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Verfeindet an... Orten

Summary:

Hölzer ist kompetent (aber trotzdem verfeindet!) mit einem Schürk, der ausnahmsweise Unterstützung braucht.

Work Text:

 

Ein Hafen irgendwo im Deutschland

 

Regen prasselt unaufhörlich auf Leo und seine Plane herab. Von oben hat er durch sie zwar halbwegs Deckung vor der Nässe, aber seine Isomatte ist inzwischen getränkt.

Er ist gut versteckt in seinem Tarnanzug, hinter Paletten und Kisten, aber trotzdem liegt er mittlerweile in einem halben Zentimeter Regenwasser, weil das Wasser vom Dach nicht richtig abfließt. Durch einen kleinen Riss in seiner Plane tropft auch noch Wasser auf ihn. Den hat er nicht bemerkt, als die Sonne schien, aber jetzt macht er sich deutlich bemerkbar. Einfach dumm gewählt. Das verlassene Gebäude, in dem er sein Nest gebaut hat, steht auf einem bewaldeten Hang und er hat perfekte Sicht auf das Gelände ein paar hundert Meter vor ihm. Der Rest ist für die Tonne.

Seine Klamotten sind feucht und es kann nicht mehr lange dauern, bis ihm kalt wird, trotz seines Neoprenanzugs. Er wünscht sich nach Hause, in seine warme Wohnung, oder zumindest in sein trockenes Hotelzimmer. Seit Wochen ist er nur in Hotels unterwegs, gerade mal hier oder da eine Nacht zuhause, lange genug, um Wäsche zu waschen und neue Klamotten zu packen, aber nicht lange genug, um mal den Haushalt zu machen. Seine Wohnung riecht jedes Mal abgestanden und staubig, wenn er die Tür öffnet.

Seinen Job zu verfluchen bringt aber auch nichts. Er räuspert sich und denkt an die Bundesrepublik.

Unter ihm, im Hafengelände geht ein Flutlicht an, sein Signal, dass der Agent entdeckt wurde, dem er heute im Namen interageheimdienstlicher Kooperation Deckung geben soll.

Showtime.

Er beißt in seinen Jackenkragen und zieht den Reißverschluss auf, um seinen Rechner rauszuholen, den er dort versteckt hat, wo es noch am trockensten ist. Das Teil ist zwar wasserfest, aber mittlerweile schon ein paar Jahre alt. Leo riskiert nichts. Er sieht durch das Zielfernrohr und beobachtet den Wind unten, schätzt die Geschwindigkeit, gibt sie ein. Regen, Luftfeuchtigkeit, Distanz. Er weiß schon, was der Rechner sagen wird, bevor er die Zahlen eingibt.

Zuletzt spuckt er seinen Kaugummi aus und legt seine Wange an den Schaft.

Zwei bewaffnete Wachen kommen von der Ostseite, zwei von der Westseite. Aus dem Bürogebäude der Import-Gesellschaft kommen gleich vier. Eine kleine Privatarmee haben die hier versammelt. Die Wachen sind nur mit Handfeuerwaffen ausgestattet, aber diese vier... zwei MP5, ein HK417 und eine AUG. Söldner, wenn er nach dem Aussehen geht. Er erkennt die verschiedenen Arten, wie sie ihre Waffen tragen, erkennt die Stiefel, erkennt die Nachtsichtgeräte auf den Waffen. Der Typ mit dem Sturmgewehr hat ein Zielfernrohr montiert, aber keinen Unterbau. Gut.

Er wartet und beobachtet.

Die Söldner strömen aus.

Von dem Agenten ist noch nichts zu sehen.

Plötzlich bewegt sich etwas auf der anderen Seite des Bürogebäudes, ganz hinten an der Südostseite des Container-Dschungels. Es ist eindeutig der Agent des anderen Geheimdienstes. Er trägt eine Mütze, tief in die Stirn gezogen. Ganz in schwarz gekleidet ist er perfekt getarnt in diesem Nachteinsatz. Er weiß offensichtlich, dass er erwischt wurde, denn er hat seine SIG Sauer gezückt und sieht sich aufmerksam um. Trotzdem übereilt er nichts, bleibt ruhig und horcht in die Nacht. Eine Sorge weniger: der Typ hat sich im Griff.

Lange wird die Ruhe da unten nicht anhalten. Die zwei Wachen von der Ostseite werden bald genau auf ihn zulaufen. Was auch immer gleich passiert, Leo und der Agent der Konkurrenz werden es im Dunkeln leichter haben.

Leo legt ein Hartkerngeschoss ein und richtet sein Gewehr auf das Flutlicht.

Er drückt ab und unten auf dem Gelände wird es mit einem Schlag dunkel.

Er schaltet die Nachtsicht ein, wechselt Munition und wendet sich dem Agenten zu. Der muss den ganzen Hof überqueren, um hier auf der Nordseite durch den Zaun zu kommen. Er geht auf die linke Seite und Leo sucht die beiden Wachen. Die sind nur noch ein paar Container entfernt, aber schnell ausgeschaltet.

Er nimmt sich den hinteren vor, dann den, der vorangeht. Im Regen hört man die zwei da unten nicht einmal fallen, vermutet er. Kein Schuss löst sich. Alles bleibt still.

Der gegnerische Agent läuft ihren Leichen nicht einmal über den Weg. Perfekt, auch wenn er dadurch zwei Handfeuerwaffen mehr hätte.

Die Söldner haben sich mittlerweile in Zweierpaare aufgeteilt. Der mit dem Sturmgewehr geht mit seinem AUG-Kollegen auf die Westseite, mit dem kaputten Flutlicht im Rücken. Würde Leo auch.

Er konzentriert sich auf die anderen beiden, die sich in Richtung des gegnerischen Agenten durch die Containergassen fortbewegen. Leo hat bei jedem Containerspalt nur Sekunden, um einen zu erwischen. Und sobald er den ersten hat, weiß er, wird die Hölle losbrechen.

Er atmet durch, kalibriert auf den Drei-Meter-Spalt zwischen zwei Containern und wartet, bis der erste auftaucht. Er will den zweiten.

Und er bekommt ihn auch.

Sobald der Söldner gefallen ist, versteckt sich der zweite. Sein Kopf taucht auf, seine Waffe auch. Er schießt blind, weit unter Leos Versteck, in den bewaldeten Hügel.

Ein rascher Blick zu dem Agenten verrät Leo, dass er den Aufruhr geschickt nutzt, um voranzukommen. Um den muss er sich keine Sorgen machen. Die Söldner konzentrieren sich gerade auf den, der auf sie schießt. Gut so.

Er erwischt den zweiten am Arm und hat damit vor ihm kurz Ruhe.

Die beiden anderen machen sich auf den Weg nach Norden zum Zaun. Leo schießt, aber verfehlt und die beiden gehen in Deckung.

Scheiße. Zu voreilig. Zu siegessicher.

Damit wissen sie etwas genauer, wo er sich befinden muss. Es gibt nur zwei Gebäude hier oben.

Sturmgewehr scheint ihn zu suchen. Zwischen zwei Fässern taucht das Zielfernrohr des Schützen auf und Leo bleibt kurz liegen.

Der Söldner mit der AUG schießt zur Ablenkung ein paar Mal. Leo wartet und beobachtet den Agenten, wie er bei den letzten Containern vor dem Zaun ankommt. Er beobachtet, wie der Agent am Zaun arbeitet. Er kann wegen des Concertina-Drahts nicht oben drüber klettern, aber er schneidet sich geschickt den Weg in Bodennähe mit einer Zange frei. Wenn alles gut geht, war es das.

Plötzlich sieht er einen Schatten zwischen den Containern laufen. Der AUG-Söldner bewegt sich an den Containern entlang in Richtung des Agenten – als hätte ihm jemand Bescheid gesagt. Leo dreht sich nach links. Irgendwo da müssen Kameras sein.

Wie hat er so blind sein können? Den ganzen Nachmittag liegt er hier und hat sie nicht gesehen, obwohl er danach gesucht hat. Auch jetzt findet er sie nicht. Bleibt nur noch ein Alarm am Zaun selbst. Aber auch das müsste er bei Tageslicht doch bemerkt haben. Sich jetzt zu ärgern bringt auch nichts.

Bleibt nur noch eines: den Typen mit der AUG rechtzeitig ausschalten, bevor er den Agenten von hinten überraschen kann. Er fokussiert auf den Spalt zwischen den Containern hinter dem Agenten und als er den Schatten hinter dem Agent auftauchen sieht, drückt er ab.

Er sieht nicht mehr, was der Agent der Gegenseite tut, weil sich genau da eine Kugel in seine Deckung bohrt. Adrenalin schießt durch seinen ganzen Körper. Weitere Schüsse folgen, ein dumpfes Pock-Pock-Pock ringsum ihn zwingt ihn dazu, zurück zu rutschen. Das Holz vor ihm wird zersprengt und Splitter springen ihm entgegen. Etwas trifft ihn an der Hüfte und er wirft seinen Arm über sein Gesicht.

Scheiße.

Er schiebt sich nach hinten weg, nimmt sein Gewehr mit und macht sich auf den Weg zu seiner B-Stellung einen Stock tiefer im Gebäude. Der prasselnde Regen erwischt ihn nun mit voller Härte und er fühlt, wie in Sekundenschnelle alles nass wird. Im Gebäude atmet er kurz das Adrenalin raus und bezieht wieder Stellung.

Der Söldner hat sich natürlich in der Zwischenzeit bewegt. Leo sucht den Agenten, den er heute schützen soll, aber den findet er auch nirgends. Er bleibt in Stellung und wartet.

Und wartet.

Die beiden Wachen von der anderen Seite des Hafens sind außerhalb des Zauns unterwegs. Leo sieht ihre suchenden Taschenlampen – weit weg von dem Loch im Zaun, das der Agent hinterlassen hat und noch weiter weg von Leo. Er bleibt und beobachtet; nichts bewegt sich, weder auf dem Gelände, noch im Wald auf dem Hang. Die Taschenlampen der Wachen suchen viel zu weit westlich. Den Söldner findet Leo nicht mehr, was ihm Sorgen bereitet.

Plötzlich piept sein Ohrradio. „Alles klar“, hört er seinen Führungsoffizier durch das Radio sagen. „Der Agent hat einen Funkspruch abgesetzt, er hat die Dokumente und ist auf dem Weg zurück.“

„Fertig?“

„Fertig“, kommt die Antwort. „Du kannst gehen. Nachbesprechung morgen im Hauptquartier.“

Leo sieht auf die Uhr und verdreht die Augen. Es ist schon fast ‚morgen‘. Er braucht mindestens noch eine Stunde, bis er im Hotel ist. ‚Morgen‘ wäre für ihn dann schon übermorgen. „Wer ist der Agent?“, fragt er, um sich abzulenken.

„Hat dich nicht zu kümmern, Hölzer. War eine einmalige Sache.“ Der Fluch der intergeheimdienstlichen Kooperation im Namen des Friedens der Bundesrepublik. Man sah einen Agenten einmal und dann nie wieder. Der Typ hatte koordiniert ausgesehen, hatte seinen Kopf nicht verloren. Leo hätte so jemanden gerne auf und an seiner Seite, nicht im anderen Geheimdienst.

„Okay. Ich mache mich auf den Weg. Bis morgen.“

„Vor Mittag, ja? Nicht erst irgendwann am Nachmittag aufkreuzen, wenn ich schon nach Hause will.“

„Ja, ja.“

Er hängt sein Gewehr um und zieht seine Handfeuerwaffe. Er wird jetzt nicht den Fehler machen und unaufmerksam sein, wenn er weiß, dass der Söldner mit ziemlicher Sicherheit weiß, in welchem Gebäude er sich versteckt hat. Er schleicht sich aufs Dach, sucht seinen Kram zusammen und macht sich zum Glück unbehelligt auf den Rückweg.

 

Wenig später steht er nackt und frisch geduscht vor seinem Badezimmerspiegel und tupft Jod auf die Wunden. Sein linker Unterarm bekommt einen Verband, das wird nur eine kleine Narbe, den Riss an seiner Hüfte klebt er zusammen; an seinem Haaransatz und auf seiner Kopfhaut kann er nicht viel machen. Müde starrt er sich an und gähnt. Er sollte schlafen. Er sollte, aber ein ganz anderer Gedanke drängt sich nach vorne: er würde jetzt töten für ein paar Chips. Einfach ein bisschen Salz und Fett und... Kartoffeln. Sein Magen stimmt ihm zu.

Und weil das Verlangen so groß ist und er ohnehin noch nicht schlafen kann, zieht er eine Jogginghose und einen Hoodie an, setzt eine Mütze auf, kramt etwas Kleingeld zusammen und nimmt den Lift in die Lobby. Dort steht ein großer, schlaksiger Typ vor dem Getränkeautomaten, auch in Jogginghose und Hoodie, und drückt sich ein Sprite heraus. Leo blinzelt den Rücken des Mannes träge an. Er müsste nicht warten, denn er will kein gekühltes Getränk, sondern etwas von dem Automaten daneben, aber er ist ein bisschen gefesselt von dem Typen vor ihm.

Der Hoodie hat ein hübsches Hellgrau. Die Beine des Kerls sind lang. Er sieht aus, als wäre er durchtrainiert. Seine blondierten Haare haben eine adrette Länge, um mit den Fingern durchzukämmen. Er hat ihn noch nicht einmal von vorne gesehen, aber Leo ist nicht oberflächlich. Wenn er wacher wäre und nicht so lädiert, würde er gleich am Nebenautomaten Kondome rausdrücken, zwinkern und den Kerl fragen, ob er nicht Lust hätte, Leo dabei zu helfen, sie einem guten Verwendungszweck zuzuführen.

Lahm.

Aufdringlich.

Geschmacklos.

Vor lauter Verkopfen verpasst er seine Kennenlernchance vollkommen, denn der Kerl geht an ihm vorbei zurück zum Lift und scheint ihn dabei nicht einmal richtig wahrzunehmen, offensichtlich genauso müde und fertig wie Leo. Er riecht gut.

Leo stellt sich vor den richtigen Automaten und atmet tief aus. Es war ohnehin nur ein Gedankenexperiment, denkt er und wählt die Geschmacksrichtung Salz. Nichts Spannendes mit Rosmarin oder Essig. Als er die Tüte in den Händen hält, fragt er sich, ob er langweilig ist. Wahrscheinlich. Er hat seit bestimmt zehn Jahren kein Sprite mehr getrunken. Er mag nicht einmal Schokolade mit etwas drin. Die Kondome im Automaten kommen in bunt oder farblos und er weiß, welche er wählen würde. Womit würde er den Fremden verführen wollen? Mit einem farblosen Pariser und öden Salzchips?

Unzufrieden mit sich selbst geht er zurück auf sein Zimmer, nimmt die Treppe, bereut es wegen seiner Hüfte nach drei Schritten und kehrt um, um doch den Lift zu nehmen. Er muss sich heute nichts mehr beweisen.

Er legt sich mit seinen Chips ins Bett und schaltet noch den Fernseher ein, bis er sich von der Mission genug beruhigt hat, um einschlafen zu können. Er schaltet die ARD und damit die mitternächtliche Wiederholung eines Tatorts ein, gerade, als ein Mann in einem Gimp Anzug und mit Nachtsichtgerät auf dem Kopf einen Orgasmus hat, während ein Unfallopfer in seiner Windschutzscheibe steckt. Leo schaltet verstört wieder aus und sieht sich in der Reflektion des schwarzen Bildschirms an.

Will er das sehen?

Einen Moment später schaltet er wieder ein, weil die Neugier siegt und er wissen will, wie sich das auflöst, was er gerade mit angesehen hat.

 

* * *

 

Ein Bürogebäude irgendwo im Deutschland 

 

Adam ist nervös.

Er kann nichts dafür, redet er sich ein. Er mag Hölzer... natürlich nicht. Er hasst ihn. Sie sind zutiefst verfeindet. Also ist es überhaupt kein Wunder, dass er zweifelt.

Er geht den Flur des dunklen Bürogebäudes weiter entlang und nimmt das sofort zurück. Wem macht er hier etwas vor... klar mag er diesen Döspappelheimer, der sich da in sein Leben geschlichen hat.

Hölzer ist ja so richtig richtig gut in ganz vielen Dingen, das steht außer Frage, aber er hat eben auch manchmal andere Momente. Sie kennen sich nun schon lange genug und haben so einiges zusammen erlebt, dass Adam Hölzers Schwachstellen kennt. Wasser, zum Beispiel. Oder Straßen. Oder plötzliche Bewegungen. Er ist auch nicht ganz sicher, ob Hölzer Kiwi gut verträgt. Er mag Kiwi Sorbet, aber bekommt danach so trockene Hustenanfälle. Er kann auch keine Boote kurzschließen. Tresore knackt er ziemlich langsam.

Adam will die Liste gar nicht fortführen. Aber er fragt sich eben, ob Hölzer wirklich ein so guter Scharfschütze ist, wie er sagt.

Adam hätte gerne diesen einen Kerl, den sein Geheimdienst manchmal anstellt für Missionen, die Fernunterstützung verlangen. Dass sein Geheimdienst das ‚outsourcen‘ muss, ist im Grunde genommen eine Schande, aber der Typ versteht sein Handwerk.

Er hat ihn das erste Mal in einem Hafen erlebt, in dem er offiziell nie war, und der Typ hat ihn sofort beeindruckt. Er weiß immer noch nicht, wie der Kerl heißt – jedes Mal, wenn er fragt, bekommt er die Antwort, dass das definitiv nie wieder vorkommen wird.

Bis... eben zum nächsten Mal. Zugegeben, das war noch nicht oft, aber zumindest weiß er, dass der Kerl gut ist. Und heute, hier und jetzt ist da dieser Hölzer, der sagt, er ist ein ausgezeichneter Scharfschütze und Adam braucht sich keine Sorgen zu machen.

Nur... Hölzer ist eben Hölzer. Gerade eben erst hat er Adam rauf- und runtergeschworen, dass er ein ausgezeichneter Hacker ist und gar nicht weiß, was Adam hat oder was daran so schwer sein soll, und hat anschließend einfach einen USB-Stick mit einem professionell-programmierten Virus in den Computer gesteckt. Ein Virus, das sich anschließend und ohne jegliches Zutun Hölzers in Sekundenschnelle durch die Passwörter und Firewalls und Icewalls und Daten und Nullen und Einsen und was auch immer noch alles des Computers gefressen hat. Und Hölzer hatte auch noch die Frechheit, Adam selbstzufrieden anzusehen dabei. Als hätte er das programmiert. Als wäre das ‚hacken‘. Als wäre er nicht einfach nur eine Erdbeere.

„Wieso bin ich eine Erdbeere?“, fragt Hölzer in Adams Ohr.

Adam schnauft. Er wollte das gar nicht laut sagen. „Weil bei Erdbeeren die süße Frucht einfach nur Transportmittel für die kleinen gelben Nüsschen ist.“ So wie Hölzer bei dieser Mission einfach nur Transportmittel für den USB-Stick-Hackerangriff von Hölzers Geheimdienst war. Er wurde nur gebraucht, weil ein USB-Stick keine Beine hat und nicht allein in ein Hochsicherheitsrechenzentrum eindringen kann. Eigentlich ist Hölzer mehr Nuss als Frucht, denkt er. Er sagt es nicht laut. Aber es ist doch wahr.

Hölzers Stimme erklingt wieder in seinem Ohr, aber es ist kein Kommentar zu seiner Erdbeer- oder Nusshaftigkeit, sondern ernst: „Radiostille ab jetzt. Ich habe Bewegung im Ostflügel.“

„Ja, konzentrier dich lieber mal aufs Schießen“, zischt er noch, bevor er still wird. Er geht weiter. Irgendwann hört er Glas klirren und fragt sich, was Hölzer treffen wollte. Besser, er verlässt sich auf sich selbst. Besser, er braucht Hölzers Hilfe nicht.

Er hört Stimmen am Ende des Flurs und versteckt sich in einem Büro.

„Geht wieder“, sagt Hölzer in seinem Ohr ein Weilchen später. „Bis zum Ende des Ganges, dann die Treppe runter. Du hast dreißig Sekunden.“

Adam läuft leise wie ein Kater, der weiß, dass er eigentlich nicht auf die Anrichte darf, dorthin, wo Hölzer ihn hinlotst.

„Versteck dich unter der Treppe.“

Adam fühlt den Protest in sich aufsteigen. Er will sich nicht so exponiert verstecken. „Was, wenn-“

„Tu es einfach.“

Adam folgt den Anweisungen zähneknirschend. Kurz darauf kommen zwei Wachen die Treppe hinunter und biegen in den Gang neben ihm ab. Niemand sieht ihn.

„Weiter.“ Hölzers Stimme ist leise aber bestimmt. „Treppe hoch, das Büro muss die zweite Tür sein.“

Wieder folgt Adam den Anweisungen. Er nimmt zwei Stufen auf einmal, mit der Eile eines Katers, der genau weiß, dass das Hühnerfilet, das er gerade von der Anrichte geklaut hat, nicht für ihn bestimmt ist.

Er sperrt die Tür mit einem Dietrich auf und widmet sich dort dem Tresor.

„Falls du Geräusche machst, hör kurz auf“, bittet Hölzer ihn ein Weilchen später. Adam hält inne und hört draußen Schritte vorbeigehen. „Geht wieder“, gibt sein Kollegen-Konkurrent kurz darauf Bescheid.

Als er den Tresor schließlich öffnen kann, ist er leer.

Und draußen geht ein Alarm los.

„Hättest mich gerne vorwarnen können, aber okay“, murmelt Hölzer in sein Ohr.

„Ich wusste nicht, dass das passiert!“ Adrenalin durchflutet Adams Körper. Warum ist der Tresor leer? Wo sind die Dokumente?

„Raus da, Adam. Schürk. Raus aus dem Büro und zur Treppe – nach oben, aufs Dach und zur Feuertreppe auf der Westseite.“

Hölzer klingt angestrengt und sein Satz abgehackt. Adam beschleicht der Verdacht, dass der Kerl dazwischen schießt. Er folgt – schnell wie ein erwischter Kater, der mit seinem ergatterten Hühnerfilet vor dem Koch flieht. Mehr Glas klirrt. Er hört vereinzelte Schreie, manchmal auch Schüsse, und läuft, wie Hölzer ihm gesagt hat, nach oben aufs Dach. Oben läuft er zur Westseite-

„Das andere Westen, Schürk.“

- zur Westseite und findet dort, wie versprochen, eine Feuerleiter, die außen am Gebäude nach unten führt.

„Dort bleibst du kurz stehen“, kommt die nächste Anweisung.

Er nimmt die Treppe möglichst leise, kann das Klappern allerdings nicht gänzlich verhindern, und verharrt an der Ecke des Gebäudes. Knapp fünfzig Meter vor ihm, auf der anderen Seite des Zauns, liegt die Sicherheit.

Mit einem knappen „Okay, geht“, gibt Hölzer seinen Fluchtweg frei.

Adam läuft.

Links von ihm fällt jemand vom Gebäude und schlägt dumpf am Boden auf. Schüsse werden laut, zielen in den Wald, in dem sich Hölzer versteckt hält.

Irgendwie... irgendwie kommt ihm das alles verdammt bekannt vor. Er, in der Dunkelheit, auf der Flucht, ein Schütze vor ihm, der Adam professionell mit Präzisionsschüssen aus der Situation heraus hilft. Das Einzige, das diesmal anders ist, ist Hölzers Stimme in seinem Ohr.

Adam läuft weiter, klettert über den Zaun und flieht durch das Gebüsch zu seinem Auto. Hölzers Auto. Ihrem Auto. Egal. Zu dem Auto.

„Wir treffen uns im Hotel“, ist das Letzte, das Hölzer zu ihm sagt, bevor der Funkverkehr abbricht.

 

Adam könnte fahren. Er könnte einfach fahren und später, frisch geduscht und aufgewärmt, mit Hölzer eine Nachbesprechung im Hotel machen. Er müsste nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben, weil Hölzer ihn sogar weggeschickt hat. Ihre Wege könnten sich hier trennen; sollten sie wahrscheinlich auch. Stattdessen bleibt er sitzen und wartet.

Er hat dem mysteriösen Schützen noch nie Danke sagen können, weil er nie wusste, wer ihm da immer geholfen hat. Jetzt hat er Gelegenheit dazu.

Und vielleicht kann er Hölzer bei der Gelegenheit auch sagen, dass er ziemlich froh ist, dass der ihm den Rücken freigehalten hat in all den Jahren, dass er diese Kompetenz schätzt, dass er sie ein bisschen sexy findet.

Als sich wenig später das Gebüsch bewegt und Hölzer mit seinem Gewehr in einer Tasche auf Adam und das Auto zukommt, winkt er ihm im Seitenspiegel. Hölzer kommt tatsächlich zu ihm, legt das Gewehr auf die Rückbank und steigt vorne ein.

„Was machst du noch hier?“, fragt er, während er sich anschnallt.

„Warst du schon mal in-“

Hölzer unterbricht ihn mit einer rabiaten Hand auf dem Mund. „Weder du noch ich waren da jemals.“ Er nimmt seine Hand wieder weg und lehnt sich in den Sitz zurück. „Aber gut, dass du gewartet hast. Du kannst mich zum Flughafen bringen.“

„Zum Flughafen?“

„Ja.“

„Inlandsflug?“, hakt Adam neidisch nach. Was ist mit ihrer Nachbesprechung im Hotel? Sie sind hier noch nicht fertig, immerhin haben sie die Dokumente nicht bekommen.

„Jep.“ Hölzer schließt die Augen. „Weil ich im Moment kein Auto habe und man mir die Deutsche Bahn in diesem Fall nicht zumuten kann. Vier Umstiege, einer davon mit nur 6 Minuten Zeit. Die Strecke hat Bauarbeiten.“ Hölzer dreht den Kopf zu Adam, öffnet ein Auge, lässt das andere faul zu, und grinst schäbig. „Ich weiß gar nicht, ob ich dir deine Jogginghose überhaupt wieder zurückgeben will.“

Adam beißt die Zähne zusammen. Ein Danke kann sich Hölzer in die Haare schmieren. Und Komplimente auch. Adam wird sich mit keinem Mucks anmerken lassen, dass er weiß, dass Hölzer dieser mysteriöse Scharfschütze ist. „Ich fahre zurück ins Hotel“, sagt er bockig. „Keine Umwege. Kannste vergessen.“ Damit startet er das Auto und fährt los. Er fährt Hölzer sicher nicht zum Flughafen mit seinem Auto. Er ist schließlich kein Chauffeur. Er ist überhaupt... Hölzer kann froh und dankbar sein, dass Adam ihn überhaupt mitnimmt.

„Ist auch okay“, murmelt Hölzer leise und als Adam kurz zu ihm sieht, lümmelt er entspannt im Sitz, hat die Augen geschlossen und sein Grinsen ist verschwunden. Stattdessen ist da ein ehrliches Lächeln in seinem Gesicht. „Nachbesprechung bei Chips und Sprite?“, fragt er und klingt dabei seltsam melancholisch.

„Ja. Chips und Sprite. Und was auch immer du sonst noch in dem Automaten findest.“

Hölzer ist kurz still und Adam befürchtet schon, er ist eingeschlafen, aber plötzlich fragt er: „Magst du Schokolade mit Sachen drin?“

„Wie meinst du... Nüsse oder Nougat oder so?“ Als Hölzer bestätigend nickt, schüttelt er den Kopf. „Nein, ich bin da ziemlich langweilig. Ich mag Schokolade lieber pur.“

 

 

 

 

 

 

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