Work Text:
Von Augsburg bis Affing
Als Adam zu sich kommt, ist er allein im Auto. Sein Airbag hat ausgelöst, im Gegensatz zum Airbag auf der Beifahrerseite. Die Beifahrertür steht offen. Der Beifahrersitz ist leer. Nichts deutet darauf hin, dass dort bis gerade eben – wann genau auch immer ‚gerade eben‘ gewesen sein mag – noch Hölzer saß. Alles deutet darauf hin, von Adams schmerzender linker Körperseite bis zum Zustand seines… Hölzers… ihres Autos, verdammt, dass sie mit voller Wucht gerammt worden sind. Direkt rein in die Fahrerseite, direkt an der Einfahrt zu diesem Tunnel, direkt von links, direkt von dieser kaum einsehbaren Zufahrtstraße aus. Der Wagen wurde gegen die Tunnelwand geschoben, muss aber von ebenjener Wand wieder ein Stückchen abgewiesen worden sein, denn immerhin steht die Beifahrertür gerade so weit offen, dass Hölzer aussteigen konnte.
Dass Hölzer aussteigen konnte.
„Wie blöd bist du eigentlich, Schürk?“, murmelt Adam und würde sich am liebsten selbst ohrfeigen. Denn auf diesen Gedanken, dass Hölzer aussteigen konnte, folgt direkt der nächste, sehr viel schlüssigere, aber auch beunruhigendere Gedanke: Die Beifahrertür wurde geöffnet, von außen, und Adams verfeind-… Adams irgendwie ehemals verfeindeter Konkurrenz-Agent wurde rausgezerrt und mitgenommen. Entführt. Geklaut. Irgendwer hat Hölzer geklaut, hat ihn Adam einfach weggenomm-… hat ihn entführt. Mitgenommen, was auch immer genau und warum auch immer. Natürlich besteht auch die absolut minimale Möglichkeit, rein theoretisch jedenfalls, dass Hölzer abgehauen ist. Sich verpisst hat, so wie nach ihrem Crash in Bergisch-Gladbach im Oktober 2019. Aber das hier ist etwas ganz anderes und nicht vergleichbar mit Bergisch-Gladbach im Oktober 2019, das spürt Adam bis in seine Eingeweide.
Sein Schädel brummt und er hat keine Ahnung, was hier los ist, jedenfalls keine konkrete, aber er will verdammt sein, wenn er das nicht so schnell wie möglich in Erfahrung bringt. Unter Ächzen und Stöhnen und mit vor innerer Unruhe klopfendem Herzen muss der blonde Mann über die Mittelkonsole und den Beifahrersitz nach draußen klettern, weil sich das Öffnen der Fahrertür als unmöglich herausstellt. Während er ächzt und stöhnt und klettert, kann er nur an eines denken: Hölzer. Oder besser, fuck, wem will er denn hier etwas vormachen: Leo. Auch, als er endlich draußen neben dem völlig zerbeulten Auto steht, kann er nur an eines denken: Leo.
Scheiße. Warum muss dieser unmögliche Kerl ihm immer wieder Schwierigkeiten machen? So wie gerade neulich in Bremen und Bremerhaven und überhaupt? Muss sich auf E-Rollern anfahren und in bundesdeutsche Flüsse schubsen lassen. Muss sich dabei fast eine Lungenentzündung holen, weswegen Adam zwei Einsätze allein absolvieren musste – musste… durfte, endlich mal wieder zwei Einsätze allein, genau! – während dieser wehleidige Super-Agent wochenlang das Bettchen hütete und den sterbenden Schwan gab. Wie Adam sich sagen ließ.
Und sich jetzt auch noch von irgendwelchen Arschlöchern, die es definitiv mit Adam zu tun bekommen werden, sobald er sie und Leo gefunden hat, aus dem Auto klauen lassen. Denn nur so kann es gewesen sein, denkt Adam weiter, während er um den Wagen herum geht und außerdem denkt: Hoffentlich ist Leo nichts passiert bei dem Unfall, ohne Airbag und direkt ran an die Tunnelwand. Und hoffentlich passiert ihm vor allem nach diesem Unfall, der natürlich kein Unfall sondern vielmehr ein kalkulierter Crash war, nichts. Hoffentlich kann er sich verteidigen, sollte er bedroht oder angegriffen oder Schlimmeres werden, hoffentlich stellt er sich ausnahmsweise mal nicht an wie der letzte Deppen-Agent der Bundesrepublik.
„Hör doch auf mit dem Scheiß, er ist kein…“, murmelt Adam und seufzt. Denn genau. Leo ist kein Deppen-Agent, auch wenn Adam das lange Zeit glauben wollte und deshalb auch geglaubt hat. Klar, Leo ist manchmal etwas… ungeschickt. Tollpatschig. Übereifrig. Aber wenn’s drauf ankommt, dann ist Leo –
„Wenn dir was passiert, bring ich dich eigenhändig um, Hölzer“, murmelt Adam weiter, in guter alter ‚Der Agent meines Konkurrenz-Geheimdienstes ist mein Feind‘-Manier. So ein bisschen jedenfalls. Immerhin kann man nicht von heute auf morgen einfach so –
„Aber vielleicht ist es auch besser so“, sagt Adam zu sich selbst, während er unter weiterem Ächzen und Stöhnen den Kofferraum öffnet und seinen Rucksack herausnimmt.
Ja, vielleicht ist es besser so, dass Leo sich hat klauen lassen. Vielleicht ist es besser so, dass sie gerammt und unterbrochen wurden, denn wer weiß, was sonst passiert wäre. Viel zu nahe sind sie sich gerade schon wieder gekommen, da in Adams… Leos… verdammt nochmal, in ihrem Auto. Wieder einmal. Wieder einmal sind sie sich viel zu nahe gekommen, woran Adam alles andere als unschuldig ist.
Wangenkuss.
Haare trocken rubbeln.
Er, Adam, hat sie doch nicht mehr alle.
Und jetzt gerade eben wieder, im Auto, ist es einfach so passiert, konnte Adam sich wieder einmal nicht zurückhalten und musste mit seiner Hand... da im Auto. Das jetzt ein absolut schrottreifer Totalschaden und damit Geschichte ist, was wohl bedeutet, dass Adam seine Jogginghose nie mehr wiedersehen wird. Leos Auto für Adams Jogginghose, so lautete ihr Deal. Dieser lächerliche Deal, der Leo aber, darauf würde Adam die nächsten fünf erbeuteten Dokumente verwetten, genau so viel Spaß bereitet hat wie Adam.
Scheiße nochmal, Spaß mit Leo Hölzer von der konkurrierenden Geheimagentur, das darf doch einfach nicht wahr sein, denkt Adam, tastet prüfend seine linke Körperseite ab und zieht sich den Rucksack auf die Schultern.
Nicht zu fassen, dass diese Idioten, wer auch immer sie sein mögen, Adams gesamte Ausrüstung im Kofferraum gelassen haben, ebenso wie Leos Notfalltasche, die aber auch Adam nun zurücklassen muss. Und nicht zu fassen, dass sie Adam nicht nach seinem Handy durchsucht haben, das er jetzt in seiner Hosentasche findet, wie gewohnt. Er zieht es heraus, stellt fest, dass noch immer sehr früher Morgen ist, und lässt die Nummer seiner Handlerin wählen, wobei ihm ganz egal ist, ob er geortet werden kann oder nicht. Wenn die unbekannten Leo-Entführer an Adam interessiert gewesen wären, hätten sie ihn ebenfalls mitgenommen. Oder getötet, je nachdem. Vermutlich war ihnen schlicht und ergreifend – und verdammt unerklärlicherweise – nicht klar, welcher absolute Top-Agent da neben Leo Hölzer auf dem Fahrersitz saß.
„Schürk“, meldet sich Heinrich in diesem Moment gewohnt knapp.
„Heinrich“, erwidert Adam ebenso knapp.
„Was ist los?“
„Leo wurde… Agent Hölzer wurde entführt. Wir wurden gerammt und er – “
„Und dir geht’s gut?“, unterbricht ihn Heinrich. Adam holt ungeduldig Luft und bemüht sich, nicht laut zu werden.
„Ja, mir geht’s gut. Das Auto ist Schrott und Le… Hölzer – “
„Das Auto war ja sowieso nicht deins. Dass du die ganze Zeit damit rumgefahren bist, ist nach wie vor – “
„Was, Heinrich, was ist das nach wie vor?“, fällt Adam seiner Handlerin ins Wort.
Am anderen Ende der Leitung hört er Heinrich schnauben. Mit bemüht ruhiger Stimme fährt sie schließlich fort: „Nichts, Schürk, nichts. Wir stellen dir einen Wagen bereit, du hast die Koordinaten gleich auf dem Handy. Und dann kommst du sofort rein.“
Adam kann ein hysterisches Lachen nicht unterdrücken, bevor er widerspricht: „Mit Sicherheit komme ich nicht sofort rein. Ich werde Hölzer suchen und finden und du wirst mir – “
„Das wirst du nicht und ich schon gleich gar nicht. Du suchst ihn nicht und ich helfe dir nicht. Das ist alles Sache von Hölzers Geheimdie – “
„Das kannst du vergessen, Heinrich! Das wurde in dem Moment zu meiner Sache, in dem ihr uns damals zusammen auf diesen Maskenball geschickt habt!“, braust Adam auf und wirft einen Blick auf sein Handydisplay. Die Koordinaten sind bereits da und nachdem er sich kurz orientiert hat, macht Adam sich in die entsprechende Richtung auf den Weg. Natürlich könnte er sich auch einfach ein Auto klau… ausleihen. Kurzschließen und ausleihen, aber ein Wagen seines Geheimdienstes ist eben wesentlich besser ausgestattet.
„Das wirst du mir auch bis in alle Ewigkeit vorwerfen, was? Konnte ja keiner ahnen, dass ihr so gut zusammenarbeitet“, hört er Heinrich jetzt schnippisch antworten.
„Konnte ja keiner ahnen, genau. Aber dann leb‘ jetzt auch damit und finde raus, was passiert ist“, gibt Adam entschlossen zurück, wohl wissend, dass Heinrich gar nichts tun muss, wenn sie nicht will. Adam mag der Top-Agent seines Geheimdienstes sein, ja, der Top-Agent im ganzen Deutschland, aber das heißt nicht, dass er sich alles erlauben kann.
Das hier ist aber nicht alles, das ist… Hölzer. Leo. Was, wenn Adam genau darüber nachdenkt und sich dann auch noch eingestehen will, doch irgendwie… alles ist.
„Also gut, Schürk. Ich morse Baumann an und sehe, was ich rausfinde“, lenkt Heinrich nun endlich ein. Adam meint, mindestens ein Dutzend Steine der Erleichterung von seinem eigenen Herzen fallen zu hören.
Eine halbe Stunde später sitzt der blonde Agent in dem von seiner Agentur bereitgestellten Auto und hasst alles. Alles an diesem Auto. Ja, es ist schick, beste Ausstattung, alles topmodern und mit allen nur denkbaren Gimmicks und Sondereinbauten. Es ist schick und es ist nagelneu, aber es ist eben nicht Leos… Adams… Leos… ihr Auto, verflucht nochmal. Während Adam den Wagen schon aus Augsburg heraus lenkt, streckt er seinen rechten Arm aus und öffnet das Handschuhfach. Keine Kotztüten. Natürlich nicht. Er hasst alles an diesem Auto.
Heinrich hat wie versprochen Leos Handlerin Baumann angemorst und erste Hinweise auf den Verbleib von Adams lieblingsverfeindetem Agenten erhalten. Adam folgt nun diesen Hinweisen, was sich ziemlich gut trifft, denn erwartungsgemäß hätte Leos Agentur ohnehin keinen einsatzbereiten Agenten in der Nähe gehabt. Nach wie vor kann Adam manchmal nicht fassen, für was für einen Dilettanten-Verein Leo arbeitet.
Die Hinweise führen Adam zu einem alten, verlassenen Bauernhof am Rande von Affing. Er versteckt das Auto in einem nahegelegenen Waldstück und sich selbst bis zum Einbruch der Dunkelheit hinter einem zu dem Bauernhof gehörenden Schuppen. Ein einzelner, bewaffneter Kerl umkreist zu jeder vollen Stunde das Gehöft, lässt den Schuppen dabei aber geflissentlich links liegen. Die Kriminalität in der Bundesrepublik ist auch nicht mehr das, was sie mal war, denkt Adam, der dem Kerl in gleich zweifacher Hinsicht dankbar ist. Zum Einen, weil er sich Dank der lückenhaften Patrouille des Typen kein zusätzliches Versteckt suchen muss; zum Anderen, weil er sich durch die Patrouille des Typen darin bestätigt sieht, dass Leo sich irgendwo in dem heruntergekommenen Anwesen befinden muss.
Während schließlich endlich nach und nach die Dunkelheit hereinbricht und Adam hinter dem Schuppen im Gras hockt, versucht der Agent, an gar nichts zu denken. So wie den ganzen Tag schon, während der ganzen Stunden, die er hier ausgeharrt hat. Seinen Kopf ganz frei zu machen von irgendwelchen überflüssigen Gedanken und sich ganz auf das zu konzentrieren, weswegen er hier ist.
Dummerweise aber ist er wegen Leo Hölzer hier.
Und dummerweise kann Adam an nichts anderes denken, den ganzen Tag schon, als an den Agenten der Konkurrenz, auch jetzt nicht, während er weiter hinter dem Schuppen im Gras hockt.
„Konzentrier dich, verflucht nochmal“, murmelt Adam und reibt sich mit dem Lauf seiner SIG Sauer über die Stirn. Er hält seine Augen geschlossen und sieht doch nur Leo vor sich.
Adam wird Leo da rausholen, soviel steht fest. Aus dem einfachen Grund, weil… Adam keine Lust hat, sich womöglich auf eine neue Zusammenarbeit mit einem neuen ‚Partner der Konkurrenz‘ einstellen zu müssen.
„Genau. So sieht’s mal aus“, murmelt er weiter und ist fest davon überzeugt, dass Leos Leute ihn im Falle seines… also, dass sie Leo ersetzen würden. Dass sie, in Absprache mit Adams Agentur, einen neuen ‚Partner‘ für Adam finden würden. Etwas, worauf Adam schlicht keine Lust hat. Nein, ohne ihn. Nach so vielen gemeinsamen Einsätzen mit Leo, nach so vielen geknackten Tresoren und erbeuteten Dokumenten, nach so vielen brenzligen Situationen und Ablenkungsmanövern… fuck, diese Ablenkungsmanöver. Auf keinen Fall wird Adam mit irgendwem anderen als Leo solche Ablenkungsmanöver… genau, mit Sicherheit nicht. Denn sowas kann man nicht trainieren oder einstudieren, sowas… kann man einfach. Zusammen. Oder eben nicht.
„So sieht’s mal aus“, wiederholt Adam leise. Er will Leo vielleicht nicht küssen, weshalb es gut ist, dass sie aus dieser Zweisamkeit in ihrem Auto gerissen wurden – und dieser Wangenkuss neulich war schon mindestens ein Schritt zu weit, dieser Wangenkuss von Ottersheim, verdammt nochmal – aber er will ganz sicher auch keinen neuen verfeindeten Partner. Er will Leo. Also, beruflich gesehen. Er braucht Leo. Also, schon wieder beruflich gesehen. Adam braucht Leo, beruflich gesehen, und… und… die Bundesrepublik braucht Leo auch.
Adam öffnet seine Augen. „Genau. Für die Bundesrepublik“, murmelt er und richtet sich auf. Schraubt den Schalldämpfer an die Pistolenmündung. Späht um die Ecke des Schuppens und wünscht für einen kurzen Moment, da wäre ein Scharfschütze… der Scharfschütze… dieser Scharfschütze namens Leo. Leo Hölzer. Doch Leo liegt heute auf keinem Dach und nicht versteckt im Gras oder sonst wo, Leo ist da drin. Irgendwo da drin und Adam wird ihn da rausholen, genau jetzt.
Und Adam holt ihn da raus.
Auf dem Weg in das Haupthaus schaltet er fast lautlos zwei dunkelgekleidete Typen aus, einer davon der, den Adam schon von draußen kennt. Er ist bereit, sich Zimmer für Zimmer vorzuarbeiten, so lange, bis er Leo gefunden hat, doch da fällt ihm auch schon auf, dass er sich diese Mühe gar nicht machen muss. Wer auch immer Leo hierher gebracht hat, scheint sich verdammt sicher zu fühlen. Zwar sieht Adam, als er um den Türstock herum in das Zimmer blickt, das früher wohl als Wohn- und Esszimmer genutzt wurde, dass die Fenster mit dunklen Stoffbahnen verhängt wurden. Doch davon abgesehen scheinen keine weiteren Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden zu sein. Auch allzu schwer bewacht wird Leo offensichtlich nicht, doch das scheint auch nicht nötig, wie Adam auf den ersten Blick erkennt.
Fast genau in der Mitte des Raumes sitzt Leo auf einem Stuhl, die Hände nach hinten und die Füße an den Stuhlbeinen gefesselt. Vornübergebeugt hängt er mehr auf dem Stuhl als dass er sitzt, sein Kopf ist fast bis auf seine Brust gefallen. Seine Haare hängen ihm über und in die Stirn und Adam könnte sich irren, aber er meint, Blut in den Haaren, auf Leos T-Shirt und vor Leo auf dem Holzboden zu erkennen. Abgesehen von Leo scheint sich nur ein weiterer Mann im Zimmer zu befinden. Adam hat längst durchgerechnet, auf wie viele Gegner er sich maximal einstellen muss. Er konnte lediglich einen Range Rover auf dem Grundstück feststellen und geht davon aus, dass, abgesehen von den beiden bereits ausgeschalteten Typen, noch höchstens drei weitere Kontrahenten auf ihn warten. Vielleicht aber auch nur dieser eine hier.
Der Typ im Zimmer entdeckt Adam früher, als diesem lieb ist. Adam hat es gerade mal geschafft, sich einen Schritt weit in den Raum zu schleichen, da ist der Kerl auch schon mit drei schnellen Schritten bei Leo, packt mit einer Hand in die dunklen Haare und reißt Leos Kopf zurück.
Leo stöhnt auf vor Schmerz.
Adams Herzschlag setzt für einen Moment aus beim Anblick von Leos Gesicht.
Irgendwer hat sich mit seinen Fäusten nicht zu knapp an Leos Gesicht ausgetobt und Adam geht jede Wette ein, dass es genau der Mann ist, der jetzt hinter Leo steht, mit seiner Hand noch immer in Leos Haaren. Diesen Haaren, die immer so übertrieben-fluffig sind, es sei denn, sie werden, so wie jetzt, von Blut verklebt. Oder sind tropfnass, weil Leo mal wieder in einen Fluss gefallen ist.
Adam spürt einen schier unbändigen Hass in sich hochkochen.
„Lass ihn los“, presst er durch seine zusammengebissenen Zähne hervor. Leo öffnet seine bislang geschlossenen Augen, oder zumindest eines davon, womöglich, weil er Adams Stimme gehört und erkannt hat.
„Warum sollte ich?“, fragt der Kerl, der den morgigen Tag nicht erleben wird, wenn es nach Adam geht.
„Weil ich dich sonst kalt mache“, sagt Adam drohend und ist sich nur zu bewusst, dass Leo vor kurzem noch fast die gleiche Drohung ausgestoßen hat, als Adam eine Pistolenmündung an die Stirn gepresst wurde.
Der Typ kichert überheblich. „Das will ich sehen. Oder wir… regeln das anders“, sagt er und zieht grob an Leos Haaren. Erneut stöhnt Leo gequält auf, ein Geräusch, das Adam ganz heiß werden lässt vor Wut. Er nimmt dennoch all seine Selbstbeherrschung zusammen und fragt: „Was soll das heißen, anders regeln?“
„Na, na, willst du mich für blöd verkaufen? Du wirst mir doch wohl was mitgebracht haben?“, fragt der Kerl und fährt Leo mit seiner freien Hand, in der er aber eine Ruger hält, unters Kinn. Reibt mit seinem Handrücken grob über Leos blutverschmierte Haut und fügt hinzu: „Oder willst du ihn nicht wiederhaben?“
Trotz der Entfernung kann Adam erkennen, wie Leo angestrengt schluckt. Kann außerdem sehen, dass Leo ihn nicht aus den Augen lässt. Oder besser, aus dem einen, nicht fast völlig zugeschwollenen Auge. Kann überdies erkennen, dass Leo irgendwann in den vergangenen Stunden geweint haben muss, denn hier und da sieht das getrocknete Blut in Leos Gesicht seltsam –
„Was ist jetzt?“, reißt der Kerl Adam aus seinen Gedanken und presst hart mit einer Hand unter Leos Kinn. Der gefesselte Mann keucht und schnappt nach Luft.
„Lass ihn los, dann können wir reden!“, sagt Adam laut und entschlossen und macht einen unauffälligen Schritt näher an die beiden Männer heran. Fügt hinzu, leiser und an Leo gerichtet: „Konzentrier' dich auf mich, Leo. Nur auf mich. Und alles wird gut.“
Der Typ lacht dreckig, zieht Leos Kopf noch weiter zurück, sagt hämisch: „Alles wird gut, genau! Aber es gibt nichts zu reden. Ich will nur die Dokumente. Oder willst du mir sagen, dass du mit leeren Händen gekommen bist?“
Scheiße. War ja klar, dass Leo wegen sowas Beschissenem wie irgendwelchen Dokumenten entführt wurde, entführt und verprügelt und geschlagen. Und war ja klar, dass Leo nicht reden würde, ebenso wenig wie Adam in einer vergleichbaren Situation reden würde, egal, ob er etwas wüsste oder nicht.
Adam weiß nichts und hat auch keine Dokumente dabei. Aber er weiß, was er kann und was der Kerl da drüben hinter Leos Stuhl ganz sicher nicht kann und was Adam anstelle irgendwelcher Dokumente sehr wohl dabei hat.
Blitzschnell zieht Adam ein Messer und nickt Leo fast unmerklich zu. Der formt mit seinen aufgeplatzten Lippen stumm das Wort 'Okay'. Ungefähr eine Sekunde später steckt die Klinge im Hals ihres Gegners, der fast sofort hinter Leo zusammensackt und nur noch ein gurgelndes Geräusch von sich gibt. Seine Pistole ist ihm da bereits aus der Hand gefallen.
Angestrengt sieht Leo Adam dabei zu, wie der auf ihn zukommt, noch rasch die Pistole außer Reichweite des auf dem Boden liegenden Mannes kickt und sich dann vor Leo und zwischen seine Beine kniet. Für einen Augenblick macht Adam gar nichts. Gar nichts, außer Leo anzusehen, in sein blutiges und geschwollenes Gesicht zu sehen, in Leos weit aufgerissenes Auge. Dass er seine Hände auf Leos Oberschenkel gelegt hat, fällt Adam erst auf, als Leo ihn mit heiserer Stimme fragt: „Willst du mich nicht losmachen?“
Adam räuspert sich und nimmt die Hände von den Beinen des anderen Mannes. „Klar. Natürlich. Sofort“, antwortet er und könnte schwören, seine eigene Stimme klingt ähnlich heiser wie Leos.
„Dummerweise steckt dein Messer wohl…“, sagt Leo und grinst viel zu frech, dafür, dass er hier in den vergangenen Stunden eindeutig gewaltig einstecken musste.
„Schlauerweise ist das nicht mein einziges Messer“, erwidert Adam und zieht ein weiteres Messer aus einer seiner vielen Hosentaschen hervor. Er durchschneidet die Fesseln an Leos Füßen, richtet sich wieder auf und geht um den Stuhl herum. Adam fühlt sein Herz schmerzen, als er Leos blutig geriebene Handgelenke sieht. Besonders vorsichtig zertrennt er auch diese Fesseln und greift mit seiner linken Hand Leos linkes Handgelenk, ganz sanft.
„Das muss gereinigt und verbunden werden“, sagt er leise und lässt Leos Handgelenk auch schon wieder los.
„Solange du nichts tackerst…“, antwortet Leo, während Adam wieder nach vorne geht und vor Leo stehen bleibt.
„Irgendwann tacker ich dir deine vorlaute Fresse zu, Hölzer“, sagt Adam und fügt noch hinzu: „Apropos?“ Er nickt zu der Stelle, die Adam vor nicht allzu langer Zeit geklammert hat und von der er viel zu genau weiß, dass sie noch immer nicht richtig verheilt ist, Leos Unachtsamkeiten sei Dank.
„Tut wieder ein bisschen weh“, antwortet Leo fast entschuldigend, obwohl es heute wirklich nichts zu entschuldigen gibt. Er hat seine Entführer ja schließlich nicht darum gebeten, ihn zu verprügeln.
Adam schenkt dem anderen Mann ein aufmunterndes Nicken. „Sehe ich mir später dann auch an“, sagt er, obwohl er die Narbe am liebsten auf der Stelle kontrollieren würde. Doch es gibt jetzt Wichtigeres, weshalb er Leo fragt: „Ist hier sonst noch jemand?“
„Nein“, sagt Leo und Adam kann ihm die Erleichterung über diese Tatsache förmlich anhören.
„Brauchst du Hilfe?“, fragt er weiter. Er kann es kaum erwarten, hier zu verschwinden. Mit Leo.
Von unten herauf sieht Leo ihn mit einem nun fast scheuen Lächeln an. „Hilfe wäre schön“, sagt er und presst die Lippen zusammen, als ob ihm dieses Eingeständnis peinlich wäre. Was es nicht sein muss. Adam hätte ihm sowieso geholfen, blutig, geschunden und müde, wie Leo aussieht. Erst diese Fast-Lungenentzündung und jetzt das. Man kann diesen Mann auch wirklich keine Sekunde aus den Augen lassen.
Adam tritt ganz nah an den Stuhl und Leo heran, beugt sich herunter und legt einen Arm um Leos Rücken. Hakt seine Hand vorsichtig unter Leos Achselhöhle ein und sagt: „Los geht’s.“
Langsam gehen die beiden Männer nach draußen. Leo macht sich schwer an Adams Seite, lässt sich bereitwillig von ihm führen, atmet schon nach wenigen Schritten ziemlich angestrengt.
„Soll ich das Auto holen? Es steht drüben am Waldrand, ich wäre gleich wieder da“, schlägt Adam vor, als sie auf dem Hof stehen. Er ist sich nicht sicher, ob Leo den Weg bis zum Auto schaffen wird.
Der andere Mann bleibt für einen Moment still. Fast denkt Adam schon, er wäre an seiner Seite eingeschlafen, da antwortet er doch noch: „Auto hierher holen wäre schön.“
Was heute alles schön wäre, denkt Adam, der sehr genau weiß, dass heute nichts schöner sein kann als die Tatsache, dass er Leo lebend gefunden hat. Er will den verletzten Agenten schon auf die zweistufige Treppe setzen, die zur Haustür führt, da fragt der noch: „Aber welches Auto?“
Adam muss schnauben. „Nicht meins… deins… unseres.“
„Sondern?“, fragt Leo, obwohl Adam jetzt eigentlich nicht über Autos und andere Unwichtigkeiten reden will, aber gut, wenn der Mann nicht locker lässt…
„Eins ohne Kotztüten, so leid es mir tut“, sagt er also und grinst Leo breit an. Und freut sich vielleicht ein bisschen zu sehr darüber, dass Leo dieses Grinsen mit einem eigenen Grinsen erwidert, wenn auch nicht ganz so breit, zu schmerzhaft ist eindeutig schon dieses kleine Grinsen.
„Deine Leute haben einfach keine Ahnung von guter Ausstattung, Schürk“, sagt Leo.
„Werde ich ihnen ausrichten, Hölzer.“
Adam wirft Leo einen vorerst letzten prüfenden Blick zu und macht sich dann auf den Weg zum Waldrand. Raucht eine schnelle, dringend nötige Zigarette. Es ist kein weiter Weg, aber für den verletzten Mann wäre er ohne Frage zu lang gewesen. Adam holt den Wagen, hilft Leo beim Einsteigen. Er beugt sich zur Beifahrerseite hinein, greift den Sicherheitsgurt und schnallt Leo an. Kommt ihm dabei so nah, dass er den Atem des anderen Mannes auf seinem Gesicht spüren kann. Er muss sich zwingen, nicht einfach für immer so mit Leo zu verharren, lehnt sich stattdessen wieder aus dem Auto und schließt die Beifahrertür.
Als er auf dem Fahrersitz sitzt, sich ebenfalls angeschnallt hat und gerade losfahren will, sagt Leo neben ihm: „Wirklich ein schreckliches Auto.“
Adam muss leise lachen. „Sag ich doch. Und es wäre großartig, wenn du dich nicht übergeben müsstest.“
Er hört Leo schnaufen, bevor er antwortet: „Weißt du, was auch großartig wäre?“
„Was?“, fragt Adam. Aus irgendeinem Grund schlägt sein Herz plötzlich etwas schneller.
„Wenn du uns hier wegbringen würdest.“
„Bin schon dabei“, bringt Adam gerade noch heraus, bevor er für einen Moment nur noch denken kann: Uns. Uns hier wegbringen.
Und ob Adam sie hier wegbringen wird. An einen sicheren Ort wird er sie bringen. Dort wird er Leo verarzten, wieder einmal, und ihm sehr wahrscheinlich beim Schlafen zusehen, wieder einmal. Doch dieses Mal wird Adam dafür sorgen, dass Leo am nächsten Morgen nicht einfach verschwindet.
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