Work Text:
Worpswede
„Zu Babysittern degradiert“, brummt Karow und rutscht sich auf seinem Klappstuhl zurecht. Korrigiert anschließend den Winkel seines Scharfschützengewehrs und blickt prüfend durch das Zielfernrohr. Noch immer keine Spur von den beiden Idioten im gegenüberliegenden, entkernten Bürogebäude, in dem es heute passieren soll.
„Mach nicht so ein Drama draus“, sagt Xavi neben ihm. Er senkt seine Zeitung und kippt mit dem Stuhl, mit dem er gerade noch vor und zurück gekippelt ist, ganz nach vorne, auf alle vier Stuhlbeine. Seine eigenen Beine hat er lang ausgestreckt und seine Füße auf das Fensterbrett gelegt. Ganz entspannt. Sogar seine Stiefel hat er ausgezogen, so entspannt wird das heute ablaufen. Sie sind nur zum Beobachten hier.
„Ich mach kein Drama draus. Aber ich bin kein Babysitter“, erwidert Karow grummelig.
„Aber ein Romantiker bist du, tief in deinem Herzen.“
„Red keinen Scheiß.“
„Komm schon, vor mir kannst du‘s nicht verbergen. Und weil du so ein Romantiker bist, wenn auch manchmal ein ziemlich arschlochmäßiger Romantiker, ist das doch genau dein Ding“, erklärt Xavi ganz sachlich.
„Was ist genau mein Ding?“, fragt Karow, setzt das Gewehr ab und sieht Xavi stirnrunzelnd von der Seite an.
Xavi seufzt und schüttelt den Kopf. Muss er es echt laut aussprechen? Okay, muss er wohl. Also spricht er echt laut aus: „Die beiden Blödmänner. Sind genau dein Ding. Hoffnungslos ineinander verknallt und bei konkurrierenden Geheimdiensten und jetzt, jetzt sollen sie sich auch noch gegenseitig... und wir sind dabei.“
„Und das nennst du Romantik?“, fragt Karow spöttisch und wendet sich wieder seinem Gewehr zu.
„Ist vielleicht nicht unsere Art von Romantik, aber definitiv Romantik. Tragische Romantik. Agenten-Romantik. Bundesrepublikanische Romantik.“
„Dämliche Romantik, wenn du mich fragst“, murmelt Karow und blickt wieder konzentriert durch das Zielfernrohr.
„Von mir aus auch das. Aber Baby...“
„Nenn mich nicht so, wenn wir im Einsatz sind.“
„Aber Baby, auch dämliche Romantiker haben ein Happy End verdient“, fährt Xavi unbeirrt fort.
„Von mir aus. Dämlicher Romantiker von rechts übrigens… und der andere von links. Es geht los“, sagt Karow.
Xavi zieht seine Füße von der Fensterbank und hebt das Fernglas an seine Augen.
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Adam atmet tief ein und aus, ein und aus, ein und aus. Sein Blutdruck ist viel zu hoch, sein Puls geht viel zu schnell, den ganzen Tag schon. Ach was, eigentlich schon seit dem Moment, in dem seine Führungsoffizierin Heinrich ihn über den heutigen 'Einsatz' in Kenntnis gesetzt hat. Genau, 'Einsatz', nicht Einsatz. Einsatz in Anführungsstrichen, denn dieser 'Einsatz' ist kein Einsatz, sondern eine Frechheit und das Allerletzte und etwas, das Adam ohne Zögern Hölzers Geheimdienst zugetraut hätte, aber ganz sicher niemals seinem eigenen.
So kann man sich irren.
Und doch steht er jetzt hier, in einer Ecke im fünften Stock dieses ehemaligen Bürogebäudes, das längst nur noch ein fensterloses Gerippe ist. Irgendwas wird irgendwann mit den Überresten dieses Gebäudes passieren, doch das könnte Adam heute kaum egaler sein.
Er ist also wirklich hier. Und auch Leo ist wirklich hier, ganz genau am anderen Ende der Etage, in der Ecke, die Adams Ecke exakt gegenüberliegt. Mindestens fünfzig Meter liegen zwischen ihnen, doch auch auf diese Distanz hin kann Adam erkennen, dass Leo ebenso wenig hier sein will wie Adam selbst. Und dass er gleichzeitig ebenso unbedingt hier sein will wie Adam selbst, denn seit dieser Nacht und diesem Morgen in Adams Wohnung haben sie sich nicht mehr wiedergesehen. Hatten keinen Kontakt mehr miteinander, weil das zu gefährlich gewesen wäre, spätestens von dem Augenblick an, in dem Adam seinen Leuten von Leos Plänen berichtete. Und sicherlich auch umgekehrt, denn wenn schon Adams Geheimdienst, der in der Regel durchaus mit Vernunft an jede nur erdenkliche Situation heran geht, in dieser speziellen Situation so wenig Vernunft beweist, dann – Adam hat eine ziemlich dunkle Ahnung von diesem dann.
Er holt erneut tief Luft und setzt sich langsam in Bewegung. Nach kurzem Zögern tut Leo es ihm gleich. Jeder von ihnen hält eine Waffe in der Hand, Adam seine SIG Sauer, Leo seine Glock. Diese Glock, die so unglaublich gut zu Leo passt, so wie auch jedes andere Detail an Leo so gut zu Leo passt. An Leo passt einfach alles. Lange genug hat es gedauert, bis Adam sich das so klar und deutlich eingestehen konnte, doch inzwischen ist es passiert. Inzwischen sind so viele Dinge passiert. Vergeigte Dinge. Blutige Dinge. Ablenkungsmanöver-Dinge. Dokumenten-und-Tresor-Dinge. Fluss- und Wasser-Dinge. Explosive Dinge. Und noch so viele Dinge mehr. Und all das soll jetzt also vorbei sein? Soll beendet werden, von Adam höchstselbst?
Adams Leute haben wirklich erschreckend wenig Ahnung von Adam, ja, womöglich könnte Adams Geheimdienst tatsächlich der ahnungsloseste Geheimdienst im Deutschland sein. Und das will wirklich was heißen, bedenkt man, dass dieser Titel bislang eigentlich Leos Geheimdienst zustand. Und immer noch zusteht. Zwei erste Plätze für ihre Geheimdienste, so sieht es mal aus.
Adam wechselt die Waffe in seine andere Hand, reibt sich seine Schießhand an seiner schwarzen Hose trocken. Er ist so aufgeregt wie damals bei seinem allerersten Einsatz, ein Einsatz ganz ohne Leo Hölzer. Alles fühlt sich warm und schwitzig an. Abgesehen von seinem Herzen. Das fühlt sich warm und aufgeregt an. Und verliebt. So verdammt verliebt.
Er setzt einen Fuß vor den anderen, ebenso wie Leo. Langsam kommen sie sich näher und näher, doch keiner von ihnen macht Anstalten, seine Waffe zum Schuss zu heben. Zum tödlichen Schuss. Denn das ist Adams – und zweifellos auch Leos – Auftrag. Den jeweils anderen Agenten auszuschalten. Adam hat eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, was Leos Leute ihm dafür versprochen haben: dass er seinen Geheimdienst verlassen und ein neues Leben anfangen darf, irgendwo auf der Welt.
„Bei deiner Liebe zur Bundesrepublik... würdest du ganz sicher im Deutschland bleiben“, murmelt Adam, während er die letzten beiden Schritte tut und stehen bleibt. Ihm gegenüber bleibt auch Leo stehen. Schätzungsweise drei Meter und 47 Zentimeter trennen sie voneinander, denkt Adam, plus minus zwei Zentimeter.
Für einen langen Moment sehen sie sich einfach nur an. Schön sieht Leo aus. Schön wie immer. Schön, aber auch nervös und unsicher. Adam vermutet, dass er für Leo ebenso aussieht: schön, nervös und unsicher, obwohl er sich alle Mühe gibt, selbstsicher zu wirken.
„Sie haben dich also wirklich hierher geschickt“, sagt Adam schließlich. Seine Stimme kratzt in seinem Hals und klingt rau wie Schmirgelpapier.
Leo schluckt und nickt. Muss sich zweimal räuspern, bevor er antworten kann: „Und du bist also wirklich gekommen.“
„Du doch auch“, sagt Adam, bevor er es sich verkneifen kann.
„Klar, ich auch, aber...“ Der dunkelhaarige Agent bricht ab. Er blickt hinunter auf seine Glock, dann wieder zurück zu Adam.
„Wie lautet dein Auftrag?“, fragt Adam. Wäre Leo nicht der Agent, der er ist, Adam könnte sich die Frage sparen, denn jeder andere Agent einer gegnerischen Geheimagentur würde eher sterben, als so eine Frage zu beantworten. Leo ist aber nicht jeder andere Agent. Leo ist Adams Agent, verflucht nochmal.
„Das könnte ich dich auch fragen“, antwortet Leo und grinst ein bisschen schief.
„Dann frag mich doch.“
„Wie lautet dein Auftrag?“
„Leo, verdammt...“, sagt Adam und schnaubt. Fährt aber fort: „Dich ausschalten. Weil du zu viel weißt, über mich und meinen Geheimdienst. Und weil du zu viel weißt über deinen Geheimdienst, natürlich, und deine Leute niemals zulassen würden, dass du zu uns wechselst. Und weil man dir nicht trauen kann. Wer einmal einen Geheimdienst verlässt, wird das immer wieder tun.“
In der Nacht in Adams Wohnzimmer hatte Adam sich das noch so einfach vorgestellt. Einfach mit seiner Führungsoffizierin sprechen und bämm, Leo wäre ganz offiziell sein Partner geworden. Also, sein Spionage-Partner. Und aber auch sein... Partner-Partner. Aber dazu müsste Leo nicht einmal zu Adams Geheimdienst wechseln. Dazu müsste Leo einfach nur... am Leben bleiben.
Einfach nur.
Nichts ist hier einfach nur.
„Du bist dran“, sagt Adam, auch wenn er sich die Antwort ja längst denken kann.
Immer noch nervös tritt Leo von einem Fuß auf den anderen. Wie gerne würde Adam die Distanz zwischen ihnen mit zwei Schritten schließen und den anderen Agenten in seine Arme nehmen. Und ihn erst wieder loslassen, wenn sie beide in Sicherheit sind, wie auch immer das vonstatten gehen sollte. Adam hat genügend Zeit gehabt, um sich einen Plan nach dem anderen zu überlegen und sofort wieder zu verwerfen. Er ist einer der Top-Agenten der Bundesrepublik, aber eine Lösung für dieses spezielle Problem, ihr spezielles Problem wollte ihm einfach nicht einfallen.
Mit leicht bebender Stimme reißt Leo Adam aus seinen Gedanken: „Die haben sich wohl abgesprochen. Ich soll dich auch ausschalten. Weil du zu viel weißt, über mich und meinen Geheimdienst. Und weil sie mich nur rauslassen, wenn alle Spuren beseitigt sind.“
„Alle Spuren, wie nett. Ich bin also alle Spuren.“
„Du bist so viel mehr, verflucht“, sagt Leo und bearbeitet gleich darauf seine Unterlippe mit seinen Zähnen. Das wollte er wohl eigentlich für sich behalten.
„Du bist auch so viel mehr, Leo.“ Nichts wird auch nur einer von ihnen ab sofort je wieder für sich behalten, gar nichts mehr.
„Adam... was sollen wir nur – “
„Du weißt, dass sie zuhören“, fällt Adam dem anderen Mann ins Wort, obwohl das jetzt auch schon egal ist. Sind sie auch beide sonst auf jeder Mission auf sich allein gestellt gewesen, so hat doch Adams und ganz gewiss auch Leos Agentur sichergestellt, dass sie bei diesem 'Einsatz' (ja, immer noch in Anführungsstrichen) auf Schritt und Tritt überwacht werden. Ihre Leute wollen zweifellos ganz sicher sein, dass jeder seinen jeweiligen Auftrag auch wirklich erledigt. Dass nur der jeweils eigene Mann dieses lächerliche Duell, das ihre Geheimdienste sich da ausgedacht haben, überlebt.
„Sie hören nichts, was sie nicht sowieso schon wissen“, sagt Leo zu Adams Überraschung. War der einst verfeindete Agent gerade eben noch nervös und unsicher, so hört er sich nun fast fatalistisch an.
„Was wissen sie denn?“, fragt Adam, etwas leiser jetzt, und geht endlich einen Schritt auf Leo zu. Fehlt nur noch ein weiterer Schritt. Er weiß, jeder von ihnen hält noch immer seine Waffe in der Hand. Aber er weiß auch, so sicher wie das Amen in der Kirche, dass Leos Glock ebenso gesichert ist wie Adams SIG. Keiner von ihnen hatte auch nur für eine Sekunde vor, den jeweils anderen zu erschießen. Ebenso sicher weiß Adam aber auch, dass jemand anders schießen wird, wenn sie beide es nicht tun. Keiner von ihnen soll heute lebend hier rauskommen. Aber wenn Adam heute sterben soll, dann stirbt er wenigstens zusammen mit Leo.
„Dass wir das nicht tun werden.“ Auch Leos Stimme klingt jetzt leiser und dunkler. Und auch Leo geht jetzt noch einen Schritt auf Adam zu. Diesen letzten Schritt, der diese Lücke zwischen ihnen schließt und der dazu führt, dass sie jetzt so dicht voreinander stehen, dass Adam Leos Lippen quasi schon auf seinen eigenen spüren kann.
„Natürlich werden wir das nicht tun“, murmelt Adam und ist auf dem besten Wege, sich in Leos wunderschönen Bergsee-Augen zu verlieren.
„Was tun wir stattdessen?“, fragt Leo. Adam kann Leos Atem auf seinen Wangen, seinen Lippen fühlen.
„Wir hauen ab. Oder versuchen es jedenfalls.“ Beim Sprechen streifen Adams Lippen über Leos. Fuck, dieser Leo. Dieser Leo Hölzer. Dieser Top-Spion, dieser Profi, dieser Mann, mit dem Adam den Rest seines Lebens verbringen will, ganz egal, wie lang dieses Leben noch andauern wird.
„Das ist Wahnsinn.“ Manchmal sagt dieser Top-Spion Leo Hölzer tatsächlich ziemlich zutreffende Dinge. Nicht oft genug, aber manchmal, denkt Adam liebevoll.
„Du bist Wahnsinn“, erwidert Adam und beschließt, auf alles zu scheißen. Beschließt, wieder einmal alles zu riskieren und Leo zu küssen, hier und jetzt. Also lehnt er sich die letzten nötigen Zentimeter zu Leo hin und –
„Wahnsinn, Wahnsinn, seid ihr wahnsinnig?“, schreit eine männliche Stimme quer durch die Etage.
Irgendwo wird geschossen. Zweimal, dreimal, viermal.
„Du hast auch schon mal besser getroffen, Roberto“, sagt der zu der Stimme gehörende Mann, als er keuchend bei Adam und Leo ankommt.
„Was – “, fragt Adam.
„Wer – “, fragt Leo.
„Dafür ist jetzt keine Zeit“, sagt der bewaffnete Mann – nein, Agent, korrigiert Adam sich in Gedanken, der Kerl ist ein Agent – und fügt hinzu: „Und jetzt kommt mit, wenn ihr leben wollt.“
„Mit Sicherheit nicht“, sagt Adam. Sie kennen den Agenten ja nicht einmal. So leicht tappen weder er noch Leo in eine mögliche Falle.
„Mit Sicherheit doch“, sagt der Agent.
„Warum sollten wir?“, fragt Leo. Sehr gut, Agent Hölzer stellt wieder einmal die richtigen Fragen.
Der ihnen unbekannte Agent seufzt und verdreht die Augen. Er verschränkt seine Arme vor der Brust, behält seine Waffe dabei in einer Hand und erklärt: „Okay, Jungs, weil ihr offensichtlich noch nicht so lange in der Branche seid wie ich, sag ich‘s euch.“ Er macht eine ziemlich alberne Kunstpause, lehnt sich dann ein wenig vor, damit Adam und Leo auch bloß keines der folgenden Worte verpassen, und sagt in einem Tonfall, als verrate er das größte nur denkbare Geheimnis: „Für die Bundesrepublik.“
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