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Verfeindet bei den Fischen

Summary:

(Top-)Agent Hölzer auf einer Mission, die etwas ins Wasser fällt... und aufgrund seiner Jogginghosen-Auto-Austauschwiderwilligkeit, kommt Agent Schürk ihn abholen.

Notes:

*Dieses Bootel kam im letzten Zürich-Krimi (Die Sünden der Vergangenheit) vor und bo(o)t die Inspo.

Work Text:

 

Bremen

 

Bremen.

‚Mehr als Märchen‘, verspricht die Touristenkarte, die Leo von der Rezeptionistin auf dem Bootel erhalten hat.

Das gesamte Bundesland wirbt mit ‚Bremen erleben‘, aber er ist nicht überzeugt, dass es hier besonders viel zu erleben gibt.

Er ist willens, einzuräumen, dass seine Meinung von Bremen (Stadt oder Land) unter anderem deshalb so negativ ist, weil seine Stimmung im Keller ist. Es nieselt hier seit Tagen und die Vorarbeit für den Job ist langweilig, also sieht er ein, dass dieser Aufenthalt kein Maßstab für Bremen Erlebnisse ist. Er hat gehört, die Stadt soll eigentlich recht schön sein und er will auch gar nicht jammern, so richtig märchenhaft findet er sie bis jetzt allerdings noch nicht. Es ist zugig, frisch, windig, kalt – kurzum: ungemütlich.

Nicht einmal das Bootel auf dem er sich einquartiert hat, ist besonders einladend. Enge Gänge, enge Zimmer oder Kajüten oder Kabüsen oder Karbunkel oder wie das heißt; dunkel ist es auch.

Er fröstelt auch schon die ganzen zwei Tage, die er hier auf seinem Beobachtungsposten sitzt, was nur zu seiner grummeligen Stimmung beiträgt. Mit klopfenden Fingerkuppen tappt er sich auf die Wangenknochen, um seine Durchblutung zu fördern. Seine Nebenhöhlen fühlen sich etwas verstopft an und auch dafür gibt er der Stadt die Schuld.

Er beobachtet, wie in der Villa gegenüber der Bremer Unternehmer nach Hause kommt, macht Fotos und notiert die Uhrzeit, bevor er sie mit gestern und vorgestern vergleicht. Gleiche Uhrzeit, auch der gleiche Aktenkoffer. Ein Akta 120 Gold Star, mit goldenen Schnallen. Leo hat genau das gleiche Modell in einem Online-Shop bestellt, damit er den Koffer unauffällig austauschen kann, bevor der Besitzer ihn in den Tresor sperren kann. Perfekte Lösung, so muss er den Tresor nicht knacken und auch nicht darauf hoffen, dass Schürk doch noch irgendwo auftaucht.

Was er nicht wird.

Schürk ist nämlich auf Urlaub.

Auf Sylt angeblich.

Leo hat nie Urlaub. Letztes Mal, als er gefragt hat, hat sein Führungsoffizier ihm die tollen Urlaubsorte aufgeführt, in die ihn die Bundesrepublik in den letzten Jahren geschickt hat. Leo findet nicht, dass es besonders erholsam war, als er sich auf Rügen drei Tage in einem Strandkorb versteckt hat, weil die Polizei nach ihm gesucht hat. Nur weil er da am Strand war, war es noch lange kein Strandurlaub.

Egal.

Schürk ist auf Sylt, Leo hier in Bremen auf dem feucht-klammen Dach eines Lagerhauses, gegenüber einem Anwesen, dessen Besitzer jeden Tag seinen Akta 120 Gold Star mit goldenen Schnallen voll mit wertvollen Dokumenten herum schleppt, die von großem Interesse für die Bundesrepublik sind. Ein Anwesen, in das Leo ohne gründliche Recherche nicht hineinkommt. Und selbst mit der Recherche der letzten Tage, scheint es kaum eine Möglichkeit zu geben – deswegen der Plan mit dem Austausch des Aktenkoffers.

Er sieht auf sein Handy und stellt mit einem Blick auf die Sendungsverfolgung freudig fest, dass er sein Paket abholen kann, sobald er hier fertig ist – was ziemlich bald sein wird, denn er hat bereits seit geraumer Zeit leichtes Kopfweh und seine Augen schmerzen auch, wenn er sie bewegt.

 

Heimlich ist er froh, dass Schürk auf dieser Mission nicht dabei ist. Ein bisschen Abstand wird ihnen ganz gut tun. Ihm, vor allem.

Er ist bereit zuzugeben, dass er sich da ein wenig verrannt hat. In Schürk. Er hat sich in Schürk verrannt, wie ein Anfänger-Agent.

Damals, bei ihrer ersten Begegnung auf diesem Maskenball in Wolfenbüttel, er kann sich genau daran erinnern, dachte er, so affig dieser Schürk war, so schön war er. Und gleich auf dieser ersten Mission hat Schürk festgehalten, wie sehr er Leo hasst. Leo blieb nichts anderes übrig, als ihm gleichgesinnt zu antworten und bestimmt hat er das damals auch noch so gemeint, nur mittlerweile... Leo ist einfach schwach. Die ganzen Ablenkungsmanöver haben ihn schwach gemacht; der viele Körperkontakt.

Schändlich.

Schlimm.

Schürk.

Dabei kann der andere Top-Agent gar nichts dafür. Er verhält sich immer absolut professionell. Der Kerl ist einfach so… so verdammt gut in seinem Job. So gut, wie Leo sich gerne einredet, dass er selbst auch ist. Er ist auch ein Top-Agent, natürlich, aber Schürk toppt eben selbst ihn. Also, im Sinne… von… Agenten-sein. Schürk ist auch so richtig gut bei Ablenkungsmanövern. Und natürlich bei allem anderen, was einen Agenten so ausmacht: sein Durchhaltevermögen, seine Cleverness, seine gute Erinnerung. Wie er Tresore knackt. Sein… alles einfach.

Leo ist in dieser Partie das schwache Glied. Obwohl sein Glied bei Gedanken an Schürk in letzter Zeit alles andere als schwächelt.

 

Irgendwann in diesen vielen Jahren ihrer zutiefst verfeindeten Feindschaft, hat Leo den Überblick verloren. Und jetzt den Faden. Er schüttelt den Kopf und konzentriert sich wieder auf das Gartentor seiner Zielperson, denn jetzt müsste gleich der... ah, da ist er:

Wie jeden Tag um diese Uhrzeit fährt der sportliche Zeitungskurier auf seinem Rennrad vorbei und wirft bei dem Bremer Unternehmer die Tageszeitung ein. Er fummelt am Briefschlitz herum, stopft und drückt, bis die Zeitung hineinpasst und rast weiter. Deswegen hat Leo keine Zeitung abonniert. Erstens mag er das mit dem Reinstopfen nicht und zweitens darf sich niemand so nah seiner Wohnung nähern. Er hat eine Alarmanlage, an der niemand vorbeikommt. Post bekommt er nur in ein Postfach, dafür gibt es diese Dinger schließlich. Er will nicht, dass irgendjemand weiß, wo er wohnt. Schon gar nicht jemand wie Schürk. Und warum denkt Leo jetzt schon wieder an den Kerl?

Er niest.

Niest, wie Schürk vor kurzem in Ottersheim und davor in Hildesheim. Nur natürlich besser, richtiger, nicht so fake; eher nass und… Leos Nebenhöhlen sind wirklich am Arbeiten hier. Er zittert auch ein wenig - so wie Schürk in dem Wandschrank, als er sich panisch gegen die Rückwand gedrückt hat… Leo räuspert sich. Seine Gedanken kreisen heute ständig um seinen Kontrahenten.

Ein Huster entkommt ihm und er hält sich die Seite. Schürks Klammerleistung war zwar wirklich hervorragend, aber die Stelle tut seit der Aktion im Wandschrank in Ottersheim wieder etwas mehr weh. Die Kopfschmerzen werden ebenfalls mit jeder Minute schlimmer. Ein schwächerer Mann als er würde einen Gedanken daran verschwenden, dass sich möglicherweise eine Erkältung anbahnt. Nicht Top-Agent Leo Hölzer. Er wird nicht krank. Trotzdem stechen seine Augen, wenn er sie bewegt, also bemüht er sich, geradeaus zu gucken.

Seine Gedanken kreisen wieder zurück zu Schürk. Er will auch nach Sylt auf Urlaub.

Nicht mit Schürk, natürlich.

Er würde ans andere Ende von Sylt fahren, weit weg von Schürk und seinem Urlaub.

Schürk kann gerne am Ostende seinen doofen Urlaub machen... Leo fährt weit weg von ihm ans Westende.

Das Allerletzte, das er möchte, ist Schürk in einer Badehose zu sehen, wie er sich munter mit seinem Körper in die Wellen wirft. Der hämische Gedanke überkommt ihm, dass Schürk vielleicht sogar Schwimmflügel ins Meer tragen würde und er stellt ihn sich vor, wie er mit den aufgeblasenen Schwimmhilfen auf seinen Oberarmen am Strand steht…

… die Sonne auf seinem Körper, eingecremt glänzend, mit sonnengebleichten Haaren, mit der breiten Brust, mit seinen ansehnlichen Oberarmmuskeln und dann vielleicht etwas knapperen… oder sogar in einer Badehose, nicht einmal Shorts, sondern der kleine, knackige Arsch in so eng anliegenden blauen…

Leo niest, hustet, fröstelt und hält sich die Seite. Er will gar nicht an Schürk denken.

Als die Dämmerung hereinbricht und er im Großbildfernseher im Wohnzimmer der Villa sieht, dass der Bremer Unternehmer einen Film eingeschaltet hat, beschließt er, dass der Kerl heute nicht noch einmal wegfährt und packt seine Sachen zusammen.

Er nimmt den Bus zurück, holt den Aktenkoffer bei der Post ab und kehrt missmutig auf das Bootel zurück, wo er sich mit einer Tasse Tee und dem Zeitplan, den er die letzten Tage recherchiert hat, unter zwei Decken eingräbt und den Einsatz am nächsten Morgen plant.

 

Und weil Leo ein absoluter Profi auf seinem Gebiet ist, läuft der Einsatz, wie erwartet, perfekt.

Absolut perfekt und reibungslos.

Einfach top.

Zumindest, bis er den Akta 120 Gold Star mit den Dokumenten ausgetauscht hat... gegen den Akta 120 Silver Star, der ihm fälschlicherweise geschickt worden war. Der statt gold-glänzenden Schnallen silberne hat.

Online-Shopping ist heute einfach nicht mehr das, was es früher war.

Das Wetter ist heute genau wie gestern: wolkenverhangen und dunkel, es regnet entweder seit gestern Nacht oder hat heute schon ziemlich früh wieder angefangen. Im regnerischen, frühmorgendlichen Halbdunkel vor seinem Haus fallen dem Bremer Unternehmer die silbernen Schnallen zum Glück nicht auf, als Leo den Koffer schnell austauscht, aber es verkürzt die Zeit, die Leo hat, um sich in Sicherheit zu bringen. Die Autofahrt zum Büro dauert meistens zwischen 13 und 17 Minuten. Spätestens wenn der Typ seinen Aktenkoffer aus dem Auto nimmt, wird er wissen, dass sein Garagentor nicht ausnahmsweise einen Aussetzer hatte, sondern dass es jemand manipuliert hat, und dann hat Leo wahrscheinlich noch zusätzlich fünf bis zehn Minuten, bis die Sicherheitsfirma den Koffer ortet und weitere fünf bis zehn, bis man ihn auf dem Bootel gefunden hat.

Er muss sich also beeilen.

Und noch wichtiger: er muss sich bald sein Auto zurückholen, denn so kann das nicht weitergehen.

Der E-Scooter, mit dem er flüchtet, macht kurz vor dem Bootel schlapp, also muss er den Rest des Weges durch den Regen laufen. Seine Seite sticht, atmen kann er auch kaum, sein Hals kratzt, alles ist anstrengend und das Kopfweh von gestern ist immer noch da. Er geht gerade in einen Schnellschritt über und ist kurz davor, sich selbst gegenüber zuzugeben, dass er seinen Plan vielleicht etwas hätte abändern sollen, als sein Telefon klingelt.

Das ist das Letzte, das er jetzt brauchen kann; er kramt es trotzdem aus seiner Jackentasche.

Unbekannte Nummer.

Das könnte sein Geheimdienst sein. Manchmal ruft ihn sein Führungsoffizier von einem Prepaid an, damit Leo ihn nicht zurückrufen kann; wenn er im Urlaub ist, zum Beispiel.

„Ja?“, keucht er in sein Handy und geht noch ein bisschen langsamer. So schnell ist der Bremer Unternehmer nicht im Büro.

„Hölzer“, kommt überraschend die Stimme seines Konkurrenz-Agenten durch den Lautsprecher. „Wo bist du?“

„Geht... dich...“ Einen Scheißdreck geht das den Urlauber an, wo er ist. Von Sylt aus kann er Leo ohnehin nicht abholen. Er will gerade zum Sprechen ansetzen und sagen, dass Schürk die Jogginghose wieder haben kann, weil er wirklich dringend sein Auto braucht, als er unterbrochen wird.

„Bremen. Aktenkoffer. Clevere Tresorvermeidung. Hast du gesehen, dass der silberne Schnallen hat? Ein Silver Star ist das, Hölzer... wieso kannst du nicht einmal den richtigen Aktenkoffer bestellen?“

Schürk klingt dabei so verärgert, dass Leo kurz der Atem ganz weg bleibt. Es tut weh, das von Schürk zu hören. Meistens kann er so gut zurückgeben, wie er bekommt, aber heute ist er empfindlich. Er holt tief Luft, bevor er scharf bestreitet: „Das war nicht mein Fehler!“ Und woher weiß Schürk das überhaupt?

„Die finden dich doch!“, kommt keine Sekunde danach zurückgeschrien. Schürk klingt... besorgt. Deshalb die ruppige Anschuldigung.

„Ich bin fast auf dem Bootel. Dann kann ich weiter.“

Im Bootel.“ Leo weiß einen Moment gar nicht, was Schürk von ihm will, als er realisiert, dass der blondierte Klugscheißer seine Grammatik korrigiert.

„Es ist ein Boot!“ Eigentlich wollte er Schürk gar nicht verraten, wo er ist. „Also ‚auf‘!“

„Ein Hotel.“ Schürk schnauft in Leos Ohr. Das ‚Also im‘, das ihm auf der Zunge liegen muss, spricht er nicht laut aus; Leo hört es trotzdem zwischen den Zeilen.

Deshalb antwortet er: „Ja, genau: ein Hotel auf einem Boot.“

„Sieh zu, dass du zum Bremer Hafen kommst“, sagt Schürk und legt auf – oder, Leo denkt zumindest, dass er das sagt, denn gerade da geht seine Lunge mit einem Hustenanfall los und er lässt fast den Aktenkoffer fallen, weil seine Seite sticht.

Warum er? Warum heute? Warum hier. Und warum regnet es und warum sind diese Dokumente so schwer und warum streikt ausgerechnet sein E-Scooter und warum weiß Schürk wo er ist und was er macht und warum...

Warum überhaupt irgendetwas.

Er will auch nach Sylt. Oder zum Bremer Hafen, wenn Schürk da ist.

Also, nicht. Er will absolut nicht dahin, wo Schürk ist, aber wenn der Kerl ihm hilft, hier rauszukommen, wäre Leo möglicherweise geneigt, seine Abneigung kurz zu pausieren, wenn... egal. Alles egal.

Schürk hat clevere Tresorvermeidung gesagt, erinnert er sich plötzlich mit stiller Begeisterung. Er hat Leos Plan als clever bezeichnet. Er lässt den Moment und Schürks Stimme dabei Revue passieren. Noch nie hat Adam... Schürk ihm gesagt, dass sein Plan clever war. Auch nicht bei Leos genialem Plan in Schwerin. Nein, immer heißt es München Deutsche Bank hier oder Dresden da oder Karlsruhe jenes...

Aus mangelnder Konzentration rutscht er direkt vor seinem Ziel aus, fängt sich zum Glück gerade noch am Geländer, schlittert über die Zugangsbrücke auf das Bootel und hastet hinauf auf sein Zimmer. Dort holt er sein Werkzeug unter dem Bett hervor und macht sich emsig daran, den Koffer aufzubrechen.

Bremer Hafen. Nichts leichter als das. Er ist ja quasi schon im Hafen. Also, zumindest auf der Weser. Er ist eine Jetski-Fahrt entfernt von dieser Überseestadt, von der Schürk bestimmt gesprochen hat.

Ein letzter, gewaltsamer Ruck noch und der Koffer ist offen. Er nimmt die Dokumente, steckt sie in einen wasserdichten Beutel, stopft ihn unter seinem T-Shirt in den Hosenbund und zupft seinen Hoodie wieder zurecht. Darüber kommt noch die tropfnasse Regenjacke und er ist wieder bereit. Als er sicher ist, dass er alles mitgenommen hat, was im Koffer war, macht er sich auf den Weg zum Hafen.

Mittlerweile muss der Bremer Unternehmer bereits angekommen sein, den falschen Koffer bemerkt und die Sicherheitskräfte alarmiert haben und... okay, Leo muss laufen. Er joggt die engen Treppen im Schiff hinunter, gleitet über die Zugangsbrücke zurück aufs Festland und biegt gerade um die Ecke, als er hinter sich hört, wie Autos vor dem Bootel scharf abbremsen.

Er eilt weiter und schnappt sich den nächsten E-Scooter. Er niest, hustet und dehnt seinen Kiefer, weil er merkt, dass seine Ohren verschlagen sind. Als sein Handy klingelt, geht er ungeduldig ran. Hoffentlich ist das Schürk, den er fragen kann, wo sie sich treffen.

„Hölzer! Schnell. Sie sind im Bootel. Sieh zu, dass du da raus-“

Leo schnauft über das ‚im‘. „Ich bin schon längst nicht mehr auf dem Bootel. Ich bin schon auf dem Weg zum Bremer Hafen. Zu welchem soll ich? Bremen hat vier.“

Die Stille am anderen Ende macht ihn stutzig.

„Du bist... auf dem Weg zum Bremer Hafen?“, fragt Schürk und macht bedeutsame Pausen zwischen den Wörtern.

„Ja. Wie du gesagt hast.“

Nach Bremerhaven, du Schmalzohr!“

Ah.

Ah.

„Ah.“

Schürk grummelt ihm mit einem tiefen, kehligen, verärgerten Geräusch ins Ohr. „Ja, ah. Wo bist du jetzt?“

Der besorgte Unterton lässt Leo hoffen, dass Schürk ihn noch nicht ganz aufgegeben hat. Allerdings haben sie doch gerade eben erst geklärt, wo Leo ist, deshalb antwortet er etwas patzig: „Auf dem Weg zum Bremer Hafen. Ich weiß nicht, wie ich das anders erkl...“

„Egal. Hölzer, egal. Ich bin in einer Stunde bei dir. Sieh zu, dass du dich bedeckt hältst... versuch, zum Fockegarten zu kommen, ja? Das ist so ein Park-“

„Was? Nein! Ich geh doch nicht in einen Park in dem man...“ Sein Kopf geht sofort zu öffentlichen Parktoiletten und ‚Verabredungen‘ und anonym-

Focke“, betont Schürk auf eine Art und Weise, die sogar Leo heraushören lässt, dass er gerade leicht verzweifelt. „Fockegarten, Hölzer.“

„Okay“, murmelt er leise. „Fockegarten. Eine Stunde.“ Bevor er auflegen kann, fährt ein Mountainbiker um die Ecke, direkt in Leos Weg und... Leo bremst, schlittert – fängt sich diesmal nicht, sondern segelt von seinem E-Scooter.

Direkt in die Weser.

Sein eigener, entsetzter, quietschender Schrei ist das Letzte, das er hört, bevor das Wasser über ihm zusammen schwappt.

Unter Wasser ist es noch um einiges dunkler als über Wasser; um einiges eisiger auch.

Er taucht wieder auf. Seine Klamotten ziehen ihn schwer nach unten. Er will einen Schrei loslassen. Das auch noch! Schon wieder er mit Dokumenten in einem Fluss im Deutschland. Wieso die Bundesrepublik auch so viele Gewässer haben muss.

Er schnappt nach Luft und strampelt in Richtung des Betonufers. Im morgendlichen, verregneten Halbdunkel sieht ihn niemand. Der Mountainbiker hat entweder Fahrerflucht begangen oder gar nicht gesehen, dass er Leo umgefahren hat.

Leo niest, hustet, gönnt sich ein verzweifeltes, weinerliches Geräusch, weil ihn hier im Wasser niemand hören kann, und findet mit den Augen eine Leiter. Er lässt sich einen Moment treiben, allerdings sind seine Klamotten so schwer und seine Arme schon müde, dass er schließlich weiter planscht. Als er bei der Leiter ankommt, ist er durchgefroren und kann seine Finger beinahe nicht um die erste Sprosse klammern.  Am liebsten würde er hier warten, bis Schürk ihn abholen kommt.

Aber.

Aber. Er will auch nicht, dass Schürk ihn hier heulend im Wasser findet.

Deshalb rafft er sich auf, atmet tief durch, und klettert schließlich hoch auf das betonierte Ufer. Dort flatscht er sich auf den Rücken auf den Weg und gibt sich einen Moment.

Regen prasselt ihm aufs Gesicht.

Er atmet so tief durch, wie möglich.

Als sich der Regen in seinem Gesicht schon richtig stechend anfühlt, rollt er sich auf und schleppt sich weiter zu ihrem Treffpunkt. Niemand ist so wahnsinnig und geht in diesem Wetter hier entlang. Die Wellen klatschen gegen den Beton, der Wind weht ihn beinahe um.

Auf halbem Weg überlegt er, ob er nicht irgendwo hineingehen soll, um sich trockene Klamotten zu besorgen; ein Gedanke, den er schnell wieder verwirft. Schürk holt ihn ja in seinem Auto ab und das hat im Kofferraum – wenn Schürk das Zeug drin gelassen hat – eine Bereitschaftstasche mit trockenem Zeug. Und einen Müsliriegel. Und... Leo niest... Taschentücher. Weil Leos Auto einfach mit den kleinen Feinheiten ausgestattet ist.

Das Frösteln ist auch zurück.

Er verbringt den Rest des Weges damit, darüber nachzudenken, wie er mit Schürk reden soll, wenn sie sich sehen. Ob er leger-lässig-locker tun soll.

Leger-lässig-locker fühlt er sich in Schürks Gegenwart schon länger nicht mehr - eher ein bisschen verknallt.

Letztes Mal, als sie sich gesehen haben, hat Schürk ihm sogar an die Seite gefasst, als er ganz dicht vor ihm stand. So richtig nah. Und dann - und Leo weiß, dass das wirklich passiert ist - hat Adam... Schürk ihn sogar zärtlich sanft auf die Wange geküsst. Das war kein Fiebertraum. Und das war auch kein Kuss im Dienste der Bundesrepublik. Das war ein... Wangenkuss. Er weiß nicht, was Schürk an dem Tag geritten hat, er weiß nur, dass es eigentlich nicht vorkommen darf.

Es darf ganz sicher nicht mehr vorkommen.

Nie wieder.

Wenn Leo jetzt schon gefühlsmäßig schwächelt, wie soll das erst werden, nach einem zweiten Wangenkuss oder gar einem dritten?

Er kann sich doch nicht so zurückhalten. Irgendwann kommen seine Gefühle doch raus.

Leos Augenlider werden schwerer und er sieht etwas weiter vorne eine große Brücke und Bäume. Dort muss der Fickgarten sein.

 

Als er schließlich dort ankommt, sucht er sich ein überdachtes Plätzchen und setzt sich. Ihm ist furchtbar kalt. Furchtbar fröstelig kalt. Er ist nicht krank, nur übermüdet. Und hier auf dieser Betonbank sitzt es sich überraschend bequem.

 

„Hölzer!“, hört er wenig später ein Flüsterrufen nicht weit entfernt.

Zumindest denkt er, es ist ‚wenig später‘.

„Hier!“, ruft er zurück und kämpft sich hoch. Als Schürk ihn erspäht und vor ihm stehen bleibt und ihn sprachlos anstarrt und von oben bis unten mustert, rutscht Leo ein pampiges „Wird auch Zeit, dass du kommst!“, raus. Das wollte er gar nicht. Er will doch locker-leger-lässig sein und auch dankbar, dass Schürk ihn wieder mal abholt.

„Ja... das ist passiert“, murmelt er deshalb leise. „Die Dokumente sind trocken.“

„Was hast du gemacht?“, fragt Schürk entsetzt und zeigt mit dem Daumen hinter sich. „Mein Auto steht dort hinten, komm, mach schnell.“

‚Mein‘ Auto ist das jetzt anscheinend schon. Aha. Ist es nicht eher ‚ihr‘ gemeinsames Auto mittlerweile? Egal. Leo will nicht zugeben, dass er bei einem E-Scooter-Ausweichmanöver ausgerutscht ist, also zuckt er nur vage mit den Schultern.

„Du hast aufgeschrien, Leo! Hölzer. Ich dachte schon...“

Leo winkt ab. „Ich bin nur ausgerutscht und ins Wasser gefallen.“ Eigentlich würde er gerne ausholen und Schürk eine Lüge über eine Verfolgungsjagd auftischen, aber sein Kontrahent sieht nicht so aus, als würde er sich heute belügen lassen, auch nicht im Scherz.

„In die Weser gefallen.“ Schürks Blick verfinstert sich und wendet sich ab.

„Ja. Es ist nichts passiert.“ Er trottet seinem Konkurrenten nach, dessen Leo-naher Arm gefährlich nah zu ihm schlenkert. Leo will schon fast nach der Hand greifen, die ihm da bei jedem Schritt entgegenkommt, aber er reißt sich zusammen. Eigentlich hatte er vor, groß und breit darüber zu klagen, wie nass er ist, und wie furchtbar alles und vor allem Bremen und das Wetter ist, aber Schürks ernsthaft besorgte Miene lässt ihn verstummen.

In der Parkgarage, in der Schürk geparkt hat, wird es plötzlich leise und Leo ist froh, dass er den Regen nicht mehr ganz so präsent im Ohr hat. Das waren jetzt drei Tage Regen und Nässe und hier ist es zwar immer noch kalt, aber wenigstens trocken und nicht mehr so laut.

Sein Auto steht, wie erwartet, in einer dunklen Ecke. „Ist meine Bereitschaftstasche noch drin?“, fragt er und geht zum Kofferraum.

„Ja, klar.“ Schürk weiß scheinbar nicht, wo er hinsehen soll, also zieht Leo den wasserdichten Beutel mit den Dokumenten hervor und reicht ihn Schürk, damit er was zu tun hat, während er sich auszieht und trockenrubbelt.

„Alles okay bei dir?“, fragt er, während er sich die nassen Klamotten vom Leib schält.

„Bei mir?!“, schießt Schürk zurück. Er murmelt etwas Leises, das Leo nicht versteht, und bessert sich aus zu: „Ja, bei mir ist alles gut.“

Leo beeilt sich, weil es kalt ist und er nicht unbedingt nackt von einem Parkhauswächter erwischt werden will. Als er seine nassen Klamotten gegen trockene ausgetauscht hat, geht er zu Schürk, der sich die Dokumente anscheinend noch gar nicht angesehen hat. Er sitzt ein wenig erstarrt im Fahrersitz, den offenen Beutel in der Hand.

„Und? Alles drin?“, fragt Leo zögerlich.

„Hm? Ja. Ja, ja.“ Schürk legt den Beutel weg und steht auf. Er stellt sich wieder ganz dicht vor Leo, so wie letztes Mal, und zieht ihm das feuchte Handtuch aus den Händen. Er legt es über Leos Kopf und rubbelt sanft seine Haare trocken. „Du bist in die Weser gefallen und ich war nicht da“, sagt Schürk jetzt leise und sieht ihn an.

„Ja. Also, das...“

„Halt die Klappe“, murmelt Schürk und knüllt das Handtuch zusammen. Er umarmt Leo fest. Seine Haut fühlt sich richtig heiß an gegen Leos und er sinkt dankbar in die Berührung. Ob Schürk das genauso geht? Ob Schürk auch einsam ist als Geheimagent? Ob er sich auch so nach Körperkontakt sehnt? Leo spürt, wie alles in ihm loslässt und sich entspannt.

Er weiß nicht, wie lange sie da so stehen. Es ist schön, bis ihn irgendwann ein Frösteln durchfährt. Schürk reagiert sofort und löst die Umarmung, klopft ihm auf den Rücken und nickt mit dem Kinn zum Beifahrersitz. „Heizung ist schon an.“

„Danke fürs Abholen“, sagt Leo, als er endlich im Warmen sitzt und sich angeschnallt hat. Er meint es ernst. Er ist verdammt froh, dass Schürk doch nicht auf Sylt ist.

„Ja... dieses eine Mal noch.“ Schürk klingt erleichtert, dass er zu diesem banalen Geplänkel zurückkehren kann, weshalb Leo scherzhaft noch eines draufsetzen will.

„So wie ich das sehe...“ Scherzen können sie nämlich gut, banal plänkeln und sich gegenseitig ein bisschen aufziehen. Das ist unverfänglich.

„Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist“, unterbricht ihn Schürk bedeutsam leise.

Leo nickt nur.

Ein paar Atemzüge ist es ganz still zwischen ihnen, dann startet Schürk den Wagen. Leo weiß nicht, wo es hingeht, aber es ist ihm auch egal. Hier, im Auto mit Adam, ist er sicher.

 

 

 

 

 

 

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