Actions

Work Header

Der Schatten der Vorreiterin

Summary:

Vielleicht hat Johanna ihre Kollegin tatsächlich für immer verloren, weil sie Lena nicht schnell genug aufhalten konnte. Vielleicht hat Lena tatsächlich zu viel Blut verloren, als dass diese OP sie noch retten könnte. Dabei hat Johanna in ihrem ganzen Leben noch nie so fest zugedrückt wie vorhin auf dem Dach dieser verdammten, verwaisten Fabrikhalle mitten im Nirgendwo. 

Notes:

Auch dieser Oneshot war ursprünglich mal fürs German Crime Zine gedacht, genau wie "Du bemalst meine Welt mit Schminke, so kann ich alles schön sehen." Weil's am Ende aber eine andere Story ins Zine geschafft hat, bekommt ihr die hier jetzt auch schon vorab. Mehr Infos zum Zine findet ihr hier.

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Johanna hätte es verhindern müssen. 

Sie hätte Lena nicht mutterseelenallein in diese Baracke ziehen lassen dürfen, wo ihre Kollegin diesem verfluchten Mörder in die Arme gelaufen ist. Johanna hätte sich früher an ihre Fersen heften müssen, hätte Lena früher retten müssen.

Dabei weiß sie nicht einmal, ob sie Lena überhaupt gerettet hat.

Denn eigentlich kauert Johanna schon die ganze Nacht in diesem Krankenhausflur und wartet auf irgendein noch so kleines Lebenszeichen. Ja, draußen scheinen die ersten Vögel aufzuwachen. Aber das ist Johanna egal. Weil es nicht Lena ist.

Vielleicht hat Johanna ihre Kollegin tatsächlich für immer verloren, weil sie Lena nicht schnell genug aufhalten konnte. Vielleicht hat Lena tatsächlich zu viel Blut verloren, als dass diese OP sie noch retten könnte. Dabei hat Johanna in ihrem ganzen Leben noch nie so fest zugedrückt wie vorhin auf dem Dach dieser verdammten, verwaisten Fabrikhalle mitten im Nirgendwo. 

Natürlich hat Johanna gewusst, dass es ewig dauern würde, bis der Rettungswagen da draußen aufkreuzt. Aber sie hat Lena trotzdem zugeflüstert, dass der bestimmt gleich da ist, dass Lena nur noch einen kleinen Moment bei ihr bleiben muss und dass sie jetzt doch noch nicht gehen kann: Nicht jetzt, wo die Hilfe schon unterwegs ist, wo Lena diesen Übeltäter doch noch gar nicht selbst abführen konnte, dabei braucht sie doch genau diese Genugtuung, genau diese Gerechtigkeit. Lena allerdings hat kein Wort mehr gesagt, hat sie einfach nur angesehen, mit diesem leeren Blick, zwischen diesem Blinzeln, das immer öfter, immer träger, immer länger zwischen ihnen gestanden hat. Und dann, als sie Lena gar nicht mehr in die Augen sehen konnte und als ihr eigenes Schluchzen Lenas Atemzüge abgelöst hat, da hat sie geflennt und geflucht wie nie zuvor.

Sie riecht noch immer das Blut an ihren Händen. Lenas Blut. Lenas Blut, von dem Johanna viel zu viel entkommen ließ. Wenn sie ihrer Kollegin gleich von Anfang an gefolgt wäre, dann hätten sie ihren Mörder gemeinsam stellen und sich gegenseitig absichern können. Dann wäre all das nicht passiert. Dann würde Lenas Leben jetzt nicht am seidenen Faden hängen. Dann könnte Lena nicht jeden Moment sterben, wegen dieser einen Kugel in ihrem Bauch, die Johanna weder verhindern noch abfangen konnte. 

Eigentlich weiß Johanna ja, dass zu so einem Manöver immer mehr als einer gehört. Dass Lena gar nicht hätte losziehen müssen, auf eigene Faust, ohne jede Verstärkung, wie sie es immer tut. Eigentlich weiß Johanna auch, dass dieser Mistkerl gar nicht hätte schießen müssen, dass er sich ganz bewusst und aus freien Stücken dazu entschieden hat, Lena aus dem Verkehr zu ziehen. Und natürlich weiß Johanna deshalb, dass sie selbst eigentlich nur einen winzig kleinen Teil all dieser Schuld trägt. Aber sie hätte diesem ganzen Unfug von Anfang an den Riegel vorschieben können, wenn sie Lena begleitet hätte, wenn sie von Anfang an das SEK mit ins Boot geholt hätten. Dann hätte dieser Irre bestimmt nicht geschossen, das wäre selbst ihm zu riskant gewesen. Sie hätten ihn gemeinsam stellen können - und zwar nicht erst, nachdem er Lena diese Kugel in den Bauch gejagt hat und getürmt ist. 

Ja, mittlerweile schmort er in irgendeiner Zelle, weil die Rasterfahndung ausnahmsweise mal ganze Arbeit geleistet hat. Trotzdem wünscht sich Johanna, dass es gar nicht erst soweit gekommen wäre. Aber weil sich das nunmal nicht mehr ändern lässt, wünscht sie sich auch, dass dieser Mistkerl die höchste Strafe absitzen muss, die juristisch noch irgendwie zu verantworten ist: Zum einen natürlich für den kaltblütigen Mord an seiner Exfreundin, aber zum anderen eben auch für den versuchten Totschlag an Lena. Der dürfte ihm zwar weniger Jahre im Bau bescheren, als wenn er für den tatsächlichen Totschlag verurteilt würde - aber der Preis dafür wäre zu hoch. Viel zu hoch.

Dass Lena hier und jetzt tatsächlich sterben könnte, dass vorhin auf dem Dach jede Hilfe zu spät kam - allein der Gedanke daran lässt einen Schwall neuer Tränen über Johannas Gesicht strömen. Sie kann nicht mehr klar sehen, zittert am ganzen Körper und bekommt ihn ganz und gar nicht mehr unter Kontrolle, fühlt sich einfach macht- und kraftlos. 

Nach einer Weile ist Johanna nur noch, als würde sie rein gar nichts mehr in sich tragen, keine Hoffnung, keine Tränen, nur noch diese Leere, diese Taubheit. Eigentlich weiß sie, dass sie Lena noch nicht verloren hat. Und doch fühlt es sich genauso an. Was Johanna auch versucht, sie kann rein gar nichts dagegen tun, dass der Rest ihres Körpers ihren Kopf derart betrügt und in Beschlag nimmt. 

Diese düsteren Gedanken breiten sich einfach immer weiter aus und verfärben und veröden alles in ihrem Weg, wie ein Ölteppich im türkisblauen Ozean. Da waren auch mal weiße Strände, wo sich das Leben tummelte. Und natürlich blieb da auch hin und wieder mal ein Schandfleck zurück: irgendeine Altlast, die niemand so richtig aufräumen wollte und die es dann einfach ins Meer spülte. Aber das war eigentlich wirklich nicht der Rede wert gewesen, jetzt, im Rückblick und im Angesicht dieser Katastrophe. Denn in diesem Augenblick erstickt jedes noch so kleine Sandkorn unter dieser klebrigen Schicht, dieser schier unausweichlichen Schwärze.

Diese Finsternis nimmt nicht nur Johannas Fantasie, sondern auch ihre Lider ein: Wie Lenas dort draußen auf dem Dach werden auch Johannas nun immer schwerer, ihr Körper immer träger. Irgendwann machen die Erschöpfung und die Erinnerung gemeinsame Sache gegen sie und verbünden sich zu einem unruhigen Schlaf voller Albträume. Immer wieder muss sie Lena jetzt beim Sterben zusehen, immer weniger kann sie dagegen tun und immer weiter peitschen diese Qualen sie voran, von einem Albtraum zum nächsten, aber nirgends findet sie auch nur einen Funken Hoffnung.

~

"Hunger?"

Eigentlich hat Johanna in den letzten Stunden die meisten Gespräche der Belegschaft auf dem Klinikflur verschlafen. Aber diese Stimme hier, die kennt sie, die ist ihr vertraut - und zwar zu vertraut, um wahr zu sein.

Johanna schreckt so plötzlich hoch, dass ihr schwindelig wird. Doch auch wenn sich um sie herum alles dreht, ist da dieser eine Anblick, der wie angegossen zu dieser Stimme passt, der ihr genauso vertraut ist - eigentlich auch zu vertraut, um wahr zu sein. Für einen Moment fragt sie sich deshalb, ob sie schon wieder träumt. Aber ganz gleich, wie oft sie blinzelt und sich schüttelt, dieser Anblick bleibt ihr erhalten, wird zur Wirklichkeit, zur Sicherheit:

Lena lebt.

Sie steht vor Johanna, nickt zu dem Snackautomaten, krallt sich dabei in ihre Krücken und versinkt in ihrem Krankenhaushemd. 

Und Johanna hat sich in ihrem ganzen Leben noch nie so leicht, so befreit gefühlt wie in diesem einen Augenblick. 

Sie springt auf und will Lena am liebsten um den Hals fallen, aber damit würde sie Lena vermutlich umwerfen, also bleibt sie dann doch stehen. Noch mehr Verletzungen kann Lena schließlich nicht gebrauchen, wo es doch heute Nacht schon so verdammt knapp war. Aber da hat Johanna sie nicht verloren, Lena ist stur geblieben wie eh und je. Ein Glück. Ausnahmsweise.

Lenas Hände sehen allerdings aus, als hätte sie sich die Kanülen gerade selbst herausgerissen. Eigentlich ist sie bestimmt zu schwach, um jetzt schon durch diese Flure zu streifen, selbst mit irgendeiner Stärkung in Aussicht.

"Du solltest noch nicht auf den Beinen sein", ermahnt Johanna sie also, aber Lena zuckt bloß mit den Schultern. Da ist er wieder, dieser Trotz, der gerade irgendwie noch einem Segen gleicht, aber heute Nacht zweifellos zum Fluch geworden ist.

"Lena, da draußen, alleine, da hättest du …"

Sterben können - die Worte verstopfen ihre Kehle, verengen ihren Brustkorb und verwässern ihre Sicht.

"Ich weiß."

Lenas Stimme scheint nun fast schon besonnen - anders als ihr Verhalten heute Nacht.

"Warum bist du dann ohne mich dahin?", fährt Johanna sie an.

"Ich … wollte dieses Arschloch einfach drankriegen. Ihn dahin locken, wo er sich sicher fühlt und sich nicht mehr so bedeckt hält. Ich dachte eben, dass er dann unvorsichtig wird und einen Fehler macht, mit dem wir ihn überführen können. Das ist an so einem Ort ja wahrscheinlicher, stimmt's?", fragt sie Johanna und grinst aufmüpfig. Ja, Wahrscheinlichkeiten und Täteranalysen sind eher Johannas Steckenpferd. Und vermutlich hat Lena sogar Recht. Aber dass sie Johanna nicht eingeweiht, nicht mitgenommen hat, dass Lena ihr nicht vertraut hat, dieser Schmerz sitzt noch viel tiefer.

"Und weil du jetzt eh schon meine Arbeit machst, dachtest du, du brauchst mich gar nicht mehr?"

Bei diesen Worten zuckt Lena so sehr zusammen, dass Johanna ihr schnippischer Tonfall fast leid tut. Aber bevor sie auch nur daran denken kann, sich zu entschuldigen, kommt Lena ihr zuvor: 

"Natürlich brauch ich dich."

Täuscht Johanna sich oder hat Lenas Stimme eben kurz gezittert? Ihre Lippen tun es jetzt jedenfalls, obwohl sie sich um ein Lächeln bemühen.

"Ich wollte nur nicht, dass du … naja, ich wusste ja auch, dass der Typ gefährlich ist, und …"

Und natürlich musste Lena den Helden spielen und die Jungfrau in Nöten beschützen, die eigentlich gar nicht beschützt werden wollte. Johanna würde am liebsten genervt aufstöhnen, beißt sich aber auf die Zunge.

"Lena", tadelt sie diese verdammte Draufgängerin, "Ich bin deine Kollegin. Deine Partnerin." 

Das Wort fühlt sich seltsam aus Johannas Mund an: Nach etwas, was sie eigentlich gar nicht sagen will, was aber tief in ihrem Innern, in Nächten wie der letzten, doch ein paar zarte Wurzeln geschlagen hat. Immerhin hat die Frage danach, ob sie Lena hier und jetzt verliert, dafür gesorgt, dass alles in ihr "Nein!" geschrien hat, und das so laut wie selten zuvor. 

Sie will Lena wirklich nicht verlieren, unter keinen Umständen, koste es, was es wolle. Das letzte Mal hat sie solche Ängste ausgestanden, als Liv auf dem Weg in den Italienurlaub an irgendeiner Autobahnraststätte abgehauen ist. Oder im Sommer davor, als Ivy bei ihrer Rolle rückwärts vom Schwimmreifen so heftig mit dem Kopf gegen die Fliesen des Freibads geknallt ist, dass sie für eine halbe Stunde das Bewusstsein verloren hat. Matti war damals keine Hilfe gewesen, der hatte sich mal wieder auf irgendeine Dienstreise verkrümelt. Aber selbst um ihn musste Johanna einmal viel zu viel Angst haben, weil der in seinen ersten Tagen in Deutschland auf dieser verdammten A6 fast in den Tod gerast wäre. Er hatte darauf bestanden, diese Spritztour alleine zu machen, ohne Johanna, egal wie oft die ihn zur Vernunft bringen wollte. Und auch hier und jetzt, bei Lenas waghalsigem Manöver, ist Johanna ausgebootet worden. Dabei ist doch auch dieser Alleingang viel zu gefährlich gewesen.

"Du kannst mir vertrauen", seufzt Johanna also, sucht und findet Lenas Blick, "Ich kann dir helfen. Und zwar nicht erst, …"

… wenn es zu spät ist. Fast zu spät ist.

"Ja, ich weiß", nickt Lena und schaut dann doch wieder betreten zu Boden, "Tut mir leid, ich …"

Was auch immer Lena sagen wollte, sie verrät es Johanna nicht. Stattdessen tapst sie Schritt für Schritt heran, lässt ihre Krücken dann einfach zu Boden knallen und fällt mehr oder weniger freiwillig in Johannas Arme. Die klammert so behutsam wie möglich zurück, hält Lena einfach nur fest - und hält inne, als sie Lena gegen ihre Schulter schniefen hört. Instinktiv zieht Johanna sie noch ein wenig näher, bis sie spürt, wie Lenas Herz gegen ihr eigenes pocht. Und dieses Gefühl sorgt prompt dafür, dass Johannas Herz ein paar Schläge aussetzen muss. Denn so nah, geradezu hautnah, zu spüren, dass Lena noch am Leben ist, dass ihnen beiden diese Nähe noch immer vergönnt ist - dieses Gefühl, diese Erkenntnis trifft sie so plötzlich wie ein Schlag in die Magengrube, und gleichzeitig lässt er sie irgendwie doch geradezu weich fallen, in diese Arme, in diesen Halt, den sie vor nicht allzu langer Zeit für immer verloren geglaubt hatte.

"Danke."

Dieses eine Wort, das Lena jetzt in Johannas Halsbeuge krächzt, klingt so zerbrechlich, dass es Johanna die Kehle zuschnürt. Ja, ohne sie würde Lena vermutlich gar nicht mehr hier stehen. Nicht mehr leben. Allein die Vorstellung treibt Johanna mal wieder zur Verzweiflung.

"Bitte", flüstert sie zurück - weil man das eben so macht, aber nicht nur deswegen, "Bitte, Lena. Lass mich dir helfen. In Zukunft."

Lena schweigt, rührt sich nicht, atmet kaum. Gerade als Johanna fast die Hoffnung aufgegeben hat, noch irgendeine Reaktion von ihr zu erhaschen, bemerkt sie tatsächlich etwas: Lena löst ihre Hände von Johannas Rücken und stützt sich mit einer auf die nassgeschniefte Schulter. Sobald auch Johanna zurückweicht, wandert Lenas andere Hand an Johannas Arm hinab. Dort verschränken sie ihre Finger miteinander, verbunden durch Lenas Blut, was an ihnen beiden klebt, und durch dieses verdammte Glück im Unglück dieser Nacht. Diesmal krallt sich Lena wieder genauso fest wie schon eben in der Umarmung. Und auch diesmal steckt ein einziges Wort in diesem einen Griff:

Ja.

Aber diesmal krächzt Lena es nicht heraus. Sie drückt einfach nur zu, und Johanna drückt zurück. Und Lena schaut sie einfach nur an, aus diesen verquollenen Augen, mit diesem abgekämpften Lächeln. So lassen die beiden sich in dieses Netz fallen. So fangen sie sich gegenseitig auf. Und so finden sie diesen Halt, den sie am liebsten nie mehr aufgeben wollen.

Notes:

Wie Johanna übrigens die Sorgen um Liv in diesem Italien-Urlaub weggesteckt hat und wie Lena ihr dabei helfen durfte, könnt ihr hier nachlesen ;)

Series this work belongs to: