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Verfeindet und vertraut im Urlaub

Summary:

Die beiden Top-Agenten Adam und Leo machen Urlaub – natürlich irgendwo im Deutschland – und denken darüber nach, was war und was sein wird.

Notes:

Einige – um nicht zu sagen: viele. Oder auch: fast alle – der Anspielungen in dieser Fic beziehen sich auf "Verfeindet bei den Fischen".

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Work Text:

Im Osten von Sylt

Mit einem beleidigten Stöhnen lässt Leo sich auf das breite Bett ihres Pensionszimmers fallen.

„Was stöhnst du denn so beleidigt?“, fragt Adam ebenso unbeeindruckt wie beiläufig. Er wäre kein Top-Agent, hätte er nicht sofort erkannt, wie beleidigt Leos Stöhnen ausgefallen ist. Er wäre außerdem kein Top-Agent, würde er nicht ganz gelassen damit fortfahren, seine Jacke und Schuhe auszuziehen, die Jacke an den Garderobenhaken zu hängen und seine Schuhe darunter zu stellen. Natürlich hat Leo, beleidigte Leberwurst, die er gerade ist, seine Schuhe noch gar nicht ausgezogen und seine eigene Jacke achtlos zu Boden fallen lassen.

Nervtötender Chaot, denkt Adam liebevoll, während er die Jacke seines ehemals verfeindeten Agenten aufhebt und neben seine hängt. An die kleine Garderobe in diesem kleinen Zimmer dieser kleinen Pension, die so klein und schlicht und unauffällig ist, dass es in ihrem Zimmer nicht einmal einen Tresor gibt. Weshalb sie ihre Waffen, die sie als Top-Agenten selbstverständlich auch in einer Urlaubssituation immer mit sich führen, im Pensionstresor haben einschließen lassen. Natürlich nicht zu offensichtlich. Natürlich kein „Hier, unsere Waffen, schließen Sie die mal bitte ein“, sondern vielmehr ein „Könnten Sie bitte diese beiden Etuis in ihrem Tresor verwahren?“. So, wie man das als versierter Spitzenagent im Deutschland eben macht.

Versierter Spitzenagent, denkt Adam. Manchmal grenzt es an ein Wunder, denkt Adam weiter, dass Leo überhaupt noch lebend auf diesem Bett liegen kann. Er könnte längst tot sein, so chaotisch, wie er nicht nur dann ist, wenn es um die Ordnung in ihrem Zimmer geht. Zugegeben, Leo ist nicht immer chaotisch. Sogar nur recht selten ist er chaotisch, wenn es um einen Einsatz geht. Vielmehr hochkonzentriert ist er, wenn er mit seinem Scharfschützengewehr im Anschlag auf die perfekte Schussmöglichkeit wartet. Oder wenn es darum geht – oder besser: ging – Adam die gemeinsam erbeuteten Dokumente abzuluchsen. Manchmal aber ist er dennoch ein bisschen… unfähig. Zum Beispiel dann, wenn er sich so stark verletzen lässt, dass er mitten in der Nacht Adams Hilfe –

Aber diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Würde Leo jetzt etwas ähnlich Lebensbedrohliches geschehen, er könnte sich auf seinen neuen Geheimdienst verlassen. Auf ihren neuen Geheimdienst. Er könnte zu ebenjenem Geheimdienst gehen und müsste nicht mitten in der Nacht bei Adam – auch wenn er das natürlich dennoch tun dürfte. Und tun würde. Denn nicht nur der neue Geheimdienst ist neu, auch sie beide sind… neu. Immer noch. Neu und doch so vertraut und doch so neu.

Spinn nicht rum, Schürk, denkt Adam und lehnt sich mit vor der Brust verschränkten Armen neben dem Bett an die Wand. Er sieht hinunter auf Leo, der sich auf den Rücken hat fallen lassen und noch immer eine beleidigte Schnute zieht.

„Also, was ist?“, fragt Adam, der weiterhin auf eine Antwort wartet.

Leo öffnet seine wunderschönen Augen, kneift sie jedoch zusammen, als er Adam ansieht und sagt: „Ich hab doch gesagt, ich will ans Westende.“

„Ans was?“, fragt Adam, auch wenn er genau weiß, was Leo meint. Aber das, was Leo meint, ist einfach zu absurd, als dass Adam sich nicht darüber lustig machen müsste. Weshalb er sich darüber lustig macht.

„Ans Westende!“, sagt Leo laut und immer noch so herrlich muckig. Doch darauf kann Adam keine Rücksicht nehmen (auch wenn er diesen muckigen Agent Hölzer absolut entzückend findet).

„Ans Westende wovon?“, fragt er jedoch aller Entzückung zum Trotz nach und tut übertrieben interessiert.

Leo richtet sich auf, greift nach einem Kissen und schlägt es Adam vor die Brust. Der wehrt das Kissen mit gespielt-übertriebener Entschlossenheit ab, zieht es Leo aus der Hand und wirft es zurück aufs Bett.

„Ans Westende der Insel“, gibt Leo maulig zurück und streckt Adam die Zunge raus.

Adam zieht seine Augenbrauen nach oben, gerade so, als habe ihn die Erkenntnis völlig unerwartet getroffen.

„Aaahh, ach sooo…!“, sagt er, nickt verstehend und fügt noch hinzu: „Das ist ja ulkig.“ Er stößt sich von der Wand ab und geht hinüber zum Fenster, wo er die Vorhänge zur Seite zieht und nach draußen blickt.

„Was ist ulkig?“, fragt Leo. Adam hat ihm noch immer den Rücken zugewandt, kann aber genauestens das Rascheln der Bettwäsche hören. Er hört außerdem, wie Leo aufsteht und spürt kurz darauf, wie der dunkelhaarige Mann sich schließlich neben ihn ans Fenster stellt. Ihre Arme berühren sich so flüchtig und doch so schwindelerregend.

Adam muss sich räuspern, bevor er antworten kann: „Na, ist schon ulkig, dass ich das Westende der Insel von hier aus beinahe sehen kann“, erklärt Adam und deutet nach draußen. „Würde irgendwie mehr Sinn machen, wenn wir vom Nord- und Südende sprechen würden“, fügt er noch hinzu und kann nicht verhindern, dass ihm zum Abschluss der Bemerkung ein leises Lachgrunzen entkommt.

Neben sich hört er Leo schnauben. „Pfff, Nord- und Südende, das kann ja jeder. Außerdem kennst du das Ostende doch längst in- und auswendig, bei all dem blöden Urlaub, den du hier immer machst“, sagt er und verschränkt nun, ebenso wie kurz zuvor Adam, seine Arme vor der Brust. Jede seiner Bewegungen scheint laut und deutlich und völlig übertrieben beleidigt, beleidigt! zu schreien.

„Bitte was mach ich?“, kann Adam sich jedoch die Frage nicht verkneifen, beleidigter Hölzer hin oder her.

„Das fragst du noch?“, fragt Leo. Adam spürt, wie der andere Mann ihn nun von der Seite ansieht. Also wendet auch Adam sich ein Stückchen zur Seite und erwidert Leos Blick.

„Ja, das frag ich noch“, sagt Adam bestimmt, obwohl er Leo eigentlich viel lieber etwas ganz anderes fragen würde. Ob sie sich jetzt endlich ausziehen und wieder zurück ins Bett gehen können, zum Beispiel. In dieses wunderbar weiche Bett, das sie vor rund zwei Stunden nur deshalb verlassen haben, um vernünftigerweise etwas zu essen und einen kurzen Strandspaziergang zu machen, damit sie sich wenigstens ein bisschen anderweitig bewegen als nur… miteinander im Bett. Als Top-Agent im Deutschland muss man ja schließlich auch im Urlaub, so wohlverdient der auch sein mag nach all den Jahren im Dienste der Bundesrepublik ganz ohne auch nur den Hauch eines Urlaubs, einigermaßen fit bleiben.

Adam hat wirklich keine Ahnung, wovon Leo da spricht, denn genau: all die Jahre im Dienste der Bundesrepublik – und ihres vermaledeiten Geheimdienstes – ganz ohne auch nur den Hauch eines Urlaubs. Wie kommt Leo darauf, Adam hätte – und dann auch noch ausgerechnet hier, auf Sylt, egal an welchem Ende davon?

„Na, weil du doch…“, setzt Leo an, gerät aber fast sofort ins Stocken. Er leckt sich über die Unterlippe, runzelt für einen Moment die Stirn und setzt erneut an: „Weil du da doch eben Urlaub machst. Immer.“

„Immer?“

„Ja, immer. Zum Beispiel immer dann… also, damals jedenfalls, als ich im Bremer Hafen – “

„Bremerhaven, Leo, das war Bremerhaven! Wie oft muss ich dir das denn noch erklären?“, fällt Adam Leo ins Wort. Er muss sich wirklich beherrschen, um nicht in völligster Verzweiflung mit den Augen zu rollen. Aber eigentlich ist das ja auch wirklich ein bisschen witzig. Und könnte außerdem jedem passieren. Bremer Hafen. Bremerhaven. Ist ja wirklich gar nicht so einfach, wenn man –

Adam seufzt. Wenn man Leo Hölzer ist. Besonders, wenn man Leo Hölzer in einer Ausnahmesituation ist und ja, zugegeben, Leo war bei diesem Einsatz damals in einer Ausnahmesituation. In einer seiner vielen Ausnahmesituationen. In einer seiner vielen Ausnahmesituationen, in denen Adam sich immer wieder aufs Neue – und lange Zeit auch völlig ungebeten – verdammte Sorgen um diesen Agenten gemacht hat, den er jetzt gerne nehmen und schütteln würde. Und nicht nur das.

Stattdessen fügt er aber hinzu: „Und ich war nicht auf Sylt oder sonstwo im Urlaub. Ich war da. Ich war immer da, okay?“

Leo nickt. Er nickt und Adam könnte schwören, er hält für einen Moment die Luft an. Jedenfalls sagt er nichts, was aber auch okay ist, denn Adam hat stattdessen noch etwas zu sagen.

„Und ich weiß, dass du auch immer da warst. Immer dann, wenn’s gezählt hat. Mit deinem Scharfschützengewehr und – “

Weiter kommt er nicht, denn Leos Lippen pressen sich in diesem Moment auf seine.

Endlich, denkt Adam und schiebt Leo langsam zurück zum Bett. Endlich wieder ausziehen und ins Bett und Narben vergleichen. Leos Narben sind wirklich top. Besonders die, denen Verwundungen vorausgingen, die von Adam verarztet wurden.

~~~

Leo verschluckt sich fast an seiner Dose Sprite, als er zu ahnen beginnt, was Adam da gerade tut. Eigentlich ist Leo schon seit einer gefühlten Ewigkeit kurz vorm Verschlucken. Ersticken. Tot umfallen. Weil er seinen Blick nicht losreißen kann von diesem unverschämten Adam, der ein paar Schritte von ihrem riesigen Strandtuch weggegangen ist, und das eindeutig nur, um sich in die beste Position zu bringen. Die beste Position, um Leo ziemlich wahnsinnig zu machen.

Adam hat Leo den Rücken zugekehrt und steht mit seinen Füßen fast schon in der Nordsee. Sie haben sich ein möglichst abgeschiedenes Plätzchen am Strand gesucht. Irgendwann vor einer Weile ist Adam aufgestanden, hat etwas aus seinem Rucksack hervorgekramt, es vor Leos Augen verborgen und ist fünf, sechs Schritte nach vorne gegangen. Wo er jetzt also steht, die Füße nach wie vor beinahe in der Nordsee, und eindeutig damit beschäftigt ist, irgendetwas aufzublasen.

Dass Adam verdammt talentiert im Blasen ist, weiß Leo inzwischen nur zu gut. Er hat nur absolut keine Ahnung, was Adam hier am Strand zu blasen hat, denn Adam ist neben dem Blasen auch verdammt gut darin, Dinge geheim zu halten. Wenn der Job das erfordert. Oder wenn er Leo ärgern will. Leo weiß abgesehen von Adams Blasefähigkeiten nämlich außerdem nur zu gut, dass Adam ihn manchmal für ein bisschen… unfähig hält. Tollpatschig. Oder besser, dass er Leo dafür hielt, denn inzwischen… ja, inzwischen ist so verflucht viel passiert.

Doch was jetzt gerade passiert, ist Leo immer noch nicht hundertprozentig klar. Weshalb er seinen Kopf ein wenig reckt, erfolglos jedoch, und fragt: „Was machst du denn da, wenn ich fragen darf?“

„Wirst du gleich sehen“, gibt Adam zurück, ohne sich auch nur kurz zu Leo umzudrehen. Stattdessen wackelt er, und das ist nun wirklich die allerfrechste Frechheit, mit seinem Arsch. Genau in Leos Richtung. Adam wackelt mit diesem kleinen, feinen Agentenarsch, der in einer verboten engen Speedo steckt, exakt so, wie Leo sich das damals in Bremen… im Bremer Haf… Bremerhaven, herrgottnochmal, oder wo auch immer, ausgemalt hat. Was niemand weiß außer ihm selbst, schon gar nicht Adam, und außerdem war Leo damals nicht ganz gesund. Er war ein bisschen… kränkelnd. Krank. Liebeskrank, auch das, ja, aber das hatte absolut nichts zu tun mit dem, was er damals so dachte. Über diesen Schürk. Den er sich ausmalte in einer knallengen Badehose und mit –

„Na? Sexy, oder?“, reißt Adams amüsierte Stimme Leo aus seinen Gedanken. Von Leo unbemerkt hat er seine Blase-Arbeit beendet und sich mit in die Hüften gestemmten Händen zu Leo umgedreht.

„Was – “, ist alles, was Leo zu diesem Anblick einfällt.

Adam hat sich in Pose geworfen. Hat sein rechtes Bein ein wenig ausgestellt, wiegt sich völlig übertrieben-verführerisch in den Hüften und lässt seine Oberarme zucken. Seine Oberarme, an denen –

„Schwimmflügel“, stellt Leo fassungslos fest.

„Schick, oder?“, fragt Adam und schlenkert mit seinen Armen.

„Schick?“, fragt Leo. Er könnte verwirrter nicht sein und sich ertappter nicht fühlen. Denn also bitte: das kann doch wohl kein Zufall sein. „Was… warum… Adam, wie…“, stottert Leo also verwirrt. Er ist absolut nicht in der Lage, einen geraden Satz zu formulieren.

„Wie, wie?“, macht Adam sich eindeutig ein bisschen über Leo lustig, „einfach aufblasen und fertig. Gefällt’s dir nicht? Hast du dir das… anders vorgestellt?“

Kackfrech zwinkert Adam ihm zu und wedelt erneut mit seinen beflügelten Armen. Lägen die Dinge nicht so, wie sie inzwischen liegen, Leo würde große Lust verspüren, diesem selbstgefälligen und dämlichen Agenten Schürk eine zu schmieren. Aber die Dinge liegen längst nicht mehr so, und dieser dämliche Agent Schürk ist längst nicht mehr dieser dämliche Agent Schürk, sondern Adam. Einfach nur Adam.

Aber ob einfach nur Adam oder nicht, Adam weiß eindeutig Dinge, von denen er nichts wissen sollte. Denn Leo hat sich das doch nur gedacht, damals, in Bremer…dingens.

„Ich hab… was?“, stammelt Leo weiter. Vielleicht sollte er einfach die Schnauze halten, bis er sich endlich wieder gefangen hat. Er blamiert sich hier ja schlimmer als in… wo auch immer. Leo weiß gar nicht, wo er da anfangen soll, so oft, wie er sich bei Einsätzen schon blamiert hat.

Adams Gesichtsausdruck wird plötzlich ganz ernst. Ernst und irgendwie noch verliebter, als Leo sich fühlt, so lange schon. Mit drei großen Schritten ist Adam bei ihm, steht dicht vor ihm und sagt leise: „Du hast geschlafen… da im Auto. Weißt du nicht mehr?“

„Ich hab… was?“ Um Himmels Willen, Hölzer!, denkt Leo.

„Geschlafen hast du. Nachdem du in der Weser gelandet warst. Du hast geschlafen, neben mir im Auto – “

„Es war so schön warm, neben dir im Auto“, sagt Leo, der sich nur zu gern daran erinnert, dass Adam das Auto schon vorgeheizt hatte, für ihn, Leo, und wie verdammt gemütlich es dementsprechend neben Adam im Auto war. Und wie verdammt gut es sich vorher anfühlte, sich von Adam die Haare trockenrubbeln zu lassen. Aber hat er tatsächlich…?

„Ja, das war es“, bestätigt Adam und sieht Leo ganz tief in die Augen dabei. „Und du hast geschlafen und im Schlaf… geredet.“

„Ich hab… was?“

Jhksjfkjahrsgkajlkjge, denkt Leo.

Das ist doch einfach nicht zu fassen! Leo redet nicht im Schlaf. Niemals! Kein Top-Agent redet im Schlaf, jahrelanges Training stellt das sicher, denn wie dumm wäre es, im Schlaf irgendwelche topgeheimen Staatsgeheimnisse auszuplaudern.

Aber dann wiederum… ging es nicht um das Bewahren irgendwelcher geheimen Staatsgeheimnisse, oder? Es ging darum, von Adam gerettet zu werden. Von ihm in Sicherheit gebracht zu werden. Und verflucht noch eins, offensichtlich redet Leo eben nur dann im Schlaf, ausnahmsweise, wenn Adam Schürk in seiner Nähe ist. Weil Leo weiß, ganz unterbewusst auch im Schlaf, dass er Adam Schürk vertrauen kann. Weil Leo das immer schon wusste, auch wenn er sich das lange, viel zu lange nicht eingestehen wollte.

Leo schreckt ein bisschen zusammen, als Adam eine Hand an seine rechte Wange legt. Beruhigend fühlt sich das an. Vertraut.

„Im Schlaf geredet hast du“, sagt Adam, immer noch so verdammt leise. „Von… Sylt und engen Badehosen und Schwimmflügeln. Du hast mich ‚schändlich‘ und ‚schlimm‘ genannt.“

Bevor Leo zum vierten Mal die gleiche dämliche Frage fragen kann, beißt er sich auf die Unterlippe. Schändlich. Schlimm. Schürk. Er kann einmal mehr nicht fassen, was er alles über Adam gedacht hat, jahrelang.

Adams Hand verschwindet von Leos Wange. Dafür hat das kackfreche Zwinkern jetzt wieder seinen Auftritt, verbunden mit den Worten: „Aber du darfst sie trotzdem anfassen, wenn du mich lieb bittest.“

Leo muss schlucken. Das ist alles ein bisschen viel. Diese Erinnerungen an Bremer… dingens. Diese Erkenntnis, dass er sich in Adams Gegenwart schon immer so verdammt wohlgefühlt hat, ob er sich das nun eingestehen wollte oder nicht. Dieses Wissen, dass sie ihren letzten Einsatz, bei dem man sie gegeneinander ausspielen wollte, überlebt haben und jetzt zusammen sein können, so richtig.

Und dieser unverschämte Schürk mit diesen vielen Narben an seinem Körper, mal größer, mal kleiner, aber keine kann es mit Leos richtig fetten Narben aufnehmen, die davon zeugen, was für ein dummer Idiot Leo viel zu oft im Einsatz ist. Je fetter die Narbe, desto dümmer der Idiot, den sie ziert. Oder so.

Aber so oder so. Dieser unverschämte Schürk also, mit seinen Narben und seinem unverschämten Lächeln und diesen unfassbar lächerlichen Schwimmflügeln an den Armen. Dieser Schürk, dieser… Adam ist absolut und definitiv zu viel für Leo. Viel zu viel. Und doch noch längst nicht genug.

Weswegen Leo jetzt nicht anders kann als zu sagen: „Darf ich die anfassen, deine… Schwimmflügel? Bitte?“

Adams Grinsen wird noch etwas frecher und breiter. „Ich dachte schon, du fragst nie. Aber im Wasser.“

„Im – “, setzt Leo zu einer Mischung aus Frage und Widerspruch an, denn mit Wasser hat er’s einfach nicht so. Das sollte Adam doch nur zu gut wissen.

„Keine Angst“, sagt Adam, der natürlich nur zu gut weiß, dass Leo es mit Wasser nicht so hat. „Für dich hab ich auch welche dabei.“

Aus seinem Rucksack holt Adam einen zweiten Satz Schwimmflügel hervor. Wenig später bläst jeder von ihnen eine Schwimmhilfe auf. Noch etwas später badet Leo doch tatsächlich in der Nordsee und muss ausnahmsweise nicht gerettet werden.

~~~

Nur zu gerne hätte Adam Leo während ihres Urlaubs gerettet, ein einziges Mal nur, doch die Schwimmflügel haben einfach bestens funktioniert. So wie auch alles andere bestens funktioniert hat, mit ihnen und zwischen ihnen. Alles hat sich so verdammt vertraut angefühlt während ihrer zehn Tage auf Sylt, und Adam wünscht sich, dieser Urlaub würde nie zu Ende gehen. Auch wenn er nicht unbedingt noch länger auf dieser Insel bleiben muss, aber es gibt ja noch so viele andere schöne Orte im Deutschland – aber das ist dann etwas für ihren nächsten Urlaub.

Während er Leo die Treppe hinab zur Rezeption folgt, hat Adam nur Augen für diesen Agenten, diesen Mann, mit dem er viel zu lange verfeindet war. Doch das ist jetzt vorbei. Jetzt kann Adam in vollen Zügen den Anblick dieses wunderschönen Mannes genießen, der sogar von hinten wunderschön aussieht. Lässig hat er seine Reisetasche über eine Schulter geworfen, auf der er sie scheinbar mühelos trägt. Leo mag zwar keine Tresore öffnen können, aber das macht er mit seinen Muskeln eindeutig wett.

An der Rezeption angekommen, schlägt Leo sanft auf die Klingel. Verflucht, was dieser Kerl mit seinen Händen alles anstellen kann…! Keine Tresore öffnen, okay, oder wenn, dann nur äußerst langsam und unter Aufbietung all seiner verfügbaren Konzentrationsfähigkeit. Zum Glück spielt das aber keine Rolle, denn ab sofort werden sie jeden nur erdenklichen Tresor gemeinsam knacken, ganz offiziell und in absolutem Einvernehmen. Was soviel bedeutet wie: Adam knackt und Leo steht Schmiere und sieht gut dabei aus.

Bevor Adam weiter darüber nachdenken kann, wie ihre Einsätze von nun an wohl ablaufen werden, erscheint die Besitzerin der Pension hinter dem Empfangstresen und wirft sogleich in einem Anflug von Verzweiflung die Hände in die Höhe.

„Oh, Sie reisen ab. Richtig, richtig“, sagt sie und Adam fragt sich, warum das ein Grund zur Verzweiflung sein soll. Also natürlich, Leo und er sind zweifellos Gäste, die sich jede Besitzerin einer Pension nur wünschen kann. Und doch fragt er sich, warum die ältere Dame ihnen so dermaßen entschuldigend entgegenblickt.

„So ist es“, hört Adam Leo antworten, „und es war wirklich ganz wunderbar hier bei ihnen, ganz wunderschön!“

Ach Leo, denkt Adam. Im Dickauftragen ist und bleibt sein Agentenkollege und Freund wirklich unübertroffen. Im Erkennen von potentiellen Problemen hingegen gibt es bei Leo definitiv noch Luft nach oben, weshalb es jetzt auch Adam ist, der fragt: „Gibt’s ein Problem?“

Die Pensionsbesitzerin runzelt schuldbewusst die Stirn. „Es tut mir so leid, so leid, aber… der Tresor lässt sich nicht öffnen. Und Sie haben doch etwas einschließen lassen – “

„Ja, haben wir“, sagt Adam und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Der Tresor lässt sich nicht öffnen, das ist doch nun wirklich alles, nur kein Problem. Es sei denn natürlich –

Adam lehnt sich zu Leo hin und flüstert ihm ins Ohr: „Der Tresor lässt sich nicht öffnen, hast du gehört? Was kann man denn da tun, hast du ne Idee?“

„Halt bloß die – “

„Ah, nein, halt du mal. Mein Gepäck. Oder warte, ich kann’s auch abstellen, während ich – “

„Du? Wieso denn du?“

„Wieso denn nicht ich? Ich bin ja schließlich – “

„Ich hab hier ja schließlich die Klingel geklingelt, also werde ich hier auch – “

„Ganz sicher nicht, wir haben ja schließlich eine Fähre zu erwischen.“

„Ganz sicher doch, du bist hier nicht der Einzige, der – “

An dieser Stelle bricht Leo ab. Adam tätschelt genüsslich Leos Unterarm, der da viel zu verführerisch auf dem Tresen liegt.

„Der Einzige, der hier was?“, fragt Adam und streicht mit dem Zeigefinger über die feinen Armhärchen. Neben sich hört er Leo seufzen.

„Der Einzige, der was im Tresor eingeschlossen hat“, sagt Leo in einem Tonfall, der klar erkennen lässt, dass er sich geschlagen gibt.

„Keine Angst, mein Super-Agent“, säuselt Adam in Leos Ohr, „ich bring dir deine Waffe schon mit. Gib mir – “, und Adam wirft einen dramatischen Blick auf seine Armbanduhr, „ – eine Minute. Plusminus.“

„Ich geb dir gleich Plusminus, du blöder Angeber“, murmelt Leo, folgt Adam aber, nachdem der der Pensionsbesitzerin mit einem „Lassen Sie mich mal sehen“ in das kleine Büro nachgegangen ist, ebenfalls in das kleine Büro.

Adam spürt Leos Blick in seinem Nacken, als er sich vor den Tresor kniet. Nicht das neueste Modell, soviel sieht er auf den ersten Blick. Eigentlich gar kein Modell, das ihm schon jemals irgendwo begegnet wäre. Dennoch zieht er das Mäppchen mit seinen kleinen Werkzeugen aus der Jackeninnentasche und ist froh, als er draußen am Tresen erneut das Klingeln der Klingel hört. Sehr gut. Die ältere Dame muss nicht im Detail Zeugin dessen werden, was er hier gleich vollbringen wird.

Zwei Minuten später ist der Tresor noch immer nicht geknackt.

„Wird’s gehen?“, fragt Leo. Ihm ist sein süffisantes Grinsen deutlich anzuhören.

Du kannst gleich gehen, wenn du mich blöd von der Seite anquatschst“, gibt Adam schmallippig zurück.

„Ich stehe hinter dir“, erwidert Leo.

„Stell dich lieber mal ans Westende der Insel“, sagt Adam eingeschnappt und stochert mit dem inzwischen dritten Dietrich im Tresorschloss herum. Das sich aber auch mit diesem dritten Dietrich nicht öffnen lässt.

„Wer wird denn gleich so zickig sein?“, fragt Leo und steht plötzlich dicht neben Adam. Wo er ebenfalls in die Hocke geht und mit scheinbar allergrößtem Interesse den Tresor betrachtet. „Kriegste wohl nicht hin?“, fügt er mit säuselndem Spott hinzu und streckt einen Finger nach dem Schloss aus.

„Klar kriege ich das hin“, murmelt Adam finster und zieht einen weiteren Dietrich aus seinem Mäppchen hervor. Das wäre ja wohl gelacht. Aber sowas von gelacht. Ob er den Tresor nun kennt oder nicht, gegen den Top-Agenten Adam Schürk hat keiner, in Worten: keiner der vielen Tresore auf der Welt und besonders im Deutschland eine Chance. Jeden, in Worten: jeden Tresor hat Adam bislang geknackt, und allein der Gedanke, dass sich ihm ausgerechnet hier auf dieser lächerlichen Nordseeinsel mit diesen lächerlichen Ost- und Westenden ein Tresor erfolgreich widersetzen könnte, ist absolut… lächerlich.

„Komm schon, mach dich nicht lächerlich“, sagt Leo einschmeichelnd und lehnt sich mit seinem rechten Oberarm gegen Adams linken Oberarm. Schiebt ihn ein Stückchen zur Seite, sodass nun Leo und nicht länger Adam direkt vor dem Tresor kniet.

„Wer macht sich hier lächerlich?“, brummt Adam, lässt Leo aber machen. Beziehungsweise nicht machen, denn ganz sicher wird Leo hier nichts machen mit diesem Tresor, was zu einem erfolgreicheren Ergebnis führen würde als das, was Adam bislang mit dem Tresor gemacht hat.

Wortlos beobachtet er Leo also dabei, wie der die vier bereits von Adam benutzten Dietriche vom Boden aufhebt, sie kurz betrachtet und sich dann für Nummer Zwei entscheidet.

„Den hatte ich schon“, kommentiert Adam. Er klingt ein bisschen beleidigt, das hört er selbst nur zu genau. Dämlicher Tresor aber auch.

„Kann schon sein“, gibt Leo zurück, ganz konzentriert plötzlich. Er beißt sich auf die Unterlippe, als er den Dietrich in das Schloss des Tresors schiebt und ihn vorsichtig und eindeutig wohlüberlegt im Schloss bewegt. Ganz ruhig ist er dabei. Ruhig und verdammt sexy.

„Was wird das hier?“, fragt Adam leise. Er muss sich regelrecht zwingen, seine Hand nicht nach Leo auszustrecken und ihn zu berühren. Überall. Wie kann dieser Kerl, dieser Leo, dieser absolute Top-Agent es wagen, so kompetent und sexy zu sein? So dermaßen kompetent und sexy, dass sich Adams Hose plötzlich mindestens eine Nummer zu eng anfühlt?

Adam weiß, er sollte längst wissen und verinnerlicht haben, dass Leo kompetent sein kann. Oft genug war er es ja schließlich schon, auch wenn Adam das immer wieder gerne heruntergespielt hat. Ebenso wie Leo selbst.

Ja, Adam sollte kein bisschen überrascht sein, und doch entfährt ihm ein ungläubiges Schnauben, als der Tresor nicht einmal eine halbe Minute, nachdem Leo mit seiner Arbeit begonnen hat, ein eindeutiges Klacken von sich gibt.

„Voilà“, murmelt Leo zufrieden und zieht die Tür auf.

„Französisch kannst du also auch noch“, sagt Adam fassungslos, starrt Leo an und rührt sich nicht von der Stelle. Er braucht einen Moment, um sich zu sammeln. Am liebsten würde er sich hier und jetzt sofort auf Leo stürzen, ihm die Kleider vom Leib reißen und –

Aber nein. Nicht hier, in diesem kleinen Büro hinter der Rezeption der kleinen Pension. Und nicht jetzt, wo sie doch eine Fähre erwischen müssen.

Leo brummt zufrieden. Er entnimmt dem Tresor die beiden Etuis mit ihren Waffen und reicht eins davon an Adam weiter. Sammelt die Dietriche ein und reicht sie ebenfalls an Adam zurück. Der nimmt alles ein wenig abwesend entgegen und starrt Leo weiter an.

„Los, die Fähre wartet nicht“, sagt Leo, als ob nichts gewesen wäre. Er richtet sich auf und hält Adam eine Hand hin. Der greift sie und lässt sich von Leo hochziehen.

Er hat keine Ahnung, was hier gerade passiert ist. Aber er wird es herausfinden. Auf der Fähre wird er genug Zeit dazu haben. Und anschließend sowieso.

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