Work Text:
„Na schön, Thiel, keinen Wodka und keine Männergespräche. Womit kann ich Ihnen denn dann eine Freude machen, hm? Wollen Sie lieber ein Bier? Ich kann auch schweigen.“
Thiel schnaubte leise und musterte Boerne skeptisch von der Seite. Dass der es aber auch nie gut sein lassen konnte. Es war ja gar nicht so, dass Thiel nicht eigentlich liebend gern mit ihm zusammen das Wochenende eingeläutet hätte. Bei zwanzig gelösten Morden hatten sie ja nun wirklich Grund zu feiern, da konnte man auch schon mal drauf anstoßen. Aber nicht so. Nicht, wenn Thiel einfach nur Boernes zweite Wahl war, weil Frau Haller ihm eine Abfuhr verpasst hatte. Wenn er ihn nur als Ersatz brauchte, weil die Frau, mit der er seine Zeit lieber verbracht hätte, Besseres zu tun hatte. Das musste er sich wirklich nicht antun. Sie hatten das Präsidium inzwischen verlassen und Thiel kramte in seiner Jackentasche nach dem Fahrradschlüssel.
„Also?“, fragte Boerne und sah ihn erwartungsvoll an.
„Ich hab das ernst gemeint, dass ich noch was zu erledigen hab.“
„Was kann denn jetzt bitte so wichtig sein, dass es nicht noch bis morgen warten kann?“
„Mein Vater braucht ein neues Waschbecken“, sagte Thiel und erwartete nicht, dass Boerne verstand, warum er sich da heute noch drum kümmern musste, oder warum er das selbst tun wollte und es nicht einfach irgendwelchen Handwerkern überließ. Der hatte schließlich keine Eltern mehr, denen er beim Altwerden zugucken musste. Aber Boerne hinterfragte ihn nicht. Er besah sich lediglich stirnrunzelnd Thiels Fahrrad.
„Und das Waschbecken wollen Sie sich auf den Gepäckträger klemmen?“
Ah. So weit hatte Thiel gar nicht gedacht. Wahrscheinlich könnte er einfach Vadderns Taxi nehmen, aber er kam nicht mal dazu, diesen Gedanken laut auszusprechen, weil Boerne ihn schon am Ärmel hinter sich her zog.
„Kommen Sie, Thiel, wir fahren zum Baumarkt.“
Zuerst wollte Thiel noch widersprechen, wollte nicht, dass Boerne ihn aus Mitleid durch die Gegend kutschierte, oder weil er glaubte, dass er nach seiner Kopfverletzung bei jeder kleinen Anstrengung beaufsichtigt werden musste. Aber dann ließ er sich doch auf den Beifahrersitz plumpsen, als Boerne ihm die Tür zu seinem Wagen aufhielt. Weil er müde war und er diese ganze Aktion so schneller über die Bühne würde bringen können. Und weil irgendwas in ihm sagte, dass Boerne vielleicht, ganz vielleicht, ja doch einfach Zeit mit ihm verbringen wollte.
Als sie im Baumarkt dann vor dem Regal mit dem Sanitärzubehör standen, bereute Thiel diese Entscheidung allerdings schon wieder. Denn mit Boerne im Schlepptau konnte man so gut wie gar nichts schnell über die Bühne bringen. Aber er war auch selbst schuld. Hätte er angesichts dieser riesigen Auswahl Waschbecken in allen erdenklichen Formen und Größen – aber eben nicht Farben – mal lieber den Mund gehalten und nicht gesagt:
„Also Vadderns altes war ja grün.“
Denn während er schon längst die weißen Modelle, die in Frage kamen, inspizierte, hatte Boerne doch tatsächlich irgendwo einen Verkäufer aufgetan und diskutierte jetzt mit dem darüber, warum sie sich hier nicht stapelweise bunte Waschbecken ins Regal legten. Möglichst unbeteiligt machte Thiel noch ein paar Schritte weg von den beiden. Vielleicht würde so niemand auf die Idee kommen, dass er mit dieser Nervensäge unterwegs war. Und vielleicht würde Boerne es so auch nicht mitbekommen, wenn er jetzt seine Brille herausholte, um die Angaben auf dem Karton und an den Regalen lesen zu können. Warum musste sowas aber auch immer so winzig geschrieben sein!? Aber natürlich hatte er sich zu früh gefreut.
„Seit wann haben Sie denn eine Brille?“ Wie aus dem Nichts stand Boerne plötzlich wieder neben ihm. Thiel fuhr zu ihm herum und hielt ihm drohend den erhobenen Zeigefinger unter die Nase.
„Keine dummen Sprüche, Boerne, da hab ich jetzt echt keinen Nerv mehr für!“
Boerne wich einen kleinen Schritt zurück.
„Nein, ich-“ Er räusperte sich. „Steht Ihnen, das Modell.“
Thiel sah ihn einen Augenblick perplex an. Damit hatte er jetzt nicht gerechnet.
„Prima“, nickte er schließlich. „Können Sie dann schon mal einen Siphon und zwei Eckventile auf den Wagen packen, während ich eine Armatur aussuche?“
„Aber selbstverständlich.“ Boerne rieb sich die Hände und wandte sich äußerst enthusiastisch dem Regal zu. Thiel lachte leise auf, dann ließ er ihn stehen. Er hatte sich gerade den Karton mit dem neuen Wasserhahn unter den Arm geklemmt, als er Boerne nach ihm rufen hörte. „Thiel? Was ist ein Eckventil?“ Alles andere hätte ihn auch gewundert. Immerhin einen Siphon hielt Boerne schon in der Hand, als Thiel wieder zu ihm trat. Zielsicher nahm er die Ventile und die passenden Schläuche aus dem Regal.
„Das hier“, sagte er. „Damit das Wasser aus den Rohren in der Wand auch zum Waschbecken kommt.“
„Ah“, machte Boerne nur und sah nicht danach aus, als wäre er jetzt schlauer. Grinsend wandte Thiel sich ab und betrachtete ihre Ausbeute auf dem Einkaufswagen.
„Ich glaube, wir können los“, stellte er dann fest. „Hanf zum Abdichten hab ich noch vom Spülkasten da.“
Boerne trat neben ihn und stieß ihn sachte mit dem Ellenbogen an.
„Den baut Ihr Herr Vater wohl selbst an, was?“ Boerne sah so stolz aus, dass Thiel gar nicht anders konnte, als auch über diesen blöden Witz zu lachen. Und irgendwie fühlte er sich danach ein bisschen leichter.
Als sie sich schließlich vollbeladen ihren Weg durch Vadderns Garten bahnten – wahrscheinlich sollte Thiel hier bald mal wieder beim Unkrautjäten und Heckeschneiden helfen –, schallte ihnen aus der Laube nicht nur laute Musik, sondern auch Stimmen entgegen. Auf Boernes fragenden Blick zuckte Thiel nur ebenso ratlos mit den Schultern.
„Vaddern?“ Thiel stieß die Tür auf und wurde sofort in eine Wolke aus Rauch gehüllt, der definitiv nicht nur von normalen Zigaretten stammte. Er seufzte und bemühte sich, nicht allzu tief einzuatmen. „Vaddern?“
„Frank? Was machst du denn hier? Ach, und der Herr Professor. Wollt ihr auch ein Bier?“
„Eigentlich wollte ich dein neues Waschbecken anbringen.“
„Ah, das ist gerade ein bisschen schlecht. Ich hab ein paar Leute von früher zusammengetrommelt. Wir machen eine kleine Abschiedsfeier für den Horst.“
Thiel folgte der ausladenden Geste seines Vaters mit dem Blick und sah sich damit jetzt zum ersten Mal richtig in der Laube um. Und tatsächlich waren fast alle Sitzgelegenheiten besetzt, überall standen Flaschen und Aschenbecher rum und jemand klimperte etwas auf einer Gitarre, das so gar nicht zu der Musik aus dem Plattenspieler passen wollte. Mitten in all dem Chaos auf dem Sofa thronte Frau Klemm und winkte ihm, Zigarette in der Hand, grinsend zu. Thiel sollte sich wirklich längst nicht mehr darüber wundern, dass sie sich so wunderbar in dieses Bild einfügte. Und kannte er die rothaarige Frau neben ihr nicht auch irgendwoher? Irgendwas klingelte da bei ihm und er hatte das dumpfe Gefühl, dass es mit diesem komischen Fall mit den Künstlern vor ein paar Jahren zu tun hatte. Aber er wollte lieber nicht zu genau darüber nachdenken, was das jetzt schon wieder zu bedeuten hatte. Stattdessen wandte er sich kopfschüttelnd wieder an seinen Vater.
„Dann komm ich einfach morgen wieder, oder?“
Doch zu seiner Überraschung winkte Herbert ab.
„Ach, Junge, brauchste nicht. Die Wilhelmine macht mir das bestimmt gleich. Die kennt sich aus mit sowas. Und zum Anpacken haben wir auch genug Leute.“
„Die Wilhel- Wie bitte?“ Thiel war sich sicher, dass er sich verhört haben musste. Wenn er allerdings dem undefinierbaren Grunzen Glauben schenken konnte, das Boerne neben ihm ausstieß, hatte der wohl dasselbe gehört. Und tatsächlich meldete sich die Staatsanwältin jetzt zu Wort.
„Aber sicher, Thielchen. Selbst ist die Frau. Oder glauben Sie etwa, wir haben uns damals fröhlich die Handwerker in unser besetztes Haus bestellt?“
Thiel wusste gerade gar nicht so richtig, was er glauben sollte. Also tauschte er nur einen Blick mit Boerne, der nicht weniger zwischen Fassungslosigkeit und Amüsement zu schwanken schien.
„Dann lassen wir Ihnen das hier mal da“, sagte Boerne, nahm Thiel die Kartons aus den Armen und stellte sie kurzerhand an Ort und Stelle auf den Boden. „Und wünschen Ihnen noch einen schönen Tag.“
„Danke, danke“, sagte Herbert und komplimentierte sie schon wieder nach draußen. „Den solltet ihr euch übrigens auch machen. Hab schon gehört, was ihr da geleistet habt.“ Er klopfte Thiel auf die Schulter und machte ihm im nächsten Moment die Tür vor der Nase zu.
„Ich hab mir das gerade nicht eingebildet, oder, Boerne?“
„Was denn? Dass ihr Herr Vater eine rauschende – oder sollte ich sagen: berauschende Party – schmeißt oder dass unsere Frau Staatsanwalt jetzt auch in Sanitär macht?“ Boerne lachte ungläubig auf. „Ich fürchte nicht.“
„Na denn. Fahren wir nach Hause?“
„Mhm.“ Nebeneinanderher schlenderten sie zurück Richtung Auto, aber Boerne zog sein Handy aus der Jackentasche und tippte eifrig darauf herum. Thiel musste ihn sogar am Ärmel zur Seite ziehen, weil er sonst glatt über so einen blöden Elektroroller gestolpert wäre, die neuerdings überall auf den Gehwegen rumstanden.
„Was machen Sie denn da eigentlich?“, fragte Thiel schließlich, während er schon an der Beifahrertür ruckelte, die Boerne aber noch nicht für ihn geöffnet hatte. Boerne tippte und wischte noch einen Augenblick, dann sah er Thiel an und der wusste sofort, dass der andere irgendwas ausheckte.
„Lassen Sie uns ans Meer fahren, Thiel.“
„Wie bitte?“ Das würde heute noch zu seiner Standardfrage werden.
„Ja, nach Scheveningen. Das sah doch so nett aus auf dieser Postkarte und so könnten Sie den Kollegen vor Ort direkt den gelösten Fall präsentieren.“
„Sie ham Se doch nicht mehr alle, Boerne.“ Thiel zeigte ihm einen Vogel. „Die sind doch längst informiert worden. Da muss keiner extra hinfahren.“
„Och, Thiel.“ Boerne zog eine Schnute und hob resigniert die freie Hand. Dann ballte er sie plötzlich zur Faust und fuchtelte nur noch mit dem Zeigefinger in Thiels Richtung. Anscheinend hatte er einen neuen Einfall. „Sie haben doch selbst gesagt, dass Sie eine Pause brauchen. So ein kleiner Kurzurlaub ist da doch genau das richtige.“
„Ich dachte eigentlich mehr daran, mein Handy auszuschalten und mich ins Bett zu legen.“
„Als Ihr Arzt kann ich das nicht gutheißen. Mit so einer Kopfverletzung ist nicht zu spaßen und ein bisschen Bewegung und frische Luft-“
„Sie sind ja gar nicht mein Arzt“, unterbrach Thiel ihn, doch Boerne zeigte sich wenig beeindruckt von diesem Einwand.
„Ich habe Ihre Wunde genäht, natürlich bin ich Ihr Arzt“, sagte er im Brustton der Überzeugung. Thiel musste sich anstrengen, sich sein Grinsen zu verkneifen. Er spürte seinen Widerstand schwinden.
„Ne-hein“, sagte er trotzdem.
„Na schön“, seufzte Boerne, „wenn Sie schon nicht auf mich hören wollen, dann wenigstens auf Ihren Vater. Der hat auch gesagt, wir sollen uns einen schönen Tag machen. Ich müsste nur noch hier klicken, um uns ein Hotel zu buchen. Sonntagabend wären wir wieder zurück.“ Boerne streckte sein Handy in Thiels Richtung, aber der konnte ohne seine Brille nicht viel erkennen. „Drei Stunden Fahrt, Thiel. Zum Abendessen könnten wir schon an der Nordsee sein.“
Ob Thiel wollte oder nicht, das klang ziemlich verlockend. Er war schon lange nicht mehr am Meer gewesen. Und wenn hier die Sonne schon so schön schien, wie musste es dann erst sein, wenn auch noch das Rauschen des Wassers und des Windes und das Kreischen der Möwen dazu kamen? Thiel schnaubte leise.
„Na gut, Boerne, tun Sie, was Sie nicht lassen können. Aber kein dummes Geschwätz während der Fahrt!“
Zu Thiels Überraschung hielt Boerne sich einigermaßen an diese Bedingung. Mal abgesehen von ein paar guten Ratschlägen auf dem Heimweg, was er auf jeden Fall einpacken sollte für so ein Wochenende am Meer – als ob Thiel das nicht viel besser wusste als Boerne, wo der es doch eigentlich lieber alpin mochte –, hielt er sich tatsächlich zurück, als sie endlich richtig unterwegs waren. Er überließ Thiel sogar die Musikauswahl und als der schließlich einen Radiosender gefunden hatte, der hauptsächlich Rockmusik und Oldies spielte, runzelte Boerne zwar die Stirn, kommentierte das aber nicht weiter. Zufrieden lehnte Thiel sich in seinem Sitz zurück, ließ sich einlullen von der vorbeirasenden Landschaft, den Gitarrenklängen aus dem Radio und dem Surren des Motors, das all das wunderbar monoton untermalte. Er schreckte erst wieder hoch, als er ein Geräusch hörte, das so gar nicht in diese Kulisse passte. Wenn er sich nicht sehr täuschte, und wenn er Boernes Schmunzeln richtig deutete, war das wohl sein eigenes Schnarchen gewesen. Thiel rieb sich die Augen und stellte dann fest, dass sie schon längst die Niederlande erreicht hatten.
„Na, ausgeschlafen?“, erkundigte Boerne sich und klang genauso amüsiert, wie er aussah.
„Mhm“, brummte Thiel. „Fürs erste. Können wir an dem Rastplatz dahinten kurz halten? Ich muss mal aufs Klo.“
Kein blöder Kommentar, nur ein Nicken und Boerne ordnete sich rechts ein, um die nächste Ausfahrt nehmen zu können.
„Ich vertrete mir so lange ein bisschen die Beine“, sagte Boerne und stieg mit aus. Als Thiel allerdings von den Toiletten zurückkam, lief Boerne schon nicht mehr umher, sondern lehnte auf der Fahrerseite an seinem Auto. Er hatte die Augen geschlossen und das Gesicht der Sonne entgegen gereckt und aus dem heruntergelassenen Fenster schallte irgendeine Arie, der er andächtig zu lauschen schien. Einen Moment lang sah Thiel ihn einfach nur an und dann dachte er sich, dass er auch gut damit würde leben können, wenn sie für den Rest der Fahrt einfach Boernes geliebte Opern hörten. Boerne schlug die Augen auf, als er Thiels Schritte hörte, ihre Blicke trafen sich, er lächelte ihn an. Dann stieg Boerne ein und schaltete wieder zurück zum Radio. Thiel seufzte. Er war echt sowas von verloren.
Eine knappe Stunde später schlängelten sie sich in Den Haag durch den Feierabendverkehr, passierten Grachten und Wälder, bis sie schließlich Scheveningen erreichten. Boerne hatte ein Hotel direkt in Strandnähe aufgetan, von dem aus man nicht nur eine fantastische Aussicht aufs Wasser hatte, sondern das auch direkt an einen großen Park grenzte. Angesichts des einzelnen Doppelbettes in dem einzelnen Zimmer, das Boerne für sie gebucht hatte, keimte in Thiel zwar erst mal der Impuls auf, sich zu beschweren, aber Boerne druckste so herrlich herum, dass er ihn gleich wieder vergaß.
„Sie müssen das verstehen, Thiel, so kurzfristig und in dieser außerordentlich guten Lage, und wir befinden uns ja bereits geradezu in der Hochsaison, da kann man sich nicht immer aussuchen-“
„Lassen Sie’s gut sein, Boerne“, winkte Thiel lachend ab. „Wir kriegen uns hier schon arrangiert.“ War ja nicht das erste Mal.
Bevor sie sich darum kümmern mussten, war es aber sowieso erst mal Zeit fürs Abendessen. Thiel hatte Hunger. Ihm hätte ja an sich auch dieser kleine Fischimbiss im Hafen gereicht, bei dem die Auslage so gut aussah. Aber Boerne bestand auf einem richtigen Restaurant. Und als sie dort so auf der Terrasse saßen und mit Blick auf die Nordsee fröhlich vor sich hin mampften, da gab es für Thiel keinen Ort, an dem er gerade lieber wäre. Oder mit wem. Er wusste zwar nicht, ob es Boerne genauso ging, aber zumindest war auch der äußerst gut gelaunt, und es war einfach schön, mal woanders zu sein, wo sie nicht damit rechnen mussten, dass ihre gemeinsame Zeit gleich schon wieder von einem Anruf und einer neuen Leiche unterbrochen wurde.
„Verdauungsspaziergang?“, schlug Boerne nach dem Essen vor und Thiel nickte. Sie schlenderten Richtung Pier und Thiel versuchte nicht daran zu denken, dass Heidi Veith diesen niederländischen Waffenhändler von dieser Brücke aus ins Meer geschubst hatte, sondern sich lieber an dem Anblick der langsam, aber sicher tiefer wandernden Sonne und des glitzernden Wassers zu erfreuen. „Wollen wir eine Runde Riesenrad fahren?“
Thiel lachte, aber Boerne schien die Frage durchaus ernst gemeint zu haben.
„Heute nicht mehr.“
Boerne nickte. Auf den Pier liefen sie trotzdem und der langen Reihe an Flipperautomaten, die sie dort im Gebäude fanden, konnte Thiel dann doch nicht widerstehen.
„Schraderchen wird grün vor Neid, wenn ich ihm das erzähle“, sagte er, als er einen Flipper im Star Trek-Design gefunden hatte, und einen Euro einwarf.
„Vielleicht finden wir für Alberich ja auch noch einen mit Superhelden.“ Boerne zückte sein Handy. „Lächeln Sie mal, Thiel. Ich mache ein Foto von Ihnen.“
Das lenkte Thiel so sehr ab, dass er gleich seine erste Kugel versenkte.
„Früher war ich mal richtig gut darin“, beschwerte er sich.
„Ich bin sicher, das verlernt man nicht. Probieren Sie’s nochmal.“
„Sie aber auch, Boerne.“ Thiel ruckte mit dem Kopf zu dem angrenzenden Automaten und kam schnell gar nicht mehr aus dem Grinsen raus, weil Boerne natürlich sofort vom Ehrgeiz gepackt wurde. Sie spielten, bis keiner von beiden auch nur noch eine Münze in Hosentasche oder Portemonnaie finden konnte, und Thiel hatte lange nicht mehr so viel gelacht.
„Bleiben wir noch ein bisschen am Wasser?“, fragte er, als sie den Pier, jeglichen Kleingelds beraubt, schließlich wieder verließen.
„Sicher. Suchen Sie uns ein Plätzchen am Strand und ich besorge uns was zu trinken.“
Also folgte Thiel dem Holzsteg, der auf den Strand führte, trat sich an dessen Ende die Schuhe von den Füßen und stopfte seine Socken direkt mit hinein. Barfuß stapfte er noch einige Meter durch den Sand, blieb irgendwann stehen und sah aufs Meer, während er auf Boerne wartete. Der kam ein paar Minuten später mit einem Cocktail in jeder Hand und ebenfalls barfuß dazu.
„Cuba Libre oder Moscow Mule?“
„Wenn Sie mich so fragen, lieber…“ Eigentlich mochte er Wodka ja lieber als Rum, aber… „Cuba Libre. Da sind die Temperaturen angenehmer.“ Das war als Grund so gut wie jeder andere und Boerne reichte ihm lächelnd das Glas. Etwas schwerfällig ließen sie sich nebeneinander im Sand nieder. Sie waren beide auch schon mal jünger und fitter gewesen. „Wohlsein.“
„Zum Wohl.“
Eine Weile saßen sie schweigend da und tranken. Die Sonne würde bald untergehen.
„Wollen Sie mal probieren?“, fragte Boerne und hielt ihm seinen Becher hin. Thiel schüttelte den Kopf.
„Nee, danke. Ich- Seit…“ Er verstummte, aber Boerne sah ihn fragend an. Und wieso sollte Thiel es ihm eigentlich nicht erzählen? „Das mag albern klingen, aber seit… seit Nadeshda nicht mehr da ist, hab ich keinen Wodka mehr getrunken. Den gab’s doch immer bei ihren Eltern in der Kneipe.“
Boerne lachte ihn nicht aus. Stattdessen lehnte er sich einen Augenblick lang schwer mit seiner Schulter gegen Thiels.
„Haben Sie in den letzten Tagen auch so oft an sie denken müssen?“, fragte er und Thiel nickte.
„Wie auch nicht bei diesem ganzen Gerede über Russland.“ Er wischte sich rasch über die Augen, bevor sie richtig feucht werden konnten. „Sie fehlt mir einfach so sehr, Boerne.“
„Ich weiß. Ich vermisse sie auch.“
Nadeshdas und Boernes Umgang miteinander war zwar nie so richtig freundlich gewesen, aber Thiel glaubte ihm das aufs Wort. Freundlichkeit war schließlich eher selten Boernes Mittel der Wahl, um anderen Leuten seine Zuneigung zu zeigen.
„Haben Sie deswegen wieder angefangen, Russisch zu lernen?“ Vor ein paar Jahren hatte Boerne schließlich gerade mal die Texte aus irgendwelchen russischen Opern aufsagen können, aber heute Mittag im Büro hatte das für seine Ohren schon gar nicht mehr so auswendig gelernt geklungen.
„Hm“, sagte Boerne und klang selbst ein wenig überrascht. „Möglicherweise hat das tatsächlich eine Rolle gespielt. Seltsam.“
„Ich finde das gar nicht so seltsam.“ Thiel trank den letzten Rest seines Cocktails und schob sein leeres Glas ein Stückchen in den Sand, bis es einen halbwegs sicheren Stand hatte. Er selbst mochte ja Wodka meiden und auch einen Umweg fahren, wenn er eigentlich am Kalinka vorbeikommen würde, aber in seiner Schreibtischschublade im Büro hatte er noch ein ganzes Sammelsurium an kleinen Notizzetteln, die Nadeshda ihm irgendwann mal geschrieben hatte, und als er im letzten Advent mit seinem Vater Plätzchen gebacken hatte, hatten sie ihr Rezept ohne Mehl genommen. „Irgendwas muss man ja machen, sonst wird man doch wahnsinnig.“ Darauf nickte Boerne nur und erneut trat Schweigen ein. Thiel steckte seine Finger in den immer noch warmen Sand zwischen sich und Boerne, nahm eine Handvoll davon hoch und ließ die Körnchen wieder zu Boden rieseln. „Eigentlich wollte ich die Stimmung gar nicht so kaputt machen“, murmelte er schließlich. „Es war doch eigentlich so schön.“
„Das ist es immer noch, Thiel. Nur auf eine andere Art.“
Thiel schielte zu Boerne hinüber und der lächelte ihn an, irgendwo zwischen traurig und aufmunternd.
„Ja, das ist es“, nickte Thiel. „Es ist so verdammt ungerecht, dass ausgerechnet Nadeshda von uns allen als erste gehen musste, aber ich bin trotzdem froh, dass wir zwei jetzt hier sitzen können.“
Thiels Blick hing immer noch an Boernes Lächeln und seinen Augen, deswegen sah er nicht, wie Boerne zwischen ihnen nach seiner Hand griff, er spürte es nur. Aber er sah Boernes Stirnrunzeln, weil seine Hand so sandig war, und sein Schulterzucken, weil es ihn nicht weiter störte. Und er sah Boerne kurz die Augen schließen, als Thiel ihre Finger miteinander verschränkte.
„Wussten Sie eigentlich, dass Nadeshda Hoffnung bedeutet?“, fragte Boerne.
„Echt?“
„M-hm.“
Sie lächelten sich ein letztes Mal an, dann sahen sie wieder aufs Meer. Und Thiel dachte, dass er durchaus Hoffnung haben könnte. Mit Boerne an seiner Seite. Hand in Hand.
