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Verfeindet im Wandschrank

Summary:

Bei den Agenten Schürk und Hölzer läuft etwas schief. Weshalb sie sich in einem Wandschrank wiederfinden. Wobei sie selbstverständlich noch immer verdammt verfeindet sind.

Work Text:

Ottersheim

 

„Schrank.“

„Was?“

„In der Wand.“

„Was willst du von mir, Hölzer?“

„Schrank in der Wand. Da. Wandschrank!“

„Hölzer, was zum Teufel soll – “

„Rein da in den Wandschrank, Schürk!“, zischflüstert Leo ungeduldig und legt auch schon eine Hand an Schürks Rücken. Schiebt ihn zu der Seite des Zimmers hin, in deren Wand sich der Wandschrank befindet, den Leo schon gleich registriert hat, als sie den Raum vor ziemlich genau fünf Minuten betreten haben. Fünf Minuten, während derer Schürk den Tresor nicht öffnen konnte, natürlich nicht, keiner von ihnen hat das erwartet. Denn dieser Tresor verfügt über fast schon lächerlich viele Sicherungen, eine Tatsache, über die sowohl Leo als auch Schürk vorher schon Bescheid wussten und weswegen jeder von ihnen genügend Zeit einplante für die Erledigung dieses Auftrags.

Dummerweise aber sieht es so aus, als ob –

„Das ist doch einfach nicht zu fassen. Wir müssen jetzt echt in diesen beschissenen Schrank, weil du zu blöd bist, die Uhr richtig zu lesen?!“, regt Schürk sich auf, während Leo die Türen des begehbaren Wandschranks öffnet. Die beiden verfeindeten Agenten stehen vor dem Schrank, doch keiner macht Anstalten, hineinzugehen. Stattdessen starren sie einander an, bis Leo schließlich sagt, wenn auch etwas kleinlaut: „Man könnte auch sagen, dass wir beide zu blöd waren, uns vorab einen Fluchtplan zu überlegen.“

Schürk schnaubt. „Den bräuchten wir nicht, ebenso wenig wie diesen scheiß Schrank, wenn du – “

„Ja, verdammt, es tut mir leid, okay? Es tut mir leid! Aber jetzt – “

„Aber jetzt was?“, fällt Schürk Leo ins Wort, klingt aber schon nicht mehr so aufgeregt dabei, wie gerade eben noch. Eher resigniert. Und ein bisschen kleinlaut, obwohl er dazu überhaupt keinen Grund hat, denn er hat ja Recht: Leo war zu blöd und Leo hat es verbockt. Wieder einmal. Und niemanden nervt und ärgert das mehr als Leo selbst, denn fuck, Leo möchte doch so gern alles richtig machen, wenn er mit Schürk gemeinsam... Dokumente klaut. Oder besser, Dokumente an sich nimmt. Dokumente, die, wie so oft, ohnehin nicht in diesen Tresor gehören, sondern in einen der vielen Tresore der Bundesrepublik. Also gut, ja, auch dieser Tresor befindet sich in der Bundesrepublik, befindet sich im Deutschland, aber die darin befindlichen Dokumente gehören eben nicht in irgendeinen Tresor in der Bundesrepublik, sondern in den Regierungstresor. Sozusagen. Oder wie auch immer man das Ding nennt, in dem all die Dokumente, die Leo gemeinsam mit Schürk in den vergangenen Jahren beschafft hat, verschlossen werden. Falls sie denn alle dort verschlossen werden und nicht irgendwo anders und –

„Jetzt was, Hölzer?“, reißt Schürk Leo aus seinen Gedanken. Der Agent des konkurrierenden Geheimdienstes klingt wieder etwas ungeduldiger, doch wer will es ihm verdenken; immerhin ist jetzt keine Zeit zum Sinnieren über Dokumente und Tresore, steht doch sehr wahrscheinlich der Besitzer des hiesigen Tresors in wenigen Momenten samt seiner Bodyguards hier im Zimmer. Bei ihnen. Weil Leo Probleme mit dem... Zeitmanagement hatte.

Leo seufzt und sagt, fast schon bittend: „Jetzt rein da, okay?“

„Meinetwegen“, lenkt Schürk ein. Ein bisschen zögerlich betritt er den in die Wand eingebauten Schrank, der immerhin gerade geräumig genug für zwei erwachsene Männer ist. Leo kennt solche Schränke hauptsächlich aus irgendwelchen Hollywood-Filmen, in denen sich verängstigte Hausbesitzer in ihrem eigenen Wandschrank vor Einbrechern zu verstecken versuchen. Was meistens gnadenlos nach hinten los geht, aber heute Abend sicher nicht. Denn heute Abend sind es ja zwei bundesrepublikanische Top-Agenten, die sich in diesem Schrank verstecken, also was soll da schon schief gehen? Wenigstens beim Verstecken in einem Schrank sollte heute nichts, absolut gar nichts schiefgehen, wenn schon das Zeitmanagement gnadenlos schiefgegangen ist.

Leo zieht die Türen hinter ihnen zu und stellt die Lamellen an den Türen so ein, dass sie eine ausreichende Sicht in das Zimmer gewähren. Das Zimmer, das an diesem Abend, so wie die gesamte Villa, durch irgendwie heruntergedimmtes Licht beleuchtet wird, obwohl sich niemand im Haus befindet, typisch reiche, kriminelle Arschlöcher eben. Oder befinden sollte. Klar, Leo und Schürk sollten sich sowieso nicht hier befinden, aber der Besitzer des Hauses auch nicht, jedenfalls noch für mindestens eine Stunde nicht. Aber, und das ist das Problem, eben jener Besitzer ist vor ungefähr einer Minute vor der Villa vorgefahren, der Moment, in dem Leo aufging, dass er sich verrechnet hat. Verkalkuliert. Die Uhr falsch gelesen. Was auch immer. Einen saublöden Fehler hat er gemacht, einen Fehler, der sie nun hier in diesen Wandschrank befördert hat, weil für eine Flucht keine Zeit mehr blieb, in diesen Wandschrank, in dem –

„Fuck, fuck fuck...“, murmelt Schürk vor sich hin und drückt sich mit dem Rücken gegen eine der Seitenwände. Weil der Schrank eben nur gerade so zwei erwachsenen Männern Platz bietet, ist Schürk Leo trotzdem immer noch so nah, dass Leo ihn am ganzen Körper zittern spürt.

„Was ist los?“, flüstert er und will schon eine Hand nach dem anderen Mann ausstrecken, kann sich aber gerade noch zurückhalten.

„Nichts ist los. Eine riesige Scheiße ist das, das ist los“, zischt Schürk und zittert immer noch.

„Komm schon, Schürk, wir haben schon Schlimmeres – “

„Erzähl mir nichts von Schlimmeres, Hölzer, wir sitzen hier in der Scheiße und das auch noch in einem – “

Schürk spricht den Satz nicht zu Ende, umklammert stattdessen, das kann Leo durch das hereinfallende Dämmerlicht gerade so erkennen, seinen Oberkörper mit seinen Armen. Drückt sich nach wie vor mit dem Rücken an die Wand und atmet viel zu schnell.

Leo streckt jetzt wirklich eine Hand nach seinem Konkurrenten aus und legt sie ihm auf einen Arm. Dank des kaum ausreichenden Lichts kann er nicht erkennen, auf welchen, aber das ist auch völlig egal. Viel wichtiger ist, dass er Schürk unter seiner Berührung spüren kann. Fühlen kann, wie der fast schon verängstigt wirkende Mann für einen kurzen Moment noch mehr erzittert als ohnehin schon.

„Was ist los, Schürk? Wir sitzen vielleicht in der Scheiße, aber das ist nicht das erste Mal, also... was noch?“, fragt er flüsternd. Von irgendwo in der Villa meint er, Stimmen und Schritte zu hören. Vielleicht wird jemand in den Raum kommen, vielleicht auch nicht, doch so oder so sollten sie nicht lauter sprechen, als unbedingt nötig.

„Nichts“, flüstert Schürk ausweichend, „du hast es einfach verkackt.“

Leo kann ein Schnauben nicht unterdrücken. „Und deswegen zitterst du so? Vor Wut oder was? Weil ich es verkackt habe?“

„Genau, Hölzer… vor Wut.“ Schürk hört sich an, als sei das Gespräch damit für ihn beendet, aber da hat er die Rechnung ohne Leo gemacht. Leo kennt den anderen Agenten inzwischen viel zu gut, so gut, wie umgekehrt Schürk auch ihn kennt. Eine Tatsache, die ihnen beiden alles andere als recht ist, immerhin sind sie ja... Geheimagenten. Die vor dem jeweils anderen möglichst viel geheim halten sollten, aber dieser Zug ist längst abgefahren. Weshalb Leo jetzt auch tief Luft holt und ganz direkt fragt, weiterhin im Flüsterton: „Hast du Angst im Dunkeln, Schürk?“

Es ist nun Schürk, der schnaubt, bevor er antwortet: „Angst im Dunkeln, Hölzer... das klingt, als wär‘ ich drei Jahre alt.“

Diese Antwort lässt Leo nicht gelten, zumal er unter seiner Hand nach wie vor fühlen kann, wie Schürks Körper bebt. „Alles klar, Schürk, mir scheißegal, wie das klingt. Im Dunkeln und in engen Räumen?“

Schürk bleibt still. So still, dass jetzt keinem von ihnen entgeht, wie sich die Zimmertür öffnet und eins, zwei, drei Männer den Raum betreten.

Leo kann Schürk leise stöhnen hören. Er weiß zwar immer noch nicht genau, warum Schürk leise stöhnt und warum er zittert, aber was er weiß ist, dass sie hier nicht auffliegen dürfen. Weder durch Geräusche noch durch eine Angstattacke, denn das scheint es zu sein, was Schürk hier gerade hat: Er hat Angst. Wirklich Angst. Leo spürt einen irgendwie undefinierbaren Stich in seinem Herzen bei dem Gedanken an einen verängstigten Agenten Schürk. Oder jedenfalls redet er sich ein, dass dieser Stich in seinem Herzen undefinierbar ist. Alles andere wäre... unprofessionell.

Weshalb er sich nun auch ganz professionell dicht an Schürk heranschiebt, ihm eine Hand über den Mund legt – und das sehr viel weniger rabiat als neulich im Auto, aber das war eben auch ein ganz anderer Moment – und beinahe unhörbar flüstert: „Ganz ruhig jetzt. Ich bin hier.“

Schürk schnauft in Leos Handfläche. Der dunkelhaarige Mann hat Schürks Lippen schon auf seinen gespürt, weiß, wie sie sich auf seinen Lippen anfühlen, doch sie nun unter seiner Hand zu fühlen, hat etwas seltsam Intimes. Vielleicht, weil das hier nicht gespielt ist. Vielleicht, weil das echt ist, weil das kein Ablenkungsmanöver ist und sie sich gerade wirklich nahe sind. Ganz nahe, ganz echt.

Sie stehen so dicht voreinander, dass Leo Schürks Atem auf seinem Gesicht spüren würde, läge nicht seine Hand über dem Mund des anderen Mannes. Der jetzt langsamer atmet und sich außerdem mit seiner rechten Hand an Leos T-Shirt klammert. Den Saum hat er gepackt, und Leo kann deutlich spüren, wie Schürk an dem Stoff zieht, seine Finger hinein krallt. Leo hat nichts dagegen. Hat sowieso nie etwas dagegen, wenn Schürk seine Kleidung anfasst, ja, wenn er Leo anfasst, aber noch nie hat sich das so echt angefühlt, wie genau jetzt. Vielleicht hat es sich auf Schürks Sofa noch ziemlich echt angefühlt, aber das war eine Ausnahmesituation. So wie das hier, fuck, auch eine Ausnahmesituation ist. Natürlich. Natürlich ist auch das hier eine Ausnahmesituation, und natürlich würde Agent Adam Schürk seinen Konkurrenten Leo Hölzer niemals in einem anderen, einem echten Moment berühren. Warum auch? Warum sollte dieser verdammte Profi, der jeden Tresor öffnen und jede Bombe entschärfen kann, auf jemanden wie Leo stehen? Der in neun von zehn Einsätzen von Schürks Können profitiert und wohl selbst gerade mal in einem von zehn Einsätzen wirkliche Kompetenz beweist. In Einsätzen vor allem, in denen er mit seinem Gewehr auf einem Dach oder in einem Waldstück oder sonstwo im Verborgenen liegt und scharf schießt, etwas, wovon Adam aber ohnehin nichts weiß oder ahnt. Denn abgesehen von diesem einen Mal, neulich, hatten sie noch nie einen gemeinsamen Einsatz dieser Art.

Aber ohnehin ist es besser so, denkt Leo. Nicht zu viel voneinander zu wissen ist besser. Und doch kommt er nicht umhin, diesen Moment mit Schürk in diesem Wandschrank zu genießen. Dem blonden Mann so nahe zu sein, in fast völliger Dunkelheit, und seine Blicke nur erahnen zu können – scheiße, das sollte Leo nicht so scharf machen, wie es ihn gerade scharf macht. So wie es ihn auch nicht hätte scharf machen sollen, bei der Nachbesprechung nach diesem letzten Einsatz so dicht auf dem Sofa in seinem Hotelzimmer neben Schürk zu sitzen, nachdem sie beide geduscht und sich umgezogen hatten. Es kostete Leo alle verfügbare Willenskraft und Konzentration, nicht mit einer Hand über Schürks Oberschenkel zu streicheln. Diesen Oberschenkel, der beinahe Leos Oberschenkel berührte und der in einer hellgrauen Jogginghose steckte, zu der der andere Agent einen passenden Hoodie trug. Hellgraue Jogginghose, hellgrauer Hoodie, dazu Sprite und Chips auf dem Couchti – fuck.

Das kann doch nicht –

Leo spürt ein aufgeregtes Kribbeln am ganzen Körper. Doch bevor er den Gedanken weiter verfolgen kann, greift Schürk ihn am Handgelenk und zieht Leos Hand von seinem Mund. Er hält Leos Handgelenk weiter umklammert, gerade so, als wolle er sich daran festhalten, und murmelt: „Danke, dass du… das hilft. Aber wir müssen wissen, was da draußen vor sich geht.“

Richtig. Richtig. Selbst in so einem Moment ist Schürk noch so ein verfluchter Profi.

„Richtig“, murmelt Leo also, behält aber seine Hand auf Schürks Arm, während er sich zu den Schranktüren umwendet und durch die Lamellen in das Zimmer blickt. Dort hat sich ein Bodyguard an der Zimmertür postiert, während der Kerl, in dessen Villa sie sich hier befinden, es sich in einem Sessel bequem gemacht hat. Er hält ein Tablet in der Hand und sagt in diesem Moment: „Licht.“

Der Bodyguard an der Tür bedient einen Schalter. Im Zimmer wird es heller.

„Fuck“, murmelt Leo und schiebt sich und Schürk noch weiter gegen die hintere Wand des Wandschranks. Dabei stößt Leo mit dem Kopf gehen irgendetwas – einen Garderobenhaken vielleicht oder was auch immer. Ganz egal. Total egal, denn entscheidend ist –

Bevor Leo erneut ein „Fuck“ entfährt, das diesmal ganz sicher lauter ausgefallen wäre als zuvor, presst Schürk nun seinerseits eine Hand auf Leos Mund.

„Was du kannst, kann ich auch“, hört Leo ihn dicht an seinem linken Ohr flüstern. Die dunkle Stimme des verfeindeten Agenten geht Leo durch und durch.

Ebenfalls durch und durch, aber nicht auf die gute Art, geht ihm eine Stimme, die in diesem Moment draußen im Zimmer sagt: „Boss, wir haben ein Problem.“

Sofort stehen Leo und Schürk absolut still. Durch das hellere Licht im Zimmer kann Leo jetzt auch hier im Schrank mehr erkennen. Kann erkennen, wie Schürk die Augenbrauen zusammenzieht und sich dieser konzentrierte, hellwache Ausdruck auf seinem Gesicht ausbreitet. Er ist eindeutig in Alarmbereitschaft, ebenso wie Leo, doch das ändert nichts daran, dass sich im Zimmer plötzlich schwere Schritte hin und her bewegen, eine Stimme sagt „Der Tresor, Boss“, gefolgt von einer anderen Stimme, die erwidert: „Ich riech‘s, die sind noch hier.“

Leo würde laut auflachen, wenn er könnte, so lächerlich ist das. Ich riech‘s, na klar. Es lässt sich zwar nicht bestreiten, dass Schürk verdammt gut riecht, so wie er einfach immer verdammt gut riecht, aber diese Idioten da draußen riechen ganz sicher nichts außer ihrem eigenen Schweiß.

Dennoch geht von einer Sekunde auf die andere alles ganz schnell. Schritte werden lauter, kommen näher, die Schranktüren werden aufgerissen. Sie sitzen hier in der Falle, haben zu wenig Raum, um sich effektiv verteidigen oder gar selbst angreifen zu können. Leo spürt, wie er an Oberarm und Nacken gepackt, aus dem Schrank gezerrt und zu einem weiteren Bodyguard hingeschleudert wird, der Leos Glock aus dessen Hosenbund reißt und sofort damit beginnt, ihn mit Faustschlägen zu traktieren. Leo hat so viel damit zu tun, sich zu verteidigen und ebenfalls auszuteilen, dass er nicht sehen kann, was in der Zwischenzeit mit Schürk passiert. Er könnte außerdem nicht sagen, gegen welche Möbelstücke er geschleudert wird und seinen Kontrahenten selbst schleudert, wo überall er von Fäusten getroffen wird und er wiederum seinen Gegner trifft und wie lange der Kampf bereits dauert, als er eine Stimme, die leider nicht Schürks Stimme ist, triumphierend sagen hört: „Ich denke, das reicht jetzt.“

Leo wird von seinem Gegner gepackt und um hundertachtzig Grad herumgezerrt. Sie beide atmen schwer und Leo ist ein bisschen stolz darauf, gegen diesen Schrank von einem Bodyguard ganz gut ausgeteilt zu haben. Doch jeglicher Anflug von Stolz verfliegt in dem Moment, in dem Leo klar wird, was in der Zwischenzeit mit Schürk passiert ist. Schürk, der drei Schritte von Leo entfernt auf dem Boden kniet, mit erhobenen Armen und seinen Händen hinter dem Kopf. Und einer Waffe an der Schläfe, gehalten von dem Mann, in dessen Villa sie sich befinden, während der zweite Bodyguard hinter dem knienden Agenten steht, mit einem Arm um seinen Hals. Leo kann nur erahnen, wie kräftig dieses Arschloch zudrückt. Wie wenig Luft Schürk gerade bekommt. Doch eindeutig wenig genug, um ihn absolut kampfunfähig zu machen, ganz abgesehen davon, dass da diese Pistolenmündung gegen seine Schläfe gepresst wird.

Leo holt mehrmals tief Luft und sieht Schürk in die Augen. Sieht Blut aus seiner aufgeplatzten Unterlippe sickern, sieht ihm wieder in die Augen. Sieht ihm auch dann noch in die Augen, als er endlich herausbringt: „Wenn Sie ihm auch nur noch ein Haar krümmen, mach ich Sie kalt.“

Der Mann mit der Waffe lacht. Fühlt sich stark, mit seinen zwei Sicherheitsleuten, während er selbst gerade mal etwas mehr als eine halbe Portion ist. Doch auch halbe Portionen können gefährlich sein, denkt Leo, und erinnert sich für einen kurzen Moment an diese Sache in diesem Bungalow in Pforzheim im Frühjahr 2020. Was ihn sofort darauf an diese andere Sache erinnert, diese Sache in diesem alten Schwimmbad in Hildesheim vor ungefähr anderthalb Jahren, diese Sache, an die sich hoffentlich auch Schürk gleich erinnern wird, sobald Leo –

„Ach ja?“, reißt die halbe Portion Leo aus seinen Gedanken. „Wenn ich mich nicht sehr irre, bin ich hier derjenige mit der Knarre an seiner Stirn.“

„Was Sie nicht sagen“, knurrt Leo und zerrt und zieht ein wenig, doch der Typ hinter ihm hat ihn fest im Griff. Noch.

„Und was für eine schöne Stirn das ist, finden Sie nicht? Überhaupt ein verdammt schöner Kerl, mit dem Sie da in meinem Wandschrank... na, das geht mich ja nichts an. Aber schade um die schöne Unterlippe, die wird ne Weile weh tun. Und es wäre doch außerdem zu schade drum, auch dieses schöne Gesicht zu... entstellen, oder was meinen Sie?“

„Das wagen Sie nicht!“, sagt Leo, laut und eindringlich. Noch immer sieht er Schürk an und hofft, dass der andere Agent trotz Waffe an seiner Stirn so aufmerksam ist wie immer.

„Ach nein? Und warum nicht?“, fragt die halbe Portion süffisant.

Leo schnaubt laut und genervt und erwidert, gerade so, als rede er mit einem Kleinkind: „Weil ich Sie dann von hier bis nach... Hildesheim jagen müsste.“

„Was?“, fragt die halbe Portion irritiert.

Und Adam niest. Oder besser gesagt: er tut so, als würde er niesen.

Perfekt. Der Kerl ist einfach ein Top-Agent, denkt Leo bewundernd. Ein Top-Agent mit einem Top-Gedächtnis, der immer für ein Top-Ablenkungsmanöver bereit ist, auch dann, wenn es nichts mit Knutschen und Fummeln zu tun hat. Knutschen und Fummeln, zwei Dinge, an die Leo jetzt auf keinen Fall weiter denken sollte.

Also denkt er an was anderes. Und nutzt gemeinsam mit Schürk den kurzen Moment der Hildesheim-Verwirrung, um ihre Gegner außer Gefecht zu setzen. Gemeinsam mit Schürk. Wie immer.

 

„Tut mir leid. Ich hab’s echt verbockt“, sagt Leo wenig später. Neben Leos Auto, das aus irgendwelchen Gründen immer noch Schürks Auto ist, stehen sie auf einem Feldweg in der Nähe der Villa und bereiten sich darauf vor, gleich getrennte Wege zu gehen. Schürk hat, abgesehen von der aufgeplatzten Unterlippe, einige Schrammen im Gesicht und blutige Knöchel an einer Hand davongetragen. Ob er sonst noch irgendwo Verletzungen erlitten hat, kann Leo nur erahnen, doch der schö… der schlanke Agent macht keinen allzu lädierten Eindruck, ganz zu Leos Erleichterung. Er selbst wird morgen wohl einige Blutergüsse im Spiegel bewundern können und irgendwo da, wo Schürk ihn vor einigen Wochen noch verarztet hat, schmerzt es dumpf, doch damit kann er leben.

„Schon gut, Le-… Hölzer. Dafür war dein Ablenkungsmanöver – “

Unser Ablenkungsmanöver!“

„Okay, unser Ablenkungsmanöver… verdammt top“, sagt Schürk und nickt Leo anerkennend zu.

Leo muss schlucken. Sich räuspern. Sich verlegen mit einer Hand durch die Haare fahren. Bevor er antworten kann: „Ja, findest du?“

„Ja, finde ich“, sagt Schürk. Seine Stimme verändert sich, wird eindringlicher, als er fortfährt: „Aber wenn du auch nur einer Menschenseele auch nur ein Sterbenswörtchen über das erzählst, was da in dem scheiß Wandschrank passiert ist, dann bist du ein toter Mann.“

Leo blinzelt perplex. „Adam, das glaubst du doch wohl selbst – “

„Ein toter Mann… Hölzer. Hast du verstanden?“

Schon wieder muss Leo schlucken. Adam hat fast Leo zu ihm gesagt. Irgendwie nicht zum ersten Mal, aber trotzdem. Er hat fast Leo zu ihm gesagt und vor seinem letzten Hölzer merklich gezögert und das Ablenkungsmanöver außerdem als top bezeichnet. Das ist… nicht viel, aber mehr, als Leo erwarten kann. Und mehr, als sich jeder von ihnen erlauben sollte. Eigentlich.

Leo nickt und sagt: „Verstanden.“

Auch Ad… Schürk nickt. Leo sieht, wie er sich in den Wagen beugt und die Akte mit den Dokumenten vom Rücksitz nimmt. Sieht, wie Schürk sich wieder aufrichtet, den Arm zu ihm hinstreckt und ihm die Dokumente hinhält. Und hört ihn sagen: „Danke für das, was du da vorhin gesagt hast. Du warst ja richtig… ich hab’s in deinen Augen… also, danke.“

Er leckt sich über die Unterlippe, zuckt kurz zusammen. Wedelt mit den Dokumenten, die Leo schließlich nimmt.

„Willst du die nicht…“, will Leo fragen, doch sein Gegenüber unterbricht ihn: „Jetzt nimm schon und verschwinde. Und… danke. Wirklich. Für alles.“

Der Agent will sich schon zur geöffneten Fahrertür umdrehen, da hält er inne. Reibt sich mit zwei Fingern über die Stelle an seiner Schläfe, die noch immer leicht gerötet ist vom Druck der Pistolenmündung. Macht schließlich einen Schritt auf Leo zu, bleibt dicht vor ihm stehen und sagt, während er ihm direkt in die Augen schaut: „Und sieh nach, ob das in Ordnung ist. Da hat er dich voll erwischt.“

Mit einer Hand streicht Schürk kurz über eben jene dumpf schmerzende Stelle mit der von ihm selbst geklammerten Wunde, die inzwischen nicht mehr geklammert, aber auch noch nicht komplett geheilt ist, auch wenn Leo gerne etwas anderes behauptet. Zieht seine Hand wieder zurück und beugt sich etwas vor und –

Leo könnte sich irren. Schließlich hat ihn noch nie zuvor jemand auf die Wange geküsst, abgesehen vielleicht von seiner Mutter. Und von Schürk, ganz dienstlich, so wie vor einer Weile bei ihrem Ablenkungsmanöver im Ruheabteil irgendwo zwischen Fulda und Göttingen. Aber das hier, das, was Schürk jetzt macht, das verdient mit ziemlicher Sicherheit wirklich und wahrhaftig die Bezeichnung Wangenkuss.

Fuck. Das ist definitiv so viel mehr, als jeder von ihnen sich erlauben sollte. Und doch längst nicht genug.

Bevor Leo noch irgendetwas sagen oder tun kann, hat Adam sich auch schon wieder zurückgelehnt, steigt in Leos Auto, gerade so, als ob es seines wäre, der Arsch, lässt den Motor an und fährt davon, ohne ein weiteres Wort. Wartet diesmal nicht darauf, dass Leo einsteigt, so wie nach ihrem letzten Einsatz.

Leo bleibt zurück auf dem Feldweg, wie bestellt und nicht abgeholt, doch das ist egal. Heute muss und kann er sich nicht von Adam irgendwohin mitnehmen lassen, denn wenn er das täte, würde er mit absoluter Sicherheit den Verstand verlieren, so dicht neben Adam in seinem Auto. Leos Auto. Ihrem Auto. Egal. Im Auto eben. Stattdessen steht er hier mit klopfendem Herzen, die Dokumente in der einen Hand, die andere Hand an seiner Wange. Auf der er Adams Lippen und besonders seine lädierte Unterlippe noch immer zu spüren meint, nach diesem vorsichtigen, sanften Kuss.

Das reicht für heute. Verdammte Scheiße. Verdammter Adam. Verdammte Bundesrepublik, verdammte Geheimdienste.

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