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Verfeindet und fast verbrannt in der Küche

Summary:

Es ist mitten in der Nacht und Agent Schürk bekommt unerwarteten Besuch. Es ist ebenso unerwartet (äh, okay... wirklich?), dass es sich so verdammt richtig anfühlt, diesen unerwarteten Besucher in seiner Wohnung zu haben.

Work Text:

Saarbrücken

Adam schreckt aus dem Schlaf hoch und sitzt sofort aufrecht im Bett. Lauscht in die Dunkelheit und hört nichts. Würde aber all seine Waffen darauf verwetten, dass er wegen eines Geräuschs aufgewacht ist, schlagartig. Wegen eines Geräuschs, das er jetzt zwar nicht hören kann, das aber definitiv da war. Er hasst es, schlagartig wach zu werden. So wie neulich in diesem Hotel nach diesem beschissenen Einsatz in Wernigerode. Dieses Hotel, in das er eigentlich gar nicht gebracht werden wollte, weil es viel besser gewesen wäre, wenn sie zu seiner Hütte – aber egal, egal jetzt.

Er schlägt die Bettdecke zurück und schleicht barfuß die zwei Schritte zu seinem Kleiderschrank. Das durch den nur halb geschlossenen Vorhang herein scheinende Licht der nächtlichen Stadt macht es ihm leicht, sofort zu finden, was er sucht, auch wenn er das, was er sucht, blind finden würde. Oft genug hat er genau das trainiert: Blind den Weg von seinem Bett zu seinem Kleiderschrank und dem darin befindlichen Tresor zu finden und ebenjenen Tresor ebenso blind zu öffnen.

Es geht schneller, wenn es nicht ganz dunkel ist in seinem Schlafzimmer. Lautlos und rasch öffnet er den Tresor und nimmt seine Waffe heraus. Eine seiner diversen Waffen, die er an diversen Orten in seiner Wohnung deponiert hat. Er greift nach dem Schalldämpfer, schraubt ihn auf. Erhebt sich wieder, holt tief Luft und wendet sich zur Zimmertür, die offen steht, so wie immer. Kurz bleibt er am Türstock stehen, hat den Flur noch nicht betreten. Er atmet lautlos ein und aus, zweimal, dreimal, lauscht erneut. Und hört Schritte.

Ganz sicher haben nicht diese Schritte ihn geweckt, dafür sind sie zu leise und vorsichtig gesetzt, aber eben nicht leise und vorsichtig genug. Adam kann hören, dass der Mann – und es ist zweifelsfrei ein Mann, der hier in Adams Wohnung ist, ein Mann nur, nicht zwei, so wie beim letzten Einsatz in diesem Bürogebäude – Stiefel trägt. Kann ihn außerdem atmen hören, wenn auch nur gerade eben so.

Adam holt tief Luft und greift in einer eingeübten Bewegung um den Türstock herum. Seine Hand findet den Lichtschalter an der Flurwand sofort. Als das Licht angeht, steht Adam bereits im Flur, mit gehobener Waffe und seinen nackten Füßen fest auf dem Boden. Er weiß, er ist trotz seiner Waffe völlig ungeschützt, bekleidet nur mit einem längst verwaschenen T-Shirt irgendeiner Rockband und einer karierten Pyjama-Hose.

Eine Sekunde später weiß er außerdem, dass das scheißegal ist. Weil diese Situation alles ist, nur nicht lebensgefährlich.

„Was zur Hölle?!“, entfährt es Leo überrascht. Der Mann am anderen Ende des Flurs schreckt tatsächlich zusammen. Vielleicht macht er sogar einen kleinen, erschrockenen Hüpfer, Adam würde nicht seine Hand dafür ins Feuer legen, zu verschlafen ist er dann offensichtlich doch noch, aber er würde es durchaus amüsant finden, trotz allem, was in letzter Zeit passiert ist. Oder vielleicht sogar genau deswegen?

„Selber was zur Hölle! Wir haben gesagt, keine Überraschungen!“ Irgendwann mal haben wir das gesagt, fügt er in Gedanken noch hinzu, lässt langsam seine Waffe sinken und macht einen Schritt auf Leo zu.

„Ich wollte dich nicht wecken!“, verteidigt der sich und fährt sich nervös mit einer Hand durch die Haare.

Adam verdreht die Augen. Da muss der Agent der Konkurrenz offensichtlich früher aufstehen, wenn er Adam nicht wecken will. Manchmal bereitet es Adam beinahe körperliche Schmerzen, wenn er darüber nachdenkt, wie ungeschickt Leo sich viel zu oft anstellt. Auch wenn er sich bei diesem Einsatz neulich so gar nicht ungeschickt angestellt hat, mit seinem Gamstragegriff und seinem Motorrad und überhaupt allem. Nur in das Hotel hätte er Adam nicht unbedingt bringen müssen. Und wenn er ihn schon dorthin gebracht hat, hätte er wenigstens bei ihm bleiben können – aber ja, egal, egal.

Adam seufzt und sagt nachdrücklich: „Ich dachte, das sei klar gewesen. Keine Überraschungen.“

„Und mit nem Schalldämpfer?“, fragt Leo beinahe vorwurfsvoll und ignoriert Adams Anmerkung komplett.

„Natürlich mit nem Schalldämpfer, was denn sonst?“ Adam betrachtet die Waffe in seiner Hand. „Hast du Hunger?“

Adam hat nicht den blassesten Schimmer, wo diese Frage herkommt. Er hat aber auch nicht den blassesten Schimmer, wo Leo hier und jetzt herkommt, nach seinem ziemlich final wirkenden Abgang im Hotel. Aber dennoch: Leo steht einfach so mitten in der Nacht in seinem Flur und Adam fragt ihn, ob er Hunger hat?

„Ich hab gerade den Schalldämpfer einer Glock im Gesicht gehabt, ich hab Adrenalin. Ich hab ganz sicher keinen Hunger.“

„Das ist keine Glock. Und der Schalldämpfer war meterweit von deinem Gesicht entfernt.“ Adam verdreht erneut die Augen. Leo ist so eine verdammte Drama-Queen.

„Was auch immer.“ Die Agenten starren sich an, beide ein bisschen unsicher, während Leos Magen durch den ganzen Flur knurrt.

„Das allerdings ist ein knurrender Magen“, stellt Adam irgendwie zufrieden fest und kann sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

„Unsinn“, sagt dieser widerspenstige Leo und weicht Adams Blick aus.

Du kannst vielleicht was vor mir verheimlichen, aber dein Magen eindeutig nicht. Los, in die Küche.“

„Ich hab keinen Hung- “

„Ich mach uns Rührei. Mit Toast. Warmer Toast mit zerlaufener Butter und Rührei drauf. Ist großartig“, sagt Adam schwärmerisch und tritt an die Flurkommode. Er zieht die obere Schublade auf und legt seine SIG Sauer hinein. Und hofft, dass Leo sein Angebot annehmen und mit ihm in die Küche kommen wird. Neben sich hört er erneut Leos Magen knurren, lauter als zuvor.

Er sieht Leo von der Seite an. „Keinen Hunger, genau. Sehr überzeugend“, sagt er und geht voraus in die Küche. Hinter sich hört er Leo seufzen und einlenken: „Okay, also schön, Toast mit Rührei, das klingt... das klingt toll.“

Bevor Adam in die Küche verschwindet, wirft er einen raschen Blick zurück in den Flur und sieht, wie der hungrige Agent seine Jacke auszieht, an die Garderobe hängt und sich dann hinunter beugt, um seine Stiefel aufzuschnüren und auszuziehen.

Fuck. Warum fühlt sich das so... richtig an? Nach allem, was war und was nicht war und was Unausgesprochen zwischen ihnen steht und worüber sie dringend reden sollten. Vielleicht ist Leo ja deshalb hier, mitten in der Nacht? Um ihn zur Rede zu stellen und außerdem klarzustellen, dass das, was sich in diesem Hotelzimmer neulich wie ein Schlussstrich von Leos Seite angefühlt hat, auf keinen Fall einer war?

Auf keinen Fall. Auf keinen Fall darf Adam jetzt länger über diese Fragen nachdenken und macht sich stattdessen an seinen Küchenschränken zu schaffen. „Ich hab auch Paprika da. Ich kann kleingewürfelte Paprika ins Rührei machen. Du magst doch kleingewürfelte Paprika“, sagt er, während er Geschirr und Besteck aus Schränken und Schubladen nimmt. Er hofft, dass Leo zu hungrig ist um zu bemerken, wie belegt Adams Stimme plötzlich klingt.

„Woher weiß du das?“, fragt Leo hinter ihm.

Adam muss schlucken. Ja, woher weiß er das? Und warum hat er das einfach mal so laut ausgesprochen? Nur, weil man etwas weiß, muss man es noch lange nicht laut aussprechen, verflucht nochmal. Er, ja, ganz besonders er als Top-Agent der Bundesrepublik sollte das eigentlich wissen.

Er schlägt ein Ei nach dem anderen auf und gibt jedes in die bereitgestellte Schüssel. Etwas unsicher dreht er sich zu Leo um, ganz kurz nur. Sieht, dass der Agent, der allen Ernstes geringelte Socken trägt – eine Tatsache, die Adam natürlich kein bisschen charmant findet – sich einen Stuhl herangezogen und an den Küchentisch gesetzt hat, so, dass er Adam bei der Arbeit beobachten kann. Und Adams Antwort abwarten kann, Leos fragendem und auch etwas unsicherem Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Dieser Gesichtsausdruck in diesem Gesicht, diesem wunderschönen Gesicht, das einfach –

Nein, nein, nein.

Also, woher weiß Adam das? Er kann Leo ja schlecht sagen, dass er so ziemlich alles über ihn weiß. Oder jedenfalls so ziemlich alles, was Adam wichtig erscheint. Was ihn an Leo... interessiert. Fasziniert. Oder auch zur Verzweiflung treibt. Weil er sich alles, was er während all ihrer Missionen über Leo lernt und erfährt und aufschnappt und an ihm beobachtet, merkt. Sich in sein Hirn einbrennt, sozusagen. Vielleicht nicht gleich von ihrer allerersten Mission an, aber... fast.

So wie eben die Sache mit der kleingewürfelten Paprika. Der kleingewürfelten, roten Paprika, um genau zu sein. Das weiß Adam seit ihrem Einsatz in einem Luxus-Hotel in Babenhausen vor ziemlich genau einem Jahr. Aber das kann er Leo nun mal nicht sagen. Weshalb er ihm sagen wird, dass er das weiß, weil – naja, klar.

Adam räuspert sich und antwortet: „Ich bin Spion, Leo. Ich weiß alles.“ Ist doch klar. Liegt doch auf der Hand. Ein Spion, ganz besonders ein Top-Spion, weiß sowas eben.

Hinter sich hört er Leo überrascht einatmen – warum überrascht, fragt sich Adam, und dann: Oh. Weil ich dich 'Leo' genannt habe? – und dann sagen: „Alles. Natürlich. Du weißt immer alles.“

Sofort denkt Adam zurück an den Nachtclub, ob Leo mit seiner Bemerkung nun darauf anspielt oder nicht. Aber natürlich muss Adam sofort daran denken, an diesen Abend, an dem er so erschreckend wenig wusste und gleichzeitig so fest davon überzeugt war, alles zu wissen. Über Leo und darüber, warum er bei zwei Einsätzen nicht aufgetaucht war. Immer noch wünschte Adam sich, er könne die Zeit zurückdrehen und diesen Abend ganz, ganz anders gestalten. Und er wünschte außerdem, er hätte Leo sagen können, nachdem der ihm das Leben gerettet hat, verflucht nochmal, dass er nicht gehen soll. Dass er ihn nicht allein lassen soll, in diesem Hotelzimmer.

Während er weiter das Ei vorbereitet und die Paprika schnippelt, denkt Adam darüber nach, was er außerdem nicht weiß. Warum taucht Leo ständig bei ihm auf? Erst in seiner Wohnung, verwundet, okay, aber er hätte sich ganz sicher auch bei irgendjemand anderem Hilfe holen können. Dann in Adams Keller... gut, es war nicht Adams Keller, aber es war der Keller, in dem Leo ihn gefunden und von wo er ihn gerettet hat. Also irgendwie schon... Adams Keller. Genau. Und jetzt wieder in Adams Wohnung. Warum, fragt Adam sich, obwohl er es doch längst ahnt, ganz egal, wie die Dinge zuletzt gelaufen sind, auch und vor allem Dank seiner eigenen Blödheit.

Ja, er ahnt es. Längst.

Ach was, er weiß es.

Nein, er ahnt es.

Unsinn, er weiß es.

Ahnt es.

Du weißt es längst, denkt Adam.

„Was weiß ich längst?“, fragt der immer noch am Küchentisch sitzende Leo.

Verdammt.

Was?

Verdammt. Verdammt nochmal! Denken, nicht laut aussprechen, verdammt!

Adam beißt sich auf die Unterlippe und würzt mit leicht zittrigen Händen die Ei-Paprika-Mischung. Schlägt das Ganze ein letztes Mal mit der Gabel durch und kippt alles aus der Schüssel in die bereits heiße Pfanne. Er kann beinahe fühlen, wie sich Leos Blick in seinen Rücken bohrt. Verrührt Ei und Paprika in der Pfanne und dreht sich schließlich zu Leo um, denn unter dessen bohrendem Blick wird Adam viel zu heiß.

Er lehnt sich neben dem Herd an die Arbeitsplatte und bringt die schlüssigste Antwort hervor, die ihm gerade einfällt. Verdammt schlüssige Antwort, das wird auch Leo gleich merken.

„Dass du immer zu mir kommen kannst. Auch wenn du keinen Schlüssel hast… komm einfach immer rein. Blutend. Mitten in der Nacht. Ich tacker dich wieder zusammen. Oder mach dir Rührei“, sagt er also und meint jedes einzelne Wort genau so, auch wenn Leo das nicht merken muss und merken wird, so belustigt, wie Adam die Worte ausgesprochen hat. Aber es stimmt, verflucht nochmal. Leo kann immer zu ihm kommen, egal wann und in welchem Zustand und egal, warum. Und Adam kann das selbst kaum fassen, denn lange, lange Zeit ist niemand außer ihm selbst in seiner Wohnung gewesen, und lange, lange Zeit hat er auch gar nicht gewollt, dass irgendwer anderes außer ihm selbst in seiner Wohnung, seinem sicheren Hafen ist.

Aber Leo ist nicht ‚irgendwer anderes‘, auch wenn das irgendwie gerade auf der Kippe zu stehen scheint, dämlich, wie Adam in dem Nachtclub war, und resigniert, wie Leo darauf reagiert hat. Aber Leo ist ja immerhin jetzt hier, auch wenn Adam noch immer keine Ahnung hat, warum?

Aber so oder so, Adams Wohnung ist ein sicherer Hafen, auch mit Leo darin. Oder vielleicht sogar ganz besonders mit Leo darin?

Verdammt.

Adam kann nicht klar denken, ein Zustand, den er in den vergangenen Wochen und Monaten und ja, vielleicht sogar schon Jahren, ständig erlebt, wenn er mit Leo zusammen ist.

Wenn er mit Leo zusammen ist… fuck.

Von seinem Stuhl aus sieht Leo ihn mit bemüht festem Blick an, Adam kann es genau erkennen. Selbstsicher und entschlossen will Leo wirken, doch Adam spürt, dass der inzwischen wieder dunkelhaarige Mann sich alles andere als selbstsicher und entschlossen fühlt.

Als Leo zum Sprechen ansetzt, spürt Adam sein Herz in seiner Brust ein wenig schneller schlagen. Was kommt jetzt?

Leo sagt: „Ich glaube, dein Rührei brennt an.“

Adam starrt weiter Leo an. Spürt sein Herz weiter schneller schlagen. Hört Leo sagen: „Adam…? Das Rührei… du solltest mal…“

„Was?“ Hat Leo ihn gerade 'Adam' genannt?

Leo deutet auf die Pfanne.

„Fuck“, flucht Adam und fährt herum. Rührt fahrig in der Pfanne und stellt erleichtert fest, dass Leo ihn gerade noch rechtzeitig gewarnt hat. Genau richtig ist das Rührei mit Paprika jetzt, nicht zu fest und trocken, aber auch nicht zu schlotzig. Genau so, wie Adam es mag. Genau so, wie hoffentlich auch Leo es mögen wird, denn zu dessen Rührei-Konsistenz-Vorlieben hat Adam bislang noch keine verlässlichen Erkenntnisse erlangen können.

„Danke“, sagt Adam und wirft Leo über seine Schulter hinweg einen kurzen Blick zu. Er hofft so sehr, dass dieses nächtliche Essen als Friedensangebot taugen und Leo wieder mit ihm versöhnen wird.

„Riecht gut“, antwortet Leo und erwidert Adams Blick.

Fast widerwillig reißt Adam seinen Blick von Leos Augen los und zieht die Pfanne von der heißen Platte. Steckt das Toastbrot in den Toaster und spürt schon wieder Leos Blick in seinem Rücken, während er auf den Toast wartet. Vielleicht ist er einfach nicht richtig wach oder selbst zu hungrig oder beides, aber Leo macht ihn hier in seiner Küche auf eine Weise nervös, die Adam ein bisschen aus der Bahn wirft.

Aber wem will er etwas vormachen. Leo hat ihn schon häufiger aus der Bahn geworfen, besonders in letzter Zeit. Mit seinen Verletzungen und seiner Eichhörnchenarmee und seiner zwei Einsätze andauernden Abwesenheit und seinen weichen Lippen bei Ablenkungsmanövern und seinem „Du riechst immer gut“… und überhaupt.

Als die Brotscheiben aus dem Toaster springen, schreckt Adam zusammen. Was ist nur mit ihm los?

„Was ist los, alles okay?“, fragt Leo dicht hinter ihm. Erneut schreckt Adam zusammen. Wann ist Leo aufgestanden und hat sich hinter ihn gestellt? Und seit wann ist der Kerl ein so ausgezeichneter Anschleicher? Liegt das an seinen Ringelsocken? Oder ist Adam heute einfach nur besonders ausgezeichnet darin, sich von seinem unerwarteten Gast ablenken zu lassen?

„Alles okay“, bringt Adam heiser heraus und räuspert sich. Zieht die beiden Teller heran, verteilt die Toastscheiben darauf und fragt Leo, ohne ihn anzusehen: „Willst du selbst oder soll ich?“

„Mach du. Ich… deine Hände... ich seh‘ dir gerne zu“, antwortet Leo und okay, Adam ist eindeutig nicht der Einzige hier, der gerade ein bisschen neben sich steht. Adams Hände also, aha. Auch Leo müsste doch wissen, dass man manche Dinge nur denken und nicht laut aussprechen sollte.

Er holt tief Luft und beginnt damit, die Toastscheiben mit Butter zu bestreichen. Anschließend gibt er einen Teil des Rühreis darauf und löffelt den Rest daneben auf die Teller. Bei alldem spürt er unablässig Leos Blicke auf sich und vor allem seinen Händen.

Etwas ungelenk greift er nach den Tellern und dreht sich um. Und steht direkt vor Leo, der von Adam unbemerkt noch näher gekommen zu sein scheint.

„Ich… darf ich mal?“, murmelt Adam und kann den anderen Mann kaum ansehen aus Angst, die Teller fallen zu lassen. Leo macht einen Schritt zur Seite und lässt Adam gerade genug Platz, damit der an ihm vorbei zum Küchentisch gehen kann.

Sie setzen sich und essen schweigend. Immer wieder begegnen sich ihre verstohlenen Blicke für einen kurzen Moment.

Irgendwann fragt Adam: „Schmeckt’s dir?“ Er fragt das nicht wirklich, um zu erfahren, ob das Rührei mit Paprika Leo schmeckt oder nicht, sondern vielmehr, um der Stille, die ihn immer verrückter macht, je länger sie andauert, etwas entgegen zu setzen.

„Ist sehr gut“, sagt Leo, während er bereits den letzten Bissen nimmt und die Gabel auf den Tisch legt. Er lehnt sich zurück und sieht Adam dabei zu, wie auch der sich das letzte Stück Toast mit Ei in den Mund schiebt und lange, viel zu lange darauf herum kaut, bis er schließlich schluckt.

„Willst du nicht wissen, warum ich hier bin?“, fragt Leo. Adam runzelt die Stirn. Richtig, da war ja was. Leo ist hier, mitten in der Nacht, und Adam hat Rührei für ihn und sich gemacht und keine Ahnung, was der (hoffentlich?) ehemals verfeindete Agent eigentlich hier will. Hat ihm diese völlig absurde Frage gestellt, „Hast du Hunger?“, anstatt ihn sofort zu fragen, warum er hier ist.

„Hast du eine Verletzung, von der ich nichts weiß?“, stellt Adam die Gegenfrage. Natürlich weiß er genau, dass das Blödsinn ist.

Leo lächelt ihn schief an. „Nein, heute nicht.“

„Was heißt heute“, sagt Adam, „letztes Mal wusste ich sofort, dass du verletzt bist.“

„War ja auch nicht so schwer zu erkennen.“

Adam brummt zustimmend. „Auch wieder wahr. So wehleidig, wie du auf meinem Sofa gelegen hast.“

„Ich war nicht wehleidig“, widerspricht Leo.

„Wenn du meinst“, sagt Adam und verdreht theatralisch die Augen. Sie wissen beide, dass Leo allen Grund hatte, wehleidig zu sein. Die Wunde war nicht ohne. Aber darum geht es jetzt nicht, weshalb Adam fortfährt: „Also gut, Leo. Was machst du hier?“

„Ich… nichts.“ Leo senkt seinen Blick, kann dadurch aber nicht verbergen, dass er auf seiner Unterlippe kaut. Nachdenklich, zögerlich und, wie Adam schon zuvor bemerkt hat, alles andere als entschlossen und selbstsicher.

„Leo.“

Der Angesprochene hebt langsam seinen Kopf und sieht Adam an. Scheint erneut ebenso erstaunt wie freudig-überrascht, dass Adam ihn 'Leo' und nicht 'Hölzer' nennt.

Unsicher beginnt er: „Ich… bin hier, weil… weil du so fantastischen Toast mit Paprika-Rührei machst.“

Adam würde das eindeutig ernstgemeinte Kompliment gerne genießen, aber davon abgesehen, dass es ernstgemeint ist, ist es eben auch ein Rückzieher. Warum hat Leo überhaupt davon angefangen, wenn er jetzt nicht mit der Sprache rausrücken und erklären will, warum er hier ist?

„Leo“, sagt Adam ruhig und ohne jeden Druck. „Du stehst nicht wegen nichts mitten in der Nacht in meiner Wohnung.“

Auf der anderen Seite des Tischs greift Leo mit einer Hand nach der Gabel, schiebt sie auf dem Tisch herum, legt einen Finger auf die Zinken und bringt die Gabel zum Wippen. Nach einem kurzen Augenblick des Schweigens sagt er: „Stimmt. Natürlich nicht. Aber… das Ei war echt gut und… ich… können… können wir später darüber reden?“ Fast bittend sieht er Adam an.

„Später?“, fragt der und fragt sich außerdem im Stillen, was Leo damit meint. Später. Will er hier einfach sitzenbleiben und schweigen? Reden? Darauf warten, dass Adam sich für sein Benehmen im Nachtclub entschuldigt, ganz offiziell sozusagen? Das Geschirr abwaschen? Oder denkt er womöglich daran, in Adams Wohnung zu übernachten, auf dem Sofa vielleicht, wie beim letzten Mal? Mit dem Unterschied, dass er morgen früh immer noch da sein und Adam erzählen wird, warum er zu ihm gekommen ist?

„Mhm. Wenn das okay ist?“

Dutzende Gedanken auf einmal wirbeln durch Adams Kopf. Natürlich ist das okay. Natürlich kann Leo hier bleiben und muss nicht reden und kann einfach nur da sein. Das ist so verdammt okay, dass es Adam ein bisschen den Atem raubt. Und das ist außerdem so verdammt okay, dass Adam das Leo natürlich nicht wissen lassen kann.

Weshalb er absolut geistesgegenwärtig, so geistesgegenwärtig, wie es sich für einen Top-Agenten im Deutschland gehört, sagt: „Wir können ein paar Runden Mario Kart spielen.“

Absolute Top-Idee eines absoluten Top-Agenten, aber sowas von. Adam wäre verdammt stolz auf sich, wenn er nicht gerade zu beschäftigt damit wäre, sich zu fragen, wie, um alles in der Welt, dieser Vorschlag in seinen Kopf und auf direktem Wege über seine Lippen gekommen ist.

„Mario Kart?“, fragt Leo überrascht. Ja, das hat er eindeutig nicht kommen sehen.

Bevor Adams Gehirn damit beginnen kann, wieder zuverlässig zu arbeiten, hört der Agent sich selbst sagen: „Ja, oder kannst du das nur mit Kotztüte spielen?“

Was zum –

„Natürlich nicht. Ich kann das jederzeit spielen. Und dich schlagen!“, sagt Leo und klingt eindeutig erleichtert. Erleichtert, dass er noch nicht mit der Sprache rausrücken muss und stattdessen ein albernes Spiel spielen kann.

„Alles klar. Sehen wir dann. Vielleicht hast du zumindest eine kleine Chance, immerhin spielst du das ja oft genug.“

Und nochmal, was zum

„Woher weißt du das?“

Ja, gute Frage, sehr gute Frage schon wieder, Agent Hölzer, denkt Adam. Und außerdem denkt er: Fuck. Und außerdem außerdem: Schon wieder, verdammt! Denken, nicht laut aussprechen! Nur denken und einfach mal die Fresse halten. Das kann doch nicht so schwer sein!

Er holt tief Luft und verzieht seinen Mund zu einem – vermutlich ziemlich gequälten – Grinsen. Und beschließt, die sehr gute Frage von Agent Hölzer zu ignorieren und stattdessen vorzuschlagen: „Also… drei Runden, zwei gewinnt? Und… der Gewinner bestimmt, wann du erzählst, warum du hier bist?“

 

Die beiden Männer spielen drei Runden. Und eine vierte Runde. Und eine fünfte. Und eine neunte und eine elfte und irgendwann ist es völlig egal, die wievielte Runde sie spielen und wer die meisten Runden gewonnen hat. Sie spielen und sitzen nebeneinander auf Adams Sofa, Adam im Schneidersitz und sein Mario Kart-Gegner mit lang ausgestreckten und auf dem Sofatisch abgelegten Beinen. Leos geringelte Socken lenken Adam mehr als einmal ab. Er ist sich allerdings ziemlich sicher, dass seine nackten Füße gepaart mit seiner karierten Pyjama-Hose im Gegenzug Leo auch ganz schön ablenken.

Es fühlt sich alles so gut an, denkt Adam wieder und wieder. Er ist hundemüde und doch hellwach. Es ist mitten in der Nacht und Adam wünscht sich, die Nacht würde niemals enden. Sie trinken Kaffee und Sprite und essen Schokolade ohne was drin und gesalzene Chips. Sie lachen miteinander und jubeln miteinander und fluchen miteinander. Rempeln einander mit den Schultern an, klapsen einander mit den Händen auf die Beine, schlagen einander mit den Sofakissen.

Sie sind einfach nur zwei Männer, die miteinander ein Computerspiel spielen, und keine Agenten, die über Geheimdienste oder Einsätze oder Dokumente oder das, was zuletzt zwischen ihnen passiert ist, nachdenken oder reden müssen. Jetzt nicht, in dieser Nacht nicht.

Bis Leo irgendwann mitten während einer Rennrunde sagt: „Ich will raus. Ich will raus aus meinem Geheimdienst.“

Deshalb ist Leo also zu ihm gekommen. Scheiße nochmal.

Adams Kart rast spektakulär von der Rennstrecke.

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