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Verfeindet auf hoher See

Summary:

Die Agenten Schürk und Hölzer, immer noch so geht-so-mittel-verfeindet, in einem Motorboot auf der Ostsee. Was soll da schon schiefgehen?

Notes:

Ich hab keine Ahnung von Motorbooten. Alles andere in dieser Fic entspricht natürlich absolut der Realität.

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Work Text:

Ostsee vor Scharbeutz

 

So unauffällig wie möglich schlendert Adam über den sonnenbeschienenen Anleger und kann es schon von weitem sehen. Kann ihn schon von weitem sehen. Hölzer. Leo. Hölzer. Fuck.

Hölzer.

Der da steht und auf ein festgemachtes Motorboot hinunter sieht, sich schließlich umsieht – und Adam dabei eindeutig übersieht, womöglich aber absichtlich, bedenkt man, was er sich bei ihrem letzten Einsatz geleistet hat, auch wenn er nicht ganz er selbst war dabei – und dann hinunter in das Boot springt. Das der konkurrierende, jawohl, konkurrierende Agent ganz eindeutig klauen will, hier und jetzt, etwas, das Adam sich auf keinen Fall entgehen lassen wird. Zumal er ja selbst gerade im Begriff ist, eines dieser Boote, die sowohl Einheimischen als auch Touristen gehören, zu… leihen. Sich auszuborgen. Wie man das eben so macht, wenn man ganz spontan ein Motorboot braucht, um zu einer Yacht hinauszufahren, auf der sich ein Tresor mit Dokumenten befindet, die für die Aufrechterhaltung des Friedens in der Bundesrepublik von entscheidender Bedeutung sind.

Adam beschleunigt sein Schlendern, achtet nicht mehr auf die anderen Boote, die hier noch zur Auswahl stehen, und kommt in dem Moment bei Hölzer und ‚seinem‘ Motorboot an, in dem der dunkelhaarige Mann sich gerade suchend nach etwas umsieht.

„Aneignung einer fremden beweglichen Sache. Bis zu fünf Jahren, hab ich gehört“, sagt Adam und kann ein breites Grinsen nicht unterdrücken. „Oder doch eher… Zündschlüssel vergessen?“

Hölzer schreckt sichtlich zusammen. Adam meint, den anderen Agenten frustriert seufzen zu hören. Vermutlich verdreht er auch noch genervt die Augen, denn so ist das eben bei ihnen: Jeder von ihnen würde wahnsinnig gerne mal einen, nur einen einzigen Auftrag erledigen, ohne dass der andere ihm dazwischen funkt. Aber irgendwie auch nicht. Verdammt. Aber als einer der Top-Spione im Deutschland muss man ja den Schein wahren, was auch Hölzer wohl bewusst ist. Der dreht sich jetzt nämlich zu Adam um und sagt, natürlich genervt (gespielt-genervt, Adam weiß es genau, aber soll der Hölzer mal schön genervt tun) und doch mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht (diesem verdammt schönen Gesicht… verdammt): „Gar nichts hab ich vergessen. Immerhin wusste ich doch genau, dass du noch hier auftauchst.“

„Ach ja?“, fragt Adam und schiebt sich die Pilotensonnenbrille in die Haare. Er verschränkt erwartungsvoll die Arme vor der Brust und sieht sich kurz um. So gern er auch mit Hölzer plaudert – und er plaudert wirklich verdammt gerne mit ihm, auch wenn der das nicht wissen muss – so ungern will er doch dabei von irgendwelchem kriminellen Gesindel überrascht werden. „Und du denkst, dass das Boot mir gehört und ich einen Schlüssel dafür habe?“ Natürlich weiß er, dass Hölzer das ganz sicher nicht denkt.

„Du weißt genau, dass ich das ganz sicher nicht denke“, sagt Hölzer und Adam muss kurz nach Luft schnappen. Warum sagt der Kerl immer wieder Dinge, die Adam gerade noch gedacht hat?

Noch ehe er sich wieder gefangen hat, fügt Hölzer noch hinzu: „Aber ich wusste, du kannst nicht weit sein. Und wer Tresore knacken kann, der kann auch ein Motorboot kurzschließen.“ Dass Hölzer ihm jetzt auch noch verschwörerisch zuzwinkert, gibt Adam ein bisschen den Rest. Aber er reißt sich zusammen. Dieser Hölzer bringt ihn nicht aus dem Konzept, ganz sicher nicht. Ihm auf seinem eigenen Sofa das Leben zu retten, hat Adam nicht aus dem Konzept gebracht, aber mal sowas von gar nicht. Und Leos... Hölzers (Hölzers!) Gesäusel und Anflüge von Techtelmechtelei im Auto auf und neben dem Auto neben der Autobahn schon gleich überhaupt nicht. Also wird auch das hier Adam nicht aus dem Konzept bringen.

„Das könntest du auch, wenn du dich nicht so dämlich anstellen würdest“, erwidert er also und springt hinunter zu Hölzer in das Boot, das dadurch merklich ins Schaukeln gerät. Fast schon panisch greift Hölzer nach dem Lenkrad, um sich festzuhalten.

Er ist eben nicht nur ganz schön schön, sondern auch eine ganz schöne Pflaume.

„Ah, richtig. Du hast’s ja nicht so mit dem Wasser“, sagt Adam zu der Pflaume und lässt genießerisch nun seinerseits ein wenig Süffisanz raushängen.

„Wir sind hier auf einem Motorboot“, gibt Hölzer zurück und versucht, so souverän wie möglich zu klingen. Er scheitert natürlich kläglich. Adam kennt ihn längst viel zu gut.

„Das sich auf der Ostsee befindet.“

„Noch befindet es sich – “

„Das Wasser hier gehört auch schon zur Ostsee, Schlaumeier. Kotztüte dabei?“, fällt Adam Hölzer ganz entspannt ins Wort und schiebt sich dicht neben ihn. Aus... einsatztaktischen Gründen, versteht sich.

„Hey, was soll – “, will Hölzer protestieren, doch wieder ist Adam schneller: „Soll ich das Ding jetzt kurzschließen oder nicht?“

Hölzer brummt sein Einverständnis und lässt das Lenkrad los. Von der Seite wirft Adam ihm einen kurzen Blick zu, sagt: „Du kannst schon mal die Leinen losmachen“ und schaut vielleicht eine Sekunde (oder fünf oder zehn oder dreizehn) zu lange auf Hölzers in einer Cargo-Shorts verpackten Arsch, als der andere Mann sich umwendet und nach den Leinen streckt, um sie zu lösen. „Aber geh nicht über Bord dabei“, fügt Adam noch hinzu und erntet ein unamüsiertes „Ha-ha, ich geh nicht über Bord und ich brauch auch keine Kotztüte.“

Okay, dann eben nicht. Hölzer will offenbar ebenso wenig über ihren letzten Einsatz reden wie Adam, auch wenn der gerne noch etwas zu den Dokumenten sagen würde, die Hölzer sich erneut unter den Nagel gerissen beziehungsweise unter seinen Pulli geschoben hat, nur so kann es gewesen sein. Aber Adam ist ja selbst Schuld.

Er wirft einen vorerst letzten Blick auf Hölzers Hintern, räuspert sich und wendet sich der Zündung des Bootes zu. Er zieht ein Klappmesser aus einer Hosentasche, steckt die Klinge in die Zündung, dreht ein wenig und drückt gleichzeitig den Startknopf. Beim zweiten Versuch springt der Außenborder an.

„Du bist so ein raffiniertes Arschloch“, hört er Hölzer dicht neben sich sagen. Vor lauter Konzentration hat Adam gar nicht gemerkt, dass sein Konkurrent die Leinen bereits gelöst und sich neben ihn gestellt hat.

„Gelernt ist eben gelernt. Aber davon verstehst du ja nichts“, sagt Adam und macht Hölzer gönnerhaft am Steuer Platz. Vielleicht kriegt er ja wenigstens das hin.

„Du hast keine Ahnung, wovon ich was verstehe“, sagt Hölzer brummig. Adam könnte sich irren, aber er ist sich ziemlich sicher, dass Hölzer sich extra auffällig in Pose wirft hinter dem Steuer. Sich betont breitbeinig hinstellt und seine von einem engen Tanktop gerade eben so bedeckte Brust noch etwas weiter rausstreckt, bevor er sagt: „Halt dich fest, Schürk.“

„Gib du erstmal Gas, Hölzer“, sagt Adam gelassen, greift aber mit beiden Händen den oberen Rand der Windschutzscheibe. Er steht nur einen Schritt neben Hölzer und versucht, seinen Blick nach vorne zu richten.

Das gelingt ihm für schätzungsweise drei Sekunden. Hölzer rangiert gerade noch das Boot zwischen den anderen Booten heraus, da fällt Adams Blick auch schon auf Hölzers Hände am Steuer. Seine Augen wandern weiter die gebräunten, muskulösen Arme hinauf, entdecken auf Hölzers linkem Unterarm diese kleine, blasse Narbe, die ihn schon immer ein bisschen wahnsinnig macht und die wohl die einzige von Hölzers Narben ist, von der Adam nicht weiß, woher sie stammt. Entdecken außerdem, heute nicht zum ersten Mal, weitere Narben, natürlich auch die am rechten Oberarm, die kaum zu übersehen ist. Viel zu groß und tief war der Schnitt, den dieses Arschloch von einem Drogenboss-Bodyguard Hölzer 2020 in Ludwigshafen verpasst hat. Adam musste den Bodyguard daraufhin leider bis zur Bewusstlosigkeit würgen. Andererseits hat der Typ Hölzer mit seiner Messerattacke aber eben auch eine verflucht sexy Narbe verpasst.

„Kannst du schon was erkennen?“, reißt Hölzers Stimme Adam aus seinen Gedanken. Sein Blick fliegt hinauf zu Hölzers blaugrünen Augen. Adam flucht innerlich. Der Kerl mag ja eine Niete im Öffnen von Tresoren und im Entschärfen von Bomben und beim Überqueren von Straßen und Konsumieren von mit Rohypnol versetzten Drinks sein, aber Adam beim Starren erwischen, das kann er. Als er vor kurzem noch halbverblutet und schlafend auf Adams Sofa lag, erwischte er Adam vermutlich nur deshalb nicht bei ebenjenem Starren, weil er eben schlief. Jedenfalls hofft Adam, dass er schlief. Er mag zwar gestarrt haben, auf diesen auf seiner Couch liegenden Hölzer, aber vielleicht hat der auch nur so getan, als ob er – immerhin ist er ja ein Top-Agent. Nicht so Top wie Adam natürlich, aber immer noch ganz schön Top. Meistens. Manchmal. Gelegentlich. Eigentlich immer nur dann, wenn er einen Einsatz zusammen mit Adam – was ja seit geraumer Zeit immer der Fall ist. Und außerdem schafft er es auch immer, am Ende mit der Beute a.k.a. den Dokumenten abzuhauen, obwohl es immer Adam ist, der sie beschafft. Das ist... verdächtig, irgendwie, denkt Adam und fragt sich, nicht zum ersten Mal, ob er unterbewusst vielleicht will, dass Hölzer immer und immer wieder die Lorbeeren für ihre erfolgreich erledigten Aufträge einheimst?

Das wäre ja völlig verrückt.

So oder so. Jetzt schläft Hölzer jedenfalls nicht. Weshalb Adam seinen Blick von Hölzers Augen losreißt, hastig zum Fernglas greift und sich auf seinen Auftrag, der auch heute ganz schnell zu ihrem Auftrag geworden ist, besinnt. Konzentriert blickt er durch das Fernglas. So konzentriert das eben geht, während er nun umgekehrt Hölzers Blicke auf sich ruhen spürt.

„Steuer das Boot“, sagt er, wohl wissend, wie sexy er gerade aussehen muss, während er mit gehobenen Armen hier steht, das Fernglas in seinen Händen, ein ärmelloses Henley und eine jeansblaue Leinenhose am Leib.

„Kümmer dich um dein Fernglas“, gibt Hölzer zurück und Adam weiß, er weiß es einfach, dass der andere Mann ihn immer noch beobachtet. Schon wieder muss er grinsen.

„Kümmer du dich um die Yacht da vorne“, sagt Adam zufrieden und lässt das Fernglas sinken. „Nicht zu nah ran fahren“, fügt er noch hinzu, während er in die Hocke geht. Ein bisschen in Deckung gehen kann nie schaden, wenn man die obszön-fette Yacht des reichsten und korruptesten Hotel- und Restaurantbesitzers zwischen Fehmarn und Boltenhagen auskundschaften will.

„Ich bin ja nicht blöd“, sagt Hölzer, wiedermal eindeutig beleidigt, und verringert die Geschwindigkeit so abrupt, dass Adam nach vorne geschleudert wird. Er versucht noch, sich abzufangen, doch vergeblich. Das Fernglas fliegt ihm aus der Hand, seine Sonnenbrille fliegt auf den Boden und er selbst fliegt gegen die Bordwand.

„Uuups“, kommentiert Hölzer kichernd. In Windeseile richtet Adam sich auf und wirft Hölzer einen vernichtenden Blick zu.

„Ich geb dir gleich uuups, du – “

„Ups“, wiederholt Hölzer und kichert nicht länger.

„Hölzer, ich warne – “

„Ich glaub, die haben uns entdeckt“, fällt der Mann am Steuer Adam ins Wort und klingt plötzlich ganz ruhig. Dieser blöde Arsch. Ist immer dann die Ruhe selbst, wenn es brenzlig wird. Na, oder jedenfalls meistens. Und meistens hält diese Ruhe auch nicht lange an, aber in diesem Moment kommt sie Adam überaus gelegen, während er noch nach dem Fernglas tastet und versucht, wieder ganz auf die Füße zu kommen. Doch da hat er die Rechnung ohne Hölzer gemacht.

„Bleib unten“, sagt der nämlich jetzt und starrt weiter voraus. Nach kurzem Zögern stellt er den Motor ab.

„Hölzer, was zum Teufel – “, will Adam fragen, da fährt der andere Agent unbeirrt fort: „Bleib unten und denk an vorletztes Jahr in Sankt Peter-Ording.“

Nichts liegt Adam ferner, als an vorletztes Jahr in Sankt Peter-Ording zu denken, aber wo Hölzer Recht hat, hat er leider Recht. Das könnte funktionieren und wäre allemal besser, als die Arschlöcher auf der Yacht durch eine überstürzte Flucht noch misstrauischer zu machen, als sie vermutlich ohnehin schon sind.

„Alles klar“, stimmt er also zu, bleibt unten und greift nach Hölzers rechtem Handgelenk. Wartet. Sieht, wie Hölzer ein letztes Mal die Augen zusammenkneift und hinüber zu der Yacht blickt, hört ihn schließlich sagen: „Okay, dann mal los.“

Bereitwillig lässt Hölzer sich von Adam auf den Boden des Motorboots ziehen. Adam hat sich schon hingelegt, zieht den muskulösen Mann halb auf sich. Muss kurz daran denken, wie Hölzer da im oder neben dem Auto auf oder neben der Autobahn von Ablenkungsmanövern und Orgasmen in Blutbahnen gesäuselt hat. Besonders an Letzteres sollte Adam jetzt so gar nicht denken. Zumal es Letzteres ja auch gar nicht gibt, aber Vorletzteres, also, Orgasmen. Die gibt es. Definitiv. Aber nicht hier und heute und mit Hölzer. Und überhaupt.

Adam schluckt. Kurz sehen er und Hölzer sich in die Augen, nicken sich zu. Dann lehnt Hölzer sich ganz zu Adam herunter und küsst ihn. Küsst ihn nicht zur Show, eindeutig nicht, sondern öffnet fast sofort seine Lippen und tastet mit seiner Zunge in Adams Mund.

Auch Adam öffnet seine Lippen und erwidert den Kuss gierig. Schlingt einen Arm um Hölzer herum und legt eine Hand in seinen Nacken. Groß und eindeutig müssen der Kuss, die Gesten sein, damit die Typen auf der Yacht ihnen das Ablenkungsmanöver abkaufen. So sehr, wie Adam Hölzer und sich selbst ihr Ablenkungsmanöver abkauft, verflucht nochmal, ob er will oder nicht.

Während Adam mit seiner Hüfte gegen Hölzer rollt und Hölzer ein Bein zwischen Adams Oberschenkel schiebt, hört er, wie sich ein Motorboot nähert. Wie gerne würde er das Geräusch und alles, was damit zusammenhängt, jetzt ausblenden, aber sie sind eben nicht zum Spaß hier.

Das wäre ja auch noch schöner.

Das Motorengeräusch kommt näher und näher, bis der Motor schließlich in den Leerlauf geschaltet wird und eine Stimme ruft: „Hey, was wird das hier? Machen Sie, dass Sie wegkommen!“

Die Stimme klingt alles andere als freundlich, und doch lässt Adam sich weiter von Hölzer knutschen. Ja, lässt sich von ihm eine Hand unter sein Henley schieben, während er selbst unter Hölzers Tanktop neugierig nach der Narbe tastet. Der Narbe aus Adams Wohnzimmer. Wie kann sich all das jetzt schon so verdammt gut anfühlen, obwohl das nur ein Ablenkungsmanöver ist, fragt Adam sich wieder einmal. Und knutscht und fummelt weiter, jedoch mit einem Ohr und einem Großteil seiner Sinne bei dem anderen Motorboot.

„Hey, haben Sie nicht gehört? Verschwinden Sie von hier, Sie haben hier nichts zu suchen!“, ruft die Stimme, ungeduldiger und bedrohlicher.

Adam hört Hölzer seufzen und spürt, wie er sich langsam von ihm löst. Eindeutig widerwillig. Ebenso widerwillig, wie Adam es geschehen lässt.

Hölzer richtet sich auf. Von unten herauf und mit einer Hand an Hölzers unterem Rücken und der Glock, die da in seinem Hosenbund steckt, beobachtet Adam ihn dabei, wie er zu dem Motorboot hinüber sieht und sich scheinbar peinlich berührt durch die Haare fährt. Fuck, an dem Kerl ist echt ein Schauspieler verloren gegangen.

„Waaas?“, ruft Hölzer unsicher und mit irgendwie quietschiger Stimme zu dem anderen Boot hinüber, „wir haben hier nur… also, wir wollten nur… wir wussten ja nicht… ich meine, sehen Sie sich den blonden Kerl mal an… “ – hier deutet Hölzer hinunter auf Adam, sieht ihn dabei an und zwinkert ihm verknallt zu – „… wie soll man da nicht – “

„Ja, interessiert mich nicht, sehen Sie einfach zu, dass Sie Land gewinnen!“

Adam muss sich auf die Unterlippe beißen, um nicht laut loszulachen. Land gewinnen mitten auf der Ostsee, das entbehrt nicht einer gewissen Komik. Ein Blick in Hölzers Gesicht verrät ihm, dass er exakt den gleichen Gedanken hat. Der Blick verrät ihm außerdem, dass noch etwas mehr Fummelei nicht schaden kann, um ihre kleine Aufführung – die nur teilweise eine Aufführung ist, das spürt Adam so eindeutig, dass er gerne ein bisschen schreien würde – perfekt zu verkaufen, weshalb auch Adam sich nun ein wenig weiter aufrichtet und mit seiner freien Hand über Hölzers tanktopbedeckten Oberkörper reibt, bestens sichtbar für den Kerl im anderen Boot samt bewaffnetem Begleiter.

„Was ist los, Baby?“, fragt er zur Krönung und tut ganz ahnungslos.

Hölzer sieht erneut zu ihm herunter und kämmt ihm mit einer Hand durch die Haare. „Nichts, Süßer. Wir müssen uns nur einen anderen Ort suchen für…“, antwortet er schon fast zu überzeugend verträumt und tut so, als könne er seinen Blick nur mit allergrößter Mühe von Adam losreißen. Aber vielleicht tut er auch gar nicht so, denkt Adam, bevor er erwidert: „Okay, aber… schnell.“

„So schnell wie möglich“, sagt Hölzer zwinkernd und steht ganz auf. Blickt wieder hinüber zu den Typen von der Yacht und fügt hinzu: „Wir sind schon so gut wie weg!“

„Schön für euch!“

Adam sitzt noch immer auf dem Boden und lässt seine Hand von Hölzers Oberkörper an seinen rechten Oberschenkel gleiten. Reibt von außen nach innen, so weit oben, dass er dabei nicht nur den Oberschenkel berührt. Er hört den anderen Agenten scharf die Luft einziehen, spürt unter seiner Hand, wie Hölzer versucht, das Gleichgewicht auf dem ohnehin leicht schwankenden Boot nicht zu verlieren.

„Nichts wie weg…“, murmelt Hölzer und signalisiert den Männern auf dem anderen Boot mit einer Geste, dass gleich wieder alles in Ordnung ist. Tritt ans Steuer und erinnert sich endlich daran, dass er Adams Hilfe brauchen wird, um ihr eigens geklautes Motorboot –

„Ich mach das, Baby“, flötet Adam und steht auch schon neben Hölzer, nicht jedoch, ohne vorher seinen Schwanz in seiner Hose so unauffällig wie möglich zurecht zu rücken. Hölzer schiebt sich schon wieder so verflucht dicht an Adam heran, versperrt den Kriminellen jedoch damit die Sicht auf Adams Klappmesser und sein alles andere als sachgemäßes Anlassen des Motors.

Manchmal ist es fast zum Verrücktwerden, wie gut sie zusammenarbeiten.

Als der Motor wieder läuft, winken sowohl Hölzer als auch er selbst noch einmal hinüber zu dem anderen Boot, dann wendet Hölzer in einem großzügigen Halbkreis und nimmt Kurs zurück zum Anlegesteg.

Sie sind gerade so weit gekommen, dass Adam von einer sicheren Entfernung zu Yacht und dazugehöriger Besatzung sprechen würde, da geht der Motor ihres Bootes mit einem Stottern aus.

Hölzer steht am Steuer und sagt – nichts.

Adam steht neben ihm und dreht sich zu ihm hin, damit er ihn ansehen kann. Und fragt fassungslos: „Echt jetzt? Es war dir also nicht möglich, ein Boot mit genügend Benzin im Tank zu klauen?“

„Wie soll ich dem Ding ansehen, wieviel Benzin im Tank ist?“, gibt Hölzer bockig zurück.

„Das hättest du sofort nach dem Anlassen des Motors sehen sollen. Wie beim Auto, du Experte“, sagt Adam ungeduldig.

„Wenn ich mich nicht sehr irre, hast du den Motor angelassen!“

„Aber du bist der Steuermann, Hölzer!“

„Und du bist ein Blödmann, Schürk!“

Dazu fällt Adam wahrlich keine geistreiche Replik mehr ein.

Mit einem Anflug von Verzweiflung wirft er die Hände in die Luft und stöhnt. Es ist doch einfach nicht zu fassen, denkt er, und wirft Hölzer einen vorwurfsvollen Blick zu.

„Es ist doch einfach nicht zu fassen!“, sagt er laut, macht die an der Seitenwand befestigten Paddel los und wirft eines seinem Gegenüber zu.

„Echt jetzt?“, wiederholt der Adams Worte von kurz zuvor. Perplex betrachtet er das Paddel, das er immerhin geistesgegenwärtig aufgefangen hat.

„Quatsch nicht und fang an zu paddeln“, sagt Adam, hockt sich hin und fängt an zu paddeln. Gegenüber tut Hölzer es ihm nach, wenn auch mit spürbarem Widerwillen.

„Du kannst uns auch einen Hubschrauber bestellen, der uns abholt“, sagt Adam grimmig und paddelt, wohl wissend, dass Leos Leute ihn gerne mal hängen lassen.

„Den hättest du von vornherein bestellen können, dann hätten wir das aus der Luft erledigen können“, antwortet Hölzer und paddelt. Ein bisschen. Adam wirft ihm einen kritischen Blick zu und runzelt die Stirn.

„Die letzte Wunde immer noch gut verheilt?“, fragt er, gerade so, als wolle er nur ein wenig Konversation machen.

„Klar.“ Hölzer hebt das Paddel aus dem Wasser und lehnt sich gegen die Bordwand. Fast erwartet Adam, dass der Mann wie schon auf oder neben der Autobahn sein Tanktop hoch- oder ausziehen will, um Adam die verheilte Wunde zu präsentieren. Eine Hand hat er schon am Saum seines Shirts, besinnt sich aber noch eines Besseren und sagt lediglich: „War ja nicht der Rede wert.“

„Ja, genau“, sagt Adam und schnaubt abfällig. Er weiß nur zu gut, wie sehr der Rede wert die klaffende Wunde war, an der Hölzer beinahe in seinem Wohnzimmer verblutet wäre. Viel besser noch weiß er, wie nachhaltig ihn diese Verwundung beeindruckt hat; wie klar ihm dadurch wurde, wie wichtig ihm Hölzer in den vergangenen Jahren geworden ist. Etwas, was Adam unter allen Umständen für sich behalten muss, denn Gefühle kann er sich in diesem Job einfach nicht leisten. Keiner von ihnen kann das.

„Genau“, sagt Hölzer und setzt seine Bordwand-Lehnerei unbeirrt fort. Fast scheint es, wieder einmal, als habe er Adams Gedanken gelesen.

Auch Adam unterbricht sein Paddeln jetzt für einen Moment und räuspert sich. „Dann paddel wie ein Mann und nicht wie ein Fünfjähriger, Hölzer. Aber plumps nicht rein. Das ist hier nicht der Rhein. Oder der Main. Oder die Elbe“, sagt Adam und nimmt das Paddeln wieder auf. „Und was den Hubschrauber angeht“, fügt er hinzu und sieht erneut zu Hölzer hinüber, der nach wie vor seine Paddel-Pause genießt, „dann doch lieber das Motorboot. Oder hast du vergessen, was damals in der Uckermark passiert ist?“

Hölzer seufzt kleinlaut. „Nein, hab ich nicht“, murmelt er und taucht sein Paddel endlich wieder ins Wasser.

Gut, denkt Adam. Er nämlich auch nicht. Hölzer und Hubschrauber. Schlimmer geht’s nicht. Hölzer hingegen beim nun endlich kräftigen Paddeln zuzusehen…

Scheiße. Später wird Adam zur Abkühlung definitiv in die Ostsee springen müssen. Oder im Hotel eine kalte Dusche nehmen. Oder beides. Und das nicht nur wegen der schweißtreibenden Paddelei.

Er wirft einen verstohlenen Blick hinüber zu Hölzer und erwischt ihn gerade noch dabei, wie er ertappt wegguckt. Aha. Alles klar. Auch Hölzer wird also heute noch in der Ostsee baden. Oder kalt duschen. Oder beides.

Und morgen... alles von vorne. Dann vielleicht doch mit einem Hubschrauber, wenn es gar nicht anders geht. Und außerdem wird er Leo dann erneut daran erinnern, dass er Adams Jogginghose immer noch nicht zurückgegeben hat.

„Bist du übrigens mit meinem Auto da?“, fragt Hölzer ihn wie aufs Stichwort. Okay. Dann klären sie das eben jetzt.

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