersacher erneut zurückflog und in einen Kleiderschrank krachte, dessen Türen splitternd nachgaben. Dann belegte Grindelwald ihn mit dem Imperius-Fluch, und er kam willenlos auf ihn zugetrottet, auf der Stirn eine blutende Platzwunde. Er nahm einen Stuhl, der neben dem Bett stand, stellte ihn vor Grindelwald und setzte sich darauf. Von unten waren die grausigen Schreie seiner Familie zu hören. Grindelwald wusste nicht, was seine Freunde mit der Frau und den Kindern anstellten. Alles, was er ihnen aufgetragen hatte war, sie nicht gehen zu lassen. Er hoffte, dass sie bei der kreativen Auslegung seiner Anweisung Blut leckten.

Unterdessen fesselte er den Mann an seinen Stuhl, und befreite ihn vom Imperius-Fluch.

„Ihr verfluchten Gören!“, brüllte sein Feind, doch Grindelwalds Schweigezauber brachte ihn sogleich zum Verstummen.

„Ein bisschen Ruhe schadet nicht“, sagte Grindelwald. „Willst du nicht, dass das letzte, was du hörst, deine Familie ist?“

Der Mann kämpfte gegen seine Fesseln an und brüllte stumm, doch als er seine Familie schreien hörte, überschrieb Angst den Zorn in seinem Gesicht. Grindelwald fing an, zu lächeln.

„Vor einigen Jahren haben du und ein paar deiner Freunde eine Kutsche auf Besen durch halb Österreich verfolgt, erinnerst du dich? Ihr wolltet das Land von Zauberern befreien. Anderen Zauberern sollte ich wohl besser sagen.“

Der Reiniger hörte auf, zu kämpfen und sah den Jungen stattdessen ungläubig an. Dessen Grinsen wurde breiter.

„Am Ende haben Sie den Mann, der die Kutsche gesteuert hat, getötet. Die Pferde sind durchgegangen und haben sich losgerissen. Die Kutsche ist umgefallen, und Sie haben sie in Brand gesteckt.“

Grindelwald machte eine genüssliche Pause, um seinen Feind noch einmal die Stimme seiner Frau hören zu lassen, die unten um Gnade flehte.

„Da war auch eine Frau in der Kutsche. Sie war schwanger. Und außerdem… war da ein neunjähriger Junge.“

Die Augen des Mannes weiteten sich entsetzt und er starrte hoch in das engelsgleiche Gesicht seines Peinigers.

„Ganz recht“, sagte der und ließ seine Zähne aufblitzen. Dabei hielt er den leuchtenden Zauberstab dicht an die Kehle seines Feindes, der panisch den Kopf reckte, um ihm zu entgehen.

„Es wird mir eine Genugtuung sein, aber es ist nicht der eigentliche Grund, aus dem ich dich töten werde. Du hast dich auf die falsche Seite der Geschichte gestellt. Die Zeit der Reiniger ist vorbei, sie hätte vor dreihundert Jahren enden sollen. Es ist…“, er überlegte kurz, dann rannen ihm die Worte aus Cassandra Trelawneys Prophezeiung über die Zunge wie süßer Wein: „für das größere Wohl.“

Und mit diesen Worten fing er an, seinen Zauberstab wie einen Taktstock zu schwingen. Flammen schossen daraus hervor und entzündeten die Tapete hinter dem Stuhl des Mannes wie eine Schrift. Ein Dreieck, ein Kreis und eine Linie. Das Zeichen der Heiligtümer. Er würde es zu seinem Zeichen machen. Er würde es mit Blut in die Geschichtsbücher schreiben.

Notes:

Inhaltswarnungen:
- Gewaltdarstellung (explizit und implizit)
- Wiedergabe abwertender Sprache gegenüber Sexarbeiterinnen