Work Text:
Leo gibt es nicht gerne zu, aber das Auto, in dem Adam sie von dem Landhaus wegbringt, ist auf den zweiten Blick gar nicht so schrecklich. Es scheppert vor allem nicht. Die hintere Tür klemmt bestimmt auch nicht. Der Kofferraum geht wahrscheinlich auf Knopfdruck zu und muss nicht mit aller Kraft zugedrückt werden. Die Außenspiegel haben keine Kratzer. Er hat sich das Auto nicht genau angesehen, aber es hat mit Sicherheit auch keine Dellen oder Rostflecken oder Einschusslöcher. Es riecht innen auch besser als seines. Außerdem hat es keine Blutflecken im Fahrersitz von den Zeiten, bevor Schürk angefangen hat, ihn abzuholen. Und trotz all dieser Vorzüge, würde er das niemals laut zugeben.
Er liegt halb im Sitz und lässt die Rückenlehne mit dem elektrischen Hebel etwas weiter in Schräglage sinken.
*Sssssssssss*
Zu weit. Er korrigiert.
*Zzzzzzzzzz*
Das war wieder zu weit nach vorne. Er korrigiert noch einmal.
*Ssssssss*
Jetzt noch den ganzen Sitz nach hinten für mehr Beinfreiheit.
*Bzzzzzzzzzzz*
„Bist du fertig?“, fragt Schürk angespannt.
*Bzzzzzzzzz* Zur Antwort betätigt Leo den Schalter noch einmal und fährt noch ein Stück nach hinten. Anschließend brummt er zufrieden: „Jetzt.“
Zugegeben, es ist ein Ablenkungsmanöver für ihn selbst, weil jeder Atemzug weh tut. Er bemüht sich, ruhig zu bleiben, aber am liebsten würde er sich hier herumwinden, sich auf- oder anders hinsetzen, sich nach links oder rechts drehen, sich irgendwo kratzen oder was auch immer tun, damit das alles aufhört. Es pocht und zieht und sticht und... Er kann noch nichts davon tun, weil er neben Schürk im Auto sitzt und sich nicht blamieren will. Das kann er erst, wenn Schürk ihn in einem Hotel abgesetzt hat.
Er dreht den Kopf, damit er Schürk ansehen kann und seufzt laut. Vielleicht sollte er seinen Agenten-Konkurrenten einfach mal Adam nennen. Gut genug kennen sie sich ja mittlerweile.
„Adam“, sagt er deshalb, worauf Schürk einen schnellen Blick zu ihm wirft, bevor er wieder nach vorne sieht.
„Ja?“ Schürk klingt unsicher. Adam klingt unsicher.
„Danke.“
So gerne er auch so tun würde wie immer, als hätte er sich ganz leicht selbst befreien können, als wäre das alles Teil seines durchgeklügelten Plans gewesen, dieses Mal war anders. Er wäre aus diesem Stuhl nicht mehr aufgestanden, wenn Adam ihn nicht holen gekommen wäre.
Und auch, wenn das öfter vorkommt und er schon ein paar mal von Schürk gerettet wurde, so hat es diesmal eine andere Qualität. Er weiß immer noch nicht, welche Dokumente diese Typen wollten. Ein paar Runden noch und er hätte irgendetwas erzählt; und wenn sein Bluff aufgeflogen wäre, wäre es vorbei gewesen mit Agent Leo Hölzer. Es macht ihn müde, daran zu denken, wie knapp das heute war.
Adams Mundwinkel zucken. „Ich dachte, du sagst jetzt bestimmt, du hattest alles im Griff, so wie in Uffing.“
Dankbar springt Leo auf die Ablenkung an. „Das ist schon ewig her“, protestiert er laut. Und damals hatte er wirklich alles im-
„Sieben Monate“, korrigiert Adam nach einem kurzen Moment des sichtbaren Nachdenkens.
Leo gähnt und blinzelt mit seinen schweren Augenlidern. Sieben Monate ist das erst her? Es fühlt sich an wie länger. „Sage ich ja: ewig. Und ich hatte da tatsächlich alles im Griff.“
„Ja, genau. Mit der ausgerenkten Schulter konntest du auch bestimmt super greifen.“
Noch ein Gähnen entkommt Leo und er sieht Adam lächeln und mit dem Kinn in Richtung Leo und der Tür nicken. „Schlaf eine Runde. Wir haben noch ein Stück.“
Leo sieht ein, dass er das Argument nicht gewinnen kann und will schon zurück witzeln, als ein Stechen durch seinen ganzen Körper geht und ihm kurz den Atem raubt. Adam sieht rasch und besorgt zu ihm. ‚Alles gut‘, versucht er ohne Worte zu vermitteln. Nicht wirklich. Alles tut weh und er will sich immer noch in alle Richtungen verdrehen, um den Schmerzen zu entkommen.
„Ist jetzt auch egal. Danke, jedenfalls“, lässt er Adam noch wissen und lehnt sich gegen den Rahmen. Unzufrieden rutscht er sich zurecht, aber es bleibt ungemütlich. Weil Adams Geheimdienst ein Saftladen ist, hat das Auto auch keine Decke und kein Kissen auf dem Rücksitz.
Er wird jetzt eine Runde schlafen, will er sagen, als wäre es seine Idee gewesen. Adam soll ihn bitte aufwecken, wenn sie da sind. Und ihm gleich ein Zimmer reservieren, so wie letztes Mal. Und... überhaupt. Adams „Gerne“, klingt bereits weit weg.
Als er wieder aufwacht, fühlt er sich wie gerädert. Sein T-Shirt ist verzogen, also hat er sich wohl im Schlaf so herumgewunden, wie er das im wachen Zustand gerne getan hätte. Und doch fühlt er sich seltsam ruhig. Er blinzelt und sieht, dass Adam sein Handgelenk in seiner großen Hand hält, Daumen beruhigend fest auf Leos Puls.
„Hey. Wieder da?“
Adam will seine Hand wegziehen, aber Leo erwischt sie noch mit seinen Fingerkuppen und hält sie bei sich. Sein Mund fühlt sich pelzig und seine Wange dick an. Seine Zähne tun weh von den Schlägen. Sein Kopf auch. Und seine Wangenknochen. Und seine Handgelenke. Und seine Seite. Und sein Knie. Und... und... alles. Am liebsten würde er frustriert weinen. Zur Ablenkung fragt er: „Wo sind wir?“
„Gleich da.“
Die Sonne ist bereits untergegangen, die Helligkeit vom Horizont alles, was die Umgebung beleuchtet. Endlos und flach erscheint ihm hier alles. Adam könnte seine Finger mit Leichtigkeit von Leos schwachem Griff befreien, aber er fühlt, wie sich Adams Hand zurück in seine schiebt und diese sicheren, warmen Finger wieder auf seinem Puls landen.
„Wo sind wir überhaupt?“
„Könnte ich dir schon sagen, aber dann müsste ich dich töten.“
Leo schmollt mit einem Brummen. Das ist die geheimagentischste Antwort, die Adam ihm geben kann. „Was für ein Verlust für die Bundesrepublik“, murmelt er und meint damit klarerweise nicht sich selbst, denn er würde sich erfolgreich gegen Adams Mordversuch wehren und den Spieß umdrehen – möglicherweise wortwörtlich. Und dann wäre Adam der Verlust. Und was für einer. Er will Adam aber gar nicht weh tun. Viel lieber will er, dass Adam seine Hand nicht mehr loslässt. Solange er sich auf diese Finger konzentrieren kann, tut alles viel weniger weh.
Adam biegt in einen Waldweg ab und Leo kann sich nicht helfen – er sieht sich die Bäume an, kalkuliert Sonne, Fahrtrichtung, Moosbewuchs und mögliche Fahrzeit und denkt, er kann vielleicht, mit ein bisschen Glück, sogar erraten, wo sie sind. Möchte er nicht, aber solche Berechnungen passieren in seinem Kopf ganz von allein.
„Ist das ein Safe House deiner Agentur?“, fragt er, als Adam in Schrittgeschwindigkeit durch den Wald rumpelt. Er lässt die Fensterscheibe herunter und schließt die Augen. Die kühle Abendluft weht herein und mit ihr ein Duft von Tannenbäumen, Moos und Waldboden. Es fühlt sich wundervoll auf seinem geschundenen Gesicht an.
Als Adam nicht antwortet, dreht sich Leo zu ihm. „Dein eigenes?“
Er sieht im Profil, wie Adams Lippen zusammenpressen und versteht. So weit sind sie noch nicht. „Egal“, antwortet er. „Du hättest mich in einem Hotel absetzen können.“
„Nicht heute“, antwortet Adam und drückt seine Hand. „Nicht dieses Mal.“ Leo will gerade sagen, dass er froh ist, dass Adam ihn mitnimmt, als Adam seine Hand aus Leos löst und durch die Windschutzscheibe nach vorne zeigt. „Wir sind da.“
Er blickt durch die Windschutzscheibe in die Dunkelheit und muss schlucken, als er die Hütte sieht. Das ist Adams private Hütte im Wald und damit bestimmt so etwas wie ein Rückzugsort, eine Zuflucht. Ein Refugium. Und er hat ausgerechnet Leo hierher gebracht, seinen bitterst verfeindeten Konkurrenz-Agenten. Vielleicht sind sie wirklich nur mehr so-la-la-verfeindet. Es fühlt sich nämlich ein bisschen wie eine Liebesbekundung an, hierher mitgenommen zu werden.
Während Adam parkt, fährt Leo bereits die Fensterscheibe wieder nach oben und schnallt sich ab. Er würde gerne allein aufstehen, wartet aber schließlich doch, bis Adam um das Auto herumgekommen ist und die Tür aufmacht.
„Das ist deine Hütte?“, fragt Leo nach.
Adam antwortet mit einer Gegenfrage: „Ist doch okay, oder?“
„Bist du sicher?“
„Tu nicht so. Du hast mir vor ein paar Wochen in meiner Wohnung aufgelauert.“
Aufgelauert?! Sein Blick muss entsetzt sein, denn Adam grinst ihn schelmisch an, als hätte er damit etwas erreicht. „Na komm, steh auf.“ Er greift ihm wieder so unter die Achseln wie vorhin, einen Arm um seinen Rücken, und zieht ihn hoch. „Diesmal lade ich dich sogar richtig ein, reinzukommen. Und dieses Mal...“ Sie stolpern ein paar Schritte vom Auto weg und Leo klammert sich fest um Adam, auch wenn es eigentlich allein auch ginge. Adam lässt ihn nicht los. „... klaust du nicht einfach meine Jogginghose und haust ab.“
„Die war geliehen. Zumindest, bis du mein Auto zu Schrott hast crashen lassen.“ Der Scherz bleibt ihm halb im Hals stecken, weil er ihn an den Unfall erinnert. Der plötzliche Aufprall auf der Fahrerseite schleuderte ihn gegen die Tür und das nächste, an das er sich erinnern kann, ist, dass er aus dem Auto gezerrt wurde. Er hatte keine Gelegenheit, zu sehen, ob Adam überhaupt noch am Leben war oder ob seine Entführer ihn...
Sein Herz hämmert in seiner Brust und ihm wird übel.
Bis Adam kam, um ihn zu retten, dachte er...
Er spürt, wie Adam innehält und will schon zurückrudern, dass er das mit der Jogginghose nicht so meint und dass er eigentlich nur froh ist, dass Adam noch lebt, als sein Konkurrenz-Agent schicksalsergeben seufzt: „Hatte ich befürchtet.“
Zufrieden drückt er Adam. Irgendwann später wird er ihm das noch sagen müssen... dieses ‚Ich bin froh, dass dir bei dem Crash nichts passiert ist.‘
Plötzlich überkommt ihn ein Schwindelanfall und er stolpert gegen Adam, der ihn geschickt auffängt. „Leo? Leo, was ist?“
Statt zu antworten, übergibt sich Leo vor ihren Füßen.
„Gehirnerschütterung, hm?“, fragt Adam leise. Diese große Hand streichelt über Leos Kopf und er sackt gegen Adam.
„Ich muss gleich nochmal“, warnt er.
„Dann setz dich hierhin." Adam hilft ihm auf eine der unteren Treppenstufen und stützt ihn dabei, wie er sich vorbeugt. Seine Hand bleibt warm auf Leos Rücken.
„Dabei ist die Hütte gar nicht so hässlich“, murmelt Leo zwischen seine Knie in Richtung Boden.
Adam grunzt. „Ah? Siehst du die so gut?“ Es ist gleichzeitig eine Erste-Hilfe-Frage. Wie ist seine Sicht? Wie viele Finger sieht er?
„Alles ein bisschen verschwommen“, gibt Leo zu. Seit vorhin bereits, stellt er jetzt fest, genauso wie seine Kopfschmerzen seit vorhin schlimmer sind. Deswegen ist er auch aufgewacht. Der holprige Waldweg hat nicht geholfen.
„Danke, dass du noch gewartet hast, bis wir nicht mehr im Auto sitzen.“
Leo seufzt. „Ich bin einfach jemand, der gibt, Adam.“
Diesmal ist das Grunzen noch näher an einem Lachen. „Außer Dokumente“, korrigiert Adam und streichelt ihm dabei über den Rücken. Es fühlt sich so gut an. So gut, dass er gleich noch einmal auf den Boden würgen muss.
„Ich glaube, wir gehen jetzt besser rein“, sagt Adam schließlich. „Verarzten, saubere Klamotten, Wasser, Bett, Pulsmonitor...“
Genau das tun sie dann auch. Adam hilft ihm hinein und in die Wohnküche der kleinen Hütte, wo er ihn auf die Couch setzt. Dort lässt er ihn kurz allein und geht ins Bad. Leos Kopf pocht mittlerweile im Rhythmus mit seinem Puls und er will sich schon wieder übergeben.
Ein Eimer wird ihm plötzlich ins Gesichtsfeld gehalten und er nimmt ihn dankbar an sich.
Ein Glas und eine Packung Schmerztabletten folgen. Leo kennt die vom letzten Mal, als Schürk ihn zusammengetackert hat. Das ist das wirklich gute Zeug. Er schluckt brav eine und gibt Glas und Schachtel zurück. Die sollte er drin behalten, wenn er keine Spritze möchte.
„Und jetzt... der unangenehme Teil.“ Adam stellt einen Koffer ab und bahnt sich seinen Weg zwischen Leos Beine. Er setzt sich Leo gegenüber auf den Couchtisch und packt Desinfektionsmittel und Tupfer aus. Eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch stehen auch da – Leo weiß nicht genau, wann Adam das hergebracht hat.
„War der auch in einem Tresor im Bad?“, fragt Leo kecker, als er sich fühlt.
„Nein, hier kommt niemand her, der nicht weiß... der nicht Bescheid weiß.“ Adam beginnt mit einem nassen Handtuch, ihm vorsichtig verkrustetes Blut von der Haut und aus seinem Bart zu waschen.
„Ich weiß Bescheid.“ Er kann nicht verhindern, dass er dabei irgendwie glücklich klingt. „Aua.“
Adam nickt bedächtig. „Du weißt Bescheid.“ Er rutscht mitsamt dem Tisch näher zu Leo – so nah, dass er ein Bein zwischen Leos schieben muss. „Du würdest aber auch nicht in den Tresor kommen.“
„Hey“, protestiert Leo und macht die Augen zu, als Adam beginnt, die offenen Wunden zu desinfizieren. „Aua.“ Er lässt Adam mit jedem neuen Tupfer wissen, dass es weh tut.
„Du bist so wehleidig. Vorhin hast du dich bestimmt ohne ein Geräusch verdreschen lassen und jetzt?“
Leo schnauft und öffnet ein Auge. „Der durfte ja nicht wissen... da musste ich ja cool wirken.“ Vorhin dachte er noch, dass er sich vor Adam nicht blamieren darf und jetzt... jetzt ist irgendwie alles anders. Adam ist so nah, dass Leo die kleinen Fältchen unter seinen Augen sehen kann. „Hübsch“, murmelt er und verliert sich ein bisschen in diesen blauen Augen. Nur wird ihm dabei wieder schwindelig, weil er zwischen den beiden schönen Augen hin und her wechselt. Und entweder es ist Einbildung, oder die Tabletten wirken sehr schnell. Alles wird schwer und wattig in ihm.
„Du jetzt gerade nicht so“, merkt Adam an und trägt Salbe auf.
„Danke.“
„Ah... und vor mir musst du nicht mehr cool sein?“, hakt Adam amüsiert nach und streift mit dem feuchten Handtuch noch durch Leos Haare, um sie halbwegs sauber zu bekommen.
„Hm. Du weißt ja schon, dass ich der Coolste bin“, witzelt er und bemüht sich, nicht zusammen zu zucken, als sein Kopfweh dabei ein paar Augenblicke lang schlimmer pocht.
Adam lacht Luft durch die Nase aus. „Hatte ich vergessen.“ Er nimmt Leos Hände, legt sie auf seinen eigenen Knien ab und desinfiziert und verbindet noch Leos wunde und vernarbte Handgelenke. Es brennt und er zischt entsprechend durch seine Zähne. „Aua, ich weiß“, murmelt Adam.
Leo erwartet fast, eine wehleidige Pappnase genannt zu werden, aber da lehnt sich Adam vor, streift über seinen Bart und küsst ihn auf die Wange - so wie letztes Mal, wenn nicht sogar noch besser.
„War das ein Brummen?“, fragt Adam plötzlich ganz dicht an seinem Ohr.
„Weiß nicht, was du meinst.“ Er brummt ganz sicher nicht, wenn Adam ihn auf die Wange küsst. Und er will auch ganz sicher nicht seinen Kopf drehen und Adams Lippen mit seinen einfangen. Er will ihn auf keinen Fall richtig küssen. Aber müde ist er, merkt er. Müde und ein bisschen schwer und etwas fertig mit der Welt. Nicht nur, aber auch, wegen des Wangenkusses. Wahrscheinlich mehr wegen der Tablette.
„Ja“, sagt Adam, als Leo gähnt. „Genau, Bett. Dachte ich auch.“ Er steht auf, schiebt den Tisch weg, hilft Leo hoch und stützt ihn den kurzen Flur in Richtung Schlafzimmer. Am Eingang zum Bad lässt er ihn stehen und deutet auf die Waschmaschine, auf der eine Zahnbürste, ein Handtuch und saubere Klamotten liegen. „Ich überziehe in der Zwischenzeit das Bett.“
Nach dem Zähneputzen schafft Leo es noch in die Jogginghose, aber das T-Shirt bringt er nicht mehr über den Kopf. Er nimmt es mit ins Schlafzimmer, wo Adam gerade eine zweite Garnitur zusammen bündelt.
„Was machst du?“, fragt er, als Adam das Bündel hochhebt, als würde er es tragen wollen.
Adam dreht sich zu ihm, erstarrt ein bisschen und deutet mit dem Kinn an Leo vorbei. „Ich schlafe auf der Couch.“
„Sicher nicht.“
„Du brauchst...“ Leo kann das ‚Ruhe‘ schon hören, aber er unterbricht Adam schnell.
„Ja, was, wenn ich etwas brauche? In der Nacht? Soll ich dann rufen? Was, wenn ich nicht genug Luft zum Rufen habe?“ Er treibt es noch ein wenig mehr auf die Spitze. „Ich habe eine Gehirnerschütterung. Was, wenn jemand durch das Fenster kommt? Und du liegst dort im Wohnzimmer... wer hilft mir dann?“ Sein Kopf schlägt sofort ‚Eichhörnchenarmee‘ vor, aber das behält er vorerst für sich.
Adam glaubt ihm natürlich kein Wort der übertriebenen Hilflosigkeit. „Du kannst dir ziemlich gut selbst helfen.“
„Sagst du. Normalerweise stimmt das auch... aber ich sehe gerade alles doppelt.“ Leo geht durch seine Optionen. „Also, außer es stört dich natürlich, neben mir zu liegen.“ Die Mitleidsmasche zieht schon eher... dieser Theaterworkshop der Agentur hat sich absolut ausgezahlt.
Eigentlich will er vor Schürk keine Schwäche zeigen. Und eigentlich weiß er, dass Schürk langfristig nichts von ihm wollen wird, trotz der Wangenküsse. Aber sein Herz will heute Gesellschaft. Dieses eine Mal. Und wenn Schürk ihn morgen früh zum nächstgrößeren Ort bringt und so tut, als wäre das hier eine Ausnahme gewesen, dann hatte er wenigstens diese eine Nacht.
Er legt eine vertrauensvolle Hand auf das Kissen in Adams Armen und tritt einen Schritt näher. Seine Stimme senkt er auch ein bisschen: „Hilfst du mir in mein T-Shirt, bevor wir miteinander schlafen... äh... zusammen schlafen gehen?“
Adam seufzt. „Du bist unmöglich, Hölzer.“ Er legt sein Bettzeug wieder auf das Bett und schnappt das T-Shirt aus Leos Hand. „Ich hoffe, das hat noch bei keinem funktioniert.“
Leo setzt sich und streckt die Arme etwas nach oben, damit Adam ihm den Stoff überstreifen kann. „Hast du eine Ahnung. Aua.“ Er ächzt wehleidig, als Adam das Shirt plötzlich ruppig über seinen Kopf und seinen Oberkörper nach unten zieht.
„Ja?“
„Nein... ich brauche für solche Missionen keine Maschen. Da reicht ein bisschen... du weißt schon.“
Adam sieht ihn durchdringend an. „Du vergisst, dass ich 2017 in Erlangen war.“
„Pff. Das eine Mal...“, tut Leo ab. Vor allem war Adam damals derjenige, der alles hat auffliegen lassen – wortwörtlich hat er alles in die Luft fliegen lassen. Egal. Alles egal. Er nimmt das Kissen, das Adam abgelegt hat, und nimmt es mit zum Kopfende, wo er es neben seines legt. „Also, Agent Schürk... zeig mal deine Personenschutzfähigkeiten.“ Er legt sich ins Bett und wird beinahe sofort übermannt von einer Müdigkeit, die gerade eben noch nicht da war. „Puh“, macht er nur, als er plötzlich Sterne sieht und sich alles wie in einem Helikopterabsturz dreht.
„Puh?“, ahmt Adam sein Geräusch nach.
„Nur viel.“
„Sieh mich an.“
Leo will sich zu Adam drehen, aber da hält der sein Gesicht bereits besorgt zwischen seinen großen Händen und sieht ihm in die Augen.
„Gehirnerschütterung ist nicht ohne. Ich hole noch den Pulsmonitor.“
Als sie wenig später schließlich beide unter ihren separaten Decken liegen und Leo entweder kurz davor ist, die Bewusstlosigkeit zu erlangen oder einzuschlafen, spürt er, wie Adam sich zu ihm dreht. Sein Atem ist warm an seinem Ohr. Er könnte sich jetzt drehen, wenn er könnte. Er würde sich drehen, wenn er könnte, denkt er, damit sie sich ein bisschen ansehen können. Stattdessen bewegt er sich keinen Zentimeter und seine Augen fallen ihm auch zu.
„Personenschützt du mich jetzt?“, nuschelt er und hört dabei, dass er lallt. Die Tabletten sind richtig gut.
Richtig gut.
Adam macht leise „Mmmhm“, neben ihm und tätschelt Leos Bettdecke ungefähr da, wo seine Schulter ist.
„Glaubst du, mein Auto ist ein Totalschaden?“, lallt er weiter.
Adam seufzt neben ihm. „Vielleicht... kann man das Blech ausbeulen. Leo, versuch mal, zu schlafen, ja?“
Leo brummt hoffnungsvoll. Ja, vielleicht. Der Rahmen... das geht doch bestimmt irgendwie. Heutzutage...
„Deine Lippen sind sehr weich“, lässt er Adam auch noch wissen, nur für den Fall, dass er das nicht weiß.
„Freut mich“, kommt leise zurück. „Deine auch.“
Gut zu wissen. Schön zu hören.
„Ich brauche gar keine Eichhörnchenarmee“, beschließt er, bevor er seine Hand aus seiner Bettdecke raus und in Adams hineinschiebt, um dort nach seiner Hand zu suchen. „Ich habe ja dich.“
Adams Glucksen klingt bereits weit weg, dann ist erst einmal Ruhe in seinem Kopf.
