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Verfeindet auf dem Sofa

Summary:

Agent Schürk kehrt in seine Wohnung zurück und findet einen nur noch so mittel-zutiefst verfeindeten, aber dennoch ungebetenen Agent Hölzer vor. Aber das ist längst nicht alles.

Work Text:

Saarbrücken 

 

Adam hat seine Wohnung kaum betreten, da weiß er, hier stimmt etwas nicht. Er hat die Türklinke noch in der Hand, steht gerade so im Flur, und hört und sieht es schon. Ein Atmen, das nicht sein Atmen ist. Ein Lichtschein, der, wenn auch nur ganz schwach, genau vier Schritte entfernt durch die geöffnete Wohnzimmertür in den Flur fällt.

„Was wird das hier?“, murmelt Adam und schließt nahezu lautlos die Eingangstür hinter sich. Bleibt regungslos stehen, hält die Luft an und lauscht. Dieses Atmen, das nach wie vor nicht sein Atmen ist, ist alles, was er hört, sonst ist da nichts. Ein Gegner, nur einer, und was für ein idiotischer Gegner das sein muss. In die Wohnung eines gegnerischen Agenten eindringen – denn so spurlos, wie seine Wohnungstür geöffnet wurde, kann es nur ein anderer Agent sein, der da in seinem Wohnzimmer sitzt, steht oder liegt und auf ihn wartet – und das Licht anmachen. Da ist entweder jemand sehr dreist oder sehr größenwahnsinnig – oder sehr verzweifelt.

Geräuschlos zieht Adam die Schublade der Flur-Kommode auf und nimmt seine Sig Sauer heraus. Schließt die Schublade wieder, entsichert die Waffe, schlüpft aus seinen Schuhen. Auf Socken schleicht er langsam bis zum Eingang seines Wohnzimmers und bleibt stehen, drückt sich an die Wand. Er will sich gerade zur Seite lehnen und um die Ecke ins Zimmer gucken, da hört er eine nur zu bekannte Stimme flüstern: „Ich bin’s nur.“

Für einen Moment steht Adam wie angewurzelt da, dann lässt er die Waffe sinken und sichert sie wieder. Steckt sie hinten in seinen Hosenbund, schiebt sich langsam um den Türstock herum und betritt das Wohnzimmer. Sein Wohnzimmer. In dem Hölzer rein gar nichts zu suchen hat und es sich dennoch augenscheinlich auf Adams Sofa bequem gemacht und ihn erwartet hat. Immerhin hat er vorher noch die schweren Vorhänge zugezogen, durch die, das überprüft Adam regelmäßig, kein noch so kleiner Lichtschein nach draußen dringt. Immerhin. Aber trotzdem.

Aber trotzdem ist Adam so wahnsinnig erleichtert, Hölzer zu sehen. Auch wenn er ihn das nicht wissen lassen muss.

„Was zum Teufel, Hölzer?“, fragt Adam deshalb und achtet darauf, lediglich zu flüstern. Er weiß nicht, was das hier ist, aber er weiß genau, er hat dafür jetzt weder Zeit noch Nerven. Weil er nur unter die Dusche und in sein Bett will, sich ausschlafen will, nach diesem Einsatz mit Bombe. Ganz sicher braucht er jetzt keinen Männerbesuch mit Waffe, denn ja, soviel hat er inzwischen erkannt, da liegt Hölzers Glock auf Adams Couchtisch, griffbereit. Hinter dem Couchtisch sitzt Hölzer auf dem Sofa, etwas in Schräglage, und Adam kneift kurz die Augen zusammen. Die runtergedimmte Stehlampe in der Ecke spendet nur ein schwaches Licht und auch, wenn Adam dem Agenten der Konkurrenz still dazu gratuliert, dass er hier nicht bei voller Festbeleuchtung auf Adam gewartet hat, so hilft das Dämmerlicht doch kaum, um die Situation genau einschätzen zu können.

Immerhin erkennt Adam jetzt, dass Hölzer sich die rechte Hand, in der er eins von Adams Handtüchern zusammengefaltet hat, irgendwo links auf seinen Unterleib presst. Irgendwo oberhalb des Hüftknochens, den Adam bereits mehr als einmal gesehen hat, ebenso wie den Hüftknochen auf der anderen Seite, und von denen er jeweils weiß, dass Hölzer auch dafür und ganz besonders dafür einen Waffenschein bräuchte.

Dieser Hölzer macht ihn einfach verrückt.

Gerade noch, so kommt es Adam vor, hat er den anderen Agenten weggeschickt vom Einsatzort, hat sich lieber selbst um diese beschissene Bombe gekümmert und dafür immerhin Hölzers Auto zum raschen Abhauen vorgefunden, aber jetzt? Jetzt sitzliegt dieser Hölzer hier in Adams Wohnzimmer und blutet Adams Handtuch und womöglich sein ganzes Sofa voll?

„Was wird das hier?“, wiederholt er seine zuvor im Flur gemurmelten Worte im Flüsterton und an Hölzer gerichtet, während er langsam auf das Sofa zugeht. Mit einem raschen Blick sieht er sich im Zimmer um, obwohl er hier abgesehen von dem dunkelhaarigen Mann nichts und niemanden sonst erwartet. Hölzer würde ihm niemals eine Falle stellen, jedenfalls keine, die bedrohlich für Adam wäre, soviel ist ihnen beiden längst klar.

Hölzer versucht erfolglos, sich etwas aufzurichten, sackt stattdessen noch tiefer in die Polster und stöhnt leise auf. Adams Blick fällt auf seine Hand und das Handtuch, das sich längst blutrot verfärbt hat, und hört Hölzer hervor pressen: „Ich konnte nirgendwo anders hin.“

„Was?“, fragt Adam, so perplex wie lange nicht. Hölzer hat ein ausgemachtes Talent dafür, ihn zu irritieren, aber normalerweise nicht so.

Scheinbar ist heute nicht normalerweise.

„Ich konnte nirgendwo anders hin“, wiederholt der Mann auf dem Sofa angestrengt und schafft es tatsächlich, sich in eine etwas aufrechtere Position zu rücken, nicht jedoch, ohne dabei erneut vor Schmerz laut aufzustöhnen.

„Lass das“, zischflüstert Adam bestimmt und ist mit zwei Schritten am Couchtisch. Er schiebt die Glock außer Hölzers Reichweite, zieht seine eigene Waffe aus dem Hosenbund und legt sie daneben und setzt sich auf den niedrigen Tisch, genau vor Hölzer. „Und was soll das heißen, du konntest nirgendwo hin? Ich hab dich weggeschickt, damit du – “

„Ich bin kompromittiert worden. Aufgeflogen. Ich bin da gerade so rausgekommen.“

„Was?“, ist erneut alles, was Adam fragen kann. Warum hat er davon nichts mitbekommen?

„Ich hab die Anweisung gekriegt, mich bedeckt zu halten. Unterzutauchen, für heute Nacht. Irgendwohin zu gehen, wo niemand mich vermuten würde – “

„Und da kommst du ausgerechnet zu mir?“, fragt Adam und kann nicht verhindern, dass seine Stimme lauter wird dabei. „Wie bist du überhaupt reingekommen? Und woher weißt du überhaupt, wo ich wohne?“, fügt er noch ein paar Fragen hinzu und ist sich wohl bewusst, dass auch er ganz genau weiß, wo Hölzer wohnt und wie er sich zu dessen Wohnung unbemerkt Zutritt verschaffen kann.

Hölzer schnaubt und verdreht die Augen. „Willst du mich beleidigen? Noch mehr als sowieso schon, mit der Bombe und allem?“

Adam schnaubt zurück. „Da hätte Schlimmeres passieren können als der Scheiß da an deiner Hüfte, also tu mal nicht so beleidigt. Oder muss ich dich an den Erfurter Dom erinnern? Und das da… bist wohl mal wieder fast vor nen Bus gelaufen, oder was?“

Der blonde Mann steht wieder auf und beugt sich vor. Ignoriert Hölzers empört-bohrenden Blick. Schiebt vielmehr Hölzers Hand zur Seite und nimmt das Handtuch von der Wunde, die genauso beschissen aussieht, wie das durchgeblutete Handtuch Adam bereits vermuten ließ. Dass neben dem Sofa bereits zwei weitere blutgetränkte Handtücher auf dem Boden liegen, macht die Sache nicht besser.

„Ist das alles? Oder bist du noch irgendwo anders verletzt?“

Hölzer schließt für einen Moment die Augen, gerade so, als müsse er sich darauf konzentrieren, ob er noch an einer anderen Stelle seines ekelhaft-durchtrainierten Körpers Schmerzen hat.

„Ich glaub nicht“, antwortet er schließlich und öffnet seine Augen wieder. Sieht schnurstracks in Adams Augen. Adam kann Hölzers Blick nur für den Bruchteil eines Moments standhalten, muss fast sofort wegsehen. Wozu es ja auch beste Gründe gibt, denkt er, und beugt sich noch etwas tiefer runter. Besieht sich erneut die nach wie vor blutende Wunde und drückt das Handtuch wieder drauf.

„Okay, ich kümmer‘ mich drum“, sagt er und richtet sich auf. Natürlich kümmert er sich drum. So wie er sich um den Tresor und die Bombe gekümmert hat. Sie mögen vielleicht bei konkurrierenden Geheimdiensten sein, aber Hölzer in seinem Wohnzimmer verbluten lassen – mit Sicherheit nicht. Dazu mag Adam seinen Konkurr- … sein Wohnzimmer viel zu sehr, auch wenn andere es vielleicht als puristisch bezeichnen würden.

Der verletzte Mann seufzt und Adam meint, sowas wie Erleichterung in diesem Seufzen zu erkennen. Dennoch kann er nicht anders, als mit dem Kopf zu schütteln und zu sagen: „Du arbeitest ja echt für einen tollen Laden. Bist verletzt und musst sehen, wo du bleibst.“

„Erzähl mir nichts von meinem Laden, sieh dir lieber mal deinen – “, will Hölzer widersprechen, doch Adam ist schneller. Winkt ab, wendet sich um und sagt im Weggehen: „Ich hol mal das Zeug.“

Weil Hölzer gerne das letzte Wort hat, hört Adam ihn noch sagen: „Ich hätte das schon selbst erledigt, aber ich hab nichts gefunden.“

„Das seh‘ ich“, antwortet Adam, leicht genervt, denn er sieht es nun wirklich. Blutspuren in seiner ganzen Wohnung. „Wo bist du überall gewesen?“, murmelt er, obwohl er genau erkennen kann, dass Hölzer tatsächlich überall in seiner Wohnung nach dem Erste-Hilfe-Kasten gesucht hat. Gefunden hat er lediglich die Handtücher, aber gut, die sind selbst für einen Agent Hölzer nicht schwer zu finden, liegen sie doch offen auf einem Regal im Badezimmer. Wo Adam jetzt die Tür seines Spiegelschranks über dem Waschbecken öffnet, hineingreift und eine weitere, geheime Tür öffnet, wofür er einen Zahlencode in eine durch ein weiteres, kleines Türchen verborgene Tastatur eingeben muss. Die Geheimtür springt auf und Adam steht vor einem seiner insgesamt drei Tresore, nimmt den Verbandkasten heraus und schließt alle Türen wieder sorgfältig. Aus dem Regal nimmt er drei weitere Handtücher mit ins Wohnzimmer, wo Hölzer wieder etwas tiefer in das Sofa gesunken zu sein scheint.

„Hey, Hölzer, nicht schlappmachen jetzt. Wir haben’s gleich“, sagt Adam und schiebt den Couchtisch etwas zurück, damit er sich besser vor die Couch und den verletzten Mann knien kann. Er legt den Verbandkasten neben sich und klappt ihn auf.

„Wo war der?“, will Hölzer mit müder Stimme wissen. Scheiße, der Kerl verliert definitiv zu viel Blut. Nur gut, dass da mehrere Blutkonserven in Adams Kühlschrank liegen.

„Im Bad“, antwortet er knapp und versucht, sich zu konzentrieren. Er braucht eine Dusche und Schlaf, darf hier jetzt nichts falsch machen und will dem anderen Agenten auch eigentlich gar nicht verraten, wo er welches Zeug aufbewahrt. Aber zu spät.

„Da hab ich überall gesucht, da war nichts“, entgegnet Hölzer.

„Hast wohl den Safe nicht gefunden“, murmelt Adam, nimmt das Handtuch von der Wunde und wirft es zu den anderen blutigen Handtüchern. Vorsichtig versucht er, Hölzers vormals graues T-Shirt nach oben zu ziehen, doch er kommt nicht weit. Der Stoff klebt überall fest, also greift Adam zielsicher nach der Erste-Hilfe-Schere und schneidet das T-Shirt von unten bis nach ganz oben auf. Er zieht die beiden Hälften vorsichtig auseinander und erntet trotz seiner Vorsicht ein scharfes Einatmen von seinem Patienten.

„Tut mir leid“, sagt Adam und wirft einen raschen Blick in Hölzers Gesicht. Der erwidert Adams Blick, wenn auch etwas schmerzverzerrt, ignoriert die Entschuldigung und fragt stattdessen: „Wer verschließt seinen Verbandkasten in einem Safe… im Badezimmer?“

Adam nimmt ein frisches Handtuch, legt es auf die Wunde und sagt: „Press das nochmal drauf.“ Er greift nach Hölzers rechter Hand und legt sie auf das Handtuch, drückt, lässt los. Sieht zufrieden, dass Hölzer auch ohne seine Hilfe gerade kräftig genug auf die Wunde presst.

Während er die benötigten Utensilien zusammensucht, fährt Adam fort: „Jemand, der nicht will, dass ungebetene Gäste darin sowas Unverdächtiges wie einen Adrenalin-Pen oder ein Klammernahtgerät finden.“ Zusammen mit einigen anderen Dingen legt er auch die beiden genannten neben Hölzer auf das Sofa. Der verwundete Mann wirft einen skeptischen Blick auf das Klammergerät.

„Wer kommt dich denn ungebeten besuchen?“, fragt er, wohl um sich abzulenken. Das Spiel spielt Adam gerne mit. Er wirft Hölzer einen spöttischen Blick zu und sagt: „Dreimal darfst du raten? Ein Idiot wie du? Was hättest du gemacht, wenn ich nicht nach Hause gekommen wäre?“

Er merkt sofort, dass seine Worte sich so anhören, als spreche er nicht nur von seinem, sondern von ihrem Zuhause, ein Gedanke, den er so schnell vertreibt, wie er ihn gedacht hat.

„Deinen gesamten Handtuchbestand ruinieren?“, versucht Hölzer einen Witz, windet sich aber sofort stöhnend unter Adams erneuter Berührung. Der hat Hölzers Hand samt Handtuch nämlich inzwischen wieder beiseite gezogen und damit begonnen, die klaffende Wunde, aus der noch immer Blut dringt, abwechselnd zu säubern und trocken zu tupfen.

Adam muss schon wieder schnauben. „Du wärst auf meiner Couch verblutet, du Armleuchter.“

„Aber ich… wusste ja, du würdest… kommen.“ Hölzer spricht zunehmend angestrengt. Adam gefällt das gar nicht. Ein Agent der Konkurrenz tot auf seinem Sofa, das hat ihm gerade noch gefehlt, abgesehen von… allem anderen.

„Ach ja? Und woher?“, fragt er, damit Hölzer bloß nicht einschläft. Soll er reden und Fragen stellen. Hölzers Stimme zu hören beruhigt Adam im Moment ausnahmsweise, was ganz sicher auch daran liegt, dass alles Spöttische, Überhebliche, das sein Gegner sonst so gerne in seiner Stimme mitschwingen lässt, am heutigen Abend gänzlich abwesend ist.

Na, oder jedenfalls fast.

„Frag nicht so dämlich. Ich bin beim Geheimdienst“, erwidert Hölzer nämlich jetzt und klingt für einen Augenblick wieder ganz munter.

Adam schichtet mehrere Wundauflagen übereinander und drückt sie fest auf die Wunde. Durch seine zusammengebissenen Zähne zieht Hölzer erneut scharf die Luft ein und flucht: „Fuuuck!“

Unbeirrt presst Adam weiter auf die Wunde und beobachtet, wie Hölzer seinen Kopf gegen die Rückenlehne fallen lässt. Mit schmerzverzerrtem Gesicht und angestrengt atmend starrt er Adam an, während der weiter presst und antwortet: „Schöner Geheimdienst. Der dich nicht rausholen kann und zum Feind flüchten lässt.“

Hölzer verdreht die Augen. „Übertreib nicht… so schamlos“, sagt er abgehackt.

„Ich übertreibe nicht.“ Prüfend hebt Adam die Wundkompressen, tauscht sie gegen neue aus und überlegt fieberhaft, wie er am besten vorgehen soll, um diese verfluchte Blutung zu stoppen. Er würde zu gerne wissen, wer und was für diese Wunde verantwortlich ist; was passiert ist, nachdem Hölzer das Fabrikgebäude verlassen hat, aber das muss warten. Bis wann auch immer. Jedenfalls erinnert sie ihn unangenehm an München Deutsche Bank, ein Gedanke, den Adam jetzt so gar nicht gebrauchen kann, denn auch, wenn München Deutsche Bank wesentlich weniger blutig ablief, so verhielt Hölzer sich dabei doch ähnlich absurd-leichtsinnig wie heute Abend.

„Wir sind schon lange… keine Feinde mehr…“, hört er Hölzer leise protestieren. Die Augen sind ihm inzwischen halb zugefallen und er wirkt nun wirklich, als würde er gleich einschlafen. Oder Schlimmeres.

„Ach ja?“, fragt Adam, um den anderen Mann zum Weiterreden zu animieren. Er tastet nach dem Klammernahtgerät und findet es.

„Ja… oder würdest du sonst – “, beginnt Hölzer und wird von einem Hustenanfall unterbrochen, bevor er weitersprechen kann, „ – mit dem Verbandkasten hier… hocken und mich… heeeyyy… Adaaammm… was willst du mit dem… mit dem… Ding?“

Adam versucht angestrengt zu ignorieren, dass Hölzer ihn gerade beim Vornamen genannt hat. Das muss der Blutverlust sein. Hölzer kann eindeutig nicht mehr klar denken, so kurz vorm Delirium, wie er schon ist. Und dennoch ist es Adam, als spüre er für einen kurzen Moment erneut Hölzers Hand in seinem Nacken, mit der er ihn noch vor wenigen Stunden festhielt und sich versichern ließ, dass Adam sich rechtzeitig selbst in Sicherheit bringen würde.

Adam muss sich räuspern. „Dir dein dummes Schlappmaul zu tackern“, antwortet er so, als ob nichts gewesen wäre.

„Sehr… witzig…“, murmelt Hölzer. Adam kann ihn kaum noch verstehen. Er muss jetzt schnell machen, denn seine letzte Runde Wiederbelebung ist entschieden zu lange her. So lange, dass er nicht einmal mehr sagen könnte, wie lange genau. Er weiß lediglich noch, dass es in Oldenburg passierte und Hölzer bis heute nicht weiß, dass er, Adam Schürk, es war, der ihm in einer Wiese neben diesem runtergekommenen Drogenumschlagplatz sein verdammtes Leben gerettet hat. Mit Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung und diesem ganzen Scheiß. Hätte er diesen Penner doch einfach sterben lassen, dann wäre es jetzt Adam, der hier auf seiner eigenen Couch läge. Und den Abend genießen könnte.

Adam seufzt und tätschelt mit einer Hand Hölzers rechte Wange. Die Augen des verletzten Agenten flattern auf und finden nach mehreren vergeblichen Versuchen Adams Gesicht.

„Gut so“, sagt Adam und versucht, möglichst ruhig und lobend zu klingen. „Und ich werde dir jetzt die Wunde klammern. Die muss genäht oder geklammert werden und du willst ganz sicher nicht, dass ich Nadel und Faden auspacke.“

„Nein… will ich nicht… aber… will ich das da?“, fragt Hölzer schleppend.

„Mir scheißegal. Willst du verbluten? Nein? Dann stell dich nicht so an. Denk an Greifswald 2019“, sagt Adam. Er hat die Wundkompressen zur Seite geworfen und zieht die Haut rund um die Wunde mit Daumen und Fingern zusammen, während er das Klammergerät ansetzt.

„Was, woher… woher weißt du davon, du warst doch gar nicht...“, murmelt Hölzer. Sein Kopf rollt ein wenig zur Seite, doch er sieht Adam noch immer durch halbgeöffnete Augen an.

Adam blickt kurz auf, direkt in Hölzers Augen, und sagt: „Ich bin beim Geheimdienst, du Profi. Und jetzt ruhig. Halt die Fresse und… es ist gleich vorbei.“ Adam kann selbst kaum glauben, wie sanft er sich bei den letzten Worten plötzlich anhört.

 

Als es vorbei ist, geht Adam in die Küche und trinkt ein großes Glas Wasser in hastigen Schlucken aus. Seine Hände sind zittrig und sein Herz klopft ihm noch immer bis in den Hals.

„Tu mir sowas nicht nochmal an, Hölzer“, murmelt er. Er würde jetzt verdammt gerne eine rauchen, aber dazu müsste er auf den Balkon gehen. Der befindet sich jedoch hinter dem Sofa, auf dem er gerade eben noch Hölzers Wunde geklammert hat, etwas, was er so bald nicht wieder machen will. Noch immer ist er sich nicht ganz sicher, ob er wirklich wusste, was er da tat, aber er hatte ja schlicht keine Wahl. So oder so, er will nicht riskieren, die Vorhänge auch nur das geringste Stückchen zu öffnen, um auf den Balkon zu schlüpfen. Was auch immer genau mit Hölzer passiert es, eine verfluchte Wunde reicht für einen Abend.

Aus der Küche nimmt er ein Glas Wasser mit ins Wohnzimmer und flößt Hölzer zwei der stärksten Schmerztabletten ein, die sich in Adams Vorrat befinden. Der kaum noch wache Mann schluckt sie angestrengt herunter und versucht doch allen Ernstes, sich aufzurichten.

„Ich muss… ich muss gehen… du hast genug…“

„Und du hast sie nicht mehr alle. Du gehst nirgendwohin. Du bleibst hier auf dem Sofa und schläfst jetzt“, sagt Adam entschieden und ein bisschen genervt. Dieser Hölzer. Der Kerl ist manchmal einfach nicht zu fassen. Will nicht gehen, wenn er gehen soll, und will gehen, wenn er bleiben soll.

Adam wirft einen kontrollierenden Blick auf den Wundverband und geht ins Schlafzimmer. Mit einem seiner weichsten Sweatshirts und einer Jogginghose kommt er kurz darauf zurück. Er setzt sich neben Hölzer auf die Couch, zieht ihm den Sweater über den Kopf und hilft ihm dabei, erst mit dem einen, dann mit dem anderen Arm in die Ärmel zu schlüpfen. Als das erledigt ist, klopft er am einen Ende der Couch ein Sofakissen zurecht und hilft dem anderen Mann vorsichtig dabei, sich auf den Rücken zu legen. Die Jogginghose legt er auf den Couchtisch.

„Ich kann nicht… Adam, du musst…“, setzt Hölzer schläfrig an, doch Adam lässt ihn erneut nicht ausreden und sagt: „Ich muss gar nichts. Du musst jetzt schlafen. Und jetzt Klappe halten.“

Er nimmt das Glas und geht in die Küche, um es erneut aufzufüllen. Als er ins Wohnzimmer zurückkommt und das Glas auf den Tisch stellt, liegt Hölzer auf dem Sofa und schnarcht leise. Für einen ganz eindeutig zu langen Augenblick bleibt Adam vor der Couch stehen und betrachtet den schlafenden Mann. Er muss sich regelrecht losreißen von diesem Hölzer, der in Adams dunkelblauem Sweatshirt viel zu gut aussieht. Das Ding passt ihm wie angegossen, eine Tatsache, die Adam gerne ein bisschen hassen würde. Doch es will ihm nicht so recht gelingen.

Von der Rückenlehne des Sofas nimmt Adam die Fleece-Decke, die er selbst so gut wie nie benutzt. Bevor er Hölzer damit zudeckt, schiebt er das Sweatshirt noch einmal ein Stückchen nach oben und überprüft den Verband. Die Wunde ist geklammert, doch Adam will sichergehen. Hölzer murmelt irgendetwas Unverständliches im Schlaf.

Vorsichtig schiebt Adam den Pulli noch etwas weiter hoch. Völlig unnötig, aber er kann sich nicht helfen. Findet mit seinen Augen die so irrsinnig schlecht verheilte Schusswunde von Baden-Baden, die Hölzer seinem eigenen Bekunden nach auch heute noch manchmal Probleme bereitet, worüber er Adam immer dann gerne informiert, wenn er ihm ein schlechtes Gewissen machen will.

Adam kann sich selbst nicht ertragen, so als Voyeur, auch wenn er hier nichts sieht, was er nicht schon öfter gesehen hat. Dennoch schiebt er das Sweatshirt so rasch wie möglich wieder herunter, zieht dem schlafenden Mann jedoch nach kurzem Zögern noch die blutverschmierte Cargo-Hose aus, möglichst vorsichtig und dabei so umständlich, um ihn nicht zu wecken. Schließlich deckt er Hölzer zu und zieht ihm zu guter Letzt auch die Stiefel aus. Das leise Schnarchen seines Konkurrenten begleitet Adam auf seinem Weg aus dem Wohnzimmer.

 

Am nächsten Morgen ist der andere Mann verschwunden, als Adam nach einer unruhigen Nacht ins Wohnzimmer kommt. Obwohl er kaum geschlafen hat, hat er seinen unerwarteten Gast die Wohnung nicht verlassen hören.

Die Decke liegt ordentlich zusammengefaltet auf dem Sofa. Der Couchtisch steht wieder an seinem angestammten Platz, die Jogginghose ist weg. Noch am Abend hat Adam die ruinierten Handtücher, Leos zerrissenes, blutiges T-Shirt und den Verbandkasten weggeräumt, ebenso wie er die Blutspuren in der Wohnung beseitigt hat. Die Cargo-Hose hat er in den Wasch-Trockner geworfen, wo Leo sie offenbar weder gesucht noch gefunden hat. Abgesehen von der Hose in der Maschine deutet nichts darauf hin, dass irgendwer hier den Abend und die Nacht verbracht hätte. Dass Adam hier irgendwem das Leben gerettet hätte.

Nichts außer einem Zettel, den Adam auf dem kleinen Tisch vor dem Sofa findet und auf dem steht: Danke, Schürk.

Danke, Schürk.

Die Wohnung fühlt sich seltsam leer an.

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