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Adam betritt die Wohnung von Leo Hölzer, seines Zeichens Top-Agent der Bundesrepublik Deutschland und vor allem längst nicht mehr Adams verfeindeter Konkurrent, und kann es für einen Moment noch immer nicht ganz fassen. Dass er diese Wohnung betritt, mit einem Schlüssel! Dass er sich nicht heimlich, still und leise Zutritt verschaffen muss, so wie in früheren Zeiten, in denen sich umgekehrt auch Leo mehr als einmal heimlich, still und leise Zutritt zu Adams Wohnung verschafft hat. Also... nicht so wirklich heimlich. Sonst würde Adam das ja nicht wissen. Agent Leo Hölzer eben.
Diese Zeiten sind jedoch vorbei. Weshalb Adam jetzt, mit einer Brötchentüte im Arm, in Leos Flur steht, den Schlüssel zurück an das Schlüsselbrett hängt und sich die Schuhe von den Füßen tritt. Er hat die Wohnung vor rund zwanzig Minuten verlassen, und inzwischen riecht es hier wunderbar nach Kaffee.
„Ich bin zurück“, lässt er Leo wissen und betritt die Küche. Der Kaffee läuft gerade noch durch die Maschine. Von Leo keine Spur. Vermutlich schmollt er noch, denkt Adam. Weil Adam darauf bestanden hat, beim Bäcker frische Brötchen zu holen, während Leo der Meinung war, dass an diesem heutigen Feiertag niemand arbeiten und es dementsprechend auch keine frischen Brötchen geben sollte.
„Leo. Es ist nur der dritte Oktober“, sagte Adam, während er schon in eine von Leos Jogginghosen schlüpfte.
„Nur?“, empörte sich Leo und setzte sich im Bett auf. „NUR?!?!?!??!?!“
(Ja, Adam konnte die vielen Frage- und Ausrufezeichen genau hören. Genauestens, sozusagen. Er ist eben ein Top-Agent, und Top-Agenten hören jedes Satzzeichen.)
„Ja, ich weiß ja, dass das dein liebster Feiertag ist“, sagte Adam beschwichtigend, zog sich jedoch unbeirrt sein T-Shirt an. Er würde an diesem hochheiligen Feiertag frische Brötchen zum Frühstück genießen, da konnte Leo so empört sein, wie er wollte.
„Liebster Feiertag?“, empörte Leo sich weiter. „Es ist vor allem der wichtigste Feiertag. Der wichtigste Feiertag in der gesamten Bundesrepublik!“
„Ja, ich weiß ja, dass du die Bundesrepublik verdammt gerne magst.“ Adam war sich ziemlich sicher, dass er ein lautes, prustendes Lachen ohne sein jahrelanges Top-Agenten-Training niemals so gut hätte unterdrücken können, wie ihm das jetzt gerade gelang.
„Ja“, sagte Leo bockig, „das tue ich.“ Und damit stand er aus dem Bett auf, stapfte mit großen Schritten zum Kleiderschrank und kramte sein allerliebstes Lieblings-T-Shirt hervor. Es war weiß und bedruckt mit dem Schriftzug ‚I ❤️ Bundesrepublik‘ und Leo besaß es in, grob geschätzt, sechzehnfacher Ausfertigung. Eins für jedes Bundesland, sozusagen.
„Alles klar. Ich geh‘ mal los. Und du zieh’ dir was Ordentliches an, zur Feier des Feiertages.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, zwinkerte Adam seinem Freund und Co-Agenten zu und verließ das Schlafzimmer. Hinter sich konnte er Leo noch vor sich hin grummeln hören.
Und jetzt ist er also wieder zurück, mit den Brötchen, die Leo ganz sicher nicht anrühren wird, jedenfalls zunächst. Aber Adam wird sie ihm schon schmackhaft machen.
Er legt die Tüte auf den Küchentisch und geht durch den Flur ins Wohnzimmer. Macht zwei Schritte in den Raum hinein und bleibt wie angewurzelt stehen. Sieht sich um, von der Wand, vor der Leo steht, zum Sofa-Beistelltisch, zurück zur Wand und dann zu Leo, der nach wie vor sein Bundesrepublik-Fanboy-T-Shirt trägt, dazu aber auch noch seinen dunkelblauen Anzug angezogen hat.
„Jetzt ist es offiziell“, sagt Adam und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Was ist offiziell?“, fragt Leo. Mit verträumtem Blick und einem Glas Sekt in einer Hand betrachtet er weiter die gerahmte Deutschland-Landkarte, die hier schon immer an der Wand hängt und von der Adam ebenfalls schon immer der Meinung war, dass sie ein bisschen zu viel des Guten ist. Irgendwann, als er sich heimlich, still und leise Zutritt zu Leos Wohnung verschaffte, hatte er ernsthaft in Erwägung gezogen, das alberne Ding von der Wand zu nehmen und zu entsorgen. Irgendwo. In Österreich womöglich.
„Dass Sie einen Dachschaden haben, Agent Hölzer.“ Adam kommt näher und bleibt neben Leo stehen. Nicht ganz direkt neben ihm, denn zur Sicherheit bleibt er lieber ein wenig auf Abstand. Falls das ansteckend ist. Das, was Leo offensichtlich… befallen hat.
Leo wirft Adam einen kurzen Seitenblick zu, greift dann das zweite Sektglas, das noch auf dem Beistelltisch steht, und reicht es Adam. Der nimmt es zögerlich entgegen. Ehe er noch etwas sagen kann, wendet Leo sich wieder der Bundesrepublik zu und lässt Adam wissen: „Ich bin eben Patriot.“
„Okay, dann hast du eben einen patriotischen Dachschaden“, sagt Adam, nippt an seiner Sekt-Tulpe und verzieht angewidert das Gesicht. „Und den hier hast du aus alten DDR-Restbeständen organisiert, oder wie?“, fügt er hinzu. Wie sehr er sich doch gerade nach einer Dose Sprite sehnt.
„Den musste ich nicht organisieren“, erwidert Leo. Der Blick, den er Adam dabei zuwirft, könnte gönnerhafter kaum sein.
„Jetzt wird mir einiges klar“, sagt Adam mit einem Schnauben.
„Was denn?“
„Warum ich weder deinen Keller, noch deinen Dachboden betreten darf. Aber ist schon gut, ich will gar nicht wissen, was du da alles gehortet hast.“
Leo nimmt einen großen Schluck von seinem Sekt und Adam kann ihm förmlich ansehen, dass er die Plörre ebenso furchtbar findet wie Adam. Natürlich würde der patriotische Agent Hölzer das niemals zugeben. Denn Wiedervereinigung hin oder her, nicht alles in der DDR war schlecht. Auch das gehört zur patriotischen Wahrheit dazu, jedenfalls Leos Meinung nach. Und Adam kann ihm da nur schwer widersprechen. Für eine Tüte original Bärentatzen aus der Deutschen Demokratischen Republik würde er einen ebenso großen Mord begehen, wie für eine Tafel Schokolade ohne irgendwelche Sachen drin. Einen… Auftragsmord. Mehrere sogar. Doch daran will er heute nicht denken, heute, an diesem in der Tat so wichtigen Tag der Deutschen Einheit. Zwei verfeindete Deutschlands wurden vereint, und hier in Leos Wohnzimmer stehen zwei einst verfeindete Top-Agenten, die nun ebenfalls vereint sind. Und verliebt. Und überhaupt. Wenn das nicht verdammt poetisch ist.
Aber ja, statt Leo zu widersprechen, hört er ihm viel lieber dabei zu, wie er jetzt erklärt, nachdem er seinen Blick von der Deutschlandkarte losgerissen und sich Adam zugewandt hat: „Manches muss eben für die Nachwelt aufbewahrt werden.“
„Und warum saufen wir der Nachwelt dann gerade den Sekt weg?“
Statt zu antworten, verdreht Leo nur die Augen. Alles klar. Offenkundig gibt es dort, wo diese eine Flasche Sekt herkam, noch mehr von dem widerlich-klebrig-süßen Zeug. Sehr viel mehr. Viel zu viel, vermutlich.
Einen Augenblick lang bleibt es still vor der Bundesrepublik. Während Leo sie weiterhin andächtig betrachtet und sogar kurz eine Hand nach ihr ausstreckt, um das Saarland zu liebkosen (wobei Leos Zeigefinger sich auch kurz nach Rheinland-Pfalz verirrt, aber egal, heute geht’s ja schließlich um die Bundesrepublik in ihrer wiedervereinten Gesamtheit), sieht Adam sich erneut um, noch genauer jetzt.
Da hängt eine schwarz-rot-goldene Wimpel-Girlande im riesigen Wohnzimmerfenster. Nicht sehr subtil, speziell für einen Geheimagenten im Deutschland, denkt Adam, verkneift sich aber für den Moment einen entsprechenden Kommentar. Soll Leo sich ruhig noch ein bisschen seinen Wiedervereinigungsgefühlen hingeben. Das alberne Wimpel-Ding kann Adam auch später noch in einem unbeobachteten Moment aus dem Fenster entfernen und entsorgen. Womöglich ebenfalls in Österreich, bei nächster Gelegenheit. Oder in Rheinland-Pfalz. Oder in... Apolda. Da wird Leo das Teil niemals finden. Schließlich ist er bis heute der Meinung, das Städtchen in Thüringen heiße Apoldi. Leo kann schon ganz schön drollig sein.
Aber da wäre noch etwas zu entsorgen, stellt Adam fest, als sein Blick auf den Couchtisch fällt.
„Ist das dein Ernst, Leo?“
„Was denn?“, tut Leo, dem Adams Blick keineswegs entgangen ist, ganz unschuldig.
„Schnittchen? Ich hab‘ Brötchen geholt!“
„Und ich hab‘ dir dreimal gesagt, dass heute der dritte Oktober ist und Brötchen völlig überflüssig sind.“
„Schnittchen mit Gürkchen!“, fährt Adam fort. Ihm ist wohl bewusst, dass er kurz davor ist, die Fassung zu verlieren. „Und mit… Schnittchen-Spießen! Mit – “
Das ist alles zu viel. Adam bringt kein weiteres Wort über die Lippen, kann nur noch resigniert zu den deutschlandfahnenbeflaggten Cocktailspießchen gestikulieren, mit denen Leo die Gürkchen-Schnittchen verziert hat. Verhunzt. Ver…dammt nochmal.
„Du musst sie ja nicht essen“, sagt Leo mit plötzlich ganz einschmeichelnder Stimme. Okay, was kommt jetzt noch? Leo schmeichelt doch eindeutig nur so herum, weil jetzt noch was kommt.
Und ja, da kommt noch was.
„Aber singen. Singen musst du mit mir.“
Hätte Adam sich eins der Schnittchen in den Mund geschoben, er würde sich genau jetzt daran verschlucken. Aber irgendwie verschluckt er sich auch ohne Schnittchen. Er hustet und prustet und protestiert: „Ich singe ganz sicher nicht die Nationalhymne mit dir! Schon gar nicht vor dem Frühstück!“
„Schnittchen?“, fragt Leo und will schon nach der Schnittchen-Platte greifen, da hält Adam ihn gerade noch mit einem entschlossenen „Nein!“ zurück.
„Okay, okay, schon gut. Aber… wer hat denn was von der Nationalhymne gesagt?“, schmeichelt Leo mit einer Hand auf Adams linkem Unterarm weiter.
„Nicht?“, fragt Adam, ehrlich irritiert. Was denn sonst?
„Nein. Natürlich nicht.“
„Ich weiß zwar nicht, was daran natürlich sein soll, aber – “
„Happy Birthday.“
„Mein Geburtstag ist erst im – “
„Wir singen natürlich Happy Birthday.“
Auf den Schreck muss Adam erstmal sein Glas mit der widerlichen Sekt-Plörre austrinken. Und sich sofort nachschenken und auch das zweite Glas mit der widerlichen Sekt-Plörre austrinken. In einem Zug. Ex oder Armleuchter-Agent.
„Du bist echt ein Armleuchter“, sagt Adam. Er überlegt ernsthaft, sich noch ein drittes Glas einzuschenken, schreckt aber davor zurück. Er mag ja ein furchtloser Top-Agent sein, dem kein Auftrag zu aufregend und risikoreich sein kann. Aber mit einem Zuckerschock im Krankenhaus landen, das will er nun doch nicht. Schon gar nicht heute, an diesem Tag, an dem die Bundesrepublik Deutschland –
„Das ist kein Geburtstag“, fügt er noch hinzu. Damit dürfte die Sache ja wohl klar sein.
„Natürlich ist das ein Geburtstag“, behauptet Leo im Brustton der Überzeugung.
„Die Bundesrepublik gibt es bereits seit – “
„Aber nicht diese Bundesrepublik!“, beharrt Leo und macht mit beiden Armen eine einrahmende Geste zur Karte ebenjener Bundesrepublik mit ihren sechzehn Bundesländern.
„Ich werde auf keinen Fall mit dir – “
„Adaaammm… komm schon. Dann werde ich nachher auch auf jeden Fall mit dir…“
Statt den Satz zu beenden, scharwenzelt Leo sich ganz nah an Adam heran und reibt ihm mit dem Handrücken über seinen Schritt. Was für ein unverschämtes Ablenkungsmanöver von diesem unverschämten Top-Agenten.
Adam muss kurz die Augen schließen.
Dann muss er tief Luft holen.
Dann denkt er sich: Was tut man nicht alles für die Bundesrepublik… und ein bisschen Techtelmechtelei im Bett.
Wenig später steht er dicht neben Leo vor der gerahmten Deutschlandkarte und singt ‚Happy Birthday‘. (Happy Birthday, liebe Bundesrepublik, das darf doch echt nicht…!) Und ein oder zwei Schnittchen mit Gürkchen isst er anschließend vielleicht auch noch. Oder drei. Immerhin ist heute ja der dritte Oktober.
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