Work Text:
Nicht mehr in Hohnhorst
Vielleicht ist Leo das Problem.
Vielleicht hätte er hinterfragen sollen, warum die Mission auf diese Art gemacht werden musste, wenn es doch so viele andere Methoden gegeben hätte. Aber er weiß, was mit Agenten passiert, die zu viel fragen und zu viel wissen. Seine Mission heute Abend ist das beste Beispiel dafür – wenn ein Agent zu viel weiß, werden ihm Agenten wie Leo oder Schürk nachgeschickt, um ihn auszuschalten und seine Dokumente zu klauen.
„Mir ist übel“, murmelt er und starrt aus dem Autofenster. Seine Zunge ist schwer und er befürchtet, er lallt. Draußen huschen viel zu grelle Lichter viel zu schnell vorbei. Laterne, Laterne, Laterne, Bushaltestelle, Laterne, Autobahnauffahrt.
„Ja, ich... habe hier auch keine Kotztüte“, gibt Schürk patzig zurück. Er klingt sauer, sieht aber nicht zu Leo, weil er fährt.
Leo seufzt. Sein Auto hätte eine Kotztüte. „Mein Auto hätte eine Kotztüte im Handschuhfach“, merkt er an und lässt Schürk mit seinem Blick wissen, dass er Schürks Auto schwach ausgerüstet findet. Das hat wahrscheinlich nur irgendwo einen top ausgestatteten Erste-Hilfe-Koffer in einem Tresor hinter einem falschen Sitz verbaut, aber nicht die kleinen, genauso wichtigen Dinge. Er will sich schon umdrehen, um die Rücksitze zu begutachten, als er Schürks verwirrten Blick sieht.
„Hm?“, fragt er deshalb.
Schürk lehnt sich zu ihm zum Beifahrersitz, langt mit seinem langen Arm zum Handschuhfach und holt eine Kotztüte raus.
„Du hast ja doch eine.“
„Hölzer, das ist dein Auto.“
Deshalb kommt Leo hier alles so bekannt vor. Er nickt erleichtert, froh, dass sie das klären konnten, und hält die Kotztüte andächtig und bereit, sie einzusetzen, wenn es schlimmer wird. Er fühlt sich auch richtig schwach und betrunken und seine Augenlider sind schwer. Die Lärmschutzwand draußen verwischt.
„Ich habe was genommen“, beschwert er sich, weil diese Situation hier eine Frechheit ist. Sein Magen drückt nach oben.
„Ich weiß, ich habe dich ja auch vorgewarnt!“, regt sich Schürk auf. „Ich habe gesagt, ‚Achtung, der hat was in deinen Drink gemischt.‘ Und du hast es trotzdem getrunken.“
Leo sieht, wie verkrampft Schürk fährt und sieht ihn leidend an. „Nein, ich meine... damit ich das Rohypnol nicht spüre. Dass mein Körper das nicht abso- ab... sorbet.“ Mm, Sorbet. Er hätte jetzt Lust auf Sorbet. Er mag Zitrone. Und Kiwi. Und Melone. Er hätte überhaupt auf ganz vieles Lust. „Adam, können wir nicht kurz ein Ablenkungsmanöver machen?“
Schürk schnauft etwas hilflos und unglücklich neben ihm.
„Hölzer, dir wurden Drogen verabreicht. Du bist gerade nicht du selbst.“
Er ist wirklich nicht er selbst gerade. Er ist... „Undercover“, murmelt er bestätigend. Genau, er ist undercover. „Wie gefällt dir das Blond?“, fragt er und lehnt sich abrupt vor, um sich in der Windschutzscheibe zu begutachten. Es ist dunkel draußen und seine Reflektion in der Scheibe ist gut erkennbar. Er findet das Blond nicht so gut. Sein Finger tapst vor ihm auf die Windschutzscheibe und er fragt sich, ob das Armaturenbrett ein gutes Kissen wäre. „Dir steht blond sehr gut.“ Das muss mal gesagt werden. Schürk kann das tragen. „Dir steht blond wirklich sehr gut.“
Schürk grabbelt an seinen Oberkörper und drückt ihn mit seiner schönen, großen, flachen Hand zurück nach hinten in den Sitz. Er tätschelt ihm die Brust. Auch das könnten sie jetzt machen, denkt Leo und legt seine Hand auf Adams. „Das ist schön.“
„Hölzer. Lass das.“
„Was?“
„Das... Flirten in dem Zustand.“
Leo seufzt und starrt wieder nach draußen. Nach einer Weile wird ihm klar, dass sie hier zu zweit fahren, obwohl sie eigentlich jeder für sich allein auf zwei verschiedenen Missionen waren. Das gefällt ihm gar nicht, weil es bedeutet, dass Schürk ihm geholfen hat. „Du hast mich gerettet. Wieder mal!“ Entsetzt ist er darüber. Entsetzt.
So entsetzt.
„Hölzer, konzentrier dich. Weißt du, ob du Rohypnol verträgst? Du siehst blass aus.“
Schürk sieht besorgt aus, als Leo sich zu ihm dreht. Weiß Schürk, dass er, trotz ihrer Feindschaft, der Einzige ist, der sich um Leo Sorgen macht? Leo kommt nicht darüber hinweg. Der Kerl ist in seinem Leben so wichtig geworden in den letzten Jahren. Sein Profil ist auch sehr schön. Aber solche Dinge darf Leo nicht denken.
Stattdessen schnauft er. Leo ist ein Top-Agent und verträgt alles gut. Alles. Schalentiere. Sellerie. Gluten. Und Soja. Und Laktose. Und alle Arten von Nüssen: Pekannüsse, Walnüsse, Haselnüsse, Muskatnüsse, Tonkabohnen. „Das kommt noch von vor zwei Wochen.“ Er zieht sein T-Shirt hoch und präsentiert Schürk seinen Bauch und die gerade mal verheilte Wunde. „Da!“ Er hat die Klammern, die Schürk in ihn hinein getackert hat, erst vor ein paar Tagen entfernt. „Wie kleine Zähne“, beschreibt er die Situation, die sich auf seiner Haut abzeichnet. Kleine Zähnchen von dem Zähne-Messer, das sich in ihn gebohrt hat. Gebissen hat es ihn. „Wie ein Krokodil.“
Schürk zupft sein T-Shirt wieder nach unten und drückt Leos Arm. „Okay. Aber keine Nebenwirkungen?“
Doch, Leo ist übel und schwindelig und seine Muskeln sind weich.
„Außer der Übelkeit, meine ich“, setzt Schürk nach.
Doch. Alles an Leo fühlt sich gerade schwummrig und weich und weit weg an.
Als hätte Schürk seine Gedanken zu ‚weit weg‘ gelesen, sagt er jetzt: „Okay, wir sind weit genug weg“, und hält an.
Zur Sicherheit fasst sich Leo an die Schläfen, falls Schürk plötzlich seine Gedanken lesen kann.
„Muss ich jetzt aussteigen?“, fragt Leo und sieht sich um. Wo sind sie und wie kommt er von hier zu seinem Hotel? Und wieso hat ihn sein eigenes Team nicht abgeholt? Hatte er kein Backup?
„Nein, Leo, du musst nicht aussteigen. Hölzer. Hölzer, bleib sitzen.“ Während Leo noch mit dem Gurt kämpft, zischt Schürk ein leises: „Herrgott.“
Schürk befreit Leo von seinem Gurtgefängnis bevor er aussteigt und zum Kofferraum geht.
Und weil Leo nicht allein sein will, steigt er auch aus. So wie vorhin. Vorhin, als Schürk ihn wild aus einem Auto gezerrt hat und ihn grob zu seinem Auto gedrängt hat und rabiat schnell auf den Beifahrersitz bugsiert und ihn gegen seinen Willen und trotz Leos starker Gegenwehr angeschnallt hat, wie einen zu großen Geschenkkorb. Leo ist aber auch ein großes Geschenk an die Bundesrepublik, denkt er. Top-Agent.
Plötzlich steht Schürk hektisch und blass vor ihm und beugt sich zu ihm hinunter. Leo war nicht klar, dass er sich offenbar neben dem Auto hingesetzt hat. Sein Bein ist abgeknickt unter ihm und er merkt unglücklich, dass es hier matschig ist. „Ja?“, fragt er und lehnt sich elegant gegen das Auto, weil er nicht will, dass Schürk auffällt, dass er selbst nicht weiß, warum er gerade sitzt.
Schürks Lächeln ist bezaubernd und erleichtert und ein wenig hilflos. Leo würde ihm so gerne helfen. Schürk hilft ihm ja auch immer. Der Typ ist immer für ihn da, selbst wenn seine eigenen Auftraggeber es nicht sind.
„Darf ich dir das geben?“, fragt Schürk und zeigt ihm eine Spritze. „Das sollte alles neutralisieren, was in deinem Körper ist.“
„Nein.“ Niemand verabreicht Leo etwas gegen seinen Willen. Außer vorhin seine Zielperson. Aber das war ein... „Plan. Das war der Plan“, lässt er Schürk wissen und weicht seinem Blick aus, weil es kein guter Plan war. Er wird ein ernstes Wörtchen mit seinem Einsatzleiter sprechen müssen, wenn er ihn das nächste Mal sieht.
„Weiß ich. Okay? Aber die Spritze hilft, ich verspreche es.“ Und weil Leo sich immer noch nicht einverstanden zeigt, lässt Schürk ihn wissen: „Die ist extra nur für Top-Agenten.“
„Für Top-Agenten?“ Leo seufzt und beginnt, sich sein T-Shirt auszuziehen. „Ist das aber nicht so wie Kloschwitz letztes Jahr?“
Schürks Augenbrauen wandern zusammen. „Warum ziehst du dein T-Shirt aus? Und... was war in Kloschwitz letztes Jahr?“
„Na, als ich dir einen Kaugummi angeboten habe und eigentlich war es...“ Hah. Schürk ist ein Schlauer. Ein ganz perfider Verhörspezialist. Schürk weiß ja gar nicht, was da passiert ist. Leo revidiert und hält im Ausziehen inne. „Eigentlich war es ein... spätes Geburtstagsgeschenk.“ Von wegen. Es war starkes Abführmittel. Abführmittel, damit Schürk seine Mission buchstäblich verkackt und Leo die Dokumente bekommt. Ausgerechnet in Kloschwitz. Leo wollte Schürk seitdem immer mal fragen, ob er da am Klo geschwitzt hat.
Schürk scheint sich daran zu erinnern. Er hält Leo in seinem T-Shirt fest und grinst ihn an. „Ziehst du das aus, damit ich dir die Spritze besser in den Arm pieksen kann?“, fragt er, als wäre das lustig.
Leo pausiert und muss darüber nachdenken. Er trägt ein T-Shirt mit kurzen Ärmeln. Das bedeutet, er muss gar nichts ausziehen. Betreten schüttelt er den Kopf. „Nein.“
„Na, komm her, du Top-Agent“, murmelt Schürk und klingt dabei schön sanft und einfühlsam und so wie Leo ihn gerne viel öfter hören würde. So, wie er vor zwei Wochen geklungen hat, als Leo auf seiner Couch fast eingeschlafen wäre. Er setzt die Spritze an Leos Armbeuge an.
„Au“, beschwert sich Leo.
„Ich habe noch nicht einmal... okay. Sieh nicht hin.“
Leo lässt sich nach vorne gegen Schürks Schulter fallen. „Ich habe keine Angst vor Nadeln.“ Leo hat vor gar nichts Angst. Nicht vor Nadeln, auch nicht vor Nadelbäumen. Tannen machen ihm keine Angst, obwohl es Flachwurzler sind und ein starkes Unwetter so eine Tanne schon mal umwerfen kann. Oder ein Blitz kann einschlagen. Generell sind Nadelbäume nicht zu unterschätzen. Wenn er genau darüber nachdenkt, sind sie sogar ziemlich gefährlich, vor allem die ganz hohen. „Ich mag kleine Tannenbäume“, lässt er Schürk deshalb wissen. Weil er nicht will, dass Schürk denkt, er hätte Angst vor Bäumen.
Schürk hält ihn mit beiden Armen an den Schultern fest, schiebt ihn gegen das Auto und sieht ihn eindringlich an. „Hölzer.“
„Ja, Nadelhölzer generell. Also, kleine.“
Schürk sieht ihn so an, als würde er ihn gleich umarmen wollen. Oder küssen. Stattdessen sagt er: „Das Zeug wirkt jeden Moment, dann bist du wieder du. Ja? Könnte sein, dass du davon Kopfweh bekommst. Das pumpt sich ziemlich schnell durch deine Blutbahn.“
„Wie ein Orgasmus.“
Schürk entkommt ein überraschend lauter Grunzlacher. „Ja, fast. Da passiert normalerweise nichts mit deiner Blutbahn…“ Er reibt seine Daumen in Leos Schulter und Leo lässt seinen Kopf zur Seite sinken, damit er mit seiner Wange Adams Hand berühren kann. Schürks Hand.
Manchmal fühlt sich ein Orgasmus so an, denkt er dabei. Aber er will gar nicht an einen Orgasmus im Zusammenhang mit Schürk denken. Überhaupt nicht. Auch, wenn der ihn so schön fest gegen das Auto drückt. Leo sitzt auch; im Sitzen geht gar kein Techtelmechtel.
„Schürk, darf ich jetzt wieder ins Auto?“ Im Auto ginge ein Techtelmechtel.
Sein Kontrahent zieht ihn hoch und schlingt einen Arm um seinen Rücken und unter seine Achseln, um ihn zu stützen. „Ich habe sogar gesagt, dass du sitzen bleiben kannst. Du hättest... egal. Ja, du kannst wieder einsteigen.“
„Meine Hose ist dreckig.“ Alles ist matschig und er überlegt, ob er seine Hose ausziehen soll. Das wäre einem Techtelmechtel ebenfalls förderlich. Danach kann er ja wieder Schürks Jogginghose anziehen.
„Ja, ist mir ehrlich gesagt egal. Ist immerhin dein Auto.“
Leo findet das unerhört.
Unerhört.
Schwer sinkt er in den Sitz und plötzlich wird alles unerhört leise und dunkel und weit weg. Er sieht gerade noch etwas verschwommen Schürks sorgenvolles Gesicht vor seinem und will ihn schon frech techtelmechteln, aber dann wird er einfach so, so müde. So unerhört müde.
Als Leo aufwacht, sitzt er in seinem Auto auf dem Beifahrersitz und draußen zischt die Landschaft vorbei.
„Was ist hier los?“, fragt er und starrt in die Dunkelheit. Felder und Windturbinen sind hier überall. Wieso sitzt er in seinem Auto als Beifahrer? Und wieso sitzt Schürk neben ihm? Und wieso fahren sie? Und wieso hat er Kopfweh?
„Hast du mir etwas verabreicht?“, fragt er, entsetzt, dass Schürk zu so tiefen Mitteln greifen würde wie er selbst.
„Wir sind nicht in Kloschwitz, oder?“
Leo versucht, seine Überraschung zu verbergen. Woher weiß Schürk von der Sache mit dem Abführ-Kaugummi? „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
Er sinkt tiefer in den Sitz und gähnt. Alles an ihm fühlt sich träge und schwer an und ihm ist übel. Seine Kotztüte liegt auf dem Armaturenbrett und er schnappt sie sich nur für alle Fälle.
„Hast du mir meine Mission weggenommen?“, fragt er, weil sie im Auto sitzen und laut den Anzeigetafeln vor ihnen von Hohnhorst wegfahren. Wird er hier etwa gerade in seinem eigenen Auto entführt?
„Hölzer?“
„Schürk?“
„Versuche mal, dich an den heutigen Abend zu erinnern.“
Nichts leichter als das. Er macht den entsprechenden Gesichtsausdruck um ‚Nichts leichter als das‘ zu vermitteln und denkt zurück:
Leos Mission war es, sich von einem Agenten entführen zu lassen – nicht von Schürk, aber von jemand anderem - und seine Dokumente zu klauen und ihn auszuschalten.
„Habe ich die Dokumente bekommen?“, unterbricht er seinen eigenen Gedankengang und dreht sich zur Rückbank. Dort liegen ein Aktenkoffer und Leos Pulli.
Natürlich hat er das bravourös gemacht, denn schließlich ist er ein Top-Agent. Er hat das Säftchen getrunken, das sein Einsatzleiter ihm gegeben hat und hat sich zu seinem Opfer an die Bar gesetzt und seinen Geldbeutel fallen lassen, damit der Typ seinen Drink präparieren konnte. Irgendwie muss ihm Schürk dazwischengefunkt haben.
„Der hat dich in seinem Auto mitgenommen“, sagt Schürk und sein Ton klingt hart, als würde er dabei seine Zähne zusammenbeißen. „Ich bin ihm gefolgt und habe ihm den Weg abgeschnitten.“ Er pausiert und sieht kurz zu Leo. „Die Mission ist erledigt.“
„Von mir.“
„Wohl eher von mir, weil der...“ Schürk bricht ab, seine Augenbrauen finster.
„Ich hatte alles im Griff.“
Er sieht, wie sich Schürks Finger um das Lenkrad krampfen und atmet tief ein. Schürk hat ihm eine Spritze gegeben, damit er die Effekte des Rohypnols loswird und hat ihn da rausgeholt, weil er selbst offensichtlich nicht wirklich dazu in der Lage war. „Okay, okay. Vielleicht nicht“, räumt er ein. „Danke“, fügt er leise hinzu, weil das geheimagentursüberschreitend nett war von Schürk.
Generell ist Schürk ein Netter. Manchmal. Meistens? Egal.
Vor ein paar Jahren kannten sie sich noch nicht so. Da waren sie zutiefst verfeindet und Leo ist sicher, dass Schürk ihn damals für unantastbar gehalten hat. Manchmal wünscht er sich das zurück. Es wäre besser für sie beide, wenn Schürk weniger über ihn wüsste. Wenn sie beide weniger übereinander wüssten. Und gerade deshalb kann er das Danke nicht so dankbar stehen lassen.
„Also, für nichts, ist klar“, fügt er hinzu. Genau, danke für nichts. „Für die Dokumente. Und mein Auto bekomme ich ja so auch wieder. Du kannst mich und das Auto gerne an einem Bahnhof absetzen, von dem aus du gut nach Hause kommst.“
Schürk schnauft amüsiert durch die Nase. „Von wegen.“
„Wie meinst du das?“
„Wiedersehen macht Freude, sage ich nur...“ Bevor sich Leo geschmeichelt fühlen kann, zieht Schürk die Nase hoch. „Und damit rede ich von meiner Jogginghose. So lange kannst du das Auto vergessen.“
Leo glättet die unschuldige Schnute, die er automatisch zieht. Die Jogginghose ist mittlerweile schon gewaschen worden, aber Leo hat sie gerade vor zwei Tagen wieder aus dem Schrank geholt und trägt sie jetzt zuhause. Er würde allerdings lieber über glühende Kohlen gehen, als das Schürk zu verraten. Dessen Ego ist groß genug, ohne zu erfahren, dass Leo seine Jogginghose bequemer findet als alle, die er selbst besitzt.
„Die war kein Geschenk,“ sagt Schürk und fährt plötzlich von der Autobahn ab.
„Wo sind wir?“
„Nicht mehr in Hohnhorst, jedenfalls.“ Schürk nickt zu einer Anzeigetafel, auf der groß ‚Hodenhagen‘ steht. „Da setze ich dich ab und dann fahre ich weiter und liefere die Dokumente ab.“
„Du setzt mich ab.“ In seinem Zustand? Träge und übel und völlig fertig von zwei gegeneinander kämpfenden Mitteln in seinen Blutbahnen? Vor zwei Wochen noch durfte er auf Schürks Couch schlafen, jetzt wird er weitergereicht wie ein Geschenkskorb - verräumt wie ein Paket.
„Ja.“ Schürk lenkt das Auto durch die Straßen und Leo sieht sich aufmerksam um. Sie biegen ab und Schürk bleibt bei einem Hotel stehen. „Das ist das Einzige im Ort“, lässt er Leo wissen.
„Okay.“ Er muss sich eingestehen, dass es besser ist so. Sie sollten nicht so viel zusammen machen, denn je mehr Abstand sie haben, desto leichter fällt ihnen ihr Job. Sie sind Kontrahenten. Agenten-Konkurrenten.
Schürk steigt aus, umrundet das Auto und hilft Leo beim Aussteigen.
„Danke“, sagt Leo noch einmal. Sie wissen beide, dass Schürk nichts hiervon hätte tun müssen. Weder die Rettung, noch das Gegenmittel, noch die Fahrt hierher.
„Mit der Regionalbahn bist du in vierzig Minuten in Hannover. Von da aus...“
„Ja, schon klar.“ Er hängt sich bei Schürk ein und lässt sich von ihm zum Eingang begleiten. Auf halbem Weg merkt er, dass er fröstelt und dass sein Pullover auf der Rückbank seines Wagens liegt. „Warte, mein Pulli.“
„Ich frage inzwischen, ob die überhaupt ein Zimmer für dich haben.“
Schürk geht vor, während Leo noch einmal umdreht, um seinen Pullover zu holen und... da auf der Rückbank liegt der Aktenkoffer. Unabgesperrt. Offen, sozusagen. Und wenn er ehrlich ist, hat er die Dokumente verdient, nicht? Er wurde für sie immerhin unter Drogen gesetzt und entführt. Er sieht sich um und klappt den Aktenkoffer auf. Und wenn er schon einmal offen ist, dann... ist das Mitnehmen nicht mehr so weit.
Er versteckt die Dokumente sicher unter seinem T-Shirt, stopft sie in den Hosenbund, zieht den Pullover wieder an und folgt Schürk zur Rezeption. Drinnen angekommen, steht Schürk bereits mit einer Rezeptionistin da und schäkert professionell. Er lässt sie stehen, um sich von Leo zu verabschieden.
„Und du brauchst keinen Schlaf?“, fragt Leo leise zwischen ihnen.
Schürk schüttelt den Kopf. „Alles gut. Schlaf du dich aus. Wir... sehen uns. Irgendwann mal.“
„Ja, bis bald.“
Leo würde Schürk zum Abschied gerne umarmen, aber er hat schließlich die Dokumente unter seinem Pullover. Deshalb winkt er nur etwas steif. Schürk tut es ihm gleich, bevor er sich mit einem lauten „Gute Besserung!“, verabschiedet und durch die Schiebetür hinaus zu seinem Auto zurücktrabt.
Als Leo sich zur Rezeptionistin dreht, lächelt sie ihn offenherzig an und er weiß bereits bevor sie zu sprechen beginnt, dass Schürk ihr eine peinliche Geschichte aufgetischt hat. Und tatsächlich sagt sie in einem mitleidigen, beschwichtigenden Ton: „Es muss Ihnen nicht peinlich sein. Unsere Badezimmer sind wirklich top ausgestattet und jemand vom Service bringt Ihnen gleich noch extra Toilettenpapier aufs Zimmer.“
Als Leo wenig später auf seinem Hotelbett liegt und an die Decke starrt, ist er ziemlich zufrieden mit dem Erfolg der Mission. Er hat seinen Part erledigt, die Dokumente gesichert, ist erfolgreich vom Zielort abgehauen und in einem unscheinbaren Ort untergetaucht. Top-Agent einfach.
