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Irgendwann später in Barcelona
„Komm schon, Adam, bitte…“, quengelt Leo und streicht Adam mit zwei Fingern verführerisch über den Unterarm.
„Nein, Leo“, sagt Adam. Er gibt sich alle Mühe, hart und unnachgiebig zu klingen.
„Adam… ich sag auch ganz lieb ‚Bittebitte‘…“, lässt Leo nicht locker. Er hat sich nun offensichtlich vom Quengeln aufs Schmeicheln verlegt. Seine Finger gleiten inzwischen auch bis zu Adams Oberarm hinauf. Vermutlich biegen sie gleich zu Adams Hals ab. Adam kennt doch seinen Top-Agenten, mittlerweile noch viel besser als zu Zeiten, in denen sie noch verfeindet oder zumindest miteinander in Einsätzen waren. Jede dieser Zeiten ist vorbei. Was ihre Verfeindetschaft angeht, ist Adam froh darüber, dass diese Zeiten vorbei sind. Doch was ihre Einsätze angeht…
Adam seufzt, greift mit Daumen und zwei Fingern nach Leos Fingern und entfernt sie von seinem Arm. „Du kannst sagen, was du willst, aber es bleibt bei Nein“, sagt er und tut so, als fände er die Bilder, die lautlos über den Fernsehschirm flimmern, plötzlich wahnsinnig interessant. Tut er das nicht, wird er gleich weich werden und nachgeben.
„Wer hat dich eigentlich zum Bestimmer be…stimmt?“, tut Leo schmollig und drückt sich noch viel schmolliger in die Rückenlehne des Sofas. Aus den Augenwinkeln sieht Adam, wie Leo auch noch gespielt-beleidigt seine Arme vor der Brust verschränkt und eine Schnute zieht.
Adam kann nicht anders und seufzt erneut. Vielleicht ist Leo gar nicht nur gespielt-beleidigt, vielleicht ist er wirklich und ganz echt ein bisschen beleidigt. Was Adam ihm nicht verdenken kann. Er selbst ist ja irgendwie auch beleidigt. Seit Wochen schon. Denn seit Wochen schon sitzen sie hier in dieser Wohnung fest. In dieser Wohnung in Barcelona, bei der es sich zwar um eine verdammt schöne Wohnung handelt, und das auch noch in einer verdammt schönen und vor allem warmen Stadt – nicht auszudenken, sie würden irgendwo im Schnee bei Eiseskälte festsitzen, und das auch noch wochenlang – aber es ist verflucht schwer, eine schöne Wohnung in einer schönen, warmen Stadt zu genießen, wenn man die Wohnung nicht verlassen darf. Oder verlassen sollte. Weil sonst womöglich ein gewisser Geheimdienst auf sie aufmerksam wird, der auf keinen Fall auf sie aufmerksam werden sollte, jedenfalls für den Moment nicht. Diesen ziemlich langen Moment. Diesen… wochenlangen Moment.
Natürlich könnten sie die Wohnung jederzeit verlassen. Nur, weil dieser kleine Agent (Xavi, das wissen Adam und Leo inzwischen) gemeinsam mit seinem Partner, dem zynischen Agenten (Karow, das wissen sie inzwischen auch), ihnen dringendst empfohlen hat, hier unterzutauchen und keinen Fuß vor die Wohnungstür zu setzen – bei der es sich um die Wohnungstür der geheimen Zweit- oder Drittwohnung des kleinen Agenten handelt – müssen sie dieser Empfehlung noch lange nicht folgen. Der Kleine und der Zynische haben ihnen schließlich gar nichts zu sagen. Eigentlich. Uneigentlich… haben sie sich mächtig ins Zeug gelegt und legen sich noch immer mächtig ins Zeug, um Adam und Leo zu schützen. Vor diesem lächerlichen Franchise-Geheimdienst, der Leo und auch Adam viel zu lange an ihren Nasen herumgeführt hat. Und der so lächerlich leider gar nicht ist. Das hat Adam allerspätestens dann festgestellt, als er seine Drohung wahr gemacht und einige der geheimen Dokumente an die Öffentlichkeit geleakt hat.
„Wir sind jetzt Whistleblower. Wie der Blonde da. Und der Schnee-Typ“, hat Leo stolz gesagt, nachdem Adam auf die Enter-Taste seines Laptops gedrückt hatte, und noch hinzugefügt: „Dein Blond mag ich aber lieber als das von dem Blonden da.“
„Das freut mich“, hat Adam geantwortet. Und dann hat ihn das mulmige Gefühl beschlichen, dass sein Plan vielleicht doch kein so grandioser Plan war.
Was sich inzwischen bestätigt hat. Und weswegen sie jetzt also hier in dieser schönen Wohnung sitzen, seit Wochen schon.
Adam seufzt schon wieder. „Ich bin nicht der Bestimmer“, sagt er leise und wirft Leo einen raschen Blick zu. Er kann ihn ja verstehen. Wirklich. Aber einer von ihnen muss eben einen kühlen Kopf bewahren und ganz eindeutig ist Adam für diese Aufgabe besser geeignet als Leo. Leo ist für andere Aufgaben besser geeignet. Schießen nach Gehör. Adam in einem engen Wandschrank beruhigen. Dokumente mitgehen lassen. Adam vor einem prasselnden Kamin aufwärmen. Und so weiter. Die Liste ist lang. Sie existiert nur in Adams Kopf und Leo ahnt nichts davon, dass es sie gibt, aber es gibt sie und sie ist wirklich, wirklich lang. Leo wäre vermutlich selbst überrascht, wie verdammt lang sie ist. Vielleicht ist sie aber auch nur deshalb so verdammt lang, weil Adam so verdammt verliebt ist in diesen Top-Agenten Leo Hölzer.
Er spürt Leos Hand an seinem Rücken. Das kann er jetzt gar nicht gebrauchen. Das lenkt ihn viel zu sehr ab. Er lässt sich ebenfalls gegen die Rückenlehne fallen, was sich allerdings auch nicht als das Allerschlaueste entpuppt, denn jetzt berühren sich ihre Oberarme. Verflucht nochmal.
„Okay“, hört er Leo neben sich sagen, „dann bist du eben nicht der Bestimmer. Aber du bist… der allerbeste Top-Agent, den ich kenne.“
„Leo…“, schnaubt Adam, der genau weiß, was Leo hier versucht. Einschmeicheln. Adam weichkochen, damit der endlich einlenkt.
„Nein, keine Widerrede. Du bist der allerbeste Top-Agent. Der allerbeste Tresor-Knacker.“
„Ich weiß“, sagt Adam, doch Leo lässt sich nicht beirren.
„Der allerbeste… Spaghetti-Kocher der Bundesrepublik. Ja, der Top-Spaghetti-Kocher bist du. Und der Top-Spaghettisoßen-Macher. Nur getoppt von deinen Top-Rühreiern. Mit Paprika.“
„Und du bist ein Top-Blödmann“, sagt Adam, kann sich ein kleines Grinsen aber nicht verkneifen. In der Tat hat er in den vergangenen Wochen sehr häufig Spaghetti gekocht. Und sie sind ihm immer hervorragend gelungen. Ebenso wie die jeweilige Soße. Ebenso wie seine Rühreier.
„Siehst du?“, fragt Leo zufrieden und Adam kann ihm förmlich anhören, wie breit er gerade grinst, „wir passen perfekt zusammen. Alles Top bei uns. Sollen sie doch kommen, diese blöden Arschlöcher, dann werden wir ihnen schon zeigen…“
Adam lehnt seinen Kopf an die Rückenlehne und lässt ihn zur Seite fallen. Er sieht Leo von der Seite an und sagt: „Komm schon, Leo, lass gut sein. Immerhin ist es hier warm.“ Wie so oft in letzter Zeit hat Adam plötzlich wieder den eiskalten Fluss vor Augen, in dem er fast erfroren und ertrunken wäre. Wenn Leo nicht gewesen wäre.
„Wer ist fast im Fluss ertrunken, du oder ich?“, fragt Leo, als hätte er Adams Gedanken gelesen. Adam kann Leo anhören, dass er ihn ein bisschen aufziehen will. Außerdem ist Leo – zurecht – noch immer ein bisschen stolz darauf, Adam gerettet zu haben. Und doch trifft er mit seiner Bemerkung Adam genau da, wo es immer noch weh tut.
„Ich natürlich“, sagt Adam deshalb mit jeder Menge Sarkasmus in der Stimme, „weil ich das offensichtlich auch so gut kann, wie kein anderer Agent der Bundesrepublik.“
Sofort spürt er Leos Hand auf seinem Oberschenkel. „Adam, ich wollte nicht – “
„Schon gut, du hast ja Recht“, sagt Adam und seufzt. Er kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft er heute bereits geseufzt hat.
„Ich will aber nicht Recht haben“, sagt Leo leise, aber bestimmt. „Die Dinge laufen… viel besser, wenn du Recht hast.“
„Leo…“
„Nein, wirklich. Tun sie. In Apoldi und auch… sonst überall.“
„Du redest kompletten Schwachsinn“, murmelt Adam und kann nicht anders. Er streckt eine Hand nach Leo aus, legt sie in Leos Nacken und zieht den anderen Mann zu sich heran. Lehnt sich selbst noch etwas weiter zur Seite, sodass ihre Lippen sich fast wie von selbst treffen.
Leos Hand reibt auf Adams Oberschenkel auf und ab, während sie sich küssen. Sie reibt auf und ab und von außen nach innen und Adam wird fast ein bisschen schwindelig. Sie knutschen weiter und Adam krault mit seinen Fingern die kurzgeschorenen Haare in Leos Nacken.
Ihm wird endgültig schwindelig, als Leo zwischen zwei Küssen murmelt: „Mir fehlen unsere Ablenkungsmanöver… Schürk.“
„Mhmm…“, brummt Adam. Es geht ihm nicht anders. Ihre Ablenkungsmanöver waren nicht einfach nur irgendwelche Ablenkungsmanöver, sie waren… mehr. Sie waren perfekt, gleich vom allerersten Ablenkungsmanöver an, damals bei ihrer allerersten Mission in Wolfenbüttel.
Die Erinnerung an diesen ersten gemeinsamen Einsatz sowie an alle Einsätze, die anschließend folgen sollten, presst Adam den Atem aus der Lunge und das Herz zusammen. Fuck, wie weit sie doch gekommen sind.
Sofort knutscht er Leo noch etwas entschlossener und macht lautere Geräusche dabei. Seufzt und stöhnt lauter. Krault Leo mit größerer Geste durch die Haare. Zieht eine kleine Show ab. Eine Ablenkungsmanöver-Show, die niemand sieht, die sich aber trotzdem so verdammt heiß anfühlt.
„Dir etwa nicht?“, fragt Leo, als ob Adam ihn seine Antwort nicht längst spüren und hören lassen würde.
Er stöhnt demonstrativ langgezogen und erwidert: „Doch. Manchmal. Genau jetzt, Hölzer, du… Profi.“ Adam leckt mit seiner Zunge tief in Leos Mund und richtet sich etwas auf. Löst seine Lippen für keine Sekunde von Leos, während er ein Bein über Leos Beine auf die andere Seite schwingt und sich auf Leos Schoß setzt. Sofort spürt er Leos Hände unter seinem T-Shirt an seinem Rücken.
„Genau jetzt also…“, murmelt Leo. Sein lautes Aufstöhnen ist nicht gespielt, als Adam mit seinen Zähnen an Leos Unterlippe zieht und ganz leicht zubeißt. Für einen kurzen Moment löst Adam sich von Leo, lehnt sich etwas zurück und sieht auf ihn hinab. „Dagegen können wir ja was tun… Agent Hölzer.“
„Unbedingt… Agent Schürk“, murmelt Leo und fährt mit seinen Händen an Adams Rücken entlang bis ganz nach oben an Adams Schulterblätter. Zieht dabei das T-Shirt mit hinauf, sagt heiser „Los, ausziehen“ und zieht es Adam in einer schnellen Bewegung über den Kopf.
Kurz darauf liegen sie nackt miteinander, aufeinander auf dem Sofa und treiben ihr Ablenkungsmanöver so weit, wie es nur in dieser Zweisamkeit möglich ist. Hinterher schlafen sie miteinander, aufeinander ein.
Als Adam irgendwann wieder aufwacht, ist Leo bereits aufgestanden und gerade dabei, sich anzuziehen. Auf einen Blick erkennt Adam, dass er sich allerdings nicht seine bequeme Jogginghose – Adams bequeme Jogginghose, um genau zu sein – und das ausgeleierte T-Shirt wieder anzieht, sondern eine Jeans und ein eindeutig unausgeleiertes T-Shirt. Als wolle er –
„Was wird das?“, fragt Adam und richtet sich auf der Couch auf.
„Was? Nichts“, sagt Leo, der angestrengt versucht, möglichst unschuldig und ahnungslos zu klingen. Jedoch vergeblich. In seinem Kopf mag Adam eine Liste haben mit Dingen, für die Leo gut geeignet ist, doch den Unschuldig-Ahnungslosen vorspielen steht definitiv nicht auf dieser Liste.
„Was hast du vor?“, fragt Adam und steht auf. Mit einigen wenigen Handgriffen findet er seine Rumgammel-Klamotten und schlüpft rasch hinein. Irgendwo in seinem Hinterkopf schrillen irgendwelche Alarmglocken, von denen Adam selbst nicht genau weiß, was es mit ihnen auf sich hat.
„Nichts. Warum?“, tut Leo weiter ganz ahnungslos und sieht sich um. Vermutlich glaubt er, er tue das unglaublich unauffällig, aber da irrt er sich gewaltig.
„Weil du dich zum Weggehen angezogen hast und dich gerade nach deinen Schuhen umsiehst“, sagt Adam mit bebender Stimme. Was, verdammt nochmal, ist hier los? Eben noch Ablenkungsmanöver-Sex und jetzt… will Leo abhauen? Oder war der Ablenkungsmanöver-Sex etwa dazu gedacht, Adam abzule –
„Leo? Hast du das geplant? Wolltest du mich müde vögeln und dann, während ich schlafe, einfach abhauen und – “
„Was?“, fragt Leo und klingt jetzt ehrlich überrascht. Ehrlich überrascht, weil er sich von Adam ertappt fühlt, oder aus einem anderen, harmloseren Grund? Adam macht ein, zwei Schritte auf Leo zu, bereit, sich dem dunkelhaarigen Agenten in den Weg zu stellen, sollte der wirklich versuchen, die Wohnung zu verlassen.
„Hast du geplant, hier mit mir zu… techtelmechteln, damit du dich anschließend verpissen kannst? Hast du deswegen mit deinen Fingern auf meinem Arm rumgefummelt und mir was von bittebitte erzählt?“, fragt Adam und kann selbst kaum glauben, wie eisig seine Stimme plötzlich klingt.
Auch Leo scheint das kaum glauben zu können, so verletzt erscheint Adam der Gesichtsausdruck, mit dem Leo ihn jetzt ansieht. Ehrlich verletzt. Und ein bisschen traurig.
„Fragst du mich das wirklich?“, will Leo wissen. Er spricht so verdammt leise jetzt.
Adam muss mehrmals tief Luft holen, bevor er antworten kann, schon wieder sehr viel weniger eisig: „Ich… ja, Leo, verdammt, ich frag dich das wirklich, weil… was soll das? Warum ziehst du dich zum Weggehen an? Du hast seit Wochen keine Jeans mehr angehabt.“
Leo schnaubt und holt ebenfalls tief Luft. Er rührt sich nicht von der Stelle, macht keine Anstalten, sich Richtung Wohnungstür zu bewegen. Stattdessen kommt er noch etwas näher an Adam heran und sieht ihm in die Augen, als er antwortet, so ernsthaft, wie Adam ihn in all den Jahren nur selten hat sprechen hören: „Adam. Ich hab seit Wochen keine Jeans mehr angehabt und war seit Wochen nicht mehr draußen. Ich… bin wirklich gerne mit dir hier zusammen. Verdammt gerne sogar. Aber ich… drehe hier langsam ein bisschen durch. Und ehrlich gesagt wundert es mich, dass du nicht auch langsam ein bisschen durchdrehst, mit diesem Eingesperrt-Sein hier und – “
„Das ist hier kein dunkler Wandschrank, Leo“, sagt Adam, dem vor lauter Erleichterung ein regelrechter Felsbrocken vom Herzen fällt. Leo wollte nicht einfach abhauen. Er wollte einfach nur – ja, was wollte er eigentlich?
„Ich weiß, aber trotzdem… wir sitzen hier fest. Und da draußen wartet eine ganze Stadt auf uns.“
„Leo, wir können nicht – “
„Und ich hab dir was von bittebitte erzählt, weil ich dich rumkriegen wollte.“
„Rumkriegen?“, fragt Adam, der nicht sicher ist, was Leo ihm sagen will. Leo hat ihn doch schließlich rumgekriegt, gerade eben. Ablenkungsmanöver-Sex, und was für einer! Techtelmechtelei, und was für eine!
„Ja, rumkriegen… mich wenigstens für ne halbe Stunde raus zu lassen. Zu dem Supermarkt unten an der Ecke.“
Gott, dieser Hölzer.
„Leo, wir kriegen zweimal in der Woche unsere Lebensmittellieferung. Von einem Top-Lieferservice mit Top-Produkten.“
„Ja, alles tiptop“, mault Leo leise. Scheiße nochmal, wie süß kann dieser Mann eigentlich sein, denkt Adam. Und wie konnte Adam das nur für so unendlich lange Zeit ignorieren? Und wie könnte er sich diesem süßmauligen Kerl nicht geschlagen geben, wenn auch mit nach wie vor leisen Bedenken und leichten Bauschmerzen?
Adam seufzt theatralisch. „Also gut, du Nervensäge. Hau schon ab. Aber wirklich nur ne halbe Stunde, versprich mir das.“
„Ich verspreche es!“, bestätigt Leo begeistert, lehnt sich vor, drückt Adam einen Kuss auf die Wange und fängt sogleich an, nach seinen Schuhen zu suchen.
„Und bring mir zwei Tüten Gummibärchen mit. Oder lieber drei“, fügt Adam hinzu.
Leo kichert ein bisschen unverschämt. „Haste wohl vergessen bei deiner letzten Top-Bestellung bei unserem Top-Lieferservice?“
Adam schnaubt, geht Leo hinterher und gibt ihm einen Klaps auf den Arsch, als Leo sich gerade bückt, um in seine Turnschuhe zu schlüpfen. „Nicht so frech, Hölzer, sonst setze ich die Ausgangssperre wieder in Kraft.“
„Zu spät“, flötet Leo und richtet sich wieder auf. Lehnt sich Adam erneut entgegen und drückt ihm erneut einen Kuss auf die Wange, bevor er Adam auch noch ordentlich abknutscht.
„Das geht alles von deiner Zeit ab“, sagt Adam grinsend, nachdem Leo die Knutscherei beendet und die Türklinke bereits in der Hand hat.
„Denkste“, sagt Leo. „Uhrenvergleich?“
Adam verdreht die Augen. So ein Spinner. Uhrenvergleich. Das wollte Leo vermutlich immer schon mal sagen. Bisher hat immer Adam das gesagt. Andererseits hat Leo gar nicht so Unrecht. Dreißig Minuten und keine Minute mehr. Und selbst diese dreißig Minuten werden Adam wie eine Ewigkeit vorkommen.
„Okay, Uhrenvergleich“, antwortet er also.
14:54 Uhr. Um 15:24 Uhr muss Leo wieder da sein.
Durch die nur einen Spalt breit geöffnete Wohnungstür sieht Adam Leo hinterher, bis der im Treppenhaus verschwunden ist und Adam im Erdgeschoss die Haustür ins Schloss fallen hört.
Verwundert sieht Adam auf die Uhr, als er hinter sich ein Geräusch hört. 15:09 Uhr. Leo ist fünfzehn Minuten zu früh.
Mit einem Stirnrunzeln stellt er den Teller, den er gerade abgewaschen hat, in das Abtropfgitter und greift nach einem Handtuch.
„Das ging ja schnell“, sagt er und dreht sich langsam um, während er sich noch die Hände abtrocknet. „Ich warne dich, wenn du keine Gummibärchen mitgebracht hast, dann – “
Adam erstarrt in der Bewegung.
Das Handtuch fällt lautlos zu Boden.
„Keine Gummibärchen, Schürk“, sagt ein Adam unbekannter Kerl. Hinter dem Kerl tauchen zwei weitere Kerle im Flur auf.
Mit einem schnellen Schritt ist der erste Kerl bei Adam. Stülpt Adam wahnwitzig schnell einen schwarzen Stoffsack über den Kopf und verpasst ihm dann einen Kinnhaken.
‚Hätte ich andersrum gemacht, erst Kinnhaken, dann Sack‘, ist das Letzte, was Adam denkt, bevor ihn ein zweiter Schlag trifft und ihm alle Lichter ausknipst.
‚Leo‘, ist das Erste, was Adam denkt, als er langsam wieder zu sich kommt. Er hat noch immer den Sack über dem Kopf und sitzt auf einem Stuhl. Gefesselt. Die Luft um ihn herum fühlt sich warm und stickig an. Der Boden unter seinen nackten Füßen fühlt sich kalt und feucht an.
Egal, wo er hier ist und was hier mit ihm geschehen wird, Adam hofft und betet, zu wem oder was auch immer, dass Leo nichts passieren wird. Dass sie Leo nicht gekriegt haben. Dass es Leo gut geht, jetzt und für immer.
Noch ahnt Adam nicht, dass er Leo so bald nicht wiedersehen wird.
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