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Verfeindet und verraten in Piesport (an der Mosel)

Summary:

Zwei ehemals verfeindete und jetzt verliebte Agenten, jeder von ihnen Druckmittel gegen den anderen, müssen einen letzten Einsatz für ihren Geheimdienst machen, bevor sie aussteigen können. Klingt einfacher, als es ist.

Notes:

Vielen lieben Dank, @schildiwrites, für den Ortsvorschlag! 🤗💖

Credit für diese eine Szene geht an die Tatort Berlin-Folge "Meta". 😊

Work Text:

 

 

Eine Art Verhörraum

„Was willst du, du Scheißkerl“, zischt Adam. Er will durch den verdammten Handybildschirm springen und seinen ehemaligen Chef… irgendetwas, am besten in die Fresse schlagen. Der lächelt allerdings seelenruhig auf seiner Seite des Videoanrufs zurück und hebt beschwichtigend die Hände.

„Ah, ah. Wer wird denn gleich so wütend werden…“ Sein ehemaliger Chef lehnt sich vor und sein breites Grinsen wird im Bildschirm zu einer noch größeren Grimasse.

Adam rüttelt gegen seine Handschellen, die ihn an seinen Stuhl fesseln. „Ich will dich nie wieder sehen, hörst du? Verpiss dich einfach.“ Er und Leo wollen doch nur ihre Ruhe. Sie wollen sonst nichts. Die Idee, ein paar ihrer gestohlenen Dokumente als Drohung zu veröffentlichen, war scheiße, das gibt er bereitwillig zu, aber sie wollten sich doch damit nur ihre Freiheit erkaufen.

„Schürk. Wir sind nicht nachtragend“, sagt sein ehemaliger Chef jetzt und hebt entwaffnend die Arme. „Alles gut. Alles vergeben. Wir lassen euch gehen… wir wollen nur einen letzten Einsatz von dir. Danach…“ Er macht mit seinen Händen eine Geste, die wohl sagen soll, dass sie dann wegfliegen können, frei wie Vögel.

Von wegen.

Allein, dass sein ehemaliger Chef von „euch“ spricht, macht ihm Sorgen. Das bedeutet, dass Leo vielleicht auch irgendwo an einen Stuhl gefesselt ist und von zwei Handlangern bewacht wird, während ihn sein ehemaliger Chef mit süffisanter Lässigkeit über einen Videoanruf angrinst. Allein die Vorstellung lässt Adam erneut aufbrausen.

„Was ist mit Leo? Wenn ihm etwas passiert… das werde ich dir nie verzeihen.“

Es hat wenig Wirkung. Sein Chef sieht auf die Uhr. „Gib mir noch ein wenig Zeit, dann reden wir persönlich.“ Das Telefon wird Adam weggenommen und er hört nur noch die Order, dass einer der Handlanger Adam etwas zu essen und zu trinken besorgen soll, bevor der Anruf beendet wird.

 

 

* * *

 

Barcelona, ein paar Stunden zuvor

Leo sieht auf die Uhr. Er hätte es in der Zeit geschafft, die Adam ihm gegeben hat, wenn er nicht die Gummibärchen vergessen und noch einmal hätte zurückgehen müssen. So ist er zwei Minuten zu spät, aber zwei Minuten, die sich für Adam lohnen werden, da Leo als Entschuldigung gleich drei verschiedene Packungen gekauft hat.

Er nimmt einen Umweg, um sicherzugehen, dass ihm niemand folgt, bevor er in das Wohnhaus zurückgeht, in dem sie übergangsweise wohnen. Bereits im Erdgeschoss an der Haustür beschleicht ihn ein seltsames Gefühl. Er kann zuerst nicht sagen, was es ist, aber kaum hat er die ersten paar Stufen nach oben genommen, versteht er plötzlich, dass es hier unten im Treppenhaus nach Adams guten Duschgel riecht – und das ist entweder Zufall und ein anderer Hausbewohner hat dasselbe, was Leo für unwahrscheinlich hält, oder Adam war hier unten im Treppenhaus. Das würde er nicht tun, sagt eine leise Stimme in seinem Kopf. Adam ist der Vernünftige von ihnen beiden und auch wenn Leo zwei Minuten zu spät ist, würde Adam deswegen nicht sofort die Wohnung verlassen, um nach ihm zu suchen.

Sein Herz beginnt unangenehm zu pochen. Mit jeder Stufe, die er weiter nach oben nimmt, klopft es härter gegen seine Brust. Er ahnt bereits, was passiert ist, aber solange er nichts sieht, ist noch alles in Ordnung. An der Wohnungstür kann er bereits ohne genaues Hinsehen erkennen, dass sie nicht ganz geschlossen ist; trotzdem will er es nicht wahrhaben. Vielleicht wollte Adam ihn suchen und war dabei zu hastig - die Tür lässt sich leicht aufdrücken und schwingt mit einem leisen Quietschen an die Wand. Drinnen ist es still.

Ein kaltes Zittern durchfährt ihn, zieht sich von oben nach unten bis in seine Zehen. Das ist nicht passiert. Das darf nicht passiert sein. „Adam?“, ruft er leise.

Nichts.

Er geht die Wohnung langsam und mit bemühter Ruhe ab, sucht gewissenhaft nach Details und Ungereimtheiten, sieht bei den Fenstern hinaus, überprüft die gegenüberliegenden Häuser auf Beobachtungsposten, bis er sich schließlich ins Schlafzimmer zurückzieht und sich dort aufs Bett setzt. Die Wohnung ist unverändert und frei von Kampfspuren. Es ist, als hätte sich Adam in Luft aufgelöst.

Leo weint schon lange nicht mehr, hat alle Tränen am Anfang seiner Karriere vergossen, als er noch nicht so abgestumpft war. Aber jetzt wünscht er sich, er hätte noch einen Moment für seine Emotionen, bevor sich sein Kopf automatisch in den Problemlösungsmodus schaltet. Er will sich kurz selbst leidtun, weil nichts je so klappt, wie er sich das vorstellt, will sich hinlegen und in das Kissen heulen und Adams Duft einatmen und ein paar Minuten Zeit damit verschwenden, zu hoffen, dass sein Partner einen Moment später bei der Tür hereinkommen wird. Aber dafür ist er schon zu lange Agent.

Er steht also auf und untersucht seine Habseligkeiten auf Sender, bevor er sie packt, entfernt Müll und persönliche Gegenstände, und vernichtet jeglichen Hinweis darauf, dass er und Adam hier waren, bevor er als letzten Schritt noch die SIM-Karte von seinem Handy zerstört. Wie mechanisch und geübt er das alles erledigt, wird ihm erst klar, als er fertig ist und an der Wohnungstür einen letzten Blick durch das makellose Apartment schweifen lässt.

Es sieht so aus, als wären sie nie hier gewesen.

Von außen zieht er die Wohnungstür zu und schließt damit mit Barcelona ab. Was auch immer passiert ist, wo auch immer Adam hingebracht wurde – denn freiwillig ist er sicher nicht gegangen – Leo wird im Deutschland die Antwort finden, nicht hier.

 

 

Saarbrücken

„Wir haben auf Ihren Anruf gewartet“, grüßt Leos ehemaliger Führungsoffizier mit singender Stimme.

„Ja? Hier bin ich“ Er steht an einem öffentlichen Telefon am Cottbuser Platz und lehnt müde, auf seinen Arm gestützt, gegen die Plexiglasscheibe vor ihm. Einen ganzen Tag ist er nun zurück in Saarbrücken und hat ihre beiden Wohnungen beobachtet, aber vergebens. Er weiß nicht mehr als davor, von Adam fehlt weiterhin jede Spur. Seinen Geheimdienst anzurufen ist alles, was er tun kann.

„Hat die Schuld Sie nach Hause getrieben?“

Leo schnaubt ins Telefon, auch wenn es die Wahrheit ist. Dass Adam entführt wurde, ist seine Schuld. Wäre er in Barcelona bloß in der Wohnung geblieben, hätte er nicht so dringend Frischluft gebraucht… wäre, hätte, könnte; der Konjunktiv der Reue bringt ihm jetzt auch nichts. „Was haben Sie mit Adam gemacht?“, will er wissen.

„Warum denken Sie, wir waren das? Vielleicht hatte er einfach nur genug? Hat nach Wochen des Zusammenlebens eingesehen, dass Sie nicht das sind, was er will?“

Die Idee versetzt Leo einen Stich, aber er weiß, dass das nicht stimmt. Das würde Adam nicht tun. Klar lief in Barcelona nicht alles reibungslos; das erste Mal zusammenwohnen und dann gleich wochenlang eingesperrt sein – wer würde da nicht ab und an mal kabbeln? Aber wenn Adam tatsächlich von Leo genug haben sollte, würde er ihm das sagen und nicht einfach abhauen, bis Leo irgendwann denkt, Adam wäre tot. Bis sie sich fünfzehn Jahre später zufällig wieder über den Weg laufen und unauffällig so tun, als wäre alles okay… so ist Adam nicht. Oder? Er atmet tief durch. Kennen sie sich gut genug, dass er das behaupten kann?

Ja, tut er, beschließt er. Er weiß, dass Adam das nicht tun würde, was heißt, sein Geheimdienst hat Adam entführt, damit sie Leo dazu bringen können, irgendetwas für sie zu tun.

„Das hätten Sie gerne, hm, dass ich so denke? Gefühle sind egal, Liebe gibt es nicht.“ Er schluckt hart bei dem Gedanken, dass er es vor vielen Jahren beinahe geschafft hat, sich das erfolgreich einzureden. Und dann kam dieser feindliche Agent mit seinen langen Beinen und den unmöglichen, blondierten Haaren – mit seinem Snackgeschmack und den Ablenkungsmanövern und den dummen Sprüchen. Aus war es mit Leos Resolution. „Sie wollen doch, dass er mir etwas bedeutet. Adam passt gut in den Plan und mehr ist es nicht.“

„Sagen Sie, dass er Ihnen nichts bedeutet und wir brechen das Ganze ab“, schlägt sein Führungsoffizier vor. Es klingt wie eine Falle.

„Das kann ich nicht. Ich kann nicht mehr so tun.“ Er will sich nicht mehr verstellen. Seine Gefühle für Adam zuzulassen, war die beste Entscheidung, die er je getroffen hat. Einen Rückzieher kann er Adam und auch sich selbst nicht antun.

„Ein letzter Auftrag und Sie und Schürk sind fertig, versprochen. Keine Spielchen, keine falschen Versprechungen, wir lassen Sie und Agent Schürk gehen. Nach diesem letzten Einsatz.“ 

„Er ist nur Mittel zum Zweck, ein Einsatz“, stellt Leo trocken fest. Adam ist ein Druckmittel, ein Pfandeinsatz, der einbehalten wird, um ihn zu einem Auftrag zu bewegen. Und nachdem sie alle wissen, wofür Leo normalerweise eingesetzt wird, kann er sich vorstellen, worum es gehen soll. Und irgendwie ist es egal, was Leo will, oder dass er deshalb seinen Geheimdienst verlassen wollte, weil möglicherweise Adams Leben davon abhängt. „Okay“, sagt er deshalb, ohne zu zögern.

„Gute Entscheidung. Dann passiert Schürk nichts und Ihnen auch nicht.“ Es klingt weniger wie ein Versprechen und mehr wie eine Drohung.

„Sie garantieren, dass Sie Adam nichts tun, wenn ich diese Mission für Sie erledige.“

„Versprochen.“

Resigniert lässt Leo seinen Kopf schwer gegen seinen Arm sinken. Er fragt gar nicht, was die Mission ist, weil es irrelevant ist. Er will sie nur so schnell wie möglich hinter sich bringen „Wo geht’s hin?“

„Piesport an der Mosel. Um genau zu sein, Niederemmel.“

 

* * *

 

Immer noch in dem Verhörraum

„Niederemmel in Piesport?“, wiederholt Adam. Mittlerweile ist er von den Fesseln befreit und sitzt mit Sandwich und Sprite an einem Tisch. Viel wohler fühlt er sich nicht, aber immerhin hat er jetzt keinen Hunger und Durst mehr. „Und was ist da? Außer Weinbergen und der Mosel?“

„Dokumente, die für die Bundesrepublik äußerst wichtig sind, befinden sich dort in einem Tresor“, erklärt sein ehemaliger Chef.

Adam zweifelt stark, dass es unbedingt ihn braucht, um diese Dokumente in Sicherheit zu bringen. Jeder zweite Agent kann Tresore knacken. Jeder Dritte kann es sogar halbwegs gut. Er ist gerne für Leo unentbehrlich, aber nicht für seinen alten Geheimdienst.

„Und warum ich?“, fragt er deshalb.

„Weil die Gegenseite nicht zu unterschätzen ist.“

Die Gegenseite. Seit Adam weiß, dass die „Gegenseite“ möglicherweise nur ein konkurrierender Standort des gleichen Geheimdienstes ist, hat das Wort jegliche Bedeutung verloren. „Okay?“

„Die möchten diese Dokumente zerstören, das darf aber auf keinen Fall geschehen.“

Adam knüllt das Sandwichpapier zusammen. „Und wer sagt mir, dass du mich nicht verarschen willst? Wer weiß, ob-“ Sein früherer Chef schiebt ein Foto über den Tisch und Adam unterbricht sich selbst.

Auf dem Foto ist ein Dokument abgebildet, das auf einem Schreibtisch liegt. „Das ist das Original-Abkommen, mit dem die Regierung Geheimdienste zum Schutz der Bundesrepublik erlaubt. Und wenn dir irgendetwas an der Sicherheit der Bundesrepublik liegt, muss dieses Dokument weiterbestehen.“

Adam ist unsicher, ob es nicht vielleicht besser wäre, gewisse Geheimdienste – wie eben dieser hier, für den Leo und er gearbeitet haben – hätten diese Erlaubnis nicht. Trotzdem, ohne dieses Abkommen hätte niemand von ihnen einen Job. Ohne dieses Abkommen hätten sich Leo und er nie gefunden.

„Und Leo?“

Sein ehemaliger Chef winkt ab. „Zu dem kommen wir, wenn die Sache geklärt ist. Falls du Hölzer dann überhaupt wiederhaben willst.“

„Wie meinst du das?“

Sein ehemaliger Chef schiebt sein Handy in die Mitte des Tisches. „Wir haben herausgefunden, dass er dich nur benutzt hat, um dich von deinem Dienst abzuhalten. Das Ganze war gespielt. Alles Theater.“ Bevor Adam nachfragen kann, was das heißen soll, drückt der Chef demonstrativ auf das Display, um eine Aufnahme abzuspielen.

„Gefühle sind egal. Liebe gibt es nicht“, kommt Leos Stimme durch den kleinen Lautsprecher. So blechern die Aufnahme auch klingt, das ist eindeutig Leo. „Sie wollen doch, dass er mir etwas bedeutet.“ Eine Pause. „Das kann ich nicht. Ich kann nicht mehr so tun.“ Adam hat genug gehört, aber da holt Leo noch weiter aus. „Adam passt gut in den Plan und mehr ist es nicht. Er ist nur Mittel zum Zweck, ein Einsatz.“

Sein Chef zieht das Handy zurück. „Das ist von heute Vormittag.“

Adam langt vor, bevor sein Chef das Handy wegnehmen kann, und spielt die Aufnahme noch einmal ab. Als das „Er ist nur Mittel zum Zweck, ein Einsatz“, ausgeklungen ist, lehnt er sich angespannt zurück und schüttelt den Kopf, weil er das nicht von einem Tonband hören will. Genau das sagt er auch: „Ich will das von ihm selbst hören.“

Der Chef zuckt mit den Schultern. „Hölzer ist nicht mehr in der Wohnung aufgetaucht, sonst hätten wir ihn mitgenommen. Aber nach dem Gespräch mit seinem ehemaligen Führungsoffizier, scheint es, als wäre er zurück in den Dienst gegangen.“

Adam schnaubt, weil er das nicht ganz glauben kann. Leo ist nicht mehr in die Wohnung zurückgekommen? Das macht überhaupt keinen Sinn. Warum auch immer Leo solche Sachen gesagt hat, Adam glaubt nicht, dass sein Freund das wirklich so meint. Zumindest sein Kopf weiß, dass Leo nicht so über ihre Beziehung denkt; seinem Herzen versetzt es trotzdem einen Stich.

Eine kleine Stimme gibt es nämlich in Adams Hinterkopf, die ihn darauf hinweist, dass das eine Handbuchtaktik wäre. Dass es, wenn es stimmen würde, funktioniert hätte. Und wer jahrelang Liebe in verschiedenen Ablenkungsmanövern vorgaukeln kann, kann vielleicht noch viel mehr. Resolut drückt er das weg. Das ist auf keinen Fall das, was passiert ist. Er wird Leo nach dieser Mission finden und zur Rede stellen und herausfinden, was diese Aufnahme soll, und dann… dann wird alles gut werden.

„Okay“, sagt er schließlich, weil sie hier nicht weiterkommen, wenn er sich weiter wehrt. Er muss hier raus. „Dokumente entwenden… und wie?“

Sein Chef legt ihm einen Grundriss des Gebäudes vor und erklärt ihm den Plan: Das Bürogebäude in Piesport an der Mosel ist unauffällig und dreistöckig, bewacht durch einen Sicherheitsdienst und ein Aufgebot an Kameras. Das Büro mit dem Tresor, in dem das Dokument liegt, ist im obersten Stockwerk. Adam muss nur ungesehen hineingelangen, den Tresor knacken, das Dokument stehlen, es von dort aufs Dach schaffen und die Feuertreppe nach unten nehmen. Und entkommen.

„Wie du siehst, ganz einfach“, schließt sein ehemaliger Chef seine Auflistung und schiebt Adam den Ordner über den Tisch. „Nichts, das du nicht schon tausendmal gemacht hast.“

Absolut, das kann Adam bestätigen. Das ist nichts, das er nicht schon tausendmal gemacht hat. Etwas, das er auf jeden Fall schafft, weil er dafür ausgebildet ist und jahrelang seine Einsätze immer auf sich allein gestellt gemeistert hat. Er braucht keinen Partner, er hätte nur gerne seinen.

Er fragt nicht noch einmal, wo Leo ist, weil er ohnehin keine Antwort bekommen wird. Sein Chef wertet sein Schweigen wohl als Einverständnis, denn er sagt nur: „Dein Auto steht unten.“

Adam rümpft die Nase. Wenn es ihm jetzt einfach freisteht, zu gehen, wozu dann das ganze Theater? „Waren dann diese Entführung und die Fesseln wirklich notwendig? Und warum kann ich das nicht zusammen mit Leo machen?“ Es wäre doch viel vernünftiger, das gemeinsam zu erledigen, wenn sie ohnehin alle am selben Dokumentensicherungsstrang ziehen.

Sein Chef schüttelt den Kopf. „Das war notwendig, um dich von Hölzer zu befreien. Der hat dich jahrelang mit seinen Schmusereien auf seine Seite gezogen.“

„Wir waren die ganzen Jahre über verfeindet“, protestiert Adam. „Zutiefst verfeindet. Erst in den letzten Wochen, oder vielleicht Monaten, hat sich das geändert.“ Er ist ja bereit, so halb zuzugeben, dass sie sich bereits seit längerer Zeit näherkommen, aber Jahre? Auf keinen Fall.

Sein Chef bleibt stur. „Wusstest du, dass Hölzer am Anfang seiner Karriere mal ein knappes Jahr lang undercover war, um einen Waffendealer zu verführen? Du warst auch nur so ein Einsatz, hast du ja selbst gehört.“

Gar nichts hat Adam gehört. „Du kennst ihn nicht.“ Niemand kennt Leo so wie Adam, davon ist er überzeugt.

„Schürk. Adam. Mir ist klar, dass es dir schwer fallen muss, das zu glauben. Er ist gut in dem, was er tut. Ja? Aber konzentriere dich auf diese Mission. Wir haben ein Auge auf dich. Sobald das vorbei ist und du das Dokument abgegeben hast, verspreche ich, schreddern wir deinen Vertrag. Einvernehmliche Beendigung des Arbeitsverhältnisses.“ Er streckt Adam vertrauensvoll seine Hand entgegen und Adam bleibt nichts anderes übrig, als sie zu schütteln.

Nachdem der Deal steht, geht Adam zu seinem Auto und fährt in Richtung Saarbrücken. So sehr er auch keine Zeit verlieren will, noch dringender will er mit Leo sprechen und von ihm hören, was da in der Aufnahme gesprochen wurde. Er ruft ihn auf dem Weg an, aber Leos SIM-Karte ist nicht mehr aktiv; in seiner Wohnung ist er auch nicht. Xavi lässt auf Adams Wunsch seine Wohnung in Barcelona durchsuchen, aber die sieht scheinbar so leer aus, als hätten sie nie darin gewohnt. Xavi verspricht, sich zu melden, wenn er auf ihrer Seite etwas hört. Er klingt ehrlich beunruhigt, was Adam schätzt.

Wie damals in Ludwigslust bleibt Leo wie vom Erdboden verschluckt, bis Adam keine andere Wahl hat, als nach Piesport an der Mosel aufzubrechen. 

 

* * *

 

Niederemmel in Piesport an der Mosel

Leo kommt spät in Piesport an der Mosel an. Er ist müde von der Nacht, die er in einer angemieteten Wohnung seines Geheimdienstes in einem kleinen Ort nahe der Grenze verbracht hat. In den letzten Wochen hat er sich daran gewöhnt, neben Adam zu schlafen, in seinen Armen oder ihn haltend, manchmal auch gerne mit einem halben Meter Platz zwischen ihnen – aber eben gemeinsam. Adam fehlt ihm.

Aber, wenn alles nach Plan läuft, dauert es nicht mehr lange und er wird seinen Partner wiederhaben.

„Ich bin da“, meldet er sich schließlich aus seinem Hotelzimmer in Niederemmel mit wenig Enthusiasmus und in einen Hoodie gekleidet. Die Gegend hier mag schön sein, aber die Außentemperaturen sind um einiges kälter als in Barcelona.

„Gut“, ist die kurze Antwort, bevor die Kombination für den Zimmersafe durchgegeben wird, zusammen mit der Erklärung: „Ihre Mission ist im Ordner.“

„Und danach sind wir ein für alle Mal fertig?“ Er braucht diese Bestätigung noch einmal, bevor er weitermacht.

„Einvernehmliche Auflösung des Dienstverhältnisses, Sie und Adam können tun und lassen, was Sie wollen. Wir greifen nicht mehr ein“, bestätigt sein Führungsoffizier.

„Dann sehen wir uns in ein paar Tagen.“

„Bis in ein paar Tagen, ja.“

„Und Sie nehmen Adam mit“, will er noch hören.

„Adam wird da sein, ja“, verspricht sein Führungsoffizier.

Bevor Leo noch fragen kann, ob der Treffpunkt auch in den Unterlagen steht, hat sein Führungsoffizier aufgelegt. Alles hier fühlt sich zusammengeschustert an, aber das ist er mittlerweile gewöhnt. Mit Esther würde er sich sicherer fühlen, aber wo die hin verschwunden ist, hat ihm bisher auch noch niemand gesagt.

Er holt den Ordner aus dem Safe und liest sich in den Einsatz ein. Wie so oft geht es im Groben um Dokumente in einem Tresor. Diese sollen aber nicht entwendet werden, sondern die Entwendung soll verhindert werden. Das ist neu.

Die Dokumente, die in dem Tresor bleiben sollen, sind das Original eines Gesetzes, das die Sicherheit der Bundesrepublik aufs Spiel setzt, indem sie Geheimdienste zu deren Schutz verbietet. Leo muss das zweimal lesen, bevor er es glaubt, doch es bleibt schwarz auf weiß so stehen. Wenn es etwas gibt, das Leo wichtiger ist als alles andere – außer vielleicht Adam und die Erhaltung der Artenvielfalt – dann ist es die Sicherheit der Bundesrepublik.

Das Gebäude ist dreistöckig und das Büro, in dem sich die Dokumente befinden, ist im obersten. Er soll gegenüber in einem leerstehenden Fabrikgebäude Stellung beziehen und mit allen Mitteln verhindern, dass jemand die Dokumente stiehlt. Ein oder mehrere Geheimdienste werden versuchen, die Dokumente zu entwenden.

Das Bürogebäude, so zeigt das Bild, hat auf der Straßenseite eine durchgehende Glasfront, die es einfach machen wird, in den Flur des dritten Stockwerks zu sehen. Er muss also nur verhindern, dass es jemand in das Büro schafft.

Unter dem Bett findet er eine Kiste, in der obenauf ein plastikverpacktes graues Overall eines kleinen Elektrikerunternehmens und ein Falschausweis liegen, und darunter Sprengstoff und ein Scharfschützengewehr. Damit ist klar, was ‚mit allen Mitteln‘ bedeutet. Er trifft also seine Vorbereitungen, setzt sich in ein Café in der Nähe der beiden Gebäude und erforscht die Gegend ein paar Stunden lang. Als er einen guten Stützpunkt für sich gefunden hat, besorgt er sich schließlich noch eine neue SIM-Karte und eine Isomatte und fährt wieder ins Hotel.

Und während all dem wiederholt sich dieser eine Gedanke in seinem Kopf: Wo ist Adam? Wenn Leo wüsste, wo die ihn versteckt halten, könnte er vielleicht Xavi und Karow dazu bringen, ihn zu befreien. Dann könnten ihnen diese Dokumente egal sein… soll sich jemand anderer um die Existenzerhaltung der Geheimdienste der Bundesrepublik kümmern.

Als er bereits im Bett liegt, ruft er Adams Nummer an. Nach ein paar Klingelgeräuschen meldet sich dessen klare Stimme und gibt bekannt, dass er gerade nicht zu erreichen ist. Leo atmet durch und spricht nach dem Piepton auf die Sprachbox: „Hallo, Adam. Ich hoffe, es geht dir gut“, beginnt er und starrt an die Decke. „Ich werde dich da rausholen, versprochen. Ich mache noch diese eine Mission für meinen Geheimdienst… dann können wir gehen. Einmal noch. Es tut mir leid, dass…“ Alles tut ihm leid; dass er unbedingt aus der Wohnung raus wollte, dass er zu spät war, dass sein Geheimdienst Adam entführt hat, dass Adam jetzt vielleicht Angst hat. Er fragt sich, ob es dunkel ist, da wo Adam festgehalten wird, bis sich die Schuld tief in ihn hineingefressen hat. Aber solange Adam nichts passiert, kann sich Leo für all diese Dinge später von Angesicht zu Angesicht entschuldigen. Er hofft, dass seine Stimme nicht zu belegt klingt, als er mit „Tut mir leid, dass das passiert ist“, endet.

Als die Nachricht abgeschickt ist, legt er sich schlafen und versucht, dieses nagende Gefühl in seinem Bauch zu ignorieren, das sagen will, dass die ganze Sache nicht stimmig ist.

Er ist schon fast eingeschlafen, als plötzlich sein Telefon mit einem absolut grauenvollen Standardklingelton klingelt und ihn aus dem Halbschlaf reißt. Er tastet auf dem Nachttisch danach und hebt schlaftrunken ab.

„Hallo? Adam?“, fragt er, weil das die einzige Möglichkeit ist. Niemand sonst hat die Nummer und der Anruf zu Adam ist der einzige, den er mit diesem Handy getätigt hat. Und wenn die ihn telefonieren lassen, als Zeichen des guten Willens, dann heißt das, sie behandeln Adam gut. Als Adam nichts sagt, setzt er sich auf und fährt hastig fort: „Es tut mir leid, was passiert ist. Es tut mir so leid. Ich hol dich da raus, ja?“ Seine Worte überschlagen sich beinahe in seiner Eile, das herauszubekommen. Er will nicht, dass Adam denkt, Leo würde nicht alles tun, um ihn zu retten.

„Was willst du, du Scheißkerl. Ich will dich nie wieder sehen, hörst du?“, zischt Adams Stimme wütend durch das Telefon. „Verpiss dich einfach.“ Eine Atempause. „Das werde ich dir nie verzeihen.“ Darauf folgt die Stille der toten Leitung.

Mit rasendem Puls erstarrt Leo. Was war das denn? So wütend war Adam schon lange nicht mehr auf ihn – nicht mehr, seit er so verflucht verärgert in diesem Nachtclub in Görlitz war. Er lässt das Handy auf die Matratze sinken und blinzelt, nun wieder hellwach.

Was ist hier schiefgelaufen?

Denkt Adam etwa, Leo hat etwas mit seiner Entführung zu tun?

Er gibt sich einen Moment zum Durchatmen, bevor er mit klammen, feuchten Fingern zurückruft; vergebens. Das Telefon ist wieder ausgeschaltet. Er reibt sich über die Arme, zupft den Hoodie vom Stuhl und zieht ihn an. Kalt ist ihm nach dem Anruf; er ändert allerdings nichts an Leos Plan. Wenn er den Einsatz durchzieht, kann er Adam retten und ihm alles erklären. Und dann wird alles gut werden.

 

* * *

 

Am nächsten Morgen bereitet sich Adam mit einem grauen Overall und einem Falschausweis auf den ersten Teil seines Einsatzes vor: Er soll als Mitarbeiter eines kleinen Elektrikerunternehmens getarnt in die leerstehende Fabrik gegenüber des Bürogebäudes einsteigen und dort Sprengstoff anbringen – nur für alle Fälle als Ablenkungsmanöver.

Adam findet andere Arten von Ablenkungsmanövern besser, stimmt aber zu, dass Sprengstoff eine wirklich ausgezeichnete Tarnung für alles Mögliche bietet. Ein richtig großer Knall zieht alle Augen auf sich und nimmt im Idealfall gleich einige Kontrahenten mit. Deshalb erledigt er die Anbringung gewissenhaft und spaziert in seinem grauen Overall aus dem Gebäude, als hätte er gerade einen völlig legalen Elektrikerauftrag erledigt.

Draußen angekommen, geht er die Straße entlang, um sich irgendwo des Outfits zu entledigen und merkt nach ein paar Metern, dass seine Nackenhaare kribbeln. Er ist bereits lange genug Agent, dass er weiß, was das Signal bedeutet: er fühlt sich beobachtet.

Unauffällig sucht er in den spiegelnden Oberflächen um ihn herum nach seinem Verfolger, findet aber nichts. Ein kleiner Hoffnungsschimmer keimt auf, dass vielleicht Leo… aber nein, auch das nächste Schaufenster verrät nichts. Adam ist sicher, dass er Leo finden würde, wenn er hier wäre. Sein ehemaliger Chef hat ihn vorgewarnt, dass sie ein Auge auf ihn haben würden, und das ist wohl das, was hier gerade passiert. Irgendjemand beobachtet ihn, um Bericht zu erstatten, ob er seinen Job macht. Wie könnte er nicht, wenn Leos und seine Zukunft davon abhängt?

Er biegt in ein Kino ab und findet einen Kinderkrimi, der gleich eine Nachmittagsvorstellung hat. Er kauft ein Ticket und stiehlt sich über eine Hintertreppe zwei Stock höher, wo er in die Toilette abbiegt. Er strampelt sich aus dem Overall heraus und stopft es in die Tüte, in der er den Sprengstoff transportiert hat. Es kommt niemand in den Raum, weshalb er sich beim Händewaschen ein paar Minuten Zeit lässt, um sich zu beruhigen. Unglücklich und verkrampft sieht ihn sein Spiegelbild an.

Der junge Student, der am Saaleinlass sein Ticket checkt, mustert ihn von oben bis unten. Als Adam seinen Platz sucht, weiß er warum. Außer ihm sind nur zwei Familien mit Kindern hier. Er setzt sich an die Seite und versucht gar nicht erst, sich auf die Handlung zu konzentrieren. Bereits im ersten Viertel des Films döst er weg und wacht erst wieder auf, als das Licht angeht, genauso müde, wie er davor war.

Er schläft wieder schlechter, seitdem er nicht mehr in Barcelona ist, bestimmt weil sich sein Körper in diesen Wochen daran gewöhnt hat, einen zweiten neben sich zu haben. Die Leere spürt er nicht nur im Bett beim Schlafen, sondern generell. Wochenlang waren sie jetzt zusammen in dieser Wohnung in Barcelona, konnten sich endlich richtig im alltäglichen Leben kennenlernen - und auch, wenn es an manchen Tagen etwas viel war, so aufeinander zu kleben, ist für Adam klar geworden, dass das mit ihnen gut läuft.

Jetzt muss er nur herausfinden, ob Leo das auch so sieht.

Abends bezieht er schließlich Position hinter dem Bürogebäude und wartet auf den Eintritt der Dunkelheit. Den Beanie tief ins Gesicht gezogen, damit er von keiner Kamera erkannt wird, schleicht er in das Bürogebäude. Er wünscht sich Leos Stimme in sein Ohr, die ihm sagt, wann er sich verstecken soll oder wo der Weg frei ist. Natürlich schafft er es auch allein, durch den Hintereingang und einen Flur entlang und in den nächsten, bis er an einer Treppe ankommt - aber einfacher wäre es mit Leo.

Er gibt sich einen Moment, seine Ausrüstung vorzubereiten, bevor er die Treppe in den dritten Stock nehmen will, als plötzlich aus dem Untergeschoss Stimmen auftauchen. Ein Team mit schweren Schuhen kommt das Treppenhaus hoch und Adam duckt sich noch im Erdgeschoss zur Seite, um abzuwarten. Knappe, klare und vor allem professionell vertraute Kommunikation begleitet ihren Weg nach oben. In dem offenen Treppenhaus kann er sie gut belauschen.

Ihre Sicherheit und ihr rasches Voranschreiten lassen Adam wissen, dass sie den Strom abgeschaltet haben, weil er von den Plänen von einer Kamera einen Stock höher weiß, die sofort Alarm schlägt, wenn sie Bewegung wahrnimmt.

Diese Agenten sind in der Überzahl, sie haben mehr Waffen und sie decken einander. Adam weiß nicht, wie er gegen deren Übermacht ankommen soll. Gleichzeitig ist Versagen keine Option. Wenn er Leo wiedersehen will, muss er an diese Dokumente kommen.

Er zieht seine Waffe, entsichert sie, und macht sich gerade auf den Weg ins Treppenhaus, um diesem Agenten-Einsatzkommando in den dritten Stock zu folgen, als von irgendwo weiter weg ein einzelner Schuss ertönt und zwei Stockwerke über ihm eines der Glaspaneele zersplittert. Glasscherben rieseln bis ins Treppenhaus.

Die Reaktion des Agenten-Einsatzkommandos ist geordnetes Chaos und kommandierende Zurufe.

Antwortende, kurze Schusssalven fallen beinahe sofort, allerdings kommt darauf kein antwortendes automatisches Feuer. Stattdessen hört er zwischen den Salven einzelne, knallende Schüsse, während er weiter nach oben schleicht: eindeutiges Zeichen, dass irgendwo ein Scharfschütze auf die Agenten gelauert hat.

In den letzten Jahren hat er dieses Geräusch als freundliche Unterstützung schätzen gelernt, aber er weiß nicht, wer jetzt hinter diesen einzelnen, präzisen Schüssen steht. Ist es Leo? Weiß Leo, dass er hier ist? Ist es ein anderer, feindlicher Agent und Adam sollte sich in Acht nehmen?

Er lauscht den Schüssen und wartet, bis es oben stiller wird. Die Einsatztruppe, die gerade noch an ihm vorbeigerauscht ist, ist jetzt dezimiert.

Ein Gedanke, der Adam viel zu spät kommt, ist, dass er nicht sicher sein kann, ob Leo ihm gegenüber freundlich gestimmt ist, wenn er das wirklich sein sollte. Was, wenn sein ehemaliger Chef recht hatte und Leo in ihm nur Mittel zum Zweck gesehen hat?

Oben angekommen, lugt er um die Ecke und findet ein Schlachtfeld vor. Die Leichen von vier Agenten liegen vor ihm. Das war nicht Leo. Adam weiß, dass Leo das kann, dass er die Fähigkeit hat, und trotzdem sieht er in diesem blutigen ‚Werk‘ nicht seinen Freund und Partner, der vor einer Woche den Dosenöffner kaputt gemacht hat, weil er in die falsche Richtung gedreht hat. Der im Bett so vergnügt lacht, der doch nur für fünfzehn Minuten die Wohnung verlassen wollte, der mit ihm in der Küche getanzt hat, der Bienen nach draußen jagt, der… anscheinend irgendwann einmal in der Vergangenheit ein ganzes Jahr lang jemandem eine glückliche Beziehung im Rahmen eines verdeckten Einsatzes vorgegaukelt hat.

Adam gibt sich einen Moment.

Die Tür, durch die er muss, liegt ein paar Meter den Gang entlang und er weiß nicht, wie er es dorthin schaffen soll, ohne so zu enden wie die feindlichen Agenten vor ihm.

Ablenkung für den Schützen im gegenüberliegenden Fabrikgebäude kommt unerwartet, als ein Trupp aus drei Agenten, gleich gekleidet wie die Toten vor ihm, hektisch auf der anderen Seite des langen Ganges auftaucht.

Der erste, der vorangeht, sieht Adam, schwenkt seine Waffe hoch und würde ihn mit Sicherheit treffen, wenn sich nicht in dem Moment eine Kugel durch das Glas und in seine schwarze Weste bohren würde. Sein Aufschrei hallt über den Flur bis zu Adam. Ein Schuss löst sich und geht über Adam in die Wand.

Und jetzt kann er nicht mehr anders. Das ist die Ablenkung, die er braucht, um in das Büro zu kommen. Er läuft los und auf die feindlichen Agenten zu, die sich dort hinter einem Mauervorsprung verschanzt haben, um von dem Scharfschützen im anderen Gebäude erwischt zu werden.

Adam läuft, springt über einen Toten, und schlittert auf einer Blutlache in das Büro, in dem der Tresor liegt.

Ein Schuss ertönt, als er noch nicht ganz im Raum ist, aber die Kugel trifft nur die Bürotür. Wenn Adam eine Sekunde langsamer gewesen wäre, hätte sie ihn erwischt.

Seine Hände zittern, als er sich zum Tresor robbt und beginnt, ihn zu knacken.

 

* * *

 

Fast hätte er den feindlichen Agenten erwischt. Scheiße. Leo späht durch das Zielfernrohr. Die Bürotür hat ein ansehnliches Loch in perfekter Höhe, aber das ist nicht gut genug.

Die großen Glaspaneele im dritten Stock sind mittlerweile alle ausgeschossen, nur noch die Metallrahmen, an denen sie angebracht waren, bilden eine Barriere zwischen Gang und Falltod. Glasscherben sind im Gang und drei Stock tiefer, am Boden vor dem Gebäude, verstreut. Das Sondereinsatzteam des feindlichen Geheimdienstes liegt da, einer der Männer ist in die Tiefe gefallen. Leo hat ganze Arbeit geleistet. Aber er hat diesen einen, einzelnen Agenten übersehen, der sich von der anderen Seite angeschlichen hat, während Leo mit dem zweiten Agententrupp abgelenkt war.

Jetzt ist jemand in dem Büro mit dem Tresor und obwohl es mit Sicherheit nicht Adam ist, so ist die Chance trotzdem hoch, dass es jemand ist, der den Tresor relativ schnell knacken kann. Leo hat die Türposition zu schwach verteidigt, hätte checken sollen, ob noch mehr Agenten diesen Treppenaufgang hochkommen.

Er konzentriert sich wieder auf die beiden Agenten, die von der Dreiergruppe noch übrig sind. So ungerne er auch das Bürogebäude in die Luft jagen möchte, wenn noch mehr Leute anrücken, wird ihm nichts anderes übrigbleiben. Er hat noch eine zweite und sogar noch eine dritte Schussposition, aber irgendwann wird ihm die Munition ausgehen. Durch das Zielfernrohr beobachtet er das Agentenduo und fragt sich, warum sie keinen weiteren Vorstoß wagen.

Leo mag außerdem nicht, dass dieses zweite Team aus nur drei Personen bestanden hat. Ein Agententeam wie das, besteht normalerweise aus mindestens vier Personen, so wie das andere.

Er löst sich aus seiner versteckten Position und kriecht vorsichtig ans Fenster. In keinem höheren Stockwerk rührt sich etwas, auf dem Dach auch nicht. Leo lauscht auf Umgebungsgeräusche, falls jemand versuchen sollte, sich hier an ihn heranzuschleichen. Nichts.

Es kribbelt in seinem Nacken. Ohne einen zweiten Kollegen ist eine Scharfschützenmission immer ein Nervenkitzel.

In seiner neuen Schussposition stellt er das Zweibein erneut auf. Er sieht die beiden Enden des Flurs nun aus anderem Blickwinkel, nicht ganz so ideal wie vorher, aber dafür sicherer. Einen vierten Agenten sieht er trotz der neuen Position nicht.

In dem Büro, in dem der feindliche Agent verschwunden ist, ist noch nichts passiert. Niemand kommt mit Dokumenten heraus, niemand schießt von der Richtung auf ihn. Vielleicht ist der Kerl doch so eine Niete im Tresorknacken wie Leo.

Aber die zwei, die von dem Dreier-Team übrig sind, scheinen sich jetzt endlich auf den Weg machen zu wollen. Einer lässt eine Salve auf das Fenster fliegen, durch das Leo vorhin geschossen hat, um ihn abzulenken, während der andere vorwärts sprintet, um in eines der Büros zu gelangen. Klassisches Froschmanöver und an sich eine gute Taktik, aber da die Schüsse Leo nicht wirklich ablenken, hat der vor stürmende Agent keine Chance. Leo erwischt ihn, bevor er ins Büro gelangt. Einer weniger.

Jetzt sind es nur noch zwei – einer im Büro bei den Dokumenten, der andere, der letzte aus dem Dreier-Team, am anderen Ende des Flurs. Sie sind zu weit voneinander entfernt, als dass Leo beide gleichermaßen im Blick haben könnte. Er muss seine Aufmerksamkeit streuen und weiß, dass er sich zu viel bewegt. Er weiß es, aber er kann es nicht ändern.

 

Der Schuss, der ihn schließlich trifft, kommt unerwartet und von oben.

Ein lauter Knall ertönt auf der anderen Straßenseite, vom Dach des Bürogebäudes, und Leo spürt, wie sich eine Kugel in seine Seite bohrt.

Er wird von der Wucht aus dem Gleichgewicht gerissen und lässt sich reflexartig nach hinten kippen.

Ein zweiter Knall folgt, aber Leo ist bereits aus der Schusslinie. Er wirft sich noch weiter auf die Seite, hinter einen Stahlträger, und sinkt dort gegen die Wand.

Scheiße.

Sein Atem kommt in schnellen, unkontrollierten Stößen, Adrenalin schießt durch seine Gliedmaßen. Seine Rippen stechen vorne. Sein Rücken brennt.

Panisch sucht er nach dem Einschussloch und findet es schließlich anhand des größer werdenden warmen Blutflecks, der sich unter seiner Achsel auf seiner Brust ausbreitet. Er tastet hektisch. Die Kugel ist zwischen seinen Rippen eingedrungen, hoch oben, außen, und wenn er Glück hat, ist nichts Vitales getroffen. Er fummelt in seiner Weste nach einem Druckverband und stopft ihn unter den Klettverschluss, bevor er nach der Austrittswunde tastet. Sie ist da, groß und nass. Auch hier drückt er einen Verband an – die Weste macht die Aktion umständlich, weil sie im Weg ist. Alles klebt feucht und nass. Seine Hand zittert.

Dann rutscht er an der Wand entlang zum nächsten Fenster.

Die wissen, wo er ist. Der Schütze weiß mit Sicherheit, dass er getroffen hat. Er lauscht, hört aber nichts im Fabrikgebäude. Noch kommt ihn niemand holen.

Hektisch geht sein Herzschlag und pumpt Blut. Er muss dringend runterkommen. Seine Augen konzentrieren sich auf das Gebäude gegenüber, aber seine Gedanken kreisen weit weg.

Er hat nie gefragt, was mit Adam passiert, wenn er das nicht überlebt. Daran hat er gar nicht gedacht. Es kam ihm einfach nicht in den Sinn, dass nach diesem letzten Einsatz nur einer von ihnen überleben würde.

Sein Atem ist immer noch zittrig und viel zu schnell, als er sein Gewehr zu sich zieht und sich eine neue Schussposition sucht. Pause gibt es jetzt keine. Mühevoll rutscht er nach hinten und bezieht hinter einer Werkbank Stellung, von wo aus er ein gutes Sichtfeld hat.

Dort wartet er, bis sich im anderen Gebäude etwas bewegt.

Lange muss er nicht ausharren.

Der Schütze vom Dach hat zu seinem Teamkollegen im dritten Stock aufgeschlossen, sicher in der Annahme, Leo erwischt zu haben. Hat er auch, lässt ihn eine leise Stimme wissen, die verdächtig dringend klingt. Hat er auch und du weißt nicht, wie schlimm es ist oder wie du hier lebend rauskommst.

Leo spürt, dass er müde wird. Sein Puls beruhigt sich langsam. Das Gewehr fühlt sich schwerer an als gerade eben noch, es ist mühsamer, den Arm zu heben. Seine Augen wollen sich nicht konzentrieren. Das ist das Ende des Adrenalinschubs, redet er sich ein; runterzukommen ist gut. Er blinzelt sich wach, legt die Wange auf den Stock des Gewehrs und wartet so auf einen guten Schuss.

Die zwei feindlichen Sondereinsatzagenten gehen weiter vor, zu dem Büro, in dem der Tresor steht. Leo lässt sie. Er kann nicht beide auf einmal töten, ohne dass sie in Deckung gehen und zurückschießen. Und wenn die beiden den Agenten ausschalten, der davor in das Büro geschlichen ist, hat Leo eine Sorge weniger. Er beobachtet den Türrahmen und setzt sich so, dass er mit dem Gewehr schießen und gleichzeitig mit einer Hand auf die Wunde pressen kann.

Wenn es das tatsächlich war, würde er Adam gerne eine Nachricht hinterlassen, um ihn wissen zu lassen, dass er sich in ihn verliebt hat. Um ihm zu sagen, dass Adams Sicherheit diese eine letzte Mission wert war.

Seine Augenlider werden schwerer und schwerer und er zieht zur Sicherheit jetzt die Fernbedienung für den Sprengsatz heraus, den er im anderen Gebäude angebracht hat. Wenn er es nicht mehr so lange schafft, bis er die Agenten dort erledigt hat, kann er sie immer noch in die Luft jagen.

Die beiden Agenten sind jetzt an der Bürotür und dringen mit erhobenen Waffen ein. Einer wird von dem unabhängigen Agenten, der bereits am Tresor ist, sofort erschossen, der zweite schreit und feuert. Leo drückt ebenfalls ab.

Der Rückstoß sticht wie ein Messer durch die verwundeten Nerven und er zuckt unweigerlich zusammen. Als er wieder durch das Zielfernrohr blickt, ist der Agent am Boden.

Fertig. Es dürfen nur keine weiteren Agenten kommen heute Nacht, denn er muss hier weg. Er braucht Hilfe.

Er muss doch Adam…

Leo sackt gegen den Fensterrahmen. Er will Adam noch so viel sagen. Vor allem will er sich für die schöne Zeit zusammen bedanken, so kurz sie auch war.

Trotzdem kann er jetzt nicht einfach so gehen. Er muss warten, bis er sicher ist, dass der unabhängige Agent, der vorhin bis zum Tresor gekommen ist, die Dokumente nicht mehr wegbringen kann.

Er bringt also das Gewehr, das mittlerweile abgesackt ist, wieder hoch. Die Anstrengung kostet ihn, das Gewehr ist schwer, sein Sichtfeld fühlt sich anders, kleiner als sonst, an. Blut pocht in seinen Schläfen. Sein Körper kämpft und sein Kopf sagt ihm, dass er dringend Hilfe braucht, jetzt, sofort. Er versucht, ruhig durch den Schmerz zu atmen und bringt die Tür wieder ins Visier.

Er kann noch ein bisschen durchhalten.

 

* * *

 

Ein bisschen durchhalten noch, denkt Adam und nimmt die Hand von seiner Schulter. Klebrig und blutig rot ist sie, als er sie zuhilfe nimmt, um den Verband auszupacken. Wer auch immer da draußen in dem leeren Fabrikgebäude gegenüber ist, er hat Adam das Leben gerettet, auch wenn er das bestimmt nicht absichtlich gemacht hat.

Bevor er sich um seine Wunde kümmert, reißt er sich die Skimaske vom Kopf. Er kann nicht atmen unter dem Ding und so wie es aussieht, braucht er sie jetzt nicht mehr. Der Strom ist aus, die Kameras zeichnen nichts auf. Er hätte sie wahrscheinlich schon viel früher abnehmen können.

Danach zieht er an seiner Weste, lockert den Klettverschluss und drückt den Verband auf die Wunde. Ein Keuchen entkommt ihm, das er nicht zurückhalten kann. Seine Nervenenden ziehen und brennen, dass sich die kleine Wunde so anfühlt, als würde seine ganze Schulter in Flammen stehen. Er stopft die Skimaske hinten gegen seine Schulter und presst den Klettverschluss wieder fest an.

Als die Wunde halbwegs gut versorgt ist, rappelt er sich auf. Der Tresor neben ihm ist offen, der Umschlag mit dem Dokument sicher in die Hälfte gefaltet und in seinem Hosenbund sicher. Jetzt muss er nur noch aus dem Büro rauskommen und nicht von dem Scharfschützen gegenüber erledigt werden – einfacher gedacht als getan. Auf den Knien rutscht er vor bis zum Türstock und lehnt sich dort gegen die Wand. So weit müsste er gar nicht, nur aus dem Büro raus, den kurzen Gang entlang und dort die Treppe hinunter.

Aber da liegt das Problem. Der Schütze hat sein Gewehr bestimmt auf die Tür gerichtet und wartet nur darauf, dass er seinen Kopf hinaussteckt. Ein Entkommen ist unwahrscheinlich.

Er blinzelt müde und ertappt sich dabei, wie er ein Luftloch starrt.

Er hat nie gefragt, was mit Leo passiert, wenn er das nicht überlebt. Daran hat er gar nicht gedacht. Es kam ihm einfach nicht in den Sinn, dass nach diesem letzten Einsatz nur einer von ihnen überleben würde.

Er wollte doch mehr Zeit mit Leo haben.

Sie wollten doch eine Zukunft.

Weiter kommt er nicht mit seinen Gedanken, denn er hört Autoreifen, die quietschend stehenbleiben. Der Komplettausfall der beiden Agenten-Einsatzkommandos hat wohl Verstärkung angezogen.

Und jetzt sitzt er hier, mit dem Rücken gegen die Wand, wortwörtlich und metaphorisch. Er zieht die Fernbedienung aus der Jackentasche und atmet durch. Er wollte das Fabrikgebäude nicht in die Luft jagen, aber jetzt scheint ihm nichts anderes übrig zu bleiben.

Wenn er Leo wiedersehen will, muss er hier rauskommen.

Er drückt den Knopf.

 

* * *

 

Nichts passiert.

Leo drückt den Knopf noch einmal und noch einmal, aber der Zünder scheint nicht zu funktionieren. Er rutscht zum Fenster, weil er hofft, dass er sich täuscht. Vielleicht hört und spürt man die Explosion nur nicht, weil sie so klein und fokussiert war.

Die kalte Nachtluft weht ihm ins Gesicht und drückt eine Träne aus seinem Augenwinkel.

Das andere Gebäude steht wie zuvor; kein Rauch, keine Erschütterung und damit keine Anzeichen, dass der Sprengsatz hochgegangen ist.

Mit müden Augen sieht er unten zwei schwarze SUVs vorfahren und mit quietschenden Reifen halten. Die Türen gehen auf und zwei Viererteams steigen aus. Es fühlt sich egal an -  egal, ob diese Agenten an die Dokumente kommen oder ob sie in sein Fabrikgebäude stürmen und ihn ausschalten. Er kann keine Aufregung mehr darüber mustern. Mit der Ankunft der neuen Agenten ist es ohnehin vorbei.

Gegenüber im anderen Gebäude bewegt sich etwas im dritten Stock und er blinzelt hinüber. Aus dem Büro, in dem der Tresor steht, kommt der einzelne Agent von vorhin. Einen Moment lang versteht Leo gar nicht, was er da sieht, aber die Größe, die langen Beine, die blonden Haare... das ist eindeutig Adam.

Adam, der eindeutig nicht von Leos Geheimdienst entführt wurde, sondern der seinen eigenen Einsatz hier bekommen hat.

Leo würde ihn überall erkennen.

Vorsichtig und prüfend späht Adam zu Leos Gebäude herüber.

Leo stemmt sich mit Mühe hoch. Das Gewehr klappert dabei auf den Boden, weil er abrutscht. Er hat keine Energie mehr, um irgendetwas festzuhalten. Seine ganze Seite ist blutig und was nicht von seinen Klamotten aufgesogen wurde, klebt mittlerweile rund um ihn am Boden.

Als Adam ihn im Fenster entdeckt, schickt Leo ihm ein Lächeln und hebt müde die Hand.

Leo sieht den Schock auf Adams Gesicht, bevor es sich zu einer Grimasse verzieht. Adam versteht in dem Moment, was Leo auch soeben eingesehen hat: sie sind beide verarscht worden. Ihr Geheimdienst wusste ganz genau, wie sie sie dazu bekommen, diesen Auftrag zu erledigen.

„Hau ab“, sagt Leo und deutet mit seiner unsteten Hand nach unten. Hau ab. Nimm die Dokumente und geh und schau nicht zurück. Er lehnt seine Schläfe am Fensterrahmen an und starrt zu Adam hinüber.

Adam starrt ebenso verloren zurück. Seine Schulter muss verwundet sein, so wie er sie hält. Verkrustete Blutspuren kleben an seinen Klamotten und an seinem Hals.

Unten im Fabrikgebäude wird mit einem lauten Krachen die Tür eingetreten.

Das war’s. Vielleicht noch eine oder zwei Minuten, bis man ihn hier oben findet. Auf Adams Seite sieht es bestimmt ähnlich aus.

 

* * *

 

„Ich liebe dich“, liest Adam von Leos Lippen und erwidert die drei Worte, genauso deutlich. Sie zaubern ein schwaches Lächeln auf Leos Gesicht, das er selbst auf die Distanz sehen kann.

Unten in den Gängen des Bürogebäudes werden Schritte laut.

Das war’s. Vielleicht noch eine oder zwei Minuten, bis man ihn hier oben findet. Auf Leos Seite sieht es bestimmt ähnlich aus.

 

Die Explosion, die plötzlich die Treppenhäuser des Gebäudes erschüttert, erschreckt Adam so sehr, dass er sich auf den Boden wirft. Auch weiter weg, im gegenüberliegenden Gebäude, explodiert etwas. Rauch steigt auf, ein Alarm und eine Sprenkleranlage gehen gleichzeitig los.

Adam sieht nicht mehr bis ins andere Gebäude hinüber und weiß nicht, ob es noch steht oder was mit Leo passiert ist. Er drückt sich vom Boden weg und versucht, aufzustehen. Der Rauch qualmt in den Gang und versperrt die Sicht. Adams Lunge kämpft um jeden Atemzug. Das ist sein Ablenkungsmanöver. Er muss es nur hier raus schaffen und zu Leo gelangen - und wenn er auf Händen und Füßen hinüberkriechen muss.

In der Ferne vernimmt er die Sirenen von Feuerwehrautos, aber unmittelbarer – es klingt, als käme das Geräusch von direkt über ihm – hört er die Rotorblätter eines Helikopters knattern.

Mit schierer Willenskraft und an die Wand gestützt, schleppt er sich den Gang entlang und findet die Treppe nach oben noch in einem Stück vor. Der stinkende, qualmende Rauch wird von den Sprenklern niedergedrückt. Adam ist sofort nass bis auf die Knochen, aber wenigstens kann er wieder besser atmen. Er läuft los, nimmt die Stufen stolpernd nach oben, bis er atemlos und mit zittrigen Beinen an der Feuertür zum Dach ankommt.

Er stürzt in die frische, kalte Nachtluft. Frostige Kälte durchfährt ihn und ein Hustenanfall und seine Erschöpfung zwingen ihn in die Knie. Das Knattern des Helikopters ist hier noch um einiges lauter. Er sieht eine schemenhafte Gestalt über den Kies auf ihn zurennen.

„Adam!“, hört er Xavis Stimme, als der kleine Agent vor ihm in die Knie geht und seine Arme nach ihm ausstreckt. „Komm, wir haben keine Zeit.“

Er hilft Adam hoch und zieht, hievt und drückt ihn in Richtung des Helikopters, in dessen Pilotensitz Adam Pia erkennt. Sie stolpern mehr, als dass sie laufen, weil Adam einfach nicht mehr kann.

Xavi hilft ihm gerade noch dabei, sich im Helikopter hinzulegen, bevor Pia auch schon abhebt. Eine Sauerstoffmaske wird über Adams Gesicht gedrückt, dann fummelt Xavi an seiner Weste, um an die Schusswunde zu kommen.

Adams Augenlider gehorchen ihm nicht mehr und werden mit jedem Blinzeln schwerer. Er will nach der Maske greifen, will sie herunterziehen, damit er nach Leo fragen kann, aber Xavi drückt sie ihm nur fester über Mund und Nase. Alles um ihn herum wird schwummrig und fühlt sich wattig und dumpf an, alles fließt weiter und weiter weg.

Er will noch...

Er greift nach Xavis Hand. Wo ist Leo?, will er wissen. Xavis Hand drückt fest zurück.

 

* * *

 

Als Leo das nächste Mal die Augen aufschlägt, ist alles um ihn herum weiß und er hört das Geräusch von Metall auf Plastik schaben. Löffel in einem Plastikbecher, setzt sein wattiger Kopf langsam zusammen. Er blinzelt die Lider weiter auf, verklebt und krustig, wie sie sind, und dreht den Kopf in die Richtung, aus der das Geräusch kommt.

Adam.

Die Erleichterung brennt in Leos Augen. Adam sitzt aufrecht und in ein weißes T-Shirt gekleidet im Bett neben seinem und schabt ungeschickt Puddingreste zusammen. Leo muss gar nicht versuchen, Wörter durch seinen trockenen Hals zu drücken, als Adam bereits bemerkt, dass er wach ist.

Leo tappt seine Hand zum Gruß auf die Matratze unter ihm. Für mehr reicht es noch nicht. Er bemüht sich um ein Lächeln und sieht, wie in Adams Gesicht die Sonne aufgeht.

Geschafft.

Sie haben es geschafft.

 

 

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